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Heiß wie die Nächte Granadas

1. KAPITEL

Ungeduldig trommelte Nick Menendez auf das Lenkrad des Jeeps, den er am Flughafen abgeholt hatte. Um neun Uhr hatte er auf Lanzarote sein wollen. Und obwohl er mit seinem Privatjet gekommen war, hatte es viel zu lange gedauert – aufgrund des regen Luftverkehrs konnte ihm keine Landeerlaubnis erteilt werden. Das würde noch ein Nachspiel haben.

Nick Menendez war gewohnt, zu bekommen, was er wollte und wann er es wollte.

Er hätte es sich eigentlich denken können. Alles, was mit Liza Summers zusammenhing, dieser blonden Sirene mit den blauen Augen, war zum Scheitern verurteilt, auf die eine oder andere Art.

Er lächelte schief. Wenn er ehrlich war, konnte Liza eigentlich nichts dafür. Vor Jahren waren sie Freunde gewesen, Nick hatte sie überrascht, wie sie einen jungen Mann küsste – und hatte völlig überreagiert. Rückblickend konnte er zugeben, dass er höllisch eifersüchtig gewesen war. Allerdings war er damals mit einer anderen Frau verlobt gewesen, also hatte er gar nicht das Recht gehabt, irgendetwas zu sagen.

Und dann, gestern Abend, als er in seiner Villa in Malaga den Bericht las, den seine Sicherheitsfirma ihm zugeschickt hatte, war ihm sofort ihr Name auf den Seiten direkt ins Auge gesprungen.

Carl Dalk, ein Freund aus Studientagen, dessen Familie eine Diamantmine in Südafrika besaß, hatte ihn kontaktiert und um Hilfe gebeten. Nick hatte sofort zugesagt, er verdankte Carl sein Leben. Als Studenten waren sie zusammen Wildwasserkanu gefahren. Nick war aus dem Kanu gestürzt, hatte sich den Kopf angeschlagen und das Bewusstsein verloren, und Carl hatte ihn aus dem Wasser gezogen. Auch wenn sie sich nicht häufig sahen, so waren sie immer gute Freunde geblieben.

Nach dem Studium war Nick sofort in den Familienbetrieb eingestiegen, eine relativ kleine Handelsbank, die jedoch zu den angesehensten in ganz Spanien gehörte. Über die Jahre hatte Nick das Familienunternehmen zu dem heutigen internationalen Konzern ausgebaut. Carl war übrigens einer der wenigen Menschen, die wussten, dass zu der Unternehmensgruppe auch eine diskrete Sicherheitsagentur gehörte, die bei vielen heiklen Einsätzen mitwirkte und oft für die spanische Regierung arbeitete.

Carl hatte sich an Nicks Agentur gewandt, weil innerhalb des letzten Jahres zweimal Diamanten aus der Mine gestohlen worden waren. Die Diebe hatten einen äußerst cleveren Plan ausgeklügelt: Sie boten die gestohlenen Diamanten für die Hälfte des Wertes Carls Versicherung zum Rückkauf an. Anstatt Carl den vollen Wert erstatten zu müssen, hatte die Versicherung sich, nach Rücksprache mit den Polizeibehörden, auf den Deal eingelassen. Was sie allerdings nicht davon abgehalten hatte, die Prämien zu erhöhen. Und das Schlimmste von allem – die Diebe hatten bisher nicht dingfest gemacht werden können.

Carls Geschäft steckte in finanziellen Schwierigkeiten. Diamanten aus Russland und künstlich hergestellte Steine überschwemmten den Markt, der Wert fiel immer mehr. Carl musste mitansehen, wie das Familienvermögen unaufhaltsam schrumpfte, und hatte ernste Liquiditätsprobleme. Und jetzt kam auch noch ein weiterer Diebstahl hinzu …

Also hatte Nick seinem Freund finanziell unter die Arme gegriffen und sofort seine Agentur auf den Fall angesetzt. Er war zuversichtlich, dass seine Leute in Zusammenarbeit mit den spanischen Behörden die Diebe sehr bald stellen würden. Und dann hatte er in dem Bericht gestern Abend ihren Namen gelesen. Liza Summers, Tochter der besten Freundin seiner Mutter.

Nick hatte seiner Mutter versprochen, das Wochenende auf dem Festland zu verbringen. Sein Onkel Thomas feierte goldene Hochzeit, mehrere Feierlichkeiten waren arrangiert worden, für die Nick seine Teilnahme zugesichert hatte. Jetzt allerdings musste dieser Plan ein wenig geändert werden, Nick hatte den Flug nach Lanzarote eingeschoben. Wenn jemand Liza Summers zu den Vorfällen befragte, dann er. Sechs Jahre war es her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, aber wie sehr sie sich auch verändert haben mochte, er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie etwas mit den Diebstählen zu tun haben sollte, wie in dem Bericht angedeutet.

Inzwischen war es fast elf, und er stand hier im Stau an der Zugbrücke in Arrecife, während eine Gruppe Touristen, offensichtlich mit der Fähre angekommen, die Straße überquerte. Normalerweise kam er gerne nach Lanzarote, der Isla de los Volcanos mit ihren über hundertunddreißig Vulkanen und der surrealistischen Landschaft aus erkalteter Lava. Er selbst besaß eine Villa hier, am Rande des Timanfaya-Nationalparks, wie auch der spanische König und einige illustre arabische Scheichs. Hier konnte er sich, fernab von der Öffentlichkeit, entspannen und tun und lassen, was er wollte.

Heute allerdings nicht, dachte er grimmig und starrte mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Er ließ den Blick über die Szenerie mit dem Straßencafé, dem kleinen Kiosk und dem Taxistand wandern, und plötzlich stutzte er. Seine dunklen Augen blitzten auf, als er die Frau allein an einem der Tische sitzen sah.

Das lange blonde Haar von einem Seidenschal zurückgehalten, hatte sie ein fein geschnittenes Profil und einen schlanken Hals. Sie trug ein kurzes blaues Top, das sich eng um verlockende feste Rundungen schmiegte. Die langen Beine steckten in weißen Sommerhosen, die Frau hatte sie unter dem Tisch ausgestreckt, die Füße lässig über Kreuz geschlagen.

Nick verspannte sich unwillkürlich. Sieh an, seine Informationen waren also korrekt.

Carl und die südafrikanische Polizei hatten die Spur der Diamantendiebe bis nach Lanzarote verfolgen können. Die afrikanischen Diebe hätte man stellen können, doch Carl lag daran, den europäischen Kopf der Bande zu finden, um dem Ganzen ein für alle Mal Einhalt zu gebieten.

In dem Bericht war die Rede von einem gewissen Henry Brown gewesen, Direktor von „Stubbs and Company“ in London, einer angesehenen Investmentbank. Man hatte ihn beschattet und herausgefunden, dass er gestern mit seiner persönlichen Assistentin nach Lanzarote geflogen war.

Nick konnte immer noch nicht so recht fassen, dass diese persönliche Assistentin niemand anders als Liza Summers war, das Mädchen, das er seit seinem achten Lebensjahr kannte, und die Frau, die jetzt in dem Café dort saß, als hätte sie nicht eine einzige Sorge auf der Welt.

Nun, das würde sich bald ändern, auch wenn sie es noch nicht ahnte.

Carl Dalk hatte den Bericht natürlich ebenfalls erhalten. Gestern hatte er bei Nick angerufen, voller Tatendrang, die Bande also nun zu stellen. Das einzige fehlende Glied war jetzt nur noch der Mittelsmann auf Lanzarote. Noch immer schockiert darüber, auf Lizas Namen gestoßen zu sein, hatte Nick hektische Überzeugungsarbeit geleistet, um Carl davon abzubringen, sofort zuzuschlagen. Er selbst würde sich einschalten, so hatte er seinem Freund versichert, und seine Verbindungen zur Inselpolizei nutzen, und schließlich müsse er so oder so geschäftlich auf die Insel.

Ein Gewissenskonflikt, auf den Nick lieber verzichtet hätte. Carl gehörte seine hundertprozentige Loyalität, aber er wollte einfach nicht glauben, dass Liza etwas mit den Diebstählen zu tun hatte. Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass es so war, würde er versuchen, sie irgendwie aus dem Presserummel herauszuhalten. Das schuldete er der Familienfreundschaft und dem entzückenden Kind, das Liza einmal war.

Während er zu ihr hinsah, nahm sie die Sonnenbrille ab und wandte das Gesicht in seine Richtung. Nein, nicht in seine, sondern zur Zugbrücke, wie ihm klar wurde. Der Griff seiner Finger um das Lenkrad wurde fester, als er ein vertrautes Ziehen in der Lendengegend spürte. Kein Zweifel, das dort war Liza Summers.

Die prompte Reaktion seines Körpers überraschte ihn. Seit Langem hatte er nicht mehr so unvermittelt auf eine Frau angesprochen, viel eher war er für seine kühle Distanziertheit berüchtigt. Diese unwillkürliche Reaktion seines Körpers ärgerte ihn, doch Liza so schnell zu finden war immerhin das erste Quäntchen Glück, das er heute für sich verbuchen konnte. So ein Zufall wirkte wesentlich besser, als wenn er sie in ihrem Hotel angerufen hätte. Sechs Jahre lang hatte er sie nicht gesehen, und wenn überhaupt möglich, war sie noch schöner geworden. Vom Äußeren her, schränkte er zynisch ein, als er wieder an die Aufgabe dachte, die vor ihm lag.

Nick parkte den Jeep am Straßenrand und sprang aus dem Wagen.

„Liza? Liza Summers …?“

Klappernd setzte Liza ihre Kaffeetasse zurück auf den Unterteller. Die lässige tiefe Stimme brachte ihre Hand zum Zittern. Oh nein! Innerlich stöhnte sie auf. Das durfte einfach nicht wahr sein! Diese Stimme hatte sie zuletzt als Teenager gehört. Und jetzt, auf dieser kleinen Insel im Atlantik, erschien sie ihr wie ein Geist aus der Vergangenheit.

„Ich dachte mir doch, dass du es bist.“

Ein großer dunkler Schatten fiel auf sie, als die Gestalt vor die Sonne trat. Mehr als muskulöse Oberschenkel in blauem Jeansstoff konnte Liza nicht sehen. Sie schluckte und hob den Blick, zuerst auf die schmalen Hüften, dann auf den kräftigen Brustkorb, hinauf zu den breiten Schultern, betont von dem schwarzen T-Shirt. Das Gesicht des Mannes lag dunkel im Schatten, doch Liza hätte ihn überall wiedererkannt.

„Du!“, entfuhr es ihr beim Blick in seine tiefbraunen Augen. Niculoso Menendez. Die Zeit drehte sich zurück, bis zu dem ersten Treffen zwischen ihnen, und plötzlich war Liza wieder acht Jahre alt.

Ihr Vater war gestorben, und Niculosos Mutter Anna hatte Liza und ihre Mutter Pamela zu einem Wochenende nach Spanien eingeladen. In England waren die beiden Frauen im selben Internat gewesen, Anna die Tochter eines spanischen Diplomaten und Pamela die Tochter eines ranghohen Militärs. Anna heiratete einen reichen Spanier und Pamela einen Offizier mit vielversprechender Laufbahn, aber sie hielten über all die Jahre Kontakt zueinander.

Von Niculoso war Liza sofort fasziniert gewesen. Er war einer der bestaussehenden Achtzehnjährigen, den sie je getroffen hatte, und sie hatte ihn mit offenem Mund angestarrt, so versunken, dass sie stolperte und sich das Knie aufschlug. Mit einem Lächeln und tröstenden Worten hatte der junge Mann das weinende Mädchen aufgehoben und zurück ins Haus getragen.

Von diesem Moment an war er ihr Held. Er war der große Bruder, den sie nie gehabt hatte. Und von da an wartete sie voller Vorfreude auf die drei Wochen im Sommer, die sie in den Ferien im Hause der Menendez verbringen würde.

„Wir haben uns ja jahrelang nicht gesehen. Darf ich mich setzen?“

„Wie?“ Liza hatte den Schock noch nicht überwunden. Nick war es, der ihr das Reiten beigebracht hatte. Nick hatte sie aufgefangen, als sie vom Ast eines Baumes stürzte. Nick hatte sie zurückgezogen, als sie von den Klippen zu rutschen drohte. Mit vierzehn allerdings hatten sich ihre Gefühle für Nick geändert. Er war nicht mehr nur ihr Held, sondern sie begann für ihn zu schwärmen, und mit ihrer aufblühenden Weiblichkeit hatte sie alles darangesetzt, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

„Du klingst nicht gerade erfreut, mich zu sehen.“ Mit einer knappen Geste bestellte Nick beim Kellner einen Kaffee für sich. „Möchtest du auch noch eine Tasse?“

„Nein … ja, doch.“ Sie stotterte und stammelte wie eine Närrin, aber sie war einfach überrumpelt. Nicks unerwartetes Auftauchen beschwor Erinnerungen und wirre Bilder aus der Vergangenheit herauf.

Ihre Beziehung hatte in einem Fiasko geendet, als Liza sechzehn war. An ihrer nicht erwiderten Liebe halb erstickend, war sie schließlich völlig am Boden zerstört gewesen, als Nick seine Verlobte Sophia nach Hause brachte, eine umwerfend aussehende junge Frau.

Und plötzlich war Liza auch klar geworden, was sie und ihre Mutter den Menendez’ bedeuteten – nichts als die ärmlichen Freunde, denen man aus reiner Großzügigkeit einen Sommerurlaub ermöglichte. Also rebellierte Liza in diesem Sommer und ging mit einem der Stalljungen aus. Als sie mit dem Jungen in einem leeren Stall herumknutschte, hatte Nick sie erwischt. Nick, dessen Gesicht sich plötzlich verdüsterte, als zögen Gewitterwolken auf …

Unwillkürlich lief Liza jetzt trotz des warmen Tages ein Schauer über den Rücken, und ihr Puls beschleunigte sich. Sie wollte nicht daran zurückdenken, was danach passiert war. Was Nick betraf, war es ihr auf jeden Fall wie Schuppen von den Augen gefallen. Niculoso Menendez war ein arroganter, eingebildeter, autoritärer Macho erster Güte. Während des restlichen Aufenthalts hatte Liza ihn geflissentlich gemieden, und falls sie sich doch einmal über den Weg gelaufen waren, so hatte er sie mit grimmiger Miene und Verachtung im Blick angefunkelt. Als die Abreise kam, war Liza nur erleichtert. Und sie kam nie wieder zu der Familie zurück.

„Darf ich mich nun setzen oder nicht?“

Seine Frage riss sie aus den Erinnerungen. „Ja, natürlich“, brachte sie schließlich über die Lippen, weil es die Höflichkeit erforderte. Schon ein seltsamer Zufall, dass sie einander auf Lanzarote begegneten. Liza nahm an, dass er nach dem Tode seines Vaters die Bank übernommen hatte. Manchmal hatte sie seinen Namen in den Klatschspalten gesehen, aber nie wirklich darauf geachtet. Sie gab nicht viel auf Klatsch und Gerüchte.

„Das letzte Mal haben wir uns auf der Beerdigung meines Vaters getroffen“, sagte er und zog sich einen Stuhl heran.

„Ja, stimmt“, erwiderte sie steif. Das war ebenfalls ein Tag, den sie lieber aus ihrem Gedächtnis streichen würde. Sie war neunzehn gewesen, studierte in London und lebte im Studentenwohnheim. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie mit zur Beerdigung nach Spanien kam. Nick war damals noch immer mit Sophia verlobt, und auch an seiner verächtlichen Haltung gegenüber Liza hatte sich nichts geändert.

Seither hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie wünschte nur, er würde sich endlich setzen, anstatt wie ein Raubvogel über ihr zu schweben. Dabei lächelte er sie an, als hätte er einen lang verloren geglaubten Freund wiedergefunden, aber das nahm sie ihm nicht ab.

„Was für ein Zufall“, hob sie kühl an, „dass wir uns ausgerechnet hier treffen. Ich dachte, du lebst in Antequera.“

„Meine Mutter lebt dort. Aber ich bin inzwischen ein großer Junge und von zu Hause ausgezogen“, meinte er spöttisch und setzte sich endlich. „Wenn ich mich recht entsinne, genau wie du.“ Er legte die Hand auf ihre und drückte ihre Finger, und zu Lizas Entsetzen fuhr ihr bei der Berührung ein Stromstoß den Arm hinauf. „Meine Mutter redet viel über dich. Es ist schön, dich zu sehen.“

Schön? Das sollte wohl ein Witz sein. Er konnte sie nicht ausstehen! Das Blut schoss ihr in die Wangen. Jahrelang hatte sie sich eingeredet, sie würde ihn hassen, und doch lockten seine warmen Finger diese unmögliche Reaktion hervor. Und sah sie da wirklich Offenheit und Ehrlichkeit in seinem Blick? Nein, sie würde nicht wieder auf seinen südländischen Charme hereinfallen! „Ja. Nun …“

„Ich wollte dich nicht erschrecken, verzeih. Aber ich sah dich vom Auto aus hier sitzen und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Du bist zu einer aufsehenerregenden Frau herangewachsen, Liza.“

Nick Menendez machte ihr ein Kompliment! Unfassbar, nach den Dingen, die er ihr in der Vergangenheit an den Kopf geworfen hatte! Liza erinnerte sich nur allzu gut an die Szene damals im Stall.

Nachdem Nick den Stallburschen zusammengestutzt und weggeschickt hatte, zog er Liza nämlich mit einem Ruck an sich und küsste sie, bis ihr Hören und Sehen vergangen war. Und zu ihrer tiefen Scham hatte sie sich nicht etwa gewehrt, sondern sich an ihn geklammert, als könne sie nicht mehr auf eigenen Beinen stehen. Dann hatte er sie mit dem Rücken an die Stallwand gedrängt und grob nach ihren jungen Brüsten gefasst.

„Herr im Himmel, mit einem Stallburschen!“, hatte er abfällig ausgestoßen. „Zwei Jahre lang schaue ich mir jetzt an, wie du mit mir flirtest. Ich dachte, du seist nur ein junges unschuldiges Mädchen, dessen Sexualität erwacht. Doch du weißt schon alles, nicht wahr? Hast alles schon erlebt. Du bist nichts weiter als ein kleines Flittchen!“

Die Worte schmerzten noch heute. Doch einen Trost hatte Liza – so jung sie damals auch gewesen sein mochte, sie hatte Nick geohrfeigt.

Nick lehnte sich jetzt in seinem Stuhl zurück und musterte die junge Frau, die vor ihm saß. Sie war ein süßes quirliges Kind gewesen, als unabhängiger und selbstbewusster Teenager mutete sie ihn an wie ein Dorn im Fleisch, und sie war ihm zur bitteren Enttäuschung geworden, als sie sich mit dem Stallburschen eingelassen hatte. Jetzt saß ihm eine ausnehmend schöne Frau gegenüber, und es ärgerte ihn, welche Wirkung sie auf ihn ausübte, trotz der Jahre, in denen er sie aus seiner Erinnerung verbannt hatte. Auch seine Reaktion von gestern Abend hatte ihn überrumpelt. Er wollte nichts anderes, als sie zu beschützen.

Dumm war er allerdings nicht. Die roten Wangen und der abgewandte Blick waren eindeutige Zeichen von Schuld. Ob nun wegen der Diamanten oder wegen etwas anderem, wusste er nicht. Aber er würde es herausfinden, schon um Carls willen.

„Das Schicksal hat es gut mit dir gemeint, Liza, nicht wahr?“ Er ließ seinen Blick mit unverhohlener Bewunderung über sie gleiten. „Man sieht dir an, dass du zufrieden bist. Machst du Urlaub hier?“

„Die Sonne hier ist eine wunderbare Abwechslung zum englischen Winter“, gab sie unverbindlich zurück.

Sie war reifer geworden – und weiser. Sie ging nicht auf seine freundliche Einleitung ein. „Also machst du Urlaub hier, oder ist es etwas Geschäftliches? Es sind so viele Jahre vergangen, da weiß ich doch gar nicht mehr, was du so treibst.“ Einen Sekundenbruchteil war er versucht, provozierend hinzuzufügen: „Vielleicht ein bisschen Diamantenschmuggel?“

Der erste Schock ließ langsam nach, und so konnte Liza problemlos sein Lächeln erwidern. „Ich bin die rechte Hand des Direktors eines Londoner Finanzunternehmens“, sagte sie und nannte den Firmennamen. Ein sicheres Thema, sie konnte also etwas ausführlicher werden. „Eigentlich war es als Geschäftsreise geplant, doch mein Chef hat die Angewohnheit, manchmal recht schnell seine Meinung zu ändern.“ Das hatte sie in den wenigen Wochen, die sie jetzt für Mr. Brown arbeitete, bereits feststellen können. „Somit wurde es überraschenderweise zu einem Urlaub für mich.“

Gestern erst war sie mit ihrem Chef auf der Insel angekommen, zu einer zweiwöchigen Konferenz. Doch nachdem sie in das Fünfsternehotel an der Costa Teguise eingecheckt hatten, war Mr. Brown noch vor dem Dinner verschwunden. Und am nächsten Morgen hatte er ihr mitgeteilt, dass die Konferenz nach genauerer Durchsicht des Programms doch nicht so wichtig für die Firma sei. Liza solle ihm allerdings den Gefallen tun und ein Päckchen bei einem Optiker in Arrecife, der Hauptstadt der Insel, abliefern, dann könne sie die zwei Wochen als Erholung genießen. Da das Hotel gebucht und bezahlt sei, könne sie dort bleiben. Oder auch woanders unterkommen, wenn sie es wünsche. Nur zum Galadinner am letzten Abend solle sie mitkommen und natürlich mit ihm zurückfliegen. Er wolle einen Segeltörn machen und sei dann am Tag des Dinners wieder zurück. Sollte seine Frau sich melden, so solle Liza ihn entschuldigen, weil er gerade nicht anwesend sei.

Als sie ihm gesagt hatte, dass sie nicht wirklich bereit sei, seine Frau anzulügen, hatte Mr. Brown sie erinnert, dass sie vier Jahre lang für den kürzlich ausgeschiedenen Mr. Stubbs als Sekretärin gearbeitet habe, und wenn sie daran interessiert sei, ihren Job als seine Assistentin zu behalten, dann müsse sie sich wohl oder übel seinen Anordnungen fügen. Liza allerdings drängte sich der Verdacht auf, dass er diese zwei Wochen nur geplant hatte, um sich mit seiner neuesten Geliebten abzusetzen.

„Was für ein Glück für dich“, lautete Nicks Antwort. „Ich habe von Stubbs gehört. Eine erfolgreiche Firma. Deine Mutter muss stolz auf dich sein. Allerdings habe ich sie in den letzten Jahren nur zweimal gesehen, wenn sie meine Mutter besuchte. Schade, dass du nicht mitgekommen bist.“ Das erschreckte Aufblitzen in ihren Augen war ihm nicht entgangen, und er fragte sich, welchen Grund es dafür wohl gab. Sein Verdacht, dass sie etwas verbarg, erhärtete sich.

„Irgendwann einmal komme ich vielleicht mit“, erwiderte sie knapp. An die Aufenthalte im Haus seiner Eltern wollte sie nicht erinnert werden. „Und was machst du hier? Ich dachte, du lebst auf dem Festland.“

„Ich bin heute Morgen hergeflogen. Ich besitze eine Villa hier, neben dem Haus in Malaga, und natürlich das Elternhaus. Aber mein Job führt mich um die ganze Welt.“

„Wie nett“, murmelte Liza. „Was genau machst du eigentlich?“ Außer im Privatflugzeug durch die Welt zur nächsten Schönheit zu jetten, fügte sie in Gedanken bissig hinzu, widerstand aber der Versuchung, es auszusprechen.

Wenn die Redewendung „mit einem silbernen Löffel im Mund geboren werden“ je auf einen Menschen gepasst hatte, dann auf Niculoso Menendez. Als einziger Sohn einer der reichsten europäischen Familien hatte er ein wohlbehütetes Leben geführt und sich jede Laune erlaubt – Skydiving, Bungee-Jumping oder Snowboarding, jede erdenkliche Extremsportart wurde zu seinem Steckenpferd, und als kleines Mädchen hatte Liza seine Abenteuer als mutig und wild-romantisch erachtet. Doch daran zurückzudenken rührte nur weitere Erinnerungen an, die sie lieber vergessen wollte. Also zwang sie sich zu einem Lächeln und sah ihm geradewegs in die Augen. Für einen Augenblick glaubte sie, Ärger dort zu erkennen, doch genauso schnell war dieser Ausdruck wieder verschwunden, und nur ein strahlendes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Im Moment unterhalte ich mich mit einer schönen Frau, obwohl ich eigentlich ein Gelände auf der anderen Seite der Insel überprüfen sollte.“

„Also bist du Landentwickler?“, fragte Liza. „Muss interessant sein.“ Hier war die Chance, das Thema zu wechseln. Komplimente von Niculoso machten sie nur nervös. „Hattest du nicht Kunst studiert? Aber dein Vater hatte mit Finanzen zu tun, oder?“ Und Niculoso sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und dazu die elegante Sophia heiraten.

„Mit beidem hast du recht. Mit der Zustimmung meines Vaters haben wir unser Wirkungsfeld erweitert. Die Entwicklung von Bebauungsplänen habe ich als eines meiner persönlichen Projekte übernommen.“

Sie glaubte ihm sogar, sah die Begeisterung in seinem Blick, hörte die Leidenschaft in seiner Stimme.

„Hier auf Lanzarote ist es eine echte Herausforderung, etwas Ansprechendes zu bauen, ohne dass es der faszinierenden Landschaft Abbruch tut“, fuhr er fort. „Versteh mich nicht falsch, ich bin durchaus keiner von diesen Öko-Freaks, die in Pullovern aus selbst geschorener Wolle herumlaufen. Da kann ich meine Zeit besser nutzen.“

Liza bezweifelte das keine Sekunde. Sie betrachtete sein auf raue Art schönes Gesicht, seine sinnlichen Lippen, die glühenden Augen …

„Auf der Insel darf kein Gebäude mehr als vier Stockwerke haben“, ließ er sie wissen. „Das geht noch auf César Manrique zurück, den berühmten Bildhauer, der auf der Insel lebte. Wahrscheinlich hast du schon einige Werke von ihm gesehen.“

„Ich habe nur darüber gelesen. Schließlich bin ich erst gestern angekommen, ich hatte noch keine Zeit, auf Besichtigungstour zu gehen.“

„In diesem Falle wäre es mir ein Vergnügen, dich herumzuführen“, erbot sich Nick und schenkte ihr erneut ein strahlendes Lächeln. „Das heißt, wenn du allein bist“, fügte er hinzu.

Seine tiefe Stimme strich ihr warm und weich wie Samt über den Rücken und brachte ihre Nervenenden zum Vibrieren. „Ja … ja, ich bin allein“, stammelte sie.

Er war wirklich ein verboten gut aussehender Mann. Mit den Jahren war er noch attraktiver geworden, die Zeit hatte dem Gesicht mit den faszinierenden Zügen – den hohen Wangeknochen, den sinnlichen Lippen – mehr Charakter gegeben. Die dunkelbraunen Augen mit den langen Wimpern waren die Art Augen, bei denen jede Frau dahinschmolz, und das seidige schwarze Haar lockte jede ...

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