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Heiß verführt in einer Wüstennacht

1. KAPITEL

Scheich Nadim Bin Kalid Al Saqrs wache, dunkle Augen verfolgten das im wilden Galopp dahinfliegende Pferd. Er war wie geblendet, nicht nur von der Schönheit und Eleganz des jungen Zuchtfohlens, sondern auch von dem satten Grün der Landschaft rings herum. Der feine Sprühregen ließ an diesem ungewöhnlich milden Septembertag die Konturen der Umgebung verschwimmen.

Als ein Mann der Wüste, der an karge Vegetation und schroffe Felsen gewöhnt war, überraschte es ihn, dass die fremde Landschaft so viel Wohlwollen in ihm hervorrief. Mehr noch, er fühlte sich geradezu berauscht von all der Üppigkeit und Frische hier.

Bisher war er immer dankbar dafür gewesen, dass er seine Assistenten hinaus in die Welt schicken konnte und nicht selbst auf Reisen gehen musste. Stattdessen hatte er sich lieber ganz auf die Pferdezucht auf der arabischen Halbinsel konzentriert. Doch nun sollte es darum gehen, einen neuen Standort in Europa zu finden, und er selbst hatte sich für Kildare entschieden, die irische Hauptstadt für die Aufzucht und Ausbildung von Rassepferden.

Kein wirklicher Experte konnte die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die besten Zuchtpferde, Züchter und Trainer nun einmal aus Irland kamen. Der Mann neben ihm, dessen gerötete Gesichtshaut auf mehr als nur ein kleines Alkoholproblem schließen ließ, war einst einer der ganz Großen seines Fachs gewesen. Ein Trainer von Weltformat. Doch dann, ganz plötzlich, hatte er sich aus dem Geschäft zurückgezogen.

Ein gespanntes Schweigen lag zwischen den beiden Männern, doch Nadim nahm sich die Zeit, das Fohlen in Ruhe zu betrachten.

Sein Blick glitt vom Pferd hinauf zum Reiter. Nicht nur das Tier war etwas ganz Besonderes. Auch derjenige, der es trainierte, musste sehr talentiert sein und all sein Herzblut dafür geben. Selten hatte Nadim einen so versierten – und dazu noch so jungen – Reiter gesehen. Auch nicht in den Reihen seiner eigenen Leute. Der junge Mann mochte vielleicht gerade einmal achtzehn Jahre alt sein, sehr schlank und hochgewachsen. Doch er legte eine Ausdauer und einen Ehrgeiz an den Tag, die von wahrer Hingabe, Mut, aber auch Erfahrung zeugten.

Der ältere Mann neben ihm trat nervös von einem Bein auf das andere, sodass Nadim endlich sein Urteil verkündete: „Er ist einfach unglaublich.“

„Nicht wahr?“, Paddy O’Sullivans Stimme war die große Erleichterung anzuhören. „Ich bin davon ausgegangen, dass Sie es gleich bemerken würden.“

Der junge Hengst war der Hauptgrund für Nadims Besuch in Irland – und für seinen Wunsch Paddy O’Sullivans heruntergewirtschaftetes Gestüt zu übernehmen.

„Unmöglich, es nicht zu bemerken“, murmelte der Scheich und verfolgte weiter mit den Augen jede anmutige Bewegung des jungen Pferdes. Im Geiste malte er sich bereits aus, wie wohl die zukünftigen Nachfahren dieses Hengstes aussehen würden.

Nadim hatte vor einigen Monaten seinen erfahrensten Berater nach Irland geschickt, damit dieser die Lage hier sondieren konnte. Und er hatte diesen Hengst und dieses Gestüt entdeckt. Was für ein Potenzial! Die Ställe und Ausbildungsareale lagen etwa zwei Meilen vom Haupthaus entfernt, und auch alles Land dazwischen würde ihm gehören. Die perfekte Größe für seinen neuen Standort.

Nadims Gesicht verfinsterte sich, als er daran dachte, wie sein Assistent zunächst hier empfangen worden war. Eine wütende junge Frau hatte einen Jagdhund hinter ihm hergehetzt, trotz seiner Beteuerungen, sich nur unterhalten zu wollen. Merkwürdige Sitten waren das! Doch Nadim hatte seinen Assistenten erneut geschickt, diesmal mit Voranmeldung bei Paddy O’Sullivan. Und er hatte Paddy ein Angebot gemacht, das dieser unmöglich hatte ablehnen können.

Das Gestüt war einst eines der erfolgreichsten des Landes gewesen. Zahlreiche Gewinnerpferde waren hier geboren und ausgebildet worden. Diese reine Abstammungslinie hatte vor zwei Jahren das Pferd hervorgebracht, das schließlich ihn nach Irland gelockt hatte. Der junge Hengst hatte in den vergangenen Monaten selbst schon zwei nicht unbedeutende lokale Rennen gewonnen. Tief in Nadims Magengrube breitete sich ein wohliges Kribbeln aus. Es war lange her, dass er zum letzten Mal so etwas wie Aufregung verspürt hatte. Spontane Gefühlsausbrüche kamen in seinem Alltag kaum vor. Und genau das hatte ihm an seinem Leben auch immer gefallen.

„Iseult hat unermüdlich mit ihm trainiert.“ O’Sullivan wandte sich dem Scheich zu. „Ohne sie wäre er niemals das Pferd geworden, das er heute ist.“

Nadim runzelte die Stirn und betrachtete den rothaarigen Mann neben sich mit Verwunderung. Hatte er gerade von einer Frau gesprochen? Und wie war der Name gleich gewesen? Es hatte irgendwie irisch geklungen. „I… wie?“

O’Sullivan deutete mit dem Kopf zu dem jungen Hengst und seinem Reiter. „Iseult ist der Name meiner ältesten Tochter. Sie ist eine sehr begabte Trainerin. Quasi seit sie laufen kann, versteht sie es mit den Pferden zu kommunizieren, sie zu führen.“

Langsam dämmerte es Nadim. Der Reiter war eine Frau! Er verbesserte sich innerlich. Ein Mädchen! Unmöglich, dass dieses Geschöpf es geschafft hatte, das Fohlen zu trainieren. Nadim hatte schon mit vielen Frauen zusammen Pferde trainiert, doch diese hier war viel zu jung, auch wenn ihr das Talent dazu vielleicht in die Wiege gelegt worden war.

Er schüttelte ungläubig den Kopf. Und während er die Überraschung innerlich verdaute, lenkte er seinen Blick noch einmal genauer auf die angebliche Trainerin. Es stimmte schon, für einen Mann war die Taille etwas zu schmal – beziehungsweise die Hüften doch etwas zu kurvig. Die Schultern waren sehr zart, der Nacken bildete eine sanft geschwungene Linie. Mehr deutete aber definitiv nicht auf eine Frau hin. Jeans und eine weite Fleecejacke, das Haar komplett von einer Mütze bedeckt.

Beim Anblick dieser Kopfbedeckung krampfte sich sein Magen unwillkürlich zusammen. Schnell beruhigte er sich wieder. Er war hier nicht in Merkazad. Der Boden hier war weich – und nicht von tödlicher Härte.

Dennoch sollte das Mädchen einen Helm tragen. Wenn das hier sein Gestüt wäre … Dann müsste sie sich jetzt auf eine angemessene Bestrafung gefasst machen.

Obwohl ohnehin niemand in der Nähe war, bemerkte O’Sullivan mit plötzlich ganz leiser Stimme: „Es tut mir leid, wie Ihr Assistent hier empfangen wurde … Iseult hat sich mit dem Verkauf bisher noch nicht abgefunden … mit dem Verkauf des Gestüts und auch mit dem Verkauf von Devil’s Kiss.“ Nervös fuhr er fort. „Wissen Sie, sie hängt sehr an ihrem Zuhause und an ihrem …“ Er unterbrach sich und deutete auf den Scheich „An Ihrem Pferd“, verbesserte er sich rasch.

Nadim spürte, wie sein Puls zu rasen begann. Wie bitte? Dieses Mädchen hatte seinen Assistenten Adil in die Flucht geschlagen? Was für eine Frechheit. Da, wo er herkam, hatten sich Töchter etwas mehr unter Kontrolle zu haben. Zugegeben, auch er hielt viel davon, dass Frauen unabhängig waren. Aber dem eigenen Vater in den Rücken zu fallen, das ging nun wirklich zu weit. Außerdem sahen die Frauen bei ihm zu Hause aus wie Frauen – und nicht wie Jungs. Nadim dankte dem Himmel, dass er die Weitsicht gehabt hatte, selbst nach Irland zu kommen. Nicht auszudenken, wenn ihm dieses Mädchen sein Geschäft kaputtgemacht hätte.

Sie wäre durchaus in der Lage, den Verkauf zu vereiteln, daran hatte Nadim keinerlei Zweifel. Er traute ihr sogar zu, dass sie das Pferd sabotierte, nur damit er vielleicht doch noch von seinem Kaufangebot zurücktrat.

All diese Überlegungen ließen Nadims Stimme autokratischer als sonst klingen, als er antwortete: „Er wird bald mir gehören, so wie Ihr gesamtes Gestüt – außer Sie haben es sich doch noch anders überlegt?“

„Nein, nein“, entgegnete O’Sullivan hastig. „So hatte ich das nicht gemeint. Ich wollte ja nur erklären, dass meine Tochter sehr an unserem Gestüt und eben auch an Devil’s Kiss hängt. Sie hat ihn von Anfang an trainiert.“

Nadim warf dem Iren einen finsteren Blick zu. Es stimmte also wirklich, dass dieses Mädchen das Pferd ausgebildet hatte. Und es sah ganz danach aus, als hätte sie ihre Arbeit gut gemacht.

„Ich hoffe, dass die Tatsache, dass das Gestüt weiterhin auf Ihren Namen geführt wird und ich Sie auch als Manager behalte, genug Anreiz für Sie darstellt. Denn wenn mich nicht alles täuscht, wäre Ihre Alternative der totale Bankrott.“

O’Sullivan knetete nervös an seinen Fingern, völlig zerknirscht, dass er seinen neuen Chef unabsichtlich verärgert hatte. „Natürlich, Scheich Nadim. Ich wollte ja nur darauf hinweisen, dass meine Tochter … manchmal etwas dickköpfig sein kann. Ich hoffe nur, dass sie Ihnen gegenüber nicht irgendwie ausfallend …“ Er verstummte augenblicklich, als Pferd und Reiterin direkt vor ihnen zum Stehen kamen.

Nadim hatte erwartet, dass Iseult absteigen und sich ihm vorstellen würde, doch weit gefehlt. Sie blieb auf dem Pferd sitzen und würdigte ihn keines Blickes.

Aus irgendeinem Grund konnte Nadim nicht umhin, statt des jungen Hengstes nun die Silhouette seiner Reiterin zu studieren. Der obere Teil ihres Gesichts war vom Schirm der Mütze verdeckt. Doch Nadim spürte einen plötzlichen Stich in der Herzgegend, so, als hätte ihm jemand einen Elektroschock verpasst.

Denn was er unterhalb des Mützenschirms sah, war von wirklicher Schönheit. Iseults Gesicht war fein geschnitten, sie besaß hohe Wangenknochen, eine schlanke, gerade Nase und ein schön geformtes Kinn. Ihr Mund bildete eine anmutig geschwungene Linie, wenngleich ihr Ausdruck eher mürrisch war. Wie sinnlich würden diese Lippen wohl aussehen, wenn Iseult glücklich war?

Verwirrt schob er diese Gedanken beiseite. Er ließ seinen Blick sinken und wurde sogleich von der Üppigkeit ihrer Brüste in den Bann gezogen. Noch ein Stich, diesmal in einer deutlich tiefer liegenden Region seines Körpers.

Er war völlig überrascht. Solche Gefühle erwartete er vielleicht, wenn er mit reifen, erfahrenen Frauen seines Standes verkehrte. Nicht aber bei einem Mädchen, das er vor wenigen Minuten noch für einen Jungen gehalten hatte. Und das dazu noch auf einem Gestüt auf dem Land lebte. Nadim konnte nur innerlich den Kopf über sich selbst und seine Empfindungen schütteln. Sein Ärger wuchs und zeichnete sich deutlich auf seinem Gesicht ab.

Iseult O’Sullivan hatte dem Scheich Devil’s Kiss nur äußerst widerwillig vorgeführt. Der Mann war gekommen, um sich anzusehen, was er schon so gut wie sicher in der Tasche hatte – ihren Hof nämlich und ihr Pferd. Heute wollte er seine Unterschrift unter den Vertrag setzen, und der Verkauf wäre endgültig rechtskräftig.

Vor einigen Monaten bereits hatte er einen Assistenten geschickt, der überall herumgeschnüffelt und Fotos gemacht hatte. Dann hatte der Scheich, wahrscheinlich im Schatten unter einer Palme sitzend, seelenruhig abgewartet, bis ihr Vater Insolvenz anmelden musste. Und nun wollte er zuschlagen. Doch als Iseult vom Rücken des Pferdes aus auf den fremden Mann herabsah, verrauchte ihre Wut mit einem Mal.

Plötzlich war sie noch aus einem anderen Grund ganz dankbar, dass sie aus Trotz oben sitzen geblieben und nicht abgestiegen war. Denn vermutlich würden am Boden ihre Knie wie aus Pudding sein. Iseult umklammerte Devil’s Kiss’ Zügel, und der junge Hengst unter ihr bebte noch leicht von der gerade absolvierten Vorführung.

Der Scheich sah gar nicht aus, wie man es von einem Mann aus Saudi-Arabien vielleicht erwartet hätte. Zunächst einmal war er groß, gut gebaut, mehr der athletische Typ. Sie war darauf vorbereitet gewesen, denn sie hatte im Internet nach Berichten und Fotos von ihm recherchiert, um sich ein Bild von ihm machen zu können.

Scheich Nadim Bin Kalid Al Saqr sah verdammt gut aus, daran bestand kein Zweifel. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er trug verwaschene Jeans und ein dunkles, langärmeliges Polohemd. Beide Kleidungsstücke konnten kaum den muskulösen Körper darunter verstecken, wenngleich es nicht so wirkte, als wolle er diesen betonen. Sein olivfarbener Hautton wirkte hier im irischen Nieselregen so exotisch wie eine tropische Dschungelpflanze.

Er trug flache Schnürstiefel, immerhin eine angemessene Bekleidung für den feuchten Boden hier. Einen Fuß hatte er gegen den alten, hölzernen Zaunpfahl gestützt. Sein dichtes schwarzes Haar war sehr kurz geschnitten, doch ließ erahnen, dass es sich bei zunehmender Länge locken würde.

All dies nahm Iseult innerhalb einer Sekunde wahr – und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Zugegeben, er war ein Mann mit einer außergewöhnlich starken sexuellen Ausstrahlung. Aber das sollte ihr völlig gleich sein! Unfreiwillig erbebte sie dennoch. Und ein wohliges Ziehen machte sich in ihrem Unterleib bemerkbar.

Der Scheich strahlte Autorität und Macht aus. Kein Wunder, denn er war von königlicher Herkunft und ihm gehörten nicht nur unzählige Ländereien, sondern auch die besten Gestüte der arabischen Halbinsel.

Iseults Herz schlug bis zum Hals, als sie sah, mit welcher Geschmeidigkeit sich der Scheich über den Zaun schwang und direkt auf sie zukam. Auch Devil’s Kiss reagierte auf seinen neuen Herrn. Unruhig warf er den Kopf zurück, blähte die Nüstern und trippelte etwas seitwärts. Iseult tätschelte seinen Hals und flüsterte ihm einige beruhigende Worte ins Ohr. Nur kurz allerdings, denn sie wollte es dem Scheich nicht zu einfach machen.

Ihr Vater, der nur einige Schritte entfernt hinter dem Zaun stand, warf ihr flehende Blicke zu: Bitte benimm dich, Kind! Doch ihr Herz war zu schwer, als dass sie sich hätte benehmen können. Dieser Mann war imstande ihr alles zu nehmen, woran ihr Herz hing: das Gestüt, ihr Zuhause, ihr geliebtes Pferd. Das Einzige, was sie tun konnte, war, diesem Mann nicht einen Millimeter entgegenzukommen.

Der Scheich sah sie direkt an, und Iseult erkannte die Verärgerung auf seinem Gesicht, darüber, dass sie bisher nicht abgestiegen war. Und sich ihm quasi unterworfen hatte. Und obwohl Iseult ihm gerne ihre Abneigung gezeigt hätte, so war sie doch in erster Linie darauf bedacht, ihm nicht seine Wirkung auf sie anmerken zu lassen. Endlich hörte sie die Stimme ihres Vaters, angsterfüllt: „Iseult, steig endlich von dem Pferd herunter!“

Mit weit weniger Grazie, als es ihr eigentlich möglich war, ließ Iseult sich zu Boden gleiten. Ungeschickt ging sie mit den Zügeln in der Hand auf den Scheich zu, ohne ihn dabei anzusehen. Ihre Knie wurden tatsächlich zu Pudding, als sie neben ihm stand und bemerkte wie groß und kräftig er wirklich war. Seine Schultern waren breit, und sein Körper strotzte nur so vor Männlichkeit, dass Iseult unmittelbar ein starkes Kribbeln in der Magengrube spürte.

Und dann errötete sie auch noch. Gerade sie, die sich schon vor Jahren damit abgefunden hatte, dass ihre weibliche Seite nicht allzu stark ausgeprägt zu sein schien, sie stand hier neben ihm und zitterte! Dazu schossen ihr auch noch wirre erotische Bilder durch den Kopf. Das durfte doch alles gar nicht wahr sein. Dieser Mann war ihr Feind!

„Bitteschön.“ War das ihre Stimme gewesen? Barsch hielt sie ihm die Zügel unter die Nase.

In seinen dunklen Augen lag ein gefährliches Glitzern. Iseult betete, dass er ihr die Zügel aus der Hand nehmen möge, bevor ihre zitternden Hände ihre Erregung verrieten. Doch die Erleichterung mischte sich mit erneuter Hitze, als seine Finger ihre beim Übernehmen des Zaumzeugs berührten.

Unmittelbar machte sie auf dem Absatz kehrt und stapfte durch das feuchte Gras in Richtung ihres Vaters. Bloß nicht noch einmal umschauen. Bloß nichts anmerken lassen.

Noch niemals hatte Iseult sich so außer Kontrolle gefühlt. Ihr Körper schien ein wundersames Eigenleben entwickelt zu haben, mit dem sie ganz und gar nicht einverstanden war.

Mit klopfendem Herzen betrachtete sie nun, wie Scheich Nadim um das Pferd herumging und die Steigbügel auf seine Größe einstellte. Seine Hand strich dabei ganz beiläufig über Devil’s Kiss’ Flanke. Und Iseult erbebte abermals.

Dann bestieg er das Pferd mit einer unangestrengten Eleganz, wie sie Iseult noch nie zuvor bei einem Reiter gesehen hatte. Er schnalzte kurz, woraufhin der junge Hengst ohne zu zögern in einen leichten Galopp verfiel. Iseults Kehle fühlte sich plötzlich ganz trocken an. Devil’s Kiss war bestimmt kein einfaches Pferd. Doch er hatte nicht einmal den Hauch von Irritation oder Widerwillen gegenüber dem Scheich gezeigt. Er gehorchte seinem neuen Herrn widerspruchslos.

Im Pferdezuchtgeschäft galt Scheich Nadim weit über die Grenzen seines Königreichs hinaus als eine Art Rebell. Es war bekannt, dass er einen Reitstall in Europa aufbauen wollte, doch wie und wo hielt er bis jetzt geheim. Genauso wenig wusste die Öffentlichkeit über die Pferde Bescheid, die er in seiner Heimat züchtete und hielt. Immer wieder jedoch kam eines seiner Tiere zu großem Ruhm, weil es als vermeintlicher Außenseiter eines der ganz bedeutenden Rennen gewann. Erst im letzten Jahr hatte ein dreijähriger Hengst seines Gestüts völlig überraschend das renommierte Rennen von Longchamp bei London gewonnen. Spätestens seither galt Scheich Nadims Name in den entsprechenden Kreisen als der eines ernst zu nehmenden Konkurrenten.

Neben ihr lachte ihr Vater leise in sich hinein. „Das hättest du nicht gedacht, was? Dass Devil’s Kiss es dem Scheich so einfach macht?“

Iseults Augen füllten sich mit Tränen, was bei ihr nur sehr selten vorkam. Rasch drehte sie sich weg. Nach allem, was geschehen war, fühlte sie sich einfach nur machtlos. Ihre letzte Hoffnung war es gewesen, dass Devil’s Kiss es dem Scheich nicht einfach machen würde – und jetzt das! Eine weitere Niederlage, die sie erst einmal verdauen musste.

„Iseult, warte!“

Doch sie hatte sich schon umgedreht und war voller Trauer und Enttäuschung in Richtung ihres Hauses davongestürmt. Oh nein, das Haus gehörte ihnen ja gar nicht mehr, ebenso wenig wie die Koppel, die sie gerade überquerte. Ihr Vater versuchte es noch einmal. „Iseult O’Sullivan, komm gefälligst zurück! Was soll der Scheich von dir denken?“

Iseult drehte sich um, doch ging sie dabei rückwärts weiter. „Wir haben alles verloren, Papa!“ Sie warf in einer hoffnungslosen Geste die Arme in die Luft. „Ich werde mich nicht vor diesem Mann verbeugen oder gar zu Kreuze kriechen, wozu auch? Lass ihn Devil’s Kiss zu seinem Stall zurückbringen und sich um ihn kümmern. Schließlich ist es jetzt sein Pferd.“

All die Jahre, in denen Iseult sich um ihren Vater, ihre beiden jüngeren Brüder und die Schwester gekümmert hatte, ließen sie auf das Recht pochen, als Autorität in der Familie angesehen zu werden. Und ihr Vater wusste genau, wann er noch einmal mit ihr reden konnte und wann das letzte Wort gesprochen war. Er akzeptierte das, denn er verdankte ihr sehr viel.

Erst jetzt nahm Iseult den silbernen Geländewagen mit den getönten Scheiben wahr, der in der Hofeinfahrt stand. Ein wichtig dreinblickender Bodyguard mit dunkler Sonnenbrille stand daneben und sah herüber zu ihr. Ganz so, als könnte sie eine Bedrohung für den Scheich darstellen. Das machte Iseult nur noch wütender.

Dieser Scheich musste ja wirklich ein großes Selbstbewusstsein haben. Er kam hierher, in die irische Provinz und brachte seinen Leibwächter mit! Dabei hatte der Scheich selbst nicht gerade wehrlos ausgesehen. Und als er aufs Pferd gestiegen war, hatte sein Shirt für einen kurzen Moment seinen nackten, muskulösen Bauch freigegeben. Dieser Mann hatte einen durchtrainierten Körper, wie sie es bisher selten gesehen hatte. Wofür brauchte der einen Bodyguard?

Iseult stellte ihn sich in seiner Heimat vor. Auf weiche Seidenkissen gebettet, dazu noch Wein und erlesenste Köstlichkeiten. Und umringt von den schönen Frauen seines Harems, die ihm jeden Wunsch von den Lippen ablasen …

Tatsächlich passte dieses Bild nicht zu dem Mann, dem sie vor wenigen Minuten zum ersten Mal gegenübergetreten war. Und dessen Präsenz ihr ein heißes Pochen in einer sehr intimen Region ihres Körpers beschert hatte.

Sie betrat verwirrt den Stall. Was war nur in sie gefahren? Egal, jetzt musste sie wenigstens Devil’s Kiss’ Box so weit vorbereiten, dass der Scheich alles vorfand, was er brauchen würde. Iseult zog sich die Mütze vom Kopf und schüttelte ihr Haar. Sie atmete tief durch. Ihr Pullover war schweißnass, besonders Rücken und Brüste waren feucht und sehnten sich nach trockener Kleidung.

Als Iseult sich jetzt im Stall umsah, musste sie zugeben, dass es höchste Zeit war, dass sich jemand mit Geld des Gestütes annahm. Sie war so müde und traurig über all die leeren Boxen, in denen einst prächtige Pferde gestanden hatten. Doch die finanzielle Situation ihres Vaters hatte sie dazu gezwungen nach und nach den Großteil der Pferde zu verkaufen und sich einzig und allein auf Devil’s Kiss zu konzentrieren.

Erst kürzlich hatte zwar auch ein anderes ihrer Pferde ein Rennen gewonnen, doch das Geld dafür reichte kaum, um die laufenden Kosten zu decken. Ganz abgesehen davon, dass auch das Wohnhaus dringend einer Renovierung bedurft hätte.

Das Gestüt war am Ende. Zumindest ohne neues Geld. Und wo hätte das schon herkommen sollen? Devil’s Kiss war das letzte Ass, das sie im Ärmel gehabt hatten. Und das war jetzt auch verspielt.

Der Scheich wollte den jungen Hengst mit nach Saudi-Arabien nehmen, ihn dort trainieren, an Rennen teilnehmen lassen und in seine Zucht aufnehmen. Er würde ihr kleines Gestüt mit allem, was dazugehörte, übernehmen. Ein richtiges Unternehmen daraus machen. Iseult hatte nichts gegen Expansion oder Wirtschaftlichkeit. Aber es war ihr immer wichtig gewesen, dass sie sich mit ihrem Gestüt identifizieren konnte, und diese Zeiten waren jetzt vorbei. Viele irische Gestüte waren bereits in der Hand reicher Araber oder großer internationaler Firmen. Und nun gehörten also auch sie dazu.

Wieder einmal dachte Iseult sehnsüchtig an ihren Großvater. Der hätte sich auch gegen die Übernahme aufgelehnt, so viel war klar. Als Mädchen hatte sie ihn überall hin verfolgt, er war ihr Ein und Alles gewesen. Und als er dann nach schwerer Krankheit starb und der Untergang des Gestütes seinen Lauf nahm, da war sie gerade einmal zehn Jahre alt gewesen …

Wieder traten ihr die Tränen in die Augen. Doch genau in diesem Moment vernahm Iseult das vertraute Geklapper von Devil’s Kiss’ Hufen. Rasch wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen. Als sie zur Stalltür blickte, erschien auch schon die breitschultrige Silhouette des Scheichs – auf dem Rücken von Devil’s Kiss.

Für eine Sekunde war Nadim völlig perplex. Ohne ihre Mütze auf dem Kopf war O’Sullivans Tochter ganz definitiv eine Frau – und was für eine! Sie mochte vielleicht Anfang zwanzig sein, unglaublich schlank, dabei aber wohlproportioniert. Mit Rundungen an den richtigen Körperstellen, wie er ohne es zu wollen feststellen musste. Irritiert über die erneut aufsteigende Hitze in seinem Körper wandte er seinen Blick wieder ihrem Gesicht zu. Dieses war auf eine natürliche Weise schön. Sie trug nicht ein Krümelchen Make-up und hatte dennoch eine ebenmäßige, fast weiße Haut, leicht gerötete Wangen, leuchtende Augen, mit langen, dunklen Wimpern. Doch in dem Moment, als sie ihn wahrnahm, verfinsterte wieder der mürrische Ausdruck von vorhin ihr Gesicht.

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