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Heiß, heißer … und dann?

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.


1. KAPITEL

Es waren heiße Tage, aber noch heißer waren für Jake Lowell die Nächte. Und zwar ihretwegen. In seinem Bauch schienen Schmetterlinge zu flattern, als er sich im „Sidewalk Café“ suchend nach der Frau seiner Träume umschaute.

Er umfasste sein Eiswasserglas, um seine Handflächen zu kühlen. Aber das machte die feuchte Hitze in New York kaum erträglicher. Ganz zu schweigen von dem Feuer, das in ihm brannte. Das sie in ihm entfacht hatte.

Jake rutschte auf dem schmiedeeisernen Stuhl hin und her, um eine bequeme Haltung zu finden, bei der die harte Lehne nicht gegen seine linke Schulter drückte. Er verlagerte nochmals sein Gewicht, und plötzlich durchzuckte ein stechender Schmerz seinen Oberkörper. Verdammter Designerstuhl!, fluchte Jake innerlich. Schicke Straßencafés waren nicht seine Welt, sondern eher die seiner Schwester. Doch seit er zum ersten Mal hierhergekommen war und die sexy Kellnerin gesehen hatte, ertrug er das Ambiente.

Wieder blickte er sich um, aber die Frau, um die sich seine Fantasien rankten, war nicht in Sicht.

Jake schaute auf die Uhr. Typisch – seine Schwester Rina war jetzt schon fünfzehn Minuten überfällig. Er kannte ihre Unpünktlichkeit und würde sich eher wundern, wenn sie einmal zur rechten Zeit auftauchte. Doch da der Kerl, der ihn niedergeschossen hatte, immer noch frei herumlief, beunruhigte ihn Rinas Verspätung.

Jake ließ seinen Blick nochmals über die verlassene Straße wandern, dann drehte er sich zum beinahe leeren Café um.

In dem Moment sah er sie, seine Traumfrau, mit einer Wasserflasche in der Hand an der Bar stehen. Sie trug eine weiße Jeans und ein schwarzes ärmelloses Top und hatte eine Schürze um die Taille gebunden. Ihr kastanienbraunes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengenommen, aber einige Strähnen hatten sich gelöst und kringelten sich um ihr zartes Gesicht.

Nachdem sie eine Bestellung von ihrem Block abgelesen hatte, steckte sie ihn in die Hosentasche, und der Barkeeper fing an, Drinks zu mixen. Jake stand auf und ging mit seinem Glas auf die offenen Schiebetüren zu. Die Kellnerin lehnte an der Wand und schaute sich um. Dann legte sie den Kopf zurück und rollte die Plastikflasche über ihre Stirn, über beide Wangen und schließlich über ihren schlanken Hals.

Jake unterdrückte ein Stöhnen, als sie den Rücken streckte, bis das schwarze Top über ihren Brüsten spannte. Die aufgerichteten Spitzen zeichneten sich deutlich unter dem Stoff ab und stellten Jakes Beherrschung auf eine harte Probe. Es schien ihm, als wäre jede ihrer sinnlichen Bewegungen nur für seine Augen bestimmt.

Sie hielt die Lider geschlossen, ließ die Schultern fallen und entspannte sich. Als sie nochmals die kalte Flasche über ihre nackte Haut gleiten ließ, seufzte sie. Ob es ihr bewusst war oder nicht, sie stachelte seine Fantasie an.

Würden ihre feuchten Lippen nach Minze schmecken? Oder süß wie die Kaffeegetränke, die hier serviert wurden? Und würde sie im Rausch der Lust seinen Blick suchen oder die Augen schließen vor sehnsüchtiger Erwartung? Schon die Vorstellung, mit dieser Frau zu schlafen, entfesselte seine Leidenschaft. Ein Grund mehr, vorsichtig zu sein.

Seit dem Vorfall, bei dem er niedergeschossen und Frank Dickinson, sein bester Freund und Kollege bei der Polizei, ums Leben gekommen war, hatte kaum etwas sein Interesse erregt. Jake zweifelte sogar daran, ob er in seinem Leben die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Aber in diesem Moment spürte er ein heißes Verlangen, das alles andere auslöschte.

Die Neonlampen über der Theke wurden von den Wassertropfen auf ihrer Haut reflektiert. Jake brach der Schweiß aus, der nichts mit der schwülen Witterung zu tun hatte. Er rieb seine feuchte Hand an der Jeans, die ihm auf einmal zu eng war.

Die Kellnerin richtete sich auf, stellte ihre Flasche auf den Tresen und schaute sich wieder um. Jake hielt den Atem an, doch sie sah nicht in seine Richtung. Sie nahm eine Serviette und tupfte ihr Dekolleté ab, bis zu der Stelle zwischen ihren vollen Brüsten, wo sich wahrscheinlich einige Tropfen angesammelt hatten.

Plötzlich wandte sie sich um und begegnete seinem Blick. Überrascht riss sie die Augen auf. Wie Jake vermutet hatte, war sie sich nicht bewusst gewesen, dass sie beobachtet wurde. Aber sobald ihr Schreck verflogen war, musterte sie ihn mit eindeutigem Interesse.

Von Anfang an war die Anziehung zwischen ihnen stark gewesen. Und während der letzten Wochen hatte sich die knisternde Spannung noch gesteigert.

Immer wenn er sich abends hier mit seiner Schwester traf, war auch die schöne Kellnerin da. Leider bediente sie niemals an seinem Tisch. Jake hatte keine Ahnung, warum sie nicht auf ihn zukam, dafür wusste er umso besser, warum er auf Distanz blieb. Er wollte die Fantasie nicht durch die banale Wirklichkeit zerstören.

Seine Traumfrau schaute ihn unverwandt an, als wartete sie darauf, dass er den nächsten Schritt machte. Er hob sein Glas wie zum Toast und rechnete schon damit, dass sie sich abweisend abwenden würde. Stattdessen erwiderte sie seinen Blick mit einer Kühnheit, die ihn verblüffte – bis der Barkeeper sie rief, weil ihre Bestellung fertig war.

Sie sah Jake noch einmal an und warf die Serviette in den Mülleimer. Dann ging sie wieder an die Arbeit und servierte die Drinks. Aber ihre Wangen blieben gerötet.

„Oh, Jake, es tut mir leid.“ Die Stimme seiner Schwester riss ihn aus seinen sinnlichen Träumereien.

Erleichtert, dass Rina aufgetaucht war, kehrte er mit ihr an seinen Tisch im Freien zurück.

„Ich weiß, dass ich mich verspätet habe. Doch schuld ist nur Norton. Er hasst diese Hitze.“ Norton war ein chinesischer Shar-Pei mit vielen Falten und schwarzer Zunge, aber Jake hatte trotz des gewöhnungsbedürftigen Aussehens eine Schwäche für ihn entwickelt.

Er schüttelte lachend den Kopf. „Der Reichtum hat dich wirklich verändert, Rina.“

Als seine Schwester, eine Anwaltsgehilfin, ihren Chef geheiratet hatte, war Jake anfangs skeptisch gewesen, ob die Beziehung gut gehen würde. Wer hätte wohl keine Bedenken bei einem Mann, der sich einmal in der Woche die Fingernägel polieren ließ? Doch es hatte sich herausgestellt, dass er das Beste war, was Jakes kleiner Schwester nur hatte passieren können. Dann war er plötzlich gestorben. Rina war viel zu jung, um schon Witwe zu werden. Wenigstens war es für Jake tröstlich, zu wissen, dass sie eine Zeit lang sehr glücklich gewesen war.

Die Verbindung von zwei gegensätzlichen Temperamenten hatte bei Rina und ihrem Mann gut funktioniert, nicht aber bei Jake und seiner Exfrau. Seine Ehe hatte mit einer unangenehmen Scheidung geendet, weil er die materiellen Ansprüche seiner Frau von seinem Polizistengehalt nicht befriedigen konnte und sie sich nicht mit seinen unregelmäßigen Arbeitszeiten abfinden wollte. Auch nach fünf Jahren tat das noch weh.

„Der Reichtum hat mich keineswegs verändert“, protestierte Rina in gespielter Entrüstung. „Immerhin führe ich den Hund selbst aus. Ich könnte auch jemanden dafür engagieren, doch er würde sowieso schon nach einem Tag kündigen.“

Jake hörte kaum hin, während er die sexy Kellnerin aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie arbeitete drinnen im Restaurant, wo inzwischen immer mehr Gäste vor der Hitze Zuflucht suchten. Nichts schien sie aus der Ruhe zu bringen – weder die drückende Schwüle noch gereizte Gäste. Sie bediente mit einem Tausend-Watt-Lächeln, an dem er sich nicht sattsehen konnte. Hin und wieder schaute sie verstohlen in seine Richtung. Um sich zu vergewissern, dass er noch da war? Der Gedanke gefiel ihm.

Weil er verrückt nach ihr war. Jake konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal so intensiv auf eine Frau reagiert hatte. Seit seiner Scheidung hatte er nicht gerade wie ein Mönch gelebt, aber er hatte sich auch nicht ernsthaft auf eine Beziehung eingelassen. Keine der Frauen in seiner Vergangenheit hatte je sein Interesse so erregt wie sie. Das sinnliche Spiel, das sie spielten, faszinierte ihn. Er wollte nicht riskieren, die Illusion zu zerstören, indem er sich mit ihr verabredete.

Jake hatte gelernt, wie sehr das Äußere eines Menschen täuschen konnte. Die sexy Kellnerin zog ihn stärker an, als seine Exfrau es je getan hatte, und gerade das sollte ihm als Warnung genügen. Außerdem hatte er noch einen Fall zu lösen. Da musste er einen klaren Kopf behalten.

Rina wedelte mit der Hand vor seinen Augen und schmunzelte. Offenbar hatte sie erraten, wo er mit seinen Gedanken war. Da er während der letzten Wochen darauf bestanden hatte, sich stets zur gleichen Zeit in diesem Café zu treffen, war er ziemlich leicht zu durchschauen.

„Wie ich schon sagte“, nahm Rina den Gesprächsfaden wieder auf, „musste ich Norton vor unserem Treffen ausführen, und er wollte partout nicht mitkommen. Der Arme hasst den heißen Asphalt unter seinen Pfoten. So habe ich dann versucht, ihn die Park Avenue entlangzuziehen, während er mich zurück nach Hause zerren wollte. Kann du dir den Anblick vorstellen?“

Jake schüttelte den Kopf. „Der Hund ist eine Nervensäge“, murmelte er abwesend. Er schaute über die Schulter, doch die Kellnerin war verschwunden.

„Sie kommt wieder“, tröstete Rina ihn augenzwinkernd. „Und Norton ist keine Nervensäge, er hat nur seine speziellen Vorstellungen, wen und was er mag.“

„Und was er nicht mag“, ergänzte Jake und dachte dabei an die Pfütze, die seine neuen Sneakers bei ihrer ersten Begegnung ruiniert hatte.

„Nun, wie dem auch sei, er war Roberts Hund, und jetzt hat er nur noch mich.“

Jake beugte sich vor. „Und wie geht es dir?“

Rinas Mann Robert war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, weil er sich zu sehr beeilt hatte, von einer Geschäftsreise zu seiner Frau nach Hause zu kommen. Schuldgefühle und Trauer hatten sie beinahe zerstört, und Jake hatte sich große Mühe gemacht, sie aus ihrem Tief zu holen. Dazu gehörte auch, sich mehrmals in der Woche mit ihr zum Essen oder auf einen Drink zu verabreden. Fast ein Jahr war seitdem vergangen, und obwohl Rina sich inzwischen erholt hatte, hatte Jake die Gewohnheit beibehalten, weil auch er die gemeinsamen Treffen genoss.

„Genau das wollte ich mit dir besprechen. Eine Freundin hat mich eingeladen, den Sommer mit ihr in Italien zu verbringen. Und ich kann etwas Abstand gebrauchen.“

„Das ist eine großartige Idee“, stimmte Jake spontan zu. Nicht nur, dass die Reise seiner Schwester sehr guttun würde, sie wäre dadurch auch außer Landes und in Sicherheit, bis Louis Ramirez hinter Schloss und Riegel saß. „Alles, was dich aus diesem Mausoleum von Apartment herausholt, kann nur gut für dich sein.“ Jedes Mal, wenn er sich in dem luxuriösen Penthouse-Apartment umdrehte, hatte er Angst, etwas kaputtzumachen.

„Ich bin froh, dass du so denkst. Nur, was ist in der Zeit mit meinem Apartment?“

„Dem Mausoleum?“

„Wie immer du es nennen willst. Ich möchte, dass du dort während meiner Abwesenheit wohnst und dich um Norton kümmerst. Und bevor du ablehnst, denk an den Whirlpool und den Pool. Sie werden Wunder für deine Genesung wirken“, fügte sie bedeutungsvoll hinzu.

Jake spürte Ärger auf sich zukommen. „Sorg dich nicht um meine Gesundheit. Ich brauche keine aufwendige Therapie. Ich mache ein paar Übungen, die ein Orthopäde mir empfohlen hat, und seitdem geht es meiner Schulter schon viel besser.“ Er fing Rinas Blick auf und merkte, dass er sich unbewusst den schmerzenden Muskel gerieben hatte. Schnell legte er die Hand um sein Glas.

Rina zog die Augenbrauen hoch. „Deine Abteilung sagt etwas anderes.“

Sosehr er seine Schwester auch liebte, so konnte er sie doch unmöglich in die Tatsache einweihen, dass er heimlich alles tat, um schnell wieder fit zu werden. Ihre Fürsorge äußerte sich leider nur zu oft darin, dass sie sich in sein Leben einmischte und zu unpassenden Gelegenheiten plauderte. Und er hatte seine Gründe, die Fortschritte seiner Genesung geheim zu halten.

„Meine Abteilung hat nichts zu sagen, solange unklar ist, ob ich überhaupt dorthin zurückkehre“, entgegnete er. Und er war sich nicht sicher, ob er das wollte. Das hatte nichts damit zu tun, dass er noch immer unter den Folgen der Schussverletzung litt. Vielmehr waren es die Begleitumstände dieses Vorfalls, die ihn ernüchtert hatten.

Louis Ramirez, ein notorischer Drogendealer, war reif zur Verhaftung gewesen. Als Ermittler im Rauschgiftdezernat hatte Jake seine ganze Zeit und Energie darauf verwendet, diesem Verbrecher das Handwerk zu legen. Er hatte bereits schon zu viele junge Menschen im Leichenschauhaus gesehen und zu viele einstmals frische Gesichter, die jetzt gezeichnet von Drogenabhängigkeit waren. Jake hatte sich geschworen, den Kerl für lange Zeit aus dem Verkehr zu ziehen, und hatte dabei so manches Mal die Klippen korrekter Polizeiarbeit umschifft. Er hatte einem Informanten vertraut – und es bereut, sobald die erste Kugel abgefeuert worden war und er begriff, dass er und seine Kollegen hereingelegt worden waren.

Dennoch hatten sie Ramirez gefasst. Nach der Schießerei, bei der Frank sein Leben verloren hatte und Jake vorübergehend außer Gefecht gesetzt worden war, konnte Ramirez festgenommen werden. Und er wäre auch in Haft geblieben, wenn Jake nicht k. o. gewesen wäre. Wenn nicht irgendein Anfänger die Sache vermasselt hätte, indem er Ramirez die Rechte nicht richtig vorgelesen hatte. Ramirez musste wegen eines Formfehlers freigelassen werden. Es war nicht das erste Mal, dass Jake so etwas erlebt hatte, aber diesmal war es der sprichwörtliche Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte einen miesen Verbrecher zur Strecke gebracht, nur um mit anzusehen, wie das amerikanische Rechtssystem seine Bemühungen vereitelte.

Der Detective, den Ramirez getötet hatte, war ein guter Mann gewesen – ein Mann, der Frau und Kinder hinterließ –, und es wäre Jake lieber gewesen, die tödliche Kugel hätte ihn getroffen. Er hatte keine kleinen Kinder, die ihren Vater brauchten. Jakes Wochenendbesuche und Anrufe bei Franks Familie waren kein Ersatz für das, was wirklich fehlte.

„Ich habe das System satt, und die Routine hängt mir schon lange zum Hals heraus“, erklärte Jake seiner Schwester ohne Umschweife.

„Frank ist tot, und du willst einfach aufgeben?“

Rina klang ungläubig, vielleicht weil sie Jake besser verstand als jeder andere. Sie wusste, wie tief seine Freundschaft mit Frank und dessen Familie ging, und sie kannte den Schmerz, jemanden zu verlieren. Aber sie kannte auch ihren Bruder. Jake Lowell warf nicht so schnell das Handtuch.

„Ich lenke nur meine Energien um“, wich er aus. Er wollte Rina nicht aufregen, indem er ihr erzählte, dass er vorhatte, Franks Mörder auf eigene Faust zu suchen.

Man konnte Ramirez nicht noch einmal wegen der gleichen Vergehen verhaften, doch der Kerl handelte zweifellos weiter mit Rauschgift und würde irgendwann einen Fehler machen. Jake ermittelte inoffiziell gegen ihn, und zwei befreundete Kollegen versorgten ihn mit Informationen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er Ramirez erwischte. Aber er konnte sich nur so lange ungestört auf diesen Fall allein konzentrieren, wie er wegen Krankheit beurlaubt war.

Außerdem brauchte er eine Auszeit, um herauszufinden, welchen Weg er künftig gehen wollte. Hatten der harte Berufsalltag und die Enttäuschungen ihn schlicht ausgelaugt, oder steckte mehr dahinter? Jake wusste keine Antwort darauf. Und er ahnte, dass ihm auch keine einfallen würde, solange Ramirez frei herumlief.

Seine Verletzung war die perfekte Entschuldigung für ihn, sich den Rücken freizuhalten. „Können wir das Thema wechseln?“, fragte er.

Rina zuckte mit den Schultern. „Wie du willst. Lass den Muskel verkümmern, bis du ihn gar nicht mehr bewegen kannst. Wenn du dann wieder arbeiten willst, wirst du durch den körperlichen Eignungstest fallen und …“

„Rina“, unterbrach er sie mit warnender Stimme.

Kapitulierend hob sie die Hände. „Okay, ich hör ja schon auf. Wirst du nun in meinem Apartment wohnen, während ich weg bin?“

Jake zog eine Augenbraue hoch. „Könntest du den Hund nicht in eine Hundepension geben?“

„Norton mag keine Hundepensionen. Und wenn du dich nicht um ihn kümmerst, werde ich zu Hause bleiben müssen.“

„Schon gut“, erwiderte Jake resigniert. Es war im Grunde egal, wo er sich einrichtete, solange er kommen und gehen konnte, wann er wollte. Außerdem würde er freier agieren können, sobald Rina die Stadt verlassen hatte. „Du sollst fahren, und wenn es dich beruhigt, werde ich in dein Apartment ziehen und sogar mit dieser seltsamen Kreatur öffentlich spazieren gehen.“ Er bemühte sich, seiner Stimme dabei einen humorvollen Klang zu verleihen, damit Rina kein schlechtes Gewissen hatte.

Ihre Augen leuchteten auf, wie Jake es nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr gesehen hatte. „Oh, ich danke dir.“ Sie sprang auf, legte den Arm um seine unversehrte Schulter und küsste ihn auf die Wange. „Danke. Du kannst dir nicht vorstellen, wie deprimierend es für mich ist, allein in dem Penthouse zu sitzen. Diese Reise wird mir helfen, die Erinnerungen zu bewältigen.“

„Das ist alles, was ich mir für dich wünsche.“ Er drückte sie. „Könntest du mich jetzt bitte loslassen, bevor wie aneinander kleben bleiben?“

Rina lachte und setzte sich wieder hin. „Nun, da wir mein Leben fürs Erste in Ordnung gebracht haben, ist es Zeit, dass wir uns mit deinem beschäftigen.“

Jake stöhnte. „Ich wusste, dass du keine Ruhe geben würdest. Ich mache dir einen Vorschlag. Fahr nach Italien und amüsier dich. Komm glücklich zurück, und dann kümmern wir uns um mein Leben.“ Bis dahin würde er Ramirez gefasst haben.

Rina dachte allerdings offensichtlich nicht nur an seine berufliche Zukunft. Sie schaute über ihre Schulter. „Ich weiß nicht, Jake. Wenn du zu lange wartest, schnappt sie dir vielleicht jemand weg. Immerhin könnte sie auch schon in festen Händen sein.“

„Sie trägt keinen Ring“, entgegnete er spontan. Sofort bereute er es, sich auf diese Weise verraten zu haben.

„Dann ändere etwas daran“, erwiderte seine Schwester herausfordernd.

Jake verzichtete darauf, den Köder aufzunehmen. Solange der Fall Ramirez wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf schwebte, konnte Jake keine Ablenkung gebrauchen. Und die sexy Kellnerin könnte ihm mehr als gefährlich werden.

Sie war spät dran. Brianne Nelson lief die Straße zum Sidewalk Café hinunter. Sie brauchte das Geld, das ihr dieser Nebenjob einbrachte, aber sie konnte nur an ihn denken. Ob er da war, wie gestern Abend und den Abend davor? Wartete er auf sie oder hatte er aufgegeben und war gegangen? Und war er allein oder wie immer mit dieser schönen Frau zusammen? Der Frau, die ihn gestern umarmt hatte.

Briannes Herz schlug wild vor Aufregung. Sie hatte schon gedacht, sie würde gar nicht mehr aus dem Krankenhaus herauskommen. Ihr letzter Patient, Mr. Johnson, war in der Röntgenabteilung aufgehalten worden und erschien eine Dreiviertelstunde zu spät zur Physiotherapie, aber sie hatte den älteren Herrn nicht abweisen mögen. Nach seinem zweiten Schlaganfall war Mr. Johnson dringend auf die Rehabilitation angewiesen. Sie konnte ihn genauso wenig auf einen anderen Termin legen oder an einen anderen Therapeuten verweisen, wie sie ihren Zweitjob aufgeben konnte.

Nicht dass sie es wollte. Nicht seit der Mann ihrer Träume wartete. Er kam dreimal die Woche, jedes Mal im gleichen Outfit – einer Jeans und einem Shirt mit abgeschnittenem Saum, das einen Streifen brauner Haut mit einem Hauch von dunklen Härchen auf seinem Bauch entblößte. Und seine Oberarme … Brianne hatte noch nie so gut modellierte Muskeln gesehen. Der Fremde faszinierte sie.

Als Brianne sich dem Eingang näherte, verlangsamte sie die Schritte und ließ ihren Blick über die besetzten Tische entlang dem Bürgersteig wandern. Viele der Männer hatten pechschwarzes Haar, doch bei keinem von ihnen begann ihr Puls zu rasen. Keiner von ihnen erwiderte ihren Blick mit einem wissenden Ausdruck in den Augen oder löste mit seinem sexy Lächeln eine heiße Welle des Verlangens in ihr aus.

Sie versuchte, nicht enttäuscht zu sein, und erinnerte sich daran, dass der Mann anscheinend bereits vergeben war. Deshalb hatte sie Jimmy gebeten, dass ihre Kollegin Kellie die Tische draußen übernahm. Kellie verstand es, zu flirten, ohne die Männer ernst zu nehmen, und würde mit so einem attraktiven Gast lässig fertig werden. Im Gegensatz zu Brianne, die viel zu befangen war.

Sie hastete ins Restaurant und am Tresen vorbei.

„Du kommst zu spät“, rief Jimmy ihr nach.

„Es tut mir leid.“

„Warte. Jemand möchte …“

Sie verschwand schnell in dem kleinen Waschraum und schnitt Jimmy so das Wort ab, bevor er ihr wieder Vorträge über ihre Doppelbelastung halten konnte. Er war nicht nur ihr Chef, sondern mit der Zeit auch ein guter Freund geworden. Tagsüber arbeitete sie in ihrem Beruf als Physiotherapeutin, und Jimmy wusste, wie nötig sie den Zweitjob im Café brauchte. Er beschwerte sich nur selten über ihre häufigen Verspätungen. So wie sie hatte auch er seine Eltern früh verloren und einen jüngeren Bruder großgezogen. Nur dass er nicht den zusätzlichen Druck gehabt hatte, einem hochbegabten Jungen den Aufenthalt in einem exklusiven privaten Internat und anschließend eine College-Ausbildung zu finanzieren.

Zu dumm, dass ihre Eltern nicht an ihre Kinder gedacht hatten, als sie mit einem kleinen Flugzeug bei einem Unwetter starteten, vor dem sogar die Luftfahrtbehörde gewarnt hatte. Zu dumm, dass sie ihr ganzes Geld nur ins Vergnügen gesteckt hatten und nicht in eine Lebensversicherung.

Brianne verdrängte den Gedanken an ihre egoistischen Eltern. Sie war nun schon so lange für ihren Bruder verantwortlich, dass sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen konnte. Aber selbst ein Chef, der gleichzeitig ihr Freund war, würde sie nicht weiterbeschäftigen, wenn sie sich nicht zusammenriss und endlich anfing, die Gäste zu bedienen.

Sie wusch sich die Hände und fragte sich, ob er vielleicht später auftauchen würde. Diese Hoffnung würde ihr Kraft geben, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Nur zu wissen, dass er da war und sie beobachtete, gab ihr das Gefühl, sexy und begehrenswert zu sein, und versetzte sie in gehobene Stimmung.

Sie trocknete ihre Hände und nahm ihre Sachen, um sich in einer der Kabinen umzuziehen. Dabei stieß sie plötzlich mit jemandem zusammen. „Entschuldigung“, murmelte sie.

„Mei ne Schuld.“

Brianne trat einen Schritt zurück und sah sich der Frau gegenüber, die sonst immer mit ihrem Traummann zusammensaß. Ihr dunkles Haar war stufig geschnitten. Der fransige Schnitt passte perfekt zu ihrem zart geschminkten Gesicht und der eleganten Kleidung.

Die Frau sieht jedenfalls nicht so aus, als ob sie den ganzen Tag andere Leute massiert hätte, dachte Brianne flüchtig. Dann schaute sie auf die Uhr und stöhnte. „Entschuldigen Sie. Ich bin spät dran.“ Brianne ging auf den offenen Verschlag zu.

„Können wir uns kurz unterhalten?“

Die Stimme der anderen Frau ließ Brianne kurz erstarren, dann wirbelte sie herum. „Wie bitte?“ Ihr Herz schlug schneller.

Sie hatten nichts gemeinsam, nichts zu bereden – außer ihn. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen, beruhigte sich Brianne. Doch die Gedanken und Fantasien, die um diesen Mann kreisten, genügten, um sie erröten zu lassen.

„He, alles in Ordnung?“, fragte die Frau besorgt.

„Mir geht es gut“, antwortete Brianne verlegen. Ihr Traummann hatte eine Freundin, die mit ihr sprechen wollte. Sie hatte mit angesehen, wie sie sich umarmt hatten, und dabei Eifersucht empfunden. Aber es war nur richtig, dass sie daran erinnert wurde, dass er vergeben war. „Mir geht es gut“, wiederholte sie. „Danke. Es ist nur, weil ich spät dran bin. Mein Chef …“

„Ist ein großartiger Kerl. Er hat es erlaubt.“

Brianne schüttelte den Kopf. „Ich möchte nicht unhöflich sein, doch ich muss wirklich arbeiten. Jimmy ist wunderbar, aber die Trinkgelder kann er mir nicht ersetzen.“

„Ich weiß besser Bescheid, als Sie ahnen. Ich komme oft hierher.“

„Ich weiß.“ Brianne hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, weil sie sich verraten hatte.

„Nun, ich möchte nicht, dass Sie denken, ich wäre unhöflich oder hätte gelauscht, nur …“ Die Frau lächelte. „Okay, ich habe gelauscht. Gestern Abend. Ich habe gehört, wie Sie zu Jimmy gesagt haben, wie müde Sie wären. Und dann erwähnte er etwas davon, wie gern Sie mit Ihrem Bruder zusammenziehen würden, wenn er im Herbst sein Studium in Stanford beginnt.“

„Und Sie möchten mich in den ersten Flieger Richtung Westen setzen?“, fragte Brianne mit einem Anflug von Sarkasmus.

„Ja. Nein.“ Die Frau lachte. „Lassen Sie es mich erklären.“

Brianne war sich nicht sicher, ob sie sie anhören wollte. Wenn diese Frau vermutete, dass sie ihrem Freund nachstellte, würde sie wahrscheinlich versuchen, ihr Kalifornien schmackhaft zu machen. Was nicht nötig war – Brianne freute sich auf den Neuanfang. Wärmeres Klima. Normale Arbeitszeiten. Freunde. Ein eigenes Leben.

Sie seufzte. Sie hatte Bewerbungen abgeschickt, aber bis jetzt noch kein Glück gehabt. Entweder hatte man sie einfach abgelehnt, oder das Gehalt, das man ihr bot, kam dem in New York nicht gleich. Brianne musste wählerisch sein, wenn sie Marcs Darlehen für das Internat und ihre eigenen Schulden abbezahlen wollte.

Davon abgesehen, würde Brianne am liebsten auf der Special Kid Ranch arbeiten. Mit Kindern zu arbeiten, war schon immer ihr Wunsch gewesen, allerdings hatte sie nicht viel Hoffnung, dass sie eine Zusage bekommen würde.

„Hören Sie mir überhaupt zu?“

Brianne blinzelte. „Ja. Sorry.“ Sie hatte in den letzten Tagen so viel um die Ohren, dass es ein Wunder war, dass sie überhaupt funktionierte.

„Ich schlage vor, wir setzen uns erst einmal, aber …“ Die Frau schaute sich in dem gefliesten Waschraum um und lächelte. „Sie müssen mich anhören. Ich habe ein Angebot für Sie, das Sie garantiert nicht ablehnen können.“

2. KAPITEL

Brianne betrat die prunkvolle Lobby des vornehmen Gebäudes in Manhattan. Ein Portier in Uniform begrüßte sie freundlich. „Hallo, Miss Nelson.“

Brianne wunderte sich, dass der ältere Herr sich an sie erinnerte. Sie hatte ihn nur einmal getroffen, als sie Rina vor ein paar Tagen hier besucht hatte. Verstohlen sah sie auf sein Namensschild. „Hallo, Harry“, erwiderte sie lächelnd und ließ sich von ihm zum Privatlift führen, der zum Penthouse führte.

Im Fahrstuhl war sie dann mit ihren Gedanken allein. Rina hatte ihr ein Angebot gemacht, dem sie nicht hatte widerstehen können. Damit, dass sie Rinas Bruder in den Abendstunden physiotherapeutisch betreute, würde sie genug Geld verdienen, um endlich freier atmen zu können. Sie würde Marcs Schuldarlehen zurückzahlen können, und da die Kosten fürs College von Stipendien gedeckt wurden, waren die Zeiten drückender finanzieller Lasten für sie vorbei. Sie hatte sogar schon einen Teil ihrer eigenen Schulden tilgen können dank des zweiten Teils von Rinas großzügigem Vorschlag – mietfreies Wohnen in einem Zimmer des Penthouse-Apartments.

Bei der Vorstellung, bei Rina und ihrem Bruder einzuziehen – völlig fremden Leuten –, drohten alte Ängste wieder in ihr aufzuleben. Aber Brianne kämpfte dagegen an. Obwohl sie Rinas Bruder noch nicht kannte, hatte ihr Rinas Herzlichkeit ein gutes Gefühl gegeben.

Viel mehr Sorge bereitete ihr Rinas Freund. Brianne hoffte, dass sie hier nicht ihrem Traummann begegnen würde. Doch falls Rina etwas von der knisternden Spannung zwischen ihnen gemerkt haben sollte, würde sie ein Zusammentreffen von ihnen schon zu verhindern wissen. Brianne gab zu, dass es das Beste für sie wäre.

Der Fahrstuhl blieb stehen, und die Türen glitten lautlos auf. Brianne trat direkt in den Flur des beeindruckend großen Penthouse-Apartments und schaute sich staunend um. Sie registrierte einen kristallenen Kronleuchter, riesige Fenster und Marmorfußböden. Eine völlig andere Welt.

Sie sah an sich herab und strich die Trainingshose glatt, die sie für das Treffen mit Rinas Bruder angezogen hatte. Sie hatte schon durch ihre Kleidung demonstrieren wollen, dass sie ihre Aufgabe ernst nahm und sofort anfangen konnte. Jetzt fragte sie sich, ob sie einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht hätte sie sich für ein formelleres Outfit entscheiden sollen, aber jetzt war es zu spät. Die erste Begegnung mit ihrem neuen Patienten stand unmittelbar bevor.

Schwierig, so hatte Rina ihren Bruder beschrieben. Stur. Nicht vom Nutzen einer Therapie überzeugt. Brianne legte die Hände an ihren Bauch und versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. Sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, ihre Unsicherheiten zu verbergen und das Beste aus jeder Situation zu machen.

„Hallo?“, rief sie und wunderte sich beinahe, dass sie kein Echo hörte. Das Apartment erstreckte sich über das gesamte oberste Stockwerk des noblen Gebäudes, und niemand hatte ohne Hauptschlüssel Zugang zum privaten Aufzug. Brianne war noch nie in einer so exklusiven und eleganten Wohnung wie dieser gewesen.

„Ist niemand hier?“

Auf ihr Rufen kam der kleine pummelige Hund, den sie bei ihrem ersten Besuch kennengelernt hatte, auf sie zugesprungen und begrüßte sie schwanzwedelnd.

„Na, du bist vielleicht ein Wachhund.“ Brianne bückte sich ohne Furcht zu ihm hinab. Sie musste mit den Fingern in den Falten seines Fells graben, um ihn liebevoll hinterm Ohr zu kraulen. „Und ein ganz Hübscher.“ In natura hatte sie so einen Hund vorher noch nie gesehen. Sie schaute auf das Namensschild an seinem Halsband. „Ist noch jemand hier, Norton?“

Er leckte ihre Hand. „Eine schwarze Zunge“, murmelte sie. „Interessant.“

„Rina? Wieso bist du zurück?“, rief eine männliche Stimme irgendwo im Hintergrund. Bevor Brianne antworten konnte, redete der Mann weiter. „Ich dachte, du bist längst auf dem Weg zum Flughafen …“ Plötzlich verstummte die Stimme.

Brianne richtete sich auf. Sie hob den Blick und hielt vor Schreck den Atem an. Vor ihr stand ihr Traummann – nackt bis auf die schmalen Handtücher, die er um die Hüften und den Hals geschlungen hatte. Sein Körper war muskulös, seine Haut gebräunt. Sie zwang sich, tief durchzuatmen, und sah in sein schockiertes Gesicht.

„Sie sind nicht Rina“, stellte er ganz überflüssig fest.

Brianne schüttelte den Kopf und fragte sich, ob er enttäuscht war, da verzog er seine Lippen zu diesem unglaublich sinnlichen Lächeln.

„Ich habe mir schon gedacht, dass sie es nicht sein kann. Sie ist schon vor einer ganzen Weile mit dem Taxi zum Flughafen gefahren.“

Briannes Blick fiel flüchtig auf das Handtuch, das ihm tief um die Hüften hing. Als sie Rinas Vorschlag akzeptiert hatte, war sie davon überzeugt gewesen, dass sie ihm nicht begegnen würde. Doch nun sah sie ihn unvermittelt vor sich.

Und sie würde noch viel mehr von ihm sehen, wenn er hier lebte, wie sie jetzt vermutete. Als ob sie nicht schon genug sah. Fasziniert beobachtete sie, wie die Sonnenstrahlen auf seiner breiten Brust spielten. Ihr wurde beinahe schwindelig.

Er trat einen Schritt vor. Der Geruch von Seife kombiniert mit einem würzigen Aftershave hüllte sie ein. „Keine Bewegung“, befahl sie. „Keinen Schritt weiter.“

„Sie kann sprechen … Und ich dachte schon, Sie wären stumm.“

„Sehr witzig“, erwiderte sie. „Warum darf ich nicht näher kommen?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.

Brianne wünschte, er würde nicht ständig Dinge tun, die ihre Aufmerksamkeit auf seinen Körper lenkten. In ihrer Fantasie hatte sie diesen Mann jede Nacht mit zu sich nach Hause genommen, mit in ihr Bett. Und nun arbeitete sie für die Frau, mit der er zusammen war. Brianne konnte nicht so tun, als ob ihr das nichts ausmachte.

Vergiss das Geld, du kannst diesen Job unmöglich annehmen.

Plötzlich winselte Norton, legte den Kopf zwischen seine Vorderpfoten und schaute traurig zu ihr auf. Aber als ihr Traummann ihr Kinn umfasste und ihr Gesicht hob, um ihr tief in die Augen zu schauen, vergaß sie alles um sich herum.

Seine Fingerspitzen brannten auf ihrer Haut. „Sie sehen so aus, als würden Sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.“

Sein Körper strömte kraftvolle Hitze aus. Der Drang, sich an ihn zu schmiegen, war stark. Zu stark. „Ich habe Sie gebeten, nicht näher zu kommen.“

„Und ich habe Sie gefragt, warum nicht. Sie haben nicht geantwortet.“

Seine Augen waren tiefblau, wie Brianne jetzt feststellte. So dunkel, dass man sie fast schwarz nennen könnte.

Sie suchte nach einer unverfänglichen Antwort auf seine Frage und fand keine. Sie konnte ihm schlecht die Wahrheit sagen. Also blieb sie stumm.

Er seufzte und ließ seine Hand sinken. „Okay, dann lassen Sie mich anfangen. Ich wusste nicht, dass Rina Besuch erwartet. Ich wusste nis heute nicht einmal, dass Sie und Rina sich überhaupt kennen.“

Ohne seine Berührung war Brianne in der Lage, sich etwas besser zu konzentrieren. „Wir haben uns letzte Woche getroffen. Und nicht Rina erwartet mich, sondern ihr Bruder.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Tut er das?“

„Das nehme ich jedenfalls an. Rina sagte, sie würde ihm Bescheid geben, dass ich komme. Ich bin Brianne Nelson.“

„Brianne“, wiederholte er. „Ein schöner Name. Er passt zu Ihnen.“

„Danke.“

Er nickte. „Dann verraten Sie mir bitte, warum Rinas Bruder Sie erwarten sollte?“

„Ich bin Physiotherapeutin“, erklärte sie knapp. Das skeptische Aufblitzen in seinen Augen gefiel ihr ganz und gar nicht.

„Ich dachte, Sie wären Kellnerin.“

Etwas spät merkte sie, dass sie immer noch nichts über ihn wusste, und dabei war ihr etwas unbehaglich zumute. „Dieses Gespräch ist ziemlich einseitig. Sie kennen jetzt meinen Namen und meinen Beruf, während ich noch gar nichts von Ihnen weiß.“

„Sie wissen, wie ich aussehe, wenn ich gerade aus der Dusche komme“, erwiderte er lächelnd. „Und das ist sehr viel mehr, als ich von Ihnen weiß.“ Er maß sie mit einem vielsagenden Blick.

„Das meinte ich nicht.“

Er schüttelte den Kopf und lachte. „Entschuldigung. Lassen Sie uns noch einmal von vorn anfangen.“

„Das haben wir bereits versucht.“ Brianne verschränkte die Arme und sah ihn abwartend an.

„Gut, dann versuchen wir es weiter, bis es klappt.“ Er streckte die Hand aus und musterte Brianne herausfordernd, so als ob er wüsste, wie sehr seine Berührung sie aufgewühlt hatte. Sie legte ihre Hand in seine.

„Jake Lowell“, sagte er. „Schön, Sie kennenzulernen, Brianne.“ Er umschloss ihre Hand. Sein Griff war fest – und in gewisser Weise sinnlich.

Plötzlich stutzte sie. Rina hatte den Namen ihres Bruders erwähnt. Schockiert wich Brianne einen Schritt zurück. „Jake Lowell? Sie sind derjenige, der eine Therapie braucht?“ Bei seinem frechen Grinsen holte sie tief Luft. „Sie sind Rinas Bruder?“

„In Person.“ Er grinste selbstgefällig.

Ihr Blick fiel wieder auf das Handtuch, das um seine Hüften geschlungen war und bei der kleinsten Bewegung herunterfallen konnte. Sie schluckte. Er war nicht Rinas Freund. Er war Briannes Traummann. Und sie war seine ganz persönliche Physiotherapeutin, sofern er ihre Hilfe überhaupt akzeptierte. Dies wäre jetzt ein wirklich passender Moment, in Ohnmacht zu fallen.

„Und Sie sind demnach das Überraschungsgeschenk, das mir meine Schwester für die Zeit ihrer Abwesenheit versprochen hat.“

„Abwesenheit?“, wiederholte Brianne benommen.

„Sie verbringt den Sommer in Europa.“

„Das kann doch nur ein Scherz sein.“

Er schüttelte den Kopf und schien die ganze Angelegenheit auch noch sehr amüsant zu finden.

Brianne fiel noch etwas ein. „Sie sagten, ich sei das Überraschungsgeschenk?“

„Es scheint so.“

„Was zum Teufel meinen Sie damit?“ Wut stieg in ihr auf. „Warum um alles in der Welt sollte Ihre Schwester so ein Spiel spielen?“

„Oh, da kann ich einen Tipp abgeben.“ Jake deutete zwischen ihnen beiden hin und her.

Brianne wirbelte herum und ging forsch zum Ausgang. Dort drehte sie sich noch einmal um. Sie musste ihrem Ärger einfach Luft machen. „Ich bin sehr wütend darüber, wie ich getäuscht worden bin. Denn ich nehme meinen Beruf und meine Fähigkeiten ernst. Ich bin nicht an irgendeiner Form von Kuppelei interessiert.“ Jedenfalls redete sie sich das ein. Ihr wild klopfendes Herz widersprach dem heftig.

Er trat wieder näher. „Wie kann ich Ihnen nur beweisen, dass Sie sich irren?“

„Irren? Worin?“, fragte sie.

„Sie sind interessiert.“ Seine Stimme klang eine verführerische Spur tiefer.

„Ich bin so sehr interessiert, wie Sie eine Therapie brauchen.“ Brianne überlegte kurz, ob Jake an der List seiner Schwester beteiligt war, doch sein Schock, sie hier zu sehen, schien echt gewesen zu sein. Vielleicht konnte sie ihm keinen Vorwurf machen, aber wütend war sie trotzdem.

„Nun, damit haben wir ja schon eine Basis.“ Er griff nach einem Ende des Handtuchs, das um seinen Hals hing.

„Was tun Sie da?“ „Ich mache einen Punkt. Sehen Sie das?“ Bevor sie ihn daran hindern konnte, zog er das Handtuch auf der einen Seite ein Stück herunter, um auf der anderen Seite seiner kräftigen Brust verblassende Vernarbungen zu enthüllen. „Ich bin an der Schulter verletzt worden, und meine Bewegungsfähigkeit ist stark eingeschränkt.“ Er hob seinen Arm bis zur Schmerzgrenze und ließ ihn wieder sinken. „Ich brauche eine Therapie. Und demnach sind Sie, Brianne, an mir interessiert.“

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. In ihrem Kopf drehte sich alles. Jake war verwundet worden, und sie konnte es nicht fassen, wie betroffen sie das machte.

Fieberhaft dachte sie nach. Dank der großzügigen Bezahlung für diesen Job würde sie es sich leisten können, nach Kalifornien zu ziehen, selbst wenn sie dort nicht gleich eine Anstellung fände. Jake zu behandeln, bedeutete eine Herausforderung, aber sie war noch nie ein Drückeberger gewesen. Was machte es also, dass sie getäuscht worden war?

Sie schob ihren Ärger beiseite. Nicht Jake hatte sie hereingelegt, sondern seine Schwester. Doch auf lange Sicht war es zu Briannes Gunsten, und das allein zählte. Sie würde wie abgesprochen in dieses Apartment einziehen und sich um die steife Schulter dieses Mannes kümmern.

Himmel, worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

Jake beobachtete Brianne. Ihren Augen waren weit aufgerissen, ihre Lippen leicht geöffnet. Der Wunsch, diese Lippen zu küssen, war auf einmal stark wie nie. Jake wusste nicht, was ihn mehr verwirrte – die Einmischung seiner Schwester oder die Frau, die sie ihm als Abschiedsgeschenk ausgesucht hatte. Wie passend, dass sie ausgerechnet Phsyiotherapeutin war.

Doch Jake hatte keinen Zweifel, dass Rina in jedem Fall einen Weg gefunden hätte, sie beide zusammenzuführen, egal welchen Beruf Brianne gehabt hätte. Es war Zufall, dass Brianne als Physiotherapeutin ideal für seine Bedürfnisse war. Und wenn sie weiter so gedankenverloren auf das Handtuch um seiner Taille starrte, würden sich einige dieser Bedürfnisse verselbstständigen, und zwar bald.

Er war ihr so nah, dass er den Hauch von Erdbeerduft in ihrem Haar roch. Der Geruch wirkte frisch und sauber, und dennoch weckte er ein überraschend intensives Verlangen in ihm. Für einen Mann, der eine schlechte Ehe und eine schmutzige Scheidung hinter sich hatte, war sein Interesse an dieser Frau viel zu groß.

Ich sollte sie gehen lassen, dachte Jake. Sie war eine Ablenkung, die er sich nicht leisten konnte.

Er brauchte einen klaren Kopf für sein Ziel, Ramirez zu fassen. Das schuldete er Frank und vor allem dessen Familie. Jake konnte der Frau und den Kindern seines Freundes kaum in die Augen schauen.

„Sind Sie bereit, über Ihre Rehabilitation zu sprechen, oder wollen Sie es mir genauso schwer machen wie Ihrer Schwester?“, fragte Brianne.

Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Seine Schwester hatte Brianne engagiert, und ihrer aufrechten Haltung und der entschlossenen Miene nach zu urteilen, sah es so aus, als wollte Brianne den Job tatsächlich annehmen.

Doch Jake wollte keine Therapie. Rina hatte Brianne offensichtlich erzählt, dass er sich dagegen sperrte, und das war genau der Eindruck, den er absichtlich bei allen anderen erwecken wollte. Denn die Sicherheit aller unmittelbar und mittelbar Beteiligten hing davon ab, dass Ramirez überraschend gestellt wurde. Jake konnte nicht zulassen, dass Brianne seinen Pläne in die Quere kam.

„Wissen Sie was?“ Sie räusperte sich. „Bevor wir weiterreden, sollten Sie sich vielleicht lieber anziehen.“

Er lächelte. „Wenn Sie darauf bestehen.“

„Ich muss darauf bestehen.“

Jake musterte sie und bemerkte, dass sie wunderschöne grüne Augen hatte.

„Es würde helfen, die Beziehung zwischen Therapeut und Patient festzulegen“, erklärte sie.

Sie wollte also ein betont sachliches Verhältnis. Dabei wusste sie sicher genauso gut wie er, dass das unmöglich war. In ihrer Nähe schlug sein Herz schneller. Aber wenn sie Abstand wahren wollte, war das nur in seinem Sinne.

Norton hatte sich wieder zu ihren Füßen hingelegt. Offensichtlich war der Hund klüger, als Jake bisher vermutet hatte. „Ich nehme ihn mit. Komm, Junge.“

Norton hob sich den Kopf, dann legte er ihn wieder zwischen seine Vorderpfoten. Jake seufzte. Er hatte den größten Teil des Vormittags damit zugebracht, den Hund zu trösten, nachdem Rina die Wohnung verlassen hatte. Zum Dank hatte Norton ihm nach dem Duschen die Beine abgeleckt. Sonst saß der Hund nur jaulend vor Rinas Schlafzimmertür.

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn er bei Ihnen bleibt?“, fragte er.

Sie kniete sich hin und tätschelte dem Hund den Kopf. „Natürlich macht es mir nichts aus. Wir sind schon Freunde geworden, nicht wahr, mein Kleiner?“ Mit einem Seufzer rollte Norton sich auf den Rücken und ließ sich den Bauch streicheln.

Jake verdrehte die Augen. „Verräter“, murmelte er, dann wandte er sich an Brianne und deutete Richtung Wohnzimmer. „Fühlen Sie sich wie zu Hause.“

„Danke“, erwiderte sie.

Jake ging ins Schlafzimmer. Er musste eine Weile allein sein, um sich eine Strategie auszudenken, wie er seine frisch engagierte Therapeutin abwimmeln konnte.

Als er angezogen war, hatte er immer noch keine Idee. Da klingelte das Telefon. „Hallo?“

„Jake?“

Es war Rina. Sie klang völlig außer Atem.

„Hör zu, es gibt ein Problem mit meinem Platz, und ich muss mich beeilen, aber ich wollte kurz checken, ob …“

„Brianne ist hier“, unterbrach er sie mürrisch. „Du hättest dich da heraushalten sollen, Rina.“

„Nach all den Stunden, die wir gemeinsam in dem Café gesessen haben, bin ich da anderer Meinung. Das Schicksal macht nicht oft Geschenke, und wenn, dann darf man es nicht zurückweisen. Die Zeit, die Robert und ich zusammen hatten, war zu kurz. Ich wünsche mir mehr für dich. Ich habe nur ein wenig nachgeholfen. Sie ist dir vom Himmel geschickt worden, Jake. Du brauchst sie.“

Frustriert fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar. Wenn Rina sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht zu stoppen. Gut, dass sie auf dem Weg nach Europa war.

Er schüttelte den Kopf. „Ist es nicht meine Sache, zu entscheiden, wen und was ich brauche?“

„Oh, hast du das gehört? Sie rufen mich gerade aus. Vielleicht haben sie jemanden gefunden, der seinen Platz mit mir tauscht. Du weißt, ich kann nicht am Fenster sitzen. Ich kriege dann Platzangst. Ach, und noch etwas, Jake. Habe ich schon erwähnt, dass Brianne in das leere Zimmer am Ende des Flurs einziehen wird? Sie konnte ihre Wohnung kündigen, und so ist es ja auch viel bequemer für euch. Außerdem braucht sie …“ Der Rest des Satzes wurde von einer Lautsprecheransage übertönt. „Es tut mir leid, Jake. Ich muss mich jetzt wirklich beeilen. Ich rufe dich von Italien aus an. Ich liebe dich.“ Und dann legte sie einfach auf.

Jake sank aufs Bett und versuchte, die Neuigkeiten zu verarbeiten. Kaum hatte er Rina sicher außer Landes, da hatte er schon die nächste Frau am Hals. Wenigstens war sie keine Verwandte. Sie stand in keiner engen Beziehung zu ihm, was sie vor Ramirez’ Rache schützte. Der Gedanke war allerdings nur ein schwacher Trost. Brianne blieb ein Problem für ihn.

Sie hatte ihren Mietvertrag also bereits gekündigt. Außerdem hatte sie diesen Job in gutem Glauben angenommen. Jake konnte nichts daran ändern. Er konnte sie nicht feuern oder auf die Straße setzen. Aber sosehr er sie auch begehrte, sie passte nicht in seine Pläne für diesen Sommer.

Sobald Brianne hier eingezogen wäre, bei ihm … Schlagartig wurde ihm bewusst, dass die Frau, die er seit Monaten begehrte, seine Mitbewohnerin werden würde. Nicht einmal eine kalte Dusche könnte das Feuer löschen, das dieser Gedanke in ihm entfachte. Zu oft hatte er nach seinen Besuchen im Café nachts wach gelegen und sich ruhelos im Bett herumgewälzt, von ihr geträumt und sich nach den Berührungen einer Frau gesehnt, die nur in seinen Fantasien existierte. Und doch waren diese Fantasien so real, dass seine Hände zu ihren Händen wurden, um seinen erregten Körper wenigstens vorübergehend zu befriedigen.

Aber jetzt lagen die Dinge anders. Weil sie jetzt mehr als ein Gesicht war, mehr als eine Fantasie. Sie hatte einen Namen und eine Persönlichkeit. Ob es ihm gefiel oder nicht, sie war seine ganz persönliche Physiotherapeutin, die für die Dauer dieses Sommers bei ihm wohnen würde.

Und sie wartete im Zimmer nebenan auf ihn.

3. KAPITEL

Brianne trat an die Fensterfront, von der man einen atemberaubenden Ausblick auf den East River hatte. Die Sonne schien durchs Fenster, und ihre Haut schien zu brennen. Dabei stand sie innerlich ohnehin schon in Flammen – dank Jake. Ein sexy Name für einen sexy Mann, dachte sie. Und ungebunden schien er auch noch zu sein. Aber eigentlich wusste sie kaum etwas über ihn.

Trotz aller Neugier nahm sie sich vor, ihn nicht nach persönlichen Dingen zu fragen. Jake faszinierte sie, doch sie musste unbedingt Abstand wahren. Das würde nicht leicht sein. Denn dieser Mann, dieses Penthouse, dieses Knistern – das war alles Stoff, aus dem Träume waren. Nur dass Träume selten wahr wurden, wie sie erfahren hatte.

Brianne hatte sich liebevolle, fürsorgliche Eltern gewünscht, aber ihre Eltern waren Weltenbummler, die sich mehr für ihre gefährlichen Abenteuer als für ihre Kinder interessierten. Sie hatte Sicherheit und ein ganz normales Leben gewollt, mit Freunden ausgehen und Spaß haben wollen. Stattdessen hatte sie die Verantwortung für einen jüngeren Bruder übernehmen müssen, den sie über alles liebte. Brianne wusste, dass Träume wichtig waren, um die Last des Lebens erträglich zu machen, aber sie gingen selten in Erfüllung.

Ihr sehnsüchtiges Verlangen nach Jake gehörte ebenfalls ins Reich der unerfüllbaren Wünsche. Je weniger sie über ihn erfuhr, umso besser für sie. Sie spürte, dass ihr Herz und ihr Verstand in Gefahr waren.

Physiotherapie war eine sehr körperliche Angelegenheit. Brianne würde seinen Rücken und seine Schultern massieren und seine kräftigen Muskeln unter ihren Händen fühlen. Sie würde sehr engen Kontakt haben zu einem Mann, der sie nicht nur stark erregte, sondern ganz unerwartet auch tiefere Gefühle in ihr geweckt hatte. Brianne bekam jeden Tag Verletzungen und Narben zu Gesicht, doch als sie Jakes Narben gesehen hatte, war ihre Kehle wie zugeschnürt gewesen. Und das war kein gutes Zeichen.

„Ich bin bereit.“ Seine tiefe Stimme ließ sie erschauern. Brianne drehte sich zu ihm um. Bei seinem Anblick schlug ihr Herz schneller. Er trug wieder ein abgeschnittenes Sweatshirt, diesmal in einem dunklen Blau, das die Farbe seiner Augen betonte, und Shorts, die nicht viel mehr verbargen als vorhin das Handtuch.

Sie seufzte. Es wurde Zeit, dass sie Klartext redete. „So, Sie sind bereit. Wie interessant. Rina hat gesagt, Sie seien ein harter Brocken. Und dass Sie sich jeder Therapie widersetzen würden.“

Jake zuckte mit den Schultern. „Rina hat durchaus recht. Ich meinte nur, dass ich bereit bin, zu reden.“ Er ließ sich auf einem der weißen Samtsofas nieder. Unrasiert und lässig gekleidet, wirkte er in dem schicken Ambiente seltsam fehl am Platz, und dennoch schmälerte das seine Ausstrahlung nicht im Geringsten.

„Setzen Sie sich zu mir.“ Er klopfte einladend auf den Platz neben sich.

Brianne hatte wohl keine andere Wahl, wenn sie ihn überzeugen wollte, daher ließ sie sich neben ihn auf das weiche Polster sinken, allerdings mit reichlich Abstand.

„Erzählen Sie mir etwas, Jake“, forderte sie ihn auf. „Sagen Sie das noch einmal.“

Sie neigte den Kopf. „Was?“

„Meinen Namen.“

Sein Blick hielt sie gefangen, und sie hätte sich nicht abwenden können, selbst wenn sie es gewollt hätte. Noch weniger konnte sie ihm seine Bitte abschlagen.

„Jake“, murmelte sie.

Er rückte näher. „Davon träume ich schon lange“, flüsterte er heiser.

„Ich auch“, gab Brianne leise zu. Und nur aus Neugier würde sie den unvermeidlichen Kuss zulassen. Jedenfalls redete sie sich das ein.

Jake umfasste ihr Kinn und berührte ihre Lippen mit seinem Mund. Leidenschaftlich und dennoch unendlich zärtlich erfüllte dieser Kuss alles, was sie sich ersehnt hatte. Als Jake seine Zungenspitze sanft zwischen ihre Lippen gleiten ließ, begann sie am ganzen Körper zu zittern. Ein heißes Kribbeln durchströmte sie von Kopf bis Fuß und steigerte sich zu einem fast schmerzhaften Ziehen zwischen den Beinen.

Unwillkürlich seufzte sie. Jake küsste sie daraufhin noch fordernder, aber Brianne kam durch den Laut wieder zur Besinnung. Sie legte ihre Hände an seine Schultern, um ihn von sich zu drücken. Doch stattdessen krallte sie die Finger in sein Sweatshirt und spürte die Muskeln darunter. Sie ließ es zu, dass der Kuss noch eine zauberhafte Minute andauerte, bevor sie sich von Jake löste.

„Wir dürfen das nicht tun.“

Sein Atem ging ebenso unregelmäßig wie ihrer. „Was dürfen wir nicht? Uns kennenlernen?“

Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über ihre feuchten Lippen, die noch verführerisch nach ihm schmeckten. „Das war mehr als kennenlernen.“ Dann überlegte sie. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie Ihre Meinung bezüglich der Therapie geändert haben?“

Jake lachte. „Ich mag Ihre Strategie. Mich küssen und damit meine Abwehr schwächen. Haben Sie etwa vor, meine Schwäche auszunutzen?“ Ein Lächeln umspielte um seine Mundwinkel.

„Sie haben mich zuerst geküsst“, erinnerte sie ihn. „Sie haben nicht protestiert.“

Sie klangen wie zankende Kinder, doch der Kuss war alles andere als harmlos gewesen. „Einigen wir uns darauf, dass wir es nun hinter uns haben. Jetzt können wir unbelastet weitermachen.“

„Und Sie ziehen hier ein?“ Er zuckte mit seiner gesunden Schulter. „Das war vorhin Rina am Telefon. Sie hat mir die neuen Wohnverhältnisse erklärt.“

Brianne hatte den Eindruck, dass er davon überrascht war. „Das haben Sie auch nicht gewusst?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber das ist typisch für Rina. Immer voll mit den besten Absichten, bloß nicht immer mit dem Verstand dabei. Sie ist eine echte Romantikerin.“

Brianne hatte bereits vor dem Kuss akzeptiert, dass sie hereingelegt worden war. Es hatte sich nichts an der Situation geändert. Sie konnte diesen Job nicht hinwerfen, denn sie brauchte das Geld, um ein neues Leben beginnen zu können.

„Okay, Jake. Lassen Sie uns offen reden. Sie sperren sich gegen eine Therapie und haben Ihrer Schwester heftig widersprochen …“

„Natürlich habe ich das. Haben Sie einen Bruder oder eine Schwester?“

Sie nickte. „Einen Bruder.“ „Dann wissen Sie, dass Geschwister dazu da sind, sich von Zeit zu Zeit gegenseitig das Leben schwer zu machen.“

Nein, das wusste Brianne nicht. Weil sie für Marc eher Elternersatz als Schwester gewesen war, hatte sie nie die klassische Rivalität unter Geschwistern kennengelernt. „Mein Bruder ist sehr viel jünger als ich. Unsere Beziehung ist anders. Doch ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen über meinen Bruder zu unterhalten. Rina hat mich aus einem ganz bestimmten Grund engagiert, und ich möchte wissen, ob Sie mich meinen Job machen lassen wollen oder nicht.“

Jake zwang sich zu einem Lächeln. Er hatte ja selbst keine Ahnung, was von ihm zu erwarten war. Der Kuss hatte ihn ziemlich verwirrt. Vor allem, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass Brianne ihn so begeistert erwidern würde.

Er ahnte, dass Komplikationen auf ihn zukamen. Dennoch antwortete er: „Wenn Rina Sie eingestellt hat, kann ich Sie nicht hinauswerfen.“

„Oh, vielen Dank“, erwiderte sie ironisch. „Aber die Frage ist, ob Sie kooperieren werden.“

Der knallharte Profiwar zurück. Jake sagte sich, dass er froh darüber sein sollte, doch insgeheim bedauerte er es. Ihm gefiel die zärtliche Brianne sehr viel besser. Leider musste er sie sich buchstäblich vom Leib halten, damit sie nicht merkte, dass er viel fitter war, als sie und Rina glaubten. „Ich bin sicher, dass Sie für die Aufgabe geeignet sind.“

„Dann ziehen Sie also ganz plötzlich eine Therapie in Betracht? Woher der Sinneswandel?“

„Das ist kein Sinneswandel. Ich habe noch in nichts eingewilligt.“

Brianne zog eine Augenbraue hoch. „Aber Sie werden es tun.“

„So überzeugt sind Sie von sich und Ihren Fähigkeiten?“ „Absolut. Ich frage mich nur, warum Sie Ihre Meinung geändert haben.“

Musste er ihr das wirklich erst sagen? „Ich denke nur Ihretwegen über eine Behandlung nach.“

Sie holte tief Luft. „Ebenso wie Sie nur meinetwegen den Job nicht hinwerfen werden.“ Er lächelte selbstbewusst.

„Sie sind frech“, erwiderte Brianne und lächelte ebenfalls. „Und ist das gut?“ „Sicher. Es bedeutet, dass Sie ein hartes Workout vertragen können“, entgegnete sie schlagfertig.

Sie wirkte keineswegs eingeschüchtert von der Anziehung zwischen ihnen, nicht einmal nach dem Kuss. Ein Punkt für sie, dachte Jake anerkennend.

„Ich bin hart im Nehmen, Sweetheart. Erzählen Sie mir einfach, was Sie im Programm haben.“

„Es könnte Ihnen noch leidtun. Physiotherapie beinhaltet Dehnungsübungen mit dem Theraband und die Bearbeitung bestimmter Muskelpartien mit gezielter Massage.“ Bei dem Wort „Massage“ fühlte Jake eine Spannung in sich, als ob ihre Hände schon mit sanftem Druck über seinen Körper strichen.

„Auch Wasseranwendungen sind hilfreich“, fuhr Brianne fort. „Die pulsierenden Ströme im Whirlpool wirken Wunder, wenn es darum geht, verhärtete Muskeln zu lockern.“

Jake fragte sich, ob sie sich wie er vorstellte, wie sie beide nackt im sprudelnden Wasser lagen. Ob sie überhaupt eine Ahnung hatte, wie viel Spaß zwei Menschen in so einem Whirlpool haben konnten? „Das klingt alles recht interessant, vor allem das mit den pulsierenden Wasserströmen“, erwiderte er mit provozierendem Blick.

„Das kann ich mir denken.“ Brianne musterte ihn misstrauisch. „Ich hebe die Wasseranwendungen für die Patienten auf, die am eifrigsten mitarbeiten.“

Nur zu gern würde er sich all ihren Anweisungen im Whirlpool fügen. „Also, wann fangen Sie an, mich zu überzeugen? Wenn ich motiviert bin, kann ich sehr kooperativ sein. Ich bin ein guter Schüler – und ein noch besserer Lehrer.“

Brianne räusperte sich. „Wir fangen an, sobald ich eine Überweisung und einen Bericht von Ihrem Arzt habe. Wahrscheinlich irgendwann nächste Woche.“

Sie lehnte sich entspannt zurück, weil sie glaubte, etwas Zeit gewonnen zu haben. Pech für sie, die Unterlagen befanden sich im Zimmer nebenan. Jake hatte sie schon seit Wochen. Er hatte sie nur nicht gebraucht, weil er sich unter der Hand hatte helfen lassen. „Tut mir leid, aber Sie werden diesen Aufschub nicht bekommen, Honey.“

„Bitte nennen Sie mich nicht so.“

„Sind Sie beleidigt?“, fragte er.

Brianne schüttelte den Kopf. „Nein, es macht mich an.“ Verblüfft starrte Jake sie an.

Sie lachte. „Sorry. Ich wollte nur nicht, dass Sie Oberwasser bekommen.“

Er wollte lieber nicht an die Möglichkeit zu denken, dass sie tatsächlich erregt sein könnte. „Ich habe die Überweisung und die anderen Unterlagen parat“, erklärte er.

Wie erwartet, verpasste ihr das einen Dämpfer. „Ich brauche Zeit, um mich hier einzurichten.“

„Wie lange?“

„Nicht sehr lange“, räumte sie ein. „Ich habe letzte Woche schon viel vorbereitet.“

„Kann ich Ihnen beim Umzug helfen?“

Ihr Blick fiel auf seine Schulter. „Wenn Sie das können, brauchen Sie mich nicht.“

Da irrte sie vollkommen. Und wie er sie brauchte. Sie passte nur nicht in seinen Plan. „Sie haben bestimmt eine Verwendung für mich.“

Brianne lachte. „Auf diese Bemerkung werde ich nicht eingehen. Jimmy, der Inhaber des Cafés, wird mir beim Umzug helfen.“

Jake nickte und ignorierte den Anflug von Eifersucht, als er den Namen eines anderen Mannes aus ihrem Mund hörte. Er wechselte das Thema. „Ich nehme an, Rina hat erwähnt, dass es hier einen Fitnessraum, einen Pool und einen Whirlpool auf dem Dach gibt?“

„Das hat sie, ja. Aber wenn Sie die Therapie lieber im Krankenhaus machen möchten, können wir die Einrichtungen dort benutzen.“

„Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Sie den Pool und den Whirlpool in Ihrer Freizeit benutzen können.“

„Ach ja, richtig. Der Therapie haben Sie ja noch gar nicht zugestimmt.“

Er grinste. „Genau.“

Brianne seufzte. „Würden Sie mir verraten, warum nicht?“ Jake wich ihrem Blick aus.

„Also nicht.“

Sie wirkte enttäuscht, dass er sich ihr nicht anvertraute, und er wunderte sich, dass ihre Gefühle ihn so berührten. „Ich bin neugierig“, versuchte er sie abzulenken. „Wie genau lautet die Abmachung, die Sie mit meiner Schwester getroffen haben? Wann und wie oft sollen Sie mit mir arbeiten?“ Er nahm an, dass Rina sie zu zwei bis drei Tagen die Woche verpflichtet hatte, aber ein Teil von ihm hoffte, dass es mehr waren.

„Ich arbeite tagsüber im Krankenhaus, sodass Ihre Therapie abends stattfinden würde.“

Jakes Abende waren in der letzten Zeit einer wie der andere – essen, fernsehen, schlafen. Plötzlich stellte er sich einen Reichtum an sinnlichen Genüssen vor mit einer Frau, die er mit jeder Faser seines Körpers begehrte. Dann riss er sich zusammen. Er brauchte die Abende für sich, falls er einen Tipp wegen Ramirez bekäme. „Wie viele Abende in der Woche?“

„Mindestens fünf.“

Er lachte gezwungen. „Rina ist eine Sklaventreiberin. Ich bin sicher, wir finden eine bequemere Lösung für Sie. Schließlich arbeiten Sie auch tagsüber.“

Brianne schüttelte den Kopf. „Ich habe eine Abmachung getroffen, und die halte ich ein.“ Sie fixierte ihn mit ihren grünen Augen. „So leicht kommen Sie mir nicht davon.“

Und Jake glaubte ihr aufs Wort.

Brianne hatte eine Atempause bekommen. Sie konnte nicht ins Penthouse ziehen, bevor sie nicht ihre Sachen gepackt hatte. Gestern Abend war sie regelrecht aus der Wohnung geflohen. Sonst wäre sie womöglich noch seinem Charme erlegen und in Versuchung geraten, ihn noch einmal zu küssen.

Sie vermutete, dass Jake sie nicht gestoppt hätte. Und sie wäre nicht mit einem Kuss zufrieden gewesen.

Brianne kuschelte sich in ihr Bett. Die Strahlen der Morgensonne schienen durchs Fenster, und sie nahm sich die Unterlagen vor, die Jake ihr mitgegeben hatte. Aus diesen Papieren würde sie vieles über ihn erfahren, was sie gar nicht wissen wollte. Aber sie musste sich die medizinischen Berichte durchlesen, bevor sie mit der Therapie beginnen konnte. Sie faltete die Dokumente auseinander.

Schockiert ließ sie die Blätter nach wenigen Augenblicken sinken. Jake war Polizist und bei einem Einsatz schwer verletzt worden. Er brauchte die Behandlung, um seinen gefährlichen Beruf wieder ausüben zu können.

Offenbar war es ihr bestimmt, immer wieder mit Menschen zu tun zu haben, die den Nervenkitzel liebten. Brianne seufzte. Wenigstens hatte sie jetzt einen weiteren Grund, sich nicht auf diesen charismatischen Mann einzulassen. Als ob die Wahrscheinlichkeit, dass sie am Ende des Sommers nach Kalifornien ziehen würde, nicht schon abschreckend genug war, sprach nun auch noch sein gefährlicher Job gegen ihn. Sie hatte ihre Eltern verloren, weil deren Risikofreude keine Grenzen gekannt hatte. Sie hatte dieses Trauma überwunden. Auf gar keinen Fall wollte sie ihren inneren Frieden noch einmal auf diese Weise verlieren. Selbst wenn Jake sie auf eine Art erregte, die sie wahnsinnig gern erforscht hätte.

Brianne legte die Unterlagen beiseite und ging unter die Dusche. Mit einem heißen, kräftigen Wasserstrahl aus der Brause massierte sie ihren vor Sehnsucht angespannten Körper. Jake zu küssen, hatte ein nie gekanntes Verlangen in ihr geweckt, und jetzt brauchte sie etwas, um sich abzulenken.

Doch das stete Prickeln auf ihrer Haut entfachte die Glut nur noch mehr, statt sie zu löschen. Ihre Brustwarzen waren aufgerichtet, und sie spürte ein süßes Ziehen zwischen den Beinen. Sie versuchte sich einzureden, dass diese Erregung mit der Aussicht auf ein besseres Leben, frei von drückenden Verpflichtungen, zusammenhing. Aber sie wusste, dass sie sich selbst etwas vormachte.

Sie reagierte auf Jake und das Knistern zwischen ihnen. Frustriert drehte sie das Wasser ab, denn die Dusche half nicht, ihr Verlangen zu dämpfen. Noch nie hatte sie einen Mann so sehr begehrt wie Jake.

Brianne griff nach einem flauschigen Handtuch. Wasserdampf hing im Raum. Sie setzte einen Fuß auf den Beckenrand und tupfte ihr Bein von unten nach oben trocken. Dabei dachte sie an Jakes Verletzung und die Narben, die seine sonst makellose Haut verfärbten. Sie dachte an die Schmerzen, die er haben musste, und wollte sie lindern.

Und das würde sie auch tun. Mit zärtlichen Berührungen ihrer Fingerspitzen und sanftem Druck auf seinen Schultern. Aber was würde sie davon abhalten, mit ihren Händen tiefer zu wandern? Seine Brust zu streicheln, über seinen festen Bauch zu tasten und langsam in seine Shorts zu fassen, um ihn intim zu liebkosen?

Und was würde Jake daran hindern, sich zu revanchieren? Mit seinen starken Händen zwischen ihre Beine zu gleiten, um ihre Sehnsucht mit geschickten Berührungen erst zärtlich und dann immer leidenschaftlicher zu stillen?

Absolut gar nichts. Brianne atmete keuchend, als ihr bewusst wurde, dass sie angefangen hatte, sich selbst zu streicheln. In diesem Moment erkannte sie, dass sie nichts gegen die magische Anziehung zwischen ihnen machen konnte. Es würde geschehen, was geschehen musste. Nichts konnte das Feuer aufhalten.

Blitzartig entlud sich die Spannung in ihr. Wellen der Erregung rasten durch ihren Körper. Und dabei rief sie unwillkürlich Jakes Namen.

Das Polizeirevier roch immer noch vertraut muffig, wie Jake beim Betreten des Gebäudes feststellte. Die Linoleumböden waren abgewetzt, und von den Wänden blätterte die Farbe ab. Diesen Ort hatte er jahrelang als sein Zuhause bezeichnet. Er grüßte die Kollegen, denen er im Flur begegnete, betrat das Großraumbüro und blieb vor einem der Schreibtische stehen. „He, Duke.“

„Jake, Kumpel, wie geht’s dir?“ Duke Russell, ein guter Freund und Kollege, stand auf und schlug ihm auf den Rücken.

Jake unterdrückte ein Stöhnen. „Einigermaßen.“ Er setzte sich auf einen Stuhl. „Gibt’s was Neues von Ramirez?“ Duke und Steve Vickers versorgten Jake unter der Hand mit Informationen.

„Das bleibt unter uns?“

„Bleibt es das nicht immer?“

Duke nickte. „Es hat sich nichts geändert. Seit Ramirez wieder auf freiem Fuß ist, führt er dem Anschein nach ein sauberes Leben. Was nicht heißt, dass wir aufgehört haben, ihn zu beobachten.“

„Verdammt.“ Jake beugte sich vor und redete leise weiter. „Ramirez kann diese Show nicht ewig durchhalten. Seine Freundin behauptet, sie hat ihn lange nicht gesehen.“

„Du bist beurlaubt, und ich habe dir gesagt, dass Vickers sich um die Sache kümmert. Was hast du dir dabei gedacht, mit Ramirez’ Freundin zu sprechen? Der Lieutenant macht dir die Hölle heiß, wenn er das herausfindet.“

Jake zuckte mit den Schultern. „Was kann er schon tun?

Mich rauswerfen?“ Jake wusste sowieso nicht, ob er hierher zurückkehren wollte. Er wusste nur, dass er den Fall Ramirez nicht unabgeschlossen zu den Akten legen würde.

„Lowell!“ Die bellende Stimme von Lieutenant Thompson hallte durch den Raum. Jake schätzte seinen Vorgesetzten, doch er hatte nie zugelassen, dass der Lieutenant sich in seine Fälle einmischte. Lieutenant Thompson wiederum kritisierte Jakes oft unkonventionellen Stil, aber solange Jake sich an gewisse Regeln hielt, ließ er ihm Spielraum. Im Laufe der Jahre hatten die beiden gegenseitigen Respekt voreinander entwickelt.

Jakes Verletzung allerdings stellte Thompsons Geduld auf eine harte Probe. Er wollte seinen Detective zurückhaben, während Jake noch Zeit brauchte – um Ramirez zu fassen und sich über seine Ziele im Leben klar zu werden.

Jake erhob sich. „Tag, Lieutenant.“ „Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Sie hier nicht sehen will, bevor Sie nicht endlich eine Therapie machen.“

Jake neigte den Kopf. „Ihr Wunsch ist mir Befehl, Lieutenant.“

Thompson schnaubte gereizt. „Das möchte ich erleben.“ „Im Ernst. Ich habe eine persönliche Therapeutin. Es wird nur eine Weile dauern, bis ich wieder auf Trab bin.“

Misstrauisch kniff der Lieutenant die Augen zusammen. „Ich werde nicht fragen, weshalb Sie Ihre Meinung geändert haben.“

„Gut, denn ich würde es Ihnen auch nicht verraten.“ Thompson wandte sich an Duke und musterte ihn scharf.

„Und Sie plaudern besser keine Dienstgeheimnisse aus.“

Duke schüttelte den Kopf. „Jake ist nicht gerade ein Außenstehender für uns.“

„Und ob er das ist. Wenigstens bis er wieder in Form ist und seinen Hintern endlich wieder zur Arbeit bewegt.“

Jake zuckte mit den Schultern und ging zur Tür. „Wohin wollen Sie?“, fragte Thompson. „Irgendwohin, wo Sie mich nicht reden hören, Lieutenant.“ Jake legte genügend Respekt in seine Stimme, weil er seinen Vorgesetzten wirklich mochte und wusste, dass dieser nur das Beste für seine Abteilung und für ihn wollte.

„Ihre Stimme verfolgt mich sogar noch im Schlaf“, murmelte Thompson, und Jake verließ lachend den Raum.

Im Flur verlangsamte er seine Schritte und dachte darüber nach, was er eben erfahren hatte. Ramirez spielte den Saubermann, bis er glaubte, dass die Polizei das Interesse an ihm verloren hatte. Und da Jake seinem Vorgesetzten weisgemacht hatte, dass er in puncto Therapie kooperierte, würde der Lieutenant wahrscheinlich nicht allzu hart mit ihm ins Gericht gehen, wenn er erfuhr, dass Jake herumschnüffelte. Seine persönliche Therapeutin arbeitete von neun bis fünf Uhr im Krankenhaus, also hatte er den ganzen Tag Zeit für seine Ermittlungen.

Und die Abende hatte er für Brianne.

Brianne trat auf ihren Schnürsenkel und blieb vor dem imposanten Gebäude in der Upper East Side von Manhattan stehen. Jake hatte ihr gestern beim Einzug geholfen und sich aber danach zu ihrer Überraschung rar gemacht. Er hatte ihr ihr Zimmer gezeigt, gesagt, dass sie sich wie zu Hause fühlen solle, und sie dann mit der Bemerkung, er habe eine Verabredung, sich selbst überlassen. Sie war ihm dankbar, dass er ihr Zeit gab, sich allein an die neue Umgebung zu gewöhnen. Er hätte sie viel zu sehr abgelenkt.

Als sie sich hinkniete, um den Schuh zuzubinden, wehte eine leichte Abendbrise, ähnlich wie letzte Nacht, als sie bei offenem Fenster zu schlafen versucht hatte. Aber sie hatte sich nur ruhelos im Bett herumgewälzt und wegen der Hitze gestöhnt, die nichts damit zu tun hatte, dass Norton neben ihr lag. Es war die heiße Sehnsucht, die Jake in ihr geweckt hatte.

Brianne machte eine doppelte Schleife in den Schnürsenkel und wünschte, sie könnte den Moment des „Nachhausekommens“ hinauszögern. Doch es nützte ja nichts. Sie stand auf, strich ihre dunkelgrüne Krankenhauskleidung glatt und holte tief Luft. Ganz absichtlich hatte sie sich nicht nach der Arbeit umgezogen. Sie hoffte, dass sie, je professioneller sie aussah, auch umso professioneller handeln würde. Selbst wenn sie ihren ganzen Charme einsetzen müsste, um Jake zur Therapie zu bewegen, hatte sie vor, innerlich Abstand zu wahren.

Denn wenn sie sich mit einem Mann einließ, der wie er die Gefahr liebte, könnte daraus nicht mehr als nur eine kurze Affäre werden. Und da Brianne sich bereits viel zu stark zu Jake hingezogen fühlte, befürchtete sie, dass er ihr das Herz brechen könnte.

Brianne Nelson. Hübscher Name für eine hübsche Lady, dachte Louis Ramirez. Ein Name, den er ohne Schwierigkeiten von einer der Kellnerinnen in der schicken Bar erfahren hatte, in der Detective Lowell so gern verkehrte. Louis war nicht überrascht, dass ein Mann wie Lowell ein Auge auf diese Frau geworfen hatte. Jeder Mann mit Blut in den Adern würde da zweimal hinschauen. Er jedenfalls hatte es getan. Und jetzt kniete sie auf der Straße, um sich die Schnürsenkel zu binden, und präsentierte ihm einen reizvollen Blick auf ihren sexy Po. Was für ein Jammer, dass sie sich an Lowell verschwendete.

Der verdammte Cop hielt sich für so clever. Louis schnaubte verächtlich. Lowell war nicht clever genug gewesen, eine Falle zu erkennen. Und er hatte nichts dagegen unternehmen können, dass man ihn wegen eines Formfehlers aus dem Gefängnis entlassen musste. Louis lachte sich ins Fäustchen, während Lowell frustriert herumlief und von niemandem etwas anderes erfuhr, als dass Ramirez ein ehrbarer Bürger geworden war. Aber seine Freundin auszuhorchen, ging einen Schritt zu weit. Das machte die Sache zu persönlich.

Ich kann auch persönlich werden, dachte Louis, als er beobachtete, wie Brianne Nelson das Gebäude betrat und mit dem Pförtner redete. Eine ziemlich feine Adresse für einen Cop. Louis nahm einen Zug von seiner Zigarette und zertrat sie auf dem Fußboden. Lowell war ein Idiot, wenn er glaubte, dass sein Reichtum ihn schützte. Denn wenn es so weit war, würde kein Sicherheitssystem Louis aufhalten.

4. KAPITEL

Jake trieb sich nachmittags in den Straßen von New York herum und horchte Informanten und alte Freunde aus. Keiner wusste etwas Neues über Ramirez, aber das hatte Jake auch nicht erwartet. Der Kerl sollte nur merken, dass er ihm auf den Fersen war.

Als Jake nach Hause kam, lief Norton ihm winselnd entgegen. Jake schnappte sich die Leine. Ein Spaziergang mit dem Hund war kein Vergnügen bei den hohen Temperaturen draußen. Norton zog bei jedem Schritt auf dem heißen Asphalt die Pfoten hoch, und um die Tortur abzukürzen, führte Jake ihn in die nächste Grünanlage. Dort gab er ihm den Befehl, von dem seine Schwester gesagt hatte, dass er die Dinge beschleunigen würde. „Mach dein Geschäft“, murmelte er und hoffte, dass niemand ihn dabei beobachtete, wie er mit dem Hund redete.

Der Befehl hatte tatsächlich die gewünschte Wirkung, und Jake kehrte schnell mit Norton nach Hause zurück. Dort belohnte er ihn mit einer großen Schüssel voll kaltem Wasser und ging erst einmal duschen. Als er eine Weile später Brianne ins Apartment kommen hörte, war er erfrischt und bereit, seine Scheingefechte mit ihr auszutragen.

Er begrüßte sie in der Marmorhalle. „Willkommen daheim.“ Brianne nickte knapp und näherte sich mit forschen Schritten. Jake unterdrückte ein Grinsen. Die schlabberige grüne Hose und das weite Top sollten ihn mit Sicherheit abschrecken.

Sie seufzte. „Meine Güte, bin ich fertig!“

Bevor Jake antworten konnte, rannte Norton so schnell zur Begrüßung herbei, dass er auf dem glatten Fußboden ins Rutschen geriet. Brianne lachte und bückte sich, um ihn zu streicheln. „Hallo, Norton. Wie geht’s dir heute? Ich hab dich schon vermisst.“

Jake stöhnte leise. Ihm wurde bewusst, dass er eifersüchtig auf einen Hund war. „Ich bin sicher, dass er Sie auch vermisst hat. Ohne Rina ist er ein bisschen durcheinander. Entweder jault er pausenlos, oder er versteckt sich. So wie letzte Nacht. Er hatte sich wohl irgendwohin verkrochen, wo es ihn an Rina erinnerte.“

„Er war bei mir.“

Jake schaute sie überrascht an. Sie lächelte warm. „Er wiegt bestimmt eine Tonne. Ich konnte mich nicht einmal umdrehen, als er neben mir auf der Decke lag. Er ließ sich nicht von der Stelle bewegen. Sie wissen sicher, wovon ich rede, denn sonst hätte er nicht im Bett bei mir geschlafen.“

„Nein, er hat nur am Fußende des Bettes gesessen und die ganze Nacht gewinselt.“ Jake konnte kaum glauben, was er hörte. Während er wach gelegen und von Brianne geträumt hatte, hatte der Hund in ihrem Bett geschlafen! Er musterte Norton mit finsterem Blick.

„Wirklich? Hm.“ Brianne gähnte und hielt sich rasch die Hand vor den Mund. „Es tut mir leid. Ich bin ziemlich schlapp. Dazu noch die unruhige Nacht …“ Sie errötete. „Ich bin einfach nur müde. Und hungrig.“

In dem Moment beschloss Jake, dass die Sache mit der Distanz warten konnte. So erschöpft hatte er Brianne noch nie gesehen. Am liebsten hätte er sie in die Arme genommen. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen? Ein Glas Soda oder Wasser?“

Sie winkte ab. „Nein, danke. Ich möchte nur etwas essen. Ich habe in der Mittagspause eingekauft und könnte uns schnell etwas zubereiten.“ Sie verstummte unsicher.

Jake fand ihre Verlegenheit bezaubernd. Zur Hölle mit dem Cop und seinen Geheimnissen, dachte er. Der Mann in ihm wollte sie einfach nur ein wenig verwöhnen. „Ich habe vorhin Pizza bestellt. Sie ist schon in der Küche. Ich lade Sie ein.“

„Danke. Ich liebe Pizza“, erklärte Brianne begeistert, „und um ehrlich zu sein, ich bin zu kaputt, um jetzt noch zu kochen.“

Mit wippendem Pferdeschwanz, dicht gefolgt von Norton, ging sie in die Küche. Sie stellte ihre Leinentasche neben einen der schmiedeeisernen Stühle und schnupperte.

„Oh, das riecht wunderbar. Ich hatte ewig keine Pizza.“ „Wie kommt das?“

Brianne wandte sich zu Jake um. „Wie kommt was?“ „Wenn Sie Pizza so gern mögen, wieso haben Sie in letzter Zeit keine gegessen? Sie haben zwei Jobs, und Sie haben eben selbst zugegeben, dass Sie erschöpft sind. Jeder New Yorker Single weiß, dass Lieferservice einfacher ist als kochen.“

„Er ist aber auch teurer.“

Jake zögerte kurz, dann siegte seine Neugier. „Mit zwei Jobs müssen Sie doch gut verdienen. Wofür ist das Geld, wenn Sie mir die Frage erlauben?“

Brianne setzte sich. „Meine Eltern starben, als ich zwanzig war. Mein Bruder war damals neun, und ich sorge seitdem für ihn.“

Ihr Schicksal machte ihn betroffen. „Das tut mir leid.“ Er trat zu ihr und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

„Es ist lange her, aber trotzdem danke. Marc, mein Bruder, ist hochbegabt, und es wäre Sünde gewesen, ihn auf einer öffentlichen Schule zu lassen. Alles, was ich nicht zum Lebensunterhalt brauche, wandert in seine Ausbildung.“

Jake war erstaunt über ihre unglaubliche Großzügigkeit. „Ihr Bruder kann sich glücklich schätzen, Sie zu haben.“

Sie wehrte das Kompliment bescheiden ab. „Ich bin glücklich, ihn zu haben. Wir habe eine sehr enge Bindung.“

Jake nickte verstehend. „Nun, greifen Sie bitte zu.“ Er zeigte auf die weiße Pizzaschachtel auf dem Tisch. „Die Tage des Entzugs sind vorbei.“

Lächelnd folgte Brianne seiner Aufforderung. Jake beobachtete sie und freute sich an ihren zufriedenen Seufzern. Die Stimmung war gelöst, doch als sie nach dem Essen die Küche aufräumten und dabei immer wieder zufällig zusammenstießen, fing es wieder zwischen ihnen zu knistern an.

Dennoch – oder gerade deswegen – fragte sie ihn betont sachlich: „Sind Sie jetzt bereit für die Therapie?“

„Sie wollen versuchen, mich zu überzeugen?“ Er lächelte. „Es ist ein herrlicher Abend. Wollen Sie die Sterne sehen?“

„Sparen Sie sich das Süßholzgeraspel“, antwortete sie trocken.

Jake lachte. „Ich meine es ernst. Der Whirlpool befindet sich unter freiem Himmel.“ Verführerisch fügte er hinzu: „Direkt unter den Sternen.“

Er hoffte immer noch, sie dazu überreden zu können, sich auszuruhen, doch sollte ihm das nicht gelingen, würde er sie mit anzüglichen Andeutungen am ehesten auf Abstand halten können. Denn er konnte nicht dafür garantieren, was passieren würde, wenn er erst ihre Hände auf seinem Körper spürte.

Brianne hob ihre Tasche auf. „Ich muss erst das Ausmaß Ihrer Verletzung begutachten, bevor ich entscheide, welche Anwendungen für Sie infrage kommen. Lassen Sie sich von mir untersuchen?“

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