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Heiratsantrag mit Hindernissen

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PROLOG

Es war sexuelle Anziehung.

Schlicht und einfach.

Für Skye jedoch waren die Empfindungen, die in diesem Moment auf sie einstürmten, alles andere als einfach.

Hitze durchflutete sie, ihre Wangen glühten, und in ihren Augen lag ein unnatürlicher, fast fiebriger Glanz. Selbst etwas so Einfaches wie das Atmen fiel ihr plötzlich schwer. Sie spürte, wie sich die Knospen ihrer kleinen, festen Brüste unter dem pinkfarbenen Pullover aufrichteten, und zwischen ihren Schenkeln bemerkte sie ein seltsames Ziehen.

Dabei war der Mann, der diese neuen und höchst verwirrenden Gefühle in ihr auslöste, ihr nicht einmal sympathisch!

„Nein, Connor“, teilte Falkner Harrington in diesem Moment ihrem Vater entschieden mit. „Ich verkaufe dir Storm auf keinen Fall. Er würde deiner hübschen Tochter beim ersten Versuch, vor ihren Freunden mit ihm anzugeben, das Genick brechen.“

Falkner Harrington.

Der Mann war arrogant, anmaßend und spöttisch. Und seine ungezähmte Schönheit erinnerte an die Wikinger, die bei seinem außergewöhnlichen Vornamen Pate gestanden hatten.

Ungeachtet der augenblicklichen Mode trug er sein blondes Haar überlang, was jedoch keineswegs lächerlich wirkte, sondern seine ausgeprägt männliche Ausstrahlung und seine markanten Gesichtszüge nur betonte – gerade Brauen über stahlblauen Augen, eine kühn geschwungene Nase, sinnliche Lippen und ein energisches Kinn.

Insgeheim stellte Skye fest, dass ihr Vater in seinem korrekten Geschäftsanzug neben ihm wirkte wie ein harmloser Hauskater neben einem wilden Tiger.

Bei Harringtons letzter Bemerkung ging ein nachsichtiges Lächeln über Connor O’Haras Gesicht. „Skye ist schon geritten, bevor sie laufen konnte, Falkner“, erklärte er stolz. „Und ich habe ihr fest versprochen, dass sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag einen Araber bekommt.“ Als Harrington keine Miene verzog, fuhr er fort: „Außerdem hast du selbst gesagt, dass Storm sich mit seinem unberechenbaren Temperament nicht fürs Turnierreiten eignet.“

Der zweiunddreißigjährige Falkner Harrington gehörte seit zehn Jahren zu den weltbesten Profis im Springreiten. Und nach dem zu urteilen, was Skye in den Klatschspalten der Zeitungen über ihn gelesen hatte, umschwärmten die Frauen ihn wie einen Filmstar.

Das berechtigte ihn allerdings noch lange nicht dazu, ihren Vater, dessen Firma O’Hara Whiskey immerhin seit sieben Jahren Harringtons Hauptsponsor war, so von oben herab zu behandeln. Noch ärgerlicher war die Tatsache, dass er sie, Skye, für eine dieser verzogenen Töchter aus reichem Hause zu halten schien, die keinen Schimmer von Pferden hatten und in einem wertvollen Araber nur ein teures Spielzeug sahen, mit dem man vor seinen Freunden prahlen konnte.

„Skye!“, wiederholte er jetzt langsam und ließ den Blick seiner eisblauen Augen über sie gleiten. „Wäre bei dem Nachnamen O’Hara nicht Scarlett naheliegender gewesen?“

Skye schoss vor Ärger das Blut in die Wangen. Es war offensichtlich, dass er nicht auf die berühmte Film- und Romanheldin anspielte, sondern auf ihre taillenlange kupferrote Haarmähne, die sie an diesem Tag zu einem Pferdeschwanz gebändigt hatte. Scarlett bedeutete nämlich Scharlachrot!

„Meine Augen sind himmelblau, daher der Name Skye, denn ‚sky‘ heißt ‚Himmel‘“, informierte sie ihn schnippisch. Der leicht heisere Klang ihrer Stimme wurde durch den irischen Akzent noch verstärkt.

Ein Blick aus ebenso blauen Augen begegnete ihrem und hielt ihn sekundenlang fest. „Stimmt“, bestätigte Harrington trocken und begann, sie gelassen zu mustern. Dabei schien er jede Einzelheit in sich aufzunehmen: das ausdrucksvolle, junge Gesicht, die kleinen Brüste unter dem rosa Pulli, die endlos langen Beine in engen Jeans.

„Du wirst also demnächst achtzehn …“

Sein skeptischer Tonfall brachte Skye auf die Palme. Mit ihren fast eins siebzig war sie nicht gerade klein für eine Frau. Und nachdem sie endlich die Pubertät überstanden hatte, wies ihr feiner, heller Teint nicht mehr die kleinste Unreinheit auf. Leider fehlten ihrem knabenhaft schlanken Körper noch die verführerischen weiblichen Rundungen, aber das würde ja vielleicht noch kommen. Jedenfalls hatte dieser Mensch nicht den geringsten Grund, sie wie eine frühreife Zwölfjährige zu behandeln.

„Komm schon, Falkner“, schmeichelte ihr Vater. „Es schadet doch nichts, wenn sie ihn sich einmal anschaut, oder?“

„Nein, das wohl nicht …“

„Ich würde Storm schrecklich gern sehen, Mr Harrington“, bekräftigte Skye und rang sich ein liebenswürdiges Lächeln ab. Es kostete sie allerdings einige Mühe, denn das Verhalten, das dieser Mann ihr und ihrem Vater gegenüber an den Tag legte, konnte man nur als beleidigend bezeichnen. „Seit Dad ihn letzte Woche gesehen hat, hört er nicht mehr auf, von ihm zu schwärmen.“

Harrington wirkte überrascht. „Ich wusste nicht, dass du hier warst, um dir Storm anzusehen, Connor.“

Connor O’Hara ließ sich von dem sanften Tonfall nicht täuschen. Der kurze Blick, den er seiner Tochter zuwarf, gab dieser deutlich zu verstehen, dass sie soeben ins Fettnäpfchen getreten war. Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen. Dann zuckte er scheinbar gleichmütig die Schultern. „Ich hatte geschäftlich in der Gegend zu tun, und da du bei einem Turnier warst, war dein Stallbursche so nett, mich einen Blick auf ihn werfen zu lassen.“

„Ach ja?“ Außer einem leichten Zucken seiner Augenlider deutete nichts darauf hin, dass Harrington verärgert war. Dennoch war es deutlich spürbar.

„Es ist doch ganz normal, dass mein Vater Storm sehen wollte, bevor er Ihnen ein Kaufangebot macht“, warf Skye lässig ein, um die Spannung etwas zu entschärfen, die plötzlich den Raum erfüllte.

„Sicher … Ich hätte es nur gern gesehen, wenn er mich vorher über seine Kaufabsichten informiert hätte. Ganz besonders, wenn sie Storm betreffen“, setzte er nachdrücklich hinzu.

„Wieso wollen Sie ihn denn unbedingt behalten, wenn er sich doch gar nicht fürs Springreiten eignet?“, beharrte sie.

Harrington quittierte ihre Hartnäckigkeit mit einem arroganten Blick. „Vielleicht weil er sich noch viel weniger für einen Teenager eignet, der kaum aus dem Zahnspangenalter heraus ist.“

Einen Moment lang war Skye sprachlos. Dieser unverschämte Kerl konnte doch unmöglich wissen, dass sie bis vor Kurzem tatsächlich noch eine Zahnspange getragen hatte! Sie ignorierte die stumme Bitte ihres Vaters, ihr Temperament zu zügeln, und hob herausfordernd das Kinn. „Sie verbieten mir also, ihn zu sehen?“ In ihren Augen blitzte es rebellisch auf.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe kein Problem damit, dass du ihn siehst …“

„Aber …“

„… solange du dir darüber im Klaren bist, dass er für dich nicht zu haben ist.“ Sein endgültiger Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte.

Skye wollte erneut aufbegehren, doch ihr Vater beugte sich vor und berührte leicht ihren Arm. Überlass das Reden besser mir, las sie in seinen Augen.

„Falkner, du weißt, dass ich in Irland selbst ein Gestüt besitze“, begann er ruhig. „Dort habe ich Skye unterrichtet, und ich kann dir versichern, dass sie eine hervorragende Reiterin ist. Wenn es darauf ankommt, nimmt sie es mit jedem Profi auf.“

Harrington ließ sich nicht erweichen und schüttelte erneut den Kopf. „Wie gesagt, Storm ist zu unberechenbar.“

„Sehen wir uns den Burschen doch erst einmal an“, schlug Connor diplomatisch vor.

Harrington warf einen Blick auf seine Armbanduhr und seufzte. „Wenn du darauf bestehst …“ Offenbar war ihm klar, dass er seinem Sponsor zumindest so viel Höflichkeit schuldete. „Storm müsste inzwischen von seinem Training zurück sein“, meinte er und stand abrupt auf.

Unter der beigefarbenen Reithose zeichneten sich deutlich seine muskulösen Oberschenkel ab, und Skye dachte unwillkürlich, dass er mit seinen über eins neunzig so ziemlich jeden überragen musste.

Das Harrington-Gestüt war ein Betrieb von beeindruckender Größe, der sich im Gegensatz zum Wohnhaus, das einen leicht vernachlässigten Eindruck machte, in tadellosem Zustand befand.

Als Skye mit den beiden Männern nach draußen ging, stellte sie fest, dass Falkner Harrington trotz der Feindseligkeit, die sie ihm mittlerweile entgegenbrachte, nach wie vor eine fatale Wirkung auf sie ausübte.

Mit seinem markanten Gesicht und dem athletischen Körperbau war er eine faszinierende Erscheinung, aber das war es nicht allein. Es ging eine animalische Anziehungskraft von ihm aus, die ein sehnsüchtiges Verlangen in ihr weckte und bewirkte, dass sie sich wie nie zuvor ihrer Weiblichkeit bewusst war.

Doch all diese Empfindungen verblassten, als sie den kiesbestreuten Hof betrat und sich zum ersten Mal in ihrem Leben verliebte …

Er war einfach wundervoll!

Groß, pechschwarz und so schön, dass es ihr den Atem nahm. Andächtig bewunderte sie seinen edlen Kopf, seine hochmütigen, aristokratischen Züge, während er aus dunklen Samtaugen fragend auf sie herabblickte.

Storm!

Ihr Vater hatte ihr schon berichtet, dass der Hengst ein prachtvolles Tier sei, doch keine seiner Beschreibungen konnte Storms Schönheit auch nur annähernd gerecht werden.

„Danke, Jim.“ Harrington nahm dem Stallburschen, der Storm gerade von seinem Training zurückgebracht hatte, die Zügel ab. Beruhigend tätschelte er dem Pferd den Nacken, während er ihm sanft etwas in die nervös zuckenden Ohren flüsterte.

„Was habe ich dir gesagt, Skye?“, triumphierte ihr Vater. „Ist er nicht der schönste …“

„Tut mir leid, wenn ich störe.“ Eine Frau mittleren Alters kam über den Hof auf sie zu. „Ein Anruf für Sie, Mr O’Hara.“

Anscheinend hatte ihr Vater das Gespräch erwartet. „Kann ich dich einen Moment mit Skye allein lassen, Falkner? Dieser Anruf ist dringend.“

Harrington nickte kurz. „Kein Problem“, meinte er und fügte mit mildem Spott hinzu: „Deine Tochter ist solange sicher bei mir aufgehoben.“

Während Connor O’Hara der Frau folgte, begann Storm, nervös zu tänzeln. Offenbar missfiel ihm die Störung seiner morgendlichen Routine. „Jetzt siehst du selbst, was ich meine“, erklärte Harrington verärgert. „Storm ist einfach nichts für einen Amateur.“

Amateur!

Ihr Vater hatte vorhin nicht übertrieben. Sie war tatsächlich schon geritten, bevor sie laufen konnte. Ihre Mutter war gestorben, als sie noch ein Baby gewesen war, und gleich nach der Beisetzung in England hatte ihr Vater dort alles verkauft und war mit der kleinen Skye in seine Heimat Irland zurückgekehrt, um dort das Geschäft seines Vaters zu übernehmen.

Anstatt ein Kindermädchen zu engagieren, wie es wohl jeder andere Mann in seiner Lage getan hätte, hatte ihr Vater sie einfach überallhin mitgenommen. Ins Büro ebenso wie in die Ställe, wo er sich am liebsten aufhielt.

Skye war zwischen den Beinen der Pferde herumgekrabbelt und hatte auf ihren Rücken gesessen, bevor sie hatte stehen können. Als Zweijährige hatte sie die riesigen Tiere bereits am Zügel geführt, und mit acht war sie mit den Stallburschen ausgeritten und hatte am täglichen Training teilgenommen.

Wie konnte dieser Mann es wagen, sie als Amateur zu bezeichnen?

Später konnte Skye nie erklären, was sie zu ihrer nächsten Handlung getrieben hatte.

Bevor Harrington ihre Absicht erraten konnte, hatte sie ihm die Zügel aus der Hand genommen, setzte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich geschickt in den Sattel. Einen Augenblick später preschte sie schon aus dem Hof, hinaus in die hügelige Landschaft, die sich hinter dem Haus ausbreitete.

Es war berauschend.

Storm reagierte auf die leiseste Berührung, als er endlich tun durfte, was ihm offenbar am besten gefiel: laufen wie der Wind. Mit wehender schwarzer Mähne jagte er dahin, dabei schienen seine Hufe kaum den grasbewachsenen Boden zu berühren. Als er mühelos über eine Hecke setzte, war es, als würden sie fliegen …

Für Skye war es die bisher aufregendste Erfahrung in ihrem jungen Leben, und sie gab sich ganz der Ekstase des Augenblicks hin.

Erst als ihr eine kräftige Hand in die Zügel griff und diese scharf zurückzog, merkte sie, dass sie nicht länger allein war. Storm kam so abrupt zum Stehen, dass Skye beinah nach vorn geschleudert worden wäre.

„Sind Sie verrückt geworden?“ Empört blitzte sie Harrington an. „Ich hätte stürzen und mich verletzen können.“

Harrington schwang sich wortlos aus dem Sattel, packte Skyes Arm und zog sie kurzerhand von Storms Rücken. „Du verdammter kleiner Dummkopf!“ Er umfasste ihre Schultern und schüttelte sie unsanft. Dabei funkelten seine blauen Augen vor Zorn. „Du hättest dir den Hals brechen können!“

Skye lächelte selbstbewusst. „Nein, ich …“

„Oh doch!“, stieß er hervor. „Und nicht nur du, sondern auch Storm.“

Was ihn zweifelsohne schmerzlicher getroffen hätte!

Sie wollte gerade eine entsprechende Bemerkung machen, doch bevor sie ein Wort hervorbringen konnte, hatte er sie hart an sich gezogen und presste seine Lippen auf ihre. Mit Zuneigung oder Zärtlichkeit hatte Falkners Kuss allerdings wenig zu tun. Vielmehr schien er Ausdruck seines unbändigen Zorns zu sein.

Keine der harmlosen Knutschereien mit gleichaltrigen Jungen hatte Skye auf diesen unbeschreiblich … erwachsenen Kuss vorbereitet. Herrisch eroberte Harrington das Innere ihres Mundes, während seine muskulösen Arme sie mit eisernem Griff umschlossen.

Gerade als sie glaubte, vor schierer Atemnot ohnmächtig zu werden, stieß er sie grob von sich. Seine Augen glitzerten wie pures Silber, sein Atem ging stoßweise.

„Du bist genau so, wie ich vermutet hatte – und noch schlimmer!“, sagte er kalt. „Denn du bist nicht nur verwöhnt und völlig verantwortungslos, sondern außerdem noch dumm!“ Nach einem letzten verächtlichen Blick schwang er sich auf sein Pferd, griff nach Storms Zügel und ritt davon.

Skye blieb mitten in den Berkshire Downs zurück und musste wohl oder übel zu Fuß zum Hof zurückkehren, wo sie nicht nur Falkner Harringtons Ärger, sondern auch der ihres Vaters erwarten würde.

Und das Schlimmste von allem war, dass Falkner nun Storm niemals an ihren Vater verkaufen würde.

1. KAPITEL

„Und wie lange gedenkst du noch, in diesem Krankenhausbett liegen zu bleiben und dich selbst zu bemitleiden?“

Beim Klang der arroganten Stimme verspannte sich jeder Muskel in Skyes Körper. Unwillkürlich schloss sie die Augen, als wollte sie den Mann selbst aus ihren Gedanken verdrängen. Ihre Begegnung mit Falkner Harrington lag jetzt sechs Jahre zurück, aber seine Stimme hätte sie überall erkannt. Widerwillig öffnete sie wieder die Augen und sah ihn abweisend an.

Er hatte sich inzwischen vom Türrahmen gelöst und war an ihr Bett getreten, sodass Skye den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Groß und selbstsicher wie eh und je, ragte er in Jeans und schwarzem T-Shirt vor ihr auf.

Trotz allem, was sie durchgemacht hatte – was sie noch immer durchmachte –, verspürte sie bei seinem Anblick ein Prickeln. Offenbar war von der Anziehungskraft, die er damals auf sie ausgeübt hatte, nichts verloren gegangen.

Sein blondes Haar, das er jetzt kurz trug, war von grauen Strähnen durchzogen, und um Augen und Mund hatten sich feine Linien gebildet, die von Entschlossenheit, aber auch von Schmerz zeugten. Seine aristokratischen Züge wirkten allerdings unvermindert attraktiv.

Während er sie schweigend musterte, stellte Skye fest, dass immer noch dieser abschätzige Ausdruck in seinen blauen Augen lag.

Auch sie hatte sich in der Zwischenzeit verändert, und noch vor einer Woche hätte sie genau gewusst, was er sah. Sie hatte sich ebenfalls das Haar abschneiden lassen, und ihr Gesicht wurde jetzt, da es die kindlichen Züge verloren hatte, von hohen Wangenknochen unter strahlend blauen Augen und einem energischen Kinn beherrscht. Leider waren die ersehnten sexy Kurven ausgeblieben – sie war jetzt eher noch schlanker als mit achtzehn –, aber dafür war ihre Figur dank der vielen körperlichen Arbeit perfekt in Form.

Allerdings hatte sie seit einer Woche nicht mehr in den Spiegel geschaut. Mit dem ungekämmten Haar und dem Krankenhausnachthemd bot sie bestimmt keinen sehr verführerischen Anblick.

„Und?“, drängte Falkner, als sie keine Anstalten machte zu antworten.

Sie seufzte. Warum ließ er sie nicht einfach in Ruhe? Warum ließen nicht alle sie in Ruhe? „Was willst du hier?“, erkundigte sie sich teilnahmslos. Da er sie nach wie vor duzte, sah sie nicht ein, weshalb sie nicht auch ihn duzen sollte.

Er verzog spöttisch die Lippen. „Dich besuchen.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, zog er sich einen Stuhl ans Bett und ließ sich umständlich darauf nieder. Dabei war seine Behinderung am rechten Bein nicht zu übersehen.

Vor drei Jahren war Falkner Harringtons Pferd während eines Turniers so unglücklich gestürzt, dass es seinen Reiter mit sich gerissen und dabei schwer verletzt hatte. Sechs Monate hatte Falkner im Krankenhaus gelegen, und wie es aussah, hatte sein rechtes Bein bleibenden Schaden davongetragen.

Skye runzelte die Stirn. „Ich wüsste nicht, dass ich dich aufgefordert hätte, dich hier häuslich niederzulassen“, bemerkte sie bissig. „Genau gesagt, habe ich dich nicht einmal gebeten, überhaupt zu kommen.“

Falkner zog unbeeindruckt die Brauen hoch. „Warum solltest du auch, wo doch die Besucher förmlich Schlange stehen?“

Der Sarkasmus tat weh. Wie konnte er sich erdreisten, hier ungebeten aufzutauchen und sie auch noch zu verhöhnen?

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich, als er ihren verletzten Gesichtsausdruck bemerkte. „Das war eine reichlich dumme Bemerkung.“

Skye blinzelte heftig, um die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Um keinen Preis der Welt wollte sie in seiner Gegenwart Schwäche zeigen. „Vor ein paar Tagen hat sich ein Reporter hier eingeschlichen, indem er behauptete, er sei mein Bruder“, sagte sie leise. „Als man den Irrtum bemerkte, warf man ihn sofort hinaus, aber vorher war es ihm noch gelungen, ein Foto von mir zu machen …“

„Ja, ich weiß.“ Falkners Gesichtsausdruck wurde unvermittelt ernst. „Ich habe das Bild in den Zeitungen gesehen.“

Sie zuckte gleichgültig die Schultern. Besonders schmeichelhaft konnte es nicht gewesen sein. Doch das war ihr egal.

„Seitdem werden keine Besucher mehr hereingelassen“, schloss sie ausdruckslos. Argwöhnisch sah sie zu ihm auf. „Wie hast du es überhaupt geschafft, hier hereinzukommen?“

Falkner deutete ein Lächeln an. „Mit viel Charme und Diplomatie.“

Skye gab einen ungläubigen Laut von sich. Charme fehlte diesem Mann völlig, von Diplomatie ganz zu schweigen.

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, erinnerte er sie. „Mittlerweile hast du dich von deiner Gehirnerschütterung erholt, und die gebrochenen Rippen heilen bestens. Das heißt im Klartext, dass du eigentlich nichts mehr im Krankenhaus verloren hast.“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ich wusste gar nicht, dass zu deinen zahlreichen Qualifikationen auch ein medizinischer Abschluss gehört.“

Nach dem abrupten Ende seiner Karriere als Springreiter hatte Falkner Harrington sich dem Börsengeschäft zugewandt, und nach allem, was Skye gehört hatte, war er darin mindestens ebenso erfolgreich. Anscheinend besaß dieser Mann das Talent, alles, was er berührte, in Gold zu verwandeln.

„Ich denke, einige meiner Fähigkeiten würden dich tatsächlich überraschen.“ Als Falkner seinen scharfen Ton bemerkte, nahm er sich zusammen und fügte milder hinzu: „Ein medizinischer Titel gehört allerdings nicht dazu. Aber ich hatte vorhin eine längere Unterredung mit dem behandelnden Arzt und …“

„Du hast kein Recht …“

„Doch, das habe ich“, schnitt er ihr das Wort ab und beugte sich leicht vor. „Hör zu, ich bin wahrscheinlich die letzte Person, nach der dir im Moment der Sinn steht, aber Tatsache ist …“ Er verstummte und fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar.

„Tatsache ist was?“ Plötzlich fragte Skye sich beunruhigt, warum Falkner wirklich gekommen war.

Seit jenem Tag vor sechs Jahren hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Sie wusste jedoch, dass er und ihr Vater bis zu Falkners Reitunfall Geschäftspartner gewesen waren. Die Kraft und Entschlossenheit, mit der Falkner sich danach in einem völlig neuen Berufsfeld durchgesetzt hatte, hatten Connor O’Haras Achtung und Sympathie für ihn noch vertieft.

Bei dem Gedanken an ihren Vater verspürte Skye einen scharfen Schmerz. Gequält schloss sie die Augen, doch die Erinnerung an das Geschehene ließ sich nicht verdrängen. Die gesamte letzte Woche hatte sie ergebnislos über der Frage gegrübelt, wann alles begonnen hatte, schiefzulaufen.

Von Anfang an hatte dieses Jahr für die Familie O’Hara unter einem schlechten Stern gestanden. Zuerst war Onkel Seamus nach fünf Jahren Ehe die Frau weggelaufen. Seine ausgeprägte Vorliebe für das Erzeugnis des Familienunternehmens war sicher einer der Gründe dafür gewesen.

Vor sechs Monaten stellte sich dann heraus, dass O’Hara Whiskey tief in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Sogleich begannen Gerüchte zu kursieren, ihr Vater habe möglicherweise Firmengelder veruntreut.

Und dann geschah das Unfassbare – in jener entsetzlichen Nacht vor einer Woche … Skye und ihr Vater waren bei einem Geschäftsmeeting in Südengland gewesen und befanden sich auf dem Rückweg zu ihrem Londoner Hotel. Es regnete in Strömen, sodass man durch die Windschutzscheibe kaum etwas erkennen konnte. Als ihr Vater den Lastwagen entdeckte, der ihnen auf der falschen Spur entgegenkam, war es bereits zu spät …

Langsam öffnete Skye die Augen, in denen sich noch die Panik jener letzten schrecklichen Sekunden spiegelte. „Lass mich allein“, forderte sie Falkner mit tonloser Stimme auf.

Impulsiv streckte er die Hand nach ihr aus, ließ sie jedoch wieder sinken, als Skye zurückwich. „Hör zu, ich … Ach, verdammt, ich wünschte, es gäbe einen leichten Weg, es zu sagen.“ Hilflos schüttelte er den Kopf, dann begann er erneut: „Weißt du, dass man inzwischen die gerichtliche Untersuchung über den Unfall abgeschlossen hat?“

Skye nickte stumm. Vor einigen Tagen war eine Polizeibeamtin da gewesen und hatte ihre Aussage aufgenommen. An welchem Tag genau, wusste sie nicht mehr. Die ganze letzte Woche war in ihrer Wahrnehmung zu einem einzigen quälenden Albtraum verschmolzen.

„Der Termin für die Beisetzung deines Vaters steht jetzt fest“, teilte Falkner ihr behutsam mit. „Sie findet am Freitag statt.“

Nein! schrie es in ihr auf. Mit brutaler Klarheit übermannten sie erneut die grauenhaften Bilder, die sie vergeblich zu verdrängen suchte. Der Schrei ihres Vaters, als er das Steuer herumriss, um dem näher kommenden Laster auszuweichen. Das entsetzliche Geräusch, als die beiden Fahrzeuge kollidierten. Das unheimliche Schweigen, das darauf folgte …

Als Skye kurz darauf das Bewusstsein wiedererlangte, war ein Fremder gerade dabei, sie aus dem Autowrack zu ziehen. Die Schmerzen in ihrem Kopf und ihrer Seite waren so stark, dass sie glaubte, jeden Moment wieder ohnmächtig zu werden. „Mein Vater!“, schrie sie. „Sie müssen meinem Vater helfen.“ Doch gleichzeitig wusste sie, dass für ihn jede Hilfe zu spät kam. Die Fahrerseite des Wagens war völlig zerquetscht. Unmöglich, dass jemand lebend da herauskam.

Später im Krankenhaus tauchten weitere Fremde auf, die ihr versicherten, dass ihr Vater auf der Stelle tot gewesen sei und nicht gelitten habe. Da dieser Gedanke sie offenbar nicht trösten konnte, legte man ihr vorsichtig nahe, es bei der Schwere seiner Verletzungen als Segen zu betrachten, dass er nicht überlebt hatte …

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