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Heiratsantrag in Cornwall?

1. KAPITEL

Sam wusste genau, wer hinter ihren Stuhl getreten war, noch bevor sie die Hände auf ihren Schultern spürte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, doch es gelang ihr, ein gelassenes Lächeln aufzusetzen, bevor sie sich umdrehte. Inzwischen war sie Expertin darin geworden, ihre wahren Gefühle zu verbergen, obwohl es ihr wirklich nicht leichtfiel. Entschieden wehrte sie sich gegen den Anflug von Selbstmitleid.

Samantha Maguire, das Schicksal hat dich nicht als Zielscheibe für besondere Grausamkeit auserkoren. Tagtäglich werden Herzen gebrochen. Also lebe damit.

Und das gelang ihr eigentlich recht gut. Sie war der beste Beweis dafür, dass es ein Leben nach einem gebrochenen Herzen geben konnte. Nicht, dass sie das Unglück einer unerwiderten Liebe verharmlosen wollte. Wenn der Mensch, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will, eine andere heiratet, lässt sich das nicht über Nacht verwinden, ja nicht einmal in zwei Jahren.

Notgedrungen hatte sie einen Schutzwall errichtet. Inzwischen gab es Tage, an denen es ihr gelang, stundenlang nicht an Jonny Trelevan zu denken. Natürlich wäre sie leichter über ihn hinweggekommen, wenn sie ihn völlig aus ihrem Alltag hätte verbannen können. Aber das war so gut wie unmöglich. Dazu bestanden einfach zu viele gesellschaftliche Verbindungen.

Die Familien Trelevan und Maguire waren bereits seit ewigen Zeiten Freunde und Nachbarn in dem kleinen Ort an der Küste von Cornwall, in dem Sam geboren und aufgewachsen war. Jonnys Zwillingsschwester Emma zählte zu ihren besten Freundinnen; seit heute waren sie und Jonny sogar gemeinsam Taufpaten von Emmas erstgeborener Tochter Laurie.

„Hier hast du dich also versteckt.“ Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie sanft auf die Wange.

Die unerwartete Geste überraschte sie. Normalerweise neigte er nicht zu Berührungen, zumindest nicht ihr gegenüber. Sie ahnte, dass sich für einen flüchtigen Moment auf ihrem Gesicht ihre Empfindungen spiegelten. Rasch senkte sie den Kopf und widmete sich ihrem Patenkind, das sie auf dem Schoß hielt. Sie tippte Laurie mit einem Zeigefinger liebevoll auf die Stupsnase und erntete dafür ein fröhliches Glucksen.

Einen Augenblick später, als Sam sich wieder gefasst hatte und den Kopf hob, fing sie einen rätselhaften Blick von Alessandro Di Livio auf, der ein wenig abseits von den übrigen Gästen in einer Ecke des Raumes stand. Sie erstarrte. Ihr Lächeln schwand.

„Ein wenig abseits“ passte haargenau zu diesem Menschen, der sich stets so distanziert gab, dass es an Unhöflichkeit grenzte. Bei einem anderen Mann hätte sie vermutet, dass dieses brütend-geheimnisvolle Gehabe einstudiert war, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber Alessandro Di Livio brauchte sich in dieser Hinsicht nicht anzustrengen, denn er fiel schon allein durch sein Äußeres überall auf. Er war sehr groß, schlank und hatte eine sehr männliche Ausstrahlung.

Wenn er ausgezogen nur halb so gut aussieht wie angezogen …

Sam verlor ihren Gedankenfaden, während sie ihn im Geiste nackt vor sich sah. Verlegen zügelte sie ihre überbordende Fantasie und konzentrierte sich auf sein Gesicht. Die ausgeprägten Züge waren nahezu perfekt.

Selbst auf die Entfernung hin flatterte ihr Magen unter seinem Blick. Seine Augen waren dunkler als alle, die sie je gesehen hatte – nicht dunkel und warm, sondern dunkel und hart. Sie erinnerten nicht an Schokolade, nicht einmal an die bittere Sorte, sondern an kalten Stahl.

Obwohl sie wie immer eine heftige Antipathie gegen den italienischen Finanzier verspürte, zwang sie sich zu einem höflichen Lächeln. Einfach alles an ihm ging ihr gegen den Strich. Angefangen von der Art, wie er in einen Raum marschierte, als gehöre ihm alles, bis hin zu der sonoren Stimme mit dem reizvollen italienischen Akzent, die ihr stets ein Prickeln über den Rücken sandte. Selbst die Tatsache, dass sein maßgeschneiderter Anzug faltenfrei saß, enervierte sie. Auf sie wirkten seine Arroganz und seine ausgeprägte Sinnlichkeit rundherum abstoßend, obwohl alle anderen Frauen, die sie kannte, allein beim Klang seines Namens in Verzückung gerieten.

Der Mann hat einfach keine Manieren, dachte Sam verärgert, als er sie weiterhin ungeniert anstarrte. Es mochte kindisch sein, und vielleicht bildete sie sich die Herausforderung in seinem Verhalten nur ein, aber sie war fest entschlossen, dieser Musterung standzuhalten. Mit einem spöttischen Grinsen hob sie ihr Glas Orangensaft und prostete ihm zu.

Die kecke Geste verfehlte jedoch ihre Wirkung, denn er reagierte einfach nicht. Seine rätselhaften Augen, von dichten geschwungenen Wimpern umrahmt, fixierten sie unverändert.

Sie sah sich schon fast gezwungen nachzugeben. Doch die Demütigung wurde ihr erspart, denn eine attraktive Blondine, die ihm schon den ganzen Tag lang nachstellte, machte sich so nahe an ihn heran, dass ihre Brüste seinen Arm berührten.

Erst als Alessandro sich seiner Bewunderin zuwandte, stellte Sam fest, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie holte tief Luft, stellte das Glas auf den Tisch und dachte: So ein eingebildeter Langweiler!

Ein eingebildeter Langweiler, der allein durch einen Blick ihre Hände zittern ließ …

Die warmen Finger auf ihren Schultern verstärkten den Druck ein wenig. Verblüfft stellte sie fest, dass sie Jonny glattweg vergessen hatte.

„Und wie geht es meiner süßen Kleinen?“

Seine Stimme passte genau zu seinem Wesen: herzlich, solide, unkompliziert und verlässlich. All das, was Alessandro nicht ist, kam es ihr in den Sinn.

Sie verdrängte jeden Gedanken an den Italiener und schenkte Jonny ein Lächeln. Sie bildete sich keine Sekunde lang ein, dass seine Frage ihr selbst gelten könnte.

Doch so war es nicht immer gewesen. Viele Jahre hatte sie fest daran geglaubt, dass es ihm eines Tages wie Schuppen von den Augen fiel und er endlich erkannte, dass sie die Liebe seines Lebens war.

Diese Hoffnung hatte bis zu dem Moment angedauert, als er ein atemberaubend schönes Mädchen mit nach Hause gebracht und seiner Familie als seine Ehefrau vorgestellt hatte.

„Sie ist einfach vollkommen“, bemerkte er nun, als er mit dem Zeigefinger unbeholfen die Wange seiner Nichte streichelte.

Sam betrachtete Laurie, die zufrieden krähte. „Sie ist Emma wie aus dem Gesicht geschnitten, findest du nicht?“

„Kat meint, dass sie genau wie ich aussieht.“

„Was wohl auf dasselbe hinausläuft“, antwortete sie, denn die Zwillinge, obwohl vom Wesen her sehr unterschiedlich, sahen sich sehr ähnlich.

„Was ist mit dir, Sam?“

„Was soll denn sein?“

„Du klingst so … ich weiß nicht … so mürrisch.“

„Ich habe nur gerade an deinen Schwager gedacht.“

„An Alessandro?“ Automatisch schaute Jonny durch den Raum zu der großen Gestalt. Ihre Blicke begegneten sich. Er lächelte angespannt, bevor er sich hastig abwandte. Er hatte immer das unangenehme Gefühl, dass dieser Mann seine Gedanken lesen konnte.

Sie nickte: „Ja. So perfekt er auch aussehen mag, seine Manieren lassen gewaltig zu wünschen übrig. Er gibt sich überhaupt keine Mühe.“

„Wobei?“

„Umgang zu pflegen.“

„Umgang?“ Jonny grinste.

„Ich habe immer das Gefühl, dass er mich – so wie alle anderen – von oben herab ansieht. Na ja, er hält es wohl nicht für nötig, zu gewöhnlichen Leuten wie uns höflich zu sein.“

Belustigt zuckte er die Schultern. „Ach, du kennst doch Alessandro.“

„Nein. Zum Glück kenne ich ihn nicht richtig. Wir verkehren nicht in denselben Kreisen.“

„Er ist eigentlich ein sehr zurückhaltender Mensch. Und da ihn die Paparazzi ständig verfolgen, kann man es ihm nicht verdenken, dass er ein bisschen vorsichtig ist.“

„Er ist nicht vorsichtig, sondern hochnäsig und versnobt. Aber zumindest ist er heute vor Paparazzi sicher. Niemand erwartet einen Alessandro Di Livio bei einer Taufe in einem Dorf in Cornwall.“

„Du kannst ihn echt nicht ausstehen, oder?“

„Er mag mich nicht“, antwortete sie.

„Oh, das bezweifle ich.“ Er ließ den Blick langsam von ihren kupferroten Haaren über ihre gertenschlanke Gestalt wandern. „Wahrscheinlich hat er dich noch nicht richtig bemerkt.“

Sie zwang sich zu lächeln und hakte mit ironischem Unterton nach: „Du meinst, ich verwechsle Unhöflichkeit mit Gleichgültigkeit?“

„Er kann schon ein bisschen hochnäsig wirken, und er redet auch nicht viel, jedenfalls nicht mit mir. Aber er denkt ja auch, dass ich nicht gut genug für Kat bin. Damals, als wir ihm unsere Heirat gestanden haben, befürchtete ich, er würde explodieren. Aber er hat nicht mal mit der Wimper gezuckt. Doch dann, als Kat gerade nicht im Zimmer war, hat er wortwörtlich zu mir gesagt: ‚Wenn du ihr jemals wehtust, wirst du es bereuen, geboren zu sein.‘“

„Er hat dir gedroht?“

„Es war eher ein Versprechen.“

„Ich hoffe, du hast ihm gesagt, wohin er sich seine Drohungen stecken kann.“

Jonny grinste spöttisch. „Ja, ja, sicher.“

„Aber du musst dich doch gegen solche Tyrannen wehren!“

„Er wollte mich nicht tyrannisieren, sondern nur auf seine Schwester aufpassen, und ich kann es verstehen. Er verhält sich mir gegenüber sehr korrekt, aber ich habe seine Ermahnung nie vergessen – und er gewiss auch nicht.“

„Ich finde, du und Kat seid einfach füreinander bestimmt“, erklärte Sam. Eigentlich hätte Kat ihr verhasst sein sollen, weil sie einfach alles hatte – Geld, Schönheit und vor allem Jonny. Doch man musste sie einfach mögen, denn ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder war sie warmherzig und liebenswürdig.

„Vielleicht hat er ja recht.“ Er seufzte düster. „Ich bin nicht gut genug für sie.“

„Unsinn! Seit wann ist Alessandro Di Livio denn Experte in Beziehungsfragen? Das einzige Wesen, zu dem er ein liebevolles und andauerndes Verhältnis entwickeln kann, ist er selbst!“

Jonny schmunzelte. „Lass Kat das bloß nicht hören! In ihren Augen kann er nichts falsch machen. Aber schließlich hat er sie ganz allein aufgezogen, nachdem seine Eltern bei dem Unfall ums Leben kamen.“

Ein kalter Schauer rann Sam über den Rücken. Sie schloss das Baby fester in die Arme und schmiegt die Wange an das weiche Flaumhaar. Bei diesem Unfall, den die Medien gehörig ausgeschlachtet hatten, waren zwei Mitglieder der berühmten italienischen Aristokratenfamilie getötet und ein drittes, nämlich Alessandro, lebensgefährlich verletzt worden. „Ich war damals noch ein Teenie und kann mich kaum daran erinnern, aber gestern kam zufällig ein Bericht darüber im Fernsehen“, murmelte sie.

„Ich weiß. Alessandro hat Kat angerufen und ihr gesagt, dass sie es sich nicht ansehen soll, weil es so reißerisch aufgemacht ist und sie nur aufregen würde.“

„Und? Hat sie es sich angesehen?“

„Nachdem er es ihr verboten hat?“ Jonny lachte bei der Vorstellung, dass seine Frau sich ihrem Bruder widersetzte.

„Er mag ein Kontrollfreak sein, aber in diesem Fall hat er recht“, räumte Sam ein. „Es hätte sie wirklich aufgeregt. Alles wurde sehr drastisch und in allen Einzelheiten gezeigt.“ Sie schüttelte sich bei der Erinnerung an die grausamen Bilder. „Wie alt war Kat damals?“

„Elf. Normalerweise hätte sie auch in dem Auto gesessen, aber sie war kurz vor der Fahrt an Mumps erkrankt.“

„Da hat sie Glück gehabt.“ Sie lächelte, als das Baby nach dem silbernen Anhänger griff, den sie um den Hals trug, und ihn sich in den Mund stecken wollte. Behutsam löste sie die pummeligen Fingerchen und erklärte sanft: „Nein, Laurie, das schmeckt gar nicht gut.“

Jonny drückte ihre Schulter und fragte in neckendem Ton: „Entwickelst du etwa Muttergefühle?“

„Ich? Bestimmt nicht! Ich mag nur Babys, die ich nach einer Weile wieder abgeben kann.“ Das stimmte zwar nicht, aber die Wahrheit, dass sie nämlich nur von ihm Kinder wollte oder gar keine, konnte sie ihm schließlich nicht anvertrauen.

„Das sagst du jetzt. Aber irgendwann wollen alle Frauen Babys haben.“

Sie unterdrückte ein Seufzen. „Darf man dir und Kat schon gratulieren?“

„Wozu?“

„Ich dachte, ihr wollt vielleicht eine Familie gründen.“

„Dazu bin ich nicht bereit“, entgegnete er steif.

„Aber du liebst doch Kinder!“

„Es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt.“

„Gibt es den denn?“

Aufgebracht beugte Jonny sich zu ihr und flüsterte: „Muss ich es dir erst buchstabieren? Gerade du solltest wissen, dass ich mir kein Baby leisten kann!“ Er atmete tief durch und tätschelte ihr zerknirscht den Arm. „Tut mir leid. Ich sollte es nicht an dir auslassen. Kann ich mal mit dir reden?“

„Tun wir das nicht schon die ganze Zeit?“

Er räusperte sich und deutete mit dem Kopf zur Terrassentür. „Unter vier Augen.“

Du kannst alles von mir haben, was immer du willst …

Sams Wangen röteten sich ein wenig bei diesem verräterischen Gedanken. Sie nickte bedächtig und rief sich zum wiederholten Male an diesem Tag in Erinnerung, dass sie eine starke, unabhängige Frau war, die keinen Mann brauchte.

Alessandro war fest entschlossen zu verhindern, dass seiner kleinen Schwester das Herz gebrochen wurde. Er schloss die Finger fester um das unberührte Champagnerglas, als er beobachtete, wie sich sein Schwager so nah zu der Rothaarigen beugte, dass die beiden fast wie ein Liebespaar aussahen.

Weiß der Himmel, was die beiden Frauen an diesem Taugenichts finden!

Vielleicht übten Jonnys einstige Erfolge als Profisurfer, von denen die zahlreichen in seiner Wohnung zur Schau gestellten Pokale kündeten, einen gewissen Reiz auf das weibliche Geschlecht aus. Als Geschäftsmann war er nun längst nicht so erfolgreich. Womöglich wäre er mit einem einzigen Laden für Surfzubehör ganz gut zurechtgekommen. Aber in den letzten anderthalb Jahren hatte er auf geradezu halsbrecherische Weise überstürzt und leichtsinnig expandiert. Und doch schien er erstaunlicherweise immer noch liquide zu sein.

Ein zynisches Lächeln spielte um Alessandros Lippen, als sich die Rothaarige fahrig an die Kehle griff. Falls Jonny nicht merkte, dass sie ihm hoffnungslos verfallen war, dann war er ein ausgemachter Trottel.

Alessandro blickte zu seiner Schwester, die schon den ganzen Nachmittag über zu laut und zu lebhaft redete. Sie beobachtete das Paar ebenfalls, und er war überzeugt, Tränen in ihren Augen glitzern zu sehen.

Was immer in Katerinas Ehe schieflief, er hätte darauf gewettet, dass es mit der rothaarigen Hexe zusammenhing. Was mochte sie im Schilde führen? Er neigte den Kopf zur Seite und musterte abwägend die schlanke junge Frau.

Ihr Äußeres wirkte auf ihn sexy und züchtig zugleich. Sie entsprach nicht unbedingt seinem Geschmack, aber er wusste, dass viele Männer auf diesen unschuldig-verführerischen Look standen. Sie gehörte zu jenen Frauen, die bei Männern Jagdinstinkt und Beschützerdrang gleichermaßen weckten.

Kein Wunder, dass viele Männer nicht wussten, wie sie sich ihr präsentieren sollten – als stürmischer Draufgänger oder edler Ritter, der sie vor dem leisesten Windhauch zu schützen suchte.

Alessandro jedoch wollte nichts anderes, als sie zur Räson zu rufen und ihr dringend nahezulegen, seinen Schwager nicht mit Blicken zu verschlingen.

Schon seit der ersten Begegnung vor zwei Jahren wusste er von ihrer unglücklichen Liebe – erstaunlicherweise als Einziger, soweit er es beurteilen konnte. Ihren Freunden wie Verwandten entging offensichtlich der tiefe Kummer, den sie hinter ihrem tapferen Lächeln verbarg.

Da er weder Verwandter noch Freund, sondern lediglich unbeteiligter Beobachter war, ging ihn diese unerwiderte Liebe nichts an, solange sie das Glück seiner Schwester nicht bedrohte.

Mit halb zusammengekniffenen Augen beobachtete er, wie sie den Kopf über das Baby auf ihrem Schoß beugte, sodass er nur ihren kupferroten Haarschopf sehen konnte.

Sähe er sie als echte Gefahr für die Ehe seiner Schwester an, wäre er beizeiten eingeschritten. Doch nichts deutete darauf hin, dass sie das leidenschaftliche Wesen besaß, das man Rothaarigen landläufig zuschrieb.

Sie warf Jonny zwar verstohlen schmachtende Blicke zu, fasste ihn aber nicht an und schien auch sonst nichts zu unternehmen, um ihn für sich zu gewinnen.

Blicke sind nicht verboten.

Alessandro behielt sie im Auge, wann immer sich ihre Wege kreuzten. Natürlich freute es ihn, dass sie nicht versuchte, Katerinas Ehe zu zerstören, aber es war ihm unverständlich, dass sie sich tatenlos in ihr Schicksal ergab. Vielleicht lag es an dem britischen Gleichmut, den er mit seinem südländischen impulsiven Temperament nicht nachvollziehen konnte. Er verstand einfach nicht, wieso jemand stolz darauf war, ein guter Verlierer zu sein.

Doch allmählich geriet seine Einschätzung ins Wanken. Hatte er sich vielleicht in Samantha Maguire getäuscht? Hatte sie sich bisher nur in Geduld geübt und auf ihre große Chance gewartet?

Jonny Trelevan war zu schwach und untauglich, als dass Alessandro ihn als Ehemann für seine Schwester gewählt hätte. Aber Katerina hatte diesen Mann auserkoren, und als ihr großer Bruder war Alessandro gewillt, ihr alles zu geben, was ihr Herz begehrte. Schließlich hatte sie durch sein Verschulden ohne die Liebe ihrer Eltern aufwachsen müssen.

Plötzlich stellte sich einer dieser Flashbacks ein, die seit zehn Jahren zu seinem Leben gehörten. Das dumme Geplapper der Blondine an seiner Seite hörte er nur noch bruchstückhaft.

2. KAPITEL

Ein solcher Flashback, die Rückblende in die Vergangenheit, bedeutete nicht, dass er völlig die Wahrnehmung seiner Umgebung verlor. Vielmehr befand er sich an zwei Orten zugleich.

Im Hier und Jetzt sagte er etwas, das die aufgetakelte Blondine zum Kichern brachte. Gleichzeitig saß er in jener dunklen Nacht am Steuer und trat vergeblich das Bremspedal durch.

Er hörte die Blondine ihre Lieblingslokale aufzählen und wusste dabei, dass er in der nächsten Szene dem Tod ins Auge blicken würde. Das einzige Anzeichen seines inneren Aufruhrs waren feine Schweißperlen auf der Stirn.

„Ich gehe gar nicht in Nachtklubs“, erwiderte er auf ihre Frage. Beinahe hätte er über ihre schockierte Miene gelacht, doch im Geiste versuchte er gerade vergeblich, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen. Er steckte sich ihre Visitenkarte ein und murmelte ironisch: „Danke, das ist sehr nett.“

Sein Magen hob sich, als das Auto in den Abgrund segelte. Er hörte schrille Schreie und das Kreischen von berstendem Metall, der stechende Geruch von Benzin stieg ihm in die Nase.

Dann war die Blondine verschwunden. Er wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn und sah Samantha Maguire zur Terrassentür hinübergehen, dicht gefolgt von seinem Schwager.

Erzürnt kniff Alessandro die Augen zusammen. Glaubten die beiden, dass niemand ihren Abgang bemerkte? Erhöhte es den Reiz der ehebrecherischen Affäre, sie direkt unter Katerinas Nase auszuleben? Legte die Rothaarige es darauf an, ertappt zu werden, um die Ehe zu zerstören?

In seinem Kopf herrschte eine unheimliche Stille. Dann ertönte seine eigene Stimme, die seine Eltern immer wieder fragte, ob alles in Ordnung sei. Eingeklemmt auf dem Fahrersitz, konnte er nur erahnen, warum er keine Antwort erhielt. Und währenddessen wusste er, dass ein einziger Funken reichte, um das Auto in ein flammendes Inferno zu verwandeln …

Der Morgen hatte bereits gedämmert, als endlich Hilfe eingetroffen war. Alessandro war schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Untersuchung des Unfallwagens hatte zu einer Rückrufaktion der gesamten Serie jenes Modells geführt, das durchweg ein fehlerhaftes Bremssystem aufwies.

Die Tatsache, dass er von jeder Schuld freigesprochen wurde, weil er laut Expertengutachten nichts hätte tun können, um das Unglück zu vermeiden, schmälerte nicht das Gefühl, für den Tod seiner Eltern verantwortlich zu sein.

Unzählige Male hatte er jene schrecklichen Momente durchlebt, und noch immer glaubte er, dass er ihren Tod irgendwie hätte verhindern können. Dabei lag es nicht in seiner Natur, Zeit an Schuldgefühle zu verschwenden. Er hatte sich um seine Schwester zu kümmern, die seinetwegen elternlos aufgewachsen war.

Ohne darauf zu warten, dass sich sein rascher Herzschlag beruhigte, durchquerte Alessandro den Raum. Seine finstere Miene sorgte dafür, dass andere Gäste ihm hastig aus dem Weg gingen.

Es war an der Zeit, eine längst überfällige Warnung auszusprechen.

Die Terrasse war leer an diesem wunderschönen Tag im April, denn trotz strahlenden Sonnenscheins, weißer Schäfchenwolken am Himmel und leuchtender Löwenzahnblüten auf den weiten Rasenflächen wehte eine kalte Brise.

Sam fröstelte, als der Wind durch ihr sandfarbenes Leinenkostüm fuhr. Weder die Rocklänge noch der gerade Schnitt schmeichelten ihrer zierlichen Figur. Und der Farbton ließ sie blass und verhärmt aussehen, wie ihre Mutter ihr vorhin schonungslos mitgeteilt hatte.

Seitdem fühlte Sam sich auch blass und verhärmt. Sie schlang die Arme um sich selbst, als eine besonders kräftige Bö an ihrer Kleidung zerrte. „Ich hole mir hier noch eine Lungenentzündung! Hättest du mir nicht drinnen sagen können, was du auf dem Herzen hast?“

„Hier, nimm.“

Sie blickte von Jonnys ernstem Gesicht zu dem Umschlag, den er ihr reichte. „Was ist das?“

Er strich sich durch die zerzausten hellen Locken – mit einer so vertrauten Geste, dass ihr das Herz schwer wurde. „Ich habe versprochen, dass ich dir das Darlehen zurückzahle.“

„Und ich habe dir gesagt, dass kein Grund zur Eile besteht. Ich brauche das Geld nicht. Es läge nur auf der Bank herum.“

Das Einkommen, das ihr der weltweite Verkauf der Buchreihe Angela’s Cat einbrachte, war schwindelerregend hoch. Und in gewisser Weise verdankte sie Jonny diesen Erfolg als Kinderbuchautorin.

Ohne ihn hätte sie nicht den Drang zur Flucht vor der Wirklichkeit verspürt und vermutlich nie herausgefunden, dass ihr die Schriftstellerei eine perfekte Rückzugsmöglichkeit bot. Dann wären die Kindergeschichten in einer Schublade liegen geblieben, und sie würde immer noch als Lehrerin arbeiten.

„Du hast mir aus der Klemme geholfen, Sam, und dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Aber das hier gehört dir.“ Er drückte ihr den Umschlag in die Hand. „Und dank dir wird Kat nicht erfahren, wie nahe ich einem Bankrott war.“

Widerstrebend steckte sie den Umschlag ein. „Du weißt ja, wie ich darüber denke.“

„Dass ich Kat von meiner Lage hätte unterrichten sollen?“ Er schüttelte den Kopf. „Lass es gut sein. Du weißt nicht, wovon du redest. Ich musste mir das Geld leihen.“

„Aber die Erbschaft von deiner Großmutter …“

„Ist für die Eröffnung der Geschäfte draufgegangen. Und ich brauchte Geld, um zu expandieren.“

„Wozu expandieren?“

„Ich kann nicht von Kat erwarten, die Frau eines kleinen Krämers zu sein.“

„Aus meiner Sicht bist du ein Volltrottel! Deine Frau ist reich, und ihr Bruder ist …“

„Ihr Bruder ist Alessandro Di Livio. Genau das ist der Knackpunkt. Er besitzt Milliarden, und ich …“

„Kat wusste, dass du kein Milliardär bist, als sie dich geheiratet hat.“

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