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Heiratsantrag auf Portugiesisch

1. KAPITEL

Nur noch fünfzig Kilometer bis zu ihrem Ziel. Shelley hatte sich bewusst Zeit gelassen für die lange Fahrt von London nach Portugal, doch nun war sie versucht, mehr aus ihrem alten Citroën herauszuholen, um der Ungewissheit möglichst schnell ein Ende zu bereiten. Doch sie verwarf den Gedanken wieder. Es war nicht ihre Art, vorwärtszupreschen.

Gleichzeitig überkam sie eine tiefe Traurigkeit. Hätte sie die Reise doch nur ein halbes Jahr früher antreten können.

Mit vierundzwanzig machte sie sich nicht mehr viele Illusionen über das Leben. Gleichwohl waren die Enthüllungen der letzten Tage ein Schock für sie gewesen, von dem sie sich noch immer nicht ganz erholt hatte.

Es war gegen Mittag, und die hochstehende Sonne warf harte Schatten auf die staubige Straße, die durch eines der zahlreichen verschlafenen Dörfer führte. Shelley hatte schon öfter ihren Urlaub auf dem europäischen Festland verbracht, aber es war ihre erste Reise an die Algarve, und was sie sah, übertraf alle ihre Erwartungen. Hier im Landesinneren fernab der Küste schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Sie war an Gehöften mit Weinbergen und Obstbäumen vorbeigekommen, die von runzligen Männern und schwarz gekleideten Frauen bewirtschaftet wurden, durch lichte Korkeichenwälder gefahren und hatte in kleinen Ortschaften Rast gemacht, bezaubert von der ausgesuchten Höflichkeit, mit der man ihr die einfachen, aber schmackhaften landestypischen Mahlzeiten servierte.

Die Algarve war ein Landstrich, der vor sehr langer Zeit stark von den Mauren beeinflusst worden war. Das Land hatte abenteuerlustige Seefahrer hervorgebracht, die ein Weltreich errichteten.

Sie ließ sich noch einmal alles durch den Kopf gehen, was sie über Portugal gelesen hatte, und das half tatsächlich, das nervöse Kribbeln in ihrem Bauch zu beruhigen. Sie und nervös? Shelley verzog das Gesicht, als sie daran dachte, was ihre Kollegen wohl dazu sagen würden.

Sie wusste, dass sie im Allgemeinen als kühl und besonnen galt. Zu besonnen, fanden manche. An der Universität hatte sie des Öfteren von ihren Professoren zu hören bekommen, dass sie viel zu zurückhaltend sei. Und sie wusste, dass es stimmte. Nach dem Studium bewarb sie sich bei einem großen Unternehmen, da ihr die Anonymität dort zusagte.

Sie stieg schnell auf und war nun Leiterin der Vertragsabteilung. Beruflich war sie viel auf Reisen, konnte sich aber nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein wie auf dieser Fahrt nach Portugal. Natürlich war sie diesmal auch nicht geschäftlich unterwegs. Nein, es handelte sich um eine Reise in ihre eigene Vergangenheit, bei der sie ihre Angehörigen kennenlernen würde. Vor vier Wochen hatte sie nicht einmal gewusst, dass noch Verwandte von ihr lebten.

Noch immer konnte Shelley es kaum fassen, dass der Zufall sie hierhergeführt hatte. Alles nur, weil sie eine Verabredung mit Warren Fielding ausgeschlagen hatte und stattdessen an einem Sonntag lieber in den Lesesaal des Museums gegangen war. Andernfalls hätte sie die Zeitungsannonce nicht gesehen und nie die Wahrheit erfahren.

Es hatte immer wieder Männer gegeben, die sich für sie interessierten, auch wenn sie nicht verstand, warum. Da es ihr an Selbstvertrauen mangelte, fand sie sich nicht besonders attraktiv, obwohl sie recht groß war, schimmerndes rotbraunes Haar hatte und einen hellen, ebenmäßigen Teint. Beides verriet ihre keltische Abstammung. Ihre Augen waren mandelförmig und goldgrün, wobei je nach Stimmung mal die eine, mal die andere Farbe dominierte.

Aufgewachsen ohne die Wärme und Zuneigung, die so wichtig für das Selbstbewusstsein sind, hatte sie sich nie bemüht, anderen zu gefallen. Kleidung und Make-up wählte sie nach ihrem eigenen Geschmack aus, und ihr kühles Auftreten war nicht dazu angetan, ihren Mitmenschen zu schmeicheln oder sie für sich einzunehmen.

Gleichwohl fühlten sich immer wieder Männer von ihr angezogen. Warren Fielding war der hartnäckigste ihrer Verehrer. Ein Kollege aus den Staaten, der es nie versäumte, sich bei ihr zu melden, wenn er in London war. Shelley war auf diese Verabredungen nicht erpicht.

Ihr kleiner Freundeskreis bestand aus einigen Studienkolleginnen aus ihrer Zeit in Oxford. Die meisten davon waren inzwischen verheiratet oder arbeiteten im Ausland. Daher ging Shelley am Wochenende gern in den Lesesaal des Museums.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie ausgerechnet den Anzeigenteil der Zeitung aufgeschlagen hatte. Aber den Schreck, der ihr in die Glieder fuhr, als sie ihren Namen las, spürte sie noch deutlich. Immer wieder ging sie die Annonce durch und fragte sich, wie die renommierte Anwaltskanzlei Macbeth, Rainer & Buccleugh dazu kam, ausgerechnet nach ihr zu suchen.

Erst am darauffolgenden Mittwoch rief sie die Londoner Nummer an und vereinbarte einen Termin für denselben Nachmittag. Zu ihrer Überraschung war Charles Buccleugh noch recht jung, um die vierzig. Er begrüßte sie mit einem charmanten Lächeln. Zahlreiche Familienfotos standen auf seinem Schreibtisch.

Als er den Namen ihres Vaters nannte, wäre sie am liebsten aufgesprungen und davongelaufen. Doch ihre Selbstbeherrschung gewann die Oberhand. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich immer wieder gesagt, dass sie kein Einzelfall sei und es unzählige unerwünschte Kinder gab.

Ihre Großmutter hatte ihr die traurige Geschichte über die Ehe ihrer Eltern erzählt. Man war mit der Wahl der Tochter nicht einverstanden gewesen, wie sie immer wieder betonte. Es hatte kein gutes Ende nehmen können. Als Shelleys Vater erfuhr, dass seine junge Frau schwanger war, begann er, sie zu vernachlässigen. „Wochenlang ist er einfach verschwunden. Deiner Mutter hat er gesagt, dass er Arbeit sucht. Aber ich habe ihm nicht geglaubt. Zum Glück hat dein Großvater das tragische Ende nicht mehr miterlebt.“

Shelley wusste, dass der Großvater vor ihrer Geburt gestorben war und ihr Vater ihre neunzehnjährige Mutter sitzen gelassen hatte.

„Ich habe es kommen sehen. Er war zu egoistisch. Hat sich nur für seine Malerei interessiert und gar nicht versucht, eine anständige Arbeit zu finden. Es hat deiner Mutter das Herz gebrochen, als er einfach so verschwand. Meine arme Sylvia. Und dann starb sie bei deiner Geburt. Vier Wochen später erfuhren wir, dass dein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Aber wen interessiert das schon.“

Und nun erfuhr Shelley, dass ihr Vater gar nicht so früh verstorben war, sondern jahrelang verzweifelt nach ihr gesucht hatte.

Was Charles Buccleugh ihr berichtete, erschütterte sie. Entgegen den Erzählungen ihrer Großmutter schien Shelleys Vater tatsächlich Arbeit gesucht und in London auch eine Stelle gefunden zu haben. Er hatte ihrer Mutter geschrieben, ihr die gute Nachricht mitgeteilt und sie zu sich holen wollen.

Auf jener Fahrt nach Hause geschah der Unfall, der angeblich tödlich endete. Schwer verletzt kam Shelleys Vater in ein Krankenhaus, wo man nichts von seiner Familie wusste. Als er in der Lage war, sich verständlich zu machen, half man ihm, einen Brief an seine Frau zu schreiben. Die Antwort der Großmutter lautete, ihre Tochter und das Baby seien tot und sie wolle nie wieder etwas von ihm hören.

In seiner Verzweiflung wanderte er nach Portugal aus und widmete sich ganz dem Malen. Die Entschädigungssumme, die er nach dem Unfall erhielt, ermöglichte ihm diesen Schritt.

Jahre später heiratete er ein zweites Mal – eine Witwe mit zwei Kindern. Durch einen Zufall traf er später einen Bekannten aus seiner Heimatstadt, der an der Algarve Urlaub machte. Von ihm erfuhr er, dass er eine Tochter hatte. Doch inzwischen war die Großmutter verstorben, und Shelley hatte in verschiedenen Pflegefamilien gelebt, sodass es ihm nicht gelang, sie ausfindig zu machen.

Charles Buccleugh setzte Shelley darüber in Kenntnis, dass ihr Vater vor Kurzem ebenfalls gestorben war. „Wir haben die Anzeige in die Zeitung gesetzt, um Sie zu finden, denn Sie sind erbberechtigt. Über die Einzelheiten ist allerdings nur der portugiesische Anwalt Ihres Vaters informiert. Unsere Aufgabe war lediglich, den Kontakt zu Ihnen herzustellen. Diesen Auftrag erteilte uns der Stiefsohn Ihres Vaters, Conde Jaime y Felipe des Hilvares.“

Als sie den Titel vernahm, hob Shelley kurz die Augenbrauen, gestattete sich aber keine weitere Regung. Hinter der Fassade von Gelassenheit, die sie dem Anwalt präsentierte, rang sie mit einem Sturm von Empfindungen, ausgelöst von der Erkenntnis, dass ihre Großmutter ihr absichtlich die Wahrheit verschwiegen hatte.

„All die vergeudeten Jahre …“

Ohne es zu bemerken, hatte sie die Worte laut ausgesprochen, während sie den Wagen durch die nächste Ortschaft lenkte. Hier kam die Gabelung, auf die sie gewartet hatte. Eine Abzweigung führte in Windungen hinab zur rot leuchtenden Felsenküste und dem Meer, das sich glitzernd in der heißen Sonne ausbreitete. Die andere Straße ging in die Hügel. Ihr musste sie folgen, um zum Anwesen des Conde zu gelangen.

Seit sie denken konnte, hatte sie sich nach einer eigenen Familie gesehnt und geglaubt, sie sei allein auf der Welt. Dabei hätte sie viele Jahre mit ihrem Vater verbringen können. Nun war es zu spät. Die Erbschaft interessierte sie nicht. Sie war nach Portugal gekommen, um zu erfahren, was für ein Mensch ihr Vater gewesen war.

Ein Wegweiser informierte sie, dass sie erneut abbiegen musste. Die Straße führte nun durch ein gepflegtes Weinbaugebiet. Charles Buccleugh hatte ihr gesagt, dass ihr Stiefbruder Winzer sei. Vielleicht war dies bereits sein Land.

Was ist er wohl für ein Mensch?, überlegte sie.

Sie wusste nicht viel von der zweiten Familie ihres Vaters, nur, dass sein Stiefsohn älter war als sie und seine Stieftochter jünger. Zu ihrer Überraschung hatte sie erfahren, dass seine zweite Frau aus England stamme. Seltsam, dass sie sich zunächst von einem portugiesischen Conde und dann von einem mittellosen englischen Maler angezogen fühlte? Ein unangenehmer Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Hatte ihr Vater womöglich des Geldes wegen geheiratet? Schnell schüttelte sie die Vorstellung ab. Es war dumm, sich Spekulationen hinzugeben.

Der portugiesische Anwalt aus Lissabon hatte sie darüber informiert, dass ihr Stiefbruder sie bei sich zu Hause treffen wolle. Auch wenn ihr dieser Wunsch ein wenig eigenwillig vorgekommen war, war sie doch bereit, ihre Stieffamilie in Portugal zu besuchen. Sie hatte lange keinen Urlaub mehr genommen. Also stand der Reise nichts im Weg.

Nun fuhr sie über eine Hügelkuppe, stoppte den Wagen und hielt vor Entzücken den Atem an, als sie den ersten Blick auf das vor ihr liegende Ziel ihrer Reise warf.

Unter ihr zwischen den Weinbergen lag die quinta, eine malerische Ansammlung von strahlend weißen Gebäuden mit terrakottafarbenen Dächern. Die Reben wuchsen bis an die Mauer heran, die das gesamte Anwesen umgab. Auch wenn sie noch zu weit entfernt war, um Einzelheiten wahrzunehmen, so hätte Shelley doch schwören können, das Plätschern von Wasser zu hören. Sie sah bereits die ineinander übergehenden Innenhöfe vor sich, die so charakteristisch für maurische Anlagen waren. Fast glaubte sie, das Aroma von starkem Kaffee und den Duft des süßen Gebäcks wahrzunehmen, das die Menschen hier im Süden so liebten.

Deine Fantasie geht mit dir durch, schalt sie sich und griff nach Handtasche und Spiegel, um ihre Frisur und das Make-up zu überprüfen. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war beruhigend vertraut. Ihre Augen schauten leicht distanziert, und das glänzende Haar fiel ihr in einer weichen Welle über die Schultern.

Ihre Nervosität war nur natürlich. Da ihr dieses Gefühl jedoch fremd war, umfasste sie das Steuer mit festem Griff, als sie weiterfuhr.

Die schmale, holprige Straße führte direkt zum Weingut. Die weiße Umfriedungsmauer war höher, als sie angenommen hatte, und warf einen dunklen Schatten. Das aus zwei Flügeln bestehende halbrunde Holztor der Einfahrt stand offen, und während sie hindurchfuhr, hörte Shelley das unverwechselbare Plätschern von Springbrunnen. Sie hatte es sich also nicht eingebildet.

Aus der Nähe betrachtet, erschien das zweistöckige Haus mit den verschiedenen Anbauten noch größer. Irgendwo im Inneren bellte ein Hund. Ansonsten drang kein Laut durch die Nachmittagshitze.

Natürlich, es war gerade Siesta. Bei ausgeschaltetem Motor wurde es im Inneren des kleinen Wagens schnell stickig. Shelley öffnete die Tür und betrachtete die halbrunde verzierte Haustür. Sie ähnelte dem Eingangstor, durch das sie gerade gefahren war, und sie vermutete, dass dahinter einer der entzückenden maurischen Innenhöfe lag, die in der Gegend so beliebt waren.

Etwas steif stieg sie aus dem Wagen und war schon fast beim Eingang angelangt, als sie hinter sich das Getrappel von Hufen hörte.

Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, als sie sich zu Pferd und Reiter umdrehte. Blinzelnd nahm sie einen hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann auf einem großen ebenfalls dunklen Pferd wahr. Dann schloss sie die Augen und tastete nach ihrer Sonnenbrille.

Als sie die Brille aufhatte, sah sie zu dem Reiter auf.

„Miss Howard, nehme ich an.“

Der Mann sprach perfektes Englisch, aber seine Stimme klang kalt und abweisend. Shelley sah keinen Grund, freundlicher zu antworten, und erwiderte kühl: „Ja. Und Sie, Senhor?“

„Ich bin Ihr Stiefbruder, Jaime y Felipe des Hilvares, aber Sie müssen mich Jaime nennen.“ Während er noch sprach, schwang er sich aus dem Sattel. Neben dem Haus erschien eilig ein kleiner, o-beiniger Mann, der ihm die Zügel abnahm und das Pferd davonführte.

Ihr neuer Stiefbruder sagte etwas auf Portugiesisch zu dem Stallburschen. Dabei klang seine Stimme plötzlich viel weicher. Der andere lächelte breit, nickte und erwiderte: „Sim, Excelentíssimo … sim ….

Shelley zuckte zusammen. Sie wusste, dass Jaime einen Titel führte. Gleichwohl war sie von der Unterwürfigkeit des Bediensteten überrascht.

Arrogant sieht er aus, dachte sie und betrachtete ihren Stiefbruder verstohlen. Rasch bemühte sie sich, die aufkommende Unsicherheit abzuschütteln, die sie in der ungewohnten Umgebung beschlich. Sie würde sich nicht von ihm beeindrucken lassen. Wenn er versuchen sollte, sie von oben herab zu behandeln, dann würde er schnell merken, dass er damit an die Falsche geraten war.

„Es ist ziemlich heiß hier draußen, Jaime“, sagte sie, „und ich habe eine lange Fahrt hinter mir …“ „Richtig … allerdings sehen Sie dafür erstaunlich frisch aus.“ Abschätzend ließ er den Blick aus seinen harten grauen

Augen über ihre zierliche Figur in weißem Top und Jeans wandern.

„Wir fühlen uns sehr geehrt, dass Sie nun doch bereit sind, uns hier aufzusuchen. Und natürlich ist es sehr unhöflich von mir, Sie in der Hitze stehen zu lassen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Wieder klang seine Stimme kalt, und sein Mund war zusammengepresst, als er sich ihr näherte. Anscheinend gelang es ihm nur mit Mühe, seine Abneigung ihr gegenüber zu zügeln.

Was hat er nur gegen mich?

Die Sonne schien ihm nun direkt ins Gesicht, und sie nahm seine hohen Wangenknochen und die markanten Züge wahr. Zweifellos ein Erbe seiner maurischen Vorfahren. Seine Haut war leicht gebräunt. Mit ihrer hellen Haut kam Shelley sich sehr blass und farblos vor. Auch fühlte sie sich erschreckend klein neben ihm. Seinem muskulösen Körper sah man an, dass er ein geübter Reiter war, und ihr fiel auf, dass er sich mit einer erstaunlichen Geschmeidigkeit bewegte.

„Ich dachte, Sie wollten endlich der Hitze entkommen?“ Sie wandte den Blick von seinen breiten Schultern und sah zu ihm auf. Seine Miene war distanziert, aber höflich. Doch sein verächtlich verzogener Mund verriet ihn. Der Schock darüber war so groß, dass es ihr plötzlich nicht mehr peinlich war, ihn so offen gemustert zu haben.

Hochmut hätte sie akzeptieren, ja sogar verstehen können. Auch sie begegnete Fremden mit Zurückhaltung. Aber Verachtung hatte sie nie erfahren. Die meisten Menschen, die sie kannten, brachten ihr Anerkennung und Respekt entgegen.

Langsam folgte sie ihm in die kühle, geflieste Eingangshalle. Die Fensterläden waren gegen die Hitze geschlossen, und bevor ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, stolperte sie und griff instinktiv nach Jaime.

Durch den Ärmel seines Hemds spürte sie seinen warmen und sehnigen Arm. Sie bemerkte, dass er unter ihrer Berührung leicht zusammenzuckte, ihr aber höflich half, das Gleichgewicht wiederzufinden.

Vielleicht gefällt ihm mein Aussehen nicht, ging es ihr durch den Kopf, während ihre Augen sich langsam an die Dämmerung gewöhnten. Abrupt rief sie sich zur Ordnung. Es spielt keine Rolle, warum er mich nicht mag. Ich bin nur hier, um Näheres über meinen Vater zu erfahren.

Das Erbe – sofern es sich um Geld handelte – war ihr nicht wichtig. Schon seit Beginn ihres Studiums in Oxford stand sie auf eigenen Füßen. Sie war stolz auf ihre finanzielle Unabhängigkeit. Wenn ihr Vater ihr etwas hinterlassen hatte, dann würde sie es wertschätzen, weil es von ihm stammte und zeigte, dass er an sie gedacht hatte.

Mehrere Türen führten von der Halle weg. Jaime schritt auf eine davon zu und erklärte ihr, dass der Hauptteil des Hauses um einen Innenhof gebaut war und die meisten Räume auf diese kühle Oase hinausgingen.

„Über die Jahre wurde immer wieder angebaut, und es entstanden noch weitere kleine Innenhöfe. In Portugal ist es üblich, dass die verschiedenen Generationen unter einem Dach zusammenleben. Dieses Haus wurde mir von meinem Vater überschrieben, als ich volljährig wurde. Natürlich wohnen meine Mutter und meine Schwester ebenfalls hier.“

„Und mein Vater …“ Nach einem kurzen Zögern antwortete er scharf: „Er wohnte auch manchmal hier, aber die meiste Zeit verbrachte er in seinem eigenen Haus an der Küste.“

Shelley runzelte die Stirn. Warum klang seine Stimme so angespannt? „Mein Vater hatte ein eigenes Haus?“

„Mir ist klar, dass Sie so schnell wie möglich Einblick in die Vermögensverhältnisse Ihres Vaters erhalten wollen, Miss Howard“, unterbrach Jaime sie abrupt und zeigte durch die Verwendung ihres Nachnamens, dass er sie auf Distanz halten wollte, obgleich er ihr seinen Vornamen angeboten hatte. „Darüber unterhalten Sie sich am besten mit dem Anwalt aus Lissabon. Ich habe veranlasst, dass er morgen hierherkommt und mit Ihnen das Testament Ihres Vaters bespricht. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen. Ich werde eine der Hausangestellten bitten, Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen. Sie wird Ihnen auch einige Erfrischungen bringen. Das Abendessen nehmen wir um acht Uhr ein.“

Ungläubig sah Shelley, wie er sich von ihr abwandte und sie allem Anschein nach einfach stehen lassen wollte. Der Zorn gewann die Oberhand über ihre Zurückhaltung.

„Ihre Mutter und Ihre Schwester …“

„Sie sind einkaufen, kommen aber rechtzeitig zum Abendessen zurück.“

Er sah ihren Gesichtsausdruck und lächelte sarkastisch. „Was ist? Sie haben doch sicher nicht erwartet, mit offenen Armen empfangen zu werden? Ich muss sagen, ich bewundere Ihren Mut, Miss Howard. Es gehört einiges dazu, die Familie des Vaters erst dann aufzusuchen, wenn etwas dabei herausspringt. So lange hat er sich bemüht, Sie zu finden … sein Kummer …“ Er schluckte, und Shelley begriff mit einem Mal, was ihr Stiefbruder ihr unterstellte. Erneut bemerkte sie, dass er sein Temperament nur mit Mühe zügelte. „Nein, Sie sind hier nicht willkommen“, fuhr er fort.

„Aber ich bin es Ihrem Vater, den ich sehr geliebt habe, schuldig, dafür zu sorgen, dass sein Letzter Wille geachtet wird. Meine Mutter ist nicht hier, um Sie zu begrüßen, weil sie immer noch zu tief trauert. Ihr Vater hat ihr alles bedeutet. Warum sind nicht früher gekommen, als er noch lebte? Oder ist es nur das Geld, das sie hierherzieht?“

Scharf stieß er die Frage hervor, und sie war zu schockiert, um sofort zu antworten. Dann wandte er sich abrupt ab und verließ den Raum.

Zitternd stand Shelley im Halbdunkel. Nun kannte sie die Ursache für seine Verachtung. Sie hätte alles dafür gegeben, sofort wieder abreisen zu können und nie mehr zurückzukehren. Aber sie schuldete es ihrem Vater, nicht davonzulaufen. Aus der Sicht ihres Stiefbruders waren die Vorwürfe sogar verständlich. Doch warum macht er sich nicht die Mühe, mich kennenzulernen, bevor er mich verurteilt?

Sie war nach Portugal gekommen, um mehr über ihren Vater zu erfahren. Und sie würde sich nicht von diesem eingebildeten, hochnäsigen Kerl davon abbringen lassen. In Kürze würde sie Gelegenheit bekommen, ihm und seiner Familie zu erklären, dass sie nicht aus Habgier hier war.

Erschrocken zuckte Shelley zusammen. Sie hatte nicht gehört, dass eine junge Frau in den Flur getreten war. „Ich bin Luisa“, sagte die Bedienstete mit einem entzückenden Akzent. „Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer, sim … ja? „Ja, bitte.“

2. KAPITEL

Shelley hatte keineswegs vorgehabt, das Abendessen zu boykottieren. Sie hatte sich nur kurz ausruhen wollen und war dann in einen langen, unruhigen Schlaf gefallen. Als sie schließlich erwachte, war es bereits nach zehn Uhr. Mit der Erinnerung an den bisherigen Tagesverlauf überkam sie eine lähmende Niedergeschlagenheit.

Voller Erwartungen und romantischer Vorstellungen hatte sie sich auf den Weg nach Portugal gemacht. Nun wurde ihr klar, wie naiv sie gewesen war. Wenn sie geglaubt hatte, herzliche Aufnahme in einer Großfamilie zu finden, so war sie nun eines Besseren belehrt worden.

Ihr ganzes Leben hatte sie sich gewünscht, eine Familie zu haben. Nun wusste sie, dass sich ihr Wunsch nicht erfüllen würde. Selbst wenn sie das Missverständnis über den Grund ihres Besuchs aufklären konnte, so gebot ihr doch der Stolz, abzureisen.

Auch entsprach Jaime überhaupt nicht ihren Vorstellungen von einem Stiefbruder. Sie konnte sich unmöglich ein geschwisterliches Verhältnis zu ihm vorstellen. Dazu war sie sich seiner sexuellen Ausstrahlung, von der sie sich magnetisch angezogen fühlte, viel zu stark bewusst. Unversehens tauchte in ihrer Erinnerung der verächtliche Blick auf, den er ihr zugeworfen hatte, und ein Schauer überlief sie.

Vor dem offenen Fenster zirpten die Grillen, und die Vorhänge bauschten sich in der warmen Abendluft. Alles erinnerte sie daran, dass sie sich in einem fremden Land befand.

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