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Heiraten? Nur aus Liebe!

Karen Rose Smith

Heiraten? Nur aus Liebe!

1. KAPITEL

„Ich bin nur gekommen, weil …“, Sierra Girard blickte Ben Barclay mit großen blauen Augen an, „… weil ich schwanger bin.“

Ihre Ankündigung hallte ominös in seinem Dienstzimmer wider, traf ihn wie ein Schlag in den Magen. Jäh fiel ihm wieder ein, dass sie nicht verhütet hatten. Solche Unterlassungssünden passten überhaupt nicht zu ihm. Vor sechs Wochen hatten sie sich auf einer Party kennengelernt und die Nacht miteinander verbracht – nun, den Großteil der Nacht. „Warum bist du ohne ein Wort verschwunden?“

Sie senkte den Kopf, sodass ihr welliges, dunkelbraunes Haar nach vorn fiel, und starrte auf ihre Hände. „Ich bin gegangen, weil wir uns von der Hitze des Augenblicks haben mitreißen lassen und beide nicht auf etwas Festes aus waren. Du hast mir erzählt, dass die Arbeit dein Lebensinhalt ist und dein Beruf als Staatsanwalt deine ganze Zeit in Anspruch nimmt.“

Schwanger … Sierra ist schwanger! Plötzlich war er wütend auf sich selbst und auf sie.

Sein Gesichtsausdruck schien seine Gefühle zu verraten, denn sie murmelte: „Ich hätte nicht kommen sollen.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt, eilte zur Tür und trat hinaus auf den Gang.

Ben stürmte ihr nach und packte sie am Arm.

Beide erstarrten. Wie bei ihrer ersten Begegnung herrschte diese verblüffende elektrisierende Anziehungskraft zwischen ihnen.

Schließlich befreite Sierra sich aus seinem Griff. „Es ist nicht dein Problem, sondern meins. Ich dachte nur, dass du es gern wissen möchtest.“

Sie waren auf der Verlobungsparty gemeinsamer Freunde ins Gespräch gekommen. Ihr bezauberndes Lächeln hatte seine vor Jahren um sich herum errichteten Schutzmauern niedergerissen. Das Verlangen war eskaliert, hatte die Vernunft ausgeschaltet. Bald nach dem Sex war er erschöpft eingeschlafen und sie verschwunden.

Ein Kollege kam den Gang entlang und warf ihnen neugierige Blicke zu.

„Komm wieder rein“, schlug Ben in beherrschtem Ton vor. Weil sie zögerte, fügte er nachdrücklich hinzu: „Ich lasse dich nicht noch mal entwischen.“

„Du hättest dir ja meine Telefonnummer von Camille oder Miguel besorgen können, wenn du mich wirklich erreichen wolltest“, entgegnete sie mit sanftem Vorwurf.

Warum hätte er sich bei ihr melden sollen, nachdem sie ohne ein Wort verschwunden war? Warum sollte er überhaupt einer Frau nachlaufen? Er wusste nur zu gut, dass sie sich früher oder später alle aus dem Staub machten. Seine Mutter hatte ihren Mann und ihre drei Söhne sang- und klanglos verlassen.

Trotz dieser traumatischen Erfahrung hatte Ben sich mit dreißig auf das Wagnis einer festen Beziehung eingelassen, die allerdings nur anderthalb Jahre hielt. Weil er zu sehr in seinem Beruf aufging, hatte Louisa sich mit einem ihrer Arbeitskollegen aus der Werbeagentur vergnügt.

In Bens Augen gab es Happy Ends und ewige Liebe nur im Märchen. Dennoch war er von Sierra ebenso fasziniert wie bei ihrer ersten Begegnung. „Bist du damals gegangen, um mich zappeln zu lassen?“

„Nein“, protestierte sie so schnell, dass er ihr beinahe glaubte. „Ich lande nicht jedes Mal mit einem Mann im Bett, wenn ich zu einer Verlobungsparty gehe. An dem Abend … so etwas ist mir vorher noch nie passiert. Danach war ich verwirrt. Als du dir nicht die Mühe gemacht hast, meine Telefonnummer herauszufinden und anzurufen, wusste ich, dass du nicht weiter an mir interessiert bist.“

Mit ihren vierundzwanzig Jahren wirkte Sierra erfrischend unschuldig. Ben war fünfunddreißig, aber die elf Jahre Altersunterschied kamen ihm eher wie dreißig vor. Er hatte schreckliche Dinge gesehen, die sie nicht einmal aus ihren schlimmsten Albträumen kannte. Die Akten auf seinem Schreibtisch waren voll von Fotos, die sie hoffentlich niemals zu Gesicht bekam. „Warum bist du wirklich verschwunden?“

„Ich dachte, es wäre das Beste für uns beide“, erwiderte sie nachdrücklich. „So konnte es danach nicht zu Peinlichkeiten oder Verlegenheit kommen.“

„Läufst du immer vor peinlichen Situationen weg?“ Ben wusste kaum etwas von ihr. Eigentlich nur, dass sie Camilles beste Freundin und Brautjungfer war. Da Sierra schwieg, fragte er: „Warst du beim Arzt?“

„Ja.“

„Und was willst du nun unternehmen?“

Ihre bisher blassen Wangen röteten sich. „Ich werde auf keinen Fall abtreiben.“

„Das wollte ich dir auch nicht vorschlagen.“ Er trat einen Schritt näher und bereute es sofort, denn der Duft nach Rosen, der ihn bereits bei der ersten Begegnung betört hatte, stieg ihm in die Nase. „Ich will nur wissen, ob du sicher sein kannst, dass es mein Kind ist.“

„Ganz sicher.“

Er schwieg. In letzter Zeit mangelte es ihm an Vertrauen, vor allem zu Frauen.

„Du glaubst mir nicht? Okay.“ Sierra griff in ihre Tasche und holte eine Visitenkarte heraus. „Hier. Jetzt hast du meine Telefonnummer und die Adresse von meinem Geschäft. Der Geburtstermin ist voraussichtlich Ende Mai. Ruf mich an, falls du an der Erziehung teilhaben willst. Wenn nicht, ist es mir auch recht.“ Und damit lief sie mit klappernden Absätzen auf den Gang hinaus.

Ben beobachtete, wie ihr das Haar auf dem Rücken tanzte und das dünne Kleid um die Beine flatterte. Er wusste, dass er sie rufen, ihr nachgehen, sie zurückholen sollte, um die Angelegenheit zu klären. Aber er tat nichts davon. Denn Ben Barclay, der den Ruf als einer der nüchternsten und kompromisslosesten Staatsanwälte von Albuquerque hatte, war total aufgewühlt.

Ich werde Vater …

Er musste sich einen Plan zurechtlegen, bevor er wieder mit Sierra sprach. Vor allem musste er herausfinden, ob sie ehrlich war oder ihn nur ausnutzen wollte, um finanzielle Unterstützung für ein Kind zu erwirken, das womöglich gar nicht von ihm war.

Mit dem Telefon am Ohr wanderte Sierra hinter der Theke ihres Schmuckladens in der Altstadt von Albuquerque auf und ab. Gespannt wartete sie auf die Reaktion ihrer Tante.

„Gestern hast du es ihm also gesagt? Und wie hat er reagiert?“, fragte Gina Ruiz.

„Er war schockiert.“

„Ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass ihm so etwas nicht jeden Tag passiert.“

Sierra musste lächeln, obwohl ihr wie an jedem frühen Nachmittag übel war. „Das hoffe ich doch. Ich wäre nie mit ihm im Bett gelandet, wenn ich gedacht hätte …“ Sie verstummte verlegen. Schließlich sprach sie mit ihrer Tante, nicht mit ihrer Busenfreundin.

„Wie ist es denn dazu gekommen? So etwas sieht dir gar nicht ähnlich. Du hast mir erzählt, dass dieser Ben Barclay Miguels Trauzeuge ist, aber du kennst ihn doch nicht richtig, oder? Hat er dich bedrängt oder dir etwas ins Getränk gemischt? Hattest du zu viel Alkohol getrunken?“

Sierra dachte zurück an die erste Begegnung. Ben wirkte äußerst attraktiv mit seinen schwarzen Haaren und den markanten Wangenknochen. Seine Kieferpartie wirkte streng, wenn er nicht gerade lächelte. Über den Raum hinweg hatten seine grauen Augen ihren Blick einen langen Moment gefangen gehalten. Unwillkürlich hatte sie den Atem angehalten und ein Prickeln den Rücken entlang verspürt. Das hatte sie beunruhigt, denn sie wollte sich mit keinem Mann einlassen, weil die Erinnerungen an ihren kürzlich verstorbenen Verlobten noch zu frisch waren.

Doch das Schicksal ließ sich nicht beirren. Sierra und Ben waren einander vorgestellt worden und hatten sich ganz spontan in ein angeregtes Gespräch vertieft. Im Laufe des Abends war der Geräuschpegel im Festsaal extrem angestiegen, bis man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Da sie beide die Stille bevorzugten, waren sie in sein Hotelzimmer gegangen, um sich dort in Ruhe weiterzuunterhalten. Niemals im Leben hätte sie damit gerechnet, dass sie im Bett landen würden.

„Sierra?“

„Er war der perfekte Gentleman. Es lag an uns beiden. Ich weiß nicht, wie und warum, aber es ist einfach passiert.“

„Soll ich nach Hause kommen?“

„Das ist absolut nicht nötig.“ Auf gar keinen Fall wollte Sierra ihrer Tante den seit Jahren geplanten und ersehnten Urlaub in Griechenland verderben. „Ehrlich, mir geht es gut. Camille und Miguel sind hier, und ich bin voll beschäftigt mit den Hochzeitsvorbereitungen.“

„Aber wer wird für dich da sein, wenn die beiden in den Flitterwochen sind? Was ist, wenn sich ein Problem ergibt?“

„Ich kann auf mich selbst aufpassen. Mach dir bitte keine Sorgen.“

Die Glocke über der Ladentür klingelte. Ben Barclay trat ein.

„Gina, ich muss auflegen. Ben ist gerade gekommen.“

„Lass ihn nicht für dich entscheiden.“

„Ich verspreche es.“

„Und melde dich bald wieder.“

„Okay. Ich habe dich lieb“, murmelte Sierra, bevor sie das Gespräch beendete.

Mit der strahlenden Sonne von New Mexico im Rücken lag Bens Gesicht im Schatten, bis er an den Ladentisch trat. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und musterte den Schmuck aus Tigerauge, Türkis, Lapislazuli und venezianischem Glas in den Vitrinen. Seine Miene verriet nicht, was er von den Kunstwerken hielt. Er trug eine schwarze Cargohose und ein Polohemd in Rost und Schwarz, und er sah genauso attraktiv aus wie damals auf der Party im eleganten Anzug. Sierra konnte nicht verhindern, dass ihr andere Bilder durch den Kopf jagten – von seinem nackten Körper mit der breiten Brust, den kraftvollen Muskeln …

Sie ermahnte sich, nichts von ihm zu erwarten. Ben strahlte eine gewisse Härte aus, die vermutlich von seinem Beruf herrührte. Er übte ebenso wie ihr verstorbener Verlobter eine aufreibende Tätigkeit aus. Als Arzt hatte Travis sich zur Rettung von Menschenleben berufen gefühlt. Auch Ben rettete Leben, wenn auch auf andere Weise. Er schloss die Bösen weg, damit sie niemandem mehr Schaden zufügen konnten. Eben diese Betätigung zählte zu den Gründen, warum sie sein Zimmer in jener Nacht so überstürzt verlassen hatte. Denn für beruflich so engagierte Männer stand die Liebe nicht an erster Stelle.

„Du hast mir auf der Party erzählt, dass du Schmuck herstellst. Welche Stücke sind denn von dir?“, erkundigte er sich.

„Ich mache alles selbst. Dadurch habe ich wenigstens etwas zu tun, wenn ich an Schlaflosigkeit leide“, scherzte Sierra, obwohl sie sich viel mehr dafür interessierte, warum er gekommen war, und was er ihr zu sagen hatte.

Mit seinen scharfen grauen Augen nahm er jedes Detail von ihr wahr, von der türkisfarbenen Bluse über die braune Gauchohose bis hin zu der langen Perlenkette, die im Ausschnitt ihrer Bluse ruhte. „Hast du die auch selbst gemacht?“

Sierra nickte wortlos. Unter seinem eindringlichen Blick spürte sie Schmetterlinge im Bauch, beinahe so wie in jener Liebesnacht.

Er strich mit einem Finger über einen Klumpen aus Türkis und eine runde Perle aus Koralle. „Du bist sehr talentiert.“

„Ich habe nur einen Sinn für die Zusammenstellung von Farben und Formen.“

Ben ließ die Kette los, als wäre sie plötzlich brennend heiß. „Ich will am Leben meines Babys teilhaben. Falls dieses Kind wirklich von mir ist.“

Sie wusste, dass es in gewisser Weise leichter für sie wäre, das Kind allein aufzuziehen. Trotzdem versicherte sie: „Das ist es.“

Er musterte sie lange. „Wir lassen einen DNA-Test machen, sobald das Baby geboren ist. Aber bis dahin will ich über deinen Zustand informiert sein. Brauchst du finanzielle Unterstützung?“

„Ich brauche keine Hilfe.“

„Bist du krankenversichert?“

„Ja. Ich bin nicht zu dir gekommen, weil ich etwas will.“

„Du dachtest nur, dass ich es wissen sollte?“

„Ja. Ich muss in der übernächsten Woche zu meiner Gynäkologin. Falls du interessiert bist oder irgendwelche Fragen hast …“

„Ich stehe gerade vor einem Gerichtsprozess, aber wenn ich es einrichten kann, komme ich mit. Lass mich rechtzeitig wissen, wann und wo.“

Die ganze Situation war Sierra peinlich, denn sie besaß nicht viel Erfahrung im Umgang mit Männern. Sie wünschte sich nur jemanden, der sie verstand, den sie verstehen konnte. In Travis hatte sie diesen Menschen gefunden.

„Woran denkst du?“, wollte Ben wissen.

„An das, was mich an diesen Punkt gebracht hat.“

„Nach Albuquerque?“

„Nicht nur. Dass ich vierundzwanzig bin, ein Geschäft betreibe, dich getroffen habe und jetzt schwanger bin.“

Er wartete einen Moment, dass sie weitersprach. Vergeblich. „Du hast mir erzählt, dass du bei deiner Tante lebst. Hast du sonst noch Angehörige hier?“

Sie schüttelte den Kopf. „Meine Eltern leben zurzeit in Afrika. Und meine Tante ist verreist. Sie kommt in ein paar Wochen zurück.“

„Weiß sie von der Schwangerschaft?“

„Ich habe sie gerade erst angerufen. Du solltest es als Erster erfahren.“

„Was ist mit Camille?“

„Falls sich vor der Trauung eine Gelegenheit ergibt, sage ich es ihr. Wenn nicht, warte ich, bis sie aus den Flitterwochen zurückkommt.“

„Hast du vor, nach der Hochzeit auf der Hacienda zu übernachten?“

Miguel Padillas Eltern lebten auf einem Anwesen bei Santa Fe. Dort sollte die Trauung stattfinden, während der anschließende Empfang im selben Gasthaus wie damals die Verlobungsfeier gegeben wurde. „Ja. Und du?“

„Ich war noch unentschlossen, aber jetzt glaube ich, dass es eine gute Idee ist, zu bleiben.“ Nachdenklich fügte Ben hinzu: „Vielleicht sollten wir zusammen hinfahren.“

Überrascht atmete Sierra tief durch. „Wieso?“

„Wir werden gemeinsame Entscheidungen treffen müssen. Meinst du nicht, dass es ratsam ist, uns besser kennenzulernen?“

„Ehrlich gesagt habe ich noch nicht so weit vorausgeplant. Ich dachte, dass du nichts mit mir und dem Baby zu tun haben willst.“

„Wie bist du denn darauf gekommen?“

„Deine Karriere nimmt den Großteil deiner Zeit in Anspruch. Außerdem ist das eine Art von Verantwortung, die ein Mann nicht freiwillig übernimmt.“

„Du bist also davon ausgegangen, dass ich mich vor der Verantwortung drücke.“

„Anscheinend.“

„Tja, nach dem nächsten Wochenende werden wir mehr voneinander wissen“, murmelte Ben.

Etwas an ihm machte ihr Angst. Nicht in körperlicher Hinsicht. Es lag eher daran, dass er sie so zweifelnd anblickte, als stünde sie auf einer Seite des Zaunes und er auf der anderen. Konnte er sich womöglich als Widersacher entpuppen?

Er reichte ihr eine Visitenkarte. „Meine Handynummer steht da drauf. Du kannst mich jederzeit erreichen. Ich rufe dich Ende der Woche an, damit wir einen Treffpunkt für Samstag vereinbaren können.“

Sierra nickte.

Er wandte sich zum Gehen.

„Ben?“

Er drehte sich zu ihr um.

„Danke, dass du es mir etwas leichter machst.“

„Mal abwarten, wie leicht es ist, wenn wir erst mal richtig betroffen sind.“

„Bist du fertig?“, fragte Ben, sobald Sierra ihm die Haustür öffnete.

Sein prüfender Blick wühlte sie wie immer auf. Zum wiederholten Mal zweifelte sie an der Richtigkeit der Entscheidung, mit ihm zusammen nach Santa Fe zur Hochzeit zu fahren. „Ich muss nur schnell meine Reisetasche und das Kleid holen. Komm doch rein.“

Sie war entschlossen, sich freundlich, höflich und distanziert zu geben. Doch das war schwer, wenn ihr sein Anblick in legerer Khakihose und schwarzem Polohemd derart unter die Haut ging.

Sobald er den Wohnbereich des kleinen Häuschens betrat, wurde ihr bewusst, wie schwer es war, Distanz zu halten. Groß, breitschultrig und durchtrainiert, schien Ben den gesamten Raum zu vereinnahmen.

Interessiert sah er sich um. Ein gekachelter Tresen trennte die Küchenzeile von der Essecke und einer Vitrine mit mexikanischen Kunstgegenständen. „Es ist hübsch hier.“

„Ich fühle mich hier mehr wie zu Hause als irgendwo sonst“, gab Sierra zu.

„Wahrscheinlich, weil du während der Highschool hier bei deiner Tante gelebt hast. Es waren vier Jahre, oder?“

Sie wunderte sich, dass er sich so gut an ihr Gespräch bei jener Party erinnerte. „Das stimmt. Und seit ich vor ein paar Jahren nach Albuquerque zurückgekommen bin, wohne ich auch wieder hier.“ Sie ging zum Sofa und holte den Kleidersack.

„Aber du hast mir nicht gesagt, wo du vor deiner Rückkehr gelebt hast.“

„Wir können während der Fahrt darüber reden“, entgegnete sie und griff zu ihrer Reisetasche.

„Die trage ich“, entschied er.

„Ich bin stärker, als ich aussehe.“

Er stand ihr so nahe, dass sie den Duft seines Aftershaves auffing. „Das kann ich mir denken. Aber wenn du die Tür abschließen willst, brauchst du eine freie Hand.“

Sie gab nach. Ihre Finger berührten seine, während sie ihm die Tasche reichte. Seine Haut war heiß und etwas rau. Sierra erinnerte sich deutlich, wie seine Hände sich auf ihrer nackten Haut angefühlt hatten.

Beide hielten den Atem an. Ihre Blicke trafen sich.

Dann deutete Ben mit undurchdringlicher Miene zur Tür. „Ladys first.“

Sie schaltete die Alarmanlage ein. Beide verließen das Haus. Während sie die Tür verschloss, verstaute er die Reisetasche auf dem Rücksitz seines SUV und hängte den Kleidersack an einen Haken, gegenüber von seinem Smoking.

Sierra war bereits angeschnallt, als er einstieg. Anstatt den Motor zu starten, starrte er sie nachdenklich an. „Was ist?“

„Ich wundere mich, dass du nicht mehr Gepäck hast.“

„Wir bleiben doch bloß über Nacht.“

„Ja, aber mit der Hochzeit und so …“

Was hatte er erwartet? Einen riesigen Kosmetikkoffer und unzählige Outfits zum Wechseln? „Vergiss nicht, dass ich eine Weltenbummlerin bin. Ich habe gelernt, mit leichtem Gepäck zu reisen.“

„Dann bist du eine von sehr wenigen Frauen auf dieser Welt, die das können.“ Er drehte den Zündschlüssel.

„Meine Mutter gehört auch dazu. Sie hat diese nützliche Eigenart an mich weitergegeben.“

Kommentarlos fuhr er los. Doch an der nächsten Ampel drehte er den Kopf zu Sierra und sagte: „Du hast mir erzählt, dass deine Eltern Anthropologen sind und dich in deiner Kindheit meistens auf ihre Reisen mitgenommen haben. Du bist erst zu deiner Tante gezogen, als du in die Highschool gekommen bist, oder?“

„Das stimmt.“

„Bist du Einzelkind?“

„Ja.“

„Warum haben sie dich dann in deiner Teenagerzeit hier leben lassen? Ausgerechnet während der bedeutsamsten Jahre? Wollten sie gar nicht miterleben, wie du dein erstes Date hast, dein erstes Auto fährst, zum Abschlussball gehst?“

Ben mochte manchmal sehr zynisch wirken, doch er war auch sehr scharfsinnig. Das musste ein Staatsanwalt wohl sein. Schließlich gehörte es zu seinen Aufgaben, Zeugen wie Verbrecher zu durchschauen.

„Meine Eltern sind etwas ungewöhnlich.“

„Inwiefern?“ Er bog auf die Hauptstraße in Richtung Autobahn ab.

Eigentlich ließ sie niemanden außer ihrer Tante spüren, wie sehr ihre Kindheit sie beeinflusste, wie einsam und unerwünscht sie sich fühlte. Doch nun wusste sie nicht, wie sie dieses Gesprächsthema, das ungewollt aufgekommen war, wieder beenden sollte. „Sie gehen völlig in ihrer Karriere auf.“

„Das ist bei vielen Eltern so.“

„Mag sein.“

„Wieso hat es dich besonders beeinflusst?“

„Willst du mich psychoanalysieren?“

„Nein. Ich versuche nur, deinen Background kennenzulernen.“

„Erzählst du mir denn auch von deinem? Ich weiß bisher nur, dass du aus Minnesota stammst.“

„Weichst du etwa meiner Frage aus?“

Sierra rief sich in Erinnerung, dass sie es mit einem Anwalt zu tun hatte, der es gewohnt war, Antworten zu bekommen. Nach kurzem Zögern sagte sie: „Es ist nicht leicht, das Leben meiner Eltern zu erklären.“ Sie zögerte erneut. „Du hast mir erzählt, dass deine Arbeit dich sehr in Anspruch nimmt und dich sogar nachts und an Wochenenden beschäftigt.“

„Stimmt.“

„Jetzt stell dir mal vor, du wärst mit einer Staatsanwältin verheiratet, die in ihrem Beruf genauso aufgeht wie du, und dass du mit ihr gemeinsam alle Fälle von morgens bis spät abends bearbeitest. Stell dir ferner vor, dass deine Frau ein Baby bekommt und ihr weiterhin zusammenarbeiten wollt wie vor der Geburt des Babys.“

Ben schwieg mindestens eine halbe Meile lang, bis er auf die Autobahn in Richtung Santa Fe abgebogen war. Schließlich meinte er: „Wenn ich mir das Szenario ausmale, dann sehe ich dabei eine Nanny, die sich um das Baby kümmert.“

„Ich hatte sehr viele Nannys.“ Gewöhnlich eingeborene Frauen, die Sierra respektieren und lieben gelernt hatte. Aber sie fühlte sich so losgelöst von ihren Eltern.

„Wo bist du geboren?“

„In Frankreich. Mein Vater ist Franzose. Kurz vor meiner Geburt sind sie zu seiner Mutter gefahren und drei Monate dort geblieben.“

„Und dann?“

„Sind wir nach Afrika gegangen, und dann nach Bali, Indien und Südamerika.“

„Wie viele Sprachen sprichst du?“

„Einige.“

„Das kann ich mir denken. Was geht im Kopf eines Kindes vor, wenn es sich irgendwo eingewöhnt hat und dann wegziehen muss? An einen fremden Ort, wo es nicht mal die Sprache spricht und seine Eltern mit ihren Berufen beschäftigt sind?“

Sierra blickte ihn verwundert an. Seine Frage zeugte von außergewöhnlichem Einfühlungsvermögen. „Ich habe in der Welt der Bücher gelebt. Und wenn mir keine zur Verfügung standen, habe ich die Fertigkeiten der Menschen erlernt, bei denen wir gewohnt haben.“

„Du meinst Dinge wie Kochen und Tontöpfe herstellen?“

Sie nickte. „Und Körbe flechten, Teppiche weben, Garn färben, Holz schnitzen, zeichnen … was auch immer.“ Sie wollte unbedingt das Thema wechseln und fragte: „Stehst du deiner Familie nahe?“

„Nahe ist ein relativer Begriff, aber ich denke schon. Wir rufen uns gegenseitig an, wenn wir etwas brauchen. Ich fahre an den Feiertagen nach Hause, wenn irgend möglich.“

„Auf Camilles und Miguels Verlobungsparty hast du erwähnt, dass du mit deinem Vater zum Eisfischen gehst. Was ist mit deiner Mutter?“

Die Stille, die ihrer Frage folgte, verriet ihr deutlicher als Worte, dass Bens Kindheit auch nicht gerade perfekt aussah. „Sie ist gegangen, als ich sechs war.“

„Sie hat deinen Vater verlassen?“

„Meinen Vater, Nathan, Sam, mich und Rapid Creek.“

„Wohin ist sie denn gegangen?“

„Das ist unwichtig. Mein Vater hat sie aus unserem Leben gestrichen. Irgendwann hat er uns schließlich erzählt, dass sie seit Jahren tot ist.“

Schockiert hakte sie nach: „Ihr wusstet nichts davon?“

„Sie hatte jeden Kontakt mit uns abgebrochen.“

Obwohl er sich um einen sachlichen Ton bemühte, hörte Sierra Bitterkeit in seiner Stimme und fragte ihn daher nicht weiter aus. Für den Moment hatten sie beide genug von sich preisgegeben.

Es war leichter, sich auf die Landschaft zu konzentrieren, die sie liebte. New Mexico war ihr Lieblingsort auf der ganzen Welt. Kein Himmel war so blau, keine Wolken schienen so nahe, keine Klippen wirkten so beeindruckend. Von dem Gebirgszug Sandia Mountains im Nordosten von Albuquerque zu den Bergen Sangre de Cristos östlich von Santa Fe, von den Pinienwäldern und Salbeifeldern entlang dem Rio Grande über die Kojotenzäune bis zu den Bauten im historischen Adobe-Stil – all das gab ihr das Gefühl, dorthin zu gehören wie sonst nirgendwohin. Vielleicht lag es daran, dass ihre Tante dort lebte und einen liebevollen Einfluss auf sie ausübte. Doch sie war nicht der einzige Grund. Es war auch der kreative Geist der Gegend, der faszinierend wirkte.

Ben schaltete den CD-Player ein. Die Klänge einer akustischen Gitarre und einer Flöte füllten den Innenraum des Autos. Sierra liebte diese Art von Musik.

Haben wir etwa gemeinsame Interessen?

Sie verwarf diesen Gedanken immer mehr, je weiter sie fuhren, ohne dass Ben auch nur ein Wort sprach. Er schien meilenweit entfernt zu sein.

Den Rest der Fahrt überließ sie ihn seinen Gedanken. Sierra wollte nicht über diesen Tag hinausdenken.

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