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Heirate mich, Prinzessin!

PROLOG

Sechs Jahre zuvor

 

„Es gibt also tatsächlich Götter, die auf Erden wandeln!“

Der atemlose Ausruf ihrer Freundin veranlasste Clarissa D’Agostino dazu, die Stirn zu runzeln, während sie weiterhin vergeblich auf einem Fleck auf dem Oberteil ihres lavendelfarbenen Chiffonkleides herumrieb. Warum hatte sie auch so lustvoll in diese überreife Pflaume gebissen! Das gehörte sich nicht für eine castaldinische Prinzessin. War es nicht ihre Pflicht, überall und zu jeder Gelegenheit hoheitsvoll und makellos zu erscheinen? Doch auch nach vier Jahren Harvard Business School und einem Einser-Examen schaffte sie es einfach nicht, bei öffentlichen Veranstaltungen eine gute Figur zu machen.

Sie schnitt eine Grimasse, als sie erkannte, dass der Fleck nicht rausgehen würde. „Was redest du da?“, fragte sie die Freundin.

„Schau doch mal da drüben! Dieser göttliche Mann!“

Clarissa folgte dieser Aufforderung nicht, sondern musterte Luci, die sich enthusiastisch Luft zufächelte, kritisch.

„Ich dachte schon, sein Profil sei das Tollste, aber du musst ihn mal von vorne sehen. Sein Gesicht ist einfach ’ne Wucht“, schwärmte Luci weiter.

Entsetzt starrte Clarissa ihre Freundin an. Was war nur mit Luciana Montgomery los, der feministisch angehauchten Amerikanerin, die zwar castaldinische Wurzeln besaß, doch noch nie zuvor beim bloßen Anblick eines Mannes so ausgeflippt war? Clarissa und Luci waren zusammen aufs College gegangen. Dort hatte Luci, die lebhafte Rothaarige, viele gut aussehende Verehrer gehabt, doch noch immer war sie der Meinung, dass außer Clarissas Brüdern und Cousins keine begehrenswerten Männer existierten. Und jetzt flippte sie wegen eines völlig Fremden schier aus.

Gleich darauf wurde es völlig absurd, denn Luci packte Clarissas Arm und rief aufgeregt: „Er schaut dich an!“

„Ich hätte schwören können, dass du nur ein einziges Glas Champagner getrunken hast“, erwiderte Clarissa trocken. Um herauszufinden, was ihre Freundin in ein geradezu hysterisches Schulmädchen verwandelt hatte, wandte sie sich um. „Wahrscheinlich meint er jemand ganz and…“

Die Worte blieben ihr im Hals stecken.

In diesem Ballsaal waren so viele Männer, die sie nicht kannte. Zu lange war sie weg gewesen. Hinzu kam, dass sie früher nur selten am höfischen Leben teilgenommen hatte. Sie war jenes Mitglied der königlichen Familie, das man am ehesten vergaß, und das war ihr nur recht. Doch in diesem Saal hier befand sich nur ein einziger Mann, der Lucis Enthusiasmus wert gewesen wäre.

Zumindest war er der einzige, den Clarissa sah.

Er war kein Gott. Keines der Abbilder göttlicher Wesen, die Clarissa jemals gesehen hatte, hielt einem Vergleich mit diesem Mann stand. Nie hätte sie gedacht, dass eine derartige Attraktivität möglich war. Sie blinzelte, um sich zu vergewissern, dass er keine Fata Morgana war.

Nein. Er war Wirklichkeit. Und er schaute ihr direkt in die Augen.

Ihr Herz machte einen Sprung, und sie verlor das Gefühl für Raum und Zeit. Zitternd begegnete sie seinem Blick und meinte, ihre eigenen Gefühle darin gespiegelt zu sehen. Zwischen ihnen herrschte eine elektrisierende Spannung, eine geradezu magische Verbindung, die die Distanz spielend zu überbrücken schien.

Doch plötzlich wandte er sich ab, und die Verbindung brach ab. Clarissa war einen Moment verstört, aber dann sah sie, weshalb er den Blickkontakt unterbrochen hatte.

Ihr Vater war neben ihm aufgetaucht und lächelte den Mann so herzlich an, dass es Clarissa einen Stich versetzte. Seit sie ein kleines Kind gewesen war, hatte König Benedetto sie nicht mehr so angelächelt.

Der Mann schaute den König kühl an, als stehe er einem Fremden gegenüber. Benedetto sprach, der Mann hörte zu. Sofort setzte sich Clarissa in Bewegung, um hinüberzugehen. Sie wollte dem Mann nahe sein, herausfinden, was gerade zwischen ihnen geschehen war. In diesem Moment wandte er sich zu ihr um, und erneut schauten sie sich in die Augen.

Sie blieb stehen. Ihr Atem stockte, ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen, und ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Was sie in seinem Blick las, war unmissverständlich: Kälte, ja, Feindseligkeit lag darin. Das bedeutete, dass sie falsch gelegen hatte. Offensichtlich gab es zwischen ihnen keinerlei Magie, keinerlei Anziehungskraft. Oder wenn, dann nur auf ihrer Seite.

Ehe sie sich von der Demütigung erholt hatte, wandte der Mann sich ab und ließ ihren Vater stehen.

„Du meine Güte, was war das?“, hörte sie Lucis Stimme wie von weither zu sich durchdringen.

Clarissa konnte keinen klaren Gedanken fassen, und noch weniger brachte sie ein Wort über die Lippen.

„Das war der wilde Mann mit der eisernen Hand.“

Clarissa kannte die sanfte Stimme mit dem bösartigen Unterton seit ihrer Kindheit, und wie immer schauderte sie innerlich. Stella. Zum Glück waren sie nur entfernt miteinander verwandt. Das bedeutete, dass sie ihr nicht allzu oft begegnete. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie auf Stellas Gesellschaft gerne ganz verzichtet.

Stellas Worte ergaben keinen Sinn, aber es war Luci, die ungeniert fragte: „Hä?“

„Das war Ferruccio Selvaggio, der erfolgreiche Reeder, der schon mit zweiunddreißig einer der reichsten Männer der Welt ist. Sein Name ist Programm, denn er kennt keine Gnade mit denen, die sich ihm in den Weg stellen.“

„Zumindest behauptest du das“, warf Luci ein.

„Nicht nur ich. Es ist allgemein bekannt, wie gefährlich er ist. Aber der König scheint ja unglaublich von ihm angetan zu sein. Anscheinend hat er vor, sich nicht um Ferruccios Ruf zu scheren, genauso wenig wie darum, dass er unehelich geboren wurde. König Benedetto will unbedingt, dass er in Castaldinien investiert.“

„Du meine Güte, Stella“, erwiderte Luci zynisch, „du bist wirklich kein Paradebeispiel für die Tugenden einer Person von rein königlichem Geblüt. Es wäre doch unfair, wenn eine untadelige Geburt uns alle zu gemeinen Zicken machen würde.“

Stella machte einen Schmollmund. In Gegenwart von Männern zeigte sie nur beste Manieren, doch unter ihresgleichen ließ sie die Maske fallen. „Da du einer Mischehe entstammst, brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen, Luciana“, rief sie. „Aber warte, vielleicht bist du ja die perfekte Beute für ihn, denn du hast immerhin genug verdünntes blaues Blut in den Adern, um ihm zu mehr Legitimität zu verhelfen. Und da er ja auch einiges zu bieten hat, empfehle ich dir: Schnapp ihn dir.“

Während Luci ihren verbalen Schlagabtausch mit Stella fortsetzte, entfernte sich Clarissa, weil sie keine Lust auf Stellas giftige Bemerkungen hatte. Außerdem hallte jener magische Moment von vorhin noch in ihr nach. Es war egal, dass es nur eine Illusion gewesen war, denn sie besaß eine ungeheure Kraft.

Clarissa hatte sich bereits ein ganzes Stück durch die Menge gebahnt, als sie sich plötzlich beobachtet fühlte und sich umdrehte. Und tatsächlich. Sie sah, dass der Mann hinüber zu der Stelle ging, an der sie vorhin gestanden hatte, und zu ihr herüberblickte. Kam er zu ihr? Hatte sie sich getäuscht, als sie in seinem zweiten Blick nur Kälte gelesen hatte? Unwillkürlich machte sie kehrt, blieb aber stehen, als er zu Luciana und Stella trat. Ob er wohl nach ihr fragen würde?

Der Blick, mit dem die beiden Frauen ihn empfingen, sprach Bände. Clarissa stand jetzt nah genug, um genau mitzubekommen, wie schnell sie in den Bann seiner tiefen, samtweichen Stimme gerieten. Jedes Wort war eine Einladung zum Flirt.

Ihr wurde flau im Magen, und sie wandte sich fluchtartig ab. Fast rannte sie hinaus aus dem Ballsaal und eilte auf die Terrasse. Dort rang sie nach Atem, sog begierig die frische Nachtluft ein.

Reiß dich zusammen, du Dummkopf!, schalt sie sich. Du hast dir das alles nur eingebildet. Sowohl die Anziehungskraft als auch die Ablehnung. Wahrscheinlich hat er die ganze Zeit nur Luciana angesehen. Oder er schaut jede Frau, die ihm begegnet, auf diese Weise an.

Sie musste sich zusammenreißen.

Also trat sie in den Schatten und unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Sie war eine lausige Prinzessin, aber ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie eine aktive Rolle am Hof und im Königreich übernahm. Die Rolle der fehlenden Königin. Ihrer Mutter. Es war seit ewigen Zeiten das, was er von ihr verlangte, und sie hatte nicht vor, es ihm abzuschlagen.

Daher straffte sie sich und wollte mit energischen Schritten zurück in den Ballsaal gehen, doch gleich darauf prallte sie gegen einen muskulösen, stahlharten Körper. Es war der Fremde.

Sie taumelte, wollte sich entschuldigen und an ihm vorbeischlüpfen, doch er vertrat ihr den Weg. Es gab kein Entrinnen. Clarissa hob den Blick, und was sie in seinen Augen las, verschlug ihr den Atem.

Wieder spürte sie diese magische Anziehungskraft, diese elektrisierende Nähe. Ihr wurde schwindlig, doch sie hörte seine dunkle, warme Stimme genau, mit der er nun sagte: „Ich gehe. Da dieser Empfang Sie genauso zu langweilen scheint wie mich, sollten Sie mit mir kommen.“

Sie sah ihn an. Kein Mensch konnte über all diese Vorzüge verfügen. Nicht über alle auf ein Mal. Er war mindestens einen Kopf größer als sie, sein Körper der eines Athleten, seine Züge schön wie die eines Racheengels. Atemlos schaute sie zu ihm auf und spürte die Macht, die er über sie besaß. Sein Blick war so besitzergreifend, dass sie erschauerte.

Ja, diese Intensität war es, die sie schon zuvor empfunden hatte. Doch sie erinnerte sich auch an den zweiten Blick, den er ihr zugeworfen hatte und der voller Kälte gewesen war. Ebenso wenig, wie sie vergaß, wie rasch er sich den beiden attraktiven Frauen zugewandt hatte, die in seiner Nähe standen.

Was für ein Spiel spielte er? Wollte er beweisen, dass in seiner Gegenwart jede Frau dahinschmolz? Erst Luci, dann Stella. Kam jetzt sie, Clarissa, an die Reihe? Aber weshalb?

Er trat einen Schritt näher auf sie zu, wie ein Raubtier, das sich seiner Beute sicher ist. Clarissa konnte sich nicht rühren. Sie stand einfach nur da und wartete, was als Nächstes geschehen würde.

Plötzlich zog er eine Augenbraue hoch und fragte: „Sie wissen nicht, ob Sie mir trauen können?“

Er sprach, als würden sie sich bereits kennen. Wenn diese Begegnung direkt nach ihrem ersten Blickkontakt stattgefunden hätte, dann wäre es Clarissa ganz natürlich vorgekommen, denn vorhin hatte sie tatsächlich eine unglaubliche Nähe empfunden. Doch jetzt schaute sie nur stumm zu ihm auf.

„Ich dachte, zwischen uns wären keine Förmlichkeiten nötig“, fuhr er fort. „Ich dachte, das, was unsere Herzen verbindet, reicht, um offen miteinander zu sprechen. Aber vielleicht erwarte ich zu viel.“ Er atmete tief durch. „Lassen Sie uns reingehen. Irgendwo treffen wir bestimmt Ihren Vater. Er wird für mich bürgen.“

Offenbar wusste dieser Mann, wer sie war. Und das war auch der Grund, weshalb er sich mit ihr abgab und nicht mit den schönen Frauen im Saal. Er hatte es auf sie abgesehen, weil sie die Tochter des Königs war, Prinzessin Clarissa D’Agostino. Und darin unterschied er sich nicht von anderen Männern, die sich für sie nur deshalb interessierten, weil sie königlichen Geblüts war.

Hatte Stella nicht erwähnt, dass er auf der Suche nach einer blaublütigen Frau war, die seine uneheliche Geburt wettmachen konnte? Vielleicht lag Stella falsch. Aber Clarissa wusste eines ganz genau: Es ging ihm nicht um sie, Clarissa. Weshalb auch?

Niemand hatte sie je gewollt.

Verletzt und gedemütigt antwortete sie endlich: „Das wird nicht nötig sein, Signor Selvaggio.“

Einen Moment lang wirkte er nicht mehr ganz so selbstsicher. „Sie kennen mich?“

„Ich weiß zumindest, wer Sie sind. Ferruccio Selvaggio. Der berühmte Reeder und vielleicht der neue Investor in Castaldinien.“

Ernst sah er sie an. „Im Augenblick bin ich nur ein Mann, der für den Rest des Abends Ihre Begleitung sucht. Essen Sie mit mir.“

Das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Unter anderen Umständen wäre sie sofort darauf eingegangen, doch sie dachte daran, wie er sich zuerst um Luci und Stella bemüht hatte, ehe er die lukrativere Beute zu verfolgen begann.

Arrogant reckte sie das Kinn in die Höhe, wie man es Prinzessinnen beibrachte, die lernen mussten, unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen, und bemühte sich, so kühl und bestimmt zu wirken, wie es ihr die zwei Dutzend höfischen Lehrmeister mühsam eingetrichtert hatten. „Danke für Ihre Einladung, Signor Selvaggio. Aber meine Situation erlaubt es mir nicht, mich an Ihrer Seite zu zeigen. Ich bin sicher, Sie finden eine andere Begleiterin, die erfreut über die Einladung sein wird.“

Sie sah, wie er unmerklich zusammenzuckte. Dann straffte er die imposanten Schultern. Er hatte verstanden, und sein Zorn über die Zurückweisung war deutlich spürbar.

Doch dann zuckte er die Achseln. „Zu schade. Aber irgendwann kommt die Zeit, in der Ihre … Situation Ihnen keine andere Wahl lässt, als mit mir zusammen zu sein.“ Damit nickte er kurz, drehte sich auf dem Absatz um und ging ein paar Schritte, ehe er sich noch einmal zu Clarissa umwandte. Bedrohlich sanft murmelte er: „Bis dann.“

1. KAPITEL

In der Gegenwart

 

Endlich.

Das Wort klang wieder und wieder in Ferruccio Selvaggios Kopf, und es erfüllte ihn mit bitterer Genugtuung.

Endlich hatte er Clarissa D’Agostino da, wo er sie haben wollte. Sie würde als Bittstellerin zu ihm kommen, und zwar – er warf einen Blick auf seine Rolex – in genau zwanzig Minuten.

Und auch das ging ihm noch nicht schnell genug, denn er hatte auf diesen Moment sehr lange warten müssen. Sechs Jahre, um genau zu sein. In all diesen sechs Jahren hatte Clarissa ihn gemieden. Arrogant und kühl hatte sie ihm klargemacht, dass sein hart erarbeitetes Vermögen und die Macht, die er besaß, nicht ausreichten, um die Prinzessin dazu zu bewegen, sich in seiner Gesellschaft zu zeigen. Er war und blieb der Mann ohne Herkunft, nicht wert, dass Clarissa ihn auch nur eines Blickes würdigte.

Jetzt aber kam die hochmütige Prinzessin zu ihm, und wenn alles nach Plan lief, woran es für Ferruccio keinen Zweifel gab, dann würde Clarissa ab sofort tun, was auch immer er von ihr verlangte.

Denn er bekam immer, was er wollte. Und damit basta.

Und er wollte sie haben, seit er ihr vor sechs Jahren bei Hofe das erste Mal begegnet war. Damals hatten sie einander in die Augen gesehen, und er war sicher, dass sie genau gespürt hatte, was in diesem Moment zwischen ihnen geschehen war.

Es war das erste Mal gewesen, dass er sich bei Hofe gezeigt hatte. Ohne zu wissen, wie man ihn dort empfangen würde. Die meisten der Anwesenden gehörten zur weitverzweigten Familie der D’Agostinos. Zu seiner Familie.

Doch er trug ihren Namen nicht, weil seine leiblichen Eltern nicht miteinander verheiratet gewesen waren. Andere Menschen hatten ihm irgendeinen Nachnamen verpasst, und weil er sich daran gewöhnt hatte, dass man ihn so nannte, hatte er diesen Namen irgendwann offiziell angenommen und auch dann noch benutzt, als klar wurde, dass er ein D’Agostino war. Denn obwohl er forderte, diese Tatsache bekannt zu geben, wurde ihm die offizielle Anerkennung verweigert. Damals hatte er sich vorgenommen, es allein zu schaffen, die Erfolgsleiter ganz allein zu erklimmen.

Und nun, auf dem Gipfel des Erfolgs, wollte er seine Neugier befriedigen, wollte den Ort betreten, der sein Zuhause hätte sein können. Er wollte die Menschen kennenlernen, die seine Verwandten waren, und herausfinden, ob es einen Grund dafür gab, sie zu mögen. Ob es sich lohnte, Wurzeln zu schlagen und seinen Platz unter ihnen zu finden, so etwas wie eine Heimat.

Daher war er unangemeldet bei Hofe erschienen. Er war mittlerweile so reich, so mächtig, so bekannt, dass ihm alle Türen offen standen. Und man hatte ihn willkommen geheißen. Bis zum heutigen Tag allerdings erinnerte er sich an keine Namen, an keine Gesichter. Der König hatte ihm ein paar Minuten gegönnt, aber was sich in Ferruccios Gedächtnis eingebrannt hatte, war die Begegnung mit Clarissa gewesen.

Er hatte sie von Weitem gesehen. Sie rieb mit konsternierter Miene an einem Fleck auf ihrem elfenhaften fliederfarbenen Kleid herum. Alles an ihr hatte ihn sofort fasziniert, und er sehnte sich danach, ihr Gesicht zu sehen, ihr in die Augen zu schauen.

In diesem Moment hatte sie den Blick gehoben und seinen Wunsch erfüllt. Etwas, von dem er nie geglaubt hatte, dass es existieren könnte, geschah in diesem Moment mit ihm. Er spürte eine elektrisierende Nähe, und ihm wurde klar, dass hier die Frau war, die all seine Träume wahr werden ließ.

Sie war eine bezaubernde Mischung aus Zerbrechlichkeit und femininer Stärke, aus natürlicher Schönheit und Eleganz. Ihr Haar war hell wie die goldenen Strände Castaldiniens, ihr Körper grazil, und doch hatte sie verführerische Rundungen. Ihr Gesicht war hinreißender als alles, was er jemals gesehen hatte.

Doch es waren ihre veilchenblauen Augen, die ihn am meisten faszinierten, und er meinte, in ihnen eine Spiegelung seiner Empfindungen lesen zu können. Und da war noch etwas im Blick dieser schönen jungen Frau: Verletzbarkeit.

Insgeheim schalt Ferruccio sich einen Narren. Clarissa D’Agostino war so verletzbar wie ein Eisberg, der von der Titanic gerammt wurde.

Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie er ihr gefolgt war, wie er ihr seine Gefühle offenbart hatte, weil er, dumm wie er war, davon ausging, dass es ihr ebenso ging. Immer noch wurde ihm heiß, wenn er daran dachte, wie sie ihn hatte abblitzen lassen. Kalt und mit dem ganzen Hochmut ihres gesellschaftlichen Standes.

Seit dieser ersten Begegnung war daraus ein böses Spiel geworden. Immer wieder hatte er sie eingeladen, immer wieder hatte sie ihn zurückgewiesen. Manchmal fragte er sich, ob er vielleicht Masochist war. Doch er war entschlossen, irgendwann zu bekommen, was er wollte.

Und nun war es so weit. Sie kam zu ihm.

Er hatte vor, ihr eine Lektion zu erteilen. Es war Zeit, dass Clarissa D’Agostino endlich von ihrem hohen Ross herunterstieg.

Ferruccio stützte sich auf die Balustrade der Aussichtsplattform und schaute auf den Horizont, wo die Abendsonne langsam im Meer versank und alles in sanftes goldenes Licht tauchte. Er stand hier oben auf dem Turm seines Palastes, erwartungsvoll und erfüllt von Bitterkeit. Von hier konnte er die gewundene Straße am besten überblicken …

Man würde Clarissa zu ihm bringen. Das hatte einen unangenehmen Beigeschmack. Sie kam nicht aus freiem Willen zu ihm, war nicht ungeduldig, ihn endlich zu sehen, auch wenn er sich danach in unzähligen Träumen gesehnt hatte.

Wie sehr wünschte er sich, dass es anders wäre. Dass sie lachend auf ihn zulaufen, sich ihm in die Arme werfen würde, hungrig, leidenschaftlich …

Ferruccio presste die Lippen aufeinander und riss seinen Blick von der Straße los, auf der sie kommen würde. Clarissa hatte ihm ihre Haltung immer unmissverständlich klargemacht. Selbst wenn sie sich jetzt anders entschied, war es zu spät. Für ihn zählte nur noch eins: dass sie keine Wahl hatte. Und er nahm sich vor, jeden Moment ihrer Erniedrigung zu genießen. Ungeduldig warf er einen Blick auf seine Rolex. In zehn Minuten würde es endlich losgehen.

Energisch wandte er sich ab und eilte davon, weil es noch etwas zu tun gab, um seinem Plan den letzten Schliff zu verleihen.

„Bis dann.“

Noch immer hatte Clarissa Ferruccios letzte Worte im Ohr, auch wenn seither bereits sechs Jahre vergangen waren. Aus heutiger Sicht wirkten sie wie eine Unheil verkündende Prophezeiung. Es war erst vierundzwanzig Stunden her, seit sie herausgefunden hatte, dass der Tag X gekommen war. Ferruccio Selvaggio hatte sie endlich da, wo er sie haben wollte.

Sie atmete tief durch und schaute, geschützt durch ihre Sonnenbrille, aus dem geöffneten Wagenfenster. Die schwarze Limousine fuhr in rasendem Tempo die Uferstraße entlang, und der Fahrtwind zerzauste Clarissas Haar. Sie wusste, dass sich zu ihrer Linken das türkisfarbene Mittelmeer erstreckte. Die Sonne stand tief und würde den Himmel bald in einen Farbenrausch tauchen, bis sie hinter dem Horizont verschwand und das Wasser dunkel und geheimnisvoll wurde.

Doch Clarissa nahm davon nichts wahr, denn sie war tief in Gedanken versunken, und in ihr war alles grau. Vergeblich atmete sie tief durch und versuchte, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Eine Nervosität, die sie erfasst hatte, als sie am Vortag von ihrer ersten offiziellen Reise als Botschafterin ihres Landes aus den Vereinigten Staaten zurückbeordert worden war. Ihr Vater hatte sie angerufen und ihr die Neuigkeiten verkündet. Es wurde der Schock ihres Lebens.

Nie hätte sie gedacht, dass ihr Vater bei seiner verzweifelten Suche nach einem Kronprinzen so weit gehen würde. Die Krone Castaldiniens wurde nicht aufgrund eines Geburtsrechtes verliehen, sondern musste durch Verdienste erworben werden. Und der Kronrat musste die Wahl des Königs einstimmig billigen. Der Kandidat war üblicherweise ein Mitglied der königlichen Familie, ein D’Agostino mit tadellosem Ruf, von bester Gesundheit sowie makelloser Herkunft, tugendhaft, eine Führungspersönlichkeit mit einwandfreiem Charakter, Charisma und selbst erworbenem Vermögen.

Clarissa war nicht erstaunt gewesen, als ihr Vater seinen ersten Kandidaten vorschlug, Prinz Leandro, den er acht Jahre zuvor aus Castaldinien verbannt hatte. Sie hielt Leandro für eine hervorragende Wahl. Es war Zeit, alte Fehden zu begraben und an das Wohl des Landes zu denken. Doch als der König den Kronrat so weit hatte, dass er die Wahl akzeptierte, tat Leandro das Undenkbare. Er trat von seinem Anspruch zurück.

Danach ließ ihr Vater eine weitere Bombe platzen und verkündete, er habe sich nun für ihren ältesten Bruder, Durante, entschieden. In der Geschichte von Castaldinien war dies ein Präzedenzfall, denn eigentlich durfte kein Sohn des Königs Thronfolger werden. So stand es im Gesetz. Doch es handelte sich zweifelsfrei um eine Notsituation, und daher gelang es König Benedetto, den Kronrat zu einer Gesetzesänderung zu bewegen.

Clarissa hatte sich unendlich darüber gefreut. Schon immer hatte sie es gemein gefunden, dass Durante, obwohl er ihrer Meinung nach der beste Kandidat für die Thronfolge gewesen wäre, von ihr ausgeschlossen war.

Dann war Durante mit seiner Braut aus den USA nach Castaldinien zurückgekehrt, und das Wunder geschah: Er und ihr Vater versöhnten sich. Doch kurz darauf erklärte Durante, dass er nicht Kronprinz werden würde.

Clarissa versuchte, ihn umzustimmen, aber er war ihren Argumenten nicht zugänglich, beschäftigte sich lieber mit den Hochzeitsvorbereitungen und verschwand mit seiner jungen Frau in die Flitterwochen. Als Clarissa ihre Mission in den Vereinigten Staaten begann, versicherte König Benedetto ihr, dass er fieberhaft auf der Suche nach einem neuen Kandidaten sei. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es außer Leandro und Durante noch jemand Geeigneten geben konnte, doch dann rief der König Clarissa zurück und berichtete ihr von den ungeheuren Neuigkeiten.

Er hatte den Kronrat dazu bewegen können, ein weiteres Auswahlkriterium zu streichen – das der untadeligen Herkunft. Jetzt konnte er seinen neuen Kandidaten präsentieren.

Ferruccio Selvaggio.

Sie war so verstört und geschockt gewesen, als sie es erfuhr, dass sie kaum wusste, was sie erwidern sollte. Aus den Medien hatte sie erfahren, dass Ferruccio ein Mann mit ungeklärter Herkunft war. Angeblich war er sofort nach seiner Geburt in Neapel zur Adoption freigegeben worden. Doch er war nie adoptiert worden, sondern wuchs zu einem schwierigen Jungen heran, der mit sechs Jahren im Heim landete. Es sollte die erste Station von vielen werden, bis er mit dreizehn davonlief und fortan auf der Straße lebte. Während der nächsten zwanzig Jahre gelang es ihm trotzdem, Bildung zu erwerben, lukrative Geschäfte zu machen und sich einen Weg an die Spitze zu bahnen.

Sobald an seiner Macht und seinem Status nicht mehr zu rütteln war, war er nach Castaldinien gekommen und hatte begonnen, eine Rolle bei Hofe zu spielen. Clarissa hatte den Beginn davon erlebt, und seitdem war Ferruccio ein ständiger Gast in ihren Träumen und ...

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