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Heirat – nicht nur aus Liebe?

PROLOG

Mit dem Billardqueue in der Hand lehnte Justin Hunt lässig am Bücherregal, das mit ledergebundenen Shakespeare-Ausgaben gefüllt war. Zu verwaschenen Jeans trug er staubige schwarze Cowboystiefel, sein Stetson lag auf einem der Ledersessel. Es war die Arbeitskleidung, die er auf seiner Ranch in Idaho immer trug – schließlich hatte er nicht ahnen können, dass er ohne Vorwarnung zu einem dringenden Familientreffen in Seattle gerufen werden würde. Es war über einen Monat her, seit er und seine drei Brüder sich hier getroffen hatten – in der Nacht, als ihr Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte.

„Verflixt, ich bin ganz schön aus der Übung“, stöhnte Gray, als er zum wiederholten Mal einen Stoß verfehlte. „Du bist dran, Justin.“

Justin stieß sich von der Bücherwand ab und ging langsam um den Billardtisch herum, um die Lage der restlichen Kugeln zu prüfen. Der ganze Raum war hell erleuchtet. Direkt über dem Tisch funkelte eine Tiffanylampe, zwischen den Bücherregalen hingen Wandleuchten, auf Beistelltischen neben den Sesseln standen Stehlampen.

Den hinteren Teil des Raums nahm Harrison Hunts imposanter Mahagonischreibtisch ein, der durch in die Decke eingelassene Strahler ins rechte Licht gesetzt wurde. Vom Chefsessel aus konnte man durch die Panoramafenster auf den privaten Strand am Lake Washington hinunterblicken. Dahinter ragte die Skyline von Seattle empor.

Justin brachte sein Queue in Position. Die luxuriöse Umgebung nahm er schon gar nicht mehr wahr. Sein Vater hatte den Billardtisch in der Bibliothek aufstellen lassen, als seine Söhne Teenager gewesen waren. Als Folge hatten sich die vier Jungs dort oft aufgehalten, wenn ihr Vater von zu Hause aus gearbeitet hatte. Zu einer engeren Vater-Söhne-Bindung hatte es deshalb trotzdem nicht geführt.

„Weiß eigentlich jemand, warum uns der alte Herr herbestellt hat?“, fragte er, während er die nächste Kugel versenkte.

Gray, der mit zweiundvierzig der älteste der vier Brüder war, zuckte die Achseln. „Er hat nichts dazu sagen wollen.“

„Harry hat dich höchstpersönlich zu sich zitiert? Mich auch.“ Alex, mit sechsunddreißig nur zwei Jahre älter als Justin, hatte es sich in einem der Ledersessel bequem gemacht. Er prostete mit seiner halb leeren Bierflasche dem zweitältesten Bruder zu, der ihm gegenübersaß. „Und was ist mit dir, J.T.? Hat dich Harry auch mit einem persönlichen Anruf beehrt?“

J.T. gähnte und rieb sich die Augen. „Allerdings. Ich habe ihm erklärt, dass ich in Neu-Delhi für den Rest der Woche alle Termine absagen und für den Hin- und Rückflug jeweils einen Tag im Flugzeug verbringen muss. Aber er hat darauf bestanden, dass ich trotzdem komme. Und bei dir, Justin?“

„Dasselbe. Ich war auf der Ranch. Er wollte unbedingt, dass ich sofort komme, hat aber nicht gesagt, warum es so eilig ist.“

Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür, und ihr Vater kam herein. Harrison Hunt war wie alle seine Söhne groß und schlank. In seinem schwarzen Haar zeigten sich nur vereinzelt silberne Strähnen. Die Hornbrille betonte noch den Ausdruck von Intelligenz, der in seinen blauen Augen lag. Dies war der Mann, der die Programmiersprachen und die Computersoftware entwickelt hatte, mit der HuntCom zum Marktführer geworden war. Dass er erst kürzlich einen Herzinfarkt überstanden hatte, merkte man ihm nicht im Geringsten an.

„Ah, da seid ihr ja alle. Hervorragend.“ Harry ging mit entschlossenen Schritten auf seinen Schreibtisch zu und setzte sich. „Kommt her, Jungs.“

Justin legte das Queue auf den Billardtisch, setzte seinen Stetson auf und zog ihn tief ins Gesicht. Obwohl vor dem Schreibtisch vier Stühle aufgereiht waren, zogen es alle vier Brüder vor, stehen zu bleiben.

Mit den Daumen in den Taschen seiner Jeans lehnte sich Justin an die Wand, sodass er sich ganz am Rande des Blickfelds seines Vaters befand.

„Warum setzt du dich nicht?“, fragte Harry ihn stirnrunzelnd.

„Danke, ich stehe lieber.“

Harry ließ den Blick über die anderen schweifen. Gray stützte sich auf einen der Stühle, Alex lehnte an der anderen Wand, und J.T. stand hinter dem Sideboard, das den Lesebereich vom Arbeitsbereich trennte.

Ungeduldig zuckte Harry die Achseln. „Wie ihr wollt. Ob ihr sitzt oder steht macht keinen Unterschied. Das Ergebnis des Treffens wird dasselbe sein.“

Er räusperte sich. „Seit meinem Zusammenbruch habe ich eine Menge über diese Familie nachgedacht. Bisher hat es mich nicht weiter gestört, dass ihr keine Anstalten macht, die Zukunft unseres Familiennamens zu sichern. Aber ich hätte an dem Herzinfarkt sterben können – ich kann jeden Augenblick sterben.“

Harry legte die Hände auf den Schreibtisch und erhob sich. „Und mir ist klar geworden, dass ihr vier nie freiwillig heiraten werdet – was bedeutet, dass ich keine Enkelkinder bekomme. Doch der Name Hunt darf mit euch nicht aussterben. Ich werde die Zukunft unserer Familie nicht länger dem Zufall überlassen. Ich gebe euch ein Jahr. Am Ende dieses Jahres wird nicht nur jeder von euch verheiratet sein, sondern auch ein Kind haben oder zumindest mit seiner Frau eins erwarten.“

Verblüfftes Schweigen breitete sich aus.

„Klar“, murmelte J.T. schließlich ironisch.

Justin unterdrückte ein Lachen und tauschte einen Blick mit Gray, der ebenfalls Mühe hatte, ernst zu bleiben. Alex hob nur eine Augenbraue und nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche.

„Wenn nur einer von euch sich weigert“, fügte Harry hinzu, als hätte er ihre Reaktionen gar nicht bemerkt, „werden alle von euch ihre Positionen bei HuntCom verlieren. Und damit auch die Sonderrechte, die euch so viel bedeuten.“

Justin erstarrte. Wie bitte?

Auch Gray wirkte schlagartig ernüchtert. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Das ist mein voller Ernst.“

„Bei allem Respekt, Harry“, bemerkte J.T., „wie willst du denn die Firma ohne uns führen? Ich bin gerade mit dem Ausbau von drei Niederlassungen gleichzeitig beschäftigt: hier in Seattle, in Jansen und in Neu-Delhi. Wenn ein anderer Architekt die Bauleitung übernimmt, wird es Monate dauern, bis er auf dem Laufenden ist. Die Verzögerung würde HuntCom ein Vermögen kosten.“

„Das spielt dann keine Rolle mehr: Wenn ihr vier euch weigert, werde ich HuntCom nämlich verkaufen. In Stücken, wenn es sein muss. Dann gibt es keinen Neubau in Delhi. Und Hurricane Island ist auch Geschichte.“

Harry ließ den Blick von J.T. zu Justin wandern. „Natürlich würde ich auch die HuntCom-Anteile an der Ranch in Idaho verkaufen.“ Er sah Alex an. „Außerdem würde ich die Stiftung schließen.“ Zuletzt betrachtete er Gray. „Und wenn es keine Firma mehr gibt, braucht sie auch keinen Vorsitzenden mehr.“

„Das ist doch verrückt“, sagte Alex. „Was willst du damit denn erreichen?“

„Dass ihr alle eine Familie gegründet habt, bevor ich sterbe“, erwiderte Harry prompt. „Und zwar mit einer Frau, die eine gute Ehefrau und Mutter ist. Cornelia wird sich eure Auserwählten vorher ansehen.“

„Tante Cornelia weiß Bescheid?“ Justin konnte kaum glauben, dass seine „Tante“, die Witwe von Harrys bestem Freund, in diesen irrwitzigen Plan eingeweiht war.

„Noch nicht.“

Erleichtert atmete er auf. Cornelia würde Harry diese Schnapsidee sicher ausreden. Sie war die Einzige, auf die er überhaupt hörte. Zumindest manchmal.

„Also noch mal zum Mitschreiben“, sagte Justin langsam. „Nur um sicher zu sein, dass ich das richtig verstanden habe. Jeder von uns muss sich bereit erklären, innerhalb eines Jahres zu heiraten und ein Kind zu bekommen …“

„Ihr müsst euch alle dazu bereit erklären“, unterbrach ihn Harry. „Alle vier. Wenn einer sich weigert, verlieren alle. In dem Fall könnt ihr euch von eurem bisherigen Leben mit den Jobs bei HuntCom verabschieden.“

Justin ignorierte Harrys Einwurf und die entrüsteten Kommentare seiner Brüder und fuhr fort: „… und die Frauen müssen alle Tante Cornelias Zustimmung finden.“

Harry nickte. „Sie ist eine kluge Frau. Sie wird erkennen, ob eure Kandidatinnen sich für die Ehe eignen. Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen: Ihr dürft ihnen nicht verraten, dass ihr reich seid. Oder dass ihr meine Söhne seid. Ich will keine Schwiegertochter, die nur aufs Geld aus sind. Auf solche Frauen bin ich schließlich selbst immer reingefallen. Meine Fehler braucht ihr nun wirklich nicht nachzumachen.“ Er atmete tief durch und setzte etwas ruhiger hinzu: „Ihr habt jetzt Zeit, darüber nachzudenken, und zwar genau bis in drei Tagen um Punkt acht Uhr abends – keine Minute später. Wenn ich bis dahin nichts von euch gehört habe, werde ich meine Anwälte anweisen, nach Käufern für die HuntCom-Unternehmen zu suchen.“

Er stand auf, trat hinter dem Schreibtisch hervor und ging hinaus, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Sprachlos starrten die vier Brüder zur Tür, die sich leise hinter ihrem Vater schloss. In ihren Gesichtern spiegelten sich ihr Ärger und ihre Ungläubigkeit.

„So ein Mistkerl“, sagte Justin nach einer Weile leise. „Ich glaube, er meint es wirklich ernst.“

1. KAPITEL

Lily Spencer stand in der Küche ihres Stadthauses und las bei einer Tasse grünen Tees die Zeitung, die sie auf der weißen Marmorarbeitsplatte ausgebreitet hatte. Die frühe Morgensonne fiel durchs Fenster hinter ihr, und sie genoss die friedlichen, ruhigen Momente, bevor ihre Tochter aufwachte. Den Wirtschaftsteil überflog sie und blätterte weiter zur Lokalseite der Seattle Times, auf der ihr das Bild eines Joggers am Lake Green auffiel.

Lily hielt den Atem an und ließ die Tasse sinken. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, die Gesichtszüge des Mannes zu erkennen, der den Kopf halb abgewandt hatte. Trotzdem wusste sie instinktiv, dass es sich um Justin Hunt handelte. Auf dem Foto trug er ein graues Achselshirt mit dem Logo der Universität von Washington und schwarze Shorts, sodass seine kräftigen Arm- und Beinmuskeln zu sehen waren. Seine gebräunte Haut glänzte vor Schweiß.

Stirnrunzelnd las Lily die Bildunterschrift, die ihren ersten Eindruck bestätigte. Der Jogger war tatsächlich Justin Hunt, der sich wegen eines Termins in Seattle aufhielt. Der Reporter spekulierte, dass es sich um eine wichtige Familienangelegenheit handeln müsse, da alle vier Brüder in den letzten vierundzwanzig Stunden in der Stadt gesehen worden waren.

Lily beugte sich über die Zeitung und strich mit den Fingerspitzen über das Foto. Als sie bemerkte, was sie da tat, presste sie die Lippen aufeinander und richtete sich hastig auf.

Er ist also wieder in der Stadt. Na und?

Nach der Trennung von Justin hatte sie den Lake Green zum Joggen gemieden. Der breite Sandweg, der um den ganzen See herumführte, war zwar ihre Lieblingsstrecke gewesen, aber sie wollte nicht das Risiko eingehen, Justin dort wiederzusehen – weder allein noch mit einer anderen Frau.

Und mittlerweile kam sie sowieso nur noch selten zum Joggen.

Aus dem Babyfon neben dem Toaster ertönte eine verschlafene Stimme. Lily schaute auf die Armbanduhr und lächelte. Pünktlich wie immer, dachte sie.

„Mama. Mama“, hörte sie Ava rufen.

Sie faltete die Zeitung zusammen und ging nach oben. Glücklich strahlte Ava sie an und streckte die Ärmchen nach ihr aus.

„Guten Morgen, meine Süße. Hast du gut geschlafen?“ Sie hob ihre Tochter aus dem Bettchen und drückte sie an sich.

Ava antwortete mit einer Lautfolge, aus der immer wieder „Mama“ herauszuhören war. Selig lachte die Kleine, als Lily ihre Nase an ihrer Wange rieb.

Lily trug Ava in die Küche, setzte sie in den Hochstuhl und schüttete eine Handvoll Kindercornflakes auf das Tablett. Ava pickte sie sorgfältig nacheinander auf und steckte sie in den Mund, während Lily das Wasser für den Brei aufsetzte.

Justin braucht dich nicht zu kümmern, dachte sie dabei. Wahrscheinlich war er nur wegen eines geschäftlichen Treffens in der Stadt – und genauso schnell wäre er wieder verschwunden.

Trotzdem nahm sie die Zeitung und warf sie entschlossen ins Altpapier. So würde sie das Foto am schnellsten vergessen. Und Justin Hunt gleich dazu.

Vierundzwanzig Stunden nach dem Treffen mit Harry verließ Justin Cornelias Haus in Queen Anne, einem Vorort von Seattle. Auf dem Rückweg ließ er per Handy eine Konferenzschaltung zu seinen Brüdern aufbauen. Seine Unterhaltung mit Cornelia hatte ihn davon überzeugt, dass Harry seine Drohung, die Firma zu verkaufen, womöglich wahr machen würde.

Auch Cornelia war Harrys seltsames Verhalten seit dem Herzinfarkt aufgefallen, und sie machte sich Sorgen. Sie hatte erzählt, dass er ungewöhnlich nachdenklich sei und ihr gegenüber mehrmals bemerkt habe, dass er sich Enkel wünsche. Es kam ihr so vor, als wolle er all seine Fehler wiedergutmachen – als wolle er seine finanziellen und familiären Angelegenheiten ordnen, um in Frieden aus dem Leben treten zu können.

Justin hielt es für eher unwahrscheinlich, dass Harry sterben würde – dafür war der alte Herr viel zu stur. Cornelia gegenüber äußerte er diesen Gedanken natürlich nicht. Sie war eine der wenigen Frauen, die er aus tiefstem Herzen respektierte, und außerdem stand sie Harry wirklich nahe. Aber schließlich waren die beiden bereits miteinander aufgewachsen und kannten sich seit einer Ewigkeit.

„Justin? Was ist los?“, ertönte Grays Stimme aus dem Lautsprecher. Im Hintergrund waren Gelächter und Musik zu hören.

„Ich war gerade bei Cornelia. Und ich glaube, wir sollten uns auf Harrys Forderung einlassen“, antwortete Justin geradeheraus. „Es gibt triftige Gründe.“ Er schilderte kurz, was Cornelia ihm erzählt hatte, und fuhr dann fort: „Ich besitze vierzig Prozent der Anteile an der Ranch. Den Rest will ich schon seit Jahren kaufen, doch Harry lässt mich nicht. Das Risiko, dass er die übrigen sechzig Prozent jetzt an jemand anderen verkauft, ist mir zu hoch.“

„Und dafür bist du bereit, dich von ihm zu einer Ehe zwingen zu lassen?“, warf Alex ungläubig ein.

„Nein. Nach dem Gespräch mit Cornelia bin ich mir sicher, dass der Herzinfarkt ihm Angst eingejagt hat. Er glaubt, dass er uns zu unserem Glück zwingen muss. Also bin ich bereit, so zu tun, als ob ich darauf eingehe – bis wir einen Weg gefunden haben, diese Sache zu umgehen, oder bis er selbst eingesehen hat, wie verrückt die Idee ist. Und bis dahin werde ich tun, was nötig ist, um ihn daran zu hindern, die Ranch zu verkaufen. Wenn ich dafür auf Brautschau gehen muss, dann mach ich das eben.“

„Aber er blufft nur. Er würde die Firma nie verkaufen“, widersprach Gray.

„Tja, leider können wir uns da nicht vollkommen sicher sein. Und selbst im Aufsichtsrat haben wir keine Möglichkeit, ihn zu stoppen.“

Zum Aufsichtsrat gehörten die vier Brüder, Cornelia und ihre vier Töchter – doch selbst zusammen konnten sie Harry nicht überstimmen, weil er die Mehrheit der Anteile hielt.

„Ich glaube auch nicht, dass er das tatsächlich vorhat“, warf J.T. ein. „HuntCom ist sein Lebenswerk. Wir wissen schließlich alle, wie viel ihm die Firma bedeutet – sogar mehr als seine Söhne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das aufgeben würde, nur, damit wir heiraten und Kinder kriegen.“ Hohn schwang in seiner Stimme mit.

„Außerdem sind wir gerade dabei, eine andere Firma aufzukaufen. Er würde HuntCom nicht verkaufen, bevor das über die Bühne gegangen ist, und das kann sich noch über Monate hinziehen. Er blufft.“

„Und was, wenn nicht?“, fragte Alex zweifelnd. „Wenn ihr euch irrt? Wollt ihr wirklich das Risiko eingehen, alles zu verlieren, wofür ihr die letzten achtzehn Jahre gearbeitet habt? Also ich will nicht zusehen, wie die Stiftung geschlossen wird. Oder wie jemand anders sie übernimmt.“

„Das einzige Baby, für das sich Harry je interessiert hat, ist HuntCom. Er hat bei all seinen Entscheidungen immer nur das Wohl der Firma im Auge gehabt“, sagte Gray.

„Das dachte ich bisher auch. Wie ist er bloß so plötzlich auf die blöde Idee gekommen, uns unter die Haube bringen zu müssen?“

Bringt die Hunts unter die Haube“, entgegnete J.T. lachend. „Klingt wie der Titel einer Realityshow.“

„O ja“, bemerkte Alex trocken. „Einer ziemlich geschmacklosen Show.“

„Jedenfalls müssen wir uns einig sein, wie wir vorgehen“, betonte Gray.

„Ich schlage vor, dass wir uns zum Schein drauf einlassen“, meinte Justin. „Gleichzeitig legen wir alles in einem Vertrag fest, der Harry in Zukunft die Hände bindet. Wir müssen sicherstellen, dass er uns nie wieder so erpressen kann.“

„Unbedingt“, stimmte J.T. zu. „Wenn er glaubt, dass er uns mit Drohungen manipulieren kann, wird er sich sofort die nächste List ausdenken.“

„Also brauchen wir einen hieb- und stichfesten Vertragstext, der seine Forderung so gut wie möglich eindämmt. Wenn er uns nur mit finanziellen Einbußen gedroht hätte, wäre mir das herzlich egal. Aber ich will die Ranch nicht verlieren. Und ich will auch nicht schuld sein, wenn er einen weiteren Herzinfarkt bekommt. Was meint ihr?“

Alex sprach zuerst. „Wenn es nur ums Geld ginge, könnte er mich auch gernhaben“, sagte er. „Er weiß ganz genau, wie er uns kriegen kann, was?“

„Ja. Er will uns das wegnehmen, was uns am meisten bedeutet“, stellte J.T. grimmig fest.

„Dabei ist sein Plan von vornherein schon zum Scheitern verurteilt“, gab Gray zu bedenken. „Harry will, dass die Frau nichts von unserer Herkunft erfährt. Wie sollen wir in Seattle eine Frau finden, die uns nicht kennt?“

„Na ja, ich bin in den letzten zwei Jahren die meiste Zeit in Idaho gewesen …“, begann Justin.

„Schön für dich“, unterbrach ihn J.T. „Von uns dreien gab es allerdings schon Fotos in der Presse, nicht nur hier in Seattle, sondern auch in überregionalen Magazinen.“

„Aber nicht so oft wie von Harry“, sagte Gray nachdenklich. „Er ist das offizielle Aushängeschild von HuntCom. Das muss man dem alten Herrn lassen: Er hat uns so weit wie möglich von der Presse abgeschirmt.“

„Stimmt. Also, wie sieht’s aus, Gray? Bist du dabei?“, fragte Justin.

„Du musst zugeben, dass Harry alle Trümpfe in der Hand hält“, bemerkte Alex.

„Wie immer“, seufzte J.T.

„Na schön“, gab Gray schließlich nach. „Der Aufsichtsrat scheint mir der einzige Weg zu sein, den alten Herrn in Zukunft zu stoppen. Ich stimme deshalb der Sache nur unter der Bedingung zu, dass wir einen wasserdichten schriftlichen Vertrag bekommen. Und darin muss festgelegt sein, dass er uns genügend Stimmanteile überschreibt, um uns im Aufsichtsrat die Mehrheit zu geben. Dann kann er uns nie wieder mit so verrückten Ideen erpressen. Außerdem muss festgelegt sein, dass er keine weiteren Bedingungen erfindet, wie es ihm gerade gefällt. Wenn ihm die Sache so wichtig ist, wird er sicherlich gern seine Anteilsmehrheit dafür aufgeben, nicht wahr? Und dann glaube ich ihm vielleicht sogar, dass es ihm wirklich um die Zukunft der Familie geht. Aber erst dann.“

Justin beendete die Telefonkonferenz und schaltete das Handy aus. Er hatte nie heiraten wollen, und er verspürte ganz sicher keinen Kinderwunsch. Seinen Brüdern ging es genauso. Sie würden auf Harrys eigenartige Forderung nur eingehen, um die Firma zu retten. Wenn Harry also romantische Beziehungen und wahre Liebe erwartete, würde er schwer enttäuscht werden.

Am Morgen nach der Telefonkonferenz mit seinen Brüdern wachte Justin in seiner Wohnung in Seattle auf. Er machte sich einen Kaffee, nahm die Tasse, einen Schreibblock und einen Stift und setzte sich auf die Terrasse. Lange war er nicht mehr hier gewesen, und er musste zugeben, dass die Aussicht ihren Reiz hatte. Zwischen seinem Penthouse und der Bucht, dem Puget Sound, lagen nur ein paar Straßen. Vor ihm breitete sich eine endlose Wasserfläche aus, auf der das Sonnenlicht glitzerte. Er schob seinen Hut in den Nacken, setzte sich auf einen Teakholzstuhl und legte die nackten Füße auf einen der benachbarten Stühle. Schließlich begann er damit, eine Liste von Heiratskandidatinnen zusammenzustellen.

Den ersten Namen schrieb er in Großbuchstaben.

Lily Spencer.

Wahrscheinlich will sie mich nie wiedersehen, dachte er. Am Morgen, nachdem er mit ihr Schluss gemacht hatte, hatte sie ihm das Tiffanyarmband zurückgeschickt. Sie hatte die Schachtel nicht mal geöffnet, und auch der Umschlag mit seiner Karte war noch verschlossen gewesen. Der Bote hatte erzählt, dass der Vermerk „Zurück an den Absender“ in großen schwarzen Buchstaben von Lily selbst stammte. Sie hatte nicht einen Moment gezögert und den Boten postwendend weggeschickt. Mit seinem Abschiedsgeschenk.

Am nächsten Tag hatte er Seattle verlassen und war in den folgenden zwei Jahren nur selten zurückgekehrt. Auf der Ranch hatte er versucht, sich mit Arbeit abzulenken. Selbst Sechzehnstundentage hatten ihn jedoch nicht daran hindern können, ständig an Lily zu denken. Nach endlosen, quälenden Monaten war der Schmerz schließlich zu einem tauben Gefühl in seiner Brust geworden. Er hatte das als ein Anzeichen verstanden, dass er über sie hinweg war.

Aber vergessen hast du sie nicht.

Er ignorierte die lästige innere Stimme und wandte sich wieder seiner Liste zu. Auch wenn diese Aufgabe ihm unsinnig und unehrlich vorkam: Es musste sein, wenn er die Ranch nicht verlieren wollte.

Nachdem er die Namen von drei weiteren unverheirateten Frauen notiert hatte, hielt er inne und runzelte die Stirn. Alle drei waren Geschäftsfrauen, die er über HuntCom kennengelernt hatte. Sie wussten also, dass er der Sohn des Milliardärs Harry Hunt war.

Wo sollte er eine Frau finden, die ihn nicht kannte? Vielleicht konnte er unter einem Pseudonym sein Glück beim Onlinedating versuchen? Dafür müsste er allerdings einige Zeit investieren, und die war ihm für dieses unmögliche Theater zu kostbar. Nein, er wollte eine Geschäftspartnerin, die sich auf einen Ehevertrag einlassen würde. Sie würde ihn heiraten, er würde sie großzügig dafür bezahlen. Gefühle wurden dabei weder erwartet, noch waren sie erwünscht. Sie müsste nur Cornelias Test bestehen und bereit sein, Kinder zu bekommen. Notfalls durch künstliche Befruchtung.

Während er den Schiffen auf dem Wasser zusah und dabei seinen Kaffee trank, musste er erneut an Lily Spencer denken. Er hatte die Beziehung zu ihr beendet, als ihm klar geworden war, dass sie heiraten und Kinder haben wollte. Das waren beides Dinge, die für ihn einfach nicht infrage kamen. Also hatte er sie verlassen, damit sie einen Mann finden würde, der ihr geben könnte, was sie brauchte. Einen Mann, der ihre Träume erfüllen könnte.

Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer ihres Ladens. Dass er sie nach zwei Jahren immer noch auswendig kannte, versetzte ihm einen Stich.

„Prinzessin Lily Boutique, guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?“

„Ist Lily da?“

„Darf ich fragen, wer dran ist?“

„Justin Hunt.“

„Einen Moment bitte.“

Er stand auf und ging ungeduldig auf und ab.

„Tut mir leid, Mr. Hunt“, meldete sich die Stimme schließlich wieder. Sie klang merklich kühler als vorher. „Ms. Spencer ist im Moment nicht hier.“

„Und wann wird sie zurück sein?“

„Das weiß ich leider nicht. Soll ich ihr etwas ausrichten?“

„Nein, danke.“ Ärgerlich unterbrach er die Verbindung. Die Frau hatte gelogen, da war er sich sicher.

Bestimmt hielt Lily sich um diese Zeit im Laden oder in ihrer Werkstatt im ersten Stock auf – sie war immer sehr gewissenhaft gewesen. Das bedeutete also, dass sie nicht mit ihm reden wollte.

Als er ihre dreimonatige Beziehung ohne Vorwarnung beendet hatte, war Lily unglaublich ruhig geblieben. Sie war weder in Tränen ausgebrochen, noch hatte sie ihn angeschrien oder eine Szene gemacht – ganz im Gegensatz zu anderen Frauen, mit denen er zu tun gehabt hatte. Stattdessen hatte sie sorgfältig ihre Serviette zusammengefaltet, war aufgestanden und ohne ein Wort gegangen.

Vielleicht wollte er sie deshalb auf einmal so dringend sehen: damit sie ihn endlich anschrie, ihm Schimpfworte an den Kopf warf und ihm ins Gesicht sagte, was für ein Schuft er war. Dann könnte er sich wenigstens entschuldigen. Wenn er Glück hatte, würde sie ihm vielleicht sogar vergeben. Zumindest würde sie ihn danach nicht für den Rest ihres Leben hassen.

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