Logo weiterlesen.de
Eine Hochzeit und Drei Happy-Ends

Image

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Noch eine Hochzeitsfeier! Finster betrachtete Star die Einladungskarte, bevor sie sie auf ihren Schreibtisch warf.

Am liebsten wäre sie unter irgendeinem Vorwand weggeblieben. Allerdings hätte ihre Freundin Sally es sicher falsch verstanden und angenommen, sie hätte Angst davor, dass an dem Aberglauben mit dem Brautstrauß doch etwas dran sein könnte.

Natürlich war das Unsinn. Nur weil die beiden anderen Frauen, mit denen sie Sallys Brautstrauß aufgefangen hatte, innerhalb von sechs Monaten nach Sallys Hochzeit auch geheiratet hatten, musste es ihr nicht genauso ergehen. Sie würde niemals heiraten.

Star schaute noch finsterer drein. Dass ihre Freundin Poppy, die ebenfalls Sallys Brautjungfer gewesen war, den Bund fürs Leben geschlossen hatte, hatte sie nicht besonders überrascht. Doch sie war aus allen Wolken gefallen, als zuvor Sallys Stiefmutter geheiratet hatte. Da die Verwandten ihres Mannes, der Amerikaner war, nicht dabei gewesen waren, wollten die beiden nun nachträglich mit ihnen in den USA feiern. Nervös blickte Star aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers. Da sie demnächst geschäftlich in die USA fliegen musste, konnte sie die Einladung annehmen. Und wenn sie es nicht tat …

Hochzeiten waren überhaupt nicht ihr Fall. In Anbetracht der Tatsache, wie oft ihre Eltern nach der Scheidung wieder geheiratet hatten, konnte sie einfach nicht mehr an ewige Liebe und Treue glauben.

Nein, sie hielt nichts von Hochzeiten und noch viel weniger von der Ehe.

Doch wovor hatte sie dann Angst? Wie um sich selbst zu beweisen, dass sie stark genug war und nichts von diesem albernen Aberglauben hielt, öffnete sie das Fenster und atmete einmal tief durch. Dann sagte sie laut: “Ich werde mich nicht verlieben, und ich werde nicht heiraten – weder jetzt noch später.”

1. KAPITEL

Zynisch und verächtlich zugleich musterte Star die Gratulanten, die das frisch vermählte Paar umringten. Dabei fragte sie sich, wie viele von ihnen die Hand aufs Herz legen und ehrlich von sich sagen konnten, dass ihre Ehe oder Beziehung tatsächlich ihr Leben bereichert und sie glücklich gemacht hatte.

Wenn die Leute ihre Gedanken hätten lesen können, hätten sie sicher gekontert, dass sie überhaupt nicht das Recht habe, sich so über die Institution Ehe zu äußern oder diese sogar infrage zu stellen. Schließlich war sie nie verheiratet gewesen und lehnte jede Form von emotionaler Bindung an einen anderen Menschen ab. Dennoch glaubte Star, sehr viel mehr über die Ehe zu wissen, als die meisten dieser Leute von sich behaupten konnten.

“Hallo, Star. Claire hat mir schon erzählt, dass du auch kommst.”

Schweigend ließ sie die stürmische Umarmung ihrer ältesten Freundin über sich ergehen.

“Ich freue mich so für Ma und Alex”, fuhr Sally fort. “Allerdings wäre es mir lieber, wenn Ma nicht so weit weg wohnen würde. War es nicht eine tolle Idee von Alex’ Familie, eine zweite Hochzeitsfeier zu organisieren und uns alle dazu einzuladen?” Nachdem sie sich von Star gelöst hatte, fügte sie hinzu: “Hat Alex schon offiziell bestätigt, dass du die PR-Arbeit für die Vertretung in England übernimmst?”

“Nein, noch nicht”, erwiderte Star ruhig.

“Aber du wirst den Vertrag bekommen”, beharrte Sally.

“Es sieht ganz so aus.”

“Du bist die Einzige, die noch übrig ist”, neckte Sally sie. “Obwohl ihr drei euch geschworen habt, solo zu bleiben, sind zwei von euch mittlerweile verheiratet.”

Star zuckte unmerklich die Schultern. “Es war klar, dass Poppy James heiraten würde, sobald sie über ihre Schwärmerei für Chris hinweggekommen wäre. Und was deine Stiefmutter betrifft …” Nachdenklich blickte sie zu Claire, die Arm in Arm mit Alex dastand und ihn anlächelte.

“Sieh mich nicht so an”, mahnte sie Sally. “Ich bin nämlich fest entschlossen, nicht zu heiraten und auch keine dauerhafte Beziehung einzugehen.”

“Und was ist, wenn du dich verliebst?”, erkundigte Sally sich beherzt.

Star warf ihr einen verächtlichen Blick zu.

“Mich verlieben? Du meinst, wie zum Beispiel meine Mutter? Sie hat sich so oft verliebt, dass sie es gar nicht mehr zählen kann, und wenn sie Liebeskummer hat, zieht sie immer alle mit hinein. Oder sollte ich lieber dem Beispiel meines Vaters folgen, der einer Frau seine Liebe beweist, indem er ihr ein Kind macht, das er praktisch vergisst, sobald er eine neue Beziehung eingeht?”

“Oh Star.” Mitfühlend berührte Sally ihren Arm. “Es tut mir leid. Ich …”

“Lass nur”, fiel Star ihr ins Wort. “Mir tut es nicht leid. Ich bin meinen Eltern sogar dankbar, weil sie mir die Augen geöffnet haben, statt mir falsche Ideale vorzugaukeln. Heute glaubt man, dass jeder ein Recht auf persönliches Glück habe, egal zu welchem Preis. Meine Eltern übertreiben vielleicht, so wie sie diese Ansicht in die Tat umsetzen. Aber sei mal ehrlich, Sally. Wie viele Paare kennst du, die in ihrer Beziehung noch glücklich sind, sobald die erste Leidenschaft abgeflaut ist?”

“Du bist eine Zynikerin”, erwiderte Sally und seufzte.

“Nein”, konterte Star, “ich bin nur realistisch. Ich finde mich mit dem ab, was die meisten Frauen im Grunde ihres Herzens wissen, aber nicht wahrhaben wollen – nämlich dass der Mann darauf konditioniert ist, sich fortzupflanzen. Deswegen ist es ihm von seiner genetischen Anlage her auch unmöglich, einer Frau treu zu bleiben. Daher darf sich eine Frau meiner Ansicht nach auch nicht seinem Lebensstil anpassen, wenn sie glücklich sein will. Sie muss mit ihm schlafen, wenn sie Lust auf ihn hat und nicht umgekehrt, und darf sich gefühlsmäßig nicht an ihn binden. Falls sie ein Kind bekommen will, darf sie nicht vergessen, dass sie es vermutlich allein großziehen muss …”

“Das ist nicht fair, Star”, unterbrach Sally sie traurig und zuckte ein wenig zusammen, als sie sah, wie Star darauf spöttisch die Augenbrauen hochzog. “Na gut, ich weiß, dass es Männer gibt, die wie dein … Männer, die einer Frau nicht treu sein können. Aber nicht alle Männer sind so.”

“Ach nein? Typisch, dass ausgerechnet du das sagst, nicht?”, meinte Star grimmig. “Schließlich hast du ein persönliches Interesse daran, es zu glauben. Da wir gerade davon sprechen – wie läuft es momentan zwischen dir und Chris?”

“Gut”, erwiderte Sally schnell.

Star kannte sie wirklich gut – manchmal sogar zu gut. Sie wusste genau, wie sie sie treffen konnte. Daher tröstete es Sally auch nicht, dass Star immer in die Offensive ging, wenn man sie an ihrem wunden Punkt traf. Sie hasste es nämlich, wenn man sie auf ihre Gefühle ansprach, und schoss dann sofort zurück.

Es war nicht so, dass in ihrer Beziehung zu Chris etwas nicht stimmte, wie Sally sich schnell versicherte. Chris hatte in letzter Zeit zwar oft Überstunden gemacht und war selten zu Hause gewesen, aber …

Plötzlich merkte sie, dass Star in eine andere Richtung schaute. Als Sally sich umdrehte, konnte sie jedoch nichts Außergewöhnliches entdecken.

“Ich muss jetzt gehen”, erklärte sie. “Chris wundert sich bestimmt schon, wo ich bleibe.”

“Ja.” Star erwiderte ruhig den Blick eines Gastes, der sie anerkennend ansah.

Er hatte sie schon den ganzen Nachmittag angeschaut, obwohl er in Begleitung einer Frau war, die ihm nicht von der Seite wich. Sie hatte zwei Mädchen bei sich, die ihr sehr ähnlich sahen. Ob der Mann der Vater der Kinder war? Star zuckte die Schultern. Was ging sie das an?

Sie war nicht der Typ, der den Männern anderer Frauen schöne Augen machte, weil sie die Herausforderung liebte. Andererseits war sie der Meinung, dass es nicht ihre Aufgabe war, bei anderen den Moralapostel zu spielen.

Als sie um die zwanzig gewesen war, hatte sie eine Phase durchlebt, in der sie sexuell viel experimentiert und daher auch oft den Partner gewechselt hatte. Jetzt dagegen war sie so wählerisch, dass man ihr sogar nachsagte, zu anspruchsvoll zu sein. Sie lebte nach ihren eigenen Regeln und Wertvorstellungen, und diese entsprachen nicht unbedingt den gesellschaftlichen Normen, die angeblich für die Mehrheit maßgebend waren.

Zum einen mussten ihre Partner gesund sein und gegebenenfalls auch dazu bereit, es mit einem ärztlichen Attest nachzuweisen. Außerdem mussten sie akzeptieren, dass sie lediglich Sex mit ihnen haben wollte.

Was ihre Sexualität betraf, so hatte Star keine Hemmungen oder Komplexe. Warum hätte sie die auch haben sollen? Ihrer Meinung nach hatten Frauen genauso das Recht auf sexuelle Erfüllung wie Männer, sodass es viel eher eine Sünde gewesen wäre, sich dieses Vergnügen zu versagen, als sich irgendwelchen überholten Moralvorstellungen zu unterwerfen. Die waren den Frauen ohnehin von den Männern aufgezwungen worden, damit diese ihre Sexualität ausleben konnten.

Und nicht zuletzt mussten ihre Partner sich damit abfinden, dass es Zeit war, sich voneinander zu trennen, sobald der erotische Reiz verflogen war.

In letzter Zeit allerdings schlief Star vorwiegend allein in ihrem Bett. Und wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich war, musste sie zugeben, dass es ihr mittlerweile sogar lieber war.

Als ihr Vater ihre Mutter verlassen hatte, hatte diese sehr darunter gelitten, und es war ihr finanziell sehr schlecht gegangen. Obwohl Star damals noch jung gewesen war, hatte sie sich geschworen, dass ihr so etwas nie passieren würde und sie nie von irgendjemandem abhängig sein wollte – weder finanziell noch gefühlsmäßig. Ihre Mutter hatte sich ständig von Neuem verliebt und wieder geheiratet, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihrem Leben wieder einen Sinn gab.

Drei Monate zuvor, an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag, hatte Star Bilanz gezogen und war zu dem Ergebnis gekommen, dass sie mit sich und ihrem Leben zufrieden sein konnte.

“Mom, ich muss zur Toilette …”

Als eines der Mädchen laut schrie, wurde ihre Aufmerksamkeit wieder von der Familie beansprucht, die Star vorher beobachtet hatte.

Der Mann – vermutlich der Vater der Kinder – hatte offenbar mehr Interesse an ihr und achtete kaum darauf, was seine Frau sagte.

“Clay, Ginny muss zur Toilette”, hörte Star sie sagen.

“Dann geh doch mit ihr”, entgegnete er ungeduldig und schüttelte den Kopf, als die Frau verlangte, er solle sie begleiten.

Schließlich gab sie nach und ging mit den Kindern über den Rasen zum Haus. Der Blick, den der Mann daraufhin Star zuwarf, war für sie nichts Neues, denn viele Männer hatten sie schon so angeschaut.

Der Mann wartete kaum, bis seine Frau und seine Kinder außer Sichtweite waren. Dann kam er auf Star zu.

Er war recht attraktiv, allerdings nicht so attraktiv, wie er offenbar annahm. Dennoch mochte sie es, wenn Männer ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein und Egoismus besaßen, solange sie im Bett nicht nur an sich dachten.

Egoistische Liebhaber waren nämlich überhaupt nicht ihr Fall.

Als der Mann auf sie zukam, stand Star einfach nur da. Sie strich sich weder durch das lange dunkelrote Haar, das sie an diesem Tag offen trug, noch machte sie eine andere aufreizende Geste, wie viele Frauen es in diesem Moment getan hätten.

Das schlichte Kleid aus Leinen und Seide, das sie trug, hatte sie in Mailand gekauft. Es saß perfekt und unterstrich ihre schlanke Figur, ohne ihre weiblichen Rundungen allzu sehr zu betonen. Sie hatte es noch nie nötig gehabt, aufreizende Kleidung zu tragen, und verzichtete auch auf Reizwäsche im Bett.

Ihre Frisur war schlicht und ihr Make-up genau wie ihr Parfum sehr dezent. Ihr Vater hatte Star in ihrer Kindheit zwar weder moralisch noch finanziell unterstützt, doch dafür hatte sie ihr gutes Aussehen von ihm geerbt. Außerdem hatte sie früh gelernt, dass es nichts brachte, wenn Frauen krampfhaft versuchten, den Männern zu gefallen.

Und ich werde bestimmt nie in Versuchung geraten, mit diesem Exemplar hier zu flirten, dachte sie, als sie den selbstgefälligen Ausdruck in den Augen ihres Bewunderers sah, dem es ganz offensichtlich an Intelligenz und Humor fehlte. Obwohl sie sich an keinen ihrer Liebhaber gefühlsmäßig binden wollte, genoss sie doch wie alle Frauen das prickelnde Vorspiel, besonders wenn sie ein intelligentes Gespräch führen und lachen konnte.

Als sie dem Mann einen kühlen, verächtlichen Blick zuwarf, der besagte, dass er nur seine Zeit verschwendete, stellte sie fest, dass sie immer noch das quengelnde Mädchen hörte sowie seine Mutter, die vorwurfsvoll fragte: “Oh Ginny, warum hast du denn gesagt, dass du zur Toilette musst? Dein Vater … Oh.”

Star runzelte die Stirn, als sie hörte, wie die Frau plötzlich einen geradezu sinnlichen Tonfall anschlug: “Oh Kyle! Wo kommst du denn her? Ich habe dich gar nicht gesehen. Clay ist …”

“Ich weiß, wo Clay ist. Ich habe ihn schon gesehen”, fiel ihr ein Mann ins Wort, und sein kühler Tonfall besagte, dass er genau wusste, was Clay vorgehabt hatte, und es missbilligte.

Der Mann hatte eine interessante Stimme, war aber nicht ihr Typ, wie Star vermutete. Er schien ein richtiger Moralapostel zu sein.

Sie wollte gerade weggehen, um sich noch etwas Champagner nachzuschenken, als sie die Frau mit den Kindern in Begleitung des Mannes, der gerade gesprochen hatte, auf ihren Bewunderer zugehen sah.

Clay hielt keinem Vergleich mit dem anderen Mann stand. Da er jetzt schmollte, wirkte er überhaupt nicht mehr anziehend, zumal er die ausgestreckte Hand seiner Frau ignorierte und seine Kinder ungeduldig ansah. Der andere Mann dagegen …

Star musste insgeheim zugeben, dass er sehr sexy war.

Er war groß, hatte dichtes dunkelbraunes Haar und bewegte sich ausgesprochen geschmeidig. Das weiße T-Shirt, das er trug, betonte seine muskulöse Brust.

Mit dem flüchtigen Blick, den er ihr zuwarf, brachte er seine ganze Missbilligung ihr gegenüber zum Ausdruck.

Star, die ihn gerade noch bewundert hatte, wurde nun wütend und vergaß sogar, dass sie Clay ohnehin hätte abblitzen lassen.

Was bildet dieser Kerl sich eigentlich ein?, fragte sie sich. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn andere Leute versuchten, über sie und ihr Leben zu bestimmen – vor allem über ihr Liebesleben. Und falls dieser Mann glaubte, sie hätte sich von ihm aufhalten lassen, wenn sie tatsächlich an Clay interessiert gewesen wäre …

Star zuckte die Schultern und wollte sich abwenden. Es war eigentlich untypisch für sie, derart heftig auf einen Mann zu reagieren, besonders auf einen, den sie überhaupt nicht kannte.

Sie runzelte die Stirn, als ihr klar wurde, dass sie ihre Zeit damit verschwendete, sich über einen Mann den Kopf zu zerbrechen, den sie vermutlich nie wiedersehen würde. Plötzlich erschrak sie, denn der Fremde tauchte vor ihr auf und versperrte ihr den Weg.

Ohne zu lächeln, erwiderte sie seinen Blick.

“Man hat uns noch nicht miteinander bekannt gemacht”, erklärte er lächelnd.

Überrascht stellte sie fest, dass seine Zähne nicht so perfekt waren wie bei den meisten Amerikanern. Auch sein Lächeln war etwas schief, was ihm etwas Jungenhaftes verlieh. Die Frauen, die einen Mann zum Bemuttern suchten, fanden das sicher attraktiv, aber sie bevorzugte richtige Kerle.

“Nein, oder?” Als sie an ihm vorbeigehen wollte, machte er ebenfalls einen Schritt zur Seite.

Nun ging sie einen Schritt nach links, woraufhin er ihr wieder den Weg versperrte.

“Sie stehen mir im Weg”, informierte sie ihn scharf.

“Ihr Glas ist leer”, meinte er ungerührt. “Lassen Sie mich Ihnen einen neuen Drink holen.”

“Danke, das kann ich selbst. Und ich kann mir auch alles andere holen, wonach mir der Sinn steht.”

Statt beleidigt zu sein, lachte er.

“Ach, Sie sind wütend auf mich wegen Clay.” Er schüttelte wissend den Kopf. “Das tut mir leid, aber Sie wären sowieso enttäuscht gewesen. Er ist nicht …”

“Tatsächlich?”, entgegnete sie scharf. “Sie haben offenbar eine sehr gute Beobachtungsgabe, wenn Sie nach einem Blick wissen, was Ihr Gegenüber will.”

“Er ist ein verheirateter Mann”, erwiderte er leise, und der humorvolle Ausdruck in seinen Augen verschwand. Seine Augen waren tiefblau und von dichten dunklen Wimpern gesäumt. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund verspürte Star den unwiderstehlichen Drang, seine Wimpern zu berühren, um zu feststellen, ob sie genauso weich waren, wie sie aussahen.

“Ja, das hatte ich angenommen”, bestätigte sie. “Und deswegen war er für mich ja auch so interessant”, fügte sie hinzu. Niemand, wirklich niemand hatte das Recht, über sie zu bestimmen, und sie würde dafür sorgen, dass dieser Möchtegernritter in seiner schimmernden Rüstung es merkte.

“Verheiratete Männer sind die besten Liebhaber”, fuhr sie herausfordernd fort. “Sie sind normalerweise so dankbar, wenn sie eine leidenschaftliche Geliebte im Bett haben, nachdem ihre Frauen sie auf sexuellen Entzug gesetzt haben. Und wenn der Spaß vorbei ist, kann man sie nach Hause schicken.”

“Spaß? Sie betrachten Sex als Spaß?”, erkundigte der Mann sich scharf. “Ist es für Sie ein Freizeitvergnügen wie zum Beispiel Baseball?”

“Ja.” Es gefiel ihr, sein Selbstbewusstsein zu erschüttern. “Für Sie etwa nicht?”, erkundigte sie sich spöttisch.

“Nein. Wenn keine Liebe im Spiel ist – all das, was zwei Menschen miteinander verbindet –, ist Sex für mich wie eine Blume ohne Duft: zuerst ganz reizvoll, aber bei näherer Betrachtung enttäuschend.”

“Das hängt doch von der Einstellung ab”, wandte Star ein und fuhr auf seinen fragenden Blick hin fort: “Davon, ob man überhaupt eine duftende Blume will. Manche Leute wollen es gar nicht, weil sie allergisch darauf reagieren.”

Typisch, dachte sie bedauernd. Wer immer dieser Mann sein mochte, er verfügte über all die äußeren Eigenschaften, die sie am attraktivsten fand. Es war nur schade, dass er diesen Eindruck verderben musste, indem er den Mund aufmachte und seine Meinung zum Besten gab. Plötzlich kam ihr ein amüsanter Gedanke. Dieser Mann hatte eine Strafe verdient, weil er sich in ihre Angelegenheiten eingemischt hatte und den Moralapostel spielte. Und sie konnte ein bisschen Spaß gebrauchen.

Star konnte sich nicht entsinnen, wie lange es her war, dass sie ihre Energie nicht in ihre Arbeit gesteckt hatte. Sie erschrak, als ihr einfiel, dass es fast zwei Jahre her war, seit sie mit Jean Paul Schluss gemacht hatte.

Seit fast zwei Jahren lebte sie enthaltsam! Das war erstaunlich. Oh ja, es ist höchste Zeit, dass ich etwas Spaß habe, dachte sie.

Dieser Mann glaubte also nicht an Sex ohne Gefühle. Und sie glaubte ihm nicht. Zweifellos war das ein gutes Argument für ihn, um anderen Frauen etwas vorzugaukeln, aber sie fiel nicht darauf herein. Kein Mann sehnte sich wirklich nach einer Beziehung fürs Leben. Kein Mann sehnte sich wirklich nach der ewigen Liebe einer Frau. Vielleicht behauptete er das am Anfang einer Beziehung, doch früher oder später würde seine eigentliche Natur durchbrechen, und er würde nach einer neuen Herausforderung suchen. Das hatte sie oft genug bei anderen Leuten miterlebt.

Ja, es wäre amüsant, diesem Mann eine Lektion zu erteilen und ihn so weit zu bringen, dass er zugeben musste, wie gut Sex sein konnte, wenn keine Gefühle im Spiel waren.

“Normalerweise vertreten die Frauen diesen Standpunkt.” Star schlug einen sinnlichen Tonfall an und warf ihm einen aufreizenden Blick zu, während sie mit ihrem leeren Glas spielte. “Ich glaube, ich nehme doch noch einen Drink.”

Es spielt überhaupt keine Rolle, wie plump man vorgeht oder wie unaufrichtig man ist, dachte sie grimmig, als er sie zu einem Kellner führte, der mit einem Tablett voller Gläser auf dem Rasen stand. Die Männer fielen immer darauf herein und fraßen den Köder, an dem eigentlich die Frau hätte ersticken müssen.

Der Mann muss erst noch geboren werden, der sich nicht von seinem Sexualtrieb leiten lässt, überlegte Star.

Als sie das Glas entgegennahm, das ihr Begleiter ihr reichte, perlten ihr einige Tropfen Champagner auf die Hand. Sie lachte aufreizend und machte Anstalten, sie abzulecken. Dann sah sie ihm in die Augen, hielt ihm ihre Hand entgegen und flüsterte anzüglich: “Tun Sie es.”

Zu ihrem Leidwesen nahm er jedoch ein Taschentuch und trocknete ihr damit die Hand ab. “Es wird wohl ein bisschen klebrig bleiben”, meinte er leise. “Hat Ihr Kleid auch etwas abbekommen? Vielleicht …”

“Nein, mein Kleid hat nichts abbekommen”, entgegnete sie wütend und zog die Hand zurück. Entsetzt stellte sie fest, dass sie sich gedemütigt fühlte.

Kein Mann hatte je so auf sie reagiert und sie derart abblitzen lassen, und das sollte auch ihrem Begleiter nicht gelingen.

Es fiel ihr zwar schwer, sich nicht von ihm abzuwenden und wegzugehen, doch irgendwie schaffte sie es.

“Sind Sie ein Verwandter von Alex?”, erkundigte sie sich und musterte ihn dabei verstohlen.

Da er sehr muskulös war, fragte sie sich, was er beruflich machte. Vermutlich arbeitete er vorwiegend im Freien.

“Nein. Sind Sie mit Claire verwandt?”

Er wirkte nicht besonders interessiert, aber so leicht ließ sie sich nicht beirren.

“Nein, ich bin eine Freundin von Sally, Claires Stieftochter”, erklärte sie. “Wir kennen uns bereits aus der Schule. Allerdings bin ich nicht nur wegen der Hochzeitsfeier hier, sondern auch geschäftlich. Ich bin PR-Beraterin und soll für Alex ein Konzept entwickeln, wie man das Image der englischen Vertretung seiner Firma verbessern könnte.”

Das ist zwar etwas übertrieben, aber unter den gegebenen Umständen berechtigt, sagte sich Star. Normalerweise trug sie nicht so dick auf, weil sie es nicht nötig hatte. Außerdem hatte sie bereits mehr von sich erzählt, als sie es sonst in solchen Situationen tat.

Allerdings ging es ihr hier auch nicht nur um Sex, sondern darum, ihren Standpunkt klarzumachen und ihm vor Augen zu führen, dass er gelogen hatte, als er behauptet hatte, für ihn gebe es keinen Sex ohne Liebe.

Da sie so in Gedanken versunken war, merkte sie gar nicht, dass ein wissender Ausdruck in seine Augen trat.

“Wenn Sie nicht zur Verwandtschaft gehören, werden Sie an dem Familienessen heute Abend also nicht teilnehmen”, sagte sie und fügte verführerisch hinzu: “Ich auch nicht.”

Sie war zwar eingeladen, aber Sally und Claire hatten bestimmt Verständnis dafür, wenn sie nicht dablieb.

“Nein … nein, das werde ich nicht”, bestätigte er.

Als Star ihm in seine unglaublich blauen Augen blickte, klopfte ihr Herz ein bisschen schneller. Oh ja, er war genau ihr Typ – zumindest äußerlich.

“Dann wissen wir also beide nichts mit uns anzufangen.” Allmählich fragte sie sich, ob sie sich getäuscht hatte, als sie den intelligenten Ausdruck in seinen Augen bemerkt hatte. Der Mann war anscheinend etwas schwer von Begriff.

“Ja, es sieht wohl ganz danach aus”, erwiderte er schließlich langsam.

“Wir könnten zusammen zu Abend essen”, schlug sie vor. “Zum Beispiel in meinem Hotel. Ich wohne im Lakeside.” Das Lakeside war das exklusivste Hotel in der Stadt.

“Im Lakeside …” Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr – ein schlichtes Modell mit einem abgewetzten Lederarmband. “Wir könnten uns um acht im Foyer treffen.”

“Das passt mir gut.” Unwillkürlich fragte sie sich, worauf sie sich da bloß eingelassen hatte.

Genau dasselbe sagte sie wenige Minuten später zu Sally, nachdem ihr Begleiter sich bei ihr entschuldigt hatte. Chris und sie waren ihr praktisch in die Arme gelaufen.

“Es war nicht so einfach, ihn dazu zu bewegen, mit mir essen zu gehen”, erklärte Star. “Hoffentlich muss ich mir im Bett nicht auch so viel Mühe geben.”

Sally lachte, während Chris ein wenig unbehaglich wirkte. Kein Wunder, denn die meisten Männer fühlten sich bedroht, wenn Frauen die Initiative ergriffen.

“Wo ist er?”, erkundigte sich Sally. “Zeig ihn mir.”

“Das geht nicht. Er ist nicht mehr da”, erwiderte Star, nachdem sie sich umgeschaut hatte.

“Vielleicht hat er kalte Füße bekommen und die Flucht ergriffen”, meinte Chris.

Sie bedachte ihn mit einem kühlen Blick.

“Wenn es so ist, gibt es genug andere, die seine Stelle einnehmen können.”

Er wollte etwas entgegnen, doch sie sah, dass Sally ihm einen warnenden Blick zuwarf. Erst als sie mit ihrer Freundin allein war, sagte Star: “Schon gut, Sally, du musst mich Chris gegenüber nicht in Schutz nehmen. Ich weiß, dass er mich nicht mag.”

“Das stimmt nicht”, protestierte Sally. “Es ist nur …”

“Er mag es nur nicht, wenn eine Frau sich wie ein Mann benimmt, stimmt’s?”

“Du legst es bewusst darauf an, ihm einen falschen Eindruck von dir zu vermitteln”, verteidigte Sally ihren Mann.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Heirat nicht ausgeschlossen?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen