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Heinrich der Rabe

Heinrich der Rabe

57

Heinrich

der Rabe

 

Horrorthriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

VORWORT

 

 

Wenn der fünfzehnjährige Heinrich Weber über seinen Hausaufgaben sitzt, ist er völlig konzentriert. Er lässt sich von nichts ablenken. Die Mädchen in der Schule sagen über ihn:

 

„Oh, ist der süß!“

 

Heinrich findet sich gar nicht süß. Eher cool. Aber im Grunde ist er ein Träumer. Ein großer Träumer vor dem Herrn. Am liebsten liegt er – die Hände im Nacken verschränkt – auf seinem Bett, starrt mit seinen blauen Augen gegen die schiefe Holzdecke und träumt von abenteuerlichen Meeresfahrten und grandiosen Stürmen mit hohem Wellengang. Er sieht sich dann, am Bug eines Segelschiffs stehend und laut rufend: Ja, was ruft er denn? Ihm fällt bei jedem Tagtraum etwas Anderes ein. Meistens ist er der Kapitän, der mit scharfem Blick über die stürmische See schaut und den mannshohen Wellen trotzt. Wenn ihn dann seine Mutter zum Abendbrot ruft, erwacht er wie aus einer tiefen Trance. Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis er in die Realität zurückfindet. Heinrich liebt es, wie gesagt, zu träumen.

 

Seine Freunde gehen zusammen ins Kino oder auf den Fußballplatz, aber er liegt lieber auf seinem Bett und gibt sich seinen Tagträumen hin...

 

 

01

 

 

„Heinrich! Abendessen!“, tönt es von unten.

 

Ich erschrecke. Ich fahre immer zusammen, wenn meine Mutter nach mir ruft, denn ich bin in Gedanken meist ganz woanders. Irgendwo, auf dieser großen, weiten Welt. Gerade war ich in Manhattan und lieferte mir mit den randalierenden Jugendlichen in den dreckigen Slums eine heiße Schlacht. Natürlich gewann ich den ungleichen Kampf, denn ich bin körperlich sehr stark. Ich war gerade im Begriff, den Kräftigsten der Bande niederzuringen, als meine Mutter rief.

 

„Ja, ich komme gleich, Mutter!“

„Nicht gleich! Sofort! Die Eier werden kalt!“

„Ja, ja, ich komme ja schon.“

 

Verdammt. Hätte ich den Kampf gewonnen, oder nicht? Immer muss sie mich stören, wenn es am Schönsten ist. Gerade, als ich mich aus seinem Bett erhebe, höre ich ein leises Klopfen. Wer ist denn da? Wo kommt das Geräusch her? Ist es der starke Jugendliche aus den Slums? Der Anführer höchstpersönlich? Unsinn. Er kann es ja gar nicht sein. Aber wieso höre ich dann dieses unheimliche Klopfen?

 

Woher kommt es nur?

 

Ich laufe im Zimmer hin und her und lausche angestrengt. Mein Adlerblick ist überall. Doch ich erkenne nichts Außergewöhnliches.

 

Poch! Poch!

 

Na, so etwas! Das ungewohnte Geräusch scheint vom Fenster zu kommen! Aber wie kann das möglich sein? Mein Zimmer liegt im zweiten, obersten Stockwerk unseres Hauses! Ist vielleicht jemand an der Dachrinne hochgeklettert? Ein Einbrecher? Ein professioneller Dieb? Gar ein Mörder? Oder ein Südseepirat? Eine nette Verehrerin? Oder eine kleine, süße Fee? Vielleicht sogar ein Geist? Nein, Geister klettern nicht, soweit mir bekannt ist. Es kann also nur ein Mensch sein, der sich dort draußen befindet. Oder es ist ein abgerissener Ast eines Baumes, der gegen das Fenster schlägt.

 

Ich analysiere wie Sherlock Holmes.

Ja, ich vergleiche mich mit ihm.

 

Mit klopfendem Herzen nähere ich mich dem Fenster. Ganz, ganz langsam öffne ich es. Ein leichter Windzug fährt durchs Zimmer und wirbelt allerlei Papierblätter auf meinem Schreibtisch durcheinander. Die Vorhänge flattern aufgeregt hin und her. Es ist draußen schon stockdunkel, und ich kann nichts erkennen.

 

Doch was ist das denn?

Auf dem Fensterbrett sitzt ein schwarzer Rabe!

Keinen halben Meter von mir entfernt!

Und er schaut mich listig an.

 

Kraaaahhh! Kraaahhh!“

 

Ich bin total perplex. Und zugleich begeistert. Ein ausgewachsener Rabe sitzt an meinem Fenster und begehrt Einlass. Ich habe keine Angst vor ihm! Ob er wohl hungrig ist?

 

„Komm herein, Rabe!“

 

Als ob er mich verstehen würde, hüpft er auf das innere Fensterbrett und fliegt im Zimmer umher. Er inspiziert neugierig meinen kleinen Raum. Nichts entgeht ihm, wie es scheint. Ich bin fasziniert. Ja, er gefällt mir ungemein. Dieser schöne Kopf! Und dieses glänzend-schwarze Gefieder! Diese dünnen Beinchen!

 

Was für ein wunderbarer Vogel!

 

Und schon gehen mir einige Gedanken durch den Kopf: Ob er wohl hierbleiben will? Kann ich ihn vielleicht dressieren? Wird er auf das hören, was ich ihm sage? Ich wäre der einzige Junge im Ort, der einen eigenen Raben besitzen würde! Meine Freunde würden vor Neid erblassen!

 

Jetzt sitzt er in meinem Bett und betrachtet mich neugierig.

 

„Wo kommst du denn her?“

„Kraaahhh!“

„Was heißt hier kraaahhh?“

„Kraaahhh heißt kraaahhh!“, antwortet der Rabe.

 

Ich denke, mich trifft ein Blitz. Er hat gesprochen! Aber sicher kennt er nur diesen kurzen Satz. Irgendjemand hat ihn ihm gelernt. Aber er sagte das Wort „heißt“. Er bildete einen kurzen Satz. Das ist nicht normal für einen frei lebenden Vogel.

 

„Heinrich! Du kommst jetzt sofort zum Essen herunter!“, tönt es von unten.

„Ja, Mutter. Ich komme.“

„Geh nur. Ich bleibe inzwischen hier!“, krächzt der Rabe.

 

Ich bin völlig überfahren. Er spricht mit mir. Ich schließe das Fenster, damit mir der neue Freund nicht entkommen kann und laufe die Treppe hinunter. Die Tür verschließe ich vorsichtshalber. Jetzt ist er eingesperrt. Gut so! Meine Beine zittern etwas, denn ich bin furchtbar aufgeregt. Soll ich es meinen Eltern erzählen? Kann ich es meinem kleineren Bruder Thomas anvertrauen? Nein.

 

Ich behalte mein Geheimnis für mich.

 

Und plötzlich kommen die ersten Bedenken: Was passiert, wenn Mutter den Vogel sieht, wenn sie in mein Zimmer kommt? Oder wenn Thomas unverhofft – wie immer – in mein Zimmer platzt? Was soll ich dann nur sagen? Dass ich von nichts weiß? Dass es mir unerklärlich ist, wie der Rabe in mein Zimmer gekommen ist? Ja, so werde ich es machen. Man wird mir zwar nicht glauben, aber das ist mir momentan egal. Ich kann den Vogel schließlich nicht in irgendeine schummrige Kiste sperren! Er muss herumfliegen können!

 

Aber was frisst denn so ein Rabe?

 

Unten sind wir vollzählig versammelt. Mein Vater, meine Mutter, Thomas und ich sitzen gemeinsamem am Abendtisch und lassen es uns schmecken. Sie sind mit ihrem Mahl schon halb fertig und so kommt es, dass ich mich etwas beeile.

 

„Immer kommst du zu spät zum Essen!“, klagt Mutter verdrießlich.

„Was machst du denn immer in deinem Zimmer? Doch nicht etwa nur Hausaufgaben?“, will Vater wissen.

„Ich habe geträumt.“

Thomas lästert: „Du träumst ja immer! Was ist denn so Schönes daran?“

„Junge, du musst der Realität des Lebens besser ins Auge sehen.“, erläutert Vater streng.

„Ja, Vater, ich werde es versuchen. Und dich, Thomas, geht das ja überhaupt nichts an. Dir fehlt es eben an der nötigen Fantasie!“

 

Klammheimlich nehme ich ein gekochtes Ei und einige kleine Fleischstückchen von meinem Teller und schiebe alles unter meine Jacke. Glücklicherweise hat es niemand bemerkt.

 

 

02

 

 

Eiligen Schrittes laufe ich in mein Zimmer hinauf. Ich bin sehr angespannt, weil ich nicht weiß, was der seltsame Vogel inzwischen in meinem Zimmer angestellt hat. Ich öffne vorsichtig die Tür und sehe mit Entzücken, dass er langgestreckt auf dem Rücken in meinem Bett liegt. Seine Flügel hat er zur Seite gelegt und seine dünnen Beine stehen nach oben. Ein Bild für Götter! Er betrachtet mich eingehend und krächzt:

 

„Hast du mir Futter mitgebracht?“

„Aber sicher. Wie heißt du eigentlich?“

 

M

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