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Hein die Schildkröte vom Rhein

Antje Hansen

Hein die Schildkröte vom Rhein

Gesamtausgabe





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1 Zwei Sensationen

Vor dreieinhalb Wochen, an einem klaren Januartag, geschah in Köln etwas ganz Außergewöhnliches. Ein kleines Holzboot trieb rheinaufwärts.

Das musst du dir mal vorstellen! Rheinaufwärts!

Das gibt’s doch gar nicht, wirst du jetzt protestierend erwidern, das ist kompletter Blödsinn. Jedes Kind weiß schließlich, dass Boote abwärtstreiben, aber niemals aufwärts! Das widerspricht allen physikalischen Erkenntnissen. Erdanziehung und so. Dahinter steckt garantiert ein Trick, ein geheimer Motor oder ein Taucher. Aber nein, ich versichere dir, es handelt sich um keinen Trick, keinen doppelten Boden, keinen versteckten Antrieb, keine Zauberei.

Die zweite Sensation, die aber niemand bemerkte, weil sich alle mit dem aufwärtstreibenden Holzboot beschäftigten, war ein kleiner Gegenstand, der auf dem Bötchen lag. Kurz hinter dem Anleger der Personenfähre Krokolino kullerte er in den Rhein. Bei Kilometer 677, um genau zu sein. Und während sich Zeitungsreporter, Radiostationen und Fernsehsender auf das verrückte Boot stürzen, trägt eine Welle das weiße, ovale Ding ans Rheinufer. Dort verfängt es sich in dem dichten Ufergestrüpp und bleibt unbemerkt liegen. Von weitem sieht es aus wie ein normaler Flusskiesel.

Jetzt fragst du dich natürlich, was daran so besonders sein soll, denn ich sprach ja von einer zweiten Sensation. Aber da musst du dich noch ein kleines bisschen gedulden. Moment!

Das Boot wird von Wasserschutzpolizei und Feuerwehr geborgen und zu wissenschaftlichen Untersuchungen in das Universitätsinstitut für Physik und andere Ungereimtheiten gebracht. Professor Doktor Knautschdidelpink und seine Assistentin, Frau Doktor Dotter, werden sich höchstpersönlich darum kümmern.

„Ich hoffe, dass wir Ihnen in wenigen Monaten mitteilen können, welchen Ursprung das uns bisher völlig unbekannte Schwimmobjekt hat“, sagt der berühmte Professor in einer umgehend anberaumten Pressekonferenz.

Einen Tag später schlendert Otto, der zehnjährige Enkel von Oma Wiesengrün, am Rheinufer entlang. Otto ist ziemlich groß für sein Alter. Er kann sich ohne Stuhl und Leiter aus der Keksdose, die auf dem obersten Regal in Oma Wiesengrüns Küche steht, Plätzchen stibitzen. Er hat braune Augen, wuschelige blonde Haare, die in alle vier Himmelsrichtungen abstehen und eine freche Stupsnase, auf der auch im Winter unzählige Sommersprossen sprießen.

 

Am Rheinufer sammelt er alles, was nicht niet- und nagelfest ist und wofür sich sonst kein Mensch interessiert: alte Schiffstaue, kaputte Luftpumpen und rostige Fahrradfelgen, mottenzerfressene Teppiche, Flaschen mit und ohne Post, Stöcke, Steine und Muscheln, Plastikliegestühle und Autoreifen. Treibgut, das vom Hochwasser des Flusses angespült wird, am Rheinufer hängen bleibt und sich, von Otto zusammengetragen, im hinteren Teil des Gartens von Oma Wiesengrün stapelt. 

„Meine Güte, Otto! Was willst du bloß mit dem ganzen Zeug? Mein Garten ist doch kein Schuttabladeplatz!“,  sagt sie und schüttelt ärgerlich den Kopf.                                                                                           

„Oma Wiesengrün, sei keine Spielverderberin. Das sind Schätze, kein Schutt! Irgendwann mache ich was ganz Tolles daraus. Ehrlich! Eine Superspezialerfindung oder so. Guck mal, was ich heute gefunden habe“, erwidert Otto stolz und zeigt ihr ein paar Kronkorken, einen zerbissenen Gummiball und das besagte weiße Ding.

Oma Wiesengrün betrachtet interessiert die Fundstücke. Eigentlich ist sie gar nicht so und findet Ottos Freiland-Schatzkammer insgeheim ziemlich klasse. Tulpen und Rosen hat schließlich jeder im Garten.

„Was hast du denn hier Hübsches? Einen Stein? – Nein, das ist kein Stein.“ Sie spuckt in ihren Schürzenzipfel und fährt über die Schlammkruste. Dann setzt sie ihre Brille auf die Nasenspitze und wiederholt nachdenklich: „Nein, auf keinen Fall ein Stein. Vielleicht ein Ei? Ja, ganz eindeutig. Der Größe nach zu urteilen, könnte das ein Entenei sein.“

Kurz entschlossen nehmen die beiden das Ei mit in die Küche.

Oma Wiesengrün legt es vorsichtig auf den Bratrost und schaltet den Backofen ein. „35 Grad. Das ist nicht zu warm und nicht zu kalt für das Ei“, sagt sie.  

Otto freut sich und ruft: „Vielleicht haben wir Glück und bald schlüpft ein Küken! Niedlich! Wie es wohl aussehen wird?“

Doch die Tage verstreichen ereignislos. Otto wird langsam ungeduldig.

„Verflixt!“, grummelt er schlecht gelaunt beim Abendessen. „Keine Pizza, keine Lasagne, keine Kekse! Und das nur, weil dieses blöde Teil den Ofen blockiert!“

„So, so! Kannst du dich noch daran erinnern, wer das Ei angeschleppt hat?“, antwortet Oma Wiesengrün, während sie vergnügt grinsend einen Topf Kürbissuppe auf den Tisch stellt.

Ausgerechnet Kürbissuppe, denkt Otto.

Aber dann passiert doch etwas. Endlich! Am nächsten Morgen, um halb acht, hören die beiden ein energisches Pochen an der Ofenscheibe. Otto springt vom Frühstückstisch auf. Er sieht in den Backofen, reißt die Tür auf und muss lachen. Auf dem Rost des Ofens balanciert eine knapp mandarinengroße Schildkröte, die Otto mit kobaltblauen Augen ansieht.

„Tach auch!“, sagt die winzige Schildkröte freundlich. „Ich bin Hein. Hein, die Schildkröte vom Rhein.“

Oma Wiesengrün rauft sich ihre Silberlöckchen und fällt fast in Ohnmacht.

Gut, dass heute Samstag ist und somit keine Schule, findet Otto.

 

2 Weltkugel-Navigationsgerät

„Otto, zwick mich mal, ich glaub´ ich träume“, sagt Oma Wiesengrün, während sie entgeistert den siebten Löffel Zucker in ihren Morgentee schaufelt.

Hein, die Schildkröte vom Rhein, sitzt auf dem Frühstückstisch und kaut knurpselnd an einem Salatblatt herum. „Gemütlich bei euch“, nuschelt er, nachdem er sich in Oma Wiesengrüns Küche umgesehen hat. „Wirklich sehr gemütlich. Und lecker! Aber wisst ihr, womit ihr mir eine noch größere Freude machen würdet?“ Er verdreht seine kobaltblauen Augen und macht eine kurze Pause. „Mit Gänseblümchen! Seit Ewigkeiten habe ich keine Gänseblümchen mehr gegessen. Gibt es hier zufällig welche?“

Otto verschluckt sich an einem Toastkrümel, hustet und starrt die Schildkröte überrascht an. „Seit Ewigkeiten? Gänseblümchen? Was soll denn das heißen? Woher kennst du Winzling Gänseblümchen? Du bist doch gerade erst geschlüpft!“

 

 

An dieser Stelle nehme ich dich kurz mit in das Physikalische Institut zu Professor Doktor Knautschdidelpink, denn seine Assistentin, die Spezialistin für hölzerne Naturereignisse, Frau Doktor Dotter, wird in diesem Augenblick mit der Untersuchung von Heins Bötchen fertig.

„Herr Professor! Herr Professor! Das ist unglaublich! Das müssen Sie sich ansehen!“, schallt ihre Stimme aufgeregt durch den Institutsgang, während sie zurück an Mikroskop und Laptop eilt. „Sehen Sie selbst!“ Sie schiebt dem Professor einen Drehhocker unter das Hinterteil.

„Frau Doktor Dotter, ich bin kein Hellseher! Ich sehe hier nix außer einigen Holzsplittern! Sie sind doch die Fachfrau für Baumbestimmung. Also bitte! Klären Sie mich in verständlichen Worten auf. Wir wollen hier keine Ratespiele veranstalten“, sagt der Professor ungehalten.

Frau Doktor Dotter setzt beleidigt ihre Brille ab, putzt sie umständlich und doziert: „Das Boot weist eine Ansammlung verschiedenster Hölzer auf. Einige davon gehören zu Bäumen, die es längst nicht mehr gibt!“ Sie fuchtelt aufgeregt mit verschiedenen Computerausdrucken vor Knautschdidelpinks Nase herum und glättet ihren angeschmuddelten Kittel. „Wegen ausgestorben! Außerdem handelt es sich um Hölzer, die eigentlich gar nicht zusammen verarbeitet werden können, weil sie von verschiedenen Kontinenten stammen. Ort und Zeit! Passen nicht zusammen! Verstehen Sie? Um genau zu sein, besteht das Boot hauptsächlich aus afrikanischem Butterbrotbaumholz. Aber“, hier hebt Frau Doktor Dotter belehrend den Zeigefinger, „verschiedene Ausbesserungen an dem Bötchen weisen europäischen Walnussbaum, südamerikanische Erdbeerpalme, nordamerikanischen Mammutbaum, asiatischen Vogelbeerbaum, australischen Haste-nicht-gesehen-Baum und antarktisches Eisblumengestrüpp auf!“

Ratlos raufen sich die beiden Wissenschaftler die Haare, lassen alles stehen und liegen und eilen in die Universitätsbibliothek. Eventuell finden sie dort in einem der dicken Bücher einen ähnlichen Fall.

 

Hein hingegen begutachtet Oma Wiesengrüns Garten und findet tatsächlich einige frühe Gänseblümchen, denn der Winter ist in diesem Jahr buchstäblich ins Wasser gefallen. Freudestrahlend zupft er ein kleines weißes Blütenblättchen ab und kaut genüsslich.

In Gummistiefeln und Regenjacken stapfen Otto und Oma Wiesengrün hinterher.

„Köstlich! Gänseblümchen sind meine Leib- und Königsspeise, müsst ihr wissen“, sagt die kleine Schildkröte. „Das bisher Leckerste bekam ich am Hof des chinesischen Kaisers, Xianfeng dem Schlaueren, serviert, der es extra für mich aus Europa einführen ließ. Das war im Jahr 1857. Lange her! Hm, aber eure sind auch nicht schlecht!“

 

 

„Diese Schildkröte redet wirres Zeug!“, stöhnt Oma Wiesengrün. „Kaiser von China? Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, der Hein!“

„Warte, Oma Wiesengrün, lass ihn weitererzählen!“

„Ich bin euch wohl eine klitzekleine Erklärung schuldig, was“, grinst Hein, während er ein weiteres Blättchen abpflückt und sich zu seiner ganzen imposanten Mandarinengröße aufrichtet. „Ich bin das einzige lebende Exemplar der Gattung Testudo Globus Invers“, sagt er und deutet stolz auf seinen gepanzerten Bauch.

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