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Heimstraße 52

|5|I

Es ist ruhig.

Viel ruhiger, als Gül es sich vorgestellt hat.

Es gibt dort alles, hatten sie gesagt, ihre Schwiegermutter, ihre Stiefmutter, die Nachbarn, und alles viel besser als hier. Deswegen hatte Gül nur diesen Pappkoffer dabei.

In Istanbul ist sie in den Zug gestiegen, in der lauten Stadt, wo jeder etwas zu tun zu haben schien, wo sich die Stimmen der Straßenverkäufer mit den quietschenden Bremsen der Züge mischten, der Schrei eines Esel mit dem Rattern einer Kutsche, die von einem Auto überholt wurde.

So ähnlich muss Deutschland sein, hatte Gül gedacht, nur weniger Tiere und noch mehr Menschen.

An den Umsteigebahnhöfen hatte sie Angst gehabt, nicht den richtigen Zug zu finden und irgendwo in der Fremde verlorenzugehen. Dieser letzte Bahnhof ist so klein, dass Fuat, der am Bahnsteig steht, größer wirkt als in ihrer Erinnerung, obwohl er abgenommen hat. Von dem Bauch, den er beim Militär bekommen hatte, ist nichts mehr übrig, im Gegenteil, seine Wangen wirken eingefallen, und selbst sein Haar scheint noch lichter geworden zu sein.

Gül fällt ihm in die Arme, erleichtert, dass da jemand ist, der sie hält. Jemand, der den Weg kennt. Während sie seinen Körper spürt, taucht wieder dieses Bild in ihrem Kopf auf, wie Ceren beim Abschied geweint hat, am Fuß der Treppe im Haus ihrer Schwiegereltern.

Fuats Mutter Berrin hielt sie auf dem Arm, ein fast drei Jahre altes Kind, das schrie und tobte, während ihr die Tränen |6|liefen und sie sich mit den Fingern das Gesicht zerkratzte und die Haare raufte, sie in Büscheln ausriss, obwohl Berrin versuchte, die Ärmchen festzuhalten. Ceyda, die bald sechs wird, stand neben ihrer Großmutter und schien weniger als ihre Schwester zu begreifen, was dieser Abschied bedeutete. Ceyda ist brav, folgsam und fleißig, hat Gül gedacht, dort am Fuße der Treppe, sie ist ein kluges Mädchen, sie wird das Beste aus der Trennung machen. Aber Ceren ist noch so klein, und auch wenn Gül keine Unterschiede in der Liebe zu ihren Kindern macht, ist ein Teil ihres Herzens dort geblieben, auf immer verbunden mit Cerens Schreien, Kratzen und Toben, das nicht zu ihrem Alter passt. So wird sie sich die nächsten 18 Monate an Ceren erinnern.

Doch in diesem Moment am Bahnsteig verschwindet das Bild, als sie sich aus Fuats Armen löst. Er nimmt ihr den Koffer ab, und sie gehen gemeinsam durch Straßen, die verlassen wirken. Gül kann sich nicht vorstellen, dass in diesen Häusern Menschen wohnen, obwohl man hinter den Vorhängen Licht sehen kann.

Auf der Straße kann man das leise Brummen einer flackernden Straßenlaterne hören.

Wie die Reise war, fragt Fuat, aber Gül mag nicht erzählen von ihrer Angst auf den Bahnhöfen, nicht einem Mann, der es kaum erwarten konnte, nach Deutschland zu fahren, der, ohne zurückzublicken, seine Frau und seine Töchter für länger als das geplante Jahr verlassen hat. Sie mag nicht erzählen, dass sie in den letzten drei Tagen nicht ihr Geschäft verrichten konnte auf dieser kalten, stinkenden Zugtoilette, sie mag nicht erzählen, wie groß ihre Freude und Erleichterung war, als sie Fuat auf dem Bahnsteig gesehen hat.

– Lang war die Reise, sagt Gül, lang wie die Reisen in Märchen.

– Ja, mit dem Zug ist es eine ganz schöne Strecke. Zurück |7|werden wir fliegen, so Gott will. Das geht schneller, als von uns mit dem Bus nach Ankara zu fahren, du wirst sehen.

 

Er hatte recht, denkt Gül, als sie die Wohnung sieht. In dem einzigen Zimmer stehen ein wuchtiges Bett, ein Nachttisch, ein eintüriger Schrank und eine Kommode, mehr würde auch nicht reinpassen. Es gibt eine kleine Küche mit einem Tisch und zwei Hockern und einen winzigen Flur.

– Das Klo ist im Treppenhaus, sagt Fuat, nachdem Gül ihren Koffer aufs Bett gelegt hat, komm, ich zeigs dir.

Im Haus ihrer Schwiegereltern war das Klo auf dem Hof, und es hatte keine Wasserspülung wie dieses hier, doch so eine winzige Wohnung hat sie noch nie gesehen, sie hat gedacht, Fuat übertreibt wie so oft, als er sagte, hier sei kein Platz für Kinder, selbst wenn man sie im Schrank im Stehen schlafen ließe.

– Ich muss los, sagt er, zur Arbeit, ich bin morgen früh wieder da.

Nachdem Gül die Tür hinter ihrem Mann geschlossen hat, setzt sie sich aufs Bett und öffnet ihren Koffer. Da sind ein Paar Schuhe, ein Schnellkochtopf, zwei Kleider, Unterwäsche, zwei Röcke, eine Strickjacke und nicht sehr viel mehr.

Was sollst du billigen Plunder von hier mitschleppen, haben sie gesagt, dort kannst du dir richtig gute Sachen kaufen.

Gül möchte ihre Wäsche in die Kommode räumen, doch als sie die Unordnung sieht, kippt sie die Schubladen einfach aufs Bett und fängt an zu sortieren. Als sie mit Kommode und Schrank fertig ist, geht sie in die Küche und zündet sich dort eine Zigarette an, eine Samsun, fast zwei Packungen hat sie unterwegs geraucht, und nach dieser bleibt ihr nur noch eine letzte Zigarette. Sie zieht die Füße auf den Hocker, lehnt den Rücken gegen die Wand, über der Spüle hängt ein kleiner Spiegel. Gül steht auf und sieht sich an. Sie sieht immer noch genauso aus wie in der Türkei, aber sie fühlt sich nicht so. |8|Ihr Gefühl geht über das Bild im Spiegel hinaus. Vielleicht kommt sie sich deswegen so fremd vor.

 

Als sie den Schlüssel in der Tür hört, ist sie schlagartig wach und weiß sofort, wo sie ist. Sie springt auf, begrüßt im Nachthemd ihren Mann und setzt in der Küche Teewasser auf. Fuats Augen sind klein und rot, beim Frühstück redet er nicht viel und nickt nur zu den Geschichten, die Gül von zu Hause erzählt. Nachdem er gegessen hat, nimmt er eine Flasche Whisky aus dem Kühlschrank und gießt sich dreifingerbreit in ein Wasserglas ein. Gül sieht ihn erstaunt an.

– Ja, so ist das, sagt er, Whisky, echter Whisky, wie in den Filmen, hier kann man nicht nur Geld verdienen, sondern man kann sich auch wirklich etwas kaufen dafür.

– Aber so früh am Morgen …

– Was denn? Ich war die ganze Nacht auf den Beinen, da kann ich mir doch zum Feierabend ein Gläschen gönnen.

Und wie zum Trotz schenkt er noch mal nach.

Schweigend nippt er an seinem Glas, während Gül spült. Sie ist immer noch im Nachthemd und war nicht mal auf der Toilette.

– Aah, entfährt Fuat nach dem letzten beherzten Schluck ein wohliger Seufzer. Komm, sagt er und geht vor ins Schlafzimmer.

 

Nachdem er eingeschlafen ist, spült Gül sein Glas, trocknet das Geschirr ab, setzt noch einen Tee auf, zündet sich ihre letzte Zigarette an und legt die Lektionen auf den Tisch, die sie in den vergangenen Wochen aus der Zeitung ausgeschnitten hat.

Mit diesen Zetteln hat sie gelernt, was Tür auf Deutsch heißt, Tag, Woche, Uhrzeit, Straße, Apfel, Haus, Schlüssel, Frühstück, Mittagessen, Bett, Stuhl, Tisch, Hose, Rock. Worte, die sie sich schlecht merken konnte und die ihr auch nicht weitergeholfen haben beim Zoll in Deutschland.

|9|Zu Hause hatten sie ihr gesagt, dass sie durch den Zoll muss, aber das Wort hatte selbst auf Türkisch fremd geklungen für Gül, es hatte sich in ihrem Kopf mit der Vorstellung von einem hell erleuchteten Gang verknüpft, in dem Männer in Uniformen stehen, schwere Pistolen an den Hüften.

Sie hatte sich nicht einen Mann mit schwarzem Schnauzer vorgestellt, der aus ihrer Manteltasche eine Packung Zigaretten holte, dann ihren Koffer auf einen Tisch legte, öffnete und etwas darin suchte. Er schien auch Fragen zu stellen, doch Gül hatte ihn nur schulterzuckend angesehen. Die Worte Tür, Haus, Tag, Woche, Apfel hätte sie vielleicht erkannt, aber sie erriet nur das Wort Zigarette, das so ähnlich klang wie im Türkischen.

Keins der Wörter, die Gül kannte, half ihr zu sagen: Ich habe nicht mehr Zigaretten. Das ist meine letzte Packung, die in der Manteltasche.

Dabei hätte es doch wohl gereicht, nein, Zigarette zu sagen, würde sie später erzählen.

Doch die Augen und die Realität halfen, wo die Sprache nicht reichte.

Gül wiederholt alle Lektionen aus den Zeitungen, dann schreibt sie einen Brief an ihren Vater und einen an ihre Schwiegermutter, trinkt noch einen Tee, raucht noch eine Zigarette, die sie aus Fuats Schachtel nimmt und die ganz anders schmeckt als gewohnt. Sie schaut aus dem Fenster, reinigt die beiden Kochplatten, räumt die Schränke leer und wischt sie von innen aus, bevor sie sie wieder einräumt. Sie raucht noch eine Zigarette und sieht ein wenig aus dem Fenster. Die Straßen wirken immer noch leer, aber so sauber, als würden sie stündlich gefegt.

Gegen zwei schon wacht Fuat an diesem Tag auf und will Frühstück. Gegen vier geht Gül gemeinsam mit ihm nach draußen, nach Deutschland.

 

|10|Gegenüber wohnen zwei griechische Männer, die stets in verschiedenen Schichten arbeiten und sich die Wohnung teilen, weil es billiger ist. Über ihnen wohnen ein griechisches Ehepaar und ein spanisches mit einem Kind. Im Erdgeschoss gibt es nur eine Wohnung, in der ein altes deutsches Paar lebt, das kaum rausgeht.

Der Sohn der Spanier heißt Rafa, zumindest ist es das, was Gül versteht. Er mag vielleicht acht Jahre alt sein, und wenn er aus der Schule kommt, ist er allein zu Hause, weil seine Eltern beide arbeiten. Gül sieht vom Küchenfenster aus, wie er mit seinem Ranzen auf dem Rücken heimkommt. Dann dauert es nicht mehr lange, bis er wieder vor der Haustür steht und hochguckt. Gül und er spielen jeden Tag Beştaş, ein Spiel mit fünf Kieselsteinen, das Gül ihm beigebracht hat. Sie sitzen dabei auf der Stufe vor dem Hauseingang, und Rafa bringt ihr deutsche Worte bei. Die Worte für Stock und Stein, für Arm und Bein, Kopf und Bauch, für Stift und Papier und noch einige mehr. Nach etwa fünf Tagen begreift Gül, dass Rafa seine gesamten Kenntnisse an sie weitergegeben hat. Wenn sie auf ein Motorrad zeigt, auf die Klingelschilder oder auf die Schnürsenkel, zuckt der Junge nur mit den Schultern.

Einige Wochen lang sitzen sie nachmittags gemeinsam vor der Haustür, ein Schuljunge und eine Frau Anfang zwanzig, Mutter zweier Töchter, spielen Beştaş, mal redet Gül auf Türkisch auf ihn ein, mal spricht Rafa Spanisch mit ihr. Gül genießt diese ein, zwei Stunden, bevor sie reingeht, um Fuat das Frühstück zu bereiten.

An den Wochenenden geht Fuat oft zur gleichen Zeit aus dem Haus, zu der er zur Arbeit geht. Was soll ich denn tun, sagt er, ich kann ja eh nicht schlafen.

Und er kommt auch etwa zur gleichen Zeit nach Hause, zu der seine Schicht zu Ende wäre. Manchmal so betrunken, dass er sich in Kleidern aufs Bett wirft und sofort so etwas wie |11|Schlaf zu finden scheint. Doch meistens ist er so betrunken, dass er Gül aus der Küche ins Schlafzimmer zieht oder ihr das Nachthemd hochschiebt, sollte sie noch im Bett liegen. Nur nüchtern kommt er nie.

Wenn er schläft, sitzt Gül in der Küche, kein Buch, kein Radio, keine Zeitung, die Tage wissen nicht, wie sie vergehen sollen. An den Wochenenden steht nicht mal Rafa vor der Haustür und schaut hoch zu ihrem Küchenfenster.

Doch an den Samstagen und Sonntagen gehen Fuat und Gül auch aus, treffen sich mit Landsleuten. In ihrer Straße wohnen keine Türken, aber insgesamt sind sie gut fünfzig in diesem Ort. Häufig sind es junge Männer wie Fuat, einige ledig, andere haben Frau und Kinder in der Türkei gelassen.

Ozan wohnt mit seiner Frau Nadiye und ihrem Sohn Ergün in der Nähe, und sowohl Fuat als auch Gül besuchen sie gerne. Fuat, weil Ozan ebenfalls gerne mal einen hebt, wie sich die beiden ausdrücken, und weil sie außerdem der Hang zum Glücksspiel und die Gier nach schnellem Geld verbindet. Gül, weil Nadiye wie eine bodenständige Frau wirkt, die genau weiß, was sie will, obwohl sie noch jünger ist als Gül. Manchmal erscheint sie Gül auch mitleidslos, wenn sie zum Beispiel über den ersten Sohn ihrer älteren Schwester spricht.

– Der war fast schon zwei Jahre alt, sagt sie, er hat zwar oft gekränkelt, aber sie haben gedacht, er kommt durch. Doch dann hat er einen Durchfall bekommen, der ihn innerhalb einer Woche ins Grab gebracht hat. Vielleicht war es besser so. Der Herr möge niemanden diesen Schmerz erfahren lassen, aber das Kind war einfach nicht hart genug für dieses Leben. Der hätte es nicht weit gebracht. Man wird nicht ständig mit Rosenwasser eingerieben auf dieser Welt.

Vielleicht sind die Menschen aus dieser Gegend ja so, sagt Gül sich, Nadiye und Ozan kommen aus der Schwarzmeerregion, und anfangs findet Gül es nicht immer einfach, ihren Dialekt zu verstehen.

|12|– Ich habe die Türkei beim Militär kennengelernt, sagt Fuat, die Kurden, die Tscherkessen, die Aleviten, die Georgier, die aus den Gebirgen, die blonden Kerle von der Ägäis, die feinen Istanbuler, die Männer von der Schwarzmeerküste mit den großen Nasen, all die Menschen unseres Landes. Und du lernst sie hier in Deutschland kennen, das hier ist deine Militärzeit, sagt er lachend.

Keiner kann ahnen, dass diese Zeit noch über fünfzehn Jahre dauern wird.

Nadiyes Sohn ist kein Jahr alt, doch sie ist bereits erneut hochschwanger. Gül fragt sich, was aus diesen Kindern wohl mal werden wird.

Es ist ihr zweiter Monat in Deutschland, da bleibt Güls Regel aus. Die ersten Tage bangt und hofft sie noch, doch eines Morgens kommt Fuat nach Hause und findet Gül weinend in der Küche.

– Was ist passiert?

– Ich glaube, ich bin wieder schwanger.

Fuat sieht sie nur an. Gül kann nicht sagen, ob da Hoffnung auf einen Sohn in seinen Augen ist, Freude oder gar Enttäuschung.

– Ich bin doch zum Arbeiten gekommen, sagt sie, was sollen wir denn mit noch einem Kind. Soll ich es irgendwo bei Fremden lassen wie die beiden Mädchen? Soll auch dieses bloß aufwachsen, ohne Mutter, ohne Vater?

– Bist du dir sicher?, fragt Fuat.

– Nein, sagt Gül, wohl wissend, dass sich ihre Regel schon mal verschiebt und ihr Mann fast immer aufgepasst hat, egal, wie betrunken er war.

– Dann fragen wir einen Arzt.

Zu einem Arzt muss auch Nadiye, weil es sich nur noch um Tage handeln kann, bis das Baby kommt. Dieser erklärt ihr und ihrem Mann, indem er mit einem Kuli auf ein Blatt Papier zeichnet, dass das Kind sich nicht gedreht hat und dass sie |13|einen Kaiserschnitt vornehmen werden. Nadiye wird einige Tage im Krankenhaus verbringen müssen.

Der Arzt, bei dem sich Gül untersuchen lässt, nimmt keine Zeichnung zu Hilfe. Gül ist eingeschüchtert von diesem grauhaarigen alten Mann, der ein wenig tattrig wirkt und immer wieder in seiner Brusttasche nach seiner Brille sucht, die er sich auf die Stirn geschoben hat. Sie versteht kein Wort von dem, was er sagt.

Als sie das Sprechzimmer verlassen haben, fragt sie Fuat: – Ja oder nein?

– Du hast doch gehört, was er gesagt hat.

– Woher soll ich das denn verstehen?

– Er hat Baby gesagt, oder? Das Wort hast du doch schon mal gehört? Was gibt es denn da nicht zu verstehen?

Gül hält die Tränen zurück, bis sie zu Hause sind, und dann noch etwas länger, bis Fuat zur Arbeit geht.

 

– Was soll ich nur mit dem Kleinen machen, sagt Nadiye, den kann ich ja nicht mit ins Krankenhaus nehmen. Ob sie Ozan wohl freigeben von der Arbeit? Aber was soll dann der arme Mann den ganzen Tag mit dem Kind? Ach, Gül, wenn du nicht deine Leute hast, die dir den Rücken stärken, dann ist das Leben noch härter.

– Ich kann Ergün nehmen, sagt Gül, und an Nadiyes Augen kann sie erkennen, dass diese nicht mit dem Angebot gerechnet hat. Oder gar darauf spekuliert. Gül würde sie für diesen überraschten Blick am liebsten umarmen. Ein Mensch, dessen Herz rein ist.

– Du bist verrückt, sagt Nadiye nur, was willst du dir ein Kind aufbürden in diesen Tagen?

Gül hat nichts von ihrer Schwangerschaft erzählt. Spürt Nadiye, dass etwas nicht stimmt, hat sie deswegen in diesen Tagen gesagt?

– Doch, doch, sagt Gül, gib mir Ergün nur, du weißt, ich |14|habe auch zwei Kinder, du kannst den Kleinen doch nicht bei deinem Mann lassen, der ist zum Arbeiten hier. Das würde dem nicht gefallen, das weißt du auch.

 

– Was soll das denn? Was sollen wir mit so einem Säugling?, zetert Fuat. Du weißt, dass ich schlafen muss. Als würde es nicht reichen, dass ich nachts arbeite und du dauernd Lärm machst, muss da auch noch ein Kind her, oder was? Kaum fassbar, was dir so einfällt.

Gül sitzt still auf ihrem Hocker in der Küche oder spielt mit Rafa, wenn Fuat schläft. Sie kann nichts dafür, dass ihr Mann aufwacht, wenn man draußen ein Flugzeug hört. Selbst wenn sie sich eine Zigarette anzündet, versucht sie leise zu sein.

– Wir werden dich nicht stören, sagt sie nun, du wirst nichts von dem Kleinen mitkriegen, wir werden die ganze Zeit in der Küche sein, und du wirst keinen Mucks hören.

Es ist der Sohn deines feinen Freundes, könnte sie noch sagen, was tust du so, als ginge dich das nichts an? Es ist unsere Pflicht als Mensch, nach diesem Kind zu sehen. Könnte sie sagen, doch dann würde er sich noch mehr aufregen.

– Keinen Mucks, ja?, sagt Fuat. Das ist ein Kind, da weiß man nicht, wann es schreit und wann nicht, willst du mich verschaukeln? Keinen Mucks.

Er steckt sich eine Zigarette an und zieht wütend den Rauch ein.

Irgendwie war das wirklich eine Idee, für die man mir in den Kopf spucken müsste, denkt Gül. Den ganzen Tag warte ich in der Küche nur darauf, dass mein Mann aufwacht, wir haben überhaupt keinen Platz, meine eigenen Kindern sind weit weg, ich bin schon wieder schwanger, und da fällt mir ein, dass ich mich noch um ein fremdes Kind kümmern muss. Aber was sollte ich auch sonst tun?

Gül hat Glück. Ergün ist tagsüber tatsächlich still. Jeden |15|Morgen, nachdem Fuat zu Bett gegangen ist und sie den Abwasch erledigt hat, trägt sie den Kleinen auf dem Arm zu seiner Mutter. Das Krankenhaus liegt etwa zehn Minuten entfernt, und Gül hat zwar immer noch Angst, sich zu verlaufen, wenn sie alleine hinausgeht, aber zu Nadiye muss sie nur zweimal abbiegen.

Tagsüber ist Ergün still, aber nachts, Gott sei Dank nachts, wenn Fuat arbeitet, weint der Kleine. Er wacht auf und gibt zunächst nur Geräusche von sich, die auch Gül wecken. Sobald Ergün dann Güls Gesicht sieht, eine Fremde und nicht, wie er erwartet hat, seine Mutter, fängt er an zu heulen und lässt sich kaum mehr beruhigen.

Was vielleicht auch daran liegt, dass Gül bald nach ihm anfängt zu weinen.

– Siehst du, sagt sie zu dem Jungen, so ist das Leben, wir können nichts daran ändern. Meine Kinder sind auch nicht bei mir, und ich will das auch nicht.

Sie umarmt den Kleinen, drückt ihn an ihre Brust, gemeinsam weinen sie sich durch einen Teil der Nacht, bis Ergün erschöpft einschläft.

– So ist das Leben, sagt Gül, bald werde ich noch ein Kind bekommen, und es werden noch mehr Dinge geschehen, die ich mir nie gewünscht habe.

Das erste Mal hat Gül in der Küche ihrer Schwiegermutter Alkohol getrunken, Likör, den die zahlreichen Besucher, die wegen des Zuckerfestes gekommen waren, abgelehnt hatten und der Gül mit jedem Schluck besser geschmeckt hat. Schließlich war ihr schlecht geworden und sie hatte sich übergeben. An den folgenden Morgen hatte sie sich auch übergeben und gedacht, dass das immer noch eine Folge des Alkohols wäre, bis ihre Freundin Suzan sie aufgeklärt hatte, dass sie wohl schwanger war.

Bei Ceren war ihr morgens nur zwei-, dreimal übel gewesen, und an den Morgen mit Ergün, bevor Fuat nach Hause |16|kommt, geht es ihr zwar auch nicht gut, ihre Augen sind geschwollen, sie hat nicht genug geschlafen, ihre Gedanken sind bei ihren Töchtern, doch ihr ist nicht schlecht.

Als sie Ergün nach vier Nächten zu seiner Mutter zurückgebracht hat, entdeckt sie zu Hause auf dem Klo im Treppenhaus einen großen dunkelroten Fleck in ihrer weißen Unterhose.

 

– Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten, sagt Gül, das war der Grund. Nicht, um hier in der Küche zu sitzen, so weit weg von meinen Kindern. Wir wollten doch Geld verdienen.

– Du wolltest das Geld ja nicht, sagt Fuat, du lehnst es ab, wenn man dir etwas anbietet.

Mittlerweile hat er die Hocker in der Küche durch Stühle ersetzt und sogar einen alten Sessel aufgetrieben, der gerade so neben die Tür passt und in dem er jetzt sitzt und Whisky-Cola trinkt.

– Das habe ich nicht für Geld gemacht, sagt Gül, sondern um Gott gefällig zu sein. Es ist nicht richtig, sein Brot mit der Not anderer Menschen zu verdienen. Wir sind hier in der Fremde, wir müssen zusammenhalten.

– Geld ist Geld, sagt Fuat, solange du das nicht verstehst, wirst du nie reich werden.

– Jetzt kann ich nicht mehr zu Nadiye gehen und sagen, dass ich es doch haben will, sagt Gül.

– Wenn du für jeden umsonst arbeitest, werden wir nie genug zusammenkriegen.

– Ich möchte eine richtige Arbeit, sagt Gül.

Fuat dreht das Glas in seiner Hand und nimmt noch einen Schluck.

– Schau, sagt er, in diesem Land hat alles eine feste Ordnung, man braucht für alles eine Erlaubnis. Weil du meine Frau bist, erlauben sie dir, hierherzukommen. Und dann haben sie eine Regel, dass du erst sechs Monate hier sein musst, |17|bevor sie dir eine Arbeitserlaubnis geben. Ohne Arbeitserlaubnis kannst du hier nur schwarzarbeiten, und das ist nicht einfach. Ich werde sehen, was ich tun kann, in Ordnung?

Fuat weiß, dass seine Frau arbeitsam ist. Als sie noch in der Türkei waren, hatte sie ihn gebeten, eine Nähmaschine zu kaufen, damit sie ein wenig zum Familieneinkommen beitragen könnte. Er war skeptisch gewesen, doch die Anschaffung hatte sich schnell amortisiert.

Er hat auch schon eine Idee, was Gül machen könnte. Es wirkt zwar so, als würden in Deutschland andere Regeln herrschen als in der Türkei, doch Fuat weiß, dass man gewieft sein muss, wenn man zu etwas kommen möchte. Brave Leute bringen es nicht weit, nirgendwo, man muss die Augen offenhalten, ob einem nicht irgendwo ein Vorteil lacht und welche Menschen einem helfen können, den Weg zu ebnen.

 

Zwei Tage später steht Gül am Band einer Hühnchenschlachterei und rupft Hühner, acht Stunden am Tag, mittags hat sie eine Viertelstunde Pause, vor und nach der Pause darf sie jeweils einmal auf die Toilette.

In der ersten Nacht träumt Gül von diesen nackten und halbnackten Hühnern, überall rosafarbenes Fleisch. Fleisch, Fleisch und noch mehr Fleisch, der Geruch von Blut und die Gesichter der Männer, deren Aufgabe es ist, den bereits getöteten Hühnchen den Kopf abzureißen, die halbfertigen Eier, die aus diesem Fleisch entfernt werden und die Federn, die durch die Luft segeln. In ihrem Traum füllen sich die Meere mit nackten, toten Hühnern und drohen das Festland zu überschwemmen.

In der zweiten Nacht hat sie einen viel schrecklicheren Traum.

Ceren war in einem Schlamassel, und Gül musste sie retten, irgendwo herausholen, befreien, sie musste für ihre Tochter da sein, sie musste die Hand ausstrecken und helfen, aber |18|Ceren entschwand immer wieder, jeder Versuch war vergeblich. Gül strampelte und mühte sich, sie plackte und plagte sich, doch Ceren entschwand ihr in einem Strudel aus Not und Angst, Gül bekam sie einfach nicht zu fassen.

Als Gül aufwacht, ist es halb fünf morgens, noch mehr als eine Stunde, bis Fuat von der Arbeit kommt. Sie steht auf, die Bilder sind blass, doch das Gefühl aus dem Traum ist mit so starken Farben gemalt, dass Güls Hände zittern, als sie sich mit einem Stift an den Küchentisch setzt. Sie schreibt einen Brief an ihre Schwiegermutter: Was ist mit Ceren? Ist meine Tochter gesund? Ist irgendetwas mit ihr geschehen? Schreib, schreib schnell. Lasst mich nicht ohne Nachricht.

Sie macht Frühstück für sich und Fuat, doch der Traum hat eine Glocke aus Unbehagen über sie gestülpt, wohin sie auch geht, wie sie sich auch wendet in der Küche, irgendetwas trennt sie von der Welt, ist hinter ihr, über ihr, in ihr, und selbst wenn sie nicht daran denkt, spürt sie, dass es da ist.

Sie klebt eine Briefmarke auf den Umschlag, eine von den vielen, die Fuat gekauft hat, zusammen mit Papier und Kuverts. Was hast du denn vor, hat er gefragt, jeden Tag einen Brief schreiben? Was willst du mit zwanzig Marken auf einmal?

– Ja, hat sie geantwortet, ja, jeden Tag oder jeden zweiten, vielleicht jeden dritten, aber ich möchte schreiben, das ist unsere einzige Möglichkeit, einander nah zu sein.

Auf dem Weg zur Arbeit wirft Gül den Brief in den Kasten, und die Glocke um sie herum wird ein klein wenig durchlässiger, es kommt etwas Luft an das Unbehagen, und es formen sich ein, zwei klare Gedanken, doch dann steht sie wieder am Band und rupft Hühner, in ihrem Kopf Fetzen von Bildern der letzten Nacht, auf ihrem Gemüt noch das Gewicht dieses Traumes.

Man sagt, leicht wie eine Feder, sinniert sie, während sie die Daunen herausreißt, leicht wie eine Feder, diese Redensart |19|muss entstanden sein, lange bevor es Hühnchenschlachtereien gab.

Kurz vor der Mittagspause kommt der Mann hereingestürmt, der Gül vor zwei Tagen gezeigt hat, was sie zu tun hat, Herr Mehl, ein hagerer Mann mit Brille, dessen Oberkörper leicht nach vorne zu kippen scheint und dessen Falten am Hals Gül an einen Truthahn erinnern. Ihm folgen zwei Frauen und einer der Männer, die den Hühnern den Kopf abreißen.

– Schnell, schnell, schnell, Kontrolle, sagt Herr Mehl und zerrt Gül mit sich.

Sie begreift, worum es geht.

In Istanbul hat Gül gesehen, wie Straßenverkäufer mit großen Blechen voller Sesamkringel vor der Polizei flüchteten. Die Händler hatten ihr leidgetan, sie verdienten sich ihr Geld ja im Schweiße ihres Angesichts, doch wenn die Polizisten sie erwischten, landeten die Kringel zertreten im Dreck.

Herr Mehl läuft mit den vieren in den Kühlraum, dort muss Gül sich in eine Box legen, in die sie nur hineinpasst, wenn sie die Knie bis ans Kinn zieht. Sie ist so zusammengekauert, dass sie gar nicht sehen kann, wie viele Hände das sind, die jetzt nackte Hühner auf sie legen.

Wenn jemand in die Kiste schaut, dann wird er mich doch sehen, ob mit oder ohne Hühner darüber, denkt Gül, als sie drinnen liegt und das Gewicht des Fleisches spürt. Und: Die Sesamkringelverkäufer waren wenigstens an der frischen Luft. Und: Jetzt hatte ich tatsächlich kurz den Traum vergessen.

 

Zwei Stunden hätte sie sagen können, zwei Stunden lag ich in dieser Kiste im Kühlhaus, vor Kälte ist das Mark in meinen Knochen schon gefroren, in meinen Fingern war kein Gefühl mehr und in meinen Zehen auch nicht. Zwei Stunden lag ich da mit diesen kalten toten Hühnern auf mir. Das ist nicht, wie |20|in einem Haus zu sein, in dem die Kohlen ausgegangen sind, diese Kälte und dann noch die Angst. Woher soll ich wissen, was passiert, wenn sie mich finden? Ob sie mich mit zur Polizei nehmen, ob sie mich in einen Zug stecken und nach Hause schicken. Ich kann die Sprache nicht, kann nicht mal links von rechts unterscheiden auf Deutsch, was hätte ich gemacht, zitternd auf einer Polizeiwache, bloßgestellt, herausgeholt aus einer Kiste toter Hühner.

Zwei Stunden. Dass sie ein wenig hätte übertreiben können, fällt Gül erst hinterher ein. Sagt Fuat nicht selber immer, dass man gewieft sein muss auf dieser Welt, damit man nicht untergeht, damit einem nicht alles verwehrt bleibt?

– Etwa zwanzig Minuten, sagt sie, etwa zwanzig Minuten habe ich da gelegen und kaum gewagt zu atmen, weil man den Dampf aus meinem Mund hätte sehen können. Ich möchte da nicht mehr hin.

– Man kann sich nicht aussuchen, wo man arbeitet, wenn man keine Arbeitserlaubnis hat. Nicht mal mit Arbeitserlaubnis kann man sich das aussuchen.

– Ich möchte da nicht mehr hin, sagt Gül, wer weiß, wann es die nächste Razzia gibt, ich habe keine Lust, in der Fremde halb erfroren durch Polizeibehörden und Gerichte geschubst zu werden. Ich gehe nicht mehr hin.

Fuat nickt zu ihrer Überraschung. Vielleicht klang ihr letzter Satz bestimmt genug, vielleicht leuchtet ihm ein, was sie sagt, vielleicht hat er eine Vorstellung davon, wie es ist, in einer Kiste mit toten Tieren zu liegen.

– Ich werde mich umhören, sagt er, und es klingt, als müsse er nur kurz mal horchen, um etwas anderes zu finden.

 

Am Ende des Obstgartens von Fuats Eltern gibt es ein kleines Schwimmbecken, etwa fünfzehn Schritte lang und vier Schritte breit. Wenn er darin steht, reicht Fuat das Wasser bis zu seiner stark behaarten Brust. An heißen Sommertagen bietet |21|das Becken eine angenehme Abkühlung, auch wenn es zwei Tage dauert, bis das Brunnenwasser, das sie mühsam einfüllen, so warm ist, dass man wirklich hineinsteigen kann. Und nach spätestens zwei Wochen vermoosen dann die Zementwände des Beckens, und das Wasser ist voller Entengrieß.

Ceren hatte am Rand des Beckens gesessen, eine Hand ins Wasser getaucht und mit den grünen Schlieren gespielt, ihre Großmutter Berrin hatte neben ihr Walnüsse geschält, als die Nachbarin Meryem sie rief.

Berrin war aufgestanden, um einen Plausch an der gerade mal hüfthohen Mauer zu halten, die die beiden Gärten trennte.

Während die beiden Frauen redeten, fiel Ceren ins Wasser, sie strampelte, keuchte, schrie, schluckte Wasser, ein drei Jahre altes Mädchen, das sich noch vor wenigen Wochen das Gesicht zerkratzt hatte, weil ihre Mutter sie verließ.

Einmal war Gül im Keller des Hauses ihrer Schwiegermutter eingebrochen, in ein Loch, dessen Existenz bis dahin verborgen geblieben war. Damals hatte Berrin nicht gewusst, was passiert war, und hatte die Schreie Güls ignoriert.

Nun begriff sie sofort, was geschehen war, und lief los. Sie ekelte sich vor Entengrütze, sie war noch nie in diesem Becken gewesen, schwimmen konnte sie genauso wenig wie Ceren, und es kostete Berrin einen Moment der Überwindung, bevor sie ins Wasser stieg.

Meryem war über das Mäuerchen geklettert und lugte schon in das Becken, in dem Berrin versuchte, ihre strampelnde Enkelin zu fassen. Drei, vier Mal entglitt sie ihr, und als sie dann glaubte, sie richtig gepackt zu haben, und heraushob, schlug Ceren in ihrer Panik um sich, die Entengrütze war glitschig, und das Kind fiel erneut ins Wasser, nur um noch panischer zu zappeln.

Auch Meryem sprang nun ins Becken, sie war etwas beherzter als Berrin, und gemeinsam gelang es den beiden |22|Frauen, das Kind auf den Rand zu heben, wo Ceren hustete und weinte und immer noch strampelte.

So muss es gewesen sein.

Du hast eine sehr gute innere Stimme, schreibt Berrin. Selbst in der Fremde hast du gespürt, dass etwas nicht stimmt, du kannst stolz sein auf diesen Muttersinn, der dich mit deinem Kind verbindet.

Gül wird sich noch häufig fragen, ob sie ihren Töchtern eine gute Mutter sein konnte, und Ceren wird im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihrer Großmutter schwimmen lernen.

Als Gül den Brief ihrer Schwiegermutter erhält, hat sie ihren ersten Tag in der Näherei hinter sich. Einen Tag, an dem sie eine Stunde zu spät zur Arbeit gekommen ist.

Zuerst mussten sie mit dem Bus fahren, dann in eine Straßenbahn steigen. Pass gut auf, hat Fuat Gül eingeschärft, als er sie am Freitag in die Fabrik nach Bremen begleitete, merk dir den Weg. Und wundere dich nicht, hier sind die Orte nicht so weit voneinander entfernt wie bei uns, man kann in einer halben Stunde von einer Stadt zur nächsten fahren.

Nachdem sie aus der Straßenbahn ausgestiegen waren, hat Gül versucht, sich zu konzentrieren, hat ihre Aufmerksamkeit auf all die markanten Punkte gerichtet, die sie sehen konnte. An diesem Gebäude mit der Schrift, die mit A anfängt, nach rechts, hat sie einige Male vor sich hin gemurmelt, ah, das sind Medikamente, es ist eine Apotheke, also an der Apotheke nach rechts, dann immer geradeaus, an der großen Kreuzung nach links. Die Kreuzungen waren hier sowieso viel größer, aber eine so große hatte sie bisher noch nicht gesehen, wieder geradeaus, bis der Bretterzaun aufhört, am Ende des Bretterzauns rechts.

Das Gebäude, das sie schließlich betraten, war riesig, kein Vergleich mit der Hühnchenschlachterei, und hier gab es eine türkische Dolmetscherin, Nermin, und Gül hatte gedacht, hier wäre sie entspannter, hier könnte sie arbeiten. Nähen |23|kann sie, das hat sie gelernt, es gibt eine Übersetzerin, hier ist man nicht aufgeschmissen, nur weil man die Sprache nicht kann.

Es hat sie auch nicht geschreckt, als sie den Raum mit den vielen Näherinnen gesehen hat, die alle an elektrischen Nähmaschinen saßen, die Mengen von Büstenhaltern, die hier genäht wurden. Sie hat sich nicht mal gefragt, ob sie in der Lage sein würde, eine elektrische Maschine zu bedienen, sie hat sich gedacht, es müsse sehr viel leichter sein, als immer zu treten.

Schwierig ist nur der Weg, hat sie sich gesagt. Und als wollte er ihr genau das beweisen, hatte Fuat sich in den Gängen des Gebäudes verlaufen.

– Kaum fassbar, hatte er vor sich hin geschimpft, als würden sie Fabriken nur bauen, um uns zu verwirren, die reichen Herren, die nicht wollen, dass uns die Augen aufgehen. Was soll das denn hier wieder für ein Korridor sein, wo führt der hin, es gibt ja nicht mal ein Schild, kaum fassbar, das machen die extra.

Das ganze Wochenende hatte Gül in Gedanken wieder und wieder den Weg zur Arbeit zurückgelegt, erst der Bus, Umsteigen in die Straßenbahn mit der Nummer 6, dann Aussteigen bei dieser Straße mit dem langen Namen, der aus zwei Wörtern zusammengesetzt ist, zuerst eins, das mit F anfängt, und dann eins mit M. Gegen die Fahrtrichtung laufen, an der Apotheke rechts …

Ich werde es schon schaffen, hat sie sich immer wieder gesagt, doch das ganze Wochenende ist sie unruhig gewesen und ist bereits in der Nacht auf Sonntag immer wieder aus dem Schlaf hochgeschreckt. Als hätte es nicht gereicht, sich um Ceren Sorgen zu machen, als würde der Schrecken des Traumes sich nicht weiterhin in ihre Tage erstrecken.

Doch je häufiger sie den Weg in Gedanken durchging, desto schlechter konnte sie sich erinnern, so kam es ihr vor. Eine große Stadt, Bremen, was sollte sie tun, wenn sie dort |24|verlorenging. Sie hatte ja schon in Istanbul Angst, und da sprachen alle ihre Sprache.

Montagmorgen saß sie im Bus auf der äußersten Kante ihres Sitzes, zählte die Stationen und schaute die ganze Zeit konzentriert aus dem Fenster. Sie stieg in die richtige Straßenbahn, bekam dort keinen Sitzplatz, sah aber unablässig nach draußen und zählte rückwärts: Noch vier Haltestellen, noch drei, noch zwei, noch eine.

Sie ging gegen die Fahrtrichtung, bog an der Apotheke rechts, an der großen Kreuzung links ab und ging und ging und ging, aber es kam einfach kein Bretterzaun. Sie war auf der richtigen Straße gewesen, sie hatte bis hierher alles wiedererkannt und war auch beide Male richtig abgebogen, ihr Gefühl sagte ihr, dass sie längst am Bretterzaun hätte vorbei sein müssen, doch da war keiner.

Nur noch bis zur nächsten Querstraße, hatte sie sich gesagt, nur noch eine, die nächste ist es vielleicht, die da vorne, könnte es nicht die sein. Sie war schon zwanzig Minuten auf dieser Straße gegangen, bevor sie sich entschließen konnte umzukehren. Ihr war warm, und ihr Atem ging noch zügiger als sie selbst.

Sie war verwirrt, konnte sich nicht erklären, was geschehen war. Fuat hat sich in der Fabrik auch verlaufen, versuchte sie sich zu trösten, aber sie begriff einfach nicht, was sie falsch gemacht hatte.

Bis sie zu der Stelle kam, an der der Bretterzaun gewesen sein musste. Ach, diese Einfalt, schalt sie sich, dieser dumme Kopf. Da stand ein Gebäude, so neu, dass es fast glänzte, der Zaun hatte die Baustelle verborgen.

Weil Baustellen und Baugruben nicht eingezäunt werden in der Türkei, war ich so dumm, dachte sie. Dabei war es doch offensichtlich, dass hier der Zaun gewesen war. Wenn es bei uns solche Zäune gäbe, wäre Orhan Veli nicht nachts in dieses Loch gestolpert und gestorben, dachte sie, er würde heute |25|noch leben und hätte Zeit gehabt, uns noch mehr Gedichte zu schenken.

Fast eine Stunde kam sie zu spät zur Arbeit, ihre Vorarbeiterin, eine kräftige, große Frau, die Gül ein wenig an ein Pferd erinnerte, schüttelte nur den Kopf und deutete auf eine freie Nähmaschine.

An diese setzte sich Sonja, so hieß die Vorarbeiterin, zunächst selbst und zeigte Gül, was zu tun war. Gül nickte und nahm kurz darauf Sonjas Platz ein.

Vorsichtig trat sie auf das Pedal, und die Nadel ratterte los. Die Maschinen, an denen Gül bisher gesessen hatte, waren mechanisch, man musste sie durch Treten in Gang halten.

Gül dachte daran, wie sie das erste Mal an einer Nähmaschine gesessen hatte. Dreizehn Jahre alt war sie da, sie hatte die Grundschule abgebrochen, und ihr Vater hatte sie als Gehilfin zu der Schneiderin Esra geschickt. Damals kam sie kaum an das Pedal mit ihren kurzen Beinen und hatte sich auch sonst anfangs nicht besonders geschickt angestellt.

Doch nach und nach hatte sie es gelernt, und hier kam ihr die Arbeit nach einigen Minuten, die sie brauchte, um sich an die Maschine zu gewöhnen, wie ein Kinderspiel vor.

Es war immer dasselbe, was sie tun musste, sie brauchte kaum nachzudenken, und schon nach einer Stunde verrichteten ihre Hände die Arbeit wie von alleine. Die Nadel lief immer gleichmäßig, sie musste nicht Hand- und Fußbewegungen koordinieren, wäre da nicht der Lärm von über hundert Maschinen gewesen, wäre da nicht noch immer dieser ungeklärte Traum, wäre da nicht die Scham darüber, zu spät gekommen zu sein, die Angst, den Rückweg möglicherweise nicht zu finden – es wäre fast schön gewesen.

In der Pause sah Gül, wie die anderen Arbeiterinnen sich etwas aus den Ohren holten. Toilettenpapier. Am besten wäre es, mit einer anderen Frau auf die Toilette zu gehen und sich auch welches zu besorgen. Alleine wollte sie nicht zu den |26|Klos, vielleicht würde sie den Rückweg in diese Halle nicht mehr finden oder verliefe sich bereits auf dem Weg dorthin.

Sie schaute sich um, doch keine der anderen Frauen sah aus wie eine Türkin. Die da vorne könnte eine Spanierin sein oder Italienerin, die dort hinten ist sicherlich eine Griechin. Die da auch. Und noch einige andere Gesichter fielen Gül auf. Komisch, dachte sie, wie schnell ich gelernt habe, die Deutschen und Nicht-Deutschen auseinanderzuhalten. Wenn es nur ein paar Türken mehr gäbe.

Sonja kam auf Gül zu, die etwas hölzern auf dem Gang stand und verunsichert wirkte. Sie legte Gül eine Hand auf die Schulter und sagte etwas, das Gül nicht verstand, doch sie lächelte, also lächelte Gül einfach auch.

– Tuvalet?, fragte Gül.

Gerade weil das deutsche Wort sehr ähnlich ist, konnte Gül es sich einfach nicht merken. Das Wort war schon aus ihrem Mund, als sie es bereute. Sie musste ja auch noch zurückfinden.

– Komm, sagte Sonja.

Als sie im Vorraum der Toilette standen, konnte man von Sonja zwei Geräusche gleichzeitig hören, ein leises Aaah aus ihrem Mund und einen lauten Pup aus ihrem Darm.

Gül sah sie erschrocken an. Sie hatte noch nie gehört, dass ein Erwachsener so ungehemmt furzte. Das gehörte zu Dingen, die man einfach nicht machte. Man schlug nicht die Beine übereinander im Beisein von Älteren, man rauchte nicht vor ihnen, Teller und Schüsseln, die man von Nachbarn oder Freunden geborgt hatte, gab man nicht leer zurück, Frauen fluchten nicht, zumindest nicht in Männergesellschaft, man ging nicht halbnackt auf die Straße, und man ließ nicht öffentlich einen fahren.

Sonja lachte, als sie sah, was für ein Gesicht Gül machte.

– Luft, sagte sie und schlug sich auf den Unterbauch, es ist nur Luft, und die muss raus.

|27|Gül beeilte sich auf der Toilette, damit sie noch vor Sonja fertig war. Sie riss zwei Blätter Klopapier ab und steckte sie sich in die Tasche.

Mit dem rauen Papier in den Ohren war der Lärm besser zu ertragen, und Gül arbeitete, dachte an Fürze, dieses fremde Land hier, an Ceren, an den Heimweg, wie viel Geld Fuat am Wochenende wohl beim Kartenspiel verloren hatte, was sie hier verdienen würde, ob es in dieser riesigen Fabrik wohl auch Razzien gab und wo man sie dann verstecken würde.

Immer wieder kam Sonja vorbei, schaute Gül kurz über die Schulter, nickte und nahm die fertigen Büstenhalter mit. Als Feierabend war, winkte sie Gül zu sich, und Gül erkannte die Übersetzerin mit dem Istanbuler Akzent neben der Vorarbeiterin.

O weh, dachte Gül, sie sind nicht zufrieden mit mir. Ich bin ja auch gleich am ersten Tag zu spät gekommen. Und wahrscheinlich habe ich nicht schnell genug gearbeitet, ich war die letzten Stunden mit meinen Gedanken woanders. Oder ich habe nicht so genäht, wie es sein sollte. Das wären ja bestimmt 200 Büstenhalter, die sie dann wegwerfen müssten. O weh.

– Guten Tag, sagte Nermin, wie geht es dir?

– Dem Herrn seis gedankt. Und Ihnen?

– Gut, gut. Hattest du irgendwelche Probleme heute?

– Nein. Ja. Also … Ich habe den Weg nicht gefunden. Es wird nicht mehr vorkommen.

– Schon gut, schon gut, sagte Nermin. Was hast du in der Türkei gemacht?

– Ich war Hausfrau.

Dass sie eine Nähmaschine zu Hause hatte, machte sie ja noch lange nicht zu einer Schneiderin.

– Hausfrau, wiederholte Nermin und lächelte. Weißt du, wie viele BHs du heute genäht hast?

Gül schüttelte den Kopf. O weh.

– 312. Und weißt du, wie viel die anderen schaffen?

|28|Bestimmt über 500, dachte Gül.

– Ich sags dir. Die, die schnell arbeiten, schaffen etwa 380. Und du kamst fast eine Stunde zu spät. Wir arbeiten hier Akkord, das heißt, du kannst eine Menge Geld verdienen. Sonja ist sehr zufrieden mit dir. Das soll ich dir sagen. Wir können immer gute Leute wie dich hier gebrauchen.

Dann sagte Nermin etwas auf Deutsch zu Sonja und wirkte stolz dabei, fast schon hochmütig, diese Nermin, die wie eine junge, reiche Dame aus besseren Kreisen aussah in ihren Nylonstrümpfen und mit den hochtoupierten Haaren, mit ihrem Rock, der kaum das Knie bedeckte. Sie musste in Istanbul ein gutes Leben gehabt haben. Gül konnte sich nicht vorstellen, was sie hier in der Fremde verloren hatte. Oder suchte.

Gül hätte sich gern gefreut, dass man zufrieden mit ihr war, doch der Heimweg bereitete ihr Sorgen und die Gedanken an Ceren, die zwar seltener geworden waren, aber deswegen nichts von ihrer Schwere verloren hatten.

Erst als sie nach Hause kam, den geöffneten Brief auf dem Küchentisch sah und ihn las, floss etwas durch ihren Körper, das sich warm und weich anfühlte, ihr Herz wurde leicht. Das erste Mal, seit sie in Deutschland angekommen war, so schien es ihr.

 

– Mützen für die Zwillinge, sagt Fuat, das ist also unser Weg zu Geld, wirst ja morgen wohl pünktlich sein.

Mützen für die Zwillinge, so preisen die Straßenhändler in Istanbul lauthals ihre BHs an.

– Und wenn wir Geld haben, nehmen wir uns eine größere Wohnung und holen die Kinder nach.

– So Gott will, sagt Fuat, aber es klingt mehr nach: Schauen wir mal.

Die Gewissheit, dass es Ceren gutgeht, dass ihrer Tochter nichts passiert ist, und die Aussicht darauf, mit ihren Kindern hier zu leben, nehmen Gül die Sorge um den morgigen Weg.

|29|Das Glück in der Zukunft ist immer das einfachste, wird sie später sagen, aber ohne dieses verschobene Glück würde man gar nicht mehr arbeiten.

Fuat glaubt auch an ein Glück in der Zukunft, an einen Gewinn im Lotto oder eine lange Strähne beim Spielen, an Dividendenausschüttungen und Zinsen. Oft sitzt er am Küchentisch und rechnet laut. Wenn man dieses Wochenende soundso viel gewinnen würde, einen Teil davon anlegen, ein Auto kaufen, ein Grundstück in der Türkei, den Grundstein für ein Haus legen, ins Immobiliengeschäft einsteigen … Man könnte sich den Whisky kistenweise kommen lassen, man könnte Maschinen chartern und Flüge in die Türkei organisieren, mit ein wenig Kapital wäre das möglich, und im Sommer zur Ferienzeit könnte man sein Geld vervierfachen, wenn man soundso viel investiert, soundso viel für Unkosten veranschlagt und soundso viel Prozent als Gewinnspanne.

Vielleicht hätte er Mathematiker werden können, denkt Gül, da sind dauernd Zahlen in seinem Kopf.

 

Am Freitag ist Zahltag, und die Arbeiterinnen stehen an, um ihre Lohntüten zu erhalten. Die ganze Woche hat Gül sich nicht mehr verlaufen und ist jeden Morgen pünktlich zur Arbeit gekommen. Abends dröhnt ihr der Kopf vom Lärm der Maschinen, da helfen weder Klopapier noch die Baumwollstöpsel, die sie aus einer alten Unterhose Fuats gefertigt hat.

Nach der Auszahlung stehen die Frauen noch da, zählen ihr Geld nochmals nach, reden.

Vier weitere türkische Frauen arbeiten in dieser Halle, hat Nermin ihr erklärt.

Mit diesen vieren vergleicht Gül nun ihren Lohn, und obwohl sie geglaubt hatte, sie würde am meisten Geld bekommen, weil sie die meisten BHs genäht hat, hat sie am wenigsten.

Nun sind auch in ihrem Kopf Zahlen, sie versucht zu rechnen, |30|eine Erklärung dafür zu finden. Ich habe ja gerade mal die Grundschule beendet, denkt sie, aber das geht nicht mit rechten Dingen zu. Nermin hat gesagt, dass ich gestern den Rekord gebrochen habe, 391 Stück. Da müsste ich mehr Geld bekommen, mehr als jede andere, wenn es der Rekord ist. Akkord haben sie gesagt und ihr erklärt, was das ist, und demnach …

– Frag nach, da stimmt was nicht, sagen auch ihre Landsmänninnen, und Gül geht zu dem Mann, der die Lohntüten herausgibt.

Vielleicht habe ich auch falsch gezählt, sagt sie sich, obwohl sie dreimal nachgezählt hat, vielleicht muss man länger hier arbeiten oder ich verstehe etwas anderes nicht.

– Wenig, sagt sie dem Mann und zeigt ihr Geld.

Es ist ihr unangenehm, als würde sie etwas fordern, das ihr nicht zusteht. Wären da nicht die vier anderen, die einige Meter entfernt stehen und die Szene neugierig beobachten, würde sie wohl eine Geste machen, die signalisieren soll: Ach, vergessen wir es.

Der Mann zählt ihr Geld und nickt dann.

– Ist richtig, sagt er.

– Akkord, sagt Gül, ich viel Akkord.

Ihr ist heiß, als hätte sie etwas verbrochen, doch sie kann nun nicht einfach wieder gehen.

Der Mann nickt abermals und lässt Nermin rufen. Auf sie redet er kurz, aber energisch ein, und Gül glaubt einen Augenblick lang den Widerschein von Freude auf dem Gesicht der Übersetzerin zu sehen. Dann wendet sich Nermin mit ihrem Großstadtakzent und ihren geschminkten Lippen an Gül.

– Du arbeitest schwarz hier, nicht wie die anderen mit Vertrag, du hast keine Arbeitserlaubnis. Er sagt, sie können dich nicht ausbezahlen wie die anderen Arbeiterinnen. Sie gehen ein Risiko ein, indem sie dich hier arbeiten lassen.

|31|Gül schaut Nermin an und dann den Mann, der bestätigend nickt, als hätte er jedes Wort verstanden. Dann sieht sie nochmals zu Nermin. Irgendetwas an dir hat mir von Anfang an nicht gefallen, denkt Gül, ich mag keine Studierte sein, aber ich bin auch kein Gimpel.

– Du selber hast mir am Montag noch erklärt, dass ich mehr verdiene, wenn ich so viele Mützen nähe.

– Da … da wusste ich noch nicht, dass du eine Schwarzarbeiterin bist.

Gül nickt.

– Nächste Woche …?

– Ich werde schauen, was ich tun kann, aber nächste Woche bekommst du sicherlich etwas mehr, wenn du weiter so arbeitest.

Auf dem Heimweg sitzt Gül in der Straßenbahn und denkt daran, wie ihre Schwester Melike sie damals in der hintersten Ecke des Gartens zum Rauchen genötigt hat. Damit Gül nicht verraten konnte, dass Melike geraucht hatte. Und später hatte Melike sie immer mal ziehen lassen. Schweigeanteil nannten sie das. Dieses Wort geht ihr dauernd im Kopf herum. Damals waren sie Kinder. Und sie waren Schwestern.

Nachdem sie ihre Lohntüte auf den Tisch gelegt hat, sagt sie zu Fuat:

– Ich will dort nicht mehr arbeiten. Weil ich keine Arbeitserlaubnis habe, zahlen sie mir weniger. Vier Tage lang habe ich mehr BHs genäht als jede andere in der Halle, und ich bekomme am wenigsten Geld. Ich bin doch kein Trottel.

– Das ist doch gutes Geld, sagt Fuat, der die Scheine und Münzen zählt und dann in seine Tasche steckt.

– Sie beuten mich aus, ich will dort nicht mehr hin.

– Ach ja, sie beuten dich aus, ja? Was machen sie denn mit mir? Nacht für Nacht bin ich in dieser Fabrik, ich kann nie richtig schlafen, wir schuften hier alle wie die Ochsen. Das ist nicht wie in der Türkei, wo man auch mal sachte machen |32|kann und ein Schwätzchen hält und einen Tee trinkt. Das ist keine Kirmes hier, hier wird gearbeitet.

– Ich habe nichts gegen Arbeit, aber sie betrügen mich, beharrt Gül.

– Und soll ich jetzt losziehen und eine Arbeit suchen, die deinen Beifall findet? Ich habe ja sonst nichts zu tun, ich kann ja den lieben langen Tag Ausschau halten nach einer Stelle, die dich entzückt.

Er schiebt seinen Teller von sich.

– Immer dieser Fraß, sagt er. Nicht mal was Vernünftiges zu essen bekommt man in diesem Land, aber meine Frau ist mäkelig, wenn es um ihre Arbeit geht. Kaum fassbar.

Er kann aufbrausend sein, ungerecht und gemein, er ist manchmal unberechenbar, doch er flucht selten. An Stellen, wo andere Männer Flüche anbringen, sagt er stets: Kaum fassbar.

– Du träumst, sagt er zu seiner Frau, du träumst. Du hast einen Mann, der jede Nacht schuftet, aber du wachst trotzdem nicht auf.

Er steht auf, knallt die Tür und geht.

 

Gül kann nichts dafür, dass das Essen Fuat nicht schmeckt, aber sie fühlt sich dennoch schuldig. Ihr selber schmeckt es oft auch nicht, aber sie weiß nicht, was sie tun soll. Hier, wo sie mit einem Pappkoffer hingekommen ist, weil es alles gibt, kann man viele Dinge nicht kaufen. Es gibt in ihrem Ort keinen einzigen Metzger, der Lammfleisch verkauft, geschweige denn Knoblauchwurst. Knoblauch gibt es ohnehin nur selten, und man hat das Gefühl, er wird nicht kilo-, sondern zehenweise verkauft. Frische Peperoni findet man kaum, und der Gemüsehändler hat tatsächlich Gewichte von 100 Gramm neben seiner Waage. Es gibt kein Paprikamark, jedoch Tomatenmark aus Tuben, in denen in der Türkei nur Rasiercreme oder Zahnpasta verkauft wird.

|33|Mit dem Tomatenmark veralbern sie gerne die Neuankömmlinge, hat Fuat erzählt. Tomaten in Tuben, das glaubt doch keiner, in Tuben gibt es nur Dinge, die ins Badezimmer gehören, also drückt man einem Neuen so eine Tube in die Hand und sagt: Das können sie, die Deutschen, eine Rasiercreme herstellen, mit der du dich ordentlich rasieren kannst, glatt wie ein Babypopo wird dein Gesicht damit, du denkst, du wärst erst zwölf.

– Und wenn ich das sage, als ehemaliger Friseur, dann hat das Gewicht, prahlt Fuat. Und die Ärmsten schmieren sich das Tomatenmark ins Gesicht, und die wirklichen Trottel merken es nicht mal und setzen tatsächlich die Klinge an. Es ist kaum fassbar. Und du stehst daneben und ermunterst sie: Nur zu, nur zu, wundere dich nicht über die Farbe, da ist gleich ein Blutstopper mit drin, deswegen sieht es so aus. Als würde das irgendeinen Sinn ergeben.

Er lacht, als wüsste er seit seinen ersten Tagen auf der ganzen Welt Bescheid.

Sie finden hier zwar nicht immer, was sie bereits kennen, aber manche sehen Früchte, deren Namen sie vorher nicht mal gehört haben. Einem Mann aus Kars, der nicht lesen und schreiben kann, gibt Fuat eine Banane.

– Den Kern kann man nicht essen, warnt er ihn, der ist giftig.

Und der Trottel hat auf der Schale rumgekaut und meinte: – So besonders schmeckt das aber nicht.

Noch Jahre später wird darüber gelacht.

– Ozan, der hatte ein Moped, bevor du kamst, weiß Fuat noch zu erzählen, aber damit hat er einen Unfall gebaut, wegen Auberginen.

Es war Markttag, und er fährt mit seinem Moped und sieht auf einmal auf der anderen Straßenseite einen Stand, und er glaubt, er träumt. Da sind tatsächlich Auberginen, die ersten, die er in Deutschland sieht, groß und prall, von einem tief |34|dunklen, fast leuchtenden Lila. Ozan hat eine Vollbremsung hingelegt, wollte wenden und zehn Kilo von diesen Auberginen kaufen. Das Auto hinter ihm ist ihm dann reingefahren. Gott hat sein Leben geschützt, aber das Moped war dahin. Abends hat Nadiye dann Karnıyarık gemacht mit den Auberginen. Das teuerste Karnıyarık, das je jemand gegessen hat, ein ganzes Moped hat es gekostet.

Wenn er solche Geschichten erzählt, kann Fuat lachen, aber wenn er beim Essen sitzt, zetert er. Kein vernünftiger Weißkäse, keine guten Oliven, keine Rosenmarmelade, nichts kannst du kaufen, und in der Kantine ist es am schlimmsten, die Deutschen scheinen nur zwei Gewürze zu kennen, Pfeffer und Salz, und nie gibt es Brot zum Essen. Und das Brot, das man kaufen kann, scheint zwar aus Teig gemacht, aber das ist die einzige Gemeinsamkeit mit dem Brot in der Türkei, die er entdecken kann.

– Was machen die eigentlich da rein, dass dieses Brot nie schmeckt?, fragt er Gül, die mittlerweile in einer Bremer Brotfabrik arbeitet.

Sie ist tatsächlich nicht noch einmal nähen gegangen.

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