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Heimliche Sehnsucht

Johanna Theden

Heimliche Sehnsucht

1. KAPITEL

Nils hatte es für einen Moment die Sprache verschlagen: Sein Vater hatte ihm mitten im Restaurant eine Ohrfeige verpasst. Jetzt ballte er die Fäuste.

„Du Mistkerl!“, zischte er. „Dafür mach ich dich fertig.“

„Hau ab, oder du fängst dir noch eine!“, drohte Curd.

„Was ist denn hier los?“ Rosalie war ins Restaurant gekommen und ging sofort zwischen die beiden Kampfhähne. „Haben Sie den Verstand verloren?!“ Sie wandte sich an die Restaurantgäste, die die Szene zwischen Vater und Sohn neugierig verfolgten, und entschuldigte sich. Und dann zitierte sie Nils und Curd Heinemann auf der Stelle ins Büro.

„Wir sind ein Luxushotel, keine billige Klitsche!“ Rosalie war außer sich vor Empörung. „Wie können Sie sich vor den Gästen derart aufführen?“ Curd entschuldigte sich als Erster.

„Mit der Ohrfeige bin ich zu weit gegangen“, räumte er ein.

„Mit dem Rest nicht?!“, brauste sein Sohn sofort auf.

„Du hast mich provoziert!“, erwiderte Curd wütend.

„Ich dich? Allein deine Anwesenheit ist eine Provokation!“ Ärgerlich schlug Rosalie mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.

„Bin ich hier im Kindergarten?“, rief sie. „Vielleicht entschuldigt sich mal einer bei mir?“

„Entschuldigung“, sagten Vater und Sohn aus einem Mund. Dann verlangte die Geschäftsführerin allerdings, dass sie sich auch beieinander entschuldigten.

„Tut mir leid“, meinte Curd und sah Nils an. Aber der dachte gar nicht daran, seinen Vater um Verzeihung zu bitten.

„Ich bin laut geworden, okay. Das war nicht korrekt. Dafür entschuldige ich mich bei Ihnen, Frau Engel. Aber inhaltlich stehe ich zu meinen Worten.“ Er bedachte seinen Vater mit einem verächtlichen Blick.

„Raus!“ Rosalie riss der Geduldsfaden. „Noch so eine Entgleisung, und Sie dürfen sich Ihre Papiere holen.“ Nils ging wortlos. Curd blickte ihm schadenfroh nach. „Und Sie, mein Bester, haben keinen Grund zu triumphieren!“, giftete Rosalie ihn an. „Sie haben sich heute alles andere als mit Ruhm bekleckert. Und das an Ihrem Probetag!“ Curd ließ sofort den Kopf hängen.

„Ich hab es versaut, oder?“ Er schien überaus zerknirscht zu sein.

„Im Prinzip, ja!“, schimpfte die Geschäftsführerin. „Andererseits scheinen Sie Ihre Aufgabe bisher gut gemeistert zu haben. Jedenfalls meinten das Ihre Kollegen.“ Sie hatte sich stündlich über Curd erkundigt. „Und Sie sind deshalb auch schon für morgen eingeplant. Mit dem Okay der Gefängnisleitung.“ Deswegen würde sie Herrn Heinemann noch eine Chance geben. „Auf die Gäste lasse ich Sie so schnell allerdings nicht mehr los. Aber ich brauche jemanden, der Tische eindeckt.“

„Kein Problem“, versicherte er eifrig.

„Wir haben morgen ein Bankett für dreißig Personen. Alles hochkarätige, sehr wichtige Herrschaften.“ Es würde ein Acht-Gänge-Menü serviert werden. Und Curd sollte die Tische ganz allein eindecken. „Trauen Sie sich das zu?“

„Selbstverständlich.“ Er lächelte etwas gezwungen.

„Wenn Sie das schaffen, haben Sie den Ausbildungsplatz.“

Werner hatte sich gerade für einen Ausritt umgezogen, als es an der Wohnungstür klopfte. Davor stand Barbara mit einem ihm fremden Mann. Wie selbstverständlich marschierten die beiden an ihm vorbei.

„Das ist die Wand, von der ich gesprochen habe.“ Barbara deutete auf die gegenüberliegende Wand. „Natürlich nur, wenn es statisch möglich ist.“ Ihr Begleiter studierte einen Grundriss.

„Was faselst du da?“, fragte Werner irritiert. „Was soll das? Und wer ist der Herr?“

„Mein Innenarchitekt, Herr Menzel“, stellte die den Fremden vor.

„Und was macht dein Innenarchitekt in meiner Wohnung?“, fragte der Senior kühl.

„Er überprüft, ob ich die Wand durchbrechen lassen kann“, antwortete sie zuckersüß. „Hat Götz dich denn nicht informiert? Wir werden hier einziehen. Angesichts des zu erwartenden Familienzuwachses brauchen wir dringend mehr Platz.“

Werner hatte Barbara höflich, aber bestimmt vor die Tür gesetzt. Das änderte allerdings nichts daran, dass er ihre Drohung verdammt ernst nahm.

„Kannst du dich noch an den Zirkus erinnern, als die Zastrows bei uns eingezogen sind?“, fragte er Charlotte.

„Was war ich froh, als wir Cosima und ihren Mann wieder los waren!“, stöhnte Charlotte.

„Dasselbe blüht uns jetzt wieder. Und diesmal haben wir schlechtere Karten.“ Er berichtete seiner fassungslosen Exfrau von Barbaras Besuch. „Die Wohnung gehört zur Hotelmasse“, fuhr er dann fort. „Und mit Zastrows siebzig Prozent haben sie gute Chancen. Außer, ich finde einen juristischen Kniff. Wenn nicht, müssen wir ausziehen.“ Charlotte war sichtlich geschockt. Aber Werner hatte sich für den Abend schon mit Felicitas Strehle in München verabredet. Die Richterin sollte ihn juristisch beraten.

Eva schob Valentinas Kinderwagen gerade am Gewächshaus vorbei, als Robert ihr entgegenkam. Er wollte Kräuter holen. Und er hatte noch etwas anderes auf dem Herzen.

„Ich weiß Bescheid.“ Er räusperte sich. „Lena hat es mir gesagt.“ Eva runzelte die Stirn. „Dass dein … Also, dass Markus Zastrow der Vater von Barbaras Kind ist.“

„Hat Lena mal wieder ihren Mund nicht halten können“, ärgerte sich Eva.

„Nimm’s ihr nicht übel.“ Lena war das einfach so rausgerutscht. „Bleibt natürlich unter uns.“ Die beiden tauschten einen Blick. „Ich wollte nur nicht so tun, als wüsste ich von nichts. Gerade dir gegenüber.“

„Ich konnte es dir nicht sagen.“ Es wäre Eva wie ein Verrat vorgekommen an Markus.

„Du musst dich nicht rechtfertigen“, meinte er sanft. „Nur – es macht dir wirklich nichts aus? Ich meine, dass er …“ Robert stockte.

„Am Anfang schon“, gestand sie. „Aber es ist nun mal so. Für mich ist nur wichtig, dass Markus sich nicht vor der Verantwortung drückt.“

„Du hast ein großes Herz“, stellte er bewundernd fest.

„Markus kann das Kind nicht schutzlos dieser Mutter überlassen“, fand sie.

„Und Barbara? Akzeptiert sie seine Vaterschaft?“ Eva wollte nicht weiter über dieses unangenehme Thema sprechen.

„Einfach wird es sicher nicht“, sagte sie nur und erklärte dann, dass sie heute Abend nicht auf Lenas Geburtstagsfeier erscheinen würde. „Sie und ich – das klappt einfach nicht. Es wäre verlogen, wenn ich …“ Sie brach ab. Robert wollte wissen, was zwischen den beiden vorgefallen war.

„Ihre ständigen Launen …“ Eva seufzte.

„Haben wir nicht alle unsere Launen und Macken?“, hielt er dagegen. „Gib ihr eine Chance. Lena hat auch gute Seiten.“ Dass er Markus’ Schwester so verteidigte, versetzte Eva einen kleinen Stich.

Kurz darauf lief Robert Barbara über den Weg. Und er konnte es sich nicht nehmen lassen zu sticheln.

„Gratuliere!“, höhnte er. „Mit dem zukünftigen Papa hast du ja einen Volltreffer gelandet. Jung und knackig! Bestes Genmaterial für eine in die Jahre gekommene Mama.“ Barbara war überrascht – sie hatte keine Ahnung, woher Robert wusste, dass Markus der Vater ihres Babys war. Und seine Worte verletzten sie, auch wenn sie sich das nicht anmerken ließ.

„Offenbar sieht die kleine Krendlinger das genauso“, erwiderte sie überheblich.

„Die Frage ist doch, warum der Vater deines Kindes nicht bei dir geblieben ist“, fuhr er unbeirrt fort. „Aber – ich kann sie beantworten: Eva ist noch keine dreißig, und du bist fast zwanzig Jahre älter. Au!“

„Was ist Alter?“, säuselte sie. „Noch kriege ich jeden Mann. Aber das weißt du ja selbst am besten.“

„Der Fehler meines Lebens.“ In der Tat hatte auch Robert einmal eine Nacht mit Barbara verbracht. „Zum Glück hatte ich einen Schutzengel.“

„Bild dir nichts ein: Einen Saalfeld-Spross hätte ich abgetrieben!“ Robert fehlten die Worte bei so viel Bösartigkeit. „Und ein Zastrow bleibt in der Familie. Ob Sohn oder Vater – es ist mein Kind.“

„Das jetzt schon zu bedauern ist, bei der Mutter“, fügte Robert hinzu und ließ sie dann stehen. Wütend sah sie ihm hinterher.

„Ich muss Sie sprechen, Herr Zastrow.“ Charlottes Stimme war eisig, als sie Götz ins Büro bat. „Sie haben es schon einmal versucht, und es hat nicht geklappt“, begann sie, als sie ungestört waren.

„Was versucht?“, fragte er irritiert.

„Uns die Wohnung zu nehmen!“ Er runzelte die Stirn. „Wir leben hier seit Jahrzehnten. Das ist unser Zuhause, Herr Zastrow.“

„Moment mal! Wer sagt denn, dass ich das vorhabe?“ Charlotte schnaubte verächtlich.

„Wie armselig!“, sagte sie. „Stehen Sie doch wenigstens dazu, dass Sie uns aus dem Haus jagen wollen!“

„Weder aus dem Haus noch aus der Wohnung“, widersprach er.

„Und Ihre Frau kreuzt mit einem Innenarchitekten bei uns aus?!“ Götz begriff, dass Barbara offensichtlich eigenmächtig vorgeprescht war.

„Ich halte siebzig Prozent, nicht meine Frau“, erklärte er.

„Allerdings. Aber wenn’s unangenehm wird, schicken Sie Ihre Frau vor. Was sind Sie nur für ein Schwächling.“ Charlotte knallte die Tür hinter sich zu, als sie ihn allein ließ. Verärgert blieb er zurück.

Robert war auf dem Weg zur Dachkammer. Er hatte versprochen, heute Abend für Lena und ihre Gäste zu kochen.

„Ich weiß, dass ich zu früh bin“, sagte er, als sie ihm die Tür öffnete. Lena war kalkweiß. Ein Rosenstrauß lag auf dem Boden. „Was ist denn hier passiert?“

„Die sind von Stephan“, erklärte sie tonlos. Robert griff nach der Karte, die an den Blumen befestigt war.

„Ich habe dich nicht vergessen“, las er laut. „Herzlichen Glückwunsch. Dein Stephan.“

„Wirf sie weg“, bat sie. „Und die Blumen auch.“

„Das machst du“, verlangte Robert sanft, aber bestimmt. Angstvoll blickte sie zu den Rosen.

„Er weiß, dass er mir damit Angst macht“, schluchzte sie. „Warum tut er das?“

„Genau deshalb“, erwiderte Robert. „Aber er kann dir nichts tun. Er sitzt im Gefängnis.“ Sie atmete tief durch. Und dann nahm sie Karte und Blumenstrauß und beförderte beides entschlossen in den Mülleimer. Sie fühlte sich sichtlich besser. Und konnte sich nun auch auf ihr Geburtstagsfest freuen.

Robert begann, Zutaten und Töpfe auszupacken, entdeckte dann aber eine Antifaltencreme auf dem Tisch.

„Zum Geburtstag“, bemerkte Lena spöttisch. „Von meinem Vater und seiner Frau.“ Barbara hatte ihr die Creme heute Morgen höchstpersönlich überreicht.

„Sie tickt ganz ähnlich wie dein Mann“, stellte Robert fest, der spürte, dass dieses Geschenk Lena verletzt hatte.

„Ich bin von Stephan geschieden!“ Abwehrend hob er die Hände.

„Dein geschiedener Mann“, korrigierte er sich. „Beide hassen, was sie nicht mehr haben können: Barbara deine Jugend und Stephan dich.“ Bestürzt sah Lena ihn an. „Hey, komm mal her!“ Er nahm sie in die Arme. „Heute ist dein Geburtstag. Dir wird nichts passieren. Auch in Zukunft nicht. Dafür sorge ich, okay?“ Sie nickte und genoss die körperliche Nähe zu ihm.

Tanja und Fabien waren bei Michael zu Besuch. Und Fabien hatte für seinen Vater ein Bild gemalt. Michael musste den Kopf hin- und herbewegen, um die ganze Zeichnung sehen zu können.

„Tut es noch weh?“, fragte Tanja besorgt. „Die Erfrierungen?“

„Wird stündlich besser“, winkte er ab. Er war ihr vor allem dankbar, dass sie Fabien zu ihm gebracht hatte. „Ich dachte schon, ich könnte nie wieder seine Augen sehen, seine Stupsnase, sein Lachen, wie er langsam groß wird … Für mich ist es noch immer ein Wunder.“ Er musste schlucken. „Dafür ertrage ich gern ein paar Schmerzen.

„So richtig habe ich das immer noch nicht kapiert“, gestand sie. „Erklär mal, was siehst du genau? Von mir jetzt, zum Beispiel.“

„Deine Arme und Hände, ein Stück Sofa … Und wenn ich den Kopf bewege.“ Sein Hauptsichtfeld war weiterhin ein schwarzer Kreis. Aber an den Rändern des Kreises konnte er die Dinge wieder erkennen. Deshalb musste er auch immer den Kopf bewegen, um die Bilder zusammensetzen zu können.

„Ich dachte, du siehst schon mehr“, entfuhr es Tanja.

„Irgendwann werde ich auch mehr sehen“, erklärte er. Sein behandelnder Arzt wusste zwar nicht, wie lange es dauern würde, aber es würde von Woche zu Woche aufwärtsgehen.“ Tanja nickte erfreut und sah dann auf die Uhr. Fabien sollte seine Sachen zusammenpacken, sie mussten los. „Kann er nicht bei mir bleiben?“, bat Michael. „Und hier schlafen? Ich habe so lange darauf verzichten müssen.“

Tanja hatte kein gutes Gefühl dabei. Aber sie konnte Michael diesen Wunsch einfach nicht abschlagen.

„Du fragst mich jetzt nicht um Rat, oder?“, meinte Nils, als sie ihm erzählte, dass sie nicht wusste, ob sie Fabien über Nacht bei Michael lassen konnte. „Auf einmal? Gestern wusstest du doch alles besser. Und da war der Doc noch komplett blind.“

„Ich weiß, es war ein Riesenfehler“, gab sie zu.

„Wie das mit meinem Vater“, ergänzte Nils bitter. „Weißt du, was diese Ratte heute gebracht hat? Ich hätte fast meinen Job verloren!“ Ungläubig verzog sie das Gesicht. „Oh ja! Weil er mir öffentlich eine runtergehauen hat! Mitten im Restaurant!“ Tanja war fassungslos. Und sie unterstellte Nils sogleich, seinen Vater provoziert zu haben.

„Siehst du?“, stöhnte Nils. Genau das hatte er seiner Frau prophezeit. „Dass alles aus den Fugen bricht, sobald er hier auftaucht.“ Früher hatten sich die beiden selten gestritten. Und nun lagen sie sich dauernd in den Haaren. Und dauernd wegen Curd. „Mein Vater macht alles kaputt. Wenn wir nicht aufpassen, auch unsere kleine Familie.“ Bestürzt sah sie ihn an. Und dann griff sie hektisch zum Telefon, um Michael anzurufen. Nils hielt sie jedoch davon ab. „Du wolltest dem Doc immer eine Chance geben“, erinnerte er sie. „Jetzt hast du die Gelegenheit. In seiner Wohnung kennt er sich aus, außerdem lebt er nicht allein dort.“

„Irgendwie weiß ich jetzt gar nicht mehr, was richtig ist und was falsch.“ Tanja wirkte unglücklich. Und komplett verunsichert.

Obwohl er wieder etwas sehen konnte, war es für Michael nicht so leicht, sich um Fabien zu kümmern. Insgeheim musste er zumindest feststellen, dass er seine Kräfte und Fähigkeiten überschätzt hatte. Und so bat er seinen Mitbewohner André um Hilfe.

„Könntest du Fabien noch ein Glas Wasser bringen und ihm seine Gutenachtgeschichte vorlesen?“ Der Chefkoch war nicht sonderlich begeistert davon. Er hatte gerade die Füße hochlegen und sich ein Bier genehmigen wollen. „Er mag dich und du ihn doch auch“, sagte Michael bittend. André gab sich einen Ruck. Natürlich würde er Michael unterstützen und seinem Sohn vorlesen.

„Suchst du schon Möbel aus?“ Götz war in die Wohnung gekommen und fand Barbara über einem Katalog mit Designermöbeln. „Noch haben wir die Wohnung nicht.“

„Wir waren uns doch einig“, erwiderte sie leicht gereizt.

„Dass wir mehr Raum brauchen. Aber nicht, dass es die Saalfeld-Wohnung wird.“ Barbara horchte auf. Hatte sich Werner etwa beschwert? „Wie kommst du dazu, mit einem Innenarchitekten in die Wohnung zu marschieren?!“, empörte sich Götz nun. „So geht das nicht, Barbara.“

„Doch Götz, so geht das“, widersprach sie kühl. „Ich möchte den Umzug noch vor der Geburt über die Bühne bringen.“

„Da gebe ich dir recht.“ Er drückte ihr eine kleine Mappe in die Hand. „Bitte sehr.“

„Was ist das?“, wunderte sie sich.

„Das Haus, das ich vorhabe, für uns zu kaufen. Ist nur einen Katzensprung vom Fürstenhof entfernt.“ Am liebsten wäre Barbara in die Luft gegangen, aber sie beherrschte sich mit Müh und Not.

„Nach allem, was die Saalfeld-Sippe mir angetan hat, soll ich in die Knie gehen?“, zischte sie.

„Vielleicht siehst du dir das Haus erst mal an.“ Es würde doppelt so viel Platz bieten wie die Saalfeld-Wohnung.

„Und wenn es ein Schloss wäre!“, sagte sie ablehnend und zerriss die Mappe des Immobilienmaklers. „Ich gehe hier nicht weg. Soll Werner mit seiner Bagage ins Dorf ziehen. Ich hoffe, in eine armselige Mansarde. Was Besseres hat keiner von ihnen verdient!“ Ungläubig schüttelte Götz den Kopf.

„Wie sehr musst du ihn hassen!“, murmelte er.

„Werner hat alles getan, um mich zu vernichten“, erklärte sie kalt. „Soll er in der Hölle schmoren.“

2. KAPITEL

Markus hatte für die Geburtstagsfeier seiner Schwester eine Flasche Champagner besorgt. Und er bat Eva, es sich doch noch zu überlegen und ihn zu begleiten.

„Lena hat einiges mitgemacht“, meinte er.

„Das haben andere auch“, entgegnete Eva. Zärtlich strich er ihr über die Wange. Natürlich hatte er nicht vergessen, dass sie vor gar nicht langer Zeit ihr Kind verloren hatte.

„Lena lässt sich das nicht anmerken, aber … Dass ihr Exmann sie entführt hat, kann sie nicht vergessen.“ Und obwohl Stephan Winter deswegen im Gefängnis saß – Lena hatte noch immer Angst vor ihm, das spürte Markus. „Ich muss mich auch beherrschen, wenn sie ihre stacheligen Momente hat. Aber sie ist meine Schwester. Ich hab sie lieb, und ich möchte ihr helfen.“ Eva nickte. „Das verpflichtet dich aber zu gar nichts“, stellte er fest. „Ich akzeptiere deine Entscheidung.“ Er wollte sie schon zum Abschied küssen, aber sie hatte sich nun doch umentschieden: Sie würde mitkommen zu der Feier.

Sie waren nur zu viert: Lena, Robert, Eva und Markus. Dass diese Konstellation nicht gerade dazu angetan war, Stimmung aufkommen zu lassen, verstand sich von selbst. Alle benahmen sich ein wenig verkrampft. Robert konnte wenigstens am Herd herumwerkeln.

„Ich würde sagen, zur Feier des Tages trinken wir erst mal ein Glas Champagner“, schlug Markus vor.

„Und von mir gibt es ein Amuse-Gueule dazu“, erklärte Markus. Die beiden Männer verschwanden in der Küche. Etwas verlegen standen Eva und Lena nun voreinander.

„Was du da hörst, ist übrigens die CD, die du für Markus besorgt hast.“ Markus hatte seiner Schwester gestanden, dass Eva ihn bezüglich des Geschenks beraten hatte. Beide lauschten nun der Musik. „Die Partiten hat Bach eigentlich für Cembalo und Orgel geschrieben. Ich finde sie auf Klavier schöner.“

„Das freut mich“, sagte Eva aufrichtig. „Hast du noch mehr Geschenke bekommen?“

„Von Robert das Essen und von meinem Vater das hier.“ Lena nahm die Antifaltencreme in die Hand. „Dreimal darfst du raten, wessen Idee das war.“ Eva schüttelte den Kopf. Barbara von Heidenberg war einfach für jede Unverschämtheit und Gemeinheit gut.

Das Essen, das Robert zubereitet hatte, schmeckte hervorragend. Und doch blieb die Atmosphäre angespannt. Eva fühlte sich ausgesprochen unwohl. Was für ein grauenhafter Abend, dachte sie bei sich. Irgendwie musste sie die Stimmung auflockern. Aber wie bloß? Da fiel ihr Blick auf die Antifaltencreme. Sie stand auf und nahm sie in die Hand. Dann öffnete sie den Tiegel, griff hinein, war mit einem Schritt bei Markus und schmierte ihm einen großen Batzen davon ins Gesicht.

„Hey, spinnst du?“, rief der überrascht.

„Simsalabim, morgen bist du zehn Jahre jünger!“, lachte sie und schmierte sich ebenfalls Creme ins Gesicht.

„Ihr spinnt beide.“ Auch Robert lachte. Auffordernd hielt Eva ihm den Tiegel hin, und auch er bediente sich an der Creme. In diesem Moment kam Lena aus der Küche zurück – sie hatte gerade abgeräumt.

„Wie seht ihr denn aus?“, staunte sie. Eva drückte ihr die Antifaltencreme in die Hand.

„Hier, es ist noch genug da.“ Auch Lena griff bereitwillig hinein. Nun hatten alle vier weiß verschmierte Gesichter. Und Lena, die eben noch so verkrampft gewesen war, konnte gar nicht mehr aufhören zu kichern.

Rosalie hatte sich mit Jacob zum Abendessen im Alten Wirt verabredet. Und sie gab sich Mühe, sich auf seine Begeisterung für das Wirtshaus einzulassen, auch wenn das nun nicht gerade ihre Welt war. Michael Niederbühl war Geschichte. Er hatte ihr so oft und so verletzend deutlich gemacht, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte – da konnte sie sich auch mit Jacob Krendlinger vergnügen.

Das Hauptgericht hatte sie zum großen Teil auf dem Teller liegen gelassen.

„Schmeckt es dir nicht?“, fragte Jacob.

„Doch, köstlich“, beteuerte sie.

„Aber nicht dein Ding“, stellte er fest.

„Ehrlich gesagt, weniger reichhaltig wäre mir lieber.“ Unglücklich verzog er das Gesicht. Dabei hatte er sich so auf den Abend mit ihr gefreut. „Ich habe eine Idee“, erklärte sie da zu seiner Überraschung. „Was hältst du von Zimmerservice im Fürstenhof? Ein paar kleine Häppchen und eine Flasche Champagner?“

„Auf deinem Zimmer?“, fragte er unsicher. Sie schenkte ihm einen innigen Blick. Ein Strahlen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Am nächsten Morgen beschwerte sich Götz bei seinem Sohn darüber, dass er keine Einladung zu Lenas Geburtstagsfeier bekommen hätte.

„Das wundert mich nicht, bei deinem Geschenk“, meinte Markus. Götz machte große Augen. „Genau so habe ich mir das gedacht. Du hast keine Ahnung, was du Lena geschenkt hast.“

„Ich hatte gestern furchtbar viel um die Ohren“, verteidigte sich Götz. „Ich habe Lena nicht mal persönlich gratulieren können.“ Er hatte seine Tochter nur angerufen. „Deshalb hat Barbara auch das Geschenk besorgt. Was ist damit nicht in Ordnung?“

„Weißt du eigentlich, wie alt deine Tochter gestern geworden ist?“, wollte Markus wissen.

„Neunundzwanzig“, antwortete sein Vater.

„Gratuliere“, spottete Markus. „Und wozu braucht sie in dem Alter eine Antifaltencreme?“

„Soll das heißen …“ Götz stockte. „Warum sollte Barbara so etwas tun? Das ist doch absurd.“

„Warum hat sie dich geheiratet?“, konterte sein Sohn. „Das ist doch genauso absurd.“

„Ich muss doch sehr bitten!“, sagte Götz verletzt.

„Der Vater des Kindes bin ich, nicht du. Und du hast es nicht von ihr, sondern von mir erfahren.“ Aber Markus wollte sich nicht schon wieder mit seinem Vater streiten. „Es geht um dich, nur um dich. Du wirst dieser Frau nie trauen können. Sie ist und bleibt ein Unsicherheitsfaktor in jeder Hinsicht. Auch was dein Leben anbetrifft.“

„Darüber bin ich mir durchaus im Klaren.“ Götz seufzte. Er hatte es ja mehrmals versucht. Aber er kam einfach nicht los von Barbara.

„Du hast also Lust, ihr Spielball zu sein? Ein kleines, hilfloses Würstchen?“ Markus konnte nur noch den Kopf schütteln über seinen Vater.

Aber nun wollte er Eva auf dem Weg zur Arbeit abpassen. Er wollte seine Verlobte nämlich loben wegen gestern Abend.

„Das hast du gut gemacht“, meinte er, nachdem er sie liebevoll geküsst hatte. „Deine Cremeaktion. Es kam richtig Stimmung in die Bude.“ Sogar Lena war wie ausgewechselt gewesen.

„Ich dachte, irgendwas muss ich tun“, erwiderte Eva. „Sonst platze ich.“

„Sogar Robert Saalfeld ist aufgetaut“, stellte Markus fest. „Er war richtig nett zu Lena.“ Eva ließ sich nicht anmerken, dass ihr das wieder einen Stich versetzte. „Ich würde es Lena gönnen“, fuhr Markus fort. „Außerdem passen die zwei gut zusammen, finde ich.“

„Und ich finde, das sollten wir den beiden überlassen“, sagte sie souverän. Er nickte.

„Lena hat so viel Pech mit Männern gehabt. Es wäre an der Zeit, dass das mal anders läuft.“ Eva tat so, als würde sie das genauso sehen.

Götz stellte unterdessen Barbara zur Rede. Wie hatte sie es wagen können, seiner Tochter eine Antifaltencreme zu schenken?!

„Neunundzwanzig ist genau das richtige Alter, um mit dem Vorbeugen zu beginnen“, erklärte Barbara von oben herab. „Wenn die Fältchen sich erst mal zeigen, ist es zu spät.“

„Das war ein Affront!“, rief er wütend. „Und das weißt du auch.“

„Im Gegenteil“, behauptete sie. „Es kam von Herzen und war gut gemeint.“

„Es ist nicht das erste Mal, dass du mich hintergangen hast!“, empörte er sich. „Offenbar muss ich hier einiges ändern.“ Ab sofort würde er sich um alle wichtigen Belange seiner Familie kümmern. „Und du wirst dich in Zukunft bitte zusammenreißen!“

„Und als Heimchen am Herd neben dir her leben? Das könnte dir so passen!“ Barbara dachte gar nicht daran.

„Ich möchte, dass das Kind in eine intakte Familie geboren wird“, sagte er nun ernst.

„Das möchte ich auch. Nur frage ich mich, was hier intakt ist – du mimst den Vater, obwohl du der Opa bist, und hältst mich für eine böse Hexe.“ Darauf wusste er so schnell nichts zu erwidern. „Dir geht es nur um das Kind“, fuhr sie fort. „Ich bin dir egal. Wenn ich nicht schwanger wäre, hättest du mich längst abserviert. Gib es zu.“ Sein Schweigen war ihr Antwort genug. „Wenigstens weiß ich jetzt, woran ich bin. Herzlichen Dank.“ Zornig verließ sie die Wohnung.

Werner war aus München zurück. Und Felicitas Strehle hatte ihm in der Wohnungsangelegenheit wenig Hoffnung machen können.

„Du kannst schon mal anfangen, die Koffer zu packen“, sagte er zu Robert, der noch gar nichts von der ganzen Aufregung mitbekommen hatte. „Die Zastrows erheben Anspruch auf unsere Wohnung. Und wir können nichts dagegen unternehmen.“

Barbara erschien aufgewühlt oben an der Treppe. Und ein nicht minder aufgebrachter Robert stürmte gerade hastig die Stufen hinauf.

„War das deine Idee?“, raunzte er sie auf der Stelle an und wartete ihre Antwort nicht ab. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist?!“

„Eine werdende Mutter, die bald ein Kinderzimmer braucht“, erklärte sie überlegen.

„Und deshalb müssen wir ausziehen?“ Er wurde immer lauter. „Die Nummer hat Zastrow schon mal mit deiner Vorgängerin gebracht und nichts erreicht.“

„Die Verhältnisse haben sich geändert, mein Lieber.“ Triumphierend lächelte sie ihn an.

„Du bist so niederträchtig!“, zischte er. „Das arme Kind.“ Sie schob ihn zur Seite und wollte an ihm vorbei die Treppe heruntergehen. Er packte sie am Arm. „Aber irgendwann wirst du dafür bezahlen, ich schwör’s dir.“ Mit einer abrupten Bewegung ließ er sie wieder los. Für Barbara kam das so plötzlich, dass sie das Gleichgewicht verlor und die Stufen hinunterstürzte. Sie schrie auf. Robert verzog erschrocken das Gesicht. Barbara lag mit schmerzverzerrtem Gesicht am Fuße der Treppe und hielt sich den Bauch. Er eilte zu ihr. „Hast du dir was getan? Bist du verletzt?“ Benommen richtete sie sich auf.

„Das würde dich freuen …“ Obwohl sie Höllenschmerzen hatte, biss sie die Zähne zusammen und stand auf. Ohne ein weiteres Wort ging sie davon.

Curd Heinemann stand in Zivil vor seiner Zelle und wartete darauf, dass ein Wärter ihn abholen würde. Stephan Winter kam in Gefangenenkleidung vorbei.

„Bist du immer noch hier?“, fragte Lenas Exmann.

„Noch bin ich kein Freigänger“, antwortete Curd. Dazu musste erst die Sache mit dem Ausbildungsplatz geklärt sein.

„Und wie stehen die Aktien?“ Nils’ Vater zuckte die Schultern.

„Schwer zu sagen. Ich soll heute für ein Bankett eindecken. Wenn ich das schaffe, habe ich eine Chance.“ Seine Eltern hatten einen Landgasthof gehabt, er kannte sich also durchaus aus in der Gastronomie. Der Fürstenhof war allerdings eine andere Liga – ein Fünf Sterne-Hotel eben.

„Ich kann dir vielleicht ein paar Tipps geben“, bot Stephan da an. Er kannte den Fürstenhof. Und er kannte auch die Gesellschaftsschicht, die dort verkehrte.

„Dann lass hören“, meinte Curd erfreut.

„Eine Hand wäscht die andere. Hast du da gestern zufällig Lena Zastrow getroffen?“ Curd dachte nach und verneinte dann.

„Nur eine Frau Engel“, erklärte er. „Meinen Sohn und meine Schwiegertochter. Warum?“ Ein breites Grinsen ging über Stephans Gesicht. Doch dann erzählte er Curd, dass Lena ihn ins Gefängnis gebracht hatte, und sein Blick wurde hasserfüllt.

„Wenn ich sie in die Finger bekomme …“, zischte er. „Ich will, dass sie für alles büßt.“

„Ich wäre ohne meinen Sohn auch nicht hier“, entgegnete Curd beschwichtigend. „Aber Hass erzeugt nur Magengeschwüre, Kumpel. Besser, du lässt los.“

„Wenn ich zum Psychologen will, sag ich’s.“ Curd zuckte die Schultern. „Du musst mir nur einen kleinen Gefallen tun. Fünfzig Mille sind für dich drin, wenn du das Miststück fertigmachst.“

„Ich bin Kunstdieb, kein Killer!“ Curd war beinahe die Kinnlade heruntergefallen.

„Hab ich was von umbringen gesagt?“, spottete Stephan Winter. „Ich bin doch kein Grobian. Lenchen muss nur den Verstand verlieren. Fünfzigtausend, Kumpel.“ Als Erstes sollte Curd Lena ein Buch zukommen lassen, das ihr Angst machen würde. „Und dann kommst du erneut ins Spiel“, fuhr Winter fort. „Lena wird bald nicht mehr wissen: Was ist real, was ist Einbildung? Bis ihre Angst um ihr erbärmliches Leben sie auffressen wird.“

„Psychospielchen?“ Curd wirkte wenig begeistert. „Einen Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben – das ist nichts für mich.“ Aber Stephan gelang es, ihn zu überreden. Es würde ganz einfach sein für einen so versierten Dieb wie Curd. Und fünfzigtausend Euro waren auch ein Argument …

„Wo willst du hin?“ Barbara stieg gerade in ein Taxi, als Götz auf den Hotelvorplatz trat. „Wir müssen ein Haus anschauen.“

„Müssen wir das?“ Sie gab sich alle Mühe, sich ihre Schmerzen nicht anmerken zu lassen.

„Ich fände es schon schön, wenn du dabei wärst. Immerhin würdest du dort ja auch wohnen.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, so spontan …“ Er fiel ihr ins Wort.

„Was gibt es denn so Dringendes?“, fragte er ärgerlich.

„Ich muss zu einer Freundin“, log sie. „Ihr Mann hat sie gerade verlassen. Sie hat nur geheult am Telefon.“

„Wieder mal eine Freundin?“, fragte er voller Misstrauen. Sie war am Ende ihrer Kräfte und ließ sich wortlos auf die Rückbank des Taxis fallen. Kaum war die Tür zugefallen, wies sie den Fahrer an, sie so schnell wie möglich ins nächste Krankenhaus zu bringen.

„Meine Mutter hat ihr halbes Leben in dieser Wohnung verbracht.“ Robert erzählte Eva aufgebracht von Barbaras Plan, sie aus der Wohnung zu verjagen. „Sie gibt wirklich erst Ruhe, wenn wir am Boden sind. Aber so schnell geben wir nicht auf.“ Da klingelte Evas Handy. Das Display zeigte einen unbekannten Anrufer.

„Eva Krendlinger?“ Es war der Kinderbuchverleger. Und er wollte ihre Geschichte nun auf einmal doch haben. „Danke für das Angebot. Aber – nein. Es bleibt bei meiner Entscheidung.“ Sie legte auf. „Das glaubst du jetzt nicht. Das war der Verleger, der meine … unsere Geschichte haben wollte.“

„Der, der aus Emil ein Eichhörnchen machen wollte?“, staunte Robert. Sie nickte.

„Die Marktforschung hat ergeben, dass ein Esel sehr wohl bei den Kindern ankommen würde“, berichtete ...

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