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Heimliche Sehnsucht

1. KAPITEL

Die kleinen alten Ladys an den Picknicktischen starrten ihn an, als wäre er gerade aus einem Teich gekrochen.

Joe Reed versuchte, die abfälligen Blicke zu ignorieren, während er unter der riesigen Magnolie ein Hotdog aß. Die Stadt feierte den 1. Mai, und er tat so, als wäre er ganz der Alte – etabliert, zuverlässig und berechenbar. Augenblick mal. Er beugte sich nach rechts, um eine der kleinen alten Ladys genauer zu betrachten.

War das nicht eine Freundin seiner Großmutter?

Joe stöhnte auf.

Seine Großmutter war schwerhörig und lebte nicht mehr so ganz in der Gegenwart. Sie hielt sich oft für ein kleines Mädchen, das seinen – seit vierundsiebzig Jahren toten – Pudel namens CoCo suchte. Joe hatte gehofft, dass sie niemals von seinem Absturz erfahren würde. Aber falls eine ihrer Freundinnen aus dem Seniorenheim hier war, würde sie die unschöne Geschichte brühwarm aufgetischt bekommen. Er konnte nur hoffen, dass seine Großmutter entweder nichts hörte oder es gleich wieder vergaß.

Trotzdem wäre es ihm lieber, wenn sie nichts davon erfuhr.

Ja, jetzt, da er genauer hingesehen hatte, konnte die Frau, die auf ihn zukam, tatsächlich ihre gute Freundin Marge sein … und bestimmt hatte sie vor, ihm eine Standpauke zu halten. Joe beschloss, sofort von hier zu verschwinden. Doch kaum hatte er sich umgedreht, wurde er an den Schultern gepackt und von zwei Männern in den Wald geschleift.

Leider waren es keine Fremden.

Echte Straßenräuber wären Joe lieber gewesen.

Nicht, dass man in Magnolia Falls, Georgia, ausgeraubt wurde. Jedenfalls nicht am helllichten Tag.

Einer der beiden Männer war bewaffnet; deshalb hielt Joe den Mund.

Eine halbe Meile weiter ließen sie ihn los, stießen ihn mit dem Rücken an einen Baum und funkelten ihn an.

Einer von ihnen war Polizist.

Mit dessen Schwester war Joe früher verlobt gewesen.

Der andere war Geistlicher und jetzt mit der Frau verheiratet, mit der Joe mal verlobt gewesen war. Eigentlich dürfte er nichts dagegen haben, dass Joe und Kate sich getrennt hatten. Sonst wären Ben und Kate jetzt nicht zusammen.

Das Problem war nur, wie Joe und Kate sich getrennt hatten.

Und da kam die andere Schwester ins Spiel. Kathie.

Es gab noch eine dritte Schwester, Kim, das Nesthäkchen, aber die hatte Joe nie angerührt.

„Wir haben ein Problem“, sagte Jax, der Polizist.

„Was immer es ist, ich war’s nicht“, erwiderte Joe und kam sich vor, als wäre er noch in der dritten Klasse und hätte gerade Celia Rawlins an den Haaren gezogen.

„O doch, du warst es“, entgegnete Jax, der noch genauso groß und einschüchternd aussah wie in der High School, als er beim Football durch die gegnerischen Abwehrreihen pflügte und mit jeder Cheerleaderin ausgegangen war.

Joe war damals ruhiger und zurückhaltender gewesen, ein Musterschüler und Schachspieler, was ihm nicht gerade viele Dates eingebracht hatte. Er war kein Frauentyp, erst recht keiner, der mit einer Schwester verlobt war und die andere küsste.

Er konnte noch immer nicht begreifen, wie es dazu gekommen war.

Ein Fall von zeitweiliger geistiger Umnachtung. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

Immerhin leitete er eine Bankfiliale.

Was war aus dem Mann geworden, der jahrelang ein angesehener Bürger der Kleinstadt gewesen war?

„Ich habe wirklich nichts getan“, beharrte Joe.

Seit sechs Monaten lebte er wie ein Mönch, machte seinen Job so gut wie möglich und versuchte, nicht unangenehm aufzufallen.

Nicht, dass das dem Gerede ein Ende bereitet hatte.

Er sah Jax an. Die Waffe an dessen Gürtel. Dann Ben, den Gelasseneren der beiden. Ein Geistlicher würde ihn doch wohl nicht verprügeln, oder?

„Ich sage dir, wie es ist.“ Ben lächelte betrübt, während Jax die Stirn runzelte. „Kate ist nicht glücklich.“

Verwirrt starrte Joe ihn an. Er hatte Kate nichts getan. Er hatte kaum ein Wort mit ihr gesprochen, sich von ihr ferngehalten, und wenn sie unglücklich war, war das nicht eher Bens Problem? Schließlich war Ben ihr Ehemann.

„Sie wäre glücklich, sehr glücklich sogar“, fuhr Ben fort. „Wenn es da nicht eine gewisse Sache gäbe.“

Joe ahnte, was das für eine Sache war.

„Und Kim ist auch nicht glücklich“, warf Jax ein. „Aber vor allem bin ich nicht glücklich. Und ich könnte dir leicht wehtun.“

Ben trat zwischen sie. „Und wenn meine Frau und ihre Familie nicht glücklich sind, bin ich es natürlich auch nicht.“

Okay. Joe nickte.

„Wir können schon deshalb nicht glücklich sein, weil ein Mitglied aus unserer Familie nicht hier ist“, sagte Jax.

Kathie. Sie war am Tag von Kates und Bens Hochzeit verschwunden. Gleich nach der Trauung. Erst Wochen später hatten sie herausgefunden, wo sie war. Sie unterrichtete in einer teuren Privatschule in North Carolina und weigerte sich strikt, nach Hause zu kommen.

Joe konnte es ihr nicht verdenken. Er wäre auch gern davongelaufen, aber er hatte Verpflichtungen. Außerdem war er immer zuverlässig gewesen. Das musste doch mehr zählen als ein paar verrückte Momente mit der Schwester seiner damaligen Verlobten.

Aber nein. Offenbar würde er sein Leben lang für den kleinen Fehltritt büßen müssen.

Und jetzt waren alle sauer auf ihn, weil Kathie nicht hier war? Er war heilfroh darüber, aber das verstanden die beiden wohl nicht.

„Und da du uns das alles eingebrockt hast, bringst du es auch wieder in Ordnung“, knurrte Jax.

Joe schluckte.

Jax drohte ihm mit der Faust. „Du wirst unsere Schwester nach Hause holen“, sagte er nur.

„Ich?“, fragte Joe entsetzt. „Aber … sie hasst mich.“

„Das ist dein Problem.“

„Bestimmt kannst du es lösen“, fügte Ben hinzu, als wäre es ein Kinderspiel.

„Sie redet doch nicht mal mit mir“, erwiderte Joe verzweifelt.

„Du schaffst das schon.“ Ben klopfte ihm auf den Rücken.

„Aber … ich …“

Jax drückte ihm einen Zettel an die Brust. „Das ist ihre Adresse. Es sind nur vier Stunden mit dem Wagen. Morgen ist Abschlussfeier an ihrer vornehmen Schule. Danach hat sie frei. Du hilfst ihr, eine Tasche zu packen, und bringst sie her.“

„Ich soll heute Abend schon losfahren?“

„In spätestens einer Stunde bist du unterwegs“, sagte Jax. „Du weißt, was passiert, wenn dich nach zwanzig Uhr jemand hier sieht.“

Ja, das wusste er.

Jax und seine Kumpel bei der Polizei ließen ihn nicht aus den Augen.

In der Woche, nachdem Kathie verschwunden war, hatte Joe fünf Strafzettel bekommen. Der Richter hatte ihn verwarnt und ihm geraten, sich nie wieder mit den Ordnungshütern von Magnolia Falls anzulegen.

„Was soll ich ihr denn sagen?“, fragte Joe. Natürlich tat Kathie ihm leid. Ihr Vater war gestorben, als sie fünf war, ihre Mutter im letzten Jahr, und jetzt hatte sie nur noch ihre Schwestern und den Bruder.

Und Kate war für ihre jüngeren Schwestern wie eine Mutter gewesen.

Er war Kate etwas schuldig.

Und Kathie. In seinen Augen war sie noch immer ein Teenager. Dabei war sie inzwischen vierundzwanzig. Und er einunddreißig, ein verantwortungsvoller, intelligenter Erwachsener – trotzdem hatte er Mist gebaut.

„Also gut“, gab er nach. „Ich fahre.“

Was bedeutete, dass er in spätestens vierundzwanzig Stunden Kathie Cassidy gegenübertreten musste.

Na toll.

Kathie arbeitete an einer versnobten Jungenschule mitten im Nichts. Nach endlosen Meilen durch einen Wald tauchten die ehrwürdigen, mit Efeu bewachsenen Backsteingebäude vor Joe auf. Jacobsen Hall hatte auf dem Schild gestanden. Das klang nicht nur edel – das ganze Anwesen roch praktisch nach altem Geldadel.

Nach einem Blick auf die Wegbeschreibung fand er das Wohnheim, in dem sie als Hausmutter tätig war.

Hausmutter?

Kathie war vierundzwanzig.

Schüler strömten nach draußen. Chauffeure verluden ihr Gepäck in teure Limousinen.

Okay.

Kathie hatte mal an einer ganz normalen Schule unterrichten wollen. Jacobsen Hall war Welten davon entfernt.

Joe bahnte sich einen Weg durch die hochnäsigen Jungen und ihre Kofferstapel und ging hinein.

Kathie stand im Foyer, ein Klemmbrett in der Hand, das Haar zu einem strengen Knoten gesteckt, in einem schwarzen Kleid mit weißem Kragen.

Einen verrückten Moment lang stellte Joe sich vor, der Rock wäre etwas kürzer. Dazu ein paar geöffnete Knöpfe, eine weiße Schürze, das Haar auf den Schultern, und sie sähe aus wie … wie …

Er stöhnte auf.

Nein, unter keinen Umständen durfte er an so etwas auch nur denken.

Die jüngere Schwester seiner Exverlobten war tabu.

Für immer.

Denn sonst konnte er sich gleich die Kugel geben.

Er brauchte eine vernünftige, biedere Frau. Eine, mit der er ein geordnetes Leben führen und wieder der alte Joe Reed werden konnte. Und dann würden alle Leute den kleinen Vorfall vergessen, der vor sechs Monaten seinen Ruf ruiniert hatte.

Ja.

Plötzlich wusste er, was er tun musste.

Und er würde sein Ziel in Angriff nehmen, gleich nachdem er Kathie in Magnolia Falls abgeliefert hatte, damit ihr Bruder und ihr Schwager ihn nicht krankenhausreif prügelten oder hinter Gitter brachten.

Er würde sich von ihr fernhalten. Und auch nicht mehr an sie denken.

Allerdings war er in der Hinsicht nicht besonders zuversichtlich, nachdem er Kathie in seiner Fantasie gerade eben in eine neckische Zofe verwandelt hatte. Aber ohne sie durfte er nicht zurückkehren. Es würde ihn sämtliche Zähne kosten.

Natürlich war das nicht der einzige Grund. Er hatte Kathie gegenüber eine Menge wiedergutzumachen.

Außerdem gehörte sie in den Kreis ihrer Familie, und Joe wollte nicht daran schuld sein, dass sie die Aufpasserin für die verzogenen Bengel des Geldadels spielen musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Du bist ein Mann. Also benimm dich gefälligst auch wie einer.

Entschlossen ging Joe auf Kathie zu.

Sie hob den Kopf, entdeckte ihn und gab einen ängstlichen Laut von sich.

Du meine Güte, für wen hielt sie ihn denn? Hatte sie etwa Angst vor ihm?

Sie wurde blass. Ihre Hände begannen zu zittern, und sie machte einen Moment lang den Eindruck, als wollte sie vor ihm flüchten. Doch dann straffte sie die Schultern und sah Joe halb verlegen, halb abweisend an.

„Hi, Kathie.“ Er schob die Hände in die Taschen. Würde sie ihn ohrfeigen?

Sie tat es nicht. „Was willst du hier?“, fragte sie nur.

„Dich besuchen.“

„Wie hast du mich gefunden?“

„Dein Bruder hat es mir gesagt.“

„Der würde dir nie erzählen, wo ich bin.“

Joe nahm den Zettel mit Jax’ Wegbeschreibung heraus und hielt ihn hoch.

Kathie verzog das Gesicht. „Ich habe dir nichts zu sagen.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich die größte Mühe, wie ein trotziges Kind auszusehen.

Er fühlte, wie seine Mundwinkel zuckten, und unterdrückte ein Lächeln. „Aber ich dir“, konterte er. „Und du wirst mir zuhören.“

So hätte Jax es doch gemacht, oder? Vielleicht auch nicht. Zu Frauen konnte Kathies Bruder unglaublich charmant sein. Leider war Charme noch nie Joes Stärke gewesen.

Verblüfft starrte Kathie ihn an. Sein scharfer Tonfall schien sie zu überraschen. Aber dann wirkte sie verletzt. So, als würde sie gleich weinen.

Oh, verdammt. Er hatte es vermasselt. Mal wieder.

„Okay, hör mir einfach zu, ja?“

Sie schüttelte den Kopf. „Lass mich in Ruhe!“

Eine andere Frau, ebenso züchtig gekleidet wie sie, eilte herbei. „Kathie? Alles in Ordnung?“

Sie nickte, mit zitternder Unterlippe und Tränen in den Augen.

Na toll, dachte Joe. Jetzt bin ich mal wieder der Schurke.

Nach kurzem Zögern reichte Kathie ihrer Kollegin das Klemmbrett. „Trägst du die Jungs bitte für mich aus? Ich muss mit Joe reden.“ Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich.

„Joe?“, rief die Kollegin. „Das ist Joe?“

Offenbar war ihm sein Ruf vorausgeeilt. Sogar bis nach Jacobsen Hall.

Toll.

„Komm schon“, drängte Kathie. „Hier herein. Jetzt.“

Es war ein leeres Büro. Sie schloss die Tür und zeigte auf den Sessel vor dem Schreibtisch. „Setz dich.“

Er gehorchte.

Sie blieb stehen. „Na gut, was willst du?“

Joe stöhnte auf. Das ging ihm alles zu schnell. Er hätte sich eine Strategie überlegen sollen. „Deine Familie möchte, dass du nach Hause kommst.“

Sie lachte bitter auf. „Das kann ich nicht.“

„Natürlich kannst du das. Sie wollen alle, dass du kommst.“

„Das bezweifle ich.“

„Sie lieben dich. Ohne dich sind sie unglücklich.“

„Sie waren auch mit mir unglücklich. Du und ich, wir haben sie unglücklich gemacht“, entgegnete Kathie.

„Na ja … sie sind darüber hinweg.“ Das stimmt doch, oder etwa nicht?, fragte sich Joe.

„Unmöglich.“

„Doch. Ruf sie an.“

„Joe … was wir getan haben … war schlimm, und ich schäme mich dafür. Deshalb musste ich verschwinden.“

„Okay, das verstehe ich. Aber du bist mittlerweile seit sechs Monaten weg. Glaub mir, wenn sie wütend waren, dann auf mich. Das sind sie immer noch. Dir macht niemand Vorwürfe. Alle in der Stadt geben mir die Schuld.“

Entsetzt starrte Kathie ihn an.

Was war los? Was hatte er gesagt?

Alle in der Stadt geben mir die Schuld.

Okay, nicht sehr geschickt, aber es stimmte.

„Das ist ja schrecklich“, sagte Kathie. „Und nicht fair. Ich war es. Ich war ganz allein schuld.“

„Unsinn“, widersprach Joe.

„Doch. O Gott, jetzt fühle ich mich noch elender! Ist das wirklich wahr? Geben alle Leute dir die Schuld?“

Damit hatte er nicht gerechnet. Was jetzt? Wenigstens hörte Kathie ihm zu. Er kannte sie. Sie hatte ein gutes Herz. Vielleicht konnte er das ausnutzen. Es war nicht richtig, aber Jax und Ben ließen ihm keine andere Wahl.

„Ja, es war ziemlich hart“, sagte er und sah ihr ins Gesicht. „Du bist weggelaufen, und alle dachten, ich hätte nur … mit dir gespielt.“ Als hätte er jemals mit Frauen gespielt. Das tat sein Bruder, er nicht.

„Aber so war es nicht“, protestierte sie.

„Alle Leute dachten, dass ich dich einfach sitzen lassen habe“, fuhr er fort. Hatte er das? Nein, er war nur auf Distanz gegangen, um nicht noch eine Dummheit zu begehen. „Sie glaubten, dass ich so mies zu dir war, dass du es in der Stadt nicht mehr ausgehalten hast.“

Das klang doch plausibel, oder?

Plausibel genug, um sie zur Rückkehr zu bewegen?

Hoffentlich.

„Aber die Leute in der Stadt mögen dich“, sagte Kathie.

„Jetzt nicht mehr.“

„Trotzdem – es war nicht deine Schuld, sondern meine!“

Das stimmte nicht. Er hatte Kathie geküsst. Und nicht nur einmal. Während er mit ihrer Schwester verlobt war.

Aber wenn Kathie unbedingt glauben wollte, dass sie an allem schuld war, konnte sie es von hier aus nicht wiedergutmachen. Das würde sie nur in Magnolia Falls schaffen.

Jax würde ihn umbringen, wenn er herausfand, dass Joe ihr ein schlechtes Gewissen gemacht hatte. Und er selbst fühlte sich auch nicht wohl dabei. Aber sie gehörte nach Hause. Dorthin, wo sie geliebt wurde.

„Mach dir keine Sorgen. Die Leute vergessen die Geschichte, und das Bankgeschäft hat auch nicht darunter …“

„Die Bank hat gelitten?“, unterbrach sie ihn.

„Habe ich das gesagt? Nein. Nicht wirklich.“

„Doch, das hast du gesagt.“

Er zuckte mit den Schultern. „Wir stehen das schon durch. Die Leute finden einen neuen Skandal und vergessen, wie mies ich mich dir und Kate gegenüber benommen habe.“

Kate.

Ihm kam eine neue Idee.

Er wusste, wie sehr Kathie ihre Schwester liebte.

„Ich bin sicher, kein Mensch nimmt an, dass deine Schwester dir nicht verzeihen kann“, setzte er spontan hinzu. „Und niemand glaubt das dämliche Gerücht, dass sie dich aufgefordert hat, die Stadt zu verlassen.“

„Die Leute glauben, sie hätte mich hinausgeworfen?“

„Nein, bestimmt nicht. Sie kennen doch Kate. Die Vorstellung, dass sie dich nur vorgeschoben und anschließend fortgeschickt hat, ist einfach zu absurd. Vergiss, was ich gesagt habe.“

Entsetzt starrte Kathie ihn an. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Leute dir und Kate die Schuld geben.“

„Wir stehen das alles durch, Kathie. Es wird nur eine Weile dauern.“

„Ich muss etwas tun“, sagte sie entschlossen.

„Na ja … wenn du wirklich helfen willst …“

„Sag mir, was ich tun soll“, bat sie.

„Du könntest den Sommer in Magnolia Falls verbringen. Mit Kate. Damit hätten alle Gerüchte, dass ihr verfeindet seid, sich endgültig erledigt.“

„Ja, das stimmt.“ Wieder straffte sie die Schultern. „Und ich will auch nicht, dass man dir die Schuld gibt. Also muss ich Zeit mit Kate und dir verbringen.“

Nein, nein, nein, dachte Joe.

Nicht mit mir.

Nicht wir beide.

Niemals.

„Mir brauchst du nicht zu helfen“, wehrte er ab.

„Doch. Ich muss das alles wieder in Ordnung bringen. Die Leute glauben … dass du und ich … zusammen waren, während du mit Kate verlobt warst?“ Sie hatte große Schwierigkeiten, das Unfassbare auszusprechen. „Und dass sie mich weggejagt hat, als sie es herausgefunden hat?“

Joe nickte kläglich. Es lief nicht gut. Überhaupt nicht gut.

„Kein Wunder, dass sie dich hassen“, fuhr Kathie betrübt fort. „Joe, wir müssen sie davon überzeugen, dass du mich nicht sitzen lassen hast.“

„Nein, das müssen wir nicht.“

„Doch. Ich kann Melanie Mann erzählen, dass ich mit dir Schluss gemacht habe, nicht umgekehrt. Melanie ist die Frau, die all die Gerüchte über Kate verbreitet hat. Ich rede mit ihr, und sie erzählt es in der ganzen Stadt herum.“

„Na gut“, resignierte Joe. Es war an der Zeit, sich von seinem Zähnen zu verabschieden. Jax würde die Sache nicht gefallen.

„Und wenn das nicht klappt, gehen wir beide eben wieder zusammen aus“, sagte Kathie und sah ebenso niedergeschlagen aus wie Joe.

Er würde sich Strohhalme besorgen müssen. Oder gleich eine Schnabeltasse.

„Ja, so machen wir es“, sagte Kathie. „Wir … lassen uns zusammen sehen … als wären wir zusammen … nur ein paar Mal, und dann mache ich mit dir Schluss. Du tust so, als hätte ich dir das Herz gebrochen. Alle bemitleiden dich und sind wieder nett zu dir.“

Joe stöhnte auf.

Verdammt.

Jax hatte ihm befohlen, Kathie nach Hause zu holen.

Und sie klang, als wollte sie mitkommen.

Warum war er trotzdem sicher, dass alles nicht gut, sondern nur noch schlimmer werden würde?

Vielleicht sollte er sich selbst den Kiefer brechen, einfach nur um Zeit zu sparen.

Kathie warf ihre Sachen in die zwei Koffer, während ihre Freundin Liz nach Joe Ausschau hielt.

„Er ist noch da“, verkündete sie lächelnd und schloss die Tür. „Und auf seine Art irgendwie nett.“

Und nicht nur das, dachte Kathie. Joe wirkte solide und zuverlässig, wie ein Mann, der mit allem fertig wurde.

„Ein Mann macht nicht den weiten Weg hierher, um eine Frau zurückzuholen, wenn er nicht an ihr interessiert ist“, fügte Liz hinzu.

„Ist er nicht.“

„Doch. Ist dir etwa entgangen, wie er dich angesehen hat? Obwohl du dieses biedere Kleid anhattest.“

„Er ist nicht an mir interessiert“, beharrte Kathie. „Das war er nie, und das wird er nie sein.“

„Also war all das, was letztes Jahr passiert ist …“

„Ein paar Küsse“, unterbrach Kathie sie und stopfte zwei Pullover und ihre Wanderstiefel in den Koffer. „Ein paar Umarmungen und jede Menge Schuldgefühle. Mehr nicht. Außerdem hat nicht er mich geküsst, sondern ich ihn, und jetzt gibt jeder ihm die Schuld.“

„Hat er das gesagt?“

„Es ist ihm herausgerutscht.“

„Warum ist er dann hier?“

„Weil er ein netter Kerl ist …“

„Der mit der Schwester seiner Verlobten in flagranti erwischt wurde? So benimmt sich kein netter Kerl“, widersprach Liz.

„Er … ich … ich bin praktisch über ihn hergefallen!“

Kathies Freundin lachte. „Niemals. Du doch nicht.“

„Bei ihm schon.“

„Sag bloß, du bist noch immer scharf auf ihn?“

„Nein!“, widersprach Kathie vehement und spürte, wie sie rot wurde.

„Doch, das bist du! Dabei hast du geschworen, dass alles ganz harmlos war. Dass du durcheinander warst, weil du gerade erst deine Mutter verloren hattest.“

„Genau. Ich war durcheinander.“ Zum ersten Mal hatte sie Joe an dem Tag geküsst, an dem ihre Mutter gestorben war. „Ich verstehe noch immer nicht, wie es passiert ist.“

Ehrlich nicht.

„Wie alt warst du damals?“

„Gerade erst neunzehn“, flüsterte Kathie.

Neunzehn und noch nie richtig verliebt. Aber dann war ihre ältere Schwester vom College nach Hause gekommen und hatte ihren neuen Freund mitgebracht. Ein Blick, und Kathie war hin und weg gewesen.

Fünf Jahre lang, während Kate und Joe beiden verlobt gewesen waren, hatte sie es für sich behalten. Jahre, in denen jeder sicher war, dass die beiden das perfekte Paar waren. Kathie war ihm eine gute Freundin gewesen, mehr nicht – bis sie sich ihm in die Arme geworfen hatte, am Todestag ihrer Mutter.

Und dann … war auf einmal alles ganz schnell gegangen.

Joe machte mit ihrer Schwester Schluss, oder vielleicht sie mit ihm. Kathie war nicht sicher, denn sie hatte verschiedene Versionen gehört. Kurze Zeit später – und zur allgemeinen Verblüffung – lernte Kate Ben kennen und heiratete ihn. Aber vorher erfuhr sie von Kathie und Joe.

Kathie schämte sich schrecklich, und kaum war die Trauung vollzogen, lief sie davon. Seitdem hatte sie weder ihre Familie noch Joe wiedergesehen. Bis heute.

„Meine Liebe, dich hat es wirklich schwer erwischt.“ Liz umarmte sie.

„Unsinn. Ich muss ihn vergessen und …“

„Warum denn? Er hat dich doch auch nicht vergessen.“

„Weil er sich schuldig fühlt. Das ist alles. Er hat meine Schwester geliebt. Das hat er immer getan, und meinetwegen hat er sie verloren!“

„Weil er zugegeben hat, dass er Gefühle für eine andere Frau hatte, während er mit deiner Schwester verlobt war. Und die andere Frau warst du.“

„Gefühle?“, wiederholte Kathie und versuchte, fünf Bücher und eine Grünpflanze im Koffer zu verstauen. Okay, die Pflanze konnte sie abschreiben. Sie stellte sie ins Fenster zurück und wehrte sich gegen die Tränen. „Schuldgefühle sind auch Gefühle. Und glaub mir, Schuldgefühle sind das Einzige, was er für mich empfindet. Er ist ein ehrenhafter Mann, der meine Schwester immer geliebt hat, und dann … geht alles kaputt. Ich habe alles kaputt gemacht.“

„Ja, aber wenn du ihm wirklich mehr bedeutest …“

„Tu ich nicht. Sonst hätte er etwas gesagt. Hat er aber nicht. Auf Kates Hochzeit hat er mir in die Augen geschaut, obwohl alle über uns Bescheid wussten und tuschelten. Und weißt du, was er zu mir gesagt hat?“

„Was?“

„Dass es ihm leidtut. Alles, was passiert ist. Und dass alles seine Schuld war. Aber das stimmt nicht, es war meine. Er wollte einfach nur nett sein. Weil er eben ein hochanständiger Mann ist.“

„Der in dich verliebt ist“, beharrte Liz. „Und du bist in ihn verliebt.“

„Das darf ich nicht. Er auch nicht. Wir haben zu vielen Menschen wehgetan. Ich will das wiedergutmachen und nicht wieder etwas mit ihm anfangen.“

Kathie wollte ihr Leben zurück. Das ruhige, beschauliche Leben mit ihrer Familie, in dem es keine üblen Gerüchte über sie und den Verlobten ihrer Schwester gab. In dem sie sich für nichts schämen musste und keinen Grund zum Davonlaufen hatte.

Das war es, was sie wollte.

Nicht Joe Reed.

„Ich muss einfach nur meine Familie wiedersehen“, sagte sie.

„Und was willst du ihnen sagen?“

„Keine Ahnung.“

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