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Mittsommergeheimnis – Heimliche Sehnsucht

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Der Tag stand von Anfang an unter einem schlechten Stern.

Mit vollem Tempo preschte der Geländewagen den unbefestigten Weg entlang, vorbei an weiten grünen Wiesen, saftigen Rapsfeldern und dem Fluss Lillälv, der sich wie ein silbernes Band durch ganz Dvägersdal zog, einem kleinen Örtchen in der mittelschwedischen Provinz Dalarna. Die Sonne strahlte am beinahe wolkenlosen Himmel, und der Wind, der von den Bergen her kam, sorgte dafür, dass es trotzdem nicht zu warm wurde.

Kristian Västarsand liebte die schwedische Landschaft über alles, vor allem jetzt im Frühling, wenn nach einem scheinbar endlosen, eisigen Winter die ersten Blumen und Obstbäume blühten und die Tage endlich länger wurden.

Doch an diesem Vormittag nahm er das alles nicht einmal am Rande wahr.

“Nej!”, schrie er aufgebracht in die Freisprechanlage seines Handys. “Sag ihrem Manager, dass ich dafür keineswegs Verständnis habe. Wir hatten eine Vereinbarung! Wo sollen wir denn jetzt so schnell Ersatz herbekommen?”

Wütend beendete er das Gespräch und brachte den Wagen so heftig zum Stehen, dass die Bremsen quietschten und der Staub unter den Rädern aufwirbelte. Dann stellte er den Motor ab und fuhr sich mit der Hand durch sein welliges dunkelbraunes Haar.

Heute war eindeutig nicht sein Tag. Schon beim Aufstehen hatte er gespürt, dass es Probleme geben würde. Prompt war dann auch so ziemlich alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte: Erst gab es Schwierigkeiten mit einer eigentlich schon fest zugesagten Baugenehmigung, dann hatte sein Wagen nach einer Ortsbesichtigung in Rättvik einen Platten gehabt – und jetzt kam, auf dem Weg zurück nach Hause, auch noch die Absage von Svenja Normansson.

Kristian seufzte. Vor knapp fünfeinhalb Jahren hatte er Vildmarksäventyr gegründet – eine Agentur, die “Urlaub in der heimischen Wildnis” anbot. Das Projekt war aus der Not heraus entstanden. Weil sein Leben zu diesem Zeitpunkt in Trümmern lag und er nicht mehr so weitermachen wollte wie bisher.

Und um jemandem zu beweisen, dass er mehr war als ein idealistischer Träumer.

Linnea.

Wut packte ihn, wie immer, wenn er an sie dachte. Im Grunde trug sie auch die Schuld daran, dass nun schon seit Wochen nichts mehr richtig rund lief bei ihm. Seit dem Tag, an dem er diesen unsäglichen Brief erhalten hatte.

Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. Fast sechs Jahre lang hatte er nichts von ihr gehört, und dann plötzlich brachte sie sich wieder in Erinnerung. Jedoch nicht, um sich zu entschuldigen, o nein! Auf so einen Gedanken kam eine Frau wie Linnea überhaupt nicht. Es ging ihr nur um …

Er schüttelte den Kopf. Es wäre falsch, sich weiter damit zu belasten. Er hatte angemessen auf das Schreiben reagiert, und jetzt gab es Wichtigeres in seinem Leben, um das er sich kümmern musste.

Als er Vildmarksäventyr damals gründete, hatte er nicht zu hoffen gewagt, einmal so großen Erfolg mit der Agentur zu haben. Doch schnell zeichnete sich ab, dass er eine Marktlücke entdeckt hatte, und heute nahmen sein Angebot nicht nur immer mehr abenteuerlustige Skandinavier in Anspruch, es kamen auch regelmäßig Buchungen aus dem europäischen Ausland.

Und genau aus diesem Grund hatte er sich nun zu einer umfangreichen und kostspieligen Werbemaßnahme entschlossen: Um seine Agentur in ganz Europa bekannt zu machen, hatte er ein erfolgreiches schwedisches Model engagiert, sich beim “Urlaub in der heimischen Wildnis” von einem Fotografen begleiten zu lassen. Svenja Normansson sollte potenziellen Gästen auf anschauliche Weise näher bringen, wie durch Vildmarksäventyr organisierte Ferien abliefen und welche Vorteile sie boten. Anschließend würden entsprechende Erlebnisberichte mit zahlreichen Fotos in vielen europäischen Zeitschriften und Urlaubskatalogen erscheinen.

So weit der Plan – doch leider entwickelte die Realität sich vollkommen anders als erwartet. Womit er wieder beim eigentlichen Thema war.

Kristian unterdrückte einen Fluch. Die Kampagne stand kurz vor dem Beginn, alle Vorbereitungen waren getroffen – entsprechend groß war der Schock gewesen, als sein Mitarbeiter Lasse ihm soeben telefonisch die Hiobsbotschaft überbracht hatte, dass Svenja Normansson sich aufgrund eines überraschenden Engagements in den USA nicht imstande sah, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Sie ließ einfach ihren Vertrag platzen!

Kristian kochte vor Wut. Keine Frage, dass dieses Verhalten Konsequenzen für das Model nach sich ziehen würde. Der Vertrag, den er mit ihr geschlossen hatte, sah für einen solchen Fall eindeutig entsprechende Konventionalstrafen vor.

Doch das brachte ihn im Moment auch nicht weiter. Viel wichtiger war jetzt die Frage, wie er auf die Schnelle einen angemessenen Ersatz finden sollte. Immerhin fand das erste Shooting schon morgen statt!

Er griff zum Zündschlüssel, um den Motor wieder anzulassen, hielt dann aber inne, als sein Blick nach Osten fiel. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wo er während des Telefonats mit Lasse angehalten hatte: ganz in der Nähe von Linneas Elternhaus.

Es lag am Fuße des Hangs, auf dem die Straße nach Dvägersdal entlangführte, am Rande eines Birkenwäldchens. Nur ein einziger schmaler Weg führte hinunter zu dem in rotbraunem Falun getünchten Holzhaus. Und gerade als Kristian den Blick wieder abwenden wollte, sah er einen ihm unbekannten Kombi auf das Haus zufahren.

Er wusste selbst nicht, warum er sich überhaupt dafür interessierte, aber unwillkürlich fragte er sich, um wen es sich bei dem Ankömmling handeln könnte. Stina Eklund besaß kein Auto und lebte seit dem Weggang ihrer Tochter und dem Tod ihres zweiten Mannes sehr zurückgezogen. Nur die geistig leicht zurückgebliebene Malin kam zwei Mal die Woche, um ihr bei den Hausarbeiten zur Hand zu gehen und sich um den Garten zu kümmern.

Jetzt ging die Tür des Wagens auf, und eine Frau stieg aus.

Kristian kniff die Augen zusammen. Nein, das konnte nicht sein. Das war doch …

Hastig griff er zu seinem Fernglas, das auf dem Beifahrersitz lag und das er aus beruflichen Gründen immer dabeihatte. Er hielt es an die Augen und sah die Besucherin jetzt in voller Größe, jedoch nur von hinten, da sie ihm den Rücken zukehrte. Sie war nicht sehr groß und ausgesprochen zierlich, und ihr haselnussbraunes Haar reichte ihr bis zu den Schultern.

Fast wie … Kristian schüttelte den Kopf. Kein Zweifel, zumindest von hinten sah sie Linnea zum Verwechseln ähnlich.

Aber das konnte nicht sein! Sie würde es doch nicht wagen, persönlich …

Er nahm das Fernglas herunter und schloss für einen Moment die Augen. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Plötzlich sah er sich, wie er als junger Bursche abends heimlich Steinchen an Linneas Fenster warf. Oder als er sie zum ersten Mal küsste. Auch ihre erste gemeinsame Nacht kam ihm unweigerlich in den Sinn. Damals war er …

Er hielt inne. Das waren die guten Erinnerungen. Doch leider gab es noch mehr schlechte. Wie hatte er nur jemals so dumm sein können, auf Linnea hereinzufallen?

Wütend öffnete er die Augen wieder. Da bemerkte er, dass Linneas Doppelgängerin sich langsam umdrehte.

Sofort hielt er das Fernglas wieder an seine Augen und betrachtete das Gesicht der Frau näher. Sah die großen graublauen Augen, die von dichten dunklen Wimpern beschattet wurden. Die fein geschnittenen Züge. Die kleinen Grübchen, die sich auf ihren Wangen abzeichneten, wenn sie lächelte oder emotional angespannt war.

Überrascht schnappte er nach Luft, als ihm mit einem Schlag klar wurde, dass er es keineswegs mit einer Person zu tun hatte, die Linnea einfach nur ähnelte.

Nein, dort unten stand sie selbst: Linnea – seine Ehefrau.

Das Haus meiner Kindheit, dachte Linnea und atmete tief durch.

Sie stand neben ihrem Mietwagen, mit dem sie am Morgen nach einem langen Flug aus London und einer Nacht im einzigen Hotel zwischen Mora und Dvägersdal aus losgefahren war. Mit einer Hand schirmte sie nun die Augen ab, während sie sich einmal um die eigene Achse drehte. Was sie sah, ließ melancholische Gefühle in ihr aufsteigen.

An diesem Ort war sie aufgewachsen, am Fuße der Berge, deren schroffe Gipfel geradewegs bis in den Himmel zu reichen schienen. Ringsum erstreckten sich tiefgrüne Wälder, nur durchbrochen von einer düster wirkenden Felsformation aus schwarzgrauem Granit, die wie ein mahnender Finger in die Höhe ragte.

Trollfjällen – der Trollfelsen.

Viele Legenden rankten sich um diesen Ort. So sollten Trolle kleine Kinder entführen und sie zu sich in den Berg hineinziehen, um sie nie wieder in die Freiheit zu entlassen. Linnea wusste, dass es so etwas nicht geben konnte. Aber daran, dass irgendetwas mit diesem Berg nicht stimmte, zweifelte sie auch nicht. Nicht seit …

Sie atmete tief durch und zwang sich, den Blick abzuwenden. Der Trollfelsen erinnerte sie an Dinge, über die sie besser nicht nachdenken sollte. Stattdessen betrachtete sie nun den Vorgarten ihrer Mutter, der in der rauen Natur, von der er umgeben war, wie ein kleines Paradies wirkte. Hier gediehen bunte Frühlingsblumen in allen Farben des Regenbogens. Leuchtend gelbe Narzissen wetteiferten mit violettem Rittersporn und purpurnem Eisenhut, und auch die Apfelbäume standen in voller Blüte.

Im Schatten einer knorrigen Eiche stand eine Bank, die Linneas Vater einst aus den Überresten eines vom Blitz getroffenen Baumes gezimmert hatte. Wie oft hatte er an lauen Sommerabenden so dort gesessen: Seine alte Meerschaumpfeife im Mundwinkel, in der einen Hand ein Schnitzmesser, in der anderen einen Scheit Holz, aus dem er in stundenlanger Arbeit eine kleine Tierfigur, ein Schiff oder ein Flugzeug zauberte.

Schließlich blieb ihr Blick erneut an dem Haus hängen, in dem sie so viele glückliche Jahre verbracht hatte und vor dem sie jetzt wieder stand.

Sie seufzte versonnen. Nie würde sie die ersten Jahre ihrer Kindheit vergessen. Wie unbeschwert damals noch alles gewesen war! In hübschen Kleidern und mit Zöpfen im Haar war sie über die Wiesen gelaufen, hatte Blumen gepflückt und bunte Kränze daraus gemacht. Das Herumtoben mit ihren Freundinnen Finja und Hanna gehörte ebenso zu ihrem Tagesprogramm wie das Spielen mit ihrem geliebten Hund Kalle, und auf den alljährlichen Dorffesten hatte sie sich stets mit so vielen Leckereien vollgestopft, dass ihr hinterher immer ganz schlecht gewesen war.

All das würde sie auf ewig mit diesem Haus in Verbindung bringen. Gleichzeitig war es jedoch auch das Haus, das sie Jahre später im Zorn verlassen hatte.

Sie trat ein paar Schritte näher und sah es sich genauer an. Viel hatte sich nicht verändert. Die falunrot getünchte Fassade und die weißen Fensterläden konnten einen neuen Anstrich vertragen, und ein paar Dachschindeln waren lose, doch davon abgesehen schien es sich in einem recht guten Zustand zu befinden. Vermutlich hatten sich nach Ludvigs Tod ein paar Männer aus dem Ort der Aufgabe angenommen, es vor dem langsamen Verfall zu bewahren. Nachbarschaftshilfe war in Dvägersdal offenbar noch immer eine Selbstverständlichkeit, ganz anders als in der Stadt, wo jeder sich selbst am nächsten stand.

Sie schaute sich weiter um und entdeckte unter dem Dachfirst das kleine Vogelhäuschen, das sie vor so vielen Jahren zusammen mit ihrem Vater gebaut und angebracht hatte.

Überwältigt von den Emotionen, die plötzlich auf sie einstürzten, hielt Linnea den Atem an. Das alles lag so lang zurück, dass es ihr fast wie ein Traum vorkam. Wie aus weiter Ferne schienen plötzlich vertraute Geräusche an ihr Ohr zu dringen, und Bilder aus der Gegenwart vermischten sich mit denen aus der Vergangenheit: Sie hörte fröhliches Kinderlachen, die Stimmen ihrer Freundinnen, die schöne Lieder sangen, während sie sich Hand in Hand im Kreis drehten. Sie sah ihre Mutter, die mit einem Blech Äppelpej, dessen Duft Linnea selbst jetzt noch riechen konnte, aus dem Haus trat, und nicht zuletzt erkannte sie auch ihren Vater, der Pfeife rauchend auf der alten Bank unter der Eiche saß, das Schnitzmesser in der Hand.

Pappa … Linnea spürte, wie ihre Augen feucht wurden, als sie an ihn dachte. Nur so wenige Jahre hatte sie mit ihm verbringen dürfen. Wenn er an jenem Tag doch nur das Haus nicht verlassen hätte … Wahrscheinlich wäre dann alles anders gekommen, und …

Der Klingelton ihres Handy, das im Wagen auf dem Beifahrersitz lag, riss sie aus ihren Gedanken. Sie sammelte sich einen Moment, dann ging sie die paar Schritte zurück und griff durchs offene Fenster.

Sie nahm das Gespräch an, ohne zuvor aufs Display zu schauen.

“Da bist du ja, Darling”, sagte Miles. “Ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht. Du wolltest doch anrufen, wenn du Dvägersdal erreicht hast. Bist du noch unterwegs?”

Sie atmete tief durch. Miles Banning war der Sohn ihres Verlegers – und der Mann, den sie bald heiraten würde. “Ich bin gerade eben angekommen”, erklärte sie. “Der Weg hierher war weiter, als ich es in Erinnerung hatte.”

“Tja, sechs Jahre sind eine lange Zeit, da vergisst man schon mal so einiges.” Er lachte. “Was denkst du, wann wirst du die nötigen Genehmigungen für unsere Hochzeit in Schweden zusammenhaben?”

“Das kann ich im Moment noch nicht so genau sagen”, erwiderte sie ausweichend. Miles glaubte, dass sie nach Schweden gefahren war, um alles für ihre Hochzeit, die in einigen Monaten auf besonderen Wunsch ihres zukünftigen Schwiegervaters in Linneas Heimat stattfinden sollte, vorzubereiten.

Er konnte ja nicht ahnen, dass sie in Wahrheit hier war, um eine Katastrophe abzuwenden.

Doch sofort regte sich ihr schlechtes Gewissen. Miles war ein guter Mann, und er liebte sie – doch sie hatte nichts Besseres zu tun, als ihn zu belügen.

Stellst du dir so den Start in eine perfekte Ehe vor?

Nein, natürlich nicht. Aber wie sollte sie ihm sagen, dass sie ausgerechnet Kristian, der Liebe ihrer Jugendtage, einen Besuch abstatten wollte?

Kristian, ihrem Ehemann …

Sie schüttelte den Kopf. Nein, in dieser Angelegenheit war sie ganz auf sich allein gestellt.

Aus den Augenwinkeln nahm Linnea ein Blitzen wahr. Als sie sich umdrehte, fiel ihr ein Wagen auf, den sie vorhin schon bemerkt hatte. Es handelte sich um einen Jeep, der oben auf der Straße nach Dvägersdal parkte.

Linnea runzelte die Stirn. Am Steuer saß ein dunkelhaariger Mann, der etwas in der Hand hielt, von dem die Lichtblitze ausgingen. Ein Fernglas? Beobachtet der mich etwa?

Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. War das nicht …?

Sie schüttelte den Kopf. Aber nein, Unsinn! Um das genau sagen zu können, war die Entfernung einfach zu groß. Es konnte praktisch jeder sein.

Und dann fuhr der Wagen auch schon davon, und kurz darauf war er gänzlich aus ihrem Blickfeld verschwunden.

“Linnea? Bist du noch da?”

Sie räusperte sich hastig. Sie hatte gar nicht wahrgenommen, dass Miles die ganze Zeit über mit ihr gesprochen hatte. “Ja, natürlich”, sagte sie rasch. “Hör zu, die Verbindung ist hier nicht allzu gut. Ich melde mich heute Abend bei dir, okay?”

Sie beendete das Gespräch und wollte gerade erneut aufs Haus zugehen, als eine weibliche Stimme hinter ihr erklang.

“Sieh mal einer an, wenn das nicht die Linnea ist!”

Linnea erstarrte. Mehr als sechs Jahre lang hatte sie diese Stimme nicht mehr gehört, doch sie hätte sie unter tausend anderen wiedererkannt. Gehörte sie doch zu einer Person, die sie unweigerlich mit dem schicksalhaftesten Ereignis ihres Lebens verband.

Mit dem Ereignis, das vor fünfzehn Jahren schlagartig ihre Kindheit beendet hatte.

Langsam drehte sie sich um. “Malin”, sagte sie heiser und blinzelte gegen die Sonne an, während sie ihr Gegenüber betrachtete. Malin hatte sich in den vergangenen Jahren kaum verändert: Ihr aschblondes Haar trug sie, wie früher, zu einem Zopf zurückgebunden. Ein paar Strähnen hatten sich daraus gelöst und umrahmten das blasse schmale Gesicht, in dem große wasserblaue Augen schimmerten. Linnea hätte sie weder als schön noch als hässlich bezeichnen können. Malin war einfach … anders. Sie hatte etwas Unwirkliches, fast schon Ätherisches an sich, das einen entweder faszinierte oder abschreckte. Wäre sie in luftigen weißen Gewändern herumgelaufen, sie hätte wie eine Elfe aus dem Märchen ausgesehen. Doch man bekam Malin eigentlich immer nur in der Kleidung zu Gesicht, die sie auch jetzt trug und die aus löchrigen, mit Grasflecken übersäten Jeans, einer einfachen karierten Baumwollbluse und roten Gummistiefeln bestand. Linnea räusperte sich. “Es ist lange hier”, fuhr sie fort. “Wie geht es dir?”

“Gut”, sagte Malin schlicht, wobei sie einen Punkt etwa zehn Zentimeter oberhalb von Linneas rechter Schulter zu fixieren schien. Nur mit Mühe widerstand Linnea der Versuchung, sich umzudrehen, um nachzusehen, ob jemand hinter ihr stand. Malin besaß eine ganze Anzahl leicht verschrobener Eigenarten – die, ihrem Gegenüber niemals direkt ins Gesicht zu sehen, war eine der auffälligsten.

“Ist meine Mutter da?”, fragte Linnea.

Malin schien über die Frage ein paar Sekunden nachdenken zu müssen, doch schließlich schüttelte sie den Kopf. “Ich kümmere mich um den Garten”, sagte sie dann. “Willst du die Krokusse sehen?”

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und verschwand im Garten. Linnea unterdrückte ein Seufzen und folgte ihr. Sie wusste aus Erfahrung, dass es keinen Sinn hatte, Malin zu etwas zu drängen. Sie war vielleicht ein bisschen zurückgeblieben, konnte aber auch stur wie ein Maulesel sein.

“Malin, kannst du mir sagen, wo meine Mutter ist und wann sie zurückkommen wird?”, versuchte Linnea es trotzdem erneut. Sie fühlte sich einfach nicht wohl in Malins Nähe.

Nicht seit jener schicksalhaften Mittsommernacht am Trollfjällen vor fünfzehn Jahren.

Sie zwang sich, ihre Gedanken in eine andere, unverfänglichere Richtung zu lenken. Bot die Gegenwart nicht bereits genügend Herausforderungen? Musste sie sich da auch noch mit der Vergangenheit belasten?

“Heute Abend”, sagte Malin, als Linnea schon gar nicht mehr mit einer Erwiderung rechnete. “Sie wollte heute Abend zurück sein.” Auf einmal blieb sie stehen und drehte sich um. “Ich sehe sie manchmal, weißt du?”

“Wen?”, fragte Linnea überrascht. “Meine Mutter?”

Malin schüttelte den Kopf. “Nein.” Ihr Gesicht nahm einen beinahe abwesenden Ausdruck an. “Ich spreche von Audrey …”

Unwillkürlich zuckte Linnea zusammen. Trotz des lauen Frühlingswetters fröstelte sie plötzlich. Was wollte sie eigentlich hier? Und warum hörte sie sich diesen Unsinn überhaupt an?

“Würdest du meiner Mutter bitte ausrichten, dass ich hier war, wenn du sie siehst?”, bat sie knapp. “Ich muss jetzt gehen.”

Plötzlich konnte sie gar nicht schnell genug zurück zu ihrem Wagen kommen. Sie hatte das Gefühl, Malins Blick in ihrem Rücken zu spüren, als sie den schmalen Gartenweg entlangging. Ihr war bewusst, dass ihr überstürzter Aufbruch wie eine Flucht wirken musste. Und in gewisser Weise war er das auch.

Die Begegnung mit Malin hatte Erinnerungen zum Vorschein gebracht, die Linnea lange Jahre in den hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins verbannt hatte. Doch jetzt brachen sie wieder hervor, und es schien nichts zu geben, was sie dagegen unternehmen konnte.

Ihr Atem ging gepresst und stoßweise, als sie ihren Wagen erreichte. Sie fühlte sich, als habe sie einen Marathon hinter sich, dabei war sie nur ein paar Hundert Meter weit gelaufen. Gerade als sie einsteigen wollte, fiel ihr Blick wie von selbst noch einmal hinauf zum Trollfjällen.

Linnea kniff die Augen zusammen. Bewegte sich da nicht etwas? Für einen Moment glaubte sie die Gestalt eines Mädchens zu erkennen, aber als sie genauer hinschaute, war sie plötzlich verschwunden.

Irritiert fuhr sie sich mit beiden Händen durchs Haar. Was war bloß mit ihr los? Fing sie jetzt etwa schon an, Gespenster zu sehen?

Wahrscheinlich war es nur eine Reflexion, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Doch so recht daran glauben konnte sie selbst nicht. Und als sie endlich hinters Steuer sank und den Motor ihres Wagens anließ, beschlich sie das ungute Gefühl, dass sie mit ihrer Rückkehr nach Dvägersdal möglicherweise eine Lawine ins Rollen gebracht hatte, die sie nun nicht mehr aufhalten konnte.

Linneas Atem ging hastig, als sie eine Stunde später vor der ehemaligen Mühle stand, in der Kristian zusammen mit seiner Mutter lebte.

Das Gespräch mit Malin hatte sie mehr aufgewühlt, als sie sich selbst gegenüber eingestehen wollte. Mit einem Schlag waren Dinge wieder an die Oberfläche gespült worden, die sie jahrelang verdrängt hatte und mit denen sie auch heute noch nicht umgehen konnte.

Sie seufzte. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zurück zu jenem Tag, an dem sich ihr Leben komplett verändert hatte. Es war an Mittsommer geschehen, kurz nach ihrem elften Geburtstag. Seltsam. Jetzt, wo sie wieder in Dvägersdal war, erinnerte sie sich, als wäre es erst gestern passiert.

Sie hatte mit ihren besten Freundinnen Finja und Hanna in den Wald gehen wollen, um vor dem großen Fest nach Spuren von Elfen und Kobolden zu suchen. In einem alten Buch, das sie auf dem Dachboden von Hannas Elternhaus entdeckt hatten, stand, dass die mystischen Kräfte zu Mittsommer eine besonders starke Ausprägung besaßen.

Doch anstatt auf die erhofften Fabelwesen stießen sie nur auf Audrey, das englische Au-pair-Mädchen von Finjas Familie, das den Wald normalerweise mied, weil es ihn unheimlich fand. Angeblich war sie ihnen gefolgt, weil das zu ihren Aufgaben gehörte – doch die Mädchen wussten es besser: Audrey war eine eitle und besserwisserische Siebzehnjährige, deren größtes Vergnügen es zu sein schien, Finja und ihre Freundinnen zu schikanieren. Dass Linnea sie nicht ausstehen konnte, hatte allerdings noch ganz andere Gründe …

An jenem Abend war Audrey ihnen auf ihrem Marsch durch den Wald gefolgt und erzählte ihnen dabei eine gruselige Geschichte, doch das hatte mit Freundlichkeit nicht viel zu tun. Sie wollte ihnen Angst einjagen, und das war ihr auch gelungen – wenn auch auf andere Art und Weise, als sie sich das vorgestellt haben mochte.

Linnea atmete hastig aus, als sie merkte, dass sie die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Sie konnte sich noch genau an Audreys Geschichte erinnern. Es ging um den Trollfelsen, einen mystischen Ort, der sich ganz in der Nähe befinden sollte. Angeblich lebten dort bösartige Wesen, die nur darauf warteten, dass kleine Kinder sich in ihre Nähe verirrten, um sie zu sich in den Berg zu ziehen und nie wieder freizulassen.

Obwohl Linnea es niemals zugegeben hätte, so waren Audreys Worte doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Ein heraufziehender Sturm, das seltsame, fast schon unwirkliche Licht der Mittsommernacht, all die unheimlichen Geräusche des Waldes in der hereinbrechenden Dämmerung … In jener Nacht wünschte Linnea sich nicht zum ersten Mal, Audrey würde sich in Luft auflösen und einfach verschwinden – und dann verschwand sie tatsächlich. Zuerst hielten Linnea und ihre Freundinnen es für einen Scherz, doch als schließlich ein schriller Schreckensschrei durch den Wald hallte, bekamen sie es mit der Angst zu tun und liefen davon.

Noch in derselben Nacht machte sich ein ganzer Trupp Männer auf die Suche nach Audrey. Doch die einzige Person, auf die sie stießen, war die damals dreizehnjährige Malin, zitternd vor Angst und kaum in der Lage, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Später behauptete sie, beobachtet zu haben, wie Audrey von einem Troll in den Berg gezogen wurde.

Niemand glaubte ihr – bis auf Linnea und ihre Freundinnen. Ganz besonders Linnea, die sich immer wieder fragte, ob es ihr Wunsch gewesen war, der Audrey hatte verschwinden lassen …

Für einen winzigen Moment schloss Linnea die Augen und versuchte krampfhaft, die unerwünschten Erinnerungen abzuschütteln. Doch wie es schien, waren die Geister der Vergangenheit durch das Aufeinandertreffen mit Malin zu neuem Leben erwacht.

Und dieses Mal ließen sie sich nicht so leicht wieder abschütteln.

Linnea reckte das Kinn. Sie musste dringend aufhören, weiter darüber nachzudenken. Das alles lag fünfzehn Jahre zurück. Audrey war nie wieder gesehen worden, niemand wusste, was mit ihr passiert war. Doch die Zeiten, in denen Linnea noch an Geister, Trolle und anderen Kram geglaubt hatte, waren längst vorbei – oder?

Sie nickte. Jetzt galt es, sich um die Realität zu kümmern. Und vor allem um Probleme, die ihr heutiges Leben betrafen.

Fast sechs Jahre war es nun her, seit sie Schweden fluchtartig verlassen hatte. Schmerzerfüllt schloss sie die Augen, als sie daran zurückdachte. Erst der hässliche Streit mit ihrem Stiefvater und ihrer Mutter, dann der Moment, in dem sie Kristian …

Nein, sie wollte jetzt nicht an Dinge denken, die sie besser vergessen sollte. Sie hatte es geschafft, sich aus eigener Kraft eine neue Existenz aufzubauen. Eine gute Existenz. Und das würde sie sich von nichts und niemandem kaputt machen lassen.

Schon gar nicht von Kristian.

Doch leider hing im Augenblick alles, was sie in den vergangenen Jahren erreicht hatte, ausgerechnet von ihm ab. Es musste ihr gelingen, ihn davon zu überzeugen, das Richtige zu tun.

Noch einmal atmete sie tief durch, dann ging sie auf die alte Mühle zu. In diesem Moment trat eine Frau nach draußen. Ihr hellblondes, von grauen Strähnen durchsetztes Haar hatte sie zu einem straffen Zopf zusammengefasst, was ihr ohnehin eher herbes Gesicht mit den schmalen ...

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