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Heimlich verliebt in einen Millionär

Margaret Way

Heimlich verliebt in einen Millionär

PROLOG

Brisbane,Queensland

Drei Jahre zuvor

In ihrem erregten Zustand kam Miranda die Stadt unglaublich laut vor. Der dichte Verkehr war ohrenbetäubend. Um das Maß vollzumachen, drohte auch noch ein Nachmittagsgewitter, was im Hochsommer nicht ungewöhnlich war. Die Hitze flimmerte zwischen den Wolkenkratzern und drückte auf das Straßenpflaster. Wie üblich würde es einen kurzen, kräftigen Schauer geben, bevor die Sonne mit unverminderter Kraft zurückkehrte. Noch war der Himmel strahlend blau, aber in der Ferne begann es schon leise zu grollen, und am Horizont bildeten sich dunkle Wolken mit einem giftig grünen Kern.

Überall lauerten Gefahren – sogar beim Überqueren der Kreuzung. Es gab wagemutige Passanten und andere, die sich gewohnheitsmäßig langsam vorwärts bewegten und in der Mitte der Straße vom roten Licht der Ampel überrascht wurden. Nun gut. Damit konnte sich Miranda nicht aufhalten. Schließlich ging sie an diesem Nachmittag selbst ein großes Risiko ein und hoffte, das Glück auf ihrer Seite zu haben. Sie hatte nur eine einzige Chance, und auf die hatte sie sich gründlich vorbereitet.

Seit zwei Wochen spionierte sie systematisch zwei Männer aus: den Milliardär Dalton Rylance, den Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzenden von „Rylance Metals“ – einem der mächtigsten Stahlkonzerne der Welt –, und seinen einzigen Sohn und Erben Corin. Der Fünfundzwanzigjährige war wie geschaffen, das Rylance-Imperium zu übernehmen. Der geborene Kronprinz. Schwerreich, unglaublich attraktiv und ein Heiratskandidat erster Klasse. Diese Meinung vertraten zumindest die Klatschblätter und alle besseren Frauenzeitschriften, was nicht bedeuten musste, dass die Rylances nette Menschen waren.

In Mirandas Kummer mischten sich immer wieder Anwandlungen von Zorn. Nicht nett war ganz bestimmt die jetzige Mrs. Leila Rylance, Daltons schillernde zweite Ehefrau. Seine erste war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Corin und seine zwei Jahre jüngere Schwester Zara waren damals noch Kinder gewesen. Wenig später hatte Dalton die Öffentlichkeit schockiert, indem er eine junge Mitarbeiterin aus der PR-Abteilung heiratete. Diese Leila Richardson war nach Meinung der Familie und guter Freunde eine Schwindlerin. Man wusste nichts von ihr, außer dass sie sich in ihrem Job bewährt hatte. Es wurde auch gemunkelt, dass sie aus Neuseeland stammte.

Trotzdem hatte die Ehe bisher gehalten. Warum auch nicht, wo so viel Geld im Spiel war? In wenigen Jahren hatte sich die schöne Leila perfekt entwickelt und zu einer Ikone der Gesellschaft hinstilisiert. Man traute ihr jetzt zu, dass sie aus einer erstklassigen Familie kam. Leider musste sie in all ihrem Glanz äußerst vorsichtig sein, denn sie war nicht die Frau, die sie vortäuschte zu sein.

Leila Rylance war ein herzloses Biest.

Man braucht wirklich Mut, um sich mit den Rylances anzulegen, dachte Miranda zum hundertsten Mal. Sie konnte dabei in echte Schwierigkeiten kommen. Drohungen wurden von diesen Leuten sehr ernst genommen. Sie beschäftigten eine Armee von Mitarbeitern, Bodyguards und Anwälten. Wahrscheinlich stand sogar der Polizeipräsident auf ihrer Seite. Miranda musste mit Verhaftung oder einstweiligen Verfügungen rechnen. Welche Demütigung für sie, aber ein unbeirrbarer Sinn für Gerechtigkeit trieb sie an. Sie war erst siebzehn, aber außergewöhnlich intelligent und seit ihrer Kindheit gewohnt, deswegen gelobt zu werden.

„Miranda ist ein so kluges Mädchen, Mrs. Thornton. Man muss ihr die beste Ausbildung ermöglichen!“

Wie viele Lehrer hatten das gesagt – zuletzt Elizabeth Morgan, die Direktorin ihrer Schule. Sie hoffte, dass mit Mirandas Karriere auch etwas Glanz auf sie selbst und ihre Schule fallen würde. Was ihr möglich war, hatte sie dafür getan. Mirandas Abschlusszeugnis wies nur die besten Noten auf, besonders in den Fächern, die sie für ihre Weiterbildung brauchte: Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Sie hatte den heißen Wunsch, Ärztin zu werden, aber wie sollte sie ohne Geld Medizin studieren?

„Unsere kleine Miri … eine Ärztin! Woher mag dieser Wunsch nur kommen, Tom?“

Wie oft hatte Mirandas Mutter ihrem Mann voller Verwunderung diese Frage gestellt! Ihre Familien hatten nur ganz normale Arbeiter und Handwerker hervorgebracht. Bis zur Universität hatte es keiner geschafft.

Miranda hatte eine glückliche Kindheit gehabt, inmitten der schönsten Natur. Viel Geld war nie da gewesen. Manche kleine Annehmlichkeit hatte gefehlt, aber beides brauchte man nicht, um zufrieden zu sein. Die Thorntons hatten eine kleine Farm im subtropischen Queensland bewirtschaftet, nahe der Gold Coast. Obwohl sie nur wenig Gewinn abgeworfen hatte, waren sie zurechtgekommen und hatten alle drei hart gearbeitet, um Miranda den Besuch der angesehenen Privat-Mädchenschule zu ermöglichen, die sie mit glänzendem Ergebnis abgeschlossen hatte.

Niemals würde sie die Opfer vergessen, die ihre Eltern gebracht hatten. Dafür hatte sie beide hingebungsvoll gepflegt, als sie älter wurden. Inzwischen lebten sie nicht mehr, und für Miranda hatte sich alles verändert.

Die beiden waren nicht ihre Eltern gewesen. Sie war in Wirklichkeit bei ihren Großeltern aufgewachsen, ohne das Geringste zu ahnen. Sie hatte mit einer Lüge gelebt.

Mirandas Herz klopfte zum Zerspringen, und sie konnte kaum noch richtig atmen. Die Sonnenstrahlen brachen sich in den Windschutzscheiben der Autos und blendeten sie. Sie blinzelte und wandte den Kopf ab. Dann sah sie ihn.

Ich bin fast am Ziel! durchfuhr es sie.

Er kam aus dem „Rylance Tower“, einem Palast aus Stahl und Glas. Und es war der Sohn. Sie hatte wirklich Glück! Sie hätte ihn überall erkannt. Sein Bild hatte sich ihr zu tief eingeprägt. Er war groß, dunkelhaarig, ungewöhnlich attraktiv und lächelte hinreißend. Ihre Freundin Wynona hätte ihn unwiderstehlich genannt, zumal ihn ein Hauch von Seriosität umgab. Das war ungewöhnlich für sein Alter, aber schließlich war er der Sohn und Erbe eines Konzernchefs und hatte eine glänzende Karriere vor sich.

Doch er war nicht der Einzige, der etwas erreichen wollte. Miranda war ebenfalls auf dem Sprung und außerordentlich nervös. Bei dem Vater hätte sie der Mut vielleicht verlassen, denn er war eine überragende Persönlichkeit und galt als hart und rücksichtslos. Daher war der Sohn die Lösung, und bei ihm ging sie auch noch ein geringeres Risiko ein. Manchmal musste man eben Glück haben!

Wie üblich hielt der silbergraue Rolls-Royce in der Parkzone vor dem Gebäude. Der Chauffeur stieg aus – er trug trotz der Hitze eine graue Livree –, ging um den Kühler herum und stand bereit, dem Sohn des Allmächtigen die hintere Wagentür zu öffnen.

Um Himmels willen! Konnte der Herr das nicht selbst tun? Nein, dann würde der Fahrer ja seinen gut bezahlten Job verlieren. Miranda zitterte am ganzen Körper, hohe Erwartung und Angst vor den Folgen ihrer Handlung beherrschten sie. Doch sie musste Corin Rylance erwischen und mit ihm sprechen, wenn ihr Leben so verlaufen sollte, wie sie selbst und ihre Großeltern es geplant hatten.

Sie beobachtete, wie er sich duckte, um den Rücksitz einzunehmen. Das war der entscheidende Moment. Miranda nutzte ihn, konzentriert wie ein Spitzensportler beim Start. Bevor der Chauffeur die Tür schließen konnte, sprang sie mit einem Satz in den Wagen und landete atemlos Schulter an Schulter neben ihrem Opfer, das bemerkenswert gelassen blieb. Nur ihr Rock hatte sich durch einen Windstoß so hochgeschoben, dass ihre schlanken Beine in voller Länge zu sehen waren.

„Hallo, Corin!“, stieß sie atemlos hervor. „Erinnern Sie sich noch? Denken Sie an die Beauman-Party. Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber wir müssen miteinander reden.“

Sprüche wie diese führten meist dazu, dass junge Männer aufmerksam wurden und weiter zuhörten.

Der athletisch gebaute Chauffeur – vermutlich ein ehemaliger Armeeangehöriger – steckte den Kopf zur offenen Tür herein. „Kennen Sie die Lady, Mr. Rylance?“, fragte er grimmig.

Miranda lächelte den bärbeißigen Mann, mit dem offenbar nicht zu spaßen war, unschuldig an. „Natürlich tut er das. Nicht wahr, Corin?“

Die Miene des jungen Mannes verriet nichts. „Überzeugen Sie mich, dass es so ist“, forderte er Miranda auf.

Das klang kurz angebunden, beinahe schroff. Ehe Miranda sich’s versah, hatte er ihr eine Hand auf die Schulter gelegt und ließ sie dann weiter zu ihren kleinen, festen Brüsten gleiten, die augenblicklich reagierten. Ob er es bemerkt hatte? Hoffentlich nicht. Nun ruhte seine Hand auf ihrer Taille, die durch einen breiten Ledergürtel betont wurde. Eine gänzliche Leibesvisitation schien er demzufolge nicht zu beabsichtigen. Dabei wäre er nicht auf große Hindernisse gestoßen, denn sie trug ein ärmelloses Sommerkleid, dessen Rocksaum ein Stück weit über dem Knie endete und das einen tiefen Ausschnitt hatte.

Corin Rylance griff nach Mirandas Handtasche und gab sie dem Chauffeur. „Überprüfen Sie den Inhalt, Gil.“

„Sie scherzen!“, protestierte Miranda. „Was erwarten Sie? Einen Revolver? Ich bin absolut harmlos.“

„Das bezweifle ich.“ Er hielt sie weiter fest, während der Chauffeur schnell und fachmännisch die Tasche durchsuchte.

„Nichts, Sir“, meldete er erleichtert. „Nur die üblichen Kleinigkeiten und einige alte Fotos. Soll ich die Kleine an die Luft setzen oder die Polizei rufen?“

„Um den Leuten was zu sagen, Gil?“, fragte Miranda spöttisch von oben herab – so, wie sie es auf der Schule gelernt hatte. „Dass Ihr Boss von einer ein Meter sechzig großen, hundert Pfund schweren Siebzehnjährigen überfallen wurde, an die er sich angeblich nicht erinnert? Jeder Knirps würde mich mühelos besiegen … glauben Sie mir.“ Sie sah Corin Rylance herausfordernd an. „Sie wollen doch nicht, dass wir unser kleines Gespräch vor Zeugen führen? Sagen Sie Ihrem Wachhund, dass er außerhalb der Stadt halten soll. Vielleicht an einem Park … da kann er ungestört spazieren gehen. Vine liegt ziemlich günstig.“

Corin wurde ständig von Frauen verfolgt. Neu war jedoch, dass eine in seinem Auto gelandet war. Er konnte es kaum glauben.

Natürlich ging es um sein Geld. Jedes weibliche Wesen wollte sich einen Milliardär angeln – oder zumindest dessen Sohn. Doch hier handelte es sich um ein halbes Kind. Siebzehn, hatte sie gesagt, aber sie konnte auch sechzehn sein. Kein niedliches Geschöpf, eher überspannt und ein bisschen gefährlich, wenn sie ihn mit den großen türkisblauen Augen so herausfordernd anfunkelte. Silberblonde Locken umrahmten ihr herzförmiges Gesicht. Sie war knabenhaft schlank, wie eine angehende Tänzerin, und originell, wenn auch nicht teuer, gekleidet. Wäre er ihr irgendwo begegnet, würde er sich bestimmt an sie erinnern. Ein Mädchen wie sie vergaß man nicht. Auf keinen Fall aber so hübsche Beine, die man einfach nicht übersehen konnte.

Wer, zum Teufel, war sie, und was wollte sie? Einen Moment lang hatte sie ihn an jemanden erinnert, aber an wen? Er kannte niemanden mit so ungewöhnlichen Augen und so lichtblondem Haar. Die Farbe war echt, darüber gab es keinen Zweifel. An den Haarwurzeln zeigte sich kein dunkler Schimmer, und auch die zarte Alabasterhaut verriet die echte Blondine.

Plötzlich fiel es ihm ein. Sie glich diesen mutwilligen Naturgeistern, den Elfen, Nymphen oder Feen – wie immer sie heißen mochten. Seine Schwester Zara hatte als Kind ihre Skizzenbücher mit diesen Wesen bevölkert. Sie würde auch von diesem Exemplar begeistert sein. Es fehlten nur die spitzen Ohren, der Kranz aus Blüten und Blättern und ein durchsichtiges Schleiergewand für den biegsamen Körper.

Die weitere Fahrt verlief in angespanntem Schweigen. Corins Hand lag fest auf Mirandas Arm. Vor seinem Chauffeur wollte er kein Wort verlieren. Nach etwa zehn Minuten hatten sie die Stadt hinter sich gelassen.

In diesem Moment drehte der Bedienstete sich um. „Okay, Sir, soll ich hier halten?“

„Ja, bitte, Gil. Ich werde mir die abenteuerliche Geschichte dieser jungen Lady anhören – was immer es sein mag – und Ihnen dann ein Zeichen geben. Heute Abend bin ich übrigens zum Dinner eingeladen.“

„Oh ja“, bestätigte Miranda, die sich noch nicht von Corins Berührung erholt hatte. Sie verstand jetzt, was ihn so einmalig machte. Er roch geradezu nach frisch gedruckten Geldscheinen.

Der Fahrer stieg aus und verschwand zwischen den blühenden Bäumen, wo mehrere Bänke standen. Falls er sich über die Situation wunderte, zeigte er es nicht. Er glaubte seinem Boss offenbar, dass ihm das Mädchen unbekannt war. Schließlich arbeitete er seit zwölf Jahren für die Familie. Bei seiner Einstellung war Corin noch ein Junge gewesen, aber er hatte ihn von Anfang an respektiert. Im Gegensatz zu einigen Cousins war Corin kein Playboy. Er gab sich nicht mit jungen Dingern ab, so bezaubernd und sexy sie auch sein mochten. Ob einer dieser Verwandten dahintersteckte? Mit Erpressung sollte die Kleine es lieber nicht versuchen. Nicht bei den Rylances.

„Nun?“ Corin wandte sich Miranda zu. Seine Stimme klang gereizt. „Zunächst einmal … wie ist Ihr Name? Meinen kennen Sie ja offensichtlich.“

„Wer kennt ihn nicht?“, erwiderte sie sarkastisch. „Ich bin Miri Thornton. Miri steht für Miranda.“

„Miranda … natürlich. Einen anderen Name habe ich nicht erwartet.“

„Was soll das heißen?“ Corin faszinierte Miranda immer mehr. Sie hatte das seltsame Gefühl, allein mit ihm auf der Welt zu sein. Was war bloß mit ihr los? Der Blick seiner dunklen, fast schwarzen Augen ließ sie fast vergessen, weshalb sie hier war. Er sah wirklich fantastisch aus. Was in den Hochglanzmagazinen über ihn geschrieben wurde, schien tatsächlich richtig zu sein. So nah mit ihm zusammen zu sein, nahm einem fast den Atem. Das lag nicht nur an seinem guten Aussehen, sondern vor allem an seiner Ausstrahlung. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich befangen.

„Sie sind ein kluges Mädchen“, sagte er.

„Was Sie nicht sagen.“

Ihren Kommentar überhörte er. „Und offenbar gut erzogen. Miranda … Prosperos Tochter?“

„Erraten.“ Sie gab sich überrascht. „Aus dem ‚Sturm‘. Sie kennen Ihren Shakespeare. Dann fragt sich nur noch, aus welchem Stück Corin stammt. Vielleicht aus ‚Coriolanus‘?“

„Lassen Sie das“, fuhr er sie an. „Dafür fehlt mir die Zeit. Was wollen Sie von mir? Ich gebe Ihnen genau fünf Minuten.“

„Eine Minute genügt mir“, antwortete Miranda in der Hoffnung, überlegener zu wirken, als sie sich fühlte. „Dürfte ich übrigens meine Handtasche wiederhaben?“

Er runzelte die Stirn, ohne auf ihre Bitte einzugehen. Gil hatte zwar gründlich nachgesehen, aber man musste im Leben immer mit Überraschungen rechnen. Diese junge Frau machte einen zu sicheren und zielstrebigen Eindruck. Die Intelligenz stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie glich in nichts den jungen Frauen aus guter Gesellschaft, denen er sonst begegnete. Sein Vater drängte ihn schon seit geraumer Zeit, sich aus dieser Schar endlich die passende Braut zu wählen. Annette Atwood war seiner Meinung nach ausgesprochen passend. Wog das nicht die sogenannte Liebe auf?

„Ich habe Fotos.“ Miranda hatte seine schlanken Finger betrachtet und dabei den Faden verloren. Er hatte wirklich ungewöhnlich schöne Hände. Darauf achtete sie.

„Wie nett“, spottete er.

„Ich würde mit diesem Urteil warten, bis ich sie gesehen hätte“, warnte Miranda ihn. „Glauben Sie ja nicht, dass es Pornos sind. Die hätte der brave Gil sofort entdeckt, und außerdem ist das nicht mein Stil. Ich hatte eine gute Kinderstube. Also los … nehmen Sie die Aufnahmen heraus. Sie beißen nicht.“

„So eine Frechheit“, sagte Corin mehr zu sich selbst. Er merkte, wie angespannt er war. Dabei drohte ihm doch von der zierlichen Person nicht die geringste Gefahr. Warum widmete er ihr eigentlich seine kostbare Zeit? Um ehrlich zu sein, wollte er darüber nicht nachdenken. Sie war so jung und hatte das Leben noch vor sich. Gegen seinen Willen zog sie ihn unwiderstehlich an. „Wissen Sie, was ich am liebsten mit Ihnen tun würde?“

„Mich auf die Straße setzen … nehme ich an. Das würde Ihnen nicht schwerfallen.“

„Vielleicht tue ich es noch.“ Corin zog mehrere Fotos aus einem Seitenfach der schon etwas abgenutzten Handtasche. Sie waren leicht vergilbt und an den Ecken umgeknickt. Er betrachtete sie eingehend. „Wen zeigen diese Bilder? Etwa die liebe Mummy als kleines Mädchen?“ Er versuchte zu scherzen – bis er begriff, was er da vor sich hatte.

Oh nein! Das konnte nicht wahr sein. Oder doch? Das Kind auf den Fotos sah seiner Stiefmutter nicht nur ähnlich. Es war Leila – es sei denn, sie hatte eine eineiige Zwillingsschwester!

„Sie haben es offenbar kapiert“, bemerkte Miranda, die Mühe hatte, ihre Aufregung zu verbergen. „Wirklich klug von Ihnen, Corin. Das sind Bilder von meiner Mutter. Sie war damals so alt, wie ich jetzt bin … also siebzehn.“

Corins Gesicht hatte einen beinahe furchterregenden Ausdruck angenommen. Ungewöhnlich bei einem so jungen Mann, dachte Miranda. Da kommt der Vater durch.

„Seien Sie einen Moment still“, befahl er.

Miranda wusste, wann es besser war zu gehorchen. Sie stand mit Corin Rylance nicht auf gleicher Stufe. Sie war ein Niemand. Er gehörte zur Creme der Gesellschaft, erbte ein Riesenvermögen und konnte sie in die größten Schwierigkeiten bringen.

„Welches Spiel treiben Sie?“, fragte er und sah sie durchdringend an. Kein Hauch von Wohlwollen lag in den dunklen Augen.

„Gar keins.“ Miranda hob hilflos die Hände. „Ich meine es bitterernst. Wir können das unter uns beiden abmachen, wenn Sie wollen. Ich kenne meine Mutter – Ihre Stiefmutter – gut genug, um zu wissen, dass sie ihre schmähliche Vergangenheit vor jedermann verschwiegen hat. Nicht zuletzt vor Ihrem Vater.“

„Wollen Sie Geld?“ Corins Miene drückte höchste Verachtung aus.

„Ich brauche Geld“, korrigierte sie ihn.

„Ah! Das ist freilich ein großer Unterschied!“

„Ich denke, Sie können es entbehren.“

„Tatsächlich?“ Seine Stimme troff vor Ironie. „Dann soll ich also von jetzt an für Sie sorgen? Ist das Ihr Plan? Dann lassen Sie sich folgenden Rat geben, der einem Schulmädchen noch nützlich sein kann. Erpressung ist ein schweres Verbrechen. Ich könnte Sie auf der Stelle der Polizei übergeben. Ein Anruf würde genügen.“

„Dieses Risiko bin ich eingegangen“, gab Miranda zu. „Allerdings würden Sie Ihrer Familie damit keinen Gefallen tun. Glauben Sie ja nicht, das hier fällt mir leicht. Ich bitte Sie nicht gern … ich muss es tun. Ihre Stiefmutter steht in meiner Schuld. Zu ihr kann ich nicht gehen … dazu verachte ich sie zu sehr. Sie hat mich verlassen, als ich nur wenige Wochen alt war.“

„Können Sie das beweisen?“, fragte Corin, ohne seine Betroffenheit zu verbergen. Die Geschichte passte zu Leila, da machte er sich nichts vor, denn sie dachte nur an sich selbst. Sogar sein Vater, der ihr sexuell verfallen war, war ihr gleichgültig. „Oder ist das Ganze nur ein Trick, um zu Geld zu kommen?“

„Das wäre schön dumm von mir“, erwiderte Miranda. „Ich bin weder eine Lügnerin noch eine Betrügerin. Natürlich habe ich Beweise.“ Plötzlich kamen ihr die Tränen. „Ich wuchs bei den Eltern meiner Mutter auf, hielt sie aber für meine eigenen. Inzwischen sind beide tot. Meine Großmutter starb erst vor Kurzem und sagte mir auf dem Totenbett die Wahrheit. Sie wollte schnell noch reinen Tisch machen. Ihre letzten Lebensjahre waren qualvoll. Sie hatte Krebs.“

Corin bemerkte die Tränen in ihren türkisfarbenen Augen, und sein Gesichtsausdruck wurde milder. „Es tut mir leid, Miranda“, sagte er, „aber Leila muss einen Grund für ihr Handeln gehabt haben. Immer vorausgesetzt, dass dies wirklich Fotos von meiner Stiefmutter sind. Es könnte eine Doppelgängerin sein.“ Das sagte er, ohne es zu glauben.

„Sie wissen, dass es Leila ist“, erklärte Miranda unbeirrt. „Ich sehe ihr sogar ein klein bisschen ähnlich, oder nicht?“

„Nein, nicht wirklich. Vielleicht das kleine Grübchen am Kinn … obwohl es bei ihr weniger ausgeprägt ist.“

„Dann gleiche ich wohl mehr meinem Vater.“ Der sehnsüchtige Ton in ihrer Stimme entging Corin nicht. „Dem großen Unbekannten. Meine Mutter wollte seinen Namen nie verraten. Wie auch immer … Ich besitze ein vollständiges Fotoalbum, falls Sie Lust haben, es anzusehen. Meine Großeltern waren wunderbare Menschen und vergötterten ihre Tochter. Das dankte sie ihnen, indem sie auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ihre eigene kleine Tochter kümmerte sie wenig. Ich war ein Fehler, der korrigiert werden musste. Sie gehörte zu den Frauen, die sich nicht mit einem unerwünschten Kind belasten wollen. Sie lief von zu Hause fort und kehrte niemals zurück. Nicht mal eine Postkarte schickte sie.“

„Sind Sie da sicher? Vielleicht hat Ihre Großmutter Ihnen nicht alles erzählt. Manche Menschen bewahren ihre Geheimnisse über den Tod hinaus.“

„Nicht meine Großmutter“, beharrte Miranda. „Ich habe sie geliebt und bis zu ihrem Ende gepflegt. Sie bat mich um Vergebung, und ich vergab ihr, weil sie so treu für mich gesorgt hatte. Das war nicht leicht, denn der Mensch, der mir am vertrautesten war, hatte mich belogen. Das wird mich mein Leben lang verfolgen.“

„Wahrscheinlich.“ Corin betrachtete ihr gesenktes Gesicht. Sie besaß im Gegensatz zu Leila, die auffallend volle Lippen hatte, einen hübschen, sehr fein geschnittenen Mund, den sie nicht geschminkt hatte. „Ich nehme an, Ihre Großmutter tat, was sie zu der Zeit für richtig hielt, und war später daran gebunden. Wo haben Sie gewohnt?“

„Im Hinterland der Gold Coast.“

„Eine schöne Gegend … ich kenne sie gut. Besaßen Ihre Großeltern dort eine Farm? Leila behauptet, gebürtige Neuseeländerin zu sein.“

Miranda winkte ab. „Das hat sie erfunden, um ihre Spuren zu verwischen. Inzwischen ist sie die Frau eines der reichsten Männer Australiens. Ein zweites Kind wollte sie nicht … darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Sie ist erst dreiunddreißig, aber Kinder würden ihren Lebensstil ruinieren.“

Corin kannte Leila gut genug, um dem zuzustimmen. „Meinem Vater gegenüber hat sie behauptet, sie könne keine bekommen“, meinte er nachdenklich.

„Da haben Sie es … die geborene Lügnerin! Aber Ihr Vater hat ja bereits Nachkommen: Ihre Schwester und Sie … den zukünftigen Erben.“

„Der bin und bleibe ich auch.“

„Warum ...

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