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Heimatkunde Ostwestfalen

 

 

Inhalt

 

1. Vorstellung

7

 

2. Ostwestfalen

13

 

3. Lippe

38

 

4. Bielefeld

54

 

5. Einheimische und Fremde

68

 

6. Glaubensfragen

80

 

7. Geld

87

 

8. Verkehr

92

 

9. Schönes

95

 

10. Bier

106

 

11. Küche

115

 

12. Identität

117

 

13. Ausblick

121

 

Register

125

 

 

— 1 —

 

Vorstellung

 

 

Ich bin in Gütersloh geboren. Ja, ich kenne die Witze über diese Stadt. Ich kenne den letzten Cowboy, der aus Gütersloh kommt. Und ich kenne diesen Witz: Treffen sich die Familien Mohn und Miele. Sagt Herr Miele: »Ich überlege, ganz Gütersloh zu kaufen.« Sagt Frau Mohn: »Wir verkaufen aber nicht.« Und ich weiß, dass sich der österreichsche Dichter Albert Paris Gütersloh nach dieser Stadt benannt hat.

Aufgewachsen bin ich in Verl, einem Dorf, das es jahrzehntelang zur Stadt bringen wollte und es im Jahr 2010 endlich geschafft hat. Verl war und ist um eine wichtige Kreuzung herumgebaut. Das Städtchen hat überdies einen Güterbahnanschluss. Ein Flughafen ist bisher noch nicht in Planung.

Um den alten Ortskern herum, in dessen Zentrum eine schöne, wuchtige und für die Gegend eher untypische klassizistische Hallenkirche steht, sind Siedlungen, Siedlungen und Siedlungen zu finden – viele oft erst vor wenigen Jahren entstanden. Verl liegt nahe Gütersloh und nahe Bielefeld. Fährt man gemütlich mit dem Fahrrad in egal welche Richtung, so radelt man schon nach wenigen Minuten durch Wiesen und an Gehöften vorbei. Dann ist man de jure noch immer in der Stadt Verl. Diese Stadt besteht aus dem alten Dorf, den genannten Siedlungen und mehreren alten Gehöften, die nun Stadtteile sind. Dazwischen liegen Ackerland, Wald, Wiesen. Die Stadt Verl ist sehr reich. Eines der größten kulturellen Ereignisse dort ist dennoch der monatlich stattfindende Hobbymarkt, ein ehemaliger Viehmarkt.

Ich bin in einer der Siedlungen groß geworden, unser Haus stand am Siedlungsrand. Wenn ich aus dem Küchenfenster unseres Hauses schaue, schaue ich noch immer auf eine Wiese, dahinter steht ein kleiner Kotten, wie alte Bauernhäuser hier genannt werden – man lebte in diesen Häusern mit dem Vieh gemeinsam unter einem Dach. Ich spielte mit den anderen Kindern mitten auf der Straße. Die Gefahr, überfahren zu werden, bestand nicht.

Ich wurde in die siebziger Jahre hineingeboren. Das bringt Vorteile mit sich: Ich habe das alte Ostwestfalen-Lippe noch erleben können und habe das neue, oft so pragmatisch-amtlich mit drei Buchstaben abgekürzte OWL entstehen sehen. Zwischen dem alten und dem neuen Regierungsbezirk gibt es viele Gemeinsamkeiten. Es gibt allerdings einige wenige Unterschiede. Diese sind wesentliche. Die enge Bindung an traditionelle Geschlechterrollen hat sich beispielsweise erst in den letzten zwanzig Jahren gelockert, seitdem etwa gilt es als halbwegs selbstverständlich, dass auch Frauen Auto fahren.

Ich bin in eine ostwestfälische Familie hineingeboren worden. Vater und Mutter sind keine Zugereisten, die Großmutter mütterlicherseits allerdings war eine Ostfriesin. Und eine lebenslustige Frau. Die Landarbeit behagte ihr weniger. Meine Großmutter sang gern. Das Unkrautzupfen erschien ihr nicht so wichtig. Sie hatte es schwer, obwohl ihr Gatte, mein Großvater mütterlicherseits, sie stets gegen alle Anwürfe verteidigte.

Meine Mutter kann ein wenig Plattdeutsch sprechen, mein Vater kann es fließend, doch da beide aus unterschiedlichen Dörfern kommen, sprechen sie ein sehr unterschiedliches Platt. Ich kann Plattdeutsch verstehen, doch kaum nachbilden. Und ich verstehe nicht jede Wendung, die die alten Leute benutzen. Der Generation der heute Neunzig- oder Hundertjährigen erschiene ich wahrscheinlich zunächst als eine Art Zugereister. Als ein durch Ort und Zeit Gefallener.

Doch kann ich mich hinreichend legitimieren. Ich bin der Sohn der Tochter von Theodor Kerkhoff. Für einige der Hiesigen bin ich somit, im Verler Idiom: Kerkhoffs Irmgard ihr Sohn. Denn meine Mutter ist in Verl, Ortsteil Bornholte, geboren.

Mein Familienname ist der meines Vaters, Heinrich Sundermeier. Der kommt aus einem Dorf, das ein paar Kilometer von dem Ort entfernt liegt, in dem er nun seit rund fünfzig Jahren mit meiner Mutter lebt. Meinen Familiennamen haben einige der ältesten Bewohner der Siedlung nie gekannt – oder nie kennen wollen. Durch meine Großeltern bin ich jedoch als Dorfkind anerkannt und mit einem Vertrauensvorschuss versehen. Ich gehöre dazu.

Viele Ostwestfalen haben sogenannte sprechende Nachnamen. Man heißt Schniedertüns, Roggenkämper, Samtenschnieder, Ottovordemgentschenfelde, Meier zu Verl oder eben Sundermeier. Einst sagte mir ein Namensforscher, und ich bin geneigt, das zu glauben, Sundermeier bedeute »besonderer Bauer«.

Ich lebe seit vielen Jahren in Berlin. Ich betreibe einen Verlag zusammen mit einem Ostwestfalen, er kommt aus dem Nachbardorf. Das Regionale verbindet. Mein Kollege und ich können uns oft ganz ohne Worte verständigen. Ostwestfalen wissen voneinander, wie sie funktionieren.

Der Begriff »Heimat« ist mir unheimlich – nicht nur, doch auch, da ihn Nationalisten aller Couleur ausgiebig für ihre mörderische Politik benutzt haben. Heimat, das klingt nach muffigen Stammtischen, nach Männergesangsverein, nach Scholle. Es klingt nicht nach Bildung, Aufbruch und Zukunft. Allerdings räume ich bereitwillig ein, dass jene Kultur, in die man hineingeboren ist, einen prägt. Im Schlechten wie im Guten. Ich sehe es an mir. Insofern ist eine Reflexion über Ostwestfalen-Lippe für mich auch eine Selbstvergewisserung.

Diese Region, die zunächst ja nichts anderes ist als der Regierungsbezirk Detmold, dem dieser Landstrich unterworfen ist, hat Eigentümlichkeiten, die mir vertraut sind. Wenn ich mit der Bahn durch die Region fahre, wenn ich meine Eltern oder alte Freundinnen und Freunde besuche, genieße ich das regional eingefärbte, breitgekaute Hochdeutsch, das der Menschenschlag, der in Minden oder in Rheda-Wiedenbrück zusteigt, spricht. Ich kenne die Arten und Unarten der Leute, die dort herumlaufen, ich habe Verständnis für sie. Für die Sturköpfigkeit. Für die Maulfaulheit. Für die leidenschaftlich ausgelebte Provinzialität. Ich liebe die Landschaft, die von Ackerbau geprägt ist und die fast ganz ohne allzu große Erhebungen und Seen auskommt.

Und ich habe, wie ich immer wieder verwundert feststellen muss, sehr viel mitgenommen aus Ostwestfalen-Lippe nach Berlin. Nicht nur die Liebe zu Bratwurst, Dömpern und Bier.

Das Wort Dömper muss hier erklärt werden – da nicht einmal die fleißigen Wikipediaisten wissen, was das sein könnte, und Suchmaschinen auf ungarische Seiten verweisen –: Dömper sind Stummel von bulligen Zigarren, das Wort wird heute auch manchmal für Zigaretten gebraucht. Dömper stinken und machen viel Rauch. Dömper passen wunderbar in einen großen runden Schädel und zwischen zwei vom vielen Schweigen dickgepresste Lippen.

In diesem Buch erinnere ich an Ereignisse, die den Landstrich Ostwestfalen und Lippe historisch geprägt haben bis hin zu dem, was die Gegenwart prägt. Ich nutze meine eigenen Erinnerungen und greife auf Geschichten zurück, die mir andere erzählt haben. Ich kann mich also hie oder da irren. Auch diese Irrtümer sind, hoffe ich, aussagekräftig, weil Vorstellungen von den Dingen manchmal mehr über sie erzählen als die Dinge selbst.

Und da ich nun mal ein Ostwestfale bin, es also nicht gut »abkann« (leiden mag), wenn einer zu lang über sich selbst redet, soll in den folgenden Kapiteln nur da, wo es sich nicht vermeiden lässt, von mir die Rede sein.

 

 

— 2 —

 

Ostwestfalen

 

 

Die Region Ostwestfalen ist, wie jede Verwaltungseinheit, eine Erfindung. Sie wurde nach Belieben festgelegt. Allerdings hat Ostwestfalen, anders als andere Regionen, tatsächlich nicht einmal eine irgendwie herbeikonstruierbare historische Herkunft, es ist einfach nur da. Ostwestfalen ist nichts als eine Verwaltungseinheit innerhalb eines Regierungsbezirkes.

Was aber macht diese Verwaltungseinheit aus? In einer Anthologie schrieb die Autorin Judith Berges vor einigen Jahren: Der Name der Region spricht für sich: Ostwestfalen-Lippe. Nichts an diesem Namen scheint für sich selbst stehen zu können. Nicht Falen, sondern Westfalen, nicht Westfalen, sondern, schönes Paradox, Ostwestfalen. Und nicht einmal das ist Festlegung genug. Das alles zusammen klingt nach Süd-Nord-Wind und einer kaum kaschierten Ortlosigkeit.

Der Name der Region ist jedoch kein Paradox, denn er bezeichnet ganz sachlich den Osten Westfalens, dem die Region zuletzt zugeschlagen wurde. Doch es klingt paradox, in Ostwest zu leben. Und es ist typisch für den hier lebenden Menschenschlag. Der Versuch, sich anders zu definieren als nur über seinen Hof, seinen Flecken, sein Dorf, seinen Stadtteil oder sein Einsiedlerhäuschen mitten im Wald, scheitert. So entstand bei der Gebietsdefinition nichts als ein unauflösbarer Widerspruch, ein Paradoxon eben.

Die Region, die heute Ostwestfalen heißt, entspricht dem früheren Regierungsbezirk Minden, bevor dieser 1947 auf Betreiben der britischen Besatzungsmacht die Region Lippe schluckte – oder bevor Lippe den Regierungsbezirk Minden schluckte. Über den genauen historischen Verlauf streiten die Lokalpatrioten noch.

Ostwestfalen ist genau genommen der Nordosten Westfalens und mindestens so nördlich wie östlich. Die, die den Namen schließlich aufbrachten, müssen restlos amusische Bürokraten gewesen sein. Sonst wäre ihnen der Unfug, den die beiden Silben »Ostwest« in Kombination darstellen, aufgefallen.

Und nicht einmal der Bezug auf Westfalen ist ein wirklich aus der Historie belegbarer, erst in den letzten zweihundert Jahren schlug man die heutige Region Ostwestfalen eindeutig Westfalen zu, vorher war das Westfalentum dieses Landstriches mehr als strittig. Zu Recht – denn schaut man sich heute in Münster oder Dortmund um, oder meinethalben in Beckum und Warendorf, so sieht man deutliche Unterschiede. Westfalen, also wirkliche Westfalen, sind sich ihres Westfalentums sicher. Über Ostwestfalen kann man das nicht sagen. Die Sprache, also ihr Name, hat offensichtlich ihr Sein geprägt – ein sehr gespaltenes Sein.

Ostwestfalen hat immerhin einige Städte aufzuweisen, die geschichtlich sehr bedeutsam sind. Allen voran ist die erzkatholische Großstadt Paderborn zu nennen. Die Domstadt wurde früh einflussreich, im Jahr 776 richtete sich hier Karl der Große ein, ein Jahr später fanden der erste Reichstag und eine Missionssynode in Paderborn statt. Auf diese Weise kam die Stadt mit den nahezu unbegrenzt vielen Quellen des dann letztendlich nur wenige Kilometer langen Flüsschens Pader zu ihrer ersten namentlichen Erwähnung in den Annalen der Weltgeschichte.

Nicht wenige Paderborner übrigens glauben, Paderborn sei die zweitliebste Stadt des großen Karls gewesen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, doch vor gut anderthalb Jahrtausenden war das frischgegründete Paderborn auf dem Höhepunkt seiner Macht. Von dieser Feste aus trieb Karl der Große die Christianisierung im damaligen Sachsenreich voran. Doch allem bewaffneten Christentum zum Trotz ist das ehemalige Fürstbistum Paderborn nie wieder derart mächtig geworden.

Zu Füßen des nach dem Zweiten Weltkrieg erst langsam wieder aufgebauten Doms findet sich, von einem Treppenabsatz aus grauem Beton unschön eingefasst, ein sehr alter steinerner Thronfuß. Stand hier einst der Thron des Frankenfürsten? Das wurde den historisch Interessierten zumindest eine Zeitlang suggeriert. Man lugt dort durch Scheiben auf diese Hinterlassenschaft, mithin auf die Geschichte. Doch die Geschichte antwortet nicht.

Psst, Karl schläft, hatte ein kluger Witzbold vor vielen Jahren auf die Scheiben gesprüht. Der Spruch war sehr lange zu lesen.

Meine Eltern fuhren am Sonntag gern nach Paderborn, mein Vater liebte es. In der Stadt musste man aber sowieso zu Libori gewesen sein – zumindest als katholischer Ostwestfale.

Libori ist eine Kirmes mit langer Tradition. Den Anlass für das Volksfest bietet die Überführung der Gebeine des heiligen Liborius aus dem fränkischen Lothringen nach Paderborn, die im neunten Jahrhundert erfolgte und einen Liborius-Kult im jungen sächsischen Bistum entstehen ließ. Um den 23. Juli, den Festtag des Heiligen, beginnt das Fest. Würdevoll tragen die Würdenträger der würdigen Kirche einen würdigen goldenen Reliquienschrein am ersten Libori-Samstag durch die Stadt, am darauffolgenden Sonntag bringt, nicht minder würdig, eine von Schützenbrüdern begleitete Prozession den Schrein wieder in den Dom. Die zugehörige Kirmes ist riesig, und in der Stadt, in der es, soweit ich mich erinnern kann, fast immer regnet, sind Tausende auf den Straßen und wirklich ausgelassen – zumindest so lange, bis sie es mit der Ausgelassenheit übertrieben haben.

Nach den tollen Tagen stehen den vielfachen Sündern die unzähligen Kirchen der Stadt zur Beichte offen. Das Katholikenleben in der alten, noch immer sehr, sehr streng katholischen Stadt ist zwar um einiges weniger sinnlich als in vergleichbaren Katholenhochburgen im Süden Deutschlands, doch die Institution der Beichte kommt auch hier zu ihrer Berechtigung.

In Paderborn finden sich rund um die Altstadt auffallend viele Reste der Stadtmauer. Paderborn hat sich über Jahrhunderte gut abgeschottet. Altes, dunkles Gemäuer ragt in den Himmel, bei Sonnenuntergang wirkt es in manchen ecken beinahe gruselig.

So etwa auf dem Parkplatz neben der Paderhalle am Maspernplatz – einer Multifunktionshalle, die vergleichbaren Bauten, die in den siebziger und achtziger Jahren in deutschen Städten gebaut wurden, in puncto Einfallslosigkeit in nichts nachsteht. Meine Eltern parkten hier ihren Wagen. Am Rand des Parkplatzes stand einer der alten Wehrtürme nebst Stadtmauerrest. Als Kind glaubte ich, dass hinter den vergitterten Fenstern dieses merkwürdigen, trotz seiner Zerstörtheit noch immer martialischen Turms aus dem Mittelalter böse Menschen oder Gespenster versteckt seien – offensichtlich eine negative Auswirkung der vielen Märchenfilme, die ich damals im Fernsehen sah.

Auch sonst haben alte Mauern große Bedeutung in Paderborn, und das, obwohl dieser Ort im März des Jahres 1945 mehrfach schwer bombardiert worden ist – die alliierten Truppen wollten den Krieg endlich beenden und alle denkbaren Nachschubwege zerstören – und Paderborn war auch eine Garnisonsstadt. Das Bombardement ließ die Stadt in Schutt und Asche fallen, doch zugleich legte es altes Gemäuer wieder frei. Auch daher verzögerte sich der endgültige Wiederaufbau des Doms so lange.

Paderborn ist voll von Geschichte, unter jedem Haus in der Altstadt darf man archäologische Schätze vermuten. Und die Geschichte dieser Stadt ist vor allem eine der Abwehr. Eine Abwehr, die bis heute vorherrscht. Noch immer wird in Teilen Paderborns erbittert gegen die Reformation und gegen die Aufklärung gekämpft.

Trotz der schweren Bombenangriffe haben sich rings um die Innenstadt die meisten alten Kasernen erhalten – und Kasernen gab und gibt es im Umfeld Paderborns massenhaft. Nicht nur solche der Bundeswehr.

Wenn es in Nordirland zu größeren Auseinandersetzungen zwischen der IRA und der britischen Armee kam, wurden die Tore rund um den militärisch genutzten Teil des Sennegebietes für alle geschlossen. Die British Army, so munkelte man, übe in der Senne den Häuserkampf, dem sie sich dann in Belfast und Umgebung stellen musste. Heutzutage scheint es um Afghanistan und den Irak zu gehen.

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