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Heimat-Roman Treueband 25 - Sammelband

Sissi Merz, Christa Riedling, Andreas Kufsteiner, Verena Kufsteiner

Heimat-Roman Treueband 25 - Sammelband

Inhalt

Sissi Merz
Alpengold - Folge 183
Ganz allein steigt die schöne Wanninger-Barbara ins Tal hinab, um in der kleinen Kapelle Abschied zu nehmen - Abschied von einem Glück, das lange schon verloren ist: Unter den gütigen Augen der alten Madonna hat Barbara hier einst ihrer großen Liebe Tobias ewige Treue geschworen - wie er ihr. Aber bald nach der Hochzeit ist der junge Geologe zu einer Forschungsreise aufgebrochen, um nie zu ihr und ihrem kleinen Sohn zurückzukehren!

Fünf lange Jahre hat Barbara vergeblich gewartet, gebetet und gehofft - nun ist's genug! Jetzt will sie ihrem Leben endlich eine neue Richtung geben und das unselige Band zerschneiden, das sie an einen Lügner kettet ...

Noch in derselben Nacht schreibt sie einen Brief an ihren Mann, in dem sie ihn um die Scheidung bittet. Doch damit tritt sie eine Lawine des Schicksals los, die ihr Lebensglück und das ihres Kindes unter sich zu begraben droht ...


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Christa Riedling
Bergkristall - Folge 264
Ausgerechnet in Renate Dünninger hat sich der fesche Ammendörfer-Sohn verliebt. Dabei sind sich beider Familien schon seit Jahren spinnefeind. Aber für Andreas ist das kein Hindernis. Er fasst sich ein Herz und geht zum Dünninger-Hof, um den Familienzwist zu schlichten und um Renates Hand anzuhalten.

Wider Erwarten hat Renates Vater nichts gegen die Heirat einzuwenden. Nur eine Bedingung stellt er: Der Ammendörfer-Hof soll noch vor der Hochzeit auf Andreas überschrieben werden.
Die anfängliche Freude der beiden Liebenden verwandelt sich bald in großes Leid, als sie erkennen, dass diese Bedingung eine Falle ist ...


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Andreas Kufsteiner
Der Bergdoktor - Folge 1723
Die Jeggl-Alma, die Inhaberin und gute Seele des kleinen Gemischtwarenladens in St. Christoph, ist krank. In ihrem Laden ist sie zusammengebrochen und Dr. Burger musste sie in seiner "Miniklinik" notoperieren. Nun ist sie auf dem Weg der Genesung, aber bis sie wieder in ihrem Laden stehen kann, ist es noch ein weiter Weg.

Zum Glück hat sie eine Vertretung gefunden: Peter, ihr Neffe, erklärt sich spontan bereit, auszuhelfen. Die Kunden - vor allem die weiblichen - sind begeistert von dem charmanten jungen Mann, mit dem es sich so herrlich flirten lässt. Doch das fröhliche Lachen verstummt schlagartig, als plötzlich die schöne Witwe vom Gerlinger-Hof den Laden betritt.

Es ist das erste Mal seit Monaten, dass man sie im Dorf sieht ...


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Der Bergdoktor - Folge 1724
Betroffen hört Lorenz Reinberger zu, als die schöne Hoftochter Katja ihm ihr Herz ausschüttet. Nun weiß er also, warum sie oft so blass und traurig aussieht. Sie ist eine Verlassene, deren Brautschleier ungetragen im Schrank hängt.

Behutsam zieht er sie an sich, und Katja glaubt zu träumen. Doch sie wagt nicht, ihm zu sagen, dass ihr Herz längst nicht mehr der verlorenen Liebe nachweint, sondern sich vor Sehnsucht nach ihm verzehrt. Was aber empfindet Lorenz für sie?

Mit den nächsten Worten zerstört er ihre heimliche Hoffnung. Es ist Mitleid! Nichts als dieses erbärmliche Mitleid mit ihr, der "sitzen gelassenen Braut vom Dehner-Hof" ...


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Verena Kufsteiner
Das Berghotel - Folge 120
Seit einem großen Streit vor einem Jahr hat die neunzehnjährige Kerstin Härtl keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester Laura. Sie leidet sehr darunter, schließlich standen sie einander früher so nah. Umso entsetzter reagiert sie, als sie eines Tages einen Anruf aus der Salzburger Uniklinik erhält und erfährt, dass Laura nach einem schweren Autounfall im Koma liegt. Da sie ungebremst in einen Brückenpfeiler gefahren ist, vermutet der behandelnde Arzt, dass sie sich absichtlich etwas antun wollte.

Kerstin ist wie vor den Kopf geschlagen. Ihre Schwester war doch immer ein so fröhlicher und optimistischer Mensch! Was könnte sie zu einer solchen Verzweiflungstat getrieben haben? Wodurch hat sie sich so verändert?

Ihre Suche nach Antworten führt Kerstin ins Zillertal nach St. Christoph. Vieles deutet darauf hin, dass Laura ein Geheimnis verbarg, welches sich hier auflösen könnte.

An einem schönen Sommertag macht Kerstin dann tatsächlich eine furchtbare Entdeckung, die ihr erbarmungslos vor Augen führt, was ihrer Schwester widerfahren ist. Der jungen Frau bleibt jedoch nicht viel Zeit, dieses schreckliche Wissen zu verarbeiten, denn plötzlich schwebt sie selbst in größter Gefahr ...


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Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Glücklich ist, wer vergeben kann
  4. Vorschau

alpengold-schriftzug
bluemchen

Glücklich ist, wer vergeben kann

Ein einziges Mal brach er den Treueschwur

Von Sissi Merz

Ganz allein steigt die schöne Wanninger-Barbara ins Tal hinab, um in der kleinen Kapelle Abschied zu nehmen – Abschied von einem Glück, das lange schon verloren ist: Unter den gütigen Augen der alten Madonna hat Barbara hier einst ihrer großen Liebe Tobias ewige Treue geschworen – wie er ihr. Aber bald nach der Hochzeit ist der junge Geologe zu einer Forschungsreise aufgebrochen, um nie zu ihr und ihrem kleinen Sohn zurückzukehren!

Fünf lange Jahre hat Barbara vergeblich gewartet, gebetet und gehofft – nun ist’s genug! Jetzt will sie ihrem Leben endlich eine neue Richtung geben und das unselige Band zerschneiden, das sie an einen Lügner kettet …

Noch in derselben Nacht schreibt sie einen Brief an ihren Mann, in dem sie ihn um die Scheidung bittet. Doch damit tritt sie eine Lawine des Schicksals los, die ihr Lebensglück und das ihres Kindes unter sich zu begraben droht …

Golden stieg die Sonne über die Spitze des Stocker. Ihr Licht färbte den klaren Winterhimmel in einem hellen Blau und ließ das tief verschneite Tal von Mühldorf märchenhaft glitzern und schimmern. Es war Winter im oberbayerischen Land, die Berge trugen dicke weiße Mützen, die Nächte waren bitterkalt und die Tage erfüllt von strahlendem Sonnenschein. Seit Wochen war es nun beständig im Tal von Mühldorf nahe Bayerischzell.

In dem idyllisch gelegenen Dorf am Fuße des Wendelstein gab es mehrere Fremdenpensionen. Es war ein beliebtes Ferienziel, die Gäste kamen, um die schönen Abfahrten am nahen Stocker zu nutzen oder den endlos scheinenden Langlaufloipen zu folgen, die zwischen hohen Tannen und dem zugefrorenen Vogelsee durch die majestätische Berglandschaft führten.

In Mühldorf hatte man sich schon früh auf den Fremdenverkehr verlegt. Es gab zwar auch noch mehrere Bauern, doch die meisten Menschen im Tal lebten vom Tourismus. Doch man hatte hier aus den Fehlern der anderen Ortschaften gelernt. Riesige Bettenburgen oder Skilifte, die nur als Naturfrevel zu bezeichnen waren, suchte man in Mühldorf vergebens.

Der kluge Ortsvorsteher setzte auf den sanften Tourismus und fuhr damit seit Jahren gut.

Die Menschen im Tal hatten ihr Idyll erhalten und waren zugleich mit der Zeit gegangen. Ein Spagat, der weiß Gott nicht überall im schönen Bayernland geglückt war.

Doch die Mühldorfer gaben etwas auf ihre Tradition und waren im besten Sinne des Wortes bodenständig.

Das galt auch für den Berghof oberhalb des Dorfes. Der Schöntaler-Hof war seit Jahrzehnten bei Feriengästen bekannt und beliebt. Im Sommer kamen Kraxler und Bergwanderer, im Winter Skiläufer oder einfach nur Menschen, die es sich bei Hüttenromantik und großartigem Panorama gut gehen lassen wollten. Und das konnte man auf dem Schöntaler-Hof.

Vor über zwanzig Jahren hatten Vroni und Sepp Schöntaler es gewagt, ihr Leben ganz umzukrempeln. Sie hatten die unrentabel gewordene Almwirtschaft aufgegeben, den Hof zur Fremdenpension umbauen lassen und sich dann auf die herrliche Landschaft verlassen, die schon lange als Touristenmagnet wirkte.

Freilich hatte es eine gewisse Anlaufzeit gebraucht, bis der Berghof richtig bekannt geworden war. Doch mit ausgesucht freundlichem Service und einer herzlichen Ursprünglichkeit, wie man sie sonst in Hotels und Pensionen kaum fand, hatten die Schöntalers es schließlich geschafft.

Mittlerweile waren Vroni und Sepp im Ruhestand. Sie hatten sich einen Traum erfüllt und verbrachten ihren Lebensabend auf der Sonneninsel Mallorca. Vor gut fünf Jahren hatte ihre Tochter Barbara den Berghof übernommen und führte diesen nun ebenso erfolgreich weiter.

Zu dieser Zeit hatte das bildschöne blonde Madel mit den klaren, himmelblauen Augen auch ihr privates Glück gefunden oder es zumindest geglaubt. Barbara hatte sich damals in den feschen Geologen und Profikraxler Tobias Wanninger verliebt. Tobias stammte nicht aus der Gegend, er war bei einer Klettertour im Berghof abgestiegen, und es hatte bereits auf den ersten Blick zwischen ihm und Barbara gefunkt.

Das schöne Madel hatte viele Verehrer gehabt, die Burschen in Mühldorf waren Barbara rudelweise nachgelaufen, allen voran der Sohn vom Nachbarhof, Sebastian Lohmeier. Sie hatte sich noch nicht so recht entscheiden können, genoss die Bewunderung der Burschen.

Mit Tobias aber war alles ganz anders gewesen. Er war ihre große Liebe und sie für ihn die Erfüllung. Ihre Herzen hatten sich bereits im ersten Augenblick einander zugeneigt, es war eine Liebe, wie man sie nur einmal im Leben finden kann.

Doch es hatte auch Schattenseiten gegeben, denn Barbara hatte gleich gespürt, wie wichtig Tobias das Kraxeln und auch sein Beruf als Geologe waren. Beides hatte bis zu diesem Zeitpunkt die Hauptrolle in seinem Leben gespielt. Er war viel gereist, hatte überall auf der Welt Gipfel bezwungen und war alles andere als ein bodenständiger Typ.

Trotz aller Bedenken hatte aber die Liebe den Ausschlag gegeben. Bevor Barbara Tobias das Jawort gab, hatte er einen besonderen Treueschwur abgelegt, um sie von der Ernsthaftigkeit seiner Gefühle zu überzeugen. Er hatte ihr in der kleinen Kapelle von Mühldorf geschworen, sein Leben mit ihr zu teilen, ihr immer treu zu bleiben und nie etwas über ihre Zweisamkeit zu stellen. Und er hatte es wirklich ernst gemeint.

Die erste Zeit nach der großen Hochzeitsfeier auf dem Berghof war für beide das pure Glück gewesen. Nachdem Vroni und Sepp ihnen den Hof übergeben hatten, entwickelte Tobias den Ehrgeiz, ein richtiger Berghofwirt zu werden. Er wollte es Barbara in allem recht machen und sie glücklich sehen.

Doch schon nach wenigen Monaten war ein Schatten auf das junge Glück gefallen. Tobias hatte die Chance erhalten, an einer Expedition in den Himalaya teilzunehmen. Dies hatte bedeutet, dass er gleich zwei seiner Leidenschaften widerstehen sollte: dem Kraxeln wie der Gletscherforschung.

Barbara hatte ihrem Mann die Wahl gelassen. Ihr war damals durchaus bewusst gewesen, dass diese Gelegenheit nicht einmalig bleiben würde. Sie hatte Tobias zu nichts zwingen wollen, hatte ihn nur an seinen Treueschwur erinnert. Dass sie in der Hoffnung stand, hatte sie für sich behalten.

Schließlich war das Locken der Ferne stärker gewesen als alles andere. Tobias war gegangen, hatte Barbara und den Berghof verlassen, um seiner Berufung zu folgen.

Es hatte ihr das Herz gebrochen, lange Zeit war die junge Frau wie krank gewesen vor Sehnsucht und Kummer.

Doch dann hatte sie einem kleinen Buben das Leben geschenkt, und dadurch hatte auch ihr Dasein einen ganz neuen Sinn erhalten.

Fünf Jahre waren seither vergangen. Barbara hatte sich zu einer tüchtigen Berghofwirtin entwickelt, sie war bei den Feriengästen beliebt und hatte ihr Leben im Griff. Ihr kleiner Sohn Peter ging mittlerweile in den Kindergarten in Mühldorf und war ein richtiger Sonnenschein.

Von Tobias kamen regelmäßig Briefe, die Barbara zwar las, aber nie beantwortete. Sie sehnte sich noch immer nach ihrem Mann, der einen unverrückbaren Platz in ihrem Herzen einnahm. Doch sie glaubte nicht mehr daran, dass Tobias eines Tages heimkommen würde. Die weite Welt war sein Daheim, seine Berufung schien ihm wichtiger zu sein als seine Gefühle für sie.

Die junge Berghofwirtin war nicht verbittert und fühlte sich auch nicht einsam. Nur nachts, wenn sie allein in ihrer Kammer im Bett lag, dann kehrten die Gedanken zu Tobias zurück und die Sehnsucht ließ sie manch stille Träne vergießen …

An diesem klaren und sonnigen Wintermorgen war Barbara wie stets zeitig auf den Beinen. Sie kümmerte sich darum, dass die Gäste pünktlich ihr Frühstück bekamen und alles reibungslos ablief.

Längst war Barbara kein junges Madel mehr, sie ging auf die dreißig zu, war eine gestandene Frau. Und doch sah sie noch sehr jung aus, zart und so bildhübsch, dass es manchem männlichen Logiergast bei ihrem Anblick glatt den Atem verschlug. Momentan wohnte ein Gast aus München im Berghof, der ganz ungeniert mit der schönen, ledigen Wirtin flirtete.

Barbara ging bis zu einem gewissen Grad auf sein Geplänkel ein, wies ihn aber stets auch in seine Schranken. Sie hatte genug Selbstbewusstsein entwickelt, um sich durchsetzen zu können.

Gegen halb acht weckte sie Peter, damit er rechtzeitig in den Kindergarten kam. Manchmal tat es Barbara fast weh, wie ähnlich der Bub seinem Vater sah. Obwohl er die blonden Locken der Mutter geerbt hatte, waren seine feinen Gesichtszüge und die klaren Augen doch wie ein Abbild ihres Mannes. Und wenn Peter lachte, dann war es ihr beinahe, als wäre Tobias wieder bei ihr.

Der Bub war bereits munter und sprang fröhlich aus dem Bett. Peter war ein Frühaufsteher, und er liebte den Winter. Wenn draußen richtig viel Schnee lag, dann war er in seinem Element.

»Heut bauen wir im Kindergarten wieder einen Schneemann«, erzählte er seiner Mutter bei Kakao und Cornflakes. »Das macht Spaß! Vielleicht darf ich die Nase in sein Gesicht stecken.« Er lachte. »Die Franzi bringt gewiss eine Karotte dafür mit!«

Franziska Baumann war die Kindergärtnerin, Peter liebte sie heiß und innig. Sie hatte ein besonderes Händchen für die Kleinen und immer Ideen, die bei den Kindern ankamen.

»Das wird gewiss ein Spaß, aber vergiss net die Handschuhe!«, erinnerte Barbara ihren kleinen Sohn, der im Eifer des Gefechts auch mal ohne Jacke nach draußen lief. Peter erschien diese Mahnung jedoch offenbar ganz überflüssig.

»Freilich denk ich dran, Mama, keine Sorge. Ich bin ja kein Baby mehr, gelt?«

Die junge Frau musste schmunzeln. »Nein, das bist du nimmer. Doch jetzt komm, wir müssen los, sonst wird es zu spät.«

»Heut Abend kommt der Onkel Sebastian vorbei, gelt?«, meinte Peter, während er seine Jacke überzog. »Er muss mir bei dem Puzzle helfen, allein krieg ich das nie fertig.«

»Das hat er versprochen, und das wird er auch halten«, war Barbara überzeugt.

Sebastian Lohmeier war in den vergangenen Jahren so etwas wie ein Ersatzvater für den Buben geworden. Er konnte gut mit Peter umgehen, und der Bub mochte ihn. Wenn sie manchmal am Abend in der guten Stube beisammen saßen, hätte man sie für eine kleine, glückliche Familie halten können …

Wenig später setzte Barbara ihren Sohn am Kindergarten ab und machte noch einen Abstecher zum Kramladen. Nachdem sie eingekauft hatte, was fehlte, ging es schnurstracks zurück zum Berghof, wo eine Menge Arbeit auf sie wartete.

Barbara war sehr gewissenhaft und überließ nichts dem Zufall. Die tüchtige Berghofwirtin legte Wert darauf, stets alles im Griff zu haben. Zumindest auf dem Berghof sollte es keine Beanstandungen geben und alles wie am Schnürchen laufen, auch wenn Barbara in ihrem Leben sonst leider nicht alles so beeinflussen konnte, wie sie es sich gewünscht hätte …

***

»Mei, Frau Wanninger, ein Glaserl Wein könnten wir aber doch noch zusammen trinken. Wenn Sie mir heut Abend schon wieder einen Korb verpassen, werde ich depressiv.« Markus Theis, der Gast aus München, lächelte Barbara jungenhaft zu. »Na, wie ist es? Nur auf ein Viertelstündchen?«

Die junge Frau erwiderte sein Lächeln bedauernd.

»Es tut mir leid, Herr Theis, ich muss mich um meinen Sohn kümmern. Und ein ganz klein wenig Privatleben werden Sie mir gewiss auch zugestehen, net wahr?«, fragte sie freundlich.

Der Gast seufzte. »Na schön, ich seh schon, ich kann net bei Ihnen landen. Dann werde ich dem Berghof heut Abend wohl untreu und fahre hinunter ins Tal. Vielleicht vergesse ich beim Tanz in der Pension Rosi ja meine unerfüllte Sehnsucht.« Wieder seufzte er. »Wenigstens für diesen Abend …«

Barbara musste schmunzeln, denn der Gast trug wirklich etwas dick auf. Zum Glück kam gerade Sebastian Lohmeier in die kleine Empfangshalle des Berghofs. Als er Markus Theis gewahrte, verschloss sich seine Miene. Er trat an die Rezeption und übersah den Münchner geflissentlich, während er Barbara fragte: »Ist der Peter noch wach? Tut mir leid, aber ich hab’s net früher geschafft.«

»Geh nur nach hinten durch, ich komme gleich«, erwiderte sie vertraulich. Und an den Gast gewandt: »Dann noch viel Spaß im Tal, Herr Theis, und einen schönen Abend.«

Dieser verzog enttäuscht den Mund und murmelte: »Ach, so ist das. Na, da kann man wohl nix machen.«

Barbara folgte gleich darauf Sebastian in ihre private Wohnung. Diese lag im Erdgeschoss, sodass die Berghofwirtin immer greifbar war, wenn sie gebraucht wurde. An diesem Abend war und blieb aber alles ruhig. Peter hatte in der guten Stube auf den Besucher gewartet, sein Puzzle war ungefähr zur Hälfte gelegt und nun kam er beim besten Willen nicht weiter. Als Barbara die Stube betrat, hatte Sebastian sich bereits zu ihrem Sohn gesetzt und betrachtete aufmerksam die Puzzleteile.

Die junge Frau holte eine Flasche Wein und etwas Knabberzeug aus der Küche und gesellte sich dann zu den beiden.

»Mei, war das heut ein Stress!«, seufzte Sebastian und fuhr sich durch sein dichtes, dunkelblondes Haar. »Der Viehdoktor war den halben Vormittag da, gleich zwei Kühe mit Kolik. Der Vater hatte wieder das Reißen im Kreuz. Und die ganze Schreiberei ist liegen geblieben. Dabei braucht der Steuerberater die Unterlagen fürs Finanzamt. Ich weiß gar nimmer, wo mir der Kopf steht. Und du schaust aus wie der junge Morgen, Babsi. Wie machst du das nur? Ich wette, du warst heut mindestens so fleißig wie ich.«

Sie lachte und trank einen Schluck Wein.

»Die Arbeit hält mich in Schwung«, scherzte sie dann und legte ein Puzzleteil an die richtige Stelle. »Stress kenn ich net. Mir macht es erst Spaß, wenn ich viel zu tun hab.«

»Noch ein Satz und ich wiederhole meinen Heiratsantrag«, ging er auf ihren lustigen Tonfall ein.

»Hört halt auf mit dem Schmarrn«, bat Peter da konzentriert. »Wie soll man sich denn das Bild richtig vorstellen, wenn da allerweil geflirtet wird?«

»Was sind denn das für Ausdrücke?«, wunderte Barbara sich. »So was lernt man aber net im Kindergarten, oder?«

Peter bekam rote Ohren und grinste verschämt.

»Na, das net. Aber im Fernsehen schon«, gab er zu und ärgerte sich, als die Erwachsenen lauthals lachten. So ging es in fröhlicher Manier weiter, bis dem Buben allmählich die Augen zufielen. Peter wollte aber nicht ins Bett, bevor das Puzzle fertig war. Er entwickelte einen rechten Ehrgeiz, den seine Mutter schließlich mit einer strengen Ermahnung beendete.

»Ich komme gleich und sag dir Gute Nacht«, versprach sie. »Und ich seh auch hinter den Ohren nach, ob du dich gewaschen hast.«

Peter verzog den Mund und murmelte: »Immer diese Drohungen.«

Nachdem der Bub sich von Sebastian verabschiedet hatte, meinte dieser: »Das Peterle ist schon ein aufgewecktes Kind. Du kannst wirklich stolz auf ihn sein, Babsi.«

»Ja, das bin ich auch. Aber manchmal ist er doch recht anstrengend und sehr lebhaft.« Sie schenkte Wein nach und bat: »Setz dich ruhig schon mal aufs Sofa und mach es dir bequem. Ich schau kurz nach dem Buben, dann bin ich wieder da. Magst du sonst noch was essen?«

»Nein, dank schön, ich bin wunschlos zufrieden«, versicherte er ihr lächelnd. »Das heißt, wenn du wieder bei mir bist.«

Sie erwiderte sein Lächeln und verließ die gute Stube. Es war schön, wenn Sebastian da war. Sie verstanden sich noch immer so gut wie früher. Aber es war auch anders, denn Barbara wusste, dass der Jungbauer sie lieb hatte und heiraten wollte. Sie mochte ihn, doch ob sie seine Gefühle jemals auf die gleiche Weise würde erwidern können, das wagte sie zu bezweifeln.

Ihr Herz gehörte Tobias, daran würde sich vermutlich nie etwas ändern. Sebastian war da aber anderer Meinung. Sie hatten schon öfter über dieses Thema gesprochen, ganz offen und ohne falsche Rücksichten. Der Nachbar akzeptierte ihre Gefühle. Dass sie überhaupt an eine neue Bindung dachte, lag vor allem an Sebastians Verständnis und seiner Geduld. Und wohl auch ein wenig daran, dass er zu ihr gesagt hatte: »Ich glaube, meine Liebe, die reicht für uns beide. Ich werde dir gar keine andere Wahl lassen, als mit mir glücklich zu werden.«

Das hatte sie gerührt und in ihrem Herzen auch einen kleinen Platz für ihn frei werden lassen. Nicht viel, aber doch ein Anfang, auf den man bauen konnte …

»Wird der Onkel Sebastian mein Vater?«, fragte Peter an diesem Abend, schon im Halbschlaf. »Das wär schön …«

»Mal sehen«, wich seine Mutter aus und drückte ihm ein Busserl auf die Stirn. »Aber jetzt musst du schlafen, Schatzerl. Bis morgen und träum was Schönes …«

Sebastian lächelte, als Barbara sich wieder zu ihm gesellte. Sie ließ es zu, dass er ihr ein Busserl auf die Wange drückte und einen Arm um ihre Schultern legte.

Als sie dann so gemütlich zusammensaßen, fragte er: »Hast du dich schon entschlossen wegen der Scheidung?« Er merkte, dass sie sich versteifte, und fügte gleich hinzu: »Freilich eilt es net. Aber ich hatte den Eindruck, dass du auch reinen Tisch machen willst. Es hat doch keinen Sinn mehr, eine Ehe aufrechtzuerhalten, die seit fünf Jahren nur auf dem Papier existiert.«

»Ich hab bis jetzt keinen Grund gesehen, etwas daran zu ändern«, wich Barbara aus, denn sie wollte jetzt nicht unbedingt über dieses wenig erfreuliche Thema reden.

Sebastian war allerdings nicht sensibel genug, um den Wink zu verstehen. Oder aber er wollte ihn nicht verstehen.

»Ich finde schon, dass es genügend Gründe dafür gibt«, beharrte er. »Es sei denn, du nimmst das, was ich gesagt habe, nicht ernst. Aber ich kann dir versichern, dass ich net zum Spaß einen Heiratsantrag mache.«

»Das hab ich auch net angenommen.« Sie schaute ihn unsicher an. »Schau, Bastian, es ist net ganz leicht für mich.«

»Du hast den Tobias nach wie vor lieb, mich aber nicht, das weiß ich. Und wenn du dich nicht von ihm scheiden lässt, dann wird sich daran wohl auch kaum etwas ändern. Ich weiß, dass ich dich glücklich machen könnte. Du musst mir nur die Chance dazu geben. Oder hast du es dir anders überlegt?«

Sie lächelte verschämt. »Nein, freilich net. Ich weiß schon, was ich an dir habe. Du warst in den letzten Jahren immer für uns da. Und der Peter hängt an dir wie an einem Vater. Aber das bist du nun mal net.«

»Glaubst du, Tobias wird irgendwann zurückkommen?«

Sie senkte den Blick. »Wohl kaum. Er hat sich für seinen Beruf und gegen mich entschieden. Ich weiß, dass ich für ihn nur an zweiter Stelle komme, auch wenn er das net zugeben wollte.«

Sebastian nahm ihre Hände behutsam in seine und suchte ihren Blick. Seine Augen waren voller Zärtlichkeit, als er ihr versicherte: »Bei mir kommst du schon immer an erster Stelle. Solange ich zurückdenken kann, hab ich dich lieb gehabt, Babsi. Du und ich, wir gehören einfach zusammen. Ich kann mir mein Leben ohne dich gar nimmer vorstellen. Und den Buben hab ich gern, als ob er mein eigener wäre. Wie lange willst du noch warten und worauf? Warum teilen wir unser Leben net endlich?«

Sie seufzte leise. Obwohl sie wusste, dass Sebastian im Grunde recht hatte, dass sie nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihr Leben wieder schön und licht zu machen, zögerte sie doch. Denn dieser Schritt bedeutete zugleich, Tobias aus ihrem Leben zu streichen. Und allein die Vorstellung tat ihr schrecklich weh.

Sebastian schien zu ahnen, was in ihr vorging, denn er nickte nun und bat: »Sei mir net bös, dass ich es versucht habe. Ich seh, du bist noch net so weit. Und weil ich dir versprochen hab, geduldig zu sein, wollen wir jetzt nimmer darüber reden. Aber ich warne dich, Babsi: So schnell geb ich net auf.«

Sie lächelte verhalten und murmelte: »Ich dank dir für deine Geduld.« Und dann fügte sie noch schelmisch hinzu: »Aufgeben sollst du ja auch net, das würde ich nicht wollen …«

***

Als Sebastian einige Zeit später heimkam, saßen seine Eltern noch in der guten Stube beisammen. Es schien so, als hätten sie auf ihn gewartet.

Bis vor einer Weile waren die Lohmeiers stets früh zu Bett gegangen, doch in letzter Zeit hatte sich auf dem traditionsreichen Hof einiges geändert. Wenn der Jungbauer in die bleichen, angespannten Gesichter seiner Eltern schaute, wurde ihm einmal mehr bewusst, dass dies keine Veränderung zum Guten hin war. Und die Flasche Enzian, die auf dem Tisch stand, erinnerte an den Spruch: »Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«

Der Bursch setzte sich und fragte seinen Vater: »Was macht der Rücken? Geht’s wieder?«

»Der Doktor hat mir eine Spritze gegeben, die recht gut wirkt. Morgen kann ich wieder meine Arbeit schaffen«, versicherte der Bergbauer optimistisch. »Ich dank dir, Bastian, dass du heut auch meine Aufgaben übernommen hast.«

»Ist schon recht, Vater. Hauptsache, du kommst wieder auf die Beine. Auf lange Sicht wirst du dich mehr schonen müssen.«

»Wenn es so weitergeht wie bisher, dann kann ich die Hände bald ganz in den Schoß legen«, kam es ironisch von Karl Lohmeier. Sein Sohn wusste, worauf er anspielte.

»So schwarz solltest du net sehen, Vater. Es wird schon wieder werden«, meinte der Bursch mit reinem Zweckoptimismus. Denn dass ihr Hof tief in den roten Zahlen steckte, wusste auch Sebastian leider nur zu gut. Schon seit einer Weile rentierte sich die Wirtschaft auf dem begrenzten Land kaum mehr. Die Lösung wäre ein Zukauf von Flächen gewesen, allerdings war das nur im Tal ohne Weiteres machbar. Auf ihrer Höhe war das brauchbare Land begrenzt, eine Erweiterung kaum möglich. Und das hieß wiederum, dass ihnen wenig Spielraum blieb, um die drohende Betriebspleite noch abzuwenden …

»Du weißt, dass was passieren muss, Bub«, mahnte der Vater ihn nun mit ernster Miene. »Wenn wir net erweitern, müssen wir den Hof bald aufgeben. Mei, Bastian, so hab ich mir meinen Austrag freilich net vorgestellt. Und dass ich dir einen verschuldeten Hof übergeben soll, das will mir gar net schmecken. Das geht mir mächtig gegen den Stolz.«

»Es ist nicht deine Schuld, Vater. Du hast getan, was du konntest. Und es ist ja auch noch net zu spät. Mit dem Land von der Barbara kommen wir wieder auf die Beine.«

»Seid ihr euch denn einig, ihr zwei?«, wollte der Bauer sogleich wissen. »Sie ist ja noch mit dem anderen verheiratet.«

»Aber nur auf dem Papier. Keine Sorge, spätestens im Frühjahr werden die Barbara und ich vor den Traualtar treten.«

»Das ist noch eine Weile hin«, gab der Vater zu bedenken.

»Schon, aber es ist eine Perspektive. Ich red auch noch mal mit dem Schmidinger von der Sparkasse. Wenn Aussicht besteht, dass unser Hof bald wieder rentabel zu bewirtschaften ist, dann wird die Bank uns auch weiter den Rücken freihalten.«

»Ich hoffe, du hast recht, Bub. Und dass die Barbara auch wirklich deine Frau werden will. Sonst sind wir aufgeschmissen.«

»Keine Sorge, Vater, das haut hin«, versicherte der Bursch überzeugt.

Wenn Sebastian daran dachte, wie sein Vater zum ersten Mal eine Andeutung in diese Richtung gemacht hatte, schämte er sich ein wenig. Schließlich war es nicht ganz ehrlich, einem Madel den Hof zu machen, weil man auf ihr Land aus war. Andererseits konnte man dieses Verhalten aber auch nicht unbedingt als schändlich bezeichnen. Schließlich ging es beim Heiraten ja stets auch um die Mitgift. Und das Land, das dem Lohmeier-Hof zur Rentabilität abging, das brachte Barbara nun mal mit in die Ehe.

Allerdings hätte Sebastian der schönen Nachbarin niemals den Hof gemacht, wenn er sie nicht wirklich von Herzen lieb gehabt hätte. Aber das war schon der Fall, solange der Bursch zurückdenken konnte. Als Barbara damals Tobias Wanninger geheiratet hatte, war das für Sebastian eine herbe Enttäuschung gewesen.

Lange hatte er mit der Eifersucht zu kämpfen gehabt, die in seinem Herzen wie ein Flächenbrand gewütet hatte. Aber dann war Tobias weggegangen und hatte freiwillig seinen Platz an der Seite der schönen Berghofwirtin geräumt. Von diesem Moment an war Sebastian fest entschlossen gewesen, Barbara nun für sich zu gewinnen. Und das war nach wie vor sein Herzenswunsch.

»Hat die Barbara denn ihren Mann nimmer lieb?«, mischte sich nun Ursula Lohmeier in das Gespräch ein.

Wenn es um den Hof oder ums Geschäftliche ging, wie sie das nannte, schwieg sie sonst und hielt sich heraus. Sie wusste, dass ihr Mann es nicht leiden konnte, wenn sie sich dabei einmischte. Doch seit dieser die Idee aufgebracht hatte, dass Sebastian die Nachbarin wegen des fehlenden Landes heiraten sollte, hatte die Bäuerin ein zunehmend ungutes Gefühl.

»Sie hängt noch am Tobias«, gab ihr Sohn offen zu. »Aber ihr ist schon klar, dass man net von Träumen leben kann. Sie braucht wieder einen Mann, mit dem sie ihr Leben teilen kann. Und einer, den sie nur mag, ist ihr allerweil lieber, als einer, der ihr zwar mehr bedeutet, aber nimmer greifbar ist.«

»Dann sollte sie einen endgültigen Schlussstrich unter ihre Ehe ziehen«, meinte Ursula. »Solange sie das net tut, kannst du nicht sicher sein, wie sie zu dir steht, Bub.«

»Hör doch auf zu unken«, forderte Karl unwillig. »Wenn der Bub sagt, dass sie sich einig sind, wird es schon werden.«

»Die Mama hat net ganz unrecht«, gestand Sebastian ihr allerdings zu. »Ich weiß schon, wie wichtig diese Scheidung ist. Nicht nur, damit der Weg für uns frei ist, sondern vor allem, damit ich sichergehen kann, dass die Barbara nimmer auf den Tobias wartet, sondern uns beiden eine Chance gibt.«

»Und was willst du tun, wenn sie sich net dazu entschließen kann?«, wollte Ursula vorsichtig wissen. »Mit der Möglichkeit musst du immer rechnen, Bub. Ich sag das net, um dich zu entmutigen. Aber es hängt ja nun mal leider sehr viel von dieser Verbindung ab, net nur für dich, auch für uns …«

»Ich versteh dich schon, Mama. Allerdings solltest du auch ein klein bisserl Vertrauen zu mir haben. Ich krieg das so hin, wie ich es mir vorstelle. Die Barbara ist schon fast geneigt, reinen Tisch zu machen. Jedes Mal, wenn ich bei ihnen bin, sieht sie, wie der Peter an mir hängt. Und ihr wird immer deutlicher, dass es die beste Lösung für uns alle ist.«

»Aber du darfst dich net auf deinen Lorbeeren ausruhen«, mahnte der Vater. »Erst wenn sie deine Frau ist, dann ist die größte Gefahr für uns abgewendet, wenn ich das mal so sagen darf, ohne dass du es mir übel nimmst, Bub.«

»Ich weiß, was du meinst, Vater, keine Sorge. Am Samstag fahren wir zu dritt nach Bayrischzell ins Kino und gehen hernach noch essen. Ich werde eine Charme-Offensive starten, bis die Barbara genau das tut, was ich will.« Er gähnte verhalten. »Aber jetzt muss ich ins Bett, morgen früh um sechs ist die Nacht vorbei. Schlaft gut, für Gott bis morgen.«

»Schlaf du auch gut!«, murmelte Ursula nachdenklich.

»Dann sollten wir uns auch niederlegen«, meinte ihr Mann und wollte aufstehen. Doch sie bat ihn, noch zu bleiben.

»Sag, Karl, was denkst du, ganz ehrlich? Ist es recht, was wir tun? Ich kann mir net helfen, aber ich hab dabei ein ganz schlechtes Gefühl. Es ist doch im Grunde unehrlich und falsch.«

»Was meinst du denn? Dass der Bub die Frau heiratet, in die er schon als Jugendlicher verliebt war? Ich bitt dich, Ursel!«

»Du weißt, dass es mir um was anderes geht«, widersprach sie ihm unwillig. »Wir machen uns doch ganz abhängig von dieser Geschichte. Das ist net recht.«

»Und was sollen wir sonst tun? Den Hof einfach vor die Hunde gehen lassen? Nein, Ursel, da könnte ich mich nimmer im Spiegel anschauen. Der Hof ist seit fünf Generationen im Besitz meiner Familie. Und es ist für mich allerweil selbstverständlich gewesen, dass ich ihn eines Tages an den Bastian übergebe.«

»Aber manchmal geht es eben net so, wie man will«, ließ sie vorsichtig anklingen. »Und es führt vielleicht auch zu nix Gutem, wenn man es trotzdem erzwingen will.«

»Schluss, ich will davon nix mehr hören«, schnitt er ihr da unwirsch das Wort ab. »Die Kinder werden heiraten. Du hast doch den kleinen Peter auch lieb. Freu dich auf dein Enkelkind und darauf, dass wir zwei wie geplant im Austragshäusel alt werden können. Ich finde, das ist alles, was zählt.«

Nach dieser kleiner Ansprache verzog Karl Lohmeier sich ins Bett. Gewiss war auch ihm nicht ganz wohl bei diesem Plan, er teilte durchaus die Bedenken seiner Frau. Doch das brauchte Ursula nicht zu wissen. Es ging schließlich um ihren Hof, ihr Vermächtnis. Und wenn Barbara mit Sebastian ein zweites Glück fand, dann würde bald keiner mehr nach den genauen Umständen fragen, unter denen dieses Glück zustande gekommen war …

***

Der Samstag war ein sonniger Wintertag wie gemalt. Vom klaren Himmel strahlte die Sonne hell und machte aus dem Tal von Mühldorf ein richtiges Postkartenidyll.

Barbara war etwas früher aufgestanden als sonst, denn sie wollte sicherstellen, dass in ihrer Abwesenheit auf dem Berghof alles klappte.

Lotti, die Küchenmagd, verdrehte öfter die Augen, weil ihre Chefin ständig nach dem Rechten sah und sie an Dinge erinnerte, die ganz selbstverständlich waren.

Erst am frühen Nachmittag, kurz bevor Sebastian sie abholen kam, wurde Barbara ein wenig ruhiger. Peter freute sich sehr auf den lustigen Animationsfilm, den sie sich in der Stadt im Kino anschauen wollten. Er hüpfte herum und sang vor sich hin. Schließlich steckte er seine Mama mit seiner guten Laune an. Und als Sebastian auftauchte, war Barbara ganz entspannt und gelöst.

»Ich hoffe, es geht alles glatt«, sagte sie nur und hob die Schultern, als ihr Begleiter sie fragend musterte. »Wird schon.«

»Babsi, du bist einfach viel zu pflichtbewusst«, gab Sebastian zu bedenken. »Nun vergiss mal für ein paar Stunden den Berghof und genieß den schönen Nachmittag. Denkst du, dass du das schaffen wirst?«

Sie lächelte ihm vielsagend zu. »Ich will’s versuchen.«

Tatsächlich verlebten sie zu dritt einen herrlichen Tag in der Stadt. Peter teilte sich mit Sebastian einen großen Pappbehälter Popcorn, und die beiden schienen bei dem Film ihren Spaß zu haben. Barbara wunderte sich darüber, wie ein erwachsener Mann noch so kindlich sein konnte. Aber eben das war es, was Peter brauchte und was sie ihm so nicht geben konnte.

Sebastian schien sich wunderbar in die Kinderseele hineinzuversetzen. Barbara stellte an diesem Tag fest, dass er weitaus mehr war für Peter als nur ein Ersatzvater. Sebastian war für ihren Sohn im Grunde der einzige Vater, den er kannte. Zumindest übernahm er diese Rolle perfekt. Und das machte die junge Frau nachdenklich.

Nach dem Kino gingen sie in einen Imbiss, wo Peter unbedingt einen riesigen Hamburger wollte. Barbara war überzeugt, dass der Bub nicht einmal die Hälfte des Ungetüms essen konnte. Doch Sebastian kam ihm zu Hilfe, und so blieb auch beim Essen kein Wunsch offen. Auf der Heimfahrt sangen Peter und Sebastian dann noch das Titellied aus dem Film, den sie gesehen hatten, und störten sich beide nicht an vielen falschen Tönen.

Barbara war ziemlich geschafft, als sie ihren überdrehten Sohn endlich im Bett wusste. Sebastian musterte sie zerknirscht.

»Sind wir dir sehr auf die Nerven gegangen?«, fragte er und reichte ihr ein Glas Wein.

Sie setzte sich zu ihm und musste lachen, als sie zugab: »Ja, sehr. Aber es war trotzdem lustig. Ich muss dir danken, Bastian. So was würde gewiss kein anderer Mann tun.«

»Was meinst du? Den ungesunden Burger essen oder ein Kinderlied zehn Mal hintereinander singen?«, ulkte er.

Barbara blieb ernst. »Nein, das hab ich damit net sagen wollen. Ich bin einfach froh, dass du dich so gerne um den Peter kümmerst. Als wir heut im Kino waren, da …« Sie bemerkte seinen hoffnungsvollen Blick und senkte die Lider. »Ach, net so wichtig.«

»Sag halt, was du auf dem Herzen hast. Ich hör dir zu.«

»Na ja, ich hab gedacht, dass eigentlich Tobias an deiner Stelle sein sollte. Dabei weiß er net einmal, dass er einen Buben hat. Das ist doch alles nicht richtig.«

Der Jungbauer schwieg betroffen, denn eigentlich hatte er auf eine andere Antwort gehofft.

»Weißt du, Bastian«, fuhr Barbara schließlich nachdenklich fort. »Heut ist mir so recht klar geworden, wie wichtig du für mich bist. Ohne dich hätte ich die letzten fünf Jahre net so gut überstanden. Und für den Peter bist du eh der einzige Vater, den er je gekannt hat …«

»Babsi, das ist lieb von dir. Du weißt ja, wie viel ihr zwei mir bedeutet«, versicherte er ihr daraufhin verhalten.

»Deshalb hab ich beschlossen, reinen Tisch zu machen«, ließ sie ihn da wissen, ohne zu ahnen, wie sehr er auf diese Worte gewartet hatte. Und das aus mehr als einem Grund. »Ich werde dem Tobias schreiben und ihn um die Scheidung bitten.«

»Babsi, du machst mich glücklich!« Sebastian nahm ihre Hände und schaute ihr selig in die Augen, doch er machte nicht den Fehler, ihr ein Busserl zu stehlen. Ihm war klar, dass diese Entscheidung noch auf wackligen Beinen stand, denn sie kam vom Verstand her. In ihrem Herzen, da spukte noch immer der andere herum. Er musste nur den Ausdruck von verhaltener Traurigkeit in ihrem Blick sehen, um das zu wissen.

»Ich hoffe, ich mache es richtig«, murmelte sie bedrückt.

»Gewiss ist es die einzig richtige Entscheidung«, pflichtete er ihr bei. »Und ich verspreche dir hier und jetzt, dass du sie net bereuen musst.«

Da lächelte sie ein wenig und meinte: »Ja, ich weiß …«

Als Sebastian sich eine Weile später verabschiedete, fühlte Barbara sich recht zufrieden. Sie setzte sich gleich hin und schrieb einen Brief an ihren Mann. Allerdings musste sie mehrmals ansetzen, denn sie fand nicht auf Anhieb den richtigen Ton. Der erste Versuch erschien ihr zu vertraut, der zweite zu sachlich, der dritte zu emotional.

Endlich fand sie einen Kompromiss, der sich gut las und alles sagte, was wichtig war. Als Barbara den Brief in einen Umschlag steckte, auf den sie Tobias’ letzte ihr bekannte Adresse schrieb, war sie erleichtert und überzeugt, endlich die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Das leise Gefühl der Traurigkeit und Sehnsucht in ihrem Herzen ignorierte die junge Berghofwirtin dabei geflissentlich. Es hatte ja doch keinen Sinn, einem Gefühl nachzutrauern, das den Stürmen des Lebens so wenig hatte standhalten können.

Barbara wusste, dass sie Tobias immer lieb haben würde. Aber er taugte wohl nicht zum Ehemann und Familienvater. Ganz gewiss würde er in die Scheidung einwilligen. Und dann waren sie nicht mehr durch ein unnützes Band aneinander gekettet, das jeden Sinn lange verloren hatte. Dann konnten sie beide ihr Leben neu gestalten. Und das, was sie einst verbunden hatte, würde irgendwann nur noch eine blasse Erinnerung sein.

Trotz allem tat es Barbara weh, diesen Schritt zu tun. Und bevor sie am Abend einschlief, vergoss sie noch einmal bittere Tränen um eine Liebe, die einfach nicht hatte sein sollen.

Sebastian hingegen war bester Dinge, als er heimkam. Gleich erzählte er seinen Eltern, was geschehen war, und meinte dann voller Zuversicht: »Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alles wieder im Lot ist.«

Der Bauer war angenehm überrascht. »So fix hätte ich dir das gar net zugetraut, Bastian. Ich gratuliere!«

»Schon recht, alles für den Hof«, erwiderte der bescheiden. »Und für mich ist es gewiss kein Opfer, im Gegenteil. Ich hab die Barbara lieb. Und der kleine Peter ist mir so ans Herz gewachsen, als ob er mein eigener wär.« Er trank noch ein Glas Wein mit den Eltern und ging dann bester Laune schlafen.

»Na siehst du, Ursel, es hat sich alles so gefügt, wie es soll«, meinte Karl Lohmeier zufrieden. »Deine Bedenken kannst du getrost vergessen.«

»Mag sein, aber ganz sicher bin ich mir da net.«

»Und wieso? Was hast du denn jetzt noch auszusetzen?«, wollte ihre bessere Hälfte verständnislos wissen.

Die Bäuerin machte ein ernstes Gesicht. »Die Barbara schreibt ihrem Mann, dass sie die Scheidung will. Das ist doch alles, was jetzt passiert. Und was hat das zu sagen? Gar nix. Wenn der Tobias net einwilligt, was dann? Oder, wenn er es sich anders überlegt und wieder heimkommt. Dann guckt unser Bub in die Röhre und wir mit. Nein, Karl, ich seh keinen Grund zum Feiern.«

»Der Wanninger ist seit mehr als fünf Jahren weg. Wieso sollte der mit einem Mal wieder heimkommen? Und selbst wenn. Wer sagt, dass die Barbara ihn noch will? Sie und unser Bub sind sich doch jetzt einig«, meinte der Bauer ein wenig naiv.

»Mei, Karl, wenn der Tobias es sich einfallen lässt zurückzukommen, dann ist der Bastian der Dumme, das sag ich dir. Die beiden sind verheiratet, der Peter ist sein Kind. Das sind nun mal die Tatsachen. Und so, wie die Barbara an Tobias gehangen hat, wird es ihm auch wieder gelingen, sie für sich zu gewinnen, daran kann’s für mich keinen Zweifel geben.«

»Dann wollen wir hoffen, dass der Wanninger in seinem Himalaya bleibt. Oder wo er sich sonst gerade umeinand’ treibt …«

***

Zwei Wochen waren vergangen, seit Barbara den Brief an Tobias abgeschickt hatte. Sebastian hatte des Öfteren nachgefragt, er schien mit wachsender Ungeduld auf eine Reaktion zu warten. Die junge Berghofwirtin beruhigte ihn immer wieder, sie war überzeugt, dass alles nach Wunsch gehen würde, sie nur noch ein wenig Geduld haben mussten.

»Wer weiß, wo der Tobias im Moment ist! Wenn der Brief ihm nachgeschickt werden muss, kann das dauern«, gab sie zu bedenken. »In diesen Regionen, wo es nur wenige Menschen gibt, da muss man manchmal sehr lange auf einen Brief warten.«

»Gibt es denn keine andere Möglichkeit, den Tobias zu erreichen?«, drängte Sebastian, dem jeder Tag und jede Stunde unter den Nägeln brannten. Die Bank saß ihm im Nacken, seine Lage wurde ständig schwieriger. Er musste endlich Nägel mit Köpfen machen, wollte er den Hof nicht doch noch verlieren.

Barbara, die nichts von seinen Problemen wusste, musterte ihn irritiert. Wieso hatte Sebastian es so eilig? Er war ihr doch in den vergangenen fünf Jahren ein treuer und verlässlicher Freund gewesen. Und dass sie sich von Tobias scheiden ließ, bedeutete ja nicht automatisch, dass sie am nächsten Tag mit ihm zum Standesamt gehen würde. Doch genau das schien er anzunehmen.

»Sicher hat der Tobias ein Handy, aber ich hab seine Nummer net. Und ich wage zu bezweifeln, dass überhaupt eine Verbindung zustande kommen würde. Wir müssen halt warten.« Sie lächelte freudlos. »Ehrlich gesagt hab ich es net sonderlich eilig. Gewiss ist es sinnvoll, reinen Tisch zu machen. Aber auf ein paar Wochen kommt es mir dabei net an.«

»Mir schon«, rutschte es dem Jungbauern ärgerlich heraus. Und als er Barbaras fragende Miene bemerkte, fügte er versöhnlich hinzu: »Ich wünsch mir halt, dass du bald meine Frau wirst, Babsi. Ich hab dich von Herzen lieb und sehne mich danach, endlich mein Leben mit dir zu teilen.«

»Das verstehe ich schon«, versicherte sie ihm, wieder entspannt. »Keine Sorge, es wird sich gewiss alles so fügen, wie wir uns das wünschen.«

Sebastian sagte dazu weiter nichts und verabschiedete sich bald. Barbara saß an diesem Abend an der Rezeption, denn sie erwartete noch Logiergäste, die einchecken wollten. Sie kümmerte sich am liebsten selbst um die neuen Gäste, es war ihr wichtig, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen, in der jeder sich gleich wohl und daheim fühlte.

Allerdings schienen die Gäste sich zu verspäten. Nach einer Weile schaute die Berghofwirtin kurz nach ihrem Sohn, der im Bett lag und friedlich schlummerte. Dann trat sie an die verglaste Eingangstür und spähte nach draußen.

In den vergangenen Tagen hatte es viel geschneit. Die Straßen waren zwar geräumt, doch das Wetter konnte einem zu dieser Jahreszeit rasch einen Strich durch die Rechnung machen. Fielen ein paar Linienflieger aus, dann wartete Barbara in ihrem Berghof vergeblich auf die angekündigten Neuzugänge.

Sie wollte sich eben von der Tür abwenden, als zwei Lichtkegel auf der Bergstraße sichtbar wurden. Da kam ja jemand. Gewiss waren das endlich die neuen Gäste. Gleich darauf erkannte Barbara das Taxischild auf dem Wagendach und war nun überzeugt, dass sie doch nicht umsonst gewartet hatte. Es ging bereits auf zehn Uhr zu. Wenn die Neuen untergebracht waren, konnte Barbara ebenfalls schlafen gehen.

Das Taxi hielt nun vor dem Haus, und gleich darauf stieg jemand aus. Doch halt, das konnten nicht die Maschners aus Hannover sein. Mutter und Tochter, beide passionierte Skiläuferinnen. Der hier kam, war ein Mann. Hochgewachsen, in einer dicken Daumenjacke, über jeder Schulter eine Art Seesack.

Barbara hatte das Gefühl, nur zu träumen. Als der Mann ins Licht trat, das aus der Halle fiel, sah sie sein Gesicht. Und sie kannte es nur zu gut, auch wenn es zur Hälfte von einem wild wuchernden Vollbart verdeckt wurde. Doch die klaren, grauen Augen, die nun ihren Blick trafen, hätte sie überall auf der Welt wiedererkannt. Aber wie war denn das möglich …?

»Tobias?« Barbara trat automatisch zurück, als ihr Mann die kleine Halle betrat.

Er brachte die frische Winterluft mit sich wie den Geruch der weiten Welt. Einen Augenblick lang standen sie sich gegenüber, starrten sich an, fremd und zugleich fast schmerzhaft vertraut.

Dann ließ Tobias sein Gepäck fallen und sagte: »Ich hab deinen Brief erst vorgestern bekommen und mich gleich in den nächsten Flieger gesetzt.«

Seine vertraute Stimme weckte eine ganze Flut verdrängter Emotionen in Barbaras Herzen. Sie musste schlucken und bemühte sich, ihrer Stimme einen zumindest halbwegs normalen Klang zu geben. Tobias war viele Jahre fort gewesen, es bestand kein Grund, ihm nun einen emotionalen Empfang zu bereiten. Und schon gar kein Grund, ihn mit offenen Armen zu empfangen.

Sie räusperte sich und fragte: »Was willst du hier? Ich dachte, ich hätte mich in meinem Brief klar ausgedrückt. Um die Scheidung in die Wege zu leiten, hättest du nur …«

»Deshalb bin ich net gekommen«, stellte er klar. »Wo ist der Bub? Warum hast du mir nie ein Wort geschrieben, in all den Jahren net? Wie konntest du mir das denn vorenthalten?«

Es traf Barbara wie ein Schlag in die Magengrube. Der Funke leiser Freude in ihrem Herzen erlosch. Wie hatte sie nur glauben können, Tobias denke einmal nicht bloß an sich?

»Du hast dich gegen unsere Ehe entschieden«, hielt sie ihm mit erzwungener Ruhe entgegen. »Dein Beruf war dir wichtiger, diese Expedition war dir wichtiger.«

»Na und? Trotzdem hättest du mir sagen müssen, dass wir ein Kind haben«, beharrte er. »Ich habe ein Recht …«

»Du hast jedes Recht an meinem Leben verwirkt, als du durch diese Tür gegangen bist«, brach es da entrüstet aus ihr heraus. »Du hast mich einfach im Stich gelassen!«

»Ich hab dir regelmäßig geschrieben. Ein Wort von dir hätte genügt und …«

»Und – was? Du wärst auf eine Stippvisite vorbeigekommen? Darauf hab ich gut verzichten können!« Sie starrte ihn aufgewühlt und verletzt an. »Ich hab den Berghof in den vergangenen Jahren allein geführt. Und ich hab den Peter allein aufgezogen. Nein, ganz stimmt das net. Der Bastian hat mir viel geholfen. Im Gegensatz zu dir hab ich mich allerweil auf ihn verlassen können. Du aber gehörst nimmer zu meinem Leben, und der Peter soll keinen Vater kennenlernen, der doch nix anderes im Sinn hat, als so bald wie möglich wieder zu verschwinden.«

»Soll das heißen, du weigerst dich, mir den Buben zu zeigen?«

»Genau das soll es heißen. Verschwinde von hier, Tobias! Und bevor du wieder auf Reisen gehst, vergiss net, die Scheidung einzureichen!«

Sie standen sich gegenüber wie erbitterte Feinde. Der hochgewachsene junge Wissenschaftler mit dem gut geschnittenen Gesicht schien nicht mit einem solchen Empfang gerechnet zu haben. Nun erst wurde Tobias allmählich bewusst, was er Barbara angetan hatte. Sein beruflicher Ehrgeiz war stets stärker gewesen als alles andere. Die Leidenschaft fürs Kraxeln, das Forschen und Entdecken von Neuem hatten sein Leben in den vergangenen Jahren vollständig ausgefüllt.

Und dann war Barbaras Brief gekommen. Mit der Wucht eines Tornados hatte er seinen sorglosen Egoismus hinweg gefegt und ihm mit aller Deutlichkeit gezeigt, was er bislang geflissentlich übersehen hatte.

Und nun stand die Frau, die er noch so liebte wie am ersten Tag, mit geballten Fäusten vor ihm und schien nur noch Hass und Verachtung für ihn übrig zu haben. Nicht mal ihr Kind wollte sie ihm zeigen. Er war ausgeschlossen, sie hatte ihn aus ihrem Leben gestrichen. Und es war seine eigene Schuld.

Ein heißes Gefühl der Scham erfüllte Tobias. Und ein brennender Schmerz, der von Vergeblichkeit sprach. Aber es durfte nicht zu spät sein! In diesem Moment wünschte er sich nur, dass Barbara ihm noch eine Chance geben würde.

»Ich kann ins Tal absteigen und mir da ein Zimmer nehmen, wenn du mich hier net haben willst«, gestand er ihr zögernd und mit gesenktem Blick zu. So bemerkte er nicht, wie es verdächtig um ihren Mund zuckte.

Barbara wandte sich ab und erklärte kühl: »Du kannst bleiben, aber nur bis morgen. Und ich möchte dich bitten, den Peter in Ruh zu lassen. Er kennt nur den Sebastian, der ist für ihn wie ein Vater. Ich möchte, dass es dabei bleibt.«

»Aber ich …«, wollte er aufbegehren, schwieg jedoch, als er Barbaras entschlossenem Blick begegnete. »Ist schon recht.«

Wenig später hatte Tobias Wanninger eines der freien Gästezimmer im ersten Stock bezogen. Er warf sein Gepäck in eine Ecke, legte kurz beide Hände auf das Bett und lächelte angedeutet. Wie lange hatte er nicht auf solch einer bequemen Matratze geschlafen …

Gleich darauf trat er hinter das Fenster und blickte ins Tal. Die Lichter von Mühldorf grüßten ihn wie alte Bekannte. Und die Gipfel von Kleinem Traithen, Stocker und Wendelstein, die sich tiefschwarz gegen den sternenhellen Himmel abzeichneten, weckte in ihm ein Gefühl des Heimkommens.

Zugleich aber erfüllte Bitterkeit sein Herz. Es war das Gefühl eines Mannes, der plötzlich meinte, alles im Leben falsch gemacht zu haben. Ob er daran noch etwas würde ändern können?

***

Barbara weckte Peter am nächsten Morgen zeitiger als sonst und brachte ihn sehr früh in den Kindergarten. Franziska Baumann war gerade erst gekommen und wunderte sich ein wenig.

»Ich hab heut viel zu tun«, behauptete Barbara. »Morgen kommt der Peter dann wieder zur normalen Zeit.«

»Ist schon recht, Barbara. Wir zwei vertragen uns gewiss, bis die anderen Kinder kommen, gelt, Peter? Magst du einen Kakao?«

Der Bub war gleich Feuer und Flamme. Aber das war er ja bei allem, was von Franziska kam. Halbwegs beruhigt verließ Barbara den Kindergarten. Sie war sicher, dass Tobias weg sein würde, wenn sie ihren Buben am Nachmittag wieder abholte.

Tobias war mittlerweile aufgestanden und saß in der Küche beim Frühstück, als Barbara heimkam. Verunsichert stellte sie fest, dass er für zwei gedeckt hatte.

»Setz dich zu mir, ich finde, wir sollten mal in Ruhe miteinander reden«, bat er.

»Ich hab schon gefrühstückt. Aber ein Haferl Kaffee trinke ich gern noch«, gestand sie ihm zu und setzte sich.

Barbara musterte ihren Mann aufmerksam. Er sah fast wieder so aus wie an dem Tag, als er sie verlassen hatte. Frisch geduscht und rasiert machte er einen ordentlichen Eindruck. Doch die feinen Linien um Augen und Mund waren neu. Sie sprachen von der Zeit, die vergangen war, und machten Barbara auf schmerzliche Weise bewusst, dass eben nichts mehr so war wie damals.

Die Berghofwirtin hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Sie hatte sich nur hin und her gewälzt und sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie sich Tobias gegenüber verhalten sollte. Ihr erster Impuls, ihn abzulehnen und weiter völlig aus ihrem Leben herauszuhalten, erschien ihr nun zweifelhaft.

Immerhin war er Peters Vater. Im Grunde hatte er das Recht, den Buben wenigstens kennenzulernen. Doch würde das nicht alles nur komplizierter machen? Und den unweigerlich drohenden Abschied umso schmerzlicher?

Als hätte er ihre Gedanken erraten, sagte er nun reumütig: »Es war vielleicht doch falsch, gleich herzukommen. Ich hätte dir besser geschrieben. Aber als ich deinen Brief gelesen habe, da hatte ich nur einen Wunsch: den Buben zu sehen. Die Vorstellung, ein Kind zu haben, die ist so neu für mich.«

»Es bedeutetet Verantwortung.« Barbara lächelte schmal. »Und eingeschränkt zu sein, nimmer einfach tun zu können, worauf man Lust hat.«

»Wenn ich damals gewusst hätte …«

»Bitte, Tobias, das bringt doch nix. Ich hab dir absichtlich nichts gesagt.«

»Aber warum? Ich verstehe das net!«, begehrte er auf.

»Weil es keinen Unterschied macht, ob man eine Frau verlässt oder eine Familie. Du hast uns im Stich gelassen, weil dir etwas anderes wichtiger gewesen ist.« Sie merkte, dass er widersprechen wollte, und fuhr entschieden fort: »Wenn ich dir gesagt hätte, dass ich in der Hoffnung steh, dann wärst du vielleicht geblieben. Aber ich hätte nie sicher sein können, ob aus Liebe oder Pflichtgefühl. Ich hab doch gemerkt, dass es dich in die Ferne gezogen hat.« Sie senkte den Blick und sagte leise: »Ich hab dich damals sehr lieb gehabt, Tobias. Als du weg warst, hat sich das angefühlt, als risse mir einer das Herz heraus. Und Halbheiten, die hätte ich net ertragen können.«

»Ach, Barbara, es tut mir so leid …«

»Du solltest so was net sagen. Glaubst du denn, es war es nicht wert? Das würde für mich alles nur schlimmer machen.«

Er musterte sie mit verschlossener Miene, beeindruckt von ihrer inneren Stärke und zugleich ernüchtert, weil sie ihm so deutlich den Spiegel vorhielt. »Wie soll es denn nun für euch zwei weitergehen? Hast du Pläne? Ich mein, es wird gewiss einen Grund geben, warum du mich um die Scheidung bittest. Oder geht mich das nix mehr an?«

Sie zögerte kurz, was ihn nichts Gutes ahnen ließ. »Gibt es einen anderen?«, fragte er aus dem Gefühl heraus, dass sie ihm ganz fremd geworden war. Und doch hatte er sie noch genauso lieb wie am ersten Tag. Ein schlimmes Chaos herrschte da in seinen Gefühlen. Und es wurde nicht besser.

»Ich denke, es ist das Gescheiteste, wenn wir reinen Tisch machen«, wich sie ihm aus. »Unsere Ehe besteht ja nur noch auf dem Papier. Ich seh einfach keinen Sinn mehr darin, an etwas festzuhalten, das vorbei ist.«

»Ist es das denn?« Er suchte ihren Blick und schaute sie ganz offen und ohne Vorbehalte an. Sie kannte diesen Ausdruck und wusste, dass er ihr nichts vormachte. Deshalb wollte sie ganz ehrlich zu ihm sein, auch wenn ihre Gefühle gemischt waren.

Gerade in dem Moment betrat Sebastian die Küche. »Babsi entschuldige, dass ich so reinplatze, aber ich hab gehört …« Er blieb wie angewurzelt stehen, als er Tobias gewahrte, wurde blass und dann lächelte er freudlos. »Es stimmt also. Der Herr des Hauses ist wieder zurück.« Seine Stimme troff vor Ironie. Und die Art und Weise, wie er den jungen Geologen musterte, sprach Bände.

Tobias war nun klar, was hier gespielt wurde. Und wer hinter Barbaras plötzlicher Einsicht stand, dass es an der Zeit war, sich endlich von ihm scheiden zu lassen.

»Grüß dich, Sebastian«, sagte er freundlich. »Du scheinst ja hier schon fast daheim zu sein. Was man so hört, fühlst du dich recht wohl und zufrieden bei meiner Frau und meinem Sohn.«

Der Jungbauer vom Nachbarhof verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sein Gegenüber abfällig. »Und was geht dich das an? Ich muss schon sagen, du hast Nerven. Kreuzt hier einfach auf und tut so, als wär gar nix dabei. Kannst du vielleicht net gescheit lesen?«

»Bastian, bitte …« Barbara warf ihm einen unbehaglichen Blick zu, denn sie wollte jetzt keinen Streit. Die Situation war verzwickt genug, auch ohne dass die beiden sich gegenseitig an die Kehle gingen.

»Tut mir leid, Babsi, aber das muss mal raus: Dieser Kerl da hat dich unglücklich gemacht. Er hat dich sitzen lassen, als du in der Hoffnung gestanden bist, und sich mehr als fünf Jahre lang net blicken lassen. Und jetzt hockt er da frech umeinand’ und spuckt große Töne. Ich hätte gute Lust, ihm eine Lektion zu erteilen, die er so schnell net vergisst …«

»Bastian, es reicht jetzt!« Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. »Damit hilfst du mir ganz gewiss net, im Gegenteil. Wenn dir nix anderes einfällt, als einen Streit vom Zaun zu brechen, dann geh lieber.«

Er zögerte nur einen Moment, dann machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte wütend davon.

Nachdem Sebastian gegangen war, herrschte eine Weile Schweigen zwischen Barbara und ihrem Mann. Schließlich war es Tobias, der sich räusperte und fragte: »Er ist also der Glückliche? Mein Nachfolger, meine ich.«

»Tobias, ich bitt dich, lass gut sein!« Sie stand auf und begann, am Herd zu hantieren.

»Ich werde mir wohl besser ein Kammerl im Tal suchen«, meinte der junge Mann nach einer Weile. »Hier störe ich ja nur.«

Barbara drehte sich um und musterte ihn fragend. »Du willst bleiben? Ich dachte, du bist nur wegen der Scheidung gekommen. Beziehungsweise, um Peter zu sehen.«

»Eigentlich bin ich wegen des Kindes da, das stimmt. Aber ich glaub, es wäre besser, ich bleibe noch ein bisserl. Die Dinge haben sich so ganz anders entwickelt, als ich mir das vorgestellt hab.« Er lächelte angedeutet. »Und ich denk, vieles liegt hier im Argen. Freilich hab ich kein Recht, mich einzumischen. Und wenn du es willst, dann geh ich und räume das Feld. Aber ich würde lieber bleiben, das solltest du wissen.«

»Bist du denn so lange abkömmlich?«

Er seufzte leise. »Meine Forschungsreisen sind beendet. Ich hab schon vor einer Weile genügend Material beisammengehabt für meine Promotion. Es war nur so, dass ich viel zu gern weiter herumgereist bin. Der Himalaya hat mich halt mein Lebtag fasziniert, das gebe ich zu. Aber jetzt habe ich einen handfesten Grund hierzubleiben.«

»Du meinst, wegen Peter?«

»Ich mein, dass es Zeit wird, sesshaft zu werden und zu bleiben. Und dass es auch Zeit wird, meine Familie daran zu erinnern, dass ich zu ihnen gehöre. Und das will ich tun.«

***

»Ich hab es euch doch gesagt. Aber ihr habt net hören wollen. Und jetzt haben wir die Katastrophe!« Ursula Lohmeier musterte Mann und Sohn abwechselnd vorwurfsvoll. »Man kann doch auf solch eine windige Hoffnung net die Zukunft seines Hofes setzen.«

»Jetzt sei still und lass mich nachdenken!«, knurrte ihr Mann ärgerlich und kaute auf seiner Pfeife herum.

Sebastian sagte gar nichts. Das Auftauchen von Tobias Wanninger hatte ihm einen Schlag versetzt, von dem er sich noch nicht wieder erholt hatte. Als er Barbara mit ihrem Mann so einträchtig am Küchentisch hatte sitzen sehen, war ihm das wie sein schlimmster Albtraum erschienen. Und das Ärgste: Seine Mutter schien wieder einmal recht zu behalten. Barbara hatte gleich die Partei ihres Mannes ergriffen und ihm, Sebastian, quasi die Tür gewiesen. Das war böse!

»Jetzt sag halt auch mal was, Bub! Was willst du machen?«, drängte sein Vater ihn nun unwirsch. »Du hast uns versprochen, dass alles klargeht mit dem Land. Was soll also werden?«

»Ich geb so schnell net auf«, versicherte Sebastian da halbherzig. »Ich werde um die Barbara kämpfen.«

»Geh, das ist doch nur Gerede. Sie hat ihren Mann lieb. Was willst du dagegen unternehmen?«

»Dazu wird mir schon noch was einfallen.« Der Bursch lächelte hinterhältig, denn da kam ihm eine Idee. Gewiss hatte Barbara Tobias lieb. Das war eine Tatsache, an der sich in den vergangenen fünf Jahren nichts geändert hatte. Und daran würde auch Sebastian nicht rütteln können. Doch was er tun konnte, war, ihr Vertrauen zu ihrem Mann zu untergraben. Tobias hatte sie schon einmal verlassen, schon einmal den Treueschwur gebrochen. Warum sollte er dies nicht wieder tun?

»Woran denkst du, Bub?«, fragte seine Mutter ihn misstrauisch. Sie kannte die Art ihres Sohnes, seinen Willen mit allen Mitteln durchzusetzen. Und in diesem Fall konnte das übel ausgehen.

Doch Sebastian behauptete leichthin: »Ich werde der Barbara klarmachen, dass sie sich nur auf einen verlassen kann, nämlich auf mich. Und dass ihr Mann nichts weiter als ein haltloser Herumtreiber ist. Ihr werdet sehen, ich steck ihr ein Lichterl auf, sodass ihr nix anderes übrig bleibt, als dem Tobias ein für alle Mal die Tür zu weisen …«

Die Bäuerin warf ihrem Mann einen unbehaglichen Blick zu, doch der reagierte nicht. Seine Gedanken schienen nur noch um die Erhaltung des Hofes zu kreisen. Und es war ihm offenbar auch egal geworden, mit welchen Mitteln dies geschah.

Ursula Lohmeier hingegen hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Bislang war sie nicht begeistert gewesen von dem Plan, den Mann und Sohn gemeinsam ausgeheckt hatten. Doch wenn Sebastian nun versuchte, vorsätzlich eine Ehe zu zerstören, um sein Ziel zu erreichen, dann konnte dabei unmöglich etwas Gutes herauskommen, im Gegenteil. Dann würde ihr Sohn vermutlich nicht nur sich selbst ins Unglück stürzen …

Sebastian war da anderer Meinung. Er legte es nun darauf an, die Küchenmagd Lotti abzupassen, was ihm schließlich auch gelang. Als er dem überraschten Madel vorschlug, mal zusammen auszugehen, fragte Lotti ihn direkt: »Du lässt wohl nix anbrennen, Bauer, was? Nachdem du bei der Chefin nimmer landen kannst, versuchst du es bei mir.« Sie lächelte vielsagend. »Aber ich werde mich gewiss net beschweren, hab nix dagegen.«

»Gut, dann sehen wir uns heut Abend«, erwiderte er knapp.

Lotti wunderte sich den ganzen Tag über diese Wendung der Dinge und fragte sich zugleich, was Sebastian Lohmeier wohl im Schilde führte. Dass er ernste Absichten hatte, war nicht zu erwarten. Jeder in Mühldorf wusste schließlich, wie schlecht es um den Berghof bestellt war und dass der Jungbauer auf eine reiche Erbin angewiesen war. Doch was wollte er dann von ihr? Lotti war gespannt. Und sie sollte es noch an diesem Abend erfahren …

Sebastian redete nicht lange um den heißen Brei herum. Er spendierte dem leidlich hübschen Madel ein Glas Sekt und ließ es dann wissen: »Ich könnte deine Hilfe brauchen. Es soll dir net leidtun, denn ich bezahl dich gut.«

»Und was hast du im Sinn?«

Es gefiel ihm, dass sie sich nicht zierte, deshalb spielte er mit offenen Karten. »Zunächst muss ich mal wissen, wie es bei euch drüben aussieht. Hat der Tobias sich wieder eingenistet, will er bleiben? Und legt er es darauf an, seine Frau wieder für sich zu gewinnen?« Er verzog angewidert das Gesicht, als er noch hinzufügte: »Und wie steht deine Chefin zu dieser ganzen Geschichte?«

»Das sind viele Fragen auf einmal. Warum kommst du net selbst zu uns und findest heraus, was du wissen willst? Der Bub fragt allerweil nach dir. Ich hab’s selbst gehört.«

»So? Na, wenigstens etwas. Trotzdem bleib ich bis auf Weiteres ein bisserl auf Distanz. Deshalb frag ich dich ja.«

Lotti setzte eine wichtigtuerische Miene auf, sodass Sebastian schon anfing, diese Verabredung zu bereuen. Doch sie erwies sich dann als gute Informationsquelle.

»Der Tobias wohnt in einem der Gästezimmer. Er nimmt die Mahlzeiten zusammen mit seiner Frau und dem Buben ein. Der nennt ihn übrigens »Onkel«. Anscheinend hat sie ihm noch net gesagt, wer der Gast ist.«

»Das könnte ein gutes Zeichen sein. Und sonst?«

Lotti hob die Schultern. »Er hockt allerweil mit seinem Laptop herum und schreibt was auf. Ich glaub, das hat mit seiner Arbeit zu tun.«

»Ich mein, wie steht es zwischen ihm und Barbara?«

»Kann ich net sagen. Sie gehen ganz freundlich miteinander um. Aber ob sie wieder zusammenkommen, das muss sich noch zeigen.«

»Das wollen wir doch net hoffen.« Der Bursch lächelte schmal. »Und um sicherzugehen, will ich was dagegen unternehmen. Dabei kannst du mir helfen. Allerdings nur, wenn du schweigst und nix von meinem Plan verrätst. Wirst du das schaffen?«

»Freilich, wenn die Bezahlung stimmt …«

»Du bist recht.« Er drückte ihr mehrere Geldscheine in die Hand, die Lotti blitzschnell verschwinden ließ. Dann setzte er ihr genau auseinander, was er von ihr erwartete. Es war weniger, als sie für diese Summe befürchtet hatte.

»Wir sind im Geschäft«, erklärte sie schließlich lächelnd. »Die Chefin bezahlt nach Tarif, aber große Sprünge kann ich von dem Geld net machen. Da kommt mir so eine Finanzspritze gerade recht …«

»Wenn du deine Sache gut machst, dann leg ich noch was drauf. Und gib mir regelmäßig Bescheid, wie es steht. Der Tobias muss so bald als möglich vom Berghof verschwunden sein, hast mich verstanden?«

Lotti nickte überheblich. »Das ist eine Kleinigkeit für mich.«

***

Am nächsten Vormittag saß Tobias über seiner Arbeit und bemerkte nicht, dass Lotti sich ganz in seiner Nähe aufhielt. Sie wartete auf eine günstige Gelegenheit, die sich bot, als Barbara an der Rezeption beschäftigt war.

Sebastian hatte ihr eingetrichtert, sich an Tobias heranzumachen, ohne dass dessen Frau etwas merkte. Jedenfalls zu Beginn noch nicht. Und genau daran hielt sie sich nun auch.

»Kann ich dir was bringen? Hast du einen Wunsch?«, fragte sie Tobias und schloss die Kammertür hinter sich.

Der junge Wissenschaftler blickte irritiert auf. »Nein, dank schön, Lotti. Ich brauch nix.«

»Bist du da sicher?« Sie schenkte ihm ein kokettes Lächeln und beugte sich ein wenig vor, damit er freien Einblick in ihren Ausschnitt hatte. Dabei tat sie so, als läse sie, was er geschrieben hatte. »Mei, du musst aber klug sein, wenn du davon was verstehst!« Sie seufzte leise. »Ich mag kluge Burschen. Und welche, die so trainiert sind wie du …«

Sie legte die Hände auf seine Schultern und strich mit sachtem Druck über seine Arme. »Ein starker Bursch bist du, so ein Exemplar findet man net alle Tage. Ich wette, die Madeln sind narrisch auf dich. Gewiss hast du auf deinen Reisen nix anbrennen lassen, gelt? Magst du mir net mal ein bisserl was erzählen von deinen … Abenteuern?« Sie schaute ihm tief in die Augen.

Tobias räusperte sich peinlich berührt und stellte klar: »Ich find es schmeichelhaft, dass ich dir gefalle, Lotti. Aber wir wollen doch net vergessen, dass ich verheiratet bin, gelt?«

»Auch net für kurze Zeit?« Sie zog einen Schmollmund. »Sag nur, du hast in den letzten Jahren wie ein Mönch gelebt. Geh, das glaubt dir eh keiner!«

»Ich bin der Barbara treu gewesen, auch wenn es dich nix angeht.« Er streifte ihre Arme ab und musterte sie kühl. »Und jetzt geh und lass mich in Ruh, dann wollen wir das Ganze vergessen.«

»Das ist net nett von dir. Aber gut, wer net will, der hat schon.« Sie lachte verächtlich auf. »Bei der Chefin kannst eh nimmer landen. Sie will den jungen Lohmeier heiraten, die zwei sind sich einig. Und ich kann warten …«

Nachdem Lotti gegangen war, brachte Tobias keinen logischen Satz mehr zustande und legte sein Laptop schließlich weg. Die Behauptung der Magd, Barbara und der Nachbar seien sich einig, ging ihm nicht mehr aus dem Sinn.

Seit der junge Mann auf den Berghof zurückgekehrt war, waren nun ein paar Tage vergangen. Sebastian Lohmeier hatte sich nicht wieder blicken lassen, doch Tobias fragte sich, ob seine Frau sich vielleicht heimlich mit dem Nachbarn traf.

Barbara hatte Peter noch nicht gesagt, dass der neue Gast sein Vater war. Womöglich wartete sie nur auf eine Gelegenheit, um ihm wieder die Tür zu weisen. Diese Vorstellung belastete ihn so sehr, dass er schließlich Gewissheit haben musste. Nach dem gemeinsamen Nachtmahl bat er Barbara um ein Gespräch.

Sie musterte ihn abwartend, ihre Miene war verschlossen. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob und was sie vor ihm verheimlichte. Oder tat er ihr unrecht?

»Ich möchte dich fragen, wie deine Zukunftspläne aussehen«, erklärte er zögernd. »Vor allem, was uns betrifft.«

»Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch keine Gedanken gemacht«, antwortete sie ausweichend.

Das stimmte nicht ganz, denn Barbara dachte ständig darüber nach, was werden sollte. Befragte sie ihr Herz, dann war alles klar. Sie hatte ihren Mann nach wie vor lieb, an diesem Gefühl hatte sich nichts geändert. Doch es gab einfach zu viele Unsicherheiten. Barbara wusste nicht, ob Tobias diesmal bleiben wollte, es wirklich ernst meinte. Und sie dachte auch an Sebastian. Sie konnte und durfte ihn nicht einfach ausschließen. Er sollte sich nicht wie ein Lückenbüßer fühlen. Aus all diesen Gründen war sie ratlos und unsicher.

»Dann denkst du nach wie vor daran, Sebastian zu heiraten.«

»Was? Nein, wie kommst du denn auf die Idee?« Das kam so spontan und ehrlich, dass Tobias eine Last von der Seele genommen wurde.

»Ich dachte, es wäre logisch. In den vergangenen Jahren …«

»Bastian und ich sind immer nur Freunde gewesen. Ich weiß, dass es für ihn vielleicht mehr ist. Er hat tatsächlich öfter darüber geredet zu heiraten. Aber ich habe nie so gefühlt wie er.«

Das sollte Tobias fürs Erste genügen. Zu gern hätte er seiner Frau die wichtigste Frage gestellt, doch er schwieg. Nun, da er sicher sein konnte, dass sie für den anderen nichts empfand als alte freundschaftliche Gefühle, konnte er warten …

Sebastian hingegen hatte keine Zeit zu verlieren.

Jeden Abend traf er sich mit Lotti, doch nie erzählte sie ihm das, was er hören wollte. Schließlich musste er einsehen, dass er auf diese Weise nicht weiterkam. Es sei denn, er startete einen Frontalangriff. Und als Lotti ihn wissen ließ, dass Tobias an diesem Abend im Wirtshaus war, beschloss der Jungbauer, es einfach zu wagen.

Barbara war überrascht, ihn zu sehen. Das schlechte Gewissen sprach aus ihrem Blick, wie er missmutig feststellte. Doch er beschloss, selbst diesen Umstand zu seinen Gunsten zu nutzen.

»Bastian, das ist nett, dass du mal wieder vorbeischaust«, rief sie, ehrlich erfreut.

»In letzter Zeit hatte ich viel um die Ohren. Du weißt ja, der Schreibkram fürs Finanzamt. Und dem Vater geht es auch net so, wie es sein sollte. Sein Rücken macht ihm zu schaffen.«

»Das tut mir leid. Sag ihm gute Besserung von mir.«

»Danke, das mach ich. Und wie geht es dir?«

Sie hob die Schultern. »Es geht so. Der Peter fragt oft nach dir. Er vermisst deine abendlichen Besuche. Und er wird sich ärgern, dass er dich heut verpasst hat.«

»Ich dachte, es wäre besser, mich nimmer aufzudrängen«, behauptete er. »Schließlich ist dein Mann zurück und alles wieder im Lot, net wahr?«

Sie lächelte schmal. »So einfach ist das leider net.«

»Ich dachte, du bist glücklich. Oder will er net bleiben?«

»Da ist noch nix entschieden. Der Tobias arbeitet momentan an seiner Promotion. Und was er hernach beruflich macht, ist noch offen. So dicht gesät sind die freien Stellen für einen Geologen mit seiner Spezialisierung net.«

»Vor allem hier heroben bei uns, gelt? Aber ich nehm an, der Peter ist jetzt glücklich, weil er seinen Vater wieder hat.«

Barbara zögerte kurz, dann aber siegte das Vertrauen zu ihrem alten Spezl. »Ich hab’s dem Buben noch net gesagt. Weißt du, ich will lieber abwarten und …«

»Eine kluge Entscheidung«, unterbrach er sie eindringlich.

Die Berghofwirtin stutzte. »Was meinst du damit, Bastian?«

Da tat er harmlos und spielte seine Bemerkung von gerade eben herunter. Barbara aber hatte das deutliche Gefühl, dass mehr dahintersteckte. Sie ließ nicht locker, bis ihr Besucher schließlich mit deutlichem Unwillen zugab: »Ich fürchte, du kannst deinem Mann net trauen.«

»Wie kommst du darauf? Jetzt sag mir bitte, was du weißt, Bastian! Ich hab mich doch allerweil auf dich verlassen können. Ich bitt dich, um unserer alten Freundschaft willen!«

»Na schön. Aber ich tu es net gern. Der Tobias ist öfter mit einem Madel gesehen worden. Ich glaub, es ist die Lotti, deine Küchenmagd.«

»Gesehen? Was meinst du damit?«

Er tat unbehaglich. »Na ja, einmal hab ich die beiden selbst beobachten können. Sie sind Hand in Hand in der alten Remise verschwunden, die grenzt ja an unseren Besitz. Ich hab mir nix dabei gedacht. Aber ein andermal …«

»Bastian, ich bitt dich! Das kann net stimmen.« Barbara wusste nicht, was sie denken sollte. Wieso erzählte Sebastian ihr solche Lügen? Sie war überzeugt, dass Tobias sie niemals hintergehen würde. Schließlich strebte er eine Versöhnung an. Außerdem hatte er sich erst kürzlich über Lotti bei ihr beschwert, weil diese angeblich zu freizügig herumlief.

»Die Lotti hat ihm vielleicht schöne Augen gemacht, aber das war dann auch alles. Ich verstehe net, wieso du mir mit einem solchen Klatsch daherkommst.«

»Es ist kein Klatsch, es stimmt«, beharrte er. »Ich sag dir das doch nur, weil ich net will, dass du noch einmal enttäuscht wirst. Was der Tobias dir angetan hat, reicht ja wohl.«

Ihre Miene verschloss sich, kühl stellte sie richtig: »Zwischen dem Tobias und mir hat es vom ersten Moment an gestimmt. Das Einzige, was uns getrennt hat, ist sein Beruf. Aber ich weiß ganz genau, dass er mich niemals betrügen würde.«

»Wenn du dir da so sicher bist, sollte ich wohl besser gehen. Ich will net wie ein Verleumder dastehen«, entgegnete er beleidigt und machte sich tatsächlich sofort auf den Heimweg.

Barbara wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sebastians Benehmen erschien ihr seltsam und unerklärlich. Oder war er einfach nur eifersüchtig?

***

Tobias erfuhr bei seinem Wirtshausbesuch ein paar überaus interessante Neuigkeiten über den Lohmeier-Hof. Als er am nächsten Morgen mit Barbara und Peter frühstückte, fragte er seine Frau: »Wusstest du, dass der Lohmeier kurz vor dem Bankrott steht?«

»Was ist ein Bankrott, Onkel Tobias?«, wollte der Bub sogleich wissen. Er mochte den klugen Onkel, der so wunderbar erklären konnte. Und dass er dies konnte, bewies er nun aufs Neue.

»Wenn man kein Geld hat und der Betrieb oder Hof nimmer genug zum Leben abwirft, dann ist man bankrott.«

»Das sind wir aber net, oder?«

Barbara seufzte. »Gewiss net. Sag, Peterle, magst du net spielen gehen? Oder hast du noch Hunger?«

Der Bub schüttelte den Kopf und folgte nur zu gern der Aufforderung. Es war Samstag, da musste er nicht in den Kindergarten und konnte daheim tun und lassen, was er wollte. Und weil es ein trüber und windiger Tag war, spielte der Bub in seinem Zimmer. Dank seiner regen Fantasie wurde es Peter so schnell nicht langweilig.

»Wer erzählt denn so was?«, fragte Barbara Tobias, als sie allein waren.

»Der Chef von der Sparkasse. Ich hab’s zufällig aufgeschnappt. Und weil noch einige Bauern in der Wirtschaft waren, hab ich mich ein bisserl schlaugemacht.

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