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Heimat-Roman Treueband 22 - Sammelband

Rosi Wallner, Margit Hellberg, Andreas Kufsteiner, Verena Kufsteiner

Heimat-Roman Treueband 22 - Sammelband

Inhalt

Rosi Wallner
Alpengold - Folge 180
Für die junge Beate wird ein Märchen wahr, als der neue Bauer vom Erlacher-Hof sie bittet, seine Frau zu werden. Solange sie denken kann, lebt Beate, die verwaiste Verwandte, wie eine Magd auf dem großen Hof, gedemütigt und verachtet von der stolzen Erlacher-Enkelin Susanne. Doch nun ist Susannes Großvater tot, und Anderl Agrainer ist Herr auf dem prächtigen Anwesen.

Die Bauernhochzeit, die Beate und Anderl feiern, ist bescheiden wie die verliebten Brautleute selbst, und doch könnten die beiden glücklicher nicht sein. Und übers Jahr, als ein kleiner Bub in ihrer Wiege liegt, ist ihre Welt vollkommen ...

Dass sie beinahe auf Schritt und Tritt von eifersüchtigen Augen beobachtet werden, merken Beate und Anderl viel zu spät. Da ist Christian, ihr Herzenskind und Stammhalter, schon in allergrößte Gefahr geraten ...


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Margit Hellberg
Bergkristall - Folge 261
Ungläubig betrachtet die schöne Leitner-Brigitte den glitzernden Ring, den ihr der Kriminalbeamte Theo Blümel mit einem triumphierenden Lächeln zeigt, und nur mit Mühe kann sie die Tränen zurückhalten.

Nein, das kann net sein!, hämmert es wieder und wieder hinter ihrer Stirn. Niemals ist Stefan ein Dieb und Betrüger! Auch wenn er sie wegen einer anderen verlassen hat, so hat er doch zu viel Ehrgefühl, um ein gemeiner Verbrecher zu werden!

Aber ein Blick in das entschlossene Gesicht des Kommissars zeigt Brigitte nur zu deutlich, dass er nicht wie sie an Stefans Unschuld glaubt - im Gegenteil! Endlich ist er sicher, das entscheidende Beweisstück gefunden zu haben, um Stefan ins Gefängnis zu bringen!

Kann es Brigitte da noch gelingen, den geliebten Stefan von diesem schweren Verdacht zu befreien?


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Andreas Kufsteiner
Der Bergdoktor - Folge 1717
Carolin Brandner hat schwere Jahre hinter sich. Ihre Ehe war ein Desaster, und sie hat ihr Kind verloren.

Jetzt will sie sich in St. Christoph ein neues Leben aufbauen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn seit einigen Wochen leidet die Bäuerin unter heftigen Kopfschmerzattacken und plötzlichen Erinnerungslücken. So findet sie sich mitten in der Nacht im Wald wieder und weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist.

Carolin ist verzweifelt. Doch eine Untersuchung in der Praxis des Bergdoktors schiebt sie immer wieder auf ...


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Der Bergdoktor - Folge 1718
Nach dem Abschluss seines Studiums als Gletscherforscher will sich Niklas Bergmeister ein paar Wochen bei seinem Bruder Justus in St. Christoph erholen. Entsetzt stellt er jedoch fest, dass auf dem abgelegenen Einödhof einiges im Argen liegt.

Und auch Justus hat sich nicht zu seinem Vorteil verändert. Sein Äußeres wirkt ungepflegt, und er gibt sich mürrisch und wortkarg. Niklas ist klar, dass die Einsamkeit hier oben in den Bergen den Bruder so zermürbt. Und deshalb muss eine Frau auf den Hof! Justus schnaubt zwar zunächst vor Wut, als Niklas eigenmächtig eine Heiratsannonce in die Zeitung setzt. Doch nach zahlreichen abgelehnten Bewerberinnen, die nichts für den Tannenhof taugen, darf schließlich die schöne Hauswirtschafterin Stefanie Wiesner bleiben.

Aber statt in Justus verliebt sie sich in Niklas, und so überstürzen sich schon bald auf dramatische Weise die Ereignisse auf dem Tannenhof...


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Verena Kufsteiner
Das Berghotel - Folge 117
Schon seit Jahren steht für Lissy und Resi fest, dass sie nach der Matura gemeinsam nach Wien ziehen wollen. Das idyllische St. Christoph ist für zwei junge Madeln doch viel zu langweilig! Sie brauchen den Trubel und die Abwechslung einer Großstadt.

Als die Freundinnen dann tatsächlich eine Wohnung in Wien beziehen, entdecken sie allerdings schnell, dass es nicht so einfach ist, die Heimat aus dem Herzen zu verbannen. Immer wieder denken beide sehnsuchtsvoll an das wunderbare Zillertal, doch geschickt verbergen sie ihre Gefühle voreinander.
Bei einem Ausflug ins Wiener Nachtleben kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung. Mitten in einer überfüllten Disco steht vor Resi plötzlich Philipp - der beste Freund ihres Bruders. In St. Christoph hat Philipp sie nie beachtet, es war immer offensichtlich, dass er sie nicht leiden konnte. Doch hier ist auf einmal alles anders: der Alkohol, die laute Musik, die ausgelassene Atmosphäre ...

Auch Lissy trifft in dieser Nacht auf einen Mann, der ihr keineswegs unbekannt ist, und bald sind Verwicklungen, große Leidenschaft und bittere Enttäuschung vorprogrammiert.


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Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Diesen Mann darfst du nicht lieben
  4. Vorschau

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bluemchen

Diesen Mann darfst du nicht lieben

Ein Mädchen im Bann einer unseligen Leidenschaft

Von Rosi Wallner

Keiner versteht so recht, warum der reiche Anton Erlacher ausgerechnet diesen Andreas Agrainer auf seinen Hof geholt hat, einen Burschen, von dem man nichts Genaues weiß. Dass er klug ist und fleißig und außerdem ein Bild von einem Mann, das lässt sich allerdings nicht leugnen. Besonders die Enkelin vom Erlacher, eine wahre Schönheit mit herrlichen Locken und strahlenden Augen, hat das gleich bei der ersten Begegnung festgestellt, und seitdem tut sie alles, um die Aufmerksamkeit des jungen Knechtes zu erregen, doch Andreas weicht ihr aus.

Aber je zurückhaltender er sich gibt, desto leidenschaftlicher werden Susannes Gefühle für ihn, desto offener drängt sie sich ihm auf. Als dem alten Erlacher endlich die Augen über das Treiben des Mädchens aufgehen, ist er entsetzt. Gerade diesen Burschen darf Susanne nicht lieben!

Maria Agrainer nahm behutsam verschiedene Kräuter aus einem Korb und schichtete sie, sorgfältig voneinander getrennt, auf dem Tisch zum Trocknen auf. Eine Weile verbrachte sie danach noch in dem verschlagartigen Raum, in dem sie ihre Salben und Tinkturen zubereitete. Sie liebte den würzigen Geruch der Kräuter, und ihr Blick schweifte zufrieden über die Wandregale, auf denen sich Tiegel und Flaschen aus dunkelbraunem Glas aneinander reihten.

Maria musste daran denken, dass man sie im Dorf halb verächtlich, halb ehrfurchtsvoll die »Kräuterhexe« nannte, und ein Lächeln krümmte ihren faltigen Mund.

Niemand wusste genau, woher Maria Agrainer vor vielen Jahren gekommen war. Sie hatte das abgelegene kleine Haus günstig erworben und eine Zeit lang mit ihrer Tochter von Ersparnissen gelebt. Als diese knapp wurden, begann Maria, sich ihr geheimnisvolles Wissen zunutze zu machen, um sich ihren bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Inzwischen hatte sie das Vertrauen der Bauern gewonnen, und ihre Tees und Salben fanden sich in jedem Haushalt im Tal.

Sie war schon immer eine Außenseiterin gewesen, doch nach dem tragischen Tod ihrer Tochter Anna zog sie sich noch mehr zurück. Das Kind, das Anna hinterlassen hatte, wurde zu ihrem Lebensinhalt, über den Tod ihrer Tochter kam sie jedoch nie hinweg.

Maria nahm den Korb auf und trat vor das Haus. Das bescheidene Anwesen wirkte ausgesprochen idyllisch mit der üppigen Blumenpracht an den Fenstern und den Ranken, die sich überall am Mauerwerk hochwanden.

»Eigentlich müsste der Anderl jetzt kommen«, murmelte Maria vor sich hin.

In diesem Augenblick tauchte hinter der Wegbiegung die kräftige Gestalt eines ungefähr zehnjährigen Jungen auf. Die letzte Strecke, die am steilsten war, musste er laufend zurückgelegt haben, denn sein Gesicht war erhitzt und gerötet. In der einen Hand schwenkte er ein Schulheft, und triumphierend rief er aus: »Rat mal, Mutterl, was ich in der Rechenarbeit geschrieben hab, rat nur mal!«

Andreas Agrainer hatte sich schon von frühester Kindheit dagegen gesträubt, seine Großmutter anders als »Mutterl« zu nennen, und Maria beließ es schließlich dabei.

Sie stellte den Korb beiseite und musterte ihren Enkel mit liebevollem Stolz.

»Vielleicht willst mich überraschen, und es ist ein Ungenügend!«, neckte sie ihn.

Entrüstet sah er sie an. »So was! Eine Eins hab ich, als Einziger der ganzen Klasse! Der Lechner-Gustl und der Reuter-Tobias, die dann in die Stadtschul kommen, haben sogar eine Fünf. Solche Deppen müssen sie in der Stadt nehmen! Bestimmt denken die, alle Bergler wären so!«, schloss Andreas verächtlich.

»Wie redest du denn über deine Klassenkameraden?«, tadelte Maria, musste sich jedoch ein Lachen verbeißen. Dann fragte sie unvermittelt: »Tut es dir leid, Anderl, dass du net auch auf eine andere Schule gehen kannst?« Ein besorgter Ausdruck lag dabei in ihren Augen.

»Nein«, versicherte Andreas langgezogen. »Ich möcht net in der Stadt leben. Außerdem kostet das ein schönes Stückerl Geld, viel mehr, als wir haben!«, erklärte er altklug und fügte hinzu: »Der Herr Pfarrer will mir ein paar Stunden geben. Er hat da etwas von einer Begabtenprüfung gesagt, und dass er einmal mit dir sprechen will, Mutterl!«

»So, hat er das?«, meinte Maria Agrainer, die seit dem Tod ihrer Tochter nicht mehr in die Dorfkirche ging, trocken. Ein einziges Mal war sie noch dort gewesen: zu Anderls Erstkommunion. Als sie die Enttäuschung auf Andreas’ Gesicht gewahrte, sagte sie schnell: »Dann werd ich halt mit Hochwürden reden!«

Andreas gab ihr einen stürmischen Kuss auf die Wange, und sie gingen einträchtig ins Haus.

»Einen Bärenhunger hab ich!«, rief der Junge, als die Großmutter ihm von dem Eintopf schöpfte, der leise auf dem Herd brodelte.

»Iss nur, iss!«

»Sicher! Ich muss ja groß und stark werden«, erwiderte der Junge verschmitzt. »Und außerdem will ich dem Tobias eins übergeben, weil er mich dauernd einen Streber nennt!«

»Musst dich net ständig rumraufen!«, ermahnte Maria den Enkel besorgt.

»Sie sollen mich halt in Ruhe lassen«, meinte er nur und griff nach einer Scheibe Brot.

Maria erwiderte nichts darauf, verstohlen betrachtete sie den Jungen, der heißhungrig, aber nicht unmanierlich aß, und eine beinahe schmerzliche Welle der Zuneigung durchflutete sie.

Andreas war das Einzige, das ihr geblieben war, das Einzige, wofür es sich noch lohnte zu leben. Sie dachte, wie so oft, dass er zwar äußerlich seiner schönen Mutter glich, sich vom Wesen her jedoch völlig von ihr unterschied. Zwar war er ebenso stolz und empfindsam, doch verbanden sich bei Andreas diese Eigenschaften mit einem unbezähmbaren Lebenswillen und urwüchsiger Kraft. Während seine Mutter zur Schwermut geneigt hatte, war Andreas von heiterer Wesensart, er lachte gern und liebte es, andere zum Lachen zu bringen.

Er war reifer als die Kinder seines Alters, da seine Großmutter ihn wie einen Erwachsenen an ihren Sorgen teilnehmen ließ. So wusste er, dass ihre bescheidenen finanziellen Möglichkeiten es nicht erlaubten, dass er eine weiterführende Schule besuchte.

Er ahnte jedoch nicht, wie sehr es seine Großmutter bekümmerte, dass ihm trotz seiner Intelligenz nichts anderes übrig bleiben würde, als sich mit einer abhängigen Stellung abzufinden. Sie kannte seinen leicht verletzbaren Stolz und seine Heftigkeit, und sie fürchtete um den Jungen.

***

Als sie seinen toten Sohn ins Haus trugen, tastete Anton Erlacher Halt suchend hinter sich. Dann jedoch strafften sich seine breiten Schultern, und er sagte mit befehlsgewohnter Stimme: »Er wird in der Stube aufgebahrt!«

Lioba Erlacher weinte auf, doch sie verstummte, als ihr Mann sie anherrschte: »Sei still, Frau!«

Während der Erlacher nach außen hin hart und ungebrochen wirkte, kreisten wirre Gedanken hinter seiner Stirn.

Sein einziger Sohn, dem es an nichts gefehlt hatte, war das Opfer seiner unseligen Jagdleidenschaft geworden. Obwohl den Erlachers ein großes Waldstück gehörte, hatte Franz Erlacher ungehemmt Nacht für Nacht in anderen Gebieten gewildert. So war er schließlich gestellt worden, und als er den Jäger angegriffen hatte, hatte ihn dieser in Notwehr niedergeschossen und tödlich verletzt.

Als die Erlachers endlich allein waren, ging der Bauer mit seltsam steifen Schritten in die niedrige Stube und sah auf seinen aufgebahrten Sohn hinab. Der Tod hatte Franz entstellt. Sein Gesicht, das immer von Unruhe und Rastlosigkeit gezeichnet gewesen war, wirkte friedlich, beinahe verklärt.

»So hast du endlich Ruhe gefunden, Franzl. Bist halt nie über die Sache damals hinweggekommen, und das hat dich umhergetrieben!«, hielt Erlacher flüsternd Zwiesprache mit seinem Sohn. Lange stand er so da, und das Bewusstsein, am Tod seines einzigen Sohnes mitschuldig zu sein – auch wenn es eine Schuld war, von der niemand etwas ahnen konnte –, sickerte wie eisige Kälte in ihn ein.

Anton Erlacher war fünfundfünfzig Jahre alt, doch bis zu diesem Tag hätte man ihn für wesentlich jünger halten können. Jetzt waren die Linien seines Gesichtes erschlafft, seine hohe Gestalt schien in sich zusammengesunken zu sein.

Als er die Tür öffnete, drängten sich auf dem Flur die Frauen, keine jedoch wagte es bei seinem Anblick, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.

»Jetzt könnt ihr zu ihm!«, sagte der Erlacher knapp zu seiner Frau.

Lioba Erlacher war eine schwerfällige, früh verblühte Frau. Mit ihren verweinten Augen, die sie immer wieder mit zitternden Händen bedeckte, machte sie einen hilflosen, verlassenen Eindruck. Alles, was sie fähig war zu empfinden, hatte sie diesem Sohn, ihrem einzigen Kind, gegeben.

Der Erlacher verließ rasch das Haus. Als er den Hof überquerte, hörte er, wie sie anfing zu schreien, lang gezogene Klagelaute, und ein Schauder rann durch seinen Körper. Er suchte in den Stallungen Zuflucht, geistesabwesend klopfte er hin und wieder einem der Tiere auf die Flanken.

»Großvater!«

Der Erlacher schreckte auf, als er die dünne Kinderstimme hörte. Susanne! Er hatte das kleine Mädchen völlig vergessen.

»Ist es wahr, dass der Vater tot ist?«, fragte sie, und es klang seltsam kalt und unbeteiligt.

Der Erlacher musterte die Achtjährige nachdenklich.

Susanne stammte aus der kurzen, unglücklichen Ehe seines Sohnes. Auf Drängen seiner Eltern hatte Franz Erlacher die junge Ursula Buchler, die eine reiche Mitgift zu erwarten hatte, geheiratet. Doch das Paar verstand sich nicht, Franz gab sich bald wieder ganz seiner Jagdleidenschaft hin, und Ursula zeigte eine starke Abneigung gegen jede landwirtschaftliche Arbeit, obwohl sie aus einer alten Bauernfamilie stammte.

Auch die Geburt des Kindes, das sie aus Enttäuschung über sein Geschlecht sträflich vernachlässigt hatte, konnte nichts daran ändern. Unter diesen Umständen dachten die Erlachers nicht ans Überschreiben des Hofes, und es herrschten Zank und Hader, zumal sich Ursula nicht mit ihrer Schwiegermutter vertrug.

Es war daher nicht verwunderlich, dass Ursula, als sie sich in einen Städter verliebte, ihm ohne Zögern in die Stadt folgte, glücklich, dem verhassten Landleben entrinnen zu können.

Nach einem langen, hässlichen Scheidungsprozess blieb das Sorgerecht für Susanne beim Vater, und Ursula hatte ihre Tochter später nicht ein einziges Mal mehr besucht.

Susanne empfand allerdings auch keine Sehnsucht nach ihrer Mutter, sie wurde von ihrer Großmutter umsorgt. Als Spielkameradin diente ihr die kleine Beate Auner, eine verwaiste weit entfernte Verwandte der Erlacherin, die von den Großeltern aufgenommen worden war.

»Wann ist die Beerdigung?«

Der Erlacher zuckte unwillkürlich zusammen und verspürte jähen Zorn, obwohl er sich sagte, dass Kinder zuweilen grausam sein konnten. Er gab keine Antwort, sondern fuhr fort, das Mädchen aus zusammengekniffenen Augen anzusehen.

Susanne hatte ein reizendes Gesicht, das gewiss noch ansprechender gewirkt hätte, wenn sich nicht schon ein altkluger Zug eingeschlichen hätte. Für sein Alter war das Mädchen bereits auffallend eitel, Schleifen steckten in dem blonden Haar, das in Locken auf die Schultern fiel. An den Fingern trug die Kleine silberne Kinderringe, die sie der Großmutter auf dem Jahrmarkt abgeschmeichelt hatte.

Wie ihre Mutter zeigte Susanne starken Widerwillen gegen Hausarbeit. Wenn ihr eine kleine Aufgabe aufgetragen wurde, verschanzte sie sich hinter Ausreden oder schützte wehleidig eine Krankheit vor.

Aus ihr würde keine Hofbäuerin werden, stellte Erlacher bei ihrem Anblick wieder einmal fest. Es stand sogar zu befürchten, dass sie – erbte sie den Hof einmal – alles verkaufte, um ein müßiges Leben zu führen. Das musste er verhindern.

»Wo ist die Beate?«, fragte er sie barsch.

Susanne zuckte gleichmütig mit den Schultern.

»Dann such sie und geh mit ihr draußen auf der Wiese spielen! Das hier ist nichts für Kinder!«

Susanne warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Großvater, der sowohl Auflehnung als auch scheue Zustimmung bedeuten konnte, und huschte hinaus.

Anton Erlacher seufzte, und seine Gedanken kehrten wieder zurück zu seinem glücklosen Sohn.

***

Andreas ließ den Ranzen herabgleiten und setzte sich auf einen Felsbrocken neben dem Marterl an der Wegkreuzung. Mit dem Unterarm strich er sich die Haare aus der Stirn, auf der Schweißperlen standen.

»So eine Hitze!«, murmelte er vor sich hin, dann begutachtete er die Schäden, die die heutige wilde Schulhofrauferei hinterlassen hatte. Seine abgeschürften Knöchel und die geröteten Stellen an den Armen nahm er nicht zur Kenntnis, seine Stirn runzelte sich jedoch sorgenvoll, als er den Riss in seinem Hemdsärmel gewahrte.

»Das hat er doch mit Absicht getan, der Bazi, weil er weiß, dass ich nur drei Hemden hab!«, schimpfte er laut. »Was sag ich nur Mutterl? Sie wird ganz schön grantig sein! Und sie hat ja recht! Ich sollt wirklich net so wild sein!«

Er zog das Hemd aus und betrachtete nachdenklich die zerrissene Stelle. Andreas war so versunken, dass er nicht bemerkte, dass sich Schritte näherten. Erst als ein Schatten über ihn fiel, schrak er auf.

»Na, hast gerauft?«, fragte der hochgewachsenen Mann, der vor ihm stehen geblieben war, mit spöttischer Anteilnahme.

»Gewiss doch. Aber der andere sieht noch schlimmer aus!«, antwortete Andreas nicht ohne Genugtuung.

»So«, meinte der Mann einsilbig. Er starrte den Jungen auf eine Weise an, dass es Andreas unter diesem Blick unbehaglich wurde.

»Du kennst mich doch, net wahr?«

»Natürlich, jeder im Dorf kennt dich. Du bist der Erlacher, dem hier das meiste gehört, obwohl auch du es nicht mit ins Grab nehmen kannst. So sagen sie jedenfalls!«

Anton Erlacher musste lächeln, wohl das erste Mal seit dem Tod seines Sohnes.

»Ein vorlautes Goscherl hast du, Bub!«, meinte er. »Wenn du so weitermachst, wirst später einmal ein richtiger Raufbold. Das tät dir Spaß machen, wie?«

Andreas musterte nun seinerseits den vor ihm Stehenden kritisch. Und obwohl der Erlacher auf die meisten Menschen eher einschüchternd wirkte, fasste Andreas sonderbarerweise Vertrauen zu ihm.

»Ich rauf ja net zum Spaß«, erklärte er ernst, »sondern weil ich mich meiner Haut wehren muss.«

»So ist das also! Was würde dir später denn mal richtig Spaß machen? Möchtest du nicht in die Stadt gehen, dort, wo Milch und Honig fließen?«, fragte der Erlacher scherzhaft, aber seine Augen hatten einen lauernden Ausdruck.

»Ich glaub net, dass dort Milch und Honig fließen, es wird überall nur mit Wasser gekocht!«, antwortete Andreas ganz sachlich. »Und dort leben möcht ich auch net. Am liebsten hätt ich einen großen Hof mit vielen Tieren.« Ein versonnener Ausdruck trat auf seine Züge.

»Das hört sich ja schön an, aber es ist halt auch viel Arbeit! Da, schau meine Hände an!« Der Erlacher hielt dem Jungen seine schwieligen Handflächen hin.

»Das tät mir nichts ausmachen! Wenn man etwas Eigenes hat, dann weiß man doch, wofür man schafft!«, meinte Andreas.

»Scheinst ja schon gut Bescheid zu wissen für dein Alter!«

Andreas lächelte spitzbübisch. »Manchmal kommt es eben gar nicht so sehr auf das Alter an, Erlacher!«

Schnell schlüpfte er in sein zerrissenes Hemd und schwang sich den Ranzen über die Schulter. »Pfüat dich, Erlacher! Meine Großmutter wird schon auf mich warten!«

Anton Erlacher sah dem Jungen nach, bis er hinter der Wegbiegung verschwunden war. »Ein gewitztes Bürscherl, das muss man sagen! Gar nicht wie …« Er verstummte und fasste an seine Brust, wo er – wie öfters in letzter Zeit – ein leichtes Ziehen verspürte.

Muss mein Haus bestellen, alles in Ordnung bringen. Vielleicht bleibt mir nicht mehr viel Zeit, ging es ihm durch den Sinn.

***

»Kannst du dich net ein bisserl zusammennehmen, Andreas!« Nur wenn sie wirklich sehr aufgebracht war, nannte Maria ihren Enkel so. »Musst du immer den Raufbold spielen, als hätten wir net genug zu tun, um das Allernötigste anschaffen zu können, du Reißteufel!«

Andreas ließ die Strafpredigt der Großmutter mit gesenktem Kopf über sich ergehen.

»Es ist halt kein Auskommen mit dem Tobias und dem Gustl. Und seitdem der Gustl das über meine Mutter gesagt hat …«

Maria Agrainer fuhr herum. »Was hat er über deine Mutter gesagt?« Ihre dunklen Augen loderten, und mit einer heftigen Bewegung warf sie Anderls Hemd über eine Stuhllehne.

»Dass sie halt so eine gewesen wär, die keinen Vater für ihr Kind gehabt hätt.«

»So ein elendiges Bürscherl, dem könnt ich doch grad …«, unterbrach Maria ihn zornbebend.

»Siehst, Mutterl, und da hab ich ihm eine geschmiert!«, sagte Andreas befriedigt. Dann trat ein Ausdruck in seine Augen, den seine Großmutter noch nie wahrgenommen hatte. »Du hast mir immer nur erzählt, dass die Mama nach meiner Geburt gestorben wär! Aber etwas Genaues hast du mir nie gesagt. Und was ist mit meinem Vater?«

Maria Agrainer strich sich mit einer müden Geste eine Haarsträhne aus der Stirn. Als wäre sie von einer plötzlichen Schwäche befallen, sank sie auf einen Stuhl.

Mehrmals setzte sie vergebens zum Sprechen an, dann brachte sie hervor: »Ich wusst, dass der Tag kommen wird, an dem ich dir alles sagen muss. Immer hab ich Angst davor gehabt …«

Wieder strich sie sich mit einer beinahe hilflosen Bewegung über die Stirn.

»Deine Mutter ist nicht unmittelbar nach deiner Geburt gestorben. Nachdem du geboren warst, wurde sie immer schwermütiger, wie im Traum ging sie umher. Und dann kam sie eines Tages nicht mehr nach Hause.« Maria Agrainer schluchzte auf und barg ihr Gesicht in beiden Händen.

Andreas, der seine Großmutter noch nie weinen gesehen hatte, stürzte auf sie zu, umarmte sie und stammelte: »Bitte, hör auf zu weinen! Ich kann es nicht ertragen!«

Maria Agrainer bezwang sich mit Mühe. »Nach Tagen erst fand man sie im See. Sie hat nicht mehr leben wollen, mein Annerl!«

Der Junge war totenbleich geworden.

»Warum? Warum hat sie das getan?« Seine Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken.

»Dein Vater hat sie verlassen. Sie hat ihm vertraut, und er hat dieses Vertrauen missbraucht!«

»Wer ist es? Wer ist mein Vater?« Andreas schrie diese Worte beinahe.

»Ich weiß es net, Anderl!«, sagte Maria Agrainer tonlos und wandte ihr Gesicht ab. »Aber eines sollst bedenken: Was auch manche Leut, die lieber vor ihrer eigenen Tür kehren müssten, über deine Mutter sagen – hör net hin! Annerl war zu gutherzig, und das ist ihr zum Verderben geworden. Du darfst dich ihrer net schämen, versprichst du mir das?«

Andreas nickte. »Das versprech ich!« Dann überschattete sich sein sonst immer so heiteres Gesicht noch mehr. »Aber ich werd herausfinden, wer daran schuld war!«

Maria Agrainer legte mit einer sanften Geste den Arm um seine Schultern.

»Verrenn dich in nichts, Anderl! Du hast dein ganzes Leben noch vor dir!«

Andreas schwieg, und während des Essens, das sie ohne Appetit einnahmen, wich der grüblerische Ausdruck nicht von seinen Zügen.

***

Von dieser Zeit an geschah es, dass Andreas immer wieder anscheinend zufällig dem Erlacher begegnete. In seiner kindlichen Unerfahrenheit vermochte er darin keine Absicht zu erkennen, und er fühlte sich immer mehr zu dem alten Mann hingezogen, der so ernsthaft und verständnisvoll mit ihm sprach.

Der sonst so herbe Mann schien die Empfindungen des Jungen zu teilen, oft legte er während des Gesprächs den Arm um ihn, und Andreas, der nie väterliche Zuwendung kennengelernt hatte, empfand dann ein jähes Glücksgefühl.

Einmal fragte Andreas unvermittelt: »Sag, hast du meine Mutter gekannt?«

Der Erlacher zuckte zusammen. »Ja«, gab er tonlos zur Antwort.

»Und gab es damals nie Klatsch darüber, wer mein Vater gewesen sein könnte? Oder stand jemand im Verdacht?«

Das angespannte, plötzlich bleich gewordene Gesicht des Jungen erschütterte Erlacher.

»Nein. Aber vielleicht war er gar nicht von hier, vielleicht ist er auch nicht mehr – am Leben!« Erlachers Stimme versagte. Andreas achtete nicht darauf, seine Augen sprühten vor Hass. »Aber ich werd es noch herausbekommen, wer es ist, und dann gnade ihm Gott!«

***

Als der Erlacher den Hof überquerte, hörte er aus der Scheune einen unterdrückten Laut, der wie ein Hilfeschrei klang. Rasch schritt er darauf zu und spähte in das Halbdunkel.

Die kleine Beate stand in halber Höhe auf der Leiter, die zu dem Scheunenboden führte, und klammerte sich mit den beiden Händen ängstlich fest. Susanne, die viel kräftiger war als die um zwei Jahre jüngere Spielgefährtin, stand unten und rüttelte so an der Leiter, dass sie gefährlich schwankte.

»Wenn du net sagst, dass du den Krug zerbrochen hast, dann kannst zuschauen, wie du herunterkommst!«, rief sie höhnisch.

»Ich bin es doch net gewesen, du hast es doch getan! Wie kann ich das sagen?« Beates Worte gingen in ein Schluchzen über.

Susanne versetzte der Leiter einen zornigen Stoß – Beate verlor das Gleichgewicht und stürzte herab. Schwer schlug sie auf dem Boden auf und blieb bewegungslos liegen.

»Was geht hier vor?«, donnerte der Erlacher los.

Susanne erschrak, doch sie fand schnell ihre Selbstbeherrschung wieder.

»Die Beate ist schon wieder zum Boden hochgeklettert, obwohl die Großmutter es doch verboten hat. Ich wollt sie noch daran hindern, aber es war schon zu spät!« Susannes Gesicht war glatt und ausdruckslos, und dem Erlacher verschlug es vor so viel Unverfrorenheit die Sprache.

»Mach, dass du wegkommst!«, herrschte er das Mädchen an. »Und sag der Bäuerin Bescheid!« Dann kniete er neben dem Kind nieder und berührte es behutsam. »Beate!«, sagte er leise.

Das Mädchen schlug die Augen auf, schien ihn aber nicht zu erkennen.

»Lass mich, Susanne!« Das bleiche Gesichtchen verzerrte sich.

»Hab keine Angst, Beate! Ich bin es doch, der Erlacher! Es kann dir nichts geschehen!«

Der Körper der Kleinen entspannte sich.

»Tut dir etwas weh, Beate?«

»Mein Kopf«, flüsterte das Kind und machte eine hilflose Bewegung.

»Bleib ganz ruhig liegen! Der Doktor kommt gleich und hilft dir!«

Beate nickte kaum merklich, und Anton Erlacher stellte zum ersten Mal fest, wie elend das Mädchen aussah.

Trauer und unkindlicher Ernst hatten das zarte Gesicht gezeichnet, Beate wirkte wie jemand, der in ständiger Angst und Bedrohung lebte. Obwohl es ihr auf dem Hof gewiss nicht an Essen mangelte, war Beate mager und abgezehrt, unter ihren Augen lagen bläuliche Schatten, was ihr ein leidendes Aussehen verlieh.

Ihre halblangen Haare waren lieblos zurückgekämmt und im Nacken zusammengebunden. Sie trug offensichtlich Susannes abgelegte Kleider auf, obwohl diese ihr viel zu weit und zu lang waren, aber niemand schien sich darum zu kümmern.

»Armes Hascherl!«, murmelte Erlacher kaum hörbar vor sich hin. Er war beschämt und nahm sich vor, mit seiner Frau ein ernsthaftes Wort zu reden.

***

»Sie hat eine Gehirnerschütterung und Prellungen und muss erst einmal strikt das Bett hüten!«, erklärte Dr. Hofer, als er sorgfältig seine ausgebeulte schwarze Arzttasche verschloss. Dann fügte er zögernd hinzu: »Das Madl gefällt mir net. Man soll meinen, es bekäm nichts zu essen, so mager ist es. Und ich hab selten ein Kind gesehen, das so schüchtern und verstört ist.«

»Sie hat hier alles!«, fiel der Erlacher, dessen Gesicht sich gerötet hatte, ihm ins Wort.

»Trotzdem. Kommst einmal mit ihr hinunter in die Sprechstund, Erlacherin!«, wandte er sich an die Bäuerin, die mit unbeteiligter Miene die Unterhaltung verfolgte. »Ich will sie eingehend untersuchen und ihr ein Stärkungsmittel verschreiben!«

»Ja, Herr Doktor, und vielen Dank auch!«, antwortete der Erlacher anstelle seiner Frau.

Bedrückendes Schweigen herrschte in dem Raum, nachdem der Arzt gegangen war. Lioba Erlacher hatte die Lippen böse zusammengepresst, sie sah ihren Mann nicht an.

Seitdem ihr Sohn tot war, schien sie einen geheimen Hass auf alle Menschen, die sie umgaben, zu empfinden, lediglich Susanne war davon ausgenommen. Sie sprach kaum noch, doch wenn sie etwas sagte, dann war es von verletzender Bösartigkeit.

Anton Erlacher brach schließlich die lastende Stille. »Ich hab dir gesagt, was geschehen ist. Du wirst dich jetzt mehr um die Beate kümmern und die Susanne nicht so verwöhnen!«

Ein gehässiges Funkeln stahl sich in Liobas Augen. »Ich glaub dir einfach nicht, was du da erzählt hast!«

»Ich hab es selbst gesehen!«, fuhr der Erlacher zornig auf, doch seine Frau ging nicht darauf ein.

»Was hab ich überhaupt mit der zu schaffen? Noch nicht einmal richtig blutsverwandt bin ich mit ihr! Und jetzt lebt sie hier wie die Made im Speck! Glaubst du gar, dass die Kost im Krankenhaus besser wär? Das ist der Dank! Aber du hast ja immer etwas an mir auszusetzen! An allem bin ich schuld!«

Der Erlacher schlug die Tür hinter sich zu, das schrille Keifen seiner Frau war bis auf den Flur hinaus zu hören. Er wusste plötzlich, dass sie von jetzt an der kleinen Beate das Leben unerträglich machen würde. Er würde sie in Schutz nehmen müssen, so gut er es vermochte …

***

»Kann ich hereinkommen, Maria?« Der sonst so selbstbewusste Bauer stand unschlüssig in der Türöffnung, bis Maria ihn zum Eintreten aufforderte.

»Setz dich, Erlacher. Magst eine Milch?«

Anton Erlacher nahm ihr Angebot dankbar an, und als er getrunken hatte, sah er sich aufmerksam in dem Raum um. Welch eine Atmosphäre des Friedens herrschte in diesem bescheidenen Heim, verglichen mit dem Erlacher-Hof, wo Hass und Zwietracht die menschlichen Beziehungen vergifteten!

»Brauchst eine Salbe, Erlacher? Oder einen Tee?«, fragte Maria in der Annahme, dass der Bauer sie um eines ihrer bewährten Heilmittel bitten würde.

»Nein, Maria – das heißt, ich nehm einen Tee mit«, verbesserte er sich schnell.

Sie sah ihn aufmerksam an, und er fühlte sich seltsam beklommen unter ihrem Blick.

»Dein Blutdruck, Bauer, ist net in Ordnung, und dein Herz solltest du auch einmal untersuchen lassen. Ich geb dir einen Tee mit, der den Blutdruck senkt.«

»Kein Wunder, dass sie dich die Kräuterhexe nennen! Du siehst sofort, was jemandem fehlt, wofür die Ärzte stundenlang brauchen und auch noch teures Geld verlangen«, sagte er, aber sein scherzender Tonfall misslang. Dann sah er sich suchend um. »Wo ist denn der Kleine, der Andreas? Spielt er draußen?«

Ein warmes Lächeln huschte über Marias Gesicht. »Nein, er ist drunten im Dorf beim Pfarrer. Der gibt ihm nachmittags Stunden, weil er so gut in der Schule ist!« Unverkennbarer Stolz sprach aus ihren Worten.

»Was will er denn eigentlich werden, der Andreas? Bei seiner Begabung wär es doch schad, wenn er keine rechte Ausbildung bekommen würde!«

Maria Agrainers Augen verdunkelten sich vor Kummer. »Es bedrückt mich so sehr, dass ich ihm net helfen kann«, brachte sie mühsam hervor.

»Aber vielleicht kann ihm jemand anders helfen!«, sagte Anton Erlacher bedeutungsvoll.

In Marias Gesicht trat ein wachsamer Ausdruck. »Erlacher! Du bist net wegen einer Medizin hierhergekommen! Sag, was du von uns willst!«

»Ich möcht, dass der Andreas in ein paar Jahren eine Fachschule in der Stadt besucht und dann bei mir auf dem Hof arbeitet. Ich bin nicht mehr der Jüngste, und wie du weißt …« Er stockte einen Augenblick. »Ich habe keinen Erben. Deshalb wär es gut, wenn jemand, der etwas von der Sach versteht …«

»Warum der Andreas, warum er?«, unterbrach Maria ihn. »Hast du net noch Verwandtschaft im Unterland?« Ihre Miene hatte sich verhärtet, deutliches Misstrauen sprach aus ihr.

»Da ist keiner darunter, der tüchtig genug ist, um Hofbauer zu werden.«

»Du lügst!«, fiel Maria ihm erneut ins Wort. »Sag mir, was du mit dem Andreas vorhast!«

Der Bauer schwieg eine Zeit lang, dann sagte er leise: »Andreas soll den Hof erben!«

Maria Agrainer war totenblass geworden.

Erlacher wagte nicht, sie anzublicken. »Er ist mein Enkel!«

Marias Hand fuhr zum Herzen, ihr Gesicht verzerrte sich.

»Also habt ihr meine Tochter auf dem Gewissen! Ihr habt sie in den Tod getrieben, mein Annerl!« Ein Schluchzen brach aus ihrer Brust, dann stand sie ruckartig auf und wies mit der Hand zur Tür. »Scher dich weg, Erlacher! Und lass dich nie wieder hier sehen! Der Herrgott mag es euch verzeihen, was ihr meiner Tochter angetan habt, ich kann es nicht!«

Anton Erlacher saß bewegungslos da. »Mein Sohn ist tot, Maria. Wir haben beide unsere Kinder verloren! Lass uns miteinander reden!«

Maria Agrainer erschrak unwillkürlich über den Schmerz, der auf Erlachers Zügen unverhüllt zutage trat, und sie setzte sich wieder.

»Mein Sohn ist net darüber hinweggekommen, dass er deine Tochter verlassen hat. Seit ihrem Tod war er ein gebrochener Mann und ließ sich treiben. Er hasste uns dafür, weil wir ihn durch Drohungen so weit gebracht haben, Annerl aufzugeben und eine Frau, die er nicht liebte, zu heiraten. Oft sag ich mir, dass er den Tod gesucht hat, weil ihm das Leben ohne Annerl nichts mehr wert war und er sich wegen seiner Schwachheit schuldig fühlte. Und gleichzeitig hat er uns, seine Eltern, damit bestraft.«

Der Erlacher-Anton bedeckte mit der zitternden Rechten seine Augen und rang um Fassung.

»Ich weiß, dass er manchmal hier herumgeschlichen ist, um seinen Sohn, den Andreas, zu sehen. Doch er brachte es nicht über sich, sich zu ihm zu bekennen. Ich möcht nun an dem Andreas alles wiedergutmachen.«

»Erlacher, das lässt sich net wiedergutmachen!« Marias Stimme klang gebrochen. »Außerdem hat der Andreas sich geschworen, den Tod seiner Mutter zu rächen. Er ist keiner von denen, die sich abfinden lassen!«

Anton Erlacher schwieg, die Gedanken kreisten hinter seiner breiten Stirn. »Ich weiß, aber er braucht es ja zu meinen Lebzeiten nicht zu erfahren. Ich werde ihn als Erben einsetzen, und Susanne erhält ihr Pflichtteil. Stell dich dem Jungen net in den Weg, Maria! Was wird ihm sonst anderes übrig bleiben, als sich auf einem der Höfe zu verdingen? Und dann wird er sein Leben lang hadern, weil er net dafür geschaffen ist, immer nur zu gehorchen. Er wird versuchen auszubrechen, und vielleicht gerät er sogar auf die schiefe Bahn. Er wär nicht der Erste, der aus Zorn und Unzufriedenheit abgleitet.«

»Hör auf!«, unterbrach ihn Maria gequält.

»Ich hab ihn gern, den Jungen. Er ist so, wie ich mir immer meinen Sohn gewünscht habe. Selbst wenn Franzl …« Erlacher bekreuzigte sich. »Selbst wenn er am Leben geblieben wär, hätte ich den Andreas in meinem Testament bedacht!«

Maria Agrainers Gesichtszüge ließen nicht erkennen, ob sie seinen Worten Glauben schenkte.

»Es ist schwer für mich, Erlacher. Ich kann doch nicht über das Schicksal des Jungen entscheiden!«

»So frag ihn halt selber, ob er mal zu mir auf den Hof kommen will. Er kennt mich, ich hab ein paar Mal mit ihm gesprochen«, schlug er vor.

»So rein zufällig, nicht wahr?« Die Bitterkeit in Marias Stimme war nicht zu überhören. »Denk an den Anderl!«, mahnte der Mann. »Und wenn ich irgendetwas für dich tun kann, Maria …«

»Ich bin net käuflich!«, fiel sie ihm hart ins Wort.

»So hab ich es net gemeint, Maria!« Anton Erlacher stand auf, und wieder spürte er jenes seltsame Stechen in der Herzgegend.

Maria entging diese Veränderung nicht.

»Willst du net noch ein bisserl bleiben, dich ausruhen? Ich mach dir einen Tee, dann wird es dir gleich besser gehen.«

Ihre Besorgnis tat ihm wohl, und als er den Tee getrunken hatte, saßen sie noch eine Weile da, jeder hing seinen Gedanken nach.

Anton Erlacher war schier außer sich vor Freude, als Maria ihm bald darauf berichtete, dass Andreas seinem Vorschlag begeistert zugestimmt hatte. In den folgenden Jahren besuchte Anton die Agrainers in regelmäßigen Abständen, angeblich um sich mit Tees zu versorgen. In Wirklichkeit jedoch waren diese Besuche eine der wenigen Freuden im Leben des alternden Bauern, und er konnte so die Entwicklung seines Enkels unbemerkt mitverfolgen.

***

Andreas Agrainer beschleunigte seine Schritte, als er das vertraute Marterl an der Wegbiegung sah. Außer Atem blieb er davor stehen und bekreuzigte sich.

Dass er wieder zu Hause war! Ein jähes Glücksgefühl durchflutete ihn, und er stieß einen übermütigen Jauchzer aus. Dann beschattete er seine Augen vor der gleißenden Frühlingssonne mit der Hand, und sein Blick schweifte über das gewaltige Gebirgspanorama.

Wie hatte er diesen Anblick in der Stadt vermisst, wie beengt hatte er sich gefühlt in der kleinen Dachstube, in die kaum ein Sonnenstrahl gedrungen war! Nachts hatte er oft keinen Schlaf finden können, weil ihn das Heimweh so gequält hatte, und manches Mal war er versucht gewesen, alles hinter sich zu lassen und nach Hause zurückzukehren. Aber sein Stolz verbot es ihm; Andreas stürzte sich ganz in seine Arbeit und konnte die Landwirtschaftsschule mit einem ausgezeichneten Zeugnis abschließen.

Die Großmutter wird sich freuen!, ging es ihm durch den Sinn. Der Gedanke an sie ließ ihn den Rest des Weges fast laufend zurücklegen, und schon bald tauchte das kleine Anwesen vor ihm auf.

»Das Dach muss ich ausbessern, und der Zaun gehört neu gestrichen!«, sagte Andreas halblaut vor sich hin, und er verspürte ein Brennen in den Augen. Leise trat er auf die Schwelle. »Könnt ich ein Glas Milch haben?«

Beim Klang seiner Stimme fuhr Maria Agrainer herum, und dann lag sie in seinen Armen.

»Jesses, hast du mich erschreckt! Bist ein rechter Lausbub!«, schimpfte sie, aber ihre Augen leuchteten vor Freude.

Andreas gelang es, seine Betroffenheit über ihr Aussehen zu verbergen. Seit seinem letzten Besuch schien sie merklich gealtert zu sein, und ein bitterer Zug hatte sich um ihren Mund eingegraben. Doch als sie mit ihm sprach, während sie geschäftig am Herd hantierte, waren diese Spuren des Alters und des Leids wie ausgelöscht.

»Bist ja ganz mager geworden, Bub«, sagte sie mit einem besorgten Seitenblick. »Hast net genug zu essen bekommen?«

Andreas lachte. »Doch, schon. Aber es hat mir halt nie so recht geschmeckt. So gut wie du kocht halt keine!«

Verlegen wehrte Maria ab. »Ach, geh! Sag das später nur nicht deiner Frau, sonst hast jeden Tag Zank!«

Nachdenklich betrachtete sie ihn, und es wurde ihr schmerzlich bewusst, dass aus dem Kind, das damals in die Stadt gegangen war, inzwischen ein stattlicher junger Mann geworden war.

Andreas Agrainer war hochgewachsen und von kräftiger Gestalt. Das üppige gelockte Haar fiel ihm in die Stirn, und er strich es häufig mit einer ihm unbewussten Geste zurück. Das gut geschnittene Gesicht wurde von strahlenden Augen beherrscht, die Gefühlswärme und Heiterkeit verrieten. Seine äußere Erscheinung lenkte oft die Blicke auf sich, aber Andreas war sich dieser Anziehungskraft nie bewusst geworden.

Unbefangen erzählte er von seinen Erlebnissen in der Stadt, fragte dann aber ganz unvermittelt: »Und wie geht es dem Erlacher? Hat er noch immer solche Herzbeschwerden?«

»Augenblicklich scheint er sich ganz gut zu fühlen und behauptet hartnäckig, dass meine Medizin ihm geholfen hätte. Da übertreibt er natürlich!«, gab Maria zur Antwort.

»Stell dein Licht nicht so unter den Scheffel! Das wär nicht das erste Mal, dass deine Mittel gewirkt haben! Und wie steht es denn sonst so auf dem Hof?«, fragte Andreas weiter.

Maria schien sich ihre Worte genau zu überlegen.

»Dass dort net gerade Freude und Eintracht herrschen, das weißt ja. Die Erlacherin wird immer boshafter, und die Leut halten es nie lang bei ihr aus. Ihre Enkelin, die Susanne, ist ja auch recht schwierig. Schön ist sie ja geworden, alle sagen, sie wär das schönste Madl im Tal, und das ist ihr wohl zu Kopf gestiegen! Jedenfalls spielt sie den Burschen recht übel mit, erzählt man. Erst macht sie ihnen Hoffnungen, und dann weist sie sie ab oder spielt sie gegeneinander aus. Es hat schon oft Raufereien ihretwegen gegeben! Es ist ihr halt keiner gut genug.«

Maria sah Andreas plötzlich angstvoll an. »Wirst deinen Entschluss auch net bereuen? Jetzt kannst nämlich nimmer zurück!«

Andreas lachte, es war das siegesbewusste Lachen eines jungen Mannes, der sich seiner sicher war.

»Ich werd es doch noch mit so zwei Giftwurzen aufnehmen können! Hauptsach, der Erlacher ist mit mir zufrieden, alles andere kümmert mich wenig. Aber jetzt bleib ich ja erst mal paar Tage bei dir. Gibt ja allerhand zu tun, wie ich gesehen hab.«

***

Gelegentlich sah Andreas Agrainer von seinem Teller hoch und betrachtete verstohlen die Hofleute, die schweigend aßen. Der Mittagstisch war reichlich gedeckt, alles in der Stube – die handgeschnitzten Schränke und Truhen – atmete bäuerlichen Wohlstand und Behagen, dennoch war die gespannte Atmosphäre geradezu körperlich spürbar.

Mit verkniffenem Gesicht saß Lioba Erlacher da, und man hätte ihrer Miene nach annehmen können, dass sie die Anwesenheit der anderen als unerträgliche Beleidigung empfand. Sie wirkte wie eine vorzeitig gealterte, vom Schicksal betrogene Frau, wozu das straff zurückgekämmte Haar und die strenge schwarze Kleidung noch beitrugen. Sie richtete höchstens einmal das Wort an ihre Enkelin, die einen seltsam unbeteiligten Eindruck machte.

Man könnte meinen, das ginge sie alles nichts an, dachte Andreas. Er musste allerdings zugeben, dass Susanne Erlacher wirklich von außergewöhnlicher Schönheit war. Sie hatte ebenmäßige Züge und einen sehr reizvollen Mund, den sie jedoch zu häufig spöttisch verzog. Ihr Lächeln erreichte nie die tiefblauen Augen. Blonde Locken, auf deren Pflege sie wohl viel Zeit anwenden mochte, fielen bis auf die Schultern. Andreas fand ihre Kleidung viel zu aufwendig für einen Werktag, ein schlichteres Dirndl hätte ihre zartgliedrige Gestalt genauso gut zur Geltung gebracht, ohne das Mädchen aufgeputzt erscheinen zu lassen.

Anton Erlacher verstand sich nicht gut mit seiner Enkelin, wie Andreas unschwer erkennen konnte. Sein Blick streifte sie öfters missbilligend, was Susanne nicht zur Kenntnis zu nehmen schien.

Die Hofleute – eigentlich waren es zu wenige für ein so großes Anwesen – waren meist schon in vorgerücktem Alter. Andreas hatte den Verdacht, dass sie nur deshalb geblieben waren, weil es für sie schwieriger war, eine neue Stelle zu finden. Die Jüngeren hatten dem Hof wohl immer schnell den Rücken gekehrt. Alle machten einen mürrischen, feindseligen Eindruck, und Andreas spürte, dass sie ihn ablehnten, aus welchen Gründen auch immer.

Am Tischende entdeckte er ein junges Mädchen, das seiner Aufmerksamkeit bisher entgangen war. Er konnte nicht viel von ihrem Gesicht erkennen, denn sie hatte den Kopf tief gesenkt, und das wirre kastanienbraune Haar fiel ihr in die Stirn. Das schien die arme Verwandte zu sein, die auf dem Hof lebte, und es störte Andreas, dass die Erlacherin sie ihre Wohltätigkeit offensichtlich entgelten ließ.

Es war Andreas Agrainers erster Tag auf dem Erlacher-Hof, am Morgen hatte der Bauer ihn herumgeführt, und Andreas’ Begeisterung und fachkundige Bemerkungen hatten ihn mit sichtlicher Befriedigung erfüllt.

»Du glaubst also, dass es dir hier gefallen könnte?«, hatte der Bauer gefragt, und Andreas war verwundert über den angespannten Zug in Erlachers Gesicht gewesen.

»Was Besseres könnt ich mir gar net vorstellen«, hatte er erwidert, und der Erlacher hatte ihm einen leichten, vertraulichen Schlag auf die Schulter versetzt.

Andreas bemerkte nicht, dass er seinerseits beobachtet wurde. Susanne ließ hin und wieder einen Blick unter halb gesenkten Lidern zu ihm hinüberwandern. Zwar gehörten Leute in Andreas’ Position nicht zu denjenigen, die sie überhaupt zur Kenntnis nahm, doch etwas an ihm fesselte sie.

Es war nicht allein sein gutes Aussehen – Andreas Agrainer hatte eine Ausstrahlung, der sie sich nicht entziehen konnte. Es machte sie auch nachdenklich, dass ihr Großvater ihn offensichtlich bevorzugte, und ihr Instinkt, geschärft von dem Bedürfnis, immer ihren eigenen Vorteil wahrzunehmen, warnte sie. Sie kannte ihren Großvater gut genug, um zu wissen, dass er nichts ohne Absicht tat, darin waren sie sich ähnlich. Nun, sie würde die Entwicklung der Dinge auf jeden Fall im Auge behalten, nahm sie sich vor.

Zur Überraschung aller richtete Lioba Erlacher, die beim Essen selten sprach, plötzlich das Wort an Andreas. Sie war strikt dagegen gewesen, dass ihr Mann den jungen Agrainer auf den Hof geholt hatte. Sie betrachtete Andreas in ihrer starrsinnigen und traditionsbewussten Lebensanschauung nur als den »Schandfleck« der Familie.

Um das Andenken des geliebten Sohnes nicht zu beflecken, galt es, diesen Fehltritt Franz Erlachers zu verheimlichen. Lioba hätte es lieber gesehen, wenn Anton unter einem Vorwand dafür gesorgt hätte, dass Andreas von zu Hause fortgegangen wäre. Schließlich hätte er ihm anderswo eine Stelle vermitteln können, und dann wäre diese leidige Angelegenheit endlich aus der Welt geschafft gewesen. Aber obwohl sie sich energisch zur Wehr gesetzt und ihrem Mann das Leben unerträglich gemacht hatte, war Anton fest geblieben.

»Sag mal, Agrainer«, sagte sie jetzt herablassend, »ist deine Großmutter nicht die, die man überall die ›Kräuterhexe‹ nennt, weil sie den Leuten für teures Geld angebliche Heilmittel andreht? Früher hätte man solche Kurpfuscher hinter Schloss und Riegel gebracht!«

Alle Blicke hefteten sich auf Andreas, um zu sehen, wie er auf diesen Angriff reagierte. Der junge Mann ließ sich keinerlei Gefühlsregung anmerken.

»Da muss ich dich verbessern, Bäuerin. Erst einmal kennt sie sich genau bei der Herstellung der Mittel aus, und zweitens verlangt sie kaum etwas dafür, meistens verschenkt sie sie sogar. Und man hat noch nie davon gehört, dass ihre Kräuter Schaden angerichtet haben, wie es bei Medikamenten schon oft der Fall war. Dir, Bäuerin, würd ich beispielsweise einen entschlackenden Tee empfehlen, der die giftigen Stoffe aus dem Körper zieht, vielleicht auch etwas gegen die Galle!«, fügte er hinzu und lächelte sie gewinnend an.

Unter den Hofleuten machte sich Unruhe breit, ein unterdrücktes Kichern war zu hören.

Kreisrunde rote Flecken erschienen auf Liobas Wangen, und sie sah aus, als litte sie unter Atemnot.

»Man merkt, woher du …«, setzte sie voller Gehässigkeit zum Sprechen an, doch sie wurde von ihrem Mann barsch unterbrochen.

»Das gehört net hierher, Frau. Und können wir jetzt endlich in Ruh essen?« Seine Miene verhieß nichts Gutes, und die Erlacherin zog es ausnahmsweise vor zu schweigen.

Susanne warf Andreas einen schrägen Blick zu, in dem sich aufrichtige Bewunderung spiegelte, denn es geschah selten, dass jemand der Erlacherin die Stirn bot.

Nach dem Essen kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Eheleuten.

»Wenn du mir den Andreas vom Hof vergraulst, dann kannst was erleben! Ich hab genug von deinen Launen und deiner Gehässigkeit! Den Bub lass mir in Ruh, hast mich verstanden!«

»Eine Schande ist es, Mann, dass ich mit diesem … Bankert unter einem Dach leben muss und auch noch Vorwürf gemacht bekomm, weil ich es net dulden mag!«, keifte Lioba Erlacher.

Ihr Mann ging erregt in der Stube auf und ab, und die Blicke, die er seiner Frau zuwarf, verrieten, dass er nur noch Verachtung und Abscheu für sie empfand.

»Nimm dieses Wort nicht in den Mund! Wenn du net so eine Quertreiberin gewesen wärst – und ich werd mir ewig Vorwürf machen, dass ich damals auf dich gehört hab –, hätt der Franzl die Agrainer-Anna geheiratet. Der Andreas wär der rechtmäßige Erbe vom Erlacher-Hof, und der Franz wär auch noch am Leben. Es ist unsere Schuld, ganz allein unsere Schuld!«

»Sei still!«, unterbrach ihn Lioba schrill, und ein gequälter Ausdruck erschien in ihren Augen. »Woher sollen wir eigentlich wissen, ob er wirklich der Sohn vom Franzl ist? Er kommt doch ganz auf seine Mutter heraus.«

»Musst ihn halt nur richtig anschauen, Lioba! Und wenn er lacht – so hat der Franzl gelacht, bevor das Unglück mit der Anna geschehen ist.« Erlacher brach ab, er war sichtlich bewegt.

»Aber wir haben doch immer das Beste für den Franzl gewollt!«, stieß Lioba hervor, und plötzlich weinte sie wirklich – das erste Mal, seitdem sie ihren Sohn begraben hatte.

Der Erlacher griff nach der Hand seiner Frau, es war eine scheue und ungewohnte Geste, und er hatte das befreiende Gefühl, dass sich Lioba wandeln würde.

Beim Abendessen sah die Bäuerin immer wieder zu dem jungen Mann hinüber. Einmal lächelte er, als Susanne eine vorlaute Bemerkung machte – da war es ihr, als tauchte das Gesicht ihres verstorbenen Sohnes vor ihr auf, und sie spürte, wie es ihr warm ums Herz wurde.

»Es tut mir leid, Andreas, dass ich heut Mittag so grantig zu dir gewesen bin«, sagte sie plötzlich laut und vernehmlich.

Die Hofleute starrten sie fassungslos an, keiner konnte sich erinnern, dass sich die Erlacherin jemals bei jemandem entschuldigt hätte.

»Das hast nicht so gemeint, Bäuerin, das weiß ich doch«, gab Andreas zurück.

Er lächelte, und von diesem Augenblick an war sie davon überzeugt, dass Andreas Agrainer wirklich ihr Fleisch und Blut war.

***

Beate Auner stand, von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, nachts wieder von ihrem Bett auf und trat vor den Spiegel. Sie strich ihr Haar zurück und betrachtete forschend ihr schmales, zartes Gesicht. Doch die Blässe und die unvorteilhafte Frisur ließen die Schönheit ihrer Züge nicht zur Geltung kommen.

Eine leichte Röte stieg in Beates Wangen, als sie die Haare löste, die im Lampenlicht kupfern schimmerten.

»Ich bin net hässlich, wie alle sagen, ich müsst halt mehr auf mich halten«, murmelte sie vor sich hin und strich das formlose Nachthemd glatt, das Susanne ihr aufgenötigt hatte.

Aber instinktiv wusste sie, dass sie alles beim Alten lassen würde, um Susanne nicht zu verärgern. Gleichzeitig schämte sie sich ihrer Schwäche, aber sobald Anton Erlachers Enkelin sie aus ihren kalten blauen Augen ansah, erlosch jeder Widerstand in ihr.

Wenn Anton nicht gewesen wäre, hätte sie ihr Leben auf dem Hof noch unerträglicher gefunden. Er hatte dafür gesorgt, dass sie eine kleine Kammer für sich allein bekam. Inzwischen erhielt sie von ihm auch genügend Lohn, den sie darauf verwandt hatte, ihre Kammer wohnlicher zu gestalten.

Hier war Beates Zufluchtsort, hierher zog sie sich zurück, sobald die täglichen Pflichten verrichtet waren, glücklich, dem Spott und den Kränkungen Susannes und der Hofleute entronnen zu sein.

Für ein junges Mädchen ihres Alters führte sie ein geradezu einsiedlerisches Leben, sie mied dörfliche Feste, konnte noch nicht einmal tanzen. Sie verspürte auch kein Bedürfnis danach, der schmerzliche Verlust der Eltern, der immer noch in ihr brannte, und die Behandlung auf dem Erlacher-Hof hatte sie scheu und unzugänglich gemacht.

Sonst sank Beate nach einem langen schweren Arbeitstag immer sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf. In dieser Nacht jedoch konnte sie keine Ruhe finden. Sie nahm ein Buch zur Hand, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren. Zu guter Letzt beschloss sie, sich in der Küche ein Glas Milch zu holen, das würde ihr vielleicht helfen.

Leise huschte sie die Treppe hinunter, sie kannte sich so gut aus, dass sie kein Licht brauchte. Plötzlich, als sie im unteren Flur angelangt war, öffnete sich die Tür der Stube, und Andreas Agrainer trat heraus. Er sah sie nicht in dem Halbdunkel und prallte gegen sie. Beate stieß einen kleinen Laut des Schreckens aus.

»Hab ich dir wehgetan, Madl?«, fragte Andreas besorgt, als er sie erkannte.

Er empfand starkes Mitleid mit ihr, als sie so scheu und verschüchtert vor ihm stand, eine zarte Gestalt, der es an weiblichen Reizen völlig zu mangeln schien. Beate hielt das weite, sackartige Nachthemd, über dem sie eine lose Strickjacke trug, schamhaft am Hals zusammen. Aus großen, angstgeweiteten Augen starrte sie ihn an.

»Ich tu dir schon nichts, du Hascherl!«, entfuhr es ihm unwillkürlich, und er musste lachen.

Röte schoss ihr ins Gesicht, sie wandte sich abrupt um und floh geradezu die Treppe hinauf.

Kopfschüttelnd blickte er ihr nach. »Sag, hast du was?«, rief er, doch sie gab keine Antwort.

Ratlos stand er einen Augenblick da. Was für ein eigenartiges Mädchen! Als er sich bald darauf in seiner Kammer auf dem Bett ausstreckte, rechtschaffen müde von diesem ersten Tag auf dem Hof, hatte er diese kleine Episode mit Beate schon wieder vergessen.

Beate Auner hatte sich auf ihr Bett geworfen und war in Tränen ausgebrochen. Sie glaubte aus Andreas Worten das gleiche verächtliche Mitleid herausgehört zu haben, wie es ihr von allen anderen zuteil wurde.

War sie denn wirklich ein so bedeutungsloses Geschöpf, nur weil sie arm und verwaist war? Ein heftiges Schluchzen schüttelte ihren Körper, und es dauerte lange, bis sie sich etwas beruhigt hatte.

Sie sah Andreas Agrainers Gesicht vor sich, seine gut geschnittenen Züge, sein Lächeln – und plötzlich durchströmte sie ein ihr bisher unbekanntes Gefühl schrecklich und süß zugleich, das sie sich nicht erklären konnte. Erst im Morgengrauen glitt sie in einen unruhigen Schlaf.

***

»Kohlerin, so kannst das net lassen! Die Taille musst noch enger machen, und der Rock kann auch ruhig ein bisserl kürzer sein!« Susanne Erlacher betrachtete sich in dem großen Spiegel, den sie aus ihrer Kammer in die Wohnstube hinuntergeschafft hatte, um mehr Spielraum zu haben. Tisch und Stühle waren mit kostbaren Stoffen bedeckt, von dem jungen Mädchen achtlos hingeworfen.

Anita Kohler unterdrückte mühsam einen Seufzer. Sie verdiente sich ihr Brot damit, für die reichen Bauern zu nähen. Zu den Erlachers kam sie nur ungern. Susanne war schwer zufriedenzustellen und behandelte sie hochfahrend, während Lioba um jeden Groschen feilschte. Aber Anita war auf den Verdienst dringend angewiesen, denn zu Hause wartete ein Mann auf sie, der sich immer mehr der Trunksucht ergab.

Obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, wagte Anita schüchtern einen Einwand. »Aber der Rock ist net zu lang …«

»Doch! So kannst für die Betschwestern nähen, aber net für mich!«, gab Susanne gehässig zurück.

Fleckige Röte bedeckte Anitas Wangen, und sie beeilte sich kniend, den Rock des Brokatdirndls kürzer zu stecken.

Die Tür öffnete sich, und Andreas Agrainer betrat den Raum. Ein belustigtes Lächeln überflog seine Züge beim Anblick der Unordnung.

»Die Vorbereitungen zum Schützenball sind wohl schon in vollem Gang!«, sagte er scherzend. Er hatte sich vorgenommen, so freundlich wie möglich mit Susanne Erlacher umzugehen.

Susannes Gesichtsausdruck änderte sich augenblicklich. Strahlend sah sie ihn an und drehte sich gefallsüchtig im Kreis, dass der glockige Rock weit hochschwang und ihre wohlgeformten Beine bis über die Knie freigab.

Sie ist wirklich schön!, dachte Andreas unwillkürlich.

Ihre Wangen waren gerötet, der weiche, halb geöffnete Mund lockte verführerisch. Unter leicht gesenkten Lidern beobachtete sie, was für eine Wirkung sie auf ihn ausübte.

»Meinst net auch, dass das Kleid so richtig in der Länge ist?«, fragte sie kokett.

»Davon versteh ich nichts. Aber das Blau steht dir wirklich gut«, fügte er hinzu.

»Von Dirndln verstehst also nicht viel!«, sagte sie und musterte ihn unverhohlen von Kopf bis Fuß.

Andreas hatte der Doppelsinn ihrer Worte erröten lassen, und sie wäre im gleichen Tonfall fortgefahren, wenn in diesem Augenblick nicht Beate eingetreten wäre.

Susanne bezwang nur mühsam ihren Unmut. »Bist schon fertig draußen in der Küche?«, fragte sie und strich den Rock an den Seiten glatt.

Beate trocknete sich die Hände an der verschlissenen Schürze ab, und Andreas fiel auf, wie rissig und zerschunden von der Arbeit sie waren.

Wieder verspürte er Mitleid mit diesem Mädchen, und er wandte sich ihr zu. »Und du, Beate, freust du dich auch schon auf den Schützenball?«

Beate schüttelte nur stumm den Kopf, ohne ihn dabei anzusehen.

»Das gibts doch net, dass ein junges Madl wie du net mit dabei ist, wenn das ganze Dorf feiert!«, rief Andreas in gespieltem Erstaunen aus; er ahnte wohl, welche Gründe Beate zu dieser ablehnenden Haltung bewogen.

Eingeschüchtert und verlegen stand das Mädchen da und wagte nicht, in Susannes Richtung zu blicken.

»Das kannst du doch net zulassen, Susanne! Vom Alter her müsstet ihr ja eigentlich die besten Freundinnen sein!«

Es gelang Susanne, ihren Ärger zu verbergen, und sie sagte leichthin: »Die Beate ist halt schon immer eine Stubenhockerin gewesen! Brütet stets über ihren Büchern, als ob sie das zum Stallausmisten bräucht!«

An der steilen Falte, die sich jäh auf Andreas’ Stirn gebildet hatte, erkannte sie sofort, dass sie einen Fehler begangen hatte. Zu ihrer eigenen Überraschung war ihr sehr daran gelegen, vor ihm in einem günstigen Licht zu erscheinen.

»Aber das muss sich wirklich ändern, hast du gehört, Beate? Und ein bisserl was hermachen musst du in Zukunft auch. Du kannst mein grünes Dirndl haben, das hab ich nur zweimal getragen, eigentlich ist es noch wie neu.«

Noch niemals hatte Susanne so herzlich mit ihr gesprochen. Erstaunt sah Beate auf.

»Aber das passt mir wohl nicht«, stammelte sie ratlos und verwirrt.

»Ich werd es dir schon herrichten, das mach ich so nebenbei. Kommst halt zu mir hinunter ins Dorf!«, warf Anita schnell ein, die es mit Schadenfreude erfüllte, dass Susanne so in die Enge getrieben worden war.

Mit einem gemurmelten »Danke« verließ Beate überhastet den Raum. Susanne ging es durch den Sinn, dass es ihr gar nicht so unlieb sein konnte, Beate bei dem Fest neben sich zu wissen. Das grüne Dirndl, kostbar zwar, hatte ihr nicht recht gestanden, und an der unscheinbaren Beate würde es wohl noch unvorteilhafter wirken. Im Vergleich mit ihr würde die Schönheit der Erbin des Erlacher-Hofes noch deutlicher zutage treten.

In bester Stimmung nahm sie wieder das Gespräch mit Andreas auf, während ihr Anita das Mieder enger steckte.

»Und du? Willst du versuchen, den Schützenkönig auszustechen? Oder bist in der Stadt zu vornehm für so etwas geworden?« Übermütig lachte Susanne ihn an. Sie hatte spielerisch die Arme erhoben, scheinbar, um Anita nicht bei ihrer Arbeit zu behindern, und unter dem gestrafften Stoff zeichneten sich die Umrisse ihrer üppigen Brust ab.

Andreas verspürte eher Unbehagen bei dieser Zurschaustellung, instinktiv fühlte er, dass es nur eine vorgetäuschte Unbefangenheit war. Dennoch ließ er sich von Susannes Heiterkeit mitreißen.

»Wenn du meinst, will ich es versuchen! Aber ich hab mir nie viel daraus gemacht und bin in der Stadt sicher völlig aus der Übung gekommen! Du siehst, für den Kaltenbrunner-Toni werd ich nie zum Rivalen!«, gab Andreas belustigt zur Antwort.

»Wer weiß!«, sagte Susanne mit gedehnter Stimme und betrachtete wohlgefällig ihr reizvolles Spiegelbild.

»Na, dann will ich nicht weiter stören!«, verabschiedete sich Andreas daraufhin etwas verwirrt, er wollte sich sowieso noch einmal in die Geschäftsbücher vertiefen, mit deren Führung ihn der Bauer immer mehr betraute.

Überhaupt war er in den wenigen Wochen, die er jetzt auf dem Erlacher-Hof in Dienst war, rasch zur rechten Hand des Bauern geworden. Anton Erlacher besprach alle Unternehmungen mit ihm und legte großen Wert auf seine Meinung. Ansonsten ließ er ihn frei schalten und walten. Man achtete Andreas auf dem Hof, weil er sich keine Sonderrechte anmaßte und auch die gröbste Arbeit verrichtete, gleichzeitig aber brachte man ihm Misstrauen und Neid entgegen.

Andreas kümmerte sich nicht darum, er blieb gelassen und freundlich. Was ihn jedoch am meisten verwunderte, war das Verhalten Lioba Erlachers ihm gegenüber, das sich völlig gewandelt hatte. Sie unterließ nicht nur jeden Angriff, sondern zeigte sogar Anflüge von Fürsorglichkeit. Sie achtete bei den Mahlzeiten streng darauf, dass er genügend zu sich nahm, und eines Tages hatte sie sich sogar durch einen Besuch vergewissert, dass es ihn in seiner Kammer an nichts fehlte. Hin und wieder ertappte er sie, wie sie ihn verstohlen musterte, und es lag dabei ein seltsamer Ausdruck in ihren sonst so harten Augen.

***

»So, dreh dich einmal rum, aber langsam, Madl, und halt dich grad!«, forderte Anita Kohler Beate auf, die ihre Anweisung gehorsam befolgte.

»Mit der Bluse sieht das ganz anders aus!«, meinte Anita zufrieden. Sie hatte ihr ganzes Können aufgeboten, um das Kleid zu verändern, die üppige Rüschenverzierung, die überladen und geschmacklos gewirkt hatte, war durch einen einfachen weißen Batisteinsatz ersetzt worden.

»Warum trägst du eigentlich dein Haar so lieblos zusammengesteckt?«

Anita löste mit geschickten Händen die straff geflochtenen Zöpfe, die im Nacken zu einem Knoten gewunden waren. Behutsam bürstete sie Beates Haar zurück, dass es ihre klare Stirn frei gab und die kupferfarbene Fülle auf die schmalen Schultern herabflutete.

»Schönes Haar hast, Madl, das seh ich jetzt erst!«, sagte Anita bewundernd. »Da, schau dich an, Beate! Die Burschen werden sich auf dem Schützenball um dich reißen!«

Beate war es nicht gewohnt, dass man etwas Lobendes über ihr Äußeres sagte, und sie wollte gerade eine abwehrende Bemerkung machen, als sie sich im Spiegel erblickte. Ungläubig weiteten sich ihre Augen.

»Ich schau ja ganz anders aus«, stammelte sie und kam sich ein wenig töricht vor.

Das grüne Kleid passte ausgezeichnet zu ihrem kastanienbraunen Haar und den dunklen Augen. Eng umschloss das Mieder ihren Oberkörper, jetzt erst wurde offenbar, wie vollendet geformt ihre mädchenhafte Gestalt war.

»Neben der Susanne brauchst dich wahrlich net zu verstecken!«, sagte Anita voller Genugtuung.

Sie hatte sehr wohl durchschaut, warum Susanne ihren Widerstand dagegen, dass Beate zum Schützenball mitkommen sollte, aufgegeben hatte, und empfand eine gewisse Schadenfreude darüber, die Pläne der hochmütigen Hoferbin zu durchkreuzen.

»Ich weiß gar net, wie ich dir alles danken soll, Anita. Ich hab ein bisserl Geld zusammengespart, aber das reicht sicher nicht.«

»Das lass nur bleiben, Beate«, schnitt Anita ihr das Wort ab. »Kauf dir lieber noch ein paar passende Schuhe dazu. Und vielleicht – vielleicht machst du dein Glück, und alles kann sich wenden. Aber nimm dich in Acht, nimm dich in Acht!«, schloss die Schneiderin beinahe beschwörend, dass es Beate ganz beklommen zumute wurde.

***

»Hoch soll er leben, der Toni! Verdient hat er es, dass er wieder Schützenkönig geworden ist!«, klang es durcheinander, als Toni Kaltenbrunner, der wieder unangefochten als Sieger beim Wettschießen hervorgegangen war, von seinen Freunden im Triumph zum Dorfwirtshaus geleitet wurde.

Im »Edelweiß« war alles für das Fest vorbereitet, die Kellnerinnen eilten geschäftig umher und legten letzte Hand an, gleich würden die Räume von Stimmengewirr und Musik erfüllt sein …

»Lasst mich aus!«, rief Toni Kaltenbrunner und befreite sich von seinen Freunden, die den Versuch gemacht hatte, ihn auf den Schultern in den Wirtssaal zu tragen. »Eine Runde für alle!«

Eine Kellnerin beeilte sich, Tonis Wunsch nachzukommen. Großzügig war er schon immer gewesen, konnte sich das auch leisten, als einziger Sohn des alten Kaltenbrunner, dessen großen Hof er ja mal erben würde. Toni war aber auch der geborene Anführer und galt den jungen Gebirglern als Vorbild. Er war hochgewachsen und, ohne plump zu wirken, von gewaltiger Körperkraft. Er ging keiner Rauferei aus dem Weg, aber dennoch war er nicht als gewalttätig zu bezeichnen, eher als übermütig und unbesonnen. Wenn er auch oft über die Stränge schlug, so arbeitete er doch hart und ausdauernd auf dem elterlichen Hof.

Den Frauen war Toni Kaltenbrunner nie abgeneigt gewesen, doch das waren alles nur »Gspusis« für ihn gewesen, die ihm wenig bedeuteten. Nie hatte er ernstlich daran gedacht, sich zu binden, bis er auf einem Dorffest im vergangenen Jahr Susanne Erlacher beim Tanz in den Armen gehalten hatte. Seitdem spottete er nicht mehr darüber, wenn sich einer seiner Freunde mit Heiratsabsichten trug. Sein ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, Susanne für sich zu gewinnen, wobei ihn ihre kühle Zurückhaltung nur noch mehr reizte.

Er stand abwartend in der Nähe des Eingangs, um die Ankunft der Erlachers nicht zu verpassen und in Susannes Nähe zu gelangen. Er hatte sie während des Tages schon mehrmals gesehen, aber in dem Trubel nicht die Gelegenheit gehabt, mit ihr zu sprechen.

»Eben kommt sie, deine Angebetete, eh du dir die Augenstarre holst«, stichelte Ludwig Hofmayr, Tonis engster Freund und Vertrauter.

Toni achtete nicht weiter auf ihn, sondern starrte Susanne gebannt entgegen. So schön wie an diesem Abend war sie ihm noch nie erschienen. Schimmernd fiel das goldblonde Haar auf ihre Schultern, ihre Augen glänzten. Mit ihren zart geröteten Wangen und dem Mund, der wie reife Beeren glühte, bot sie ein überwältigendes Bild von Jugend und Schönheit. Das Mieder des blauen Seidendirndls schmiegte sich eng und verführerisch an, während der Rock weit ausschwang.

»Schaust ein bisserl deppert aus, Toni! Nun geh schon zu ihr!«, bemerkte Ludwig wieder boshaft.

Toni war gerade auf Susanne zugegangen und wollte sie ansprechen, als er jäh innehielt. Das Mädchen schien seine Anwesenheit überhaupt nicht wahrzunehmen, sie sah einfach durch ihn hindurch und wandte sich dem jungen Mann an ihrer Seite zu. Ihn lächelte sie an, wie sie ihn, Toni, nie angelächelt hatte, und er verspürte einen stechenden Schmerz.

Der Agrainer-Andreas, der Bankert von der Selbstmörderin!, dachte er mit einer Gehässigkeit, die sonst nicht seine Art war. Instinktiv fühlte er, dass ihm von Andreas Gefahr drohte. Er musste zugeben, dass der junge Agrainer in dem schlichten bäuerlichen Anzug ausgezeichnet aussah und sich mit erstaunlicher Sicherheit und Gewandtheit bewegte.

Der alte Erlacher bereitete der beschämenden Situation ein Ende, indem er Toni herzlich begrüßte. Lioba nahm ihn gleich in Beschlag und erkundigte sich nach seiner Mutter, die schon seit Wochen bettlägerig war. Sie wusste es einzurichten, dass er den Platz neben Susanne bekam, so wie er es sich gewünscht hatte, denn Lioba verfolgte damit Absichten eigener Art.

Doch Tonis Laune sank immer mehr. Wenn er versuchte, Susanne in ein Gespräch zu verwickeln, gab sie nur einsilbige Antworten und richtete gleich wieder das Wort an Andreas Agrainer.

Endlich erklang die Musik, Toni sprang auf und bat Susanne um den ersten Tanz. Doch das junge Mädchen lächelte nur kühl.

»Ich hab die ersten Tänze dem Andreas versprochen! Du musst dich schon nach einem anderen Madl umschauen!«

Toni hätte am liebsten die Fäuste geballt und einen saftigen Fluch ausgestoßen, er kam sich sehr töricht vor, und ihm entging auch nicht, dass einige Mädchen in seiner Nähe, die er früher einmal hofiert hatte, in ein schadenfrohes Gekicher ausbrachen.

Mit einer gemurmelten Entschuldigung verließ er seinen Platz und gesellte sich zu seinen Freunden, die das Tanzpodium umstanden.

»Hat sie dich abblitzen lassen, die Susanne?«, sagte Ludwig, der die kleine Szene verfolgt hatte, es bereitete ihm eine gewisse boshafte Befriedigung, den immer erfolgreichen, unerschütterlichen Freund einmal in der Rolle des Verlierers zu sehen. Dann aber siegten seine freundschaftlichen Gefühle. Vertraulich klopfte er ihm auf die Schulter.

»Mach dir nichts draus! Was hat denn der zu melden gegen dich, dieser arme Schlucker, der Agrainer? Und kannst du dir vorstellen, dass die stolze Susanne Erlacher den Enkel der Kräuterhex heiratet, der obendrein noch ein Bankert ist? Oder glaubst, dass die Alten ihren Segen geben würden? Na, da brauchst dir keine Sorgen zu machen! Die Erlacherin hat dich ins Auge gefasst für Susanne, und das zählt!«

»Da hast schon recht«, gab Kaltenbrunner widerstrebend zu.

»Aber trotzdem! Kenn einer die Weiber! Schau nur, wie sie mit ihm tanzt, mit dem Bazi, dem Hergelaufenen!«

Susanne schmiegte sich hingebungsvoll in Andreas’ Arme, obwohl dieser sie keineswegs dazu ermutigte, und strahlte ihn glücklich an.

Ludwig zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Strohfeuer halt. Was hier bei uns zählt, ist was anderes. Und wenn die Susanne das erst mal eingesehen hat, hast du ein umso leichteres Spiel mit ihr.«

»Ich will kein Lückenbüßer sein. Schon gar nicht für einen solchen Kerl!«, fuhr Toni zornig auf und zischte ein bösartiges Schimpfwort.

»Dazu braucht es ja gar nicht erst zu kommen. Lass dir halt was einfallen!« Ludwig stieß den Freund leicht mit dem Ellenbogen an. »Hast schon gesehen, wer da bei den Hofleuten vom Erlacher sitzt?«

Unwillkürlich folgte Toni Kaltenbrunner dem Blick des Freundes, und beinahe hätte er einen anerkennenden Pfiff ausgestoßen.

»Da schau her, Ludwig! Da hat sich aber jemand gemausert in der Zwischenzeit!«

»Die kleine Auner-Beate! Sah doch immer aus wie eine nasse, verschreckte Katze! Und jetzt! Auf ihre Art find ich sie reizvoller als Susanne! An der ist noch alles echt und unverdorben. Ich wett, die hat noch nie ein Stelldichein mit einem Burschen gehabt!«

Toni runzelte unmutig die Stirn, es verärgerte ihn, wie Ludwig Susanne beurteilte.

»Du kannst ja zu ihr gehen und den Märchenprinzen spielen. Sie sieht aus, als ob sie auf einen wartet!«, meinte er übellaunig.

»Wie wär es denn mit dir, Toni? Das würd der Susanne bestimmt net passen, wenn du mit der Beate tanzt. Jeder weiß ja, dass sie das Madl net leiden kann. Vielleicht besinnt sie sich dann wieder auf dich!«

Das leuchtete dem Toni ein, und er lenkte seine Schritte auf die kleine Gruppe am unteren Ende des Tisches zu.

Beate schrak zusammen, als Toni plötzlich vor ihr stand und sie fast barsch um den nächsten Tanz bat.

Das Madl wand sich in tödlicher Verlegenheit. »Es tut mir leid, Toni. Es geht nicht.«

»Wieso net? Auf was wartest du denn noch?«

Beate war so verwirrt, dass sie die versteckte Bosheit in seinen Worten nicht wahrnahm. »Ich kann halt net tanzen. Ich möcht hier nur mit den Leut sitzen und zuschauen!«

»So ist das! Na, kannst dich ja offenbar net schnell genug daran gewöhnen ans Zuschauen!«, fuhr Toni auf. Wenn er nicht so gereizt und verärgert gewesen wäre, hätte er seine Worte rasch bereut. So aber sah er darüber hinweg, dass sich Beates Augen mit Tränen füllten, und verließ verdrießlich den Festsaal, um nebenan seinen Zorn mit Bier hinunterzuspülen.

Noch eine Abfuhr, und dazu von einer kleinen Magd!

Obwohl man es ihm nicht anmerkte, wurde Andreas Agrainer von wachsendem Unbehagen erfüllt. Susanne hatte zu viel Wein getrunken, und ihre Worte und Gesten wurden immer deutlicher. Die Art und Weise, wie sie sich ihm aufdrängte, stieß ihn ab. Er zwang sich zu kühler Höflichkeit, doch seine Zurückhaltung schien Susanne nur noch mehr herauszufordern.

Schließlich kam ihm die Erlacherin, die die Vorgänge mit ungläubiger Miene verfolgt hatte, zu Hilfe.

»Schämst dich net, Madl!«, zischte sie ihrer Enkelin verstohlen zu. »Wirst dich dem Andreas doch nicht in aller Öffentlichkeit an den Hals werfen! Der ist nichts für dich!« Zu Susannes Erstaunen bekreuzigte sich die Großmutter mit zitternden Händen.

»Ich weiß net, was du hast! Gönnst mir net das bisserl Vergnügen!« Mürrisch warf Susanne ihr blondes Haar zurück.

»Wenn du dich nicht besser benimmst, dann sorg ich dafür, dass wir nach Haus gehen. Das nächste Mal tanzt du mit dem Kaltenbrunner-Toni. Wo steckt der Toni überhaupt?«

Susanne zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Was geht der mich an?«

Die Drohung der Erlacherin hatte jedoch bewirkt, dass sich Susanne auch von den anderen Burschen zum Tanz auffordern ließ, wobei sie keineswegs verhehlte, dass ihr das Fest keine Freude mehr bereitete.

Andreas war erleichtert, er wollte jetzt endlich Beate Auner um einen Tanz bitten. Erst als er vor ihr stand, wurde ihm bewusst, welch eine Veränderung mit ihrem Äußeren vor sich gegangen war, und staunend sah er sie an.

Die kastanienbraunen üppigen Haare lockten sich um ein schmales Gesicht von zarter Schönheit, das an die Gemälde alter Meister erinnerte. Der schön geschwungene Mund öffnete sich zu einem zaghaften Lächeln, als er auf sie zukam, und ihre Wangen röteten sich sanft. Wie vollendet geformt war die feingliedrige Gestalt, die bisher unter unvorteilhaften Kleidern verborgen gewesen war! Neben ihr wirkten die anderen Mädchen plump und reizlos.

Wieder stammelte Beate, dass sie nicht tanzen könne, aber Andreas schien es gar nicht zu hören. Wie unter einem Zwang folgte sie ihm zur Tanzfläche, und in seinen Armen glitt sie so leicht und sicher dahin, als wäre es etwas Selbstverständliches für sie.

Andreas und Beate sprachen nicht miteinander, ihre Körper bewegten sich in vollkommenem Einklang, und sie wussten beide, dass mit ihnen etwas geschehen war, das sie für immer verband.

Toni Kaltenbrunner war inzwischen wieder in den Saal zurückgekehrt und schwankte stark angetrunken auf das Podium zu. Mit finster zusammengezogenen Brauen beobachtete er Andreas Agrainer und Beate Auner; er sah sich verhöhnt, weil sie ihn abgewiesen hatte, obwohl sie offensichtlich ausgezeichnet tanzen konnte.

Als die Musikanten eine Pause einlegten und Andreas, Beate sorglich führend, die Tanzfläche verließ, wurde er von Toni unsanft angerempelt.

»Was suchst denn du eigentlich hier? Hast doch nichts mit uns zu schaffen, bei so einer Schlampen von Mutter!«

Aus blutunterlaufenen Augen starrte er Andreas an, der erblasst war. Ihm war sofort klar, dass Kaltenbrunner absichtlich Streit suchte, dennoch beherrschte sich Andreas mit äußerster Mühe.

»Lass meine Mutter aus dem Spiel!«

»In was für einem Ton sprichst denn mit mir, du hergelaufener Habenichts!« Ehe ihn jemand daran hindern konnte, hatte Kaltenbrunner zum Schlage ausgeholt und traf seinem Kontrahenten heftig ins Gesicht. Andreas taumelte zurück und stürzte zu Boden, dabei streifte er mit der Schläfe so unglücklich die Kante des Podiums, dass er besinnungslos liegen blieb.

Während Beate wie erstarrt dastand, riss der alte Erlacher den Toni Kaltenbrunner zurück.

»Geh zu deinen Spezln und lass dich heut hier net mehr blicken, Kaltenbrunner!«, knurrte er nur, und es stand ein derartiger Ausdruck kalten Zorns in seinen Augen, dass Kaltenbrunner, schlagartig nüchtern, wortlos mit Ludwig den Weg durch die Menge zum Ausgang bahnte.

»Er hat ihn umgebracht! Er ist tot! Ja, will ihm denn niemand helfen!« Die kreischende Stimme Susanne Erlachers schien den Saal zu erfüllen. Das Mädchen machte Anstalten, sich über Andreas zu werfen, wurde jedoch vom Großvater zurückgehalten.

»Lass das Theater! Hol lieber den Doktor! Soviel ich gesehen hab, sitzt er drüben im Barockzimmer.«

Susanne kniff die Lippen zusammen und rieb sich den Arm, der vom harten Zugriff des Großvaters schmerzte, machte aber keinen Schritt.

»Ich geh rüber zum Doktor!« Beate war aus ihrer Erstarrung erwacht und eilte hinüber ins Nebenzimmer.

Andreas’ Zustand war nicht lebensbedrohlich, jedoch hatte er eine schwere Gehirnerschütterung erlitten, die eine längere Zeit völliger Ruhigstellung erforderte. Er wurde unter großen Vorsichtsmaßnahmen auf den Hof gebracht, und die Erlacherin kümmerte sich selbst um ihn.

Als sie spät nachts die eheliche Schlafkammer betrat, fand sie Anton in einem Zustand vor, den sie an dem tatkräftigen, selbstherrlichen Mann bislang noch nie gesehen hatte. Mit vornübergeneigten Schultern saß er auf der Kante des breiten Ehebettes, sein Gesicht wirkte eingefallen und erschöpft.

Doch Lioba konnte darauf keine Rücksicht nehmen, zu sehr drängte es sie, ihm ihre Befürchtungen anzuvertrauen.

»Das muss ein End haben, Mann! Das geht nicht so weiter mit dem Andreas! Entweder verlässt er den Hof, oder alle erfahren die Wahrheit über seine Herkunft!«

Der Erlacher gab nicht zu erkennen, ob er ihre Worte verstanden hatte. Regungslos verharrte er auf seinem Platz.

Liobas Stimme hob sich. »Bist wohl blind? Hast das heut nicht mitbekommen, wie sich die Susanne aufgeführt hat? Dabei ist er ihr Halbbruder!«

Der Bauer fuhr auf. »Der Anderl darf nicht gehen, hörst! Ich will doch, dass er mal den Hof übernimmt, wenn ich nicht mehr bin. Vielleicht können wir so einen Teil der Schuld wiedergutmachen.« Er stockte, denn er spürte schon wieder dieses Ziehen in der Herzgegend.

»Du musst Susanne von ihm abbringen, Lioba, mit allen Mitteln. Wolltest du nicht immer, dass sie den Toni Kaltenbrunner heiratet?«

Lioba nickte.

»Und dann, Frau, gehen wir nächste Woche in die Kreisstadt zum Notar und zum Anwalt. Es ist an der Zeit, das Haus zu bestellen, und es wird nicht leicht sein, dafür zu sorgen, dass niemand das Testament anfechten kann!«

Erlacher war aufgestanden und sah seiner Frau eindringlich in die Augen.

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