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Heimat-Roman Sommer Großband 9 Romane Juni 2018

Heimat-Roman Sommer Großband 9 Romane Juni 2018

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Heimatroman Sommer Großband 9 Romane Juni 2018

Die Tochter des Einsiedlers

Das verräterische Amulett

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Gegen den Willen der Väter

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Der Tag nach dem Orkan

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Die Hauptpersonen:

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Die Motorradmesse

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Die Hauptpersonen:

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Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

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In Grüntal ist der Teufel los

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Die Hauptpersonen:

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Meine Hälfte – Deine Hälfte | Berg-Roman | Anna Martach

Das sechste Gebot

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Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

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Also By Dieter Adam

About the Author

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Heimatroman Sommer Großband 9 Romane Juni 2018

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

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ALFRED BEKKER: DIE Tochter des Einsiedlers

Klaus Tiberius Schmidt: Das verräterische Amulett

Klaus Tiberius Schmidt: Gegen den Willen der Väter

A.F.Morland: Der Tag nach dem Orkan

A.F.Morland: Die Motorradmesse

A.F.Morland: Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

Dieter Adam: In Grüntal ist der Teufel los

Anna Martach: Meine Hälfte – deine Hälfte

A.F.Morland: Das sechste Gebot

Eine heile Welt gibt es auch in der 4000-Seelen-Gemeinde Grüntal, in der Nähe von München, nicht. Bei Vitus und Johanna bahnt sich eine Katastrophe an, weil Vitus seine Ehefrau Johanna nach Strich und Faden betrügt. Sie erwischt ihn in flagranti und handelt kopflos.

Lena und Hugo müssen viele Schicksalsschläge erleiden und haben zudem keine finanziellen Möglichkeiten, Lenas schwere Krankheit durch eine Operation zu lindern. Eine Katastrophe bahnt sich an. Hugo beichtet dem Pfarrer, dass er sich strafbar machen will, um an das nötige Geld für die Operation zu kommen. Doch wie soll der Pfarrer helfen, denn er ist dem Beichtgeheimnis verpflichtet? Es müssen schnellstens Lösungen gefunden werden, um die sich anbahnenden Katastrophen abzuwenden...

Cover: STEVE MAYER

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Die Tochter des Einsiedlers

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Roman von Alfred Bekker

Vor vielen Jahren geriet der jüngste Sohn des Bachsteiner-Bauern bei einem schweren Unwetter in Bergnot. Jakob Riedlinger, damals ein junger Bergführer, führte die Suchmannschaft an, brach die Suche aber schließlich auf Grund der schlechten Witterung ab. Später wurde der junge Mann tot geborgen. Seitdem herrscht Zwist zwischen den Bachsteinern und dem Riedlinger, der seit dem frühen Tod seiner Frau einsam und verbittert auf einem kleinem Einsiedlerhof lebt.

Als Franziska Riedlinger, die Tochter des ehemaligen Bergführers, sich nun ausgerechnet in Toni Bachsteiner , den Neffen des damals in den Bergen zu Tode gekommenen, verliebt, steht das junge Glück unter keinem guten Stern.

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

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ES WAR EIN HEIßER TAG, den der Pfarrer Andreas Sterninger sich für seinen Aufstieg zu dem einsamen Berghof ausgesucht hatte. Der Geistliche war recht beleibt und hätte auch bei günstigerem Wetter seine liebe Not gehabt, die steilen Hänge hinter sich zu bringen.

Immer öfter machte er Pause und wischte sich dann den Schweiß von der Stirn.

Mei! Was muss der Riedlinger auch so weit droben wohnen, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf.

Aber die Tatsache, dass der Jakob Riedlinger hier oben ganz einsam und für sich wohnte, das hatte seinen guten Grund! Und um diesen Grund vielleicht aus der Welt zu schaffen, war der Pfarrer den weiten Weg aus dem Dorf hier her, auf die Hochalm gekommen.

Der Riedlinger-Jakob hatte nämlich in jungen Jahren sein Geld als Bergführer verdient.

Als dann der jüngste Sohn des Bachsteiner-Bauern mit einigen Freunden auf eine Bergtour gegangen und nicht zurückgekehrt war, hatte Jakob Riedlinger die Suchmannschaft angeführt. Der Bachsteiner-Sohn war mit seinen Freunden in ein heftiges Unwetter geraten und der Bergführer hatte mit seiner Mannschaft alle Mühe gehabt, sich an die Spur der in Bergnot geratenen zu heften.

Eine halbe Nacht lang hatten sie damals gesucht, dann war das Wetter immer schlimmer geworden, so dass auch für die Suchmannschaft Lebensgefahr bestanden hatte. Jedenfalls war das die Einschätzung des Riedlingers gewesen - und er hatte ja nun weit und breit die größte Erfahrung von allen in diesen Dingen gehabt. Schließlich war es nicht das erste Mal gewesen, dass er in Bergnot geratenen aus ihrer misslichen Lage half. Nie hatte er dabei ein Risiko für sich selbst gescheut.

Doch er kannte auch seine Grenzen und wusste, wann es sinnlos oder töricht war weiterzumachen.

Und das war seiner Ansicht nach in jener Stunde der Fall gewesen. Daher befahl er der Suchmannschaft die Rückkehr.

Später, als man den jüngsten Sohn des Bachsteiners dann schließlich zusammen mit seinen zwei Freunden von Felsbrocken erschlagen auffand, wurden dem Riedlinger dann bittere Vorwürfe gemacht.

Er sei feige gewesen, so hatte der alte Bachsteiner-Bauer in seinem Schmerz getönt. Nur deshalb hätte er die Suche vorzeitig und ohne Not abgebrochen! Früher sei der Bergführer schließlich auch bei schlimmerem Wetter hinausgegangen, ohne Bedenken dabei zu haben.

Und als der Riedlinger dann einige Monate später die Sepha Maithaler heiratete, auf die zuvor auch der Bachsteiner-Sohn ein Auge geworfen hatte, da war für viele im Tal klar: Jakob hatte die in Bergnot geratenen nicht retten wollen, weil er damit einen lästigen Nebenbuhler hatte loswerden können!

Schlimme Zeiten waren dann für den Riedlinger-Jakob angebrochen, denn das Schicksal hatte es nicht gut mit ihm und seiner jungen Frau gemeint.

Die Leute aus dem Tal mieden ihn, weil sie den Worten des Bachsteiners glaubten.

Und nachdem dann dem Riedlinger die Frau kurz nach der Geburt seiner Tochter wegstarb, gab er verbittert sein Gewerbe als Bergführer auf und bewirtschaftete nur noch den kleinen Einsiedler-Hof, den er von seinen Eltern geerbt hatte.

*

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DER PFARRER BLINZELTE.

Und dann sah er in der Ferne auch bereits den bescheidenen Hof des Riedlingers, der wahrscheinlich kaum mehr abwarf, als dieser mit seiner Tochter zum Leben brauchte.

Ein junges Madl, vielleicht zwanzig Jahre alt, kam jetzt den Hang hinuntergelaufen.

Als das Madl den Pfarrer sah, stutzte es. Der Sterninger erkannte das Dirndl natürlich sogleich. Es war die Franziska, die der Riedlinger seit dem frühen Tod seiner Frau allein großgezogen hatte.

"Mei, grüß dich Pfarrer!", sagte das Madl freundlich, als es den Geistlichen erreicht hatte.

Der Pfarrer nickte erst einmal.

Er war ziemlich außer Atem und so dauerte es einige Augenblicke, bis er die Begrüßung erwidern konnte.

"Richtig groß geworden bist, Franziska!", meinte der Andreas Sterninger dann anerkennend. "Eine richtige junge Frau!"

Die Franziska errötete ein wenig.

"Mei, ich war gerad' auf dem Weg hinab zum Dorf! Ein paar Besorgungen für den Vater will ich dort machen!"

Der Pfarrer nickte.

"Schon recht, Madl!", meinte er. Der Pfarrer wusste nur zu gut, dass der Riedlinger es nach Möglichkeit vermied, ins Dorf zu kommen.

Seit jener schlimmen Geschichte, die vor vielen Jahren geschehen war, ging er den Dörflern aus dem Weg, so gut es ging.

Die Franziska musterte den Pfarrer mit fragendem Gesichtsausdruck und stellte dann fest: "Was führt dich hier hinauf, Pfarrer? Häufig kommt es nämlich net gerad' vor, dass wir hier oben Besuch bekommen..."

"Das kann ich mir denken!", sagte der Pfarrer.

Das Madl runzelte ein wenig die Stirn und fragte dann: "Du willst doch net etwa zu meinem Vater?"

Der Sterninger nickte.

"Doch!", gab er zurück und wischte sich dabei erneut über die schweißnasse Stirn. "Doch, Franziska! Genau aus diesem Grund bin ich hier!"

"Mei, du weißt doch, dass er net gut auf die Kirche und die Pfarrer zu sprechen ist - seit der bösem Geschichte von damals!", gab die Franziska schwer seufzend und etwas traurig zu bedenken.

Der Sterninger-Andreas nickte.

"Ich weiß", sagte er. "Aber sollte ich deshalb vielleicht net kommen? Schließlich ist dein Vater auf fast jeden im Tal net gut zu sprechen."

"Das ist leider wahr!", nickte das Madl.

Der Pfarrer trat einen Schritt vor.

"Und als die Sach' damals passiert ist, da war ich noch gar net hier im Amt! Er sollte mir also eine gerechte Chance geben, meinst net?"

Die Franziska zuckte die Schultern.

"Ich hab nix gegen das einzuwenden, was du gesagt hast, aber ob das mein Vater auch so sieht?" Sie schüttelte den Kopf. Und ein Schatten fiel über ihr hübsches, feingeschnittenes Gesicht, das von goldblondem Haar umrahmt wurde. "Er ist leider so schrecklich verbittert", fügte sie schließlich noch mit gedämpfter Stimme hinzu.

Der Pfarrer nickte und machte dabei ein nachdenkliches Gesicht. Dann sagte er: "Und ich denk', dass das net so bleiben sollte! Oder denkst du da anders?"

"Geh, Herr Pfarrer! Natürlich net!"

Der Sterninger zuckte die Schultern und meinte schließlich: "Dann werd' ich mal mein Glück versuchen! Dein Vater ist doch daheim, net wahr?"

Das Madl nickte.

"Sicher ist er das!", bestätigte sie. Ein Lächeln huschte über ihr glattes Gesicht. "Mei, ich wünsch' dir viel Glück! Aber ich glaub' net, daß du etwas ausrichten wirst!"

"Die Zeit für eine Versöhnung ist längst gekommen!", erklärte der Sterninger im Brustton der Überzeugung und auch die Franziska fand, dass der Geistliche damit recht hatte.

"Mei, das wär' schön", sagte sie. "Soll ich vielleicht mit dir kommen? Die Besorgungen können auch noch warten!"

Doch der Pfarrer schüttelte energisch den Kopf.

Es war besser, wenn er mit dem Jakob Riedlinger allein und ungestört sprach. So glaubte der Pfarrer jedenfalls.

"Na, besser net!", meinte der Sterninger daher und hob die Hand. "Wenn der alte Dickkopf sich von zwei Seiten in die Enge getrieben fühlt, wird er am Ende nur noch starrsinniger!"

Die Franziska zuckte die Achseln und wandte sich dann zum Gehen.

Der Sterninger würde das schon nach bestem Wissen und Gewissen machen. Da hatte die Franziska volles Vertrauen zu dem Gottesmann.

Und wenn er es nicht vermochte, den verbitterten Sturkopf zu erreichen, dann konnte es niemand.

"Viel Glück!", wünschte sie dem Pfarrer.

"Vielen Dank!", murmelte dieser und atmete dabei tief durch.

Er nickte leicht und sagte dann: "Ich kann wirklich eine Menge davon brauchen, Madl!"

Das Madl zuckte die Achseln.

"Mei, wer sollte es denn sonst schaffen?", erwiderte die Franziska voller Zuversicht.

*

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ALS DER PFARRER DEN Riedlinger-Hof erreichte, saß dessen Besitzer gerade bei einer Brotzeit draußen auf der Holzbank, von wo aus man einen Ausblick auf das gewaltige Panorama der schneebedeckten Berggipfel hatte.

"Grüß dich, Riedlinger!", begann der Pfarrer etwas zögernd.

Er wußte nicht so recht, wie er die Unterhaltung beginnen sollte.

Jakob Riedlinger war ein stattlicher Mann, dessen Haare in den letzten Jahren mehr und mehr ergraut waren.

Buschige Augenbrauen wuchsen über den hellblauen Augen. Der Riedlinger musterte den Pfarrer von oben bis unten und raunte dann: "Mei, ein seltener Besuch ist das! Einer wie du, mit einem dunklen Rock, ist schon lang net mehr hier bei mir gewesen. Womit habe ich diese Ehre verdient?"

"Das braucht man sich net zu verdienen", erwiderte der Pfarrer. "Ich bin für jedes Schaf in der Herde zuständig, wenn du verstehst, was ich meine!"

Um die Augenwinkel des Riedlingers bildeten sich ein paar listig wirkende Falten.

"Auch für die schwarzen Schafe?", fragte er dann zurück.

Der Pfarrer nickte.

"Gerade für die, Riedlinger! Für die schwarzen Schafe ganz besonders!"

"Na, dann bist bei mir ja vielleicht doch an der richtigen Adresse!", lachte der Riedlinger daraufhin und nahm einen großen Bissen.

Sein Blick ging in die Ferne zu den weißen Gipfeln hin, wo die Sonne langsam milchig zu werden schien. Nicht mehr lange und sie würde sich anschicken hinter der Gipfelkette zu versinken.

Der Riedlinger schüttelte nachdenklich den Kopf.

"Solang ich zurückdenken kann ist es das erste Mal, dass ein Pfaffe mich besuchen kommt!", meinte er dann. "Und damals, als die böse Geschichte passierte, da war der Mann in Schwarz net gerad' auf meiner Seite oder hätte es auch nur für nötig befunden, mich wenigstens anzuhören! Sein Urteil war schon im Vorhinein gefällt, in dem Punkt war er net einen Deut besser als alle anderen!"

"Du red'st über meinen Vorgänger", erklärte der Andreas Sterninger in ruhigem Tonfall. "Net über mich."

Der Riedlinger wandte leicht den Kopf.

"Das stimmt", musste er dann zugeben.

Und der Pfarrer fügte hinzu: "Du weißt, ich war damals ein ganz junger Pfarrer in einer anderen Gemeinde hier in der Gegend und hab' die ganze Geschicht' nur aus der Ferne vom Hörensagen mitbekommen..."

Der Riedlinger zuckte die Schultern und wischte sich mit der Hand über das Gesicht.

"Mei, was geschehen ist, ist geschehen. Was soll man daran nachträglich noch ändern können? Ich denk', das kann net einmal der Herrgott! Oder irre ich mich, Pfarrer?"

Der Pfarrer setzte sich jetzt neben den Riedlinger auf die Bank. Nachdem er die schmerzenden Füße von sich gestreckt hatte, meinte er: "Es muss doch net allzeit der alte Groll bleiben! Meinst net auch?"

Der Riedlinger murmelte nur etwas unverständliches in seinen grauen Bart hinein. Er schien nicht viel von der Idee einer Versöhnung zu halten, äußerte sich aber zunächst nicht weiter dazu.

So fuhr der Pfarrer fort.

"Schau", sagte dieser. "Der alte Bachsteiner liegt schwer krank im Sterben. Er wird net mehr lang zu leben haben!"

"Und du meinst, das ist ein Grund, um vor dem vermaledeiten Hund zu Kreuze zu kriechen?", brauste der Riedlinger dann auf. "Mei, sterben muss jeder von uns einmal! Und wenn ich nun als erster dran gewesen wär', dann hätte der Bachsteiner sicher als letzter den Weg zu mir gefunden!"

Der Riedlinger war richtig aufgebracht. Er stand auf und legte seine Brotzeit zur Seite.

Der Appetit schien ihm gründlich vergangen zu sein.

Der Pfarrer trat neben ihn.

"Einer muss doch den ersten Schritt tun!", forderte der Pfarrer allen Ernstes und sah den Riedlinger dabei fest an.

"Und dir fällt gewiss kein Zacken aus der Krone, wenn du es sein solltest, der das vollbringt!"

Der Riedlinger atmete tief durch. Was er hörte, gefiel ihm ganz und gar nicht.

"Was weißt du schon, Pfarrer!", murmelte er dann. "Mit Fingern haben sie auf mich gezeigt! Mei, das war net einfach! Vorwürfe haben sie mir gemacht - und ich mir selbst am meisten!"

"Du?", fragte der Pfarrer verwundert.

"Nacht für Nacht hab' ich mich gefragt, ob ich damals richtig entschieden hab', als ich die Suche abgebrochen hab!", berichtete der Riedlinger mit gedämpfter, fast erstickter Stimme. Man konnte spüren, dass ihn die Angelegenheit auch jetzt noch, nach all den Jahren innerlich tief bewegte. "Ich weiß es bis heute net mit letzter Gewissheit, Pfarrer! Vielleicht hätt' ich den Buben vom Bachsteiner retten können, vielleicht auch net... Und wenn ich's doch versucht hätte? Möglich, dass dann die Suchmannschaft am Ende net mehr vollzählig gewesen wär..."

"Es war eine schwere Entscheidung damals", sagte der Andreas Sterninger mitfühlend. "Ich hätt' wahrhaftig net in deiner Haut stecken mögen! Und ich glaube auch net, dass irgend jemand das Recht dazu hatte, den Stab über dich zu brechen!" Der Sterninger hob ein wenig die Schultern und fügte dann noch hinzu: "Man kann in eine Lage kommen, da ist jede Entscheidung falsch,ganz gleich, wie man sie auch immer treffen mag!"

Der Riedlinger nickte.

"Und ich habe sie so und net anders getroffen, weil ich davon überzeugt war, dass sie richtig war - und net, um den Bachsteiner-Sohn aus dem Weg zu haben, damit ich freie Bahn hätte bei der Sepha... Die hätt' den jungen Bachsteiner ohnehin net genommen! Ihre Entscheidung für mich stand längst fest, was immer auch die Leute dazu sagen mögen!"

Der Pfarrer legte dem Riedlinger seine Hand auf die Schulter und sagte dann: "Mei, einer muss jetzt über seinen Schatten springen, wenn dieser Zwist endlich aus der Welt soll, nach den Jahren! Und der alte Bachsteiner kann es net sein, dem geht es zu schlecht..."

"Und du meinst ich könnt' es sein?", fragte der Riedlinger mit zweifelndem Unterton.

"Warum denn net?", meinte der Sterninger.

Der Einsiedler schüttelte jedoch ziemlich energisch den Kopf.

"Ich kann verstehen, dass du Frieden in deiner Gemeinde haben willst, Pfarrer! Aber den habt ihr ja auch so! Ich bin hier oben im Angesicht der Berge und lebe mein Leben - und die da unten mögen sagen, was sie wollen. Inzwischen kümmert es mich längst net mehr!"

Der Pfarrer seufzte.

"Denk net nur an dich, Riedlinger! Denk auch an deine Tochter! Für sie ist es auch net schön, einen Vater zu haben, der..."

"...der drei Menschenleben auf dem Gewissen hat?", rief der Riedlinger. "Hast das sagen wollen?"

"Geh, Riedlinger! Das hab ich net sagen wollen! Und das weißt du auch!"

Der Riedlinger atmete jetzt einmal tief durch und nickte dann.

"Entschuldigung", murmelte er und fügte dann, nach kurzer Pause hinzu: "Aber über meinen Schatten springen werd' ich net! Dazu ist es nun zu spät, nach all den Jahren. Es tut mir leid, Pfarrer, du hast deinen Weg umsonst gemacht!"

*

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ALS DIE FRANZISKA RIEDLINGER von ihren Besorgungen im Dorf zurückkehrte, ging sie nicht auf direktem Weg heim zum Einsiedler-Hof ihres Vaters, sondern machte einen Bogen.

Auf diese Weise kam sie an einem abgelegenen alten Heustadel vorbei, dessen Wände längst löcherig und morsch waren. Es hatte sich nur noch niemand gefunden, der sich die Arbeit machen wollte, den baufälligen Stadel endlich abzureißen. Seinen eigentlichen Zweck erfüllte er jedenfalls schon lange nicht mehr.

Bei dem Stadel angekommen, blickte sich die Franziska nach allen Seiten um.

"Mei, ich wart' schon eine Ewigkeit auf dich!", sagte da plötzlich eine Männerstimme.

Hinter dem Stadel kam ein fescher junger Bursche hervor.

"Toni!", rief das Madl, lief zu dem jungen Mann hin und schlang sogleich die schlanken Arme um dessen kräftigen Nacken. "Mei, sei net böse, Toni! Es hat halt ein bisserl gedauert, bis ich mit meinen Besorgungen fertig wurde!", versuchte die Franziska ihr verspätetes Eintreffen zu entschuldigen.

"Eine halbe Stunde hast mich hier warten lassen!", gab der Toni zurück, aber seine Stimme klang schon nicht mehr so ärgerlich.

Toni war der Enkel des alten Bachsteiners, der jetzt krank zu Hause lag und auf den Tod wartete. Tonis Vater, der Bachsteiner-Loisl hatte vor etlichen Jahren bereits den Hof übernommen, seit es dem Alten zunehmend schlechter gegangen war.

Ein Lächeln ging über Tonis Gesicht, als er das Madl im Arm hielt.

"Mei, ich glaub, ich kann dir gar net wirklich böse sein, so gern wie ich dich hab!", meinte er und das Madl schmiegte sich an seine breite Schulter, während Toni zärtlich über das goldblonde Haar strich.

"Das weiß ich doch!", sagte das Madl indessen. Dann seufzte die Franziska laut hörbar, löste sich von dem geliebten Toni und sah dem jungen Mann direkt in die Augen. "Mei, wie lang wir uns jetzt schon hier heimlich beim alten Heustadel treffen! Ich finde, das müsst' jetzt bald anders werden! Diese Heimlichtuerei ist net mein Fall! Ich schäme mich jedenfalls net für dich, Toni!"

"Ich mich doch umgekehrt auch net für dich!", erwiderte der Toni fast ein wenig empört. "Madl, wie kannst nur so etwas denken!"

Die Franziska hob die zarten Augenbrauen.

"Naja, besonders eilig hast es ja net, unsere Absicht unter die Leute zu bringen, demnächst einmal gemeinsam mit mir vor den Altar zu treten! Net einmal deinen Eltern hast es dich zu sagen getraut!"

"Mei!", sagte der Bachsteiner-Toni daraufhin. "Hast du vielleicht schon das Einverständnis deines Vaters eingeholt?"

"Na, das net...", musste das Madl zugeben.

"Na also!", verteidigte sich der Toni. "Und ich glaub auch net, dass der alte Grisgram besonders begeistert wär', wenn seine Tochter ausgerechnet den Enkel des Mannes heiraten will, der ihm einst so schlimm zugesetzt hat!"

"Mei, er ist net von allein zu einem Grisgram und Einsiedler geworden!" verteidigte die Franziska vehement ihren Vater.

"Natürlich net", gab ihr der Toni recht und seufzte dann gut hörbei. "Kruzifix, Madl! Du hast recht! So kann es net weitergehen mit der Heimlichtuerei!"

"Dann werden wir es unseren Alten also jetzt bald sagen?", erkundigte sich die Franziska erfreut.

"An sich hätt' ich nix dagegen, heut' schon klare Verhältnisse zu machen...", murmelte der Toni dann.

Die Franziska legte daraufhin die Stirn in Falten.

"Und was spricht dann dagegen?", fragte sie, denn ihr war bewusst, dass da noch irgendein Pferdefuß kommen musste. "Du wirst es doch wohl auch ernst mit mir meinen, oder ist das zwischen uns zweien für dich nur so eine Spielerei?"

"Geh, Franziska!", rief der Toni Bachsteiner empört. Wie konnte sie nur auf solche Gedanken kommen! "Das mit uns, das ist ganz bestimmt net nur Spielerei! Mir ist es schon ernst."

"Und wo liegt dann der Haken?"

"Dem Großvater geht's im Moment so schlecht, Franziska! Deswegen sollten wir noch ein bisserl warten! Wenn ich ihm jetzt sagen tät, dass ich mit der Tochter des Riedlingers angebandelt hab' und sie eines Tages Bäuerin auf dem Bachsteiner-Hof werden soll, dann trifft ihn augenblicklich der Schlag! Und das will ich net verantworten!"

Das Madl überlegte einen Augenblick lang und nickte dann schließlich.

"Dafür hab ich ein bisserl Verständnis", erklärte die Franziska Riedlinger schweren Herzens. Aber sie vertraute ihrem Toni. "Doch sobald es deinem Großvater wieder besser geht, dann ist's aus mit der Heimlichtuerei, hast gehört?"

Der Bachsteiner-Toni nickte.

Dann, nach einer kurzen, etwas betretenen Pause brachte der junge Mann schließlich hervor: "Dem Großvater wird's nie wieder besser gehen, Franziska. Er liegt im Sterben!"

Das Madl schien betroffen.

"Mei, so schlecht steht's um ihn?"

Der Toni nickte.

Ein Schatten ging über sein sonst so strahlendes Gesicht und verdunkelte es für einige Augenblicke.

"Ja", bestätigte er dann mit gedämpfter Stimme. Er flüsterte fast und bedachte die Franziska mit einem ernsten Blick. "So schlimm steht es um ihn."

Ein Geräusch ließ die beiden Liebenden dann zusammenfahren.

Es knackte, dann folgte ein Rascheln...

"Mei, was war das?", flüsterte die Franziska.

"Ich weiß es net", murmelte Toni und legte den Arm um Franziskas Schultern. "Es schien dort, aus dem Unterholz des nahen Hochwalds zu kommen!"

"Eine Gams vielleicht?", fragte die Franziska.

Der Toni blickte hinüber zu den Büschen, aus deren Richtung das Geräusch gekommen war.

"Vielleicht", murmelte er dann, obwohl er irgendwie nicht so recht daran zu glauben vermochte.

Jedenfalls war jetzt nichts mehr zu hören.

*

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ALS DER TONI BACHSTEINER nach Hause auf den heimatlichen Hof zurückkehrte, war es bereits dämmrig geworden.

Wie ein grauer Spinnweben hatte sich der Abend über die Bergwelt gelegt.

"Mei, spät kommst!", begrüßte ihn die Mutter, auf deren Gesicht ein Schatten lag.

"Es ist net später, als sonst auch", verteidigte sich der Bachsteiner-Toni.

Dann spürte er, dass irgend etwas geschehen sein musste.

Etwas Furchtbares.

"Was ist passiert?", flüsterte der Toni.

In diesem Moment trat sein Vater herbei. Mit leiser, fast erstickter Stimme sagte der Bachsteiner: "Dein Großvater ist gestorben, Toni!"

"Mei...", flüsterte der Toni betroffen. Eigentlich hatte sich der Tod des alten Bachsteiners lange angekündigt, aber jetzt war traf es ihn doch überraschend.

An der Arbeit auf dem Hof würde sich kaum etwas ändern, denn Tonis Vater war schon lange der Bauer und machte zusammen mit seinem Sohn die Arbeit.

In den letzten Jahren hatte der alte Bachsteiner zwar noch gelegentlich mit angepackt, aber als seine Kräfte mehr und mehr zu schwinden begonnen hatten, hatte er sich aufs Altenteil zurückgezogen.

"Eine Erlösung ist es doch für ihn gewesen, nach der langen Krankheit", murmelte die Bachsteinerin und ihr Mann nickte.

"Ja, aber traurig bin ich dennoch...", sagte der Bauer.

"Und er hat sicher auch am Leben gehangen wie jeder andere das getan hätt'."

Vielleicht, so dachte Toni in diesem Moment, war mit seinem Großvater auch die alte, unselige Geschichte von damals gestorben...

Jedenfalls hoffte er das.

Irgendwann einmal musste doch Schluss sein mit dem Fluch der Vergangenheit! Und wenn schon nicht die Menschen in der Lage waren, einen Schlussstrich zu ziehen, dann doch wenigstens der Tod...

*

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DAS HALBE TAL HATTE den alten Bachsteiner gut gekannt und ihn zum Freund gehabt.

Daher war es auch eine sehr große Beerdigung, die für ihn ausgerichtet werden musste.

Betroffen hörten die Leute die warmen Worte des Pfarrers Sterninger, der das bewegte Leben des Gustav Bachsteiner noch einmal Revue passieren ließ.

Dann knarrte es auf einmal hinten in der Kirche. Die Tür ging auf und niemand anderes als der Jakob Riedlinger trat zusammen mit seiner Tochter ein.

Der Pfarrer stockte einen Moment.

Sein Blick blieb an dem stattlichen Mann haften, der für sich und seine Tochter einen Platz in der hintersten Reihe suchte und sich so unauffällig wie möglich hinsetzte.

Doch alles Bemühen, den Gottesdienst in seinem Ablauf nicht zu stören, half nichts. Ein Raunen ging durch die Gemeinde.

"Mei, der Riedlinger!"

"Hast ihn gesehen? Mit seiner Tochter, dem armen Ding!"

"Kruzifix, was der sich herausnimmt! Kein Gefühl für Anstand hat er! Damals net und an einem Tag wie diesem auch net!"

So murmelten die Leute.

Es war schwer zu überhören, dass sie das Auftauchen des Riedlingers missbilligten.

Nicht so der Pfarrer.

Der Andreas Sterninger war da nämlich aus einem anderen Holz geschnitzt.

Er nickte dem Riedlinger freundlich zu, so als wollte er sagen, dass es für eine Umkehr nie zu spät ist, und fuhr dann in seiner Predigt fort.

Später, als dann der Sarg in die Erde gesenkt wurde, hielt sich der Riedlinger mit seiner Tochter abseits.

"Mei, Vater, wie sie dich anschauen, diese Tal-Leute!", wisperte das Madl wütend. "Als wärst gerad' du es gewesen, der ihn dahingerafft hätte - und net eine heimtückische Krankheit!"

Der Riedlinger legte dem Madl den Arm um die Schulter und flüsterte ihm beruhigend zu: "Etwas anderes hab ich net erwartet!"

"Es war ein Fehler, hier her zu kommen! Und ich weiß auch gar net, was plötzlich in dich gefahren ist, dass du unbedingt zu Beerdigung vom Bachsteiner wolltest - wo er dir doch am schlimmsten zugesetzt hat!"

Jakob Riedlinger zuckte leicht die Schultern.

"Ich hätt' zu ihm gehen sollen, als er noch lebte. Nach all den Jahren hätten wir uns vielleicht die Hand geben sollen... Aber, dass ich heut' hier bin, das hat nix mit dem Bachsteiner zu tun, sondern mit unserem Pfarrer, dem Sterninger! Ich wollte net, dass seine Bemühungen vergeblich geblieben sind und ihm meinen guten Willen zeigen, denn der hat das Herz auf dem rechten Fleck - net wie seine Herde aus schwarzen Schafen, die er vor sich her treibt, der gute Hirte!"

Dann begegneten die Augen der Franziska Riedlinger denen des Bachsteiner-Toni.

Einen Augenblick lang sahen sich die beiden jungen Leute schweigend an, dann nickte der junge Mann dem Madl freundlich zu und schenkte auch dem Riedlinger einen Gruß.

Der war viel zu verdutzt um diesen zu erwidern, und als er es tun wollte, da war der Toni schon nicht mehr in seiner Nähe.

"Mei...", murmelte er nur und blickte dabei zu seiner Tochter, die den Blick zur Seite wandte. Ihre Wangen waren gerötet.

"Wer war das?", fragte der Riedlinger dann, nach einer Pause.

"Der Enkel vom alten Bachsteiner", erwiderte die Franziska sogleich. "Vielleicht hast ihn schon einmal gesehen, als er noch ein kleiner Bub war. Toni heißt er..."

Der Riedlinger nickte leicht.

"Toni", murmelte er dann und machte eine Pause. "Ja", sagte er schließlich, "ich erinnere mich..."

*

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ZWEI TAGE SPÄTER SCHAUTE dann die Bäuerin vom Großmayer-Hof bei der Bachsteinerin vorbei, vorgeblich, um ihr Beileid zu bekunden, aber in Wahrheit war das nicht die einzige Absicht die sie hatte.

Der Großmayer- und der Bachsteiner-Hof waren die größten Höfe der Umgebung und die Großmayerin hatte schon immer davon geträumt, dass vielleicht eines Tages ihre Tochter Rosl den Toni zum Mann nehmen könnte, so dass dereinst beide Höfe zu einem einem noch größeren vereint würden.

Die Großmayerin war Witwe, seit Ihr Mann vom Heuwagen gestürzt und tödlich verunglückt war. Daher war ihr ganz besonders daran gelegen, wieder einen Mann auf den Hof zu bekommen.

Eine Zeitlang hatte es tatsächlich danach ausgesehen, als würden sich die beiden jungen Leute etwas näher kommen. Doch es war nicht so gelaufen, wie die Großmayerin sich das gedacht hatte.

Irgendwie war die Angelegenheit einfach nicht vorangekommen, woran immer das auch gelegen haben mochte.

Aber die Großmayerin war eine hartnäckige Frau, die ihre Ziele sehr wohl mit viel Kraft und Ausdauer zu verfolgen wusste. Und ihren großen Traum von der Vereinigung der zwei Höfe hatte sie keineswegs aufgegeben!

Mei, manchmal muss man den jungen Leuten eben etwas bei ihrem Glück nachhelfen!, so war ihre Devise.

"Grüß dich Großmayerin!", wurde sie freundlich von der Bachsteinerin empfangen, die noch schwarz trug, wegen des Trauerfalls in der Familie.

"Grüß dich!", erwiderte die Bachsteinerin nicht ganz so begeistert wie ihr Gegenüber.

Schließlich kannte sie die Geschwätzigkeit der anderen und wusste, dass es lang dauern konnte, ehe die Großmayerin wieder ging. Und die Arbeit tat sich ja schließlich nicht von allein!

Die Bachsteinerin bat ihren Besuch in die Stube. Dann kam ihr Gespräch von einer Sache auf die andere, bis die Großmayerin schließlich an dem Punkt angelangt war, der ihr wirklich am Herzen lag.

"Mei", sagte sie. "Ich muss dir etwas über deinen Herrn Sohn, den Toni sagen, was dir net gefallen wird, Bachsteinerin!", begann sie, sich der Aufmerksamkeit der anderen gewiss.

Die Bachsteinerin zog die Augenbrauen in die Höhe Der Toni war ihr ein guter Sohn, der eigentlich nie schlecht von sich reden gemacht hatte.

"So?", fragte sie.

"Mei, ich bin ja nur durch Zufall auf die Sach' gestoßen und hätt' ja auch gar nix gesagt, wenn..."

Die Bachsteinerin wurde jetzt zunehmend ungeduldig.

"Nun red' schon!", forderte sie.

"Also gut", erklärte die Großmayer-Witwe. "Aber du sollst hinterher net sagen, dass ich mich in Sachen einmisch', die mich nix angehen, hast gehört?"

"Sicher werd' ich das net sagen!", erwiderte die Bachsteinerin und spitzte daraufhin die Ohren wie ein Luchs.

Die Großmayerin verstand es ja, ein großes Brimborium um alles zu machen! Aber vielleicht hatte sie diesmal ja wirklich etwas Wichtiges zu sagen!

"Also", begann die Großmayerin und beugte sich etwas nach vorn. Ihr Tonfall wurde vertraulich. "Ich war vor ein paar Tagen auf dem Weg zum Sägemüller und kam bei eurem alten Heustadel vorbei. Du weißt, der, der net mehr in Gebrauch ist..."

"Ja, ich kenn die Stelle", nickte die Bachsteinerin. "Nun red' net lang um den heißen Brei herum! Was ist passiert?"

"Ich hab deinen Sohn gesehen, Bachsteinerin."

Diese zuckte die Achseln.

"Na, und?", meinte sie leichthin. "Ist das so ungewöhnlich? Schließlich gehört uns der Stadel ja."

"Aber er war net allein dort! Und du errätst es nie, mit wem er sich da droben getroffen hat!"

Die Bachsteinerin hob die Augenbrauen.

"Wer immer es auch sein mag", erwiderte sie dann ruhig, obwohl die Neugier an ihr nagte. "Ich vertraue meinem Sohn."

"Dann willst also alles dem Zufall überlassen!", rief die Großmayerin verständnislos aus. "Zum Beispiel, wer dereinst einmal hier auf dem Hof Bäuerin wird... Das kann man doch net einfach so treiben lassen!"

Die Bachsteinerin zuckte die Achseln. In dieser Sache schien sie die Meinung der Großmayerin nicht so recht zu teilen.

"In Herzensangelegenheiten kann man ohnehin schlecht raten", meinte die Bachsteinerin daher zurückhaltend. "Da muss sich schon jeder auf das eigene Gefühl verlassen! Und außerdem tun die jungen Leute am Ende ja doch, was sie wollen! Ganz gleich, was man ihnen geraten hat!"

Die Großmayerin atmete tief durch. 

Mei, ich muss die Bachsteinerin schon auf meine Seite ziehen, wenn die Sach zwischen meiner Rosl und dem Toni noch eine Chance haben soll!, wurde es ihr klar.

"Ich glaube net, dass dir die Sach' noch immer so gleichgültig ist, wenn ich dir sag, dass es niemand anderes, als die Tochter vom Jakob Riedlinger war, mit der dein Bub sich getroffen hat!"

"Was?", entfuhr es der Bachsteinerin unwillkürlich. Einen Augenblick später hatte sie sich jedoch wieder unter Kontrolle und schluckte den Rest, der ihr noch auf der Zunge lag, glatt herunter.

"Siehst!", meinte die Großmayerin. "Hab ich doch recht gehabt, net wahr? Das ist dir dann doch net so gleichgültig! Mei, und mir auch net! Denn ich hab die Hoffnung noch keineswegs aufgegeben, dass aus der Rosl und dem Toni ein Paar wird."

Die Großmayerin redete noch eine ganze Weile auf die Bachsteinerin ein, doch diese hörte gar nicht mehr so recht zu.

Sie würde den Toni zur Rede stellen müssen, und zwar bald.

Vielleicht hatte die Großmayerin sich ja auch einfach nur verguckt oder alles gar nicht selbst gesehen, sondern nur vom Hörensagen erzählt.

Zuzutrauen wär's ihr!, dachte die Bachsteinerin.

Aber die Bäuerin wollte sichergehen.

"Tja", machte die Großmayerin schließlich. "Ich muss dann auch langsam weiter. Die Arbeit tut sich ja auch net von allein!"

"Du sagst es, Großmayerin!", erwiderte die Bachsteinerin seufzend, während sie ihren Gast dann zur Tür brachte.

"Wir werden uns in nächster Zeit bestimmt öfter sehen!", versprach die Großmayerin und die Bachsteinerin wusste nicht so recht, ob sie darüber erfreut sein sollte.

"Wir werden sehen", meinte sie.

"Es geht net nur um die Zukunft von zwei jungen Leuten!", sagte die Großmayerin dann mit tiefem Ernst in der Stimme. "Es geht genau so um die Zukunft zweier Höfe, verstehst mich?"

Die Großmayerin war ziemlich aufgebracht.

Die Bachsteiner-Bäuerin nickte.

"Freilich versteh' ich, was du meinst. Und deine Rosl ist ja auch ein blitzsauberes Dirndl. Meinetwegen könnten wir eher heut als morgen die Hochzeitsglocken läuten lassen, aber..."

Die Großmayerin hob misstrauisch die Augenbrauen.

"Aber was?", fragte sie zurück und stemmte die Arme in die Hüften.

"Aber man kann das Glück net erzwingen!", erwiderte die Bachsteinerin, weil es ihrer innersten Überzeugung entsprach.

Die Großmayerin sah der Bachsteinerin jetzt direkt in die Augen und seufzte dabei.

"Vielleicht kann man das Glück net herbeizwingen, aber man kann sehr wohl ein Unglück verhindern helfen! Denk darüber einmal nach, Bachsteinerin!"

Und diesen mit Worten wandte die Großmayerin sich zum Gehen.

Sie ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen, während die Bachsteinerin ihr nachdenklich nachsah.

Mei, vielleicht hast ausnahmsweise einmal recht, Großmayerin! ging es ihr dabei im Kopf herum.

*

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ES WAR AM ABEND DESSELBEN Tages, als auch der Riedlinger in seiner Einsiedelei Besuch bekam.

Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er die Großmayer-Witwe vor seiner Tür stehen sah.

"Mei, was willst du denn hier, Großmayerin?", grantelte der Jakob Riedlinger und verzog das Gesicht. Bei sich dachte er: Der reinste Taubenschlag ist dieser einsame Berghof in letzter Zeit geworden! Erst der Herr Pfarrer - und jetzt die Großmayerin!

Das konnte doch unmöglich mit rechten Dingen zugehen!

"Jesses, ich bin auch schon freundlicher begrüßt worden!", beschwerte sich die Großmayerin, wobei sie die Hände in die Hüften stemmte.

Der Riedlinger zuckte nur mit den Schultern.

"Hat dich jemand gezwungen, hier her, auf diesen einsamen Berghof zu kommen?", fragte er dann mit leisem Spott in der Stimme.

"Na, das net! Aber ein bisserl Höflichkeit kostet auch nix!", war die gallige Erwiderung der Witwe.

Der Riedlinger machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Mich hat auch nie einer von euch Talbewohnern mit Samthandschuhen angefasst - von Höflichkeit einmal ganz zu schweigen!", grollte der ehemalige Bergführer finster.

Die Großmayerin seufzte.

Eine harte Nuss war das, die da zu knacken war! Das war ihr bereits nach wenigen Augenblicken klar gewesen.

Mei, wie kann man nur so bockbeinig sein!, ging es ihr durch den Kopf.

Aber die Großmayerin hatte ein Ziel, und das hieß, den Toni und die Franziska auseinanderzubringen. Und in dieser Sache konnte sie jeden Verbündeten gebrauchen. Da durfte sie nicht allzu zimperlich sein.

"Ich hab etwas Wichtiges mit dir zu besprechen, Riedlinger! Und du kannst mir glauben, dass ich mich sonst net auf den beschwerlichen Weg hier hinauf zu deinem Einsiedlerhof gemacht hätte! Und wegen deiner Gastlichkeit bin ich auch net gekommen!"

Der Riedlinger hob die Augenbrauen.

"Und worum geht es dann?"

Die Großmayerin drehte sich herum und ließ den Blick umherschweifen.

"Vielleicht sollten wir das net hier draußen besprechen! In die Stube könntest mich schon bitten, meinst net auch?"

Der Riedlinger zuckte die breiten Schultern, drehte sich herum und ging voran.

Die Tür ließ er von der Großmayerin schließen, was diese innerlich fast zum Kochen brachte.

Aber sie riss sich am Riemen.

Schließlich wollte sie ja noch etwas von dem grantigen Einsiedler. Da konnte sie sich jetzt nicht zu kleinlich geben.

Inzwischen bot Jakob Riedlinger der Witwe einen Stuhl an, setzte sich selbst ebenfalls und meinte dann: "Nun aber endlich heraus mit der Sprach'! Was willst du von mir, Großmayerin?"

Die Großmayerin lehnte sich zurück und sagte in gedämpftem Tonfall: "Zuerst will ich von dir wissen, wo deine Tochter ist."

"Die Franziska?", fragte der Riedlinger zurück.

"Ja. Wo ist sie jetzt?", hakte die Großmayerin unerbittlich nach.

Der Riedlinger legte die Stirn in Falten.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, was diese Frau wohl von ihm wollte.

"Die Franziska? Mei, die kümmert sich gerad' um die Ziegen!", gab der Riedlinger schließlich wenig bereitwillig Auskunft.

"Gut so", erwiderte die Großmayerin. "Dann sind wir also ungestört!"

"Worum geht es?", fragte der Riedlinger gerade heraus. Er hatte keine Lust auf eine längere Unterhaltung.

"Es geht um deine Tochter, Riedlinger!"

"So?", fragte dieser, wobei er das Gesicht ein wenig verzog. "Was soll denn mit ihr sein? Meinen Ruf habt ihr dort unten im Tal bis in alle Ewigkeit ruiniert, aber mit dem von der Franziska werdet ihr das net schaffen! Dem Madl kann man nix - aber auch gar nix! - Schlechtes nachsagen!"

"Mei, das will ich ja auch gar net!", rief die Großmayerin grob dazwischen.

"So?" machte der Riedlinger und kniff dabei die Augen ein wenig zusammen.

Die Großmayerin beugte sich daraufhin ein wenig vor und sagte: "Ich für mein Teil hab mich nie an dem dummen Gered' der Leute beteiligt! Und ich hab auch nie behauptet, dass du damals den Bachsteiner-Sohn net hast retten wollen, weil du feige gewesen wärst!"

"Ach, nein?", machte der Riedlinger skeptisch und verzog dabei das Gesicht.

Die Großmayerin ließ sich nicht reizen und blieb ruhig.

"Das hab ich nie glauben können! Jesses, und selbst wenn es so gewesen wär', dann hätten sie net so den Stab über dich brechen dürfen, Riedlinger!"

Der Riedlinger machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Was soll das Gered' über die Vergangenheit?", brummte er. "Das ist doch alles lang her!"

"Ich wollt's nur klarstellen", entgegnete die Großmayerin. "Und täusch' dich net: Vieles ist seit damals noch lebendig geblieben!"

"Nun pack's schon aus: Was ist mit der Franziska!", forderte der Riedlinger die Großmayerin zum Reden auf.

"Weißt, mit wem sie sich heimlich trifft, wenn sie zu Besorgungen ins Dorf geht? Mit dem Bachsteiner-Toni!"

Die Augenbrauen des Riedlingers schnellten hoch.

"Mit dem Bachsteiner, sagst? Kruzifix nochmal..." Der Riedlinger ließ die mächtige Faust auf den hölzernen Tisch knallen. "Ausgerechnet mit einem Bachsteiner?", murmelte er dann und schüttelte energisch den Kopf. "Das kann ich mir beim besten Willen net vorstellen, Großmayerin!"

"Da wirst wohl umdenken müssen, Riedlinger!"

Doch der ehemalige Bergführer wollte das nicht glauben.

"Na, das kann net sein, da musst du einem Gerücht aufgesessen sein!", war er fest überzeugt.

Die Großmayerin schüttelte entschieden den Kopf.

"Kein Gerücht, Riedlinger!", widersprach sie mit glasklarer Stimme. "Und ich weiß es auch net nur vom Hörensagen! Mit meinen eigenen Augen hab ich es gesehen!"

Der Riedlinger erhob sich, ging ein paar Schritte bis zum Fenster und blickte hinaus.

Die Großmayerin spürte, dass sie den ehemaligen Bergführer mit ihren Worten tief getroffen hatte. Mochte er auch davon reden, dass die Vergangenheit jetzt nicht mehr zählte. Die Wahrheit war eine andere...

In diesem Moment tat ihr der stattliche Riedlinger fast ein wenig Leid.

Aber sie hatte es ihm nicht ersparen können.

Um seinetwillen nicht, aber vor allem deshalb nicht, weil sie sich von ihm Unterstützung dabei erhoffte, den Toni und die Franziska wieder auseinander zu bringen.

Dann endlich wandte der Riedlinger sich herum und fragte: "Wie kommt es, dass du mir das erzählst, Großmayerin? Aus reiner Menschenfreundlichkeit wohl net, wenn ich recht vermute..."

"Die ist net der einzige Grund", berichtigte ihn die Großmayerin. "Der andere ist, dass ich möchte, dass meine Rosl und der Bachsteiner-Toni ein Paar werden..."

"...um die beiden größten Höfe der Umgegend zusammenzubringen!", schloss der Riedlinger sofort messerscharf.

Die Großmayerin zuckte die Achseln.

"Liebe ist eine Sach', aber Vernunft eine andere. Ich kann doch die Zukunft meines Hofes net einfach so dem Zufall überlassen! Da will ich schon ein Wörtl mitreden!"

Sie erhob sich und blickte dem Riedlinger geradewegs in die himmelblauen Augen. Dann sagte sie: "Ich hab's dir nun also gesagt! Was du damit anfängst, das ist net mehr meine Sach'!"

Der Riedlinger wollte etwas erwidern, doch hielt er inne, als plötzlich die Tür auf ging und die Franziska die Stube betrat.

*

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UM DIE LIPPEN DER FRANZISKA spielte ein freudiges Lächeln. Sie pfiff ein Liedchen vor sich hin und schien ausgesprochen guter Laune zu sein.

Als sie die Großmayerin sah, wirkte das Madl erstaunt.

"Wir haben Besuch?", fragte die Franziska.

Die Erwiderung der Großmayerin war kühl, nachdem sie das Madl einen Augenblick lang von oben bis unten gemustert hatte. "Ich wollte gerade gehen!", erklärte die Witwe und wandte sich in Richtung Tür.

Der Riedlinger ließ sie ohne eine eine Verabschiedung ziehen, während sein Blick starr auf die Franziska gerichtet war.

Die Großmayerin drängte sich indessen an dem Madl vorbei, warf noch einen Blick zurück und war dann durch die Tür verschwunden.

"Vater, was ist passiert? Du schaust so...", Die Franziska suchte nach dem rechten Wort und fand es schließlich. "...so missmutig drein!"

Der Riedlinger schnaufte einmal kräftig.

Dann sagte er: "Mei, wie ernst ist es denn zwischen dir und dem Bachsteiner-Toni!

Die Franziska sah ihren Vater an, als wäre dieser ein leibhaftiges Gespenst. Im ersten Moment wusste sie gar nichts zu erwidern.

"Du brauchst es net abzustreiten oder sonstwie um den heißen Brei herumzureden!", knurrte der Riedlinger-Jakob ziemlich unwirsch und etwas heftiger, als er selbst es eigentlich beabsichtigt hatte. "Die Großmayerin hat euch zwei gesehen, wie ihr euch getroffen habt! Und schon auf dem Friedhof, als der alte Bachsteiner beerdigt wurde und uns dieser junge Mann über den Weg lief, hatte ich so eine Ahnung..."

Das Madl rieb verlegen die Handflächen aneinander.

Mei!, dachte die Franziska dann. Jetzt war der Augenblick gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen. Mit der Heimlichtuerei war's nun endgültig vorbei!

So sagte das Madl dann: "Ja, Vater es ist wahr, das mit dem Toni und mir. Und ich kann dir sagen, es ist sehr ernst mit uns zweien. Wir wollen nämlich heiraten!"

"Das darf doch net wahr sein!", rief der Riedlinger aus und fasste sich dabei den Kopf. "Konntest du dir net einen anderen Burschen anlachen, als ausgerechnet einen Bachsteiner?"

"Er ist ein lieber Kerl! Und das allein ist für mich entscheidend - und net die Geschichten der Vergangenheit!"

In Franziskas hellblauen Augen blitzte es.

Der Riedlinger sah die Entschlossenheit, die aus den Zügen seiner Tochter sprach. Und insgeheim bewunderte er sie sogar ein wenig dafür.

Das Madl stemmte die schlanken Arme in die Hüften und empörte sich dann: "Und überhaupt! Was fällt dieser alten Schachtel, der Großmayerin, eigentlich ein, uns nachzuspionieren!"

"Das spielt doch jetzt keine Rolle!", erwiderte der Riedlinger. "Wann hätt'st es mir denn von allein gesagt, Madl?"

"Wir wollten noch ein bisserl damit warten, der Toni und ich!", verteidigte sich die Franziska.

Jakob Riedlinger hob den Kopf.

"So, warten wolltet ihr. Und wie lang, wenn ich fragen darf?"

"Na, dem Großvater vom Bachsteiner-Hof ging es doch so schlecht", entgegnete die Franziska. "Und da meinte der Toni..."

"Aha, der Toni war's also, der das alles geheimhalten wollte!", fuhr ihr Vater dazwischen. "Kruzifix nochmal, hab ich's mir doch gedacht!"

Das Madl schaute verdutzt drein.

"Geh, Vater! Was hast du dir gedacht?", fragte sie.

"Dass er es gar net ernst mit dir meint! Dass er nur mit dir spielt, der junge Bachsteiner! Er ist halt net besser, als seine ganze Sippschaft, die vermaledeite!"

Nun wurde es dem Madl aber doch zu bunt.

"Jetzt bist aber ungerecht geworden, Vater!", schalt die Franziska den Riedlinger. "Als die schlimme Sach' damals passierte, da war der Toni doch noch ein kleiner Bub, der noch in die Windeln gemacht hat! Der kann doch nun wirklich nix dafür, wie sich die anderen Bachsteiner dir gegenüber verhalten haben! Also, bei allem Respekt, aber das musst' schon einsehen!"

Jakob Riedlinger ballte ärgerlich die mächtigen Hände zu Fäusten.

"Mei, Jesses nochmal, das sag' ich ja auch gar net! Ich sag ja nur, dass er wahrscheinlich genau so ist wie die anderen aus seiner Sippe - und ich will dich vor einer schlimmen Enttäuschung bewahren!" Der Riedlinger merkte jetzt selbst, dass er etwas zu laut geworden war.

Er setzte sich an den rohen, hölzernen Tisch, schenkte sich einen Roten ein und nahm einen kräftigen Schluck auf den Schrecken, den ihm die Großmayerin mit ihrer Neuigkeit bereitet hatte.

Auch das Madl wurde jetzt etwas ruhiger.

Erst lief es noch ein wenig auf und ab, wobei es die Arme über der Brust gekreuzt hielt. Dann setzte die Franziska sich ebenfalls.

"Schau, Madl", sagte der Riedlinger dann in ruhigerem Tonfall, obwohl es in seinem Innern noch immer kräftig brodelte. "Mei, es ist doch net so, dass ich dir net dein Glück gönnen möcht'", versuchte er ihr dann zu erklären.

"Ach nein?", erwiderte sie spitz. "Was ist dann der Grund, dass du kein gutes Haar am Toni lässt?"

Der Riedlinger hob die Schultern.

"Ich glaube halt net, dass er der richtige für dich sein könnt'! Vertrau mir! Ich bin schließlich älter und erfahrener als du!"

"Und was gibt es letztlich gegen den Toni einzuwenden - außer, dass er nun einmal der Sohn des Bachsteiner-Bauern ist? Mei, aber dafür kann er ja wohl nix, Vater!"

Der Riedlinger seufzte und gab dann zurück: "Glaubst du denn allen Ernstes, Franziska, dass der Bachsteiner es zulässt, dass du zum Toni auf den Bachsteiner-Hof ziehst - und vielleicht gar eines Tages dort das Zepter als Bäuerin schwingst?"

"Warum net?", fragte die Franziska.

"Weil du meine Tochter bist, Madl! Deshalb! Und weil mir der Bachsteiner den Tod seines Bruders ebenso wenig verziehen hat, wie es der Alte getan hat, der jetzt unter der Erde liegt!" Dann entstand eine Pause. Vater und Tochter schwiegen eine ganze Weile lang. Der Riedlinger legte zögernd seine Hand auf den schlanken Arm des Madls und meinte dann, schon deutlich ruhiger: "Schau, ich will deinem Glück net im Wege stehen. Aber denk an meine Worte und lass dir alles noch einmal genau durch den Kopf gehen. Ich denke, das ist net zuviel verlangt!"

Die Franziska sah ihren Vater an.

"Mei, ich hab mir alles hundertmal durch den Kopf gehen lassen! Und ich hab mich entschieden!"

Der Riedlinger nickte.

"Im Wege stehen will ich dir net, wenn du glaubst, dein Glück gefunden zu haben!"

"Aber deinen Segen bekomm ich auch net!", sagte die Franziska traurig.

"Ja, Kruzifix nochmal, legst denn darauf überhaupt noch irgendeinen Wert, Franziska?", grollte der Riedlinger vor sich hin.

Das Madl sah seinen Vater ganz entgeistert an.

"Geh, Vater! Was denkst du denn!", stieß sie heftig hervor.

"Natürlich ist mir das wichtig! Wie kannst nur so etwas daherreden!"

Einen Moment lang schwiegen sie.

Der Riedlinger sah seine Tochter an, beugte sich etwas vor und strich ihr dann sanft über das Haar. "Doch", sagte er. "Den Segen bekommst du in jedem Fall... Auch wenn es mir net leichtfällt und ich dabei über meinen eigenen Schatten springen muss!"

*

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DIE BACHSTEINERIN HATTE inzwischen ihrem Mann von den Neuigkeiten erzählt, die sie von der Großmayerin über ihren Sohn erfahren hatte.

Der Bauer war aufgebracht und tobte.

"Mei, reg dich doch net so auf!", versuchte die Bachsteinerin ihren Mann zu beruhigen. "Stell den Toni doch erst einmal zur Rede! Vielleicht ist es ja auch nur dummes Geschwätz der Großmayerin!", versuchte sie den Bauern zu beschwichtigen.

"Und warum sollte die Großmayerin so etwas erfinden?", fragte der Bachsteiner zurück.

"Na, weil sie sich in den Kopf gesetzt hat, dass ihre Rosl und unser Toni ein Paar werden..."

Der Bachsteiner atmete tief durch.

"Schlecht wär das ja auch net gerad'", meinte er dann, schon etwas ruhiger. Er strich sich mit der Hand das Haar zurück.

"Aber die zwei jungen Leute machen da halt net mit", stellte die Bachsteinerin sachlich fest. "Und die wahre Liebe lässt sich halt net erzwingen."

Der Bauer blickte auf.

"Toni ist noch im Stall. Ich werde zu ihm gehen und ihn zur Rede stellen!"

Er wandte sich zum Gehen, aber die Bachsteinerin hielt ihren Mann am Arm.

"Was willst ihm denn sagen, Loisl?", wollte die Bäuerin wissen.

"Ich werde ihm meine Meinung zu der Sache klarmachen: Meinen Segen bekommt er net, wenn er die Tochter des Mannes zur Frau nehmen will, der meinen Bruder auf dem Gewissen hat!"

Die Stimme des Bachsteiners klang sehr hart, als er das sagte. Der Bäuerin lief es dabei kalt über den Rücken.

Mei, durchzuckte es sie. So hab ich den Loisl ja noch nie sprechen hören!

"Geh, Loisl! Die Sach' ist doch nun schon so lang her...", versuchte die Bäuerin, ihren Mann zu beschwichtigen.

Der Bachsteiner sah seine Frau kopfschüttelnd an.

"Lang her, meinst? Ich weiß noch genau, wie es damals war! Denn ich war als junger Kerl bei der Suchmannschaft, die der Jakob Riedlinger seinerzeit angeführt hat! Mei, das Wetter schlug ein bisserl um und schon hatte der sogenannte Bergführer die Hosen voll! Das eigene Risiko hat er gescheut, sag ich! Und die Sepha, die hat er für sich haben wollen! So war es! Und dessen Tochter willst hier auf dem Hof haben?" Der Bachsteiner schüttelte den Kopf. "Das könnte ich net ertragen!"

"Loisl, die Franziska war doch damals noch gar net geboren! Selbst wenn ihr Vater große Schuld auf sich geladen haben sollte - was kann sie dafür? Nix, sag ich! Das Madl hat mit der Geschichte von damals net das geringste zu tun! Das musst auch du zugeben!"

Loisl Bachsteiner sah seine Frau ziemlich entgeistert an, ehe er hervorstieß: "Dann bist also mit der Sach' einverstanden?"

"Einverstanden net gerad'...", gab die Bachsteinerin nach einigem Zögern zu.

"Na also!", rief der Bauer. Er schlug sich ärgerlich auf den Schenkel. "Mei, es gibt doch nun wahrlich genug Dirndln im Tal, meinst net auch? Was muss er sich da gerad das Riedlinger-Madl aussuchen! Wenn's mit der Rosl vom Großmayer-Hof schon net funkt, dann könnt' er sich doch unter den anderen ein wenig umschauen!"

"Recht hast ja, Loisl!", gab die Bachsteinerin zu. "Aber wenn's wirklich die wahre Liebe ist? Willst dann versuchen, sie dem Toni auszureden?"

"Pah!", machte der Bachsteiner. "Man kann doch net alles dem Gefühl überlassen! Die Vernunft will da auch ein Wörtl mitreden! Und die werd' ich dem Buben jetzt schon eintrichtern, darauf kannst du dich verlassen!"

Und damit war er zur Tür hinausgegangen.

Den Toni traf er, als dieser gerade aus dem Stall kam.

Der Bachsteiner verlor nicht viel Worte und kam sofort zur Sache, während die Bäuerin ebenfalls herbeieilte, um das Schlimmste zu verhindern. Schließlich wusste sie am besten, wozu ihr Mann im Stande war, wenn ihn etwas maßlos aufregte.

Und das war jetzt zweifellos der Fall.

"Ja", gab der Toni auf eine entsprechende Frage hin zu. "Ich hätte euch das mit der Franziska schon noch gesagt, wenn..."

"So?", machte der Bachsteiner ärgerlich. "Wann hättest du uns dann gesagt? Vielleicht, nachdem ihr schon vollendete Tatsachen geschaffen hättet? Denn was meine Meinung dazu ist, das hättest du dir ja wohl an zwei Fingern ausrechnen können, oder etwa net?"

Der Toni sah seinen Vater gerade ins Gesicht und sagte: "Wir haben es wegen dem Großvater noch geheimgehalten, die Franziska und ich... Aber jetzt wären wir ohnehin an die Öffentlichkeit gegangen, denn wir sind die Heimlichtuerei leid!"

Der Bachsteiner war regelrecht blass geworden, so fassungslos war er.

"Dann ist es euch also tatsächlich ernst", murmelte er, wobei er leicht den Kopf schüttelte.

Er konnte es noch immer nicht richtig begreifen. Einen Moment lang glaubte er, er würde schlecht träumen und müsste jeden Augenblick aufwachen.

Aber aus diesem Traum würde es kein erlösendes Erwachen geben!

Der Toni nickte entschieden.

"Mei, uns ist es sehr ernst! Die Franziska ist die Frau meines Lebens! Sie und keine andere will ich zum Altar führen, und zwar so schnell wie möglich!"

"Das hast dir ja fein ausgedacht!", rief der Vater ärgerlich.

Und die Bachsteinerin mischte sich ein: "Loisl, so beruhige dich doch!"

Aber ihr Loisl wollte sich nicht beruhigen.

"Hast dir net einmal ein paar Gedanken darüber gemacht, wen du da zur Frau nehmen willst?", meinte der Bachsteiner dann. "Der Riedlinger hat deinen Onkel auf dem Gewissen!

Und so einen willst du zum Schwiegervater?"

"Mei, Vater, da hat doch das Madl nix mit zu tun! Das weißt du so gut wie ich!", erwiderte der Bachsteiner-Toni ziemlich heftig.

Der Vater atmete tief durch.

"Toni!", meinte der Bachsteiner-Bauer dann. "Kruzifix nochmal, so nimm doch Vernunft an!"

"Ich hab die Dinge noch nie so klar gesehen, wie jetzt", widersprach der Toni vehement. "Mei, ich möcht' net, dass es wegen dem Madl zwischen uns zu einem echten Zerwürfnis kommt, aber mein Glück lass ich mir auch net ausreden!"

"Dein, Glück, ja?", schnaubte der Bachsteiner. "Kann es denn net ein anderes Madl sein?"

Der Toni hob die Augenbrauen.

"Die Rosl Großmayer vielleicht?" Der junge Mann schüttelte energisch den Kopf. "Das tät euch so passen, net wahr? Damit aus zwei großen Höfen ein noch größerer würde! Aber für die Rosl hab ich nun einmal net soviel übrig, das ich sie heiraten könnt', auch wenn sie sonst ein nettes Dirndl ist und blitzsauber ausschaut."

"Mei, was der Vater meint ist doch etwas anderes", versuchte die Bachsteinerin jetzt beschwichtigend einzugreifen.

"Ich hab schon recht genau verstanden, was er gesagt hat", fuhr der Toni dazwischen. "An Deutlichkeit hat es ja auch keinesfalls zu wünschen übrig gelassen!"

"Geh, Toni!", schalt ihn die Mutter und fuhr dann fort: "Könnt'st mit deiner Entscheidung für die Franziska net noch ein bisserl warten? Bis du dir wirklich über alles klar geworden bist, Bub!"

Der Toni atmete tief durch.

"Bis ihr mir das Madl ausgeredet habt, das meinst du doch in Wirklichkeit!"

Die Mutter wollte noch etwas sagen, aber der Bauer kam ihr zuvor.

"Toni, du bist alt genug, um deine Entscheidungen selbst zu treffen. Aber eins will ich dir klipp und klar sagen: Die Tochter des Mannes, der meinen Bruder auf dem Gewissen hat, kommt mir als Schwiegertochter net auf den Hof! Hast mich gehört!"

Der Bachsteiner-Toni nickte düster.

"Mei, ich hab dich gehört, Vater! Aber ich weiß selbst, was für mich gut ist! Und wie du schon gesagt hast: Ich bin alt genug, meine Entscheidungen selbst zu treffen!"

Der Bachsteiner sah seinem Sohn direkt in die Augen. Einige Augenblicke lang schwiegen die beiden Männer und die Bäuerin fragte sich ängstlich, was nun wohl als nächstes geschehen mochte.

Eine unheimliche Stille war das! Und sie verhieß nichts Gutes...

Dann sagte der Bachsteiner plötzlich in gedämpftem Tonfall, aber sehr ernst: "Wenn du die Franziska Riedlinger zur Frau nimmst, dann bist du net mehr mein Nachfolger als Bauer hier auf dem Bachsteiner-Hof!"

"Mei, Loisl! Das kann doch net dein Ernst sein!", rief da die Bäuerin aus und fasste ihren Mann am Arm.

"Doch!", rief der Bachsteiner. "Das ist mein Ernst und dem Toni ist es hoffentlich auch klar, dass ich so etwas net einfach nur so dahersage!"

Die Bäuerin war verzweifelt.

Auch ihr war die Franziska Riedlinger als Schwiegertochter nicht unbedingt recht, aber es deshalb zu einem ernsten Zerwürfnis kommen zu lassen?

Nein, das war die Sache nicht wert.

Und den Toni von seiner Idee abbringen, das würde die Drohung seines Vaters auch nicht vollbringen können. Dazu kannte sie ihren Sohn zu genau.

"Du weißt doch gar net, was du da sagst, Loisl!", stieß die Bachsteinerin hervor.

"Doch, das weiß ich ganz genau!"widersprach ihr der Bauer ziemlich heftig.

Er stand in diesem Moment da wie ein Stier, nicht bereit auch nur einen einzigen Zentimeter zurückzuweichen.

Und ganz genau so stand der Toni da, in dessen Augen Wut und Zorn leuchteten.

"Gut, wie du willst, Vater!", knirschte der junge Mann dann hervor. "Dann hast du jetzt keinen Nachfolger mehr! Kannst den Hof vererben, an wen du willst! Wenn für die Frau, die ich liebe, hier auf dem Bachsteiner-Hof kein Platz ist, dann habe ich hier auch keinen Platz mehr!"

Mit Tränen des Zorns in den Augen ging der Toni daraufhin davon.

"Toni!", rief seine Mutter ihm hinterher, als der junge Mann zur Haustür ging und diese wütend hinter sich zuschlug.

Doch der Toni hörte sie nicht mehr.

Die Bachsteinerin wollte ihm folgen, aber der Bauer hielt sie am Arm.

"Warte", sagte er.

Die Bachsteinerin sah ihren Mann entsetzt an.

"Warten? Loisl, worauf soll ich warten? Dass der Bub seine Sachen packt und in seinem Ärger davonzieht vielleicht? Das kann doch net dein Ernst sein!"

Der Bauer legte den Arm um sie.

"Mei, das wird er net tun! Ganz gewiss net! Seine Wut wird sich schon wieder legen, da bin ich mir gewiss! Und wenn er die Sach' dann klar sieht, wird er auch erkennen, dass ich recht habe!"

Doch die Bachsteiner-Bäuerin schüttelte leicht den Kopf.

"Na", meinte sie. "Daran glaube ich net. Er wird eher versuchen, seinen Willen auch allein durchzusetzen. Mir scheint, es ist wirklich mehr als nur eine Schwärmerei, das mit der Riedlinger-Franziska!"

Der Bachsteiner machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Schmarrn!", schimpfte er.

Doch die Bäuerin wusste im Innersten ihres Herzens, dass sie recht hatte.

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ALS DIE BEIDEN JUNGEN Leute sich das nächste mal beim Stadel trafen, war es nicht gerade ein fröhliches Treffen.

"Mei", sagte die Franziska. "Begeistert war mein Vater net gerad', als ich ihm von unseren Plänen erzählt hab!", berichtete das Madl. Doch dann ging ein Lächeln über ihr Gesicht und ihre hellblauen Augen strahlten. "Aber den Segen will er mir net verweigern."

Der Toni seufzte und legte einen Arm um Franziskas Schulter.

"Bei mir ist es net so glimpflich abgegangen", erklärte er düster.

Das Madl sah den Toni an.

"Was ist passiert?"

"Was passiert ist?", sagte der Toni bitter. "Der Vater hat mich vor die Wahl gestellt: Du oder der Hof!" Seine Stimme bebte leicht, als er das aussprach.

"Das ist doch net wahr!", rief das Madl erschrocken aus. Auf einmal war ihre frische Gesichtsfarbe ganz verschwunden und sie war richtig blass geworden.

"Wenn ich's doch sag!", rief der Toni unwirsch, nahm ein Steinchen vom Boden auf und warf es wütend davon.

Die Franziska sah den jungen Mann jetzt fragend an.

"Und?", erkundigte sie sich mit bangem Herzen.

Dass ihre Liebe auf eine so harte Probe gestellt würde, damit hatte sie nicht im entferntesten gerechnet. "Was wirst du jetzt tun?", fragte sie.

"Na, ich will dich immer noch heiraten, Franziska! Daran hat sich nix geändert!" Der junge Mann zuckte mit den Schultern. "Nur ganz so schnell wird es wohl net mehr gehen können, denn schließlich kann ich dir jetzt ja nix bieten. Net einmal ein Dach über dem Kopf. Und um eine Familie zu gründen ist das net gerad' die beste Voraussetzung! Das wirst ja wohl einsehen..."

Die Franziska war einen Moment sprachlos.

Sie musste schlucken.

"Das heißt, du hast dich mit deinem Vater entzweit!"

"So sieht es leider aus, ja", bestätigte Toni und dabei war seinem Tonfall noch der Ärger anzuhören, den er empfand.

Aber auch ein Gutteil Traurigkeit war dabei. Hatte es wirklich so weit kommen müssen? Es schmerzte den Toni sehr. Aber nun gab es kein Zurück mehr, so glaubte er. "Soll mein Vater sehen, an wen er den Hof dereinst vererbt und wer sein Nachfolger sein wird! Aber auf einem Hof, auf dem für meine Liebste kein Platz ist, so hab ich ihm gesagt, da hab ich auch keinen Platz!"

"Toni...", flüsterte das Madl indessen. "Mei, hast du dir das auch genau überlegt, was du da tust? Du hattest doch eine gesicherte Zukunft! Und jetzt..."

Der Toni runzelte die Stirn.

Ein schlimmer Verdacht stieg in dem jungen Mann hoch!

War es am Ende möglich, dass die Franziska am Ende doch mit einem Auge auf den ansehnlichen Bachsteiner-Hof geschielt hatte?

Der Toni musste unwillkürlich schlucken.

Es war kaum zu glauben.

"Was ist los, Madl? Bin ich dir jetzt vielleicht net mehr gut genug, da ich net mehr als zukünftiger Hoferbe und größter Bauer der Umgebung auftreten kann?"

Die Franziska sah den Toni völlig entgeistert an.

"Wie kannst du nur so etwas denken!", rief sie aus. "Mir ist der Hof doch völlig gleichgültig, Toni! Dich will ich - ob nun mit oder ohne den Bachsteiner-Hof!"

Der Toni musterte die Franziska prüfend. Aber das Madl hatte mit solcher Überzeugungskraft gesprochen, dass der junge Mann einfach nicht anders konnte, als der Tochter des Riedlingers zu glauben.

"Es war halt nur so ein Gedanke", versuchte er sich dann zu entschuldigen.

"Kein guter Gedanke!", erwiderte die Franziska, "Wenn man sich wirklich liebt, dann muss man auch Vertrauen haben! Oder meinst net?"

"Du hast ja recht!", gab der Toni zu und nahm das Madl in den Arm. "Ich habe einen Schmarrn zusammengeredet, der auf keine Kuhhaut geht!"

"Das stimmt allerdings!", gab die Franziska zurück. Und bevor der Toni dann noch etwas erwidern konnte, hatte sie ihm mit einem Kuss den Mund verschlossen.

Etwas später fragte das Madl dann: "Was willst denn nun anfangen?"

Der Toni zuckte mit den Schultern.

"Ich weiß noch net", murmelte er unschlüssig. "Aber ich werd' mir eine Arbeit suchen müssen!"

Die Franzisksa schmiegte sich an Tonis breite Schulter und meinte: "Und was ist mit dem Hof meines Vaters? Der könnt' sicher eine helfende Hand gebrauchen! So schön wie der Bachsteiner-Hof ist er natürlich net, aber..."

"Geh, Franziska!", wurde sie dann vom Toni unterbrochen. "Das ist lieb gemeint, aber erstens ist dein Vater net gerad' der größte Freund der Bachsteiner und zweitens wirft der Einsiedler-Hof doch sicher gerade halbwegs genug für dich und und ihn ab!"

"Mei...", erwiderte die Franziska, aber ehe sie etwas sagen konnte, war ihr der Toni schon zuvor gekommen.

"Ja, eine Goldgrube ist der Riedlinger-Hof ja wohl net gerad!", stellte er klar.

Das Madl seufzte schwer.

Natürlich hatte der Toni recht. Das wusste sie selbst am besten. Aber die Aussicht, dass die Hochzeitsglocken jetzt erst einmal warten sollten, bis bessere Zeiten kamen, hatte sie ziemlich niedergeschlagen.

Doch sie musste eingestehen, dass es im Moment keinen anderen Weg zu geben schien.

"Was glaubst, wie lange wir warten müssen?", fragte sie dann etwas verzagt.

"Net allzu lang! Nur, bis wir soweit sind, uns selbst ein Zuhause einzurichten! Mei, jeden Groschen werd' ich dafür sparen!"

Die Franziska sah den Toni dann mit großen Augen an. Ihre Züge wirkten jetzt schon wieder sehr viel frohgemuter. "Das werden wir auch noch schaffen, net wahr?", redete sie sich selbst Mut zu.

Und der Toni nickte.

"Freilich", meinte er. "Daran hab ich net den geringsten Zweifel!"

*

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DIE GROßMAYERIN STAUNTE nicht schlecht, als der Toni Bachsteiner einen Tag später bei ihr auf dem Hof auftauchte.

Sollte ihre Intrige etwa schon von einem ersten Erfolg gekrönt werden?

Jedenfalls schenkte sie dem jungen Mann ihr gewinnendstes Lächeln, obwohl sie sich innerlich dafür verfluchte, die Rosl gerade jetzt ins Dorf geschickt zu haben, um Besorgungen zu machen.

Aber wer hätte auch mit dieser glücklichen Fügung rechnen können?

Auch wenn die Großmayerin oft das Gras wachsen hörte, eine Hellseherin war sie nicht!

Irgend etwas muss geschehen sein!, ging es der Witwe durch den Kopf. Und sie hätte eine Menge dafür gegeben, um zu wissen, was das war!

"Grüß dich, Toni!", rief sie freundlich.

"Grüß dich, Großmayerin!", rief der Toni zurück.

"Mei, du hast dich ja eine ganze Weile hier net blicken lassen!", meinte die Bäuerin dann.

Der Toni zuckte die Achseln.

"So lang nun auch wieder net, Bäuerin!"

"Und wenn auch!", erwiderte die Großmayerin. "Du bist deshalb net weniger willkommen! Magst herein in die Stube kommen?"

"Da sag' ich net nein", nickte der Toni und ließ sich von der Großmayerin ins Haus führen.

In der Stube bot sie ihm einen Platz an und setzte sich selbst ebenfalls. Dann sagte sie unvermittelt: "Die Rosl ist allerdings net zu Haus! Sie ist auf einen Sprung ins Dorf, um ein paar Einkäufe zu machen!"

Der Toni hob die Augenbrauen.

Die Großmayerin hatte ihre Hoffnungen, was ihn und ihre Tochter betraf, ganz offensichtlich noch immer nicht aufgegeben.

"Wegen der Rosl bin ich net gekommen", stellte der junge Mann also sogleich klar.

"Net?", vergewisserte sich die Großmayerin und ihre Stimme klang fast ein wenig enttäuscht.

Sie atmete tief durch und dachte: Naja, schön wär's halt gewesen! Aber vielleicht war ja in dieser Hinsicht doch noch nicht alles verloren!

So fragte die Bäuerin: "Was führt dich dann hier her, auf den Großmayer-Hof? Hat dich der Vater vielleicht mit Geschäften geschickt?"

Toni schüttelte den Kopf.

"Na, hat er net", murmelte er. "Der Vater und ich, wir haben uns zerstritten!" Es war das Beste, es ihr gleich zu sagen, den früher oder später würde die Nachricht doch durch das Tal gehen.

Da konnte sie es auch jetzt erfahren.

"Zerstritten?", fragte die Bäuerin erstaunt zurück. "Wie kommt das denn?"

"Das ist eine Sach zwischen mir und dem Vater", gab der Toni kühl zurück.

Die Großmayerin war nun wirklich die Letzte, mit der er diese Angelegenheit besprechen wollte.

"Das verstehe ich vollkommen!", gab die Bäuerin zu verstehen. Sie konnte sich natürlich denken, womit das Zerwürfnis zwischen den Bachsteinern zusammenhing. Allerdings hütete sie sich, etwas dazu zu sagen.

Dann nannte der Toni endlich den Grund, aus dem er den Weg zum Großmayer-Hof gemacht hatte.

"Großmayerin, du suchst doch noch immer nach einem Großknecht für deinen Hof, net wahr?", fragte der junge Mann etwas zaghaft.

"Freilich", nickte die Bäuerin. "Seit der Sepp fortgezogen ist, hab ich die Stelle net wieder mit einem besetzen können, der dafür auch die nötige Eignung mitgebracht hätte..."

"Ich will mich net aufdrängen", meinte der Toni. "Aber von der Landwirtschaft versteh ich schon einiges! Da kann mir so schnell keiner etwas vormachen! Wie ein Hof zu führen ist, das hab ich beim Vater wohl gelernt!"

Die Bäuerin lächelte.

"Das weiß ich, Toni! Und deshalb bist auch ab sofort eingestellt, wenn du willst!"

"Gut", nickte der Toni.

"Kost und Logis sind frei!", erklärte die Bäuerin.

Der Toni war zufrieden.

"Ich muss dir allerdings gleich sagen, dass ich nur für eine Übergangszeit hierbleiben will! Bis ich etwas anderes gefunden hab'!", schenkte der Bachsteiner-Toni seiner neuen Arbeitgeberin gleich reinen Wein ein.

"Geh, Toni, ich versteh dich schon!", entgegnete die Bäuerin.

Aber insgeheim dachte sie: Wer weiß, wie lang du am Ende noch hier auf dem Großmayer-Hof hängen bleiben wirst! Wenn's günstig kommt, sogar für immer...

Aber das war schon einen Schritt zu weit gedacht!, machte die Bäuerin sich klar. Und man sollte ja schließlich den Tag nicht vor dem Abend loben.

Aber eine Chance war es schon!

Die Rosl und der Toni Tag für Tag unter einem Dach!

Wenn da nix funkt, dann wird's niemals was!, ging es der Großmayerin durch den Kopf.

"Was ist, Toni?", fragte sie dann. "Es ist bald Zeit für die Brotzeit! Willst net solange noch bleiben? Es gibt einen vorzüglichen Leberkäse!"

Der Toni kam gar nicht mehr dazu, zu antworten. Eine Tür ging, dann waren ein paar Schritte zu hören und einen Moment später ging auch die Stubentür auf.

Ein schmuckes Dirndl mit langen, dunkelbraunen Haaren kam herein. Es war niemand anders als Rosl Großmayer. Ihre dunklen Augen musterten den Toni erstaunt und eine sanfte Röte überzog ihr Gesicht.

"Mei, du bist hier?", fragte sie.

Rosl schien ehrlich erstaunt zu sein. Ein Lächeln huschte über ihr feines Gesicht.

Indessen fasste die Großmayerin ihrer Tochter in knappen Worten zusammen, weshalb der Toni Bachsteiner gekommen war.

"Vielleicht bist so nett und zeigst dem Toni die Kammer, in der früher der Sepp gewohnt hat!", wies die Bäuerin dann das Madl an und wandte sich dann an den jungen Mann. "Es ist zwar bescheiden, aber für's erste wird's wohl schon reichen!", meinte sie.

Der Toni nickte.

"Vielen Dank. Mei, bin ich froh, dass ich hier unterkommen kann!"

"Na, ich hoffe, dass ihr net auf ewig zerstritten sein werdet, dein Vater und du!", mischte sich nun die Rosl in das Gespräch.

Rosl brachte den Toni wenig später hinauf zu seiner Kammer. Ein Tisch, ein Bett und ein Schrank aus hellem Kiefernholz standen dort. Und aus dem Fenster hatte man einen herrlichen Blick in die Bergwelt.

"Gefällt's dir?", fragte Rosl.

"Mei, gewiss doch!", erwiderte Toni - und zum erstenmal, seit er auf dem Großmayer-Hof war, ging so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht.

"Du hast noch gar net gesagt, weshalb du dich mit deinem Vater zerstritten hast!", stellte Rosl fest.

"Ich möchte net darüber reden", sagte Toni ruhig und zuckte dabei die Schultern.

"Geht es dabei vielleicht um die Tochter vom Riedlinger?"

Toni sah die Rosl an und konnte im ersten Moment gar nichts sagen.

Mei, hartnäckig ist das Madl aber!, ging es ihm durch den Kopf. Das musste sie von ihrer Mutter haben. Die war in diesem Punkt nämlich genauso.

"Und wenn's so wäre!", erwiderte der Toni schroff.

Die Rosl zuckte die Achseln.

"Ich meine ja nur. Das ist ja auch net schwer zu erraten, wenn man zwei unnd zwei zusammenzählen kann!" Sie wandte sich halb herum und fügte dann noch hinzu: "Ich weiß,Toni, ich hätt' net fragen dürfen..."

Und damit war sie auch schon aus der Tür hinaus und Toni hörte ihre leichten Schritte die Treppe hinuntergehen.

*

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SO MACHTE DER BACHSTEINER-Toni also Ernst und zog mit Sack und Pack von zu Hause aus, um bei der Großmayerin Großknecht zu sein.

"Mei, nie und nimmer hätt' ich das von dem Bub gedacht!", schimpfte der Vater verzweifelt, nachdem der Toni gegangen war.

Viel geredet worden war net mehr zwischen dem Bachsteiner-Loisl und seiner Frau. Nur das nötigste. Nun war es also eine Tatsache: Der Toni hatte dem Hof den Rücken gekehrt.

Der Bachsteiner-Bauer saß lustlos vor der Brotzeit, die ihm die Bäuerin hingestellt hatte.

Der Bauer schien noch immer nicht richtig fassen zu können, was so eben geschehen war.

Er hob hilflos die Schultern.

"Ich hab gedacht, wenn ich ihm androh', dass er net mehr hier Bauer werden kann, wo doch der Hof sein ganzes Leben ist, dass er dann nachgeben wird..."

"Aber das hat er net getan!", schloss die Bäuerin, während sie sich zu ihrem Mann an den Tisch setzte. "Er ist halt ein genau so großer Dickkopf wie sein Vater!", setzte sie dann noch hinzu.

Das machte den Loisl Bachsteiner wütend.

"Ja, sag's nur!", rief er. "Ich bin Schuld an allem! Ich ganz allein!" Er atmete tief durch und fuhr dann etwas ruhiger fort: "Und damit hättest du noch net einmal völlig Unrecht!"

Die Stimme des Bachsteiners klang jetzt sehr bitter.

Unterdessen legte die Bäuerin ihm ihre warme Hand auf den kräftigen Unterarm.

"Ach, Loisl", sagte sie.

"Was hätte ich denn machen sollen, Kruzifix nochmal!", fragte der Bauer und die ganze Verzweiflung, die er empfand, klang aus diesen Worten heraus. "Hätte ich vielleicht alles einfach so dahintreiben lassen sollen? Die Zukunft unseres Hofes, der doch seit Generationen im Besitz unserer Familie ist?"

"Mei, ich hab' auch kein Patentrezept!", musste die Bäuerin zugeben.

Und der Bachsteiner gab zurück: "Wie man es auch anfängt, am Ende ist es immer verkehrt gewesen!" Dann bemerkte der Bachsteiner, dass seine Frau sich selbst gar keine Brotzeit hingestellt hatte.

"Willst denn gar nix essen?", fragte er daher.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein", meinte sie. "Mir fehlt heut' einfach der rechte Appetit..."

"Mei, mir will's heut auch net so richtig schmecken...", erwiderte der Bachsteiner dann und schob den Teller etwas zur Seite. Ein mattes Lächeln ging über seine Lippen, als er dann noch hinzusetzte: "An deinen Kochkünsten liegt es allerdings net! Eher schon daran, dass mir die Sach' mit dem Toni wie ein Stein im Magen liegt!"

Die Bäuerin sah ihrem Mann in die Augen und sagte dann, nach einigen Augenblicken des Schweigens: "Und wenn du nun doch den ersten Schritt machst und den Toni fragst, ob er net zurückkommen will?"

Der Bachsteiner sah seine Frau völlig entgeistert an.

"Ich?", vergewisserte er sich. Er glaubte nämlich, seinen Ohren nicht zu trauen.

Die Bäuerin nickte.

"Ja, gewiss du, Loisl!"

"Bin ich nun mit lautem Trara vom Hof gegangen oder der Toni?", fragte der Bachsteiner und zog dabei die Augenbrauen in die Höhe.

"Heißt es net, dass der Klügere nachgeben soll?", gab die Bachsteinerin zurück.

"Du meinst also, dass ich mich damit einverstanden erklären soll, dass der Toni die Riedlinger-Tochter hier auf den Hof bringt! Da, wo für sie kein Platz sei, da sei auch für den Toni keiner, so hat er wörtlich gesagt! Ich weiß net, was es da nützen könnt', wenn ich zu ihm gehe und mit rede!"

Die Bachsteinerin seufzte und meinte dann: "Vielleicht hast ja recht, Loisl."

Jetzt war es der Bachsteiner, der die Hand seiner Frau nahm.

"Du wirst sehen! Der Toni wird schon wieder zur Vernunft kommen und zurückkehren! Ganz gewiss!", versprach er.

"Meinst du wirklich?", zweifelte die Bachsteinerin.

Der Bauer nickte.

"Freilich meine ich das!", erklärte er, aber er klang nicht sehr überzeugt dabei.

*

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DER TONI STÜRZTE SICH gleich in die Arbeit. Und davon gab es genug auf dem Großmayer-Hof! Die Bäuerin meinte zwar, dass er erst am nächsten Tag anzufangen brauchte, aber dem Toni war es lieber so.

"Das wird mich von der ganzen unseligen Sache etwas ablenken!", hatte er gemeint.

Die Großmayerin hatte natürlich nichts dagegen, dass ihr neuer Großknecht sich so ins Zeug legte.

Ganz im Gegenteil!

Und mit Max und Franz, den beiden anderen Knechten auf dem Hof, verstand er sich gut.

Er kannte die beiden seit langem.

Aber es war immer noch ein Unterschied, ob man im Wirtshaus bei einem Glas zusammensaß, oder ob es darum ging, miteinander zu arbeiten.

Die Großmayerin beobachtete den Bachsteiner-Toni des öfteren und meinte dann bei Gelegenheit zu ihrer Tochter: "Er versteht eine ganze Menge von der Landwirtschaft! Bei seinem Vater ist er wohl in eine gute Schule gegangen!"

"Mei, ein heller Bursche ist er ja!", bestätigte Rosl.

"Hör zu, Rosl", flüsterte die Großmayerin dann in verschwörerischem Tonfall. "Wenn du jetzt deine Chance net nutzt, dann gibt es keine zweite mehr! Hast mich verstanden!"

Die Rosl sah ihre Mutter entgeistert an.

"Geh, Mutter, was red'st denn da!"

"Ich sag' nur, wie es ist!", erwiderte die Großmayerin.

"Hast den Traum immer noch net aufgegeben, was?" Die Rosl seufzte. "Mei, der Toni ist ein netter Bub, aber..."

"Aber was?", runzelte die Großmayerin ihre Stirn. "Gibt's irgend etwas an ihm auszusetzen? Fesch sieht er aus, so dass die Herzen aller Madln im Tal höher schlagen! Und herzensgut ist er dazu! Was willst denn mehr?"

Rosl seufzte.

"Ich sag doch auch gar nix gegen ihn! Aber ich kann ihn doch net zu seinem Glück zwingen, oder?" Sie schüttelte energisch den Kopf. "Er wär' schon nach meinem Geschmack, Mutter. Aber solange ihm die Riedlinger-Tochter durch den Kopf spukt, kann ich da nix machen!"

"Wie lang die ihm noch im Kopf herumspukt, das werden wir ja sehen!", beharrte die Großmayerin.

*

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AM ABEND KAM DER TONI zurück auf den heimatlichen Bachsteiner-Hof, um seine Sachen zu holen.

"Der Vater ist net da", sagte die Bachsteinerin. "Er ist zum Sägemüller gegangen, aber er wird bald zurückkommen. Vielleicht kannst ja auf ihn warten, dann könnt ihr zwei euch nochmal aussprechen..."

Der Toni seufzte und sah seine Mutter dann traurig an.

"Mei, was sollte das denn nützen, Mutter?"

"Ich hab halt gedacht..."

"Es ist alles gesagt worden Mutter! Und vielleicht sogar zuviel!"

Die Mutter nickte.

"Ja, aber so kann es doch net bleiben!"

Toni sah seine Mutter traurig an und ging dann an ihr vorbei, um seine Sachen zu holen.

Er ging nur mit dem nötigsten und das machte der Bachsteinerin Hoffnung, dass dieser Auszug vielleicht doch nicht so endgültig war, wie es im Augenblick den Anschein hatte.

Als der Toni dann zurück auf dem Großmayer-Hof war, war es bereits dunkel geworden. Die Sonne war blutrot hinter den weißen Berggipfeln versunken.

Toni stapfte die hölzerne Treppe hinauf zu der Kammer, die ihm die Großmayerin zugewiesen hatte. Zu seiner Überraschung brannte dort bereits Licht.

Rosls freundliches Lächeln strahlte ihm entgegen.

"Mei, so schnell hatte ich dich net zurückerwartet", sagte das Madl etwas verlegen. "Die Mutter hat mich angewiesen, das Bett zu beziehen."

"Vielen Dank."

Der Toni setzte seine Sachen auf den Boden und als er sich danach wieder aufrichtete streckte er sich erst einmal.

Die Rosl trat zum Fenster, rieb die Hände aneinander und drehte sich dann wieder herum.

Sie schien noch etwas sagen zu wollen, fand aber im Moment wohl nicht die rechten Worte.

Schließlich nahm sie sich aber doch ein Herz und sagte: "Wie lange wirst du hier bleiben, Toni? Ein Leben als Großknecht auf dem Großmayer-Hof, das wäre doch für einen wie dich sicher auf die Dauer zu wenig."

Toni trat zu ihr und zuckte die Schultern.

"Mei, ich weiß es noch net", sagte er. "Richtige Pläne hab ich noch net."

"Aber du musst dir doch Gedanken um die Zukunft gemacht haben!", erwiderte Rosl.

"Freilich! Ich werde versuchen, so schnell wie möglich auf eigene Füße zu kommen, um die Franziska heiraten zu können..."

"Da hast aber einiges auf dich genommen, Toni!"

"Mei, so ist es halt!"

Die Rosl ging indessen zur Tür. Dort blieb sie einen Augenblick stehen und drehte sich dann noch einmal herum.

"Mei, du musst ja sehr an dem Madl hängen!", stellte sie fest.

Dann lächelte sie matt. "Meine Mutter hofft noch immer, dass das mit uns zweien 'was werden könnt'. Du kannst dir denken, was in ihrem Kopf herumspukt: Aus zwei großen Höfen soll ein noch größerer werden. Aber das mit uns, das wär' doch nie die wahre Liebe gewesen!"

Und damit ging sie dann die Treppe hinunter.

Der Toni seufzte.

Dann sah er aus den Augenwinkeln heraus, dass unten, vor dem Haus jemand stand und hinauf zu seinem Fenster blickte.

Es war Anna, die alte Magd, die schon seit ewigen Zeiten ihren Dienst auf dem Großmayer-Hof tat und für ihre Neugier und Schwatzhaftigkeit im ganzen Tal bekannt war.

Der Toni öffnete das Fenster.

"Mei, Anna, was gibt's?", rief er zu ihr vergnügt hinunter.

"Bist an der Erde festgewachsen?"

"Nix ist!", rief sie zurück und beeilte sich dann, zum Stall zu kommen, wohin sie wohl eigentlich hatte gehen wollen.

Etwas wunderlich wird die Anna langsam!, dachte der Toni bei sich.

*

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AM NÄCHSTEN TAG STIEG der Bachsteiner-Toni nach der Arbeit auf hinauf zum Einsiedler-Hof des Riedlingers.

Die Franziska kam ihm ein Stück entgegen.

Sie schlang ihre Arme um Tonis Hals. "Mei, schön, dass du da bist!"

"Es war ein schwerer Tag, aber das wollt' ich mir net nehmen lassen!", gab der junge Bachsteiner zurück. Und dann gingen sie zusammen hinauf zu dem bescheidenen Wohnhaus des Riedlinger-Hofs.

Sie waren noch nicht ganz angekommen, da trat jemand aus der Tür heraus.

Es war niemand anderes, als der Riedlinger, der an seiner Pfeife zog und den Toni erst einmal von oben bis unten musterte, ehe er ihm schließlich die Hand gab.

"So, du bist also der Toni...", murmelte er dann. "Groß bist geworden! Ich hab dich noch in Erinnerung, als du ein ein ganz kleiner Bub warst!"

Der Toni wusste zunächst gar nicht, was er sagen sollte. Er wechselte einen Blick mit der Franziska und sagte dann nach kurzer Pause: "Deine Tochter wird dir von unseren Plänen erzählt haben..."

"Gewiss doch", nickte der Riedlinger und blies den Rauch seiner Pfeife in die kühle, klare Abendluft. "Und ich will dir ganz ehrlich sagen, dass ich net gerad' begeistert gewesen bin, dass sie sich ausgerechnet einen Bachsteiner ausgesucht hat!"

Der junge Mann hob die Schultern.

"Ich kann schon verstehen, dass...", begann der Toni dann.

Aber der Riedlinger winkte ab und unterbrach den jungen Bachsteiner.

"Lass nur!", sagte der Riedlinger. "Gegen die Stimme des Herzen kann man sowieso nix machen." Er wandte sich an die Franziska, bevor er fortfuhr. "Oder würde es irgend etwas nützen, wenn ich versuchen sollte, dir den Bachsteiner-Toni auszureden?"

"Vater!", rief die Franziska mit tadelndem Unterton.

"Na, also!", erwiderte der Riedlinger.

"Lass uns doch reingehen!", schlug die Franziska vor. "Die Brotzeit ist fast fertig!"

Doch der Riedlinger rührte sich nicht von der Stelle, sondern bedachte den Bachsteiner-Toni statt dessen mit einem ernsten Blick. Seine buschigen Augenbrauen zogen sich dabei sonderbar zusammen.

"Mei, dass du ein Bachsteiner bist, das kann ich vielleicht noch verdauen!" sagte er dann. "Aber wenn du es net ernst mit der Franziska meinen solltest, dann..."

Da fuhr das Madl seinem Vater ins Wort.

"Geh, Vater! Er hat doch schon bewiesen, wie ernst es ihm ist! Schließlich hat er sich meinetwegen mit dem Bachsteiner-Bauern überworfen! Enterbt hat er ihn sogar!"

Der Riedlinger blickte jetzt erstaunt drein.

"Ist das war, Toni?", erkundigte er sich, so als könnte er es kaum glauben.

Toni nickte.

"Genau so ist es!"

Ein Lächeln ging über das wettergegerbte Gesicht des Jakob Riedlinger. Dann legte er dem Toni eine Hand auf die Schulter, nahm mit der anderen die Pfeife aus dem Mund und meinte: "Alle Achtung! Mei so viel Mut hätte ich einem Bachsteiner net zugetraut!"

Der Toni sah den grau gewordenen Einsiedler fest an.

"Ich weiß, dass du ein schweres Schicksal hinter dir hast! Aber die Franziska und ich, wir haben nix mit dem alten Zwist zwischen den Bachsteinern und dir zu tun!"

"Schon recht", murmelte der Riedlinger. "Aber insgeheim denkst du doch auch, dass ich deinen Onkel auf dem Gewissen hab, oder etwa net? Wie sollte es auch anders sein! Dein Vater wird es dir hundertmal so erzählt haben!"

"Schluss mit den alten Geschichten!", forderte die Franziska vehement. "Mei, Vater das ist alles lange her!"

Der Riedlinger nickte.

"Ja, ich weiß", murmelte er in seinen Bart hinein. Dann reichte er dem Toni die Hand. "Auch wenn du ein Bachsteiner bist! Ich freue mich jedenfalls, dass du den Weg hier her gefunden hast!"

"Mei, das ist ein Wörtl!", erwiderte der Toni.

*

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EINIGE ZEIT GING INS Land. Es war viel zu tun auf dem Großmayer-Hof und darum sahen sich der Toni und die Franziska seltener als zuvor.

"Mei, schad ist es, dass du net mehr Zeit für mich hast!", sagte das Madl einmal seufzend. "Aber ich versteh dich schon! Und wir auf dem Riedlinger-Hof haben im Moment auch alle Hände voll zu tun und kaum einen freien Augenblick!"

Der Toni strich ihr dabei sanft über das lange Haar und meinte daraufhin: "Es wird ja net auf ewig so bleiben, Franziska!"

"Das ist mein einziger Trost!", erwiderte das Madl.

Doch dann, als die Franziska eines nachmittags zum Laden des Kleinhofers ins Dorf ging, hörte sie durch Zufall ein Gespräch mit.

Eigentlich war es nicht die Art der Riedlinger-Tochter zu lauschen, aber als sie hörte, dass es um sie und ihren geliebten Toni ging, da blieb sie wie angewurzelt stehen.

Durch die offene Tür hörte sie die Kleinhoferin, eine resolute , recht stämmig gebaute Person mit einer anderen Frau reden. Und das war niemand anderes als Anna, die Magd vom Großmayer-Hof.

"Na, das mit dem Bachsteiner-Toni und der Tochter vom Riedlinger, das kann nix werden...", behauptete die Anna im Brustton der Überzeugung.

"Und warum?", fragte die Kleinhoferin skeptisch zurück.

"Weil die Rosl vom Großmayer-Hof und der Toni ein Paar sind!"

"Was?", machte die Kleinhoferin. "Was macht dich denn da so sicher? Nur, weil die Großmayerin sich das wünscht? Deswegen muss es noch lange net in Erfüllung gehen!"

Die Anna sprach jetzt in gedämpftem Ton und Franziska hatte ihre liebe Mühe, alles mitzubekommen. Da musste sie schon ganz schön die Ohren spitzen.

"Mit eigenen Augen hab' ich doch gesehen, was vor sich geht!", behauptete die Anna mit bedeutungsschwerer Stimme. "Schließlich leben wir auf dem Großmayer-Hof ja alle mehr oder weniger unter einem Dach, da bekommt man schon mit, was so passiert..."

"Mei, was ist denn passiert!" Die Stimme der Kleinhoferin klang schon fast etwas ungeduldig.

"Allein auf der Kammer vom Toni hab ich die beiden gesehen! Und das mitten in der Nacht!"

"Aber wenn das der Wahrheit entspräche - warum hat er sich dann noch immer net mit seinem Vater ausgesöhnt?", erkundigte sich die Kleinhoferin.

"Mei, die Bachsteiner sind halt allesamt dickköpfig! Von denen will keiner auch nur einen Deut nachgeben! Daran liegt's - und an sonst gar nix!" Nach kurzer Pause rief die Anna dann plötzlich aus: "Mei, ist das spät geworden! Ich muss zurück zum Hof!"

Und damit stand sie auch schon in der Ladentür.

Als sie die Franziska erblickte, stutzte sie und blieb stehen. Dann musterte sie das Madl von oben bis unten, als ob es sich um einen Geist handeln würde.

"Ist das wirklich wahr, was du da gerad' zur Kleinhoferin gesagt hast?", fragte die Franziska ganz verzagt.

Sie hatte sehr mit sich ringen müssen, um das herauszubringen. Aber sie konnte einfach nicht anders. Dieser Sache musste auf den Grund gegangen werden, auch wenn sie sich dabei lächerlich machte. Das war der Franziska in diesem Moment völlig gleichgültig.

"Mei, wenn ich's doch gesehen hab!", erklärte die Anna schulterzuckend, nachdem sie sich von dem ersten Schrecken wieder ein wenig erholt hatte.

"Das muss gewiss ein Irrtum gewesen sein!", rief die Franziska fast beschwörend.

"Ich kann nur sagen, dass meine Augen gut sind und ich mir nix eingebildet hab!" Die Anna seufzte. In ihrem Gesicht erschienen jetzt weichere Züge, als sie fortfuhr: "Dann hat er dir also nix gesagt..."

Franziska schüttelte den Kopf. "Da hat er wohl net den Mut gehabt!", murmelte sie traurig.

"Ja, so sind sie halt, die Mannsbilder!", fiel die Magd vom Großmayer-Hof ein. "Obwohl man bisher gegen den Toni nix hat sagen können..." Sie zuckte die Achseln. "So kann man sich eben täuschen!"

Die Franziska hörte Annas Worten kaum zu. Zu viele Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum.

Konnte es denn wirklich wahr sein, dass der Toni ein doppeltes Spiel mit ihr trieb und sie hinterging?

Mei, vielleicht will er sich ja zwei Eisen im Feuer warmhalten!, ging es dem Madl bitter durch den Kopf.

Aber dann dachte sie, dass sie vielleicht zu schnell den Stab über ihn brach.

Vielleicht war alles wirklich ein Missverständnis und konnte rasch aufgeklärt werden, wenn man die Beteiligten zur Rede stellte!

Und die Anna mochte zwar gute Augen aber auch eine hervorragende Einbildungskraft haben! Vielleicht hatte sie ja wirklich etwas gesehen, sich dann aber etwas völlig falsches daraus zusammengereimt!

Das hoffte die Franziska zumindest.

Aber auf der anderen Seite nagte auch der Zweifel an ihr.

Ihre Treffen waren in letzter Zeit immer seltener gewesen.

Was, wenn es net nur an der vielen Arbeit auf dem Großmayer-Hof gelegen hat?, schoss es der Franziska durch den Kopf.

Die Anna wollte sich indessen auf den Weg machen.

"Warte!", rief ihr die Franziska hinterher, nachdem die Magd schon ein paar Schritte an dem jungen Dirndl vorbeigegangen war.

Die Anna drehte sich herum.

"Ich hab dir alles gesagt, was ich weiß!", erklärte sie.

"Mehr kann ich dir auch net sagen!"

"Schon recht, Anna! Ich möchte mit dir kommen!"

"Zum Großmayer-Hof?" Die Anna runzelte die Stirn. Es war ihr nicht recht, das konnte man ihrem Gesicht deutlich ansehen. "Mei, wenn du es unbedingt willst!", murmelte sie dann mit Widerwillen. "So komm schon! Ewig kann ich hier net herumstehen..."

Und bei sich dachte sie: Das wird sicher einen Heidenärger daheim auf dem Hof geben!

Warum hatte sie auch ausgerechnet der Riedlinger-Tochter über den Weg laufen müssen!

Doch nun war es zu spät, um sich darüber zu ärgern.

Und vielleicht war es gar nicht schlecht, wenn der junge Bachsteiner wegen seinem Doppelspiel zur Rede gestellt wurde...

*

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DER TONI HATTE ZUSAMMEN mit den beiden anderen Knechten des Großmayer-Hofs einen Zaun repariert. Jetzt waren sie zurück zum Hof gekommen. Die beiden Knechte waren schon in Richtung des Wohnhauses gegangen, denn ihnen knurrte der Magen und dort wartete die Großmayerin mit einer zünftigen Brotzeit auf sie.

Der Toni hingegen blieb beim Wasserzuber stehen, um sich die Hände zu waschen.

Dann hörte er plötzlich ein Geräusch, das aus dem Heustadl zu kommen schien. Etwas krachte und dann folgte ein kurzer, heller Aufschrei.

Da war offenbar etwas passiert!

Toni lief zum Stadl und öffnete die Tür. Jemand stöhnte leise auf und dann fiel der Blick des jungen Bachsteiners auf Rosl, die zusammengekrümmt im Heu lag.

"Was ist los?", fragte der Toni und eilte sogleich zu dem Madl hin.

"Mei, ich bin die Leiter hinuntergestürzt! Das Holz war wohl schon ziemlich morsch und da ist eine der Sprossen durchgebrochen!" Das Madl fasste sich an den Fuß. "Hier tut's weh, aber ich glaub' net, dass mir sonst noch was fehlt."

"Da hast aber Glück gehabt!", meinte der Toni.

Rosls Gesichtszüge entspannten sich ein klein wenig und die Ahnung eines Lächelns spielte um ihre Züge.

"Ich bin ja net allzu tief gefallen!", tat das Dirndl die Sache ab. „Und außerdem ist hier alles voller Heu, da fällt man net so hart!"

Rosl richtete sich halb auf.

"Warte, ich werd dir aufhelfen!", versprach der Toni und fasste sie bei den Armen. Doch es ging nicht. Die Rosl knickte mit ihrem verletzten Fuß wieder ein.

"Ich glaub, ich hab mir den Knöchel verstaucht!", meinte sie, während sich der Toni den Fuß eingehend ansah.

Von draußen hörten die beiden dann Schritte herannahen. Das Scheunentor knarrte, als es etwas weiter geöffnet wurde.

"Mei, so ist das also!", sagte eine dem Toni wohlbekannte Frauenstimme.

Der Großknecht vom Großmayer-Hof wirbelte herum und sah in das fassungslose Gesicht der Franziska Riedlinger.

"Franziska!", rief der Toni erstaunt, denn er hatte natürlich nicht im Traum damit gerechnet, das Dirndl in diesem Augenblick hier anzutreffen. Und dabei hielt er noch immer die Rosl umfasst.

"Nie und nimmer hätt' ich gedacht, dass es wirklich wahr sein könnte, was eure Anna so herumerzählt! Für ein Gerücht oder ein Missverständnis hab' ich's gehalten! Mei, war ich dumm!"

In den blauen Augen des Dirndls glitzerten Tränen, als sie sich umwandte und davonlief.

"Mei, Franziska, so warte doch!", rief der Toni ihr hinterher, aber das hörte sie schon gar nicht mehr. "Warte einen Moment!", sagte er zur Rosl, stand auf und lief aus dem Stadl heraus.

Die Franziska war indessen bereits im Laufschritt ein Stück davongelaufen, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her.

"Kruzifix nochmal, was hast denn mit dem Madl angestellt?", fragte die Anna, die etwas abseits stand und offenbar gespannt abwartete, was sich zutragen würde.

"Ich?", rief der Toni wütend. "Was hast du ihr denn erzählt, Anna? Irgend einen Floh musst du ihr ins Ohr gesetzt und sie damit ganz narrisch gemacht haben!"

Die Anna tat ganz unschuldig und zuckte nur mit den Schultern. "Mei, die Wahrheit hab' ich gesagt!", verteidigte sich die Magd dann schulterzuckend. "Was ich mit eigenen Augen gesehen hab' - net mehr und net weniger!"

"Pah! Was du dir eingebildet hast vielleicht!", schimpfte der Toni und rannte hinter der Franziska Riedlinger her.

Es dauerte ein bisschen, ehe er das Madl eingeholt hatte.

"Was willst denn noch von mir?", keuchte sie.

Der Toni war auch ganz außer Atem. "Franziska, so hör mich doch an!", brachte er schließlich heraus.

Sie sah ihn wütend an.

"Was gibt's denn da noch anzuhören!", rief sie aufgebracht, wobei ihr die Tränen über das feingeschnittene, hübsche Gesicht liefen. "Das war ja wohl deutlich genug, was ich da gerade gesehen habe! Und es passt genau mit dem zusammen, was die Anna mir erzählt hat, dass ihr - die Rosl und du - des nachts allein auf der Kammer wart... Und es passt auch dazu, dass wir uns immer seltener sehen!" Sie verzog das Gesicht. "Weil du angeblich soviel zu tun hast!"

Der Toni unternahm einen erneuten Anlauf.

"Mei, Franziska, so lass dir doch erklären, was..."

Doch die Franziska fuhr ihm sofort ins Wort.

"Geh, Toni, deine schwachen Ausreden kannst dir wirklich sparen! Die kannst du erzählen, wem du willst, aber net mir! Für dumm verkaufen lass ich mich nämlich net!"

Sie drehte sich herum und wollte auf und davon. Doch Tonis Stimme hielt sie zunächst zurück.

"Mei, wie soll es denn jetzt weitergehen mit uns, Franziska?", rief er ihr hinterher.

Das Dirndl blieb stehen und wandte sich noch einmal halb herum.

"Weitergehen?", fragte sie. "Es ist aus, Toni! Ich hab dir so vertraut, aber das heute, darüber komme ich einfach net hinweg!"

Damit ging sie dann davon und ließ den Toni wie jemanden stehen, der gerade einen kräftigen Schlag vor den Kopf bekommen hatte.

Das kann doch net wahr sein!, ging es dem Toni verzweifelt durch den Kopf.

Aber es war nun einmal passiert, auch wenn es dem jungen Bachsteiner vorkam, als wäre es ein schlechter Traum.

Als er dann zum Hof zurückkehrte stand die Anna noch immer da und starrte ihn an. Ein solche Szene ließ sie sich natürlich nicht entgehen und der Toni konnte sich an den Fingern einer einzigen Hand ausrechnen, dass die Sache bald Dorfgespräch sein würde.

"Ich hoffe, du wirst deinen Teil dazu beitragen, dass die Sache wieder ins rechte Licht gerückt wird!", knirschte der Toni zwischen den Zähnen hindurch.

Die Anna zuckte nur mit den Achseln.

"Mei, ich weiß net, was du willst, Bachsteiner! Ich bin völlig unschuldig an der ganzen Sach'!"

Der Toni machte eine wegwerfende Bewegung.

"Du wirst es dein Lebtag net mehr lernen, auch einmal den Mund zu halten, was?", schimpfte der junge Mann dann und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

Doch die Anna war eine, die das letzte Wort immer am liebsten für sich hatte.

So stemmte sie ihre kräftigen Arme in die Hüften und schimpfte lauthals: "Kruzifix nochmal! Man soll halt auch net versuchen auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen! Das kann nämlich net gutgehen!"

*

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AM NÄCHSTEN TAG BEENDETE der Bachsteiner-Toni seine Arbeit etwas früher als gewöhnlich und machte sich dann anschließend auf den Weg hinauf zum Riedlinger-Hof.

Vielleicht hatte sich das Madl inzwischen ja etwas beruhigt und ließ sich die Sache erklären...

Der Toni hoffte das jedenfalls sehr, denn ihm lag viel an der Franziska.

Mit der Rosl etwas anzufangen, das war ja nun wirklich etwas, woran er nicht im Traum gedacht hatte!

Mei, wenn bloß die Anna net gewesen wär'!, ging es ihm bitter durch den Kopf.

Aber er musste natürlich auch zugeben, die Franziska in letzter Zeit arg vernachlässigt zu haben - selbst wenn er dafür eine gute Entschuldigung gehabt hatte. Doch das Dirndl war nachdenklich geworden.

So ein Missverständnis musste sich jedoch aus dem Weg räumen lassen! Da war der Bachsteiner-Toni ganz zuversichtlich und so erreichte er auch recht frohgemut den Einsiedlerhof des Riedlingers.

Doch als er dort droben ankam, erlebte er eine unangenehme Überraschung.

Der Riedlinger kam durch die Stalltür und bedachte den Toni mit einem missmutigen Blick. Offenbar wusste er über alles Bescheid.

"Grüß dich, Riedlinger! Ist deine Tochter da?", begann der Toni schließlich, nachdem er sich ein Herz gefasst hatte.

Die Augen des Riedlingers wurden schmal.

"Sie will dich net sehen, die Franziska!", sagte er dann ruhig.

Verzweiflung stieg in dem jungen Mann auf.

"Mei, das ist alles nur ein Missverständnis, das ich gern ausräumen möchte!", sagte er und hob dabei die Schultern.

Der Riedlinger zog die buschigen Augenbrauen hoch und erwiderte dann zweifelnd: "Ein Missverständnis, so nennt man das also heute!" Er zuckte die Achseln. "Es tut mir leid, Toni, aber selbst wenn ich wollte, könnte ich dir net helfen! Die Franziska ist net hier!"

Der Toni ließ den Blick suchend umhergleiten. Es war ihm anzusehen, dass er dem Riedlinger nicht so recht glauben wollte.

"Du kannst dich ruhig umschauen, wenn du mit net glauben willst!", sagte dieser daher gelassen. "Die Franziska ist wirklich net hier."

"Aber du weißt, wo deine Tochter ist, Riedlinger!", stellte Toni fest.

Er trat näher an den den grauhaarigen Einsiedler heran und sah ihm direkt in die Augen.

Der Riedlinger erwiderte den Blick ruhig und sagte dann: "Ich habe keine Ahnung, wo die Franziska jetzt ist. Wahrscheinlich will sie etwas allein sein. Ich kann das gut verstehen..."

"Ich versteh' schon!", brummte der Toni. "Du willst es mir net sagen!"

Der Riedlinger schüttelte jedoch den Kopf.

"Nein, so ist es net!"

Innerlich kochte der Toni, aber er hütete sich davor, noch etwas zu erwidern.

Seine Hände hatten sich zwar zu Fäusten geballt, aber er konnte sich beherrschen. Vielleicht war es ja wirklich so, wie der Riedlinger gesagt hatte...

Wortlos wandte der junge Mann sich zum Gehen.

"Es tut mir leid, daß ich nix für dich tun kann, Toni!", hörte er in seinem Rücken die Stimme des Riedlingers sagen.

Der Bachsteiner-Toni drehte sich noch einmal halb herum.

"Ist schon gut", murmelte er, bevor er weiterging.

Der Toni hatte den Einsiedlerhof des Jakob Riedlinger hinter sich gelassen und setzte sich dann irgendwann auf einer knorrigen Baumwurzel nieder, um innehalten und nachdenken zu können.

Die Franziska war eine gute Klettererin, was sie wohl von ihrem Vater geerbt haben musste.

Es gab in den Bergen eine einsame Felsenkanzel, an der der Toni zusammen mit ihr gewesen war. Die Franziska hatte ihn dorthin geführt und ihm gesagt, dass sie oft dort hinauf kam.

Besonders, wenn sie Kummer hatte oder über etwas nachdenken musste.

Mei, vielleicht war sie da droben!, dachte der Toni daher.

Möglich wäre es jedenfalls... Der junge Mann wollte nichts unversucht lassen und machte sich unverdrossen an den Aufstieg. Bis zum Sonnenuntergang war es noch lang hin. Bis dahin konnte er die Franziska leicht finden, wenn sie sich an jenem Ort befand.

Der Toni kam schnell vorwärts.

Bald hatte er den Hochwald hinter sich gelassen und kam in die nackten Felsen hinein. Über schmale, manchmal recht glatte Stiege kam er höher.

Der Toni kannte sich recht gut hier oben aus. Als Junge war er oft in den Steilhängen herumgeklettert. Später hatte er dann nicht mehr Zeit genug gehabt, um damit ganze Tage verbringen zu können.

Nach einer Weile hatte der Toni dann die Felsenkanzel endlich erreicht. Von hier aus hatte man einen traumhaften Blick über die umliegende Bergwelt.

"Franziska!", rief der Toni und sah sich eingehend um. Aber das Dirndl war nicht hier oben. Da konnte er soviel rufen wie er wollte... "Franziska!", versuchte er es schließlich doch noch einmal, aber zur Antwort bekam der Bachsteiner-Toni nichts weiter als das Echo, das die Berge zu ihm zurückwarfen.

Er seufzte und zuckte mit den Schultern.

Einen Versuch war es jedenfalls wert!, sagte er sich. Denn er war fest entschlossen, die Sache mit der Franziska so rasch wie möglich wieder in Ordnung zu bringen. Schließlich liebte er das Madl heiß und innig und glaubte fest daran, dass sie zusammengehörten.

Und so ein dummes Missverständnis durfte sie doch nicht auseinanderbringen!

Der Toni blickte zum Himmel, der innerhalb der letzten Stunde fast unmerklich immer düsterer geworden war.

Zunächst war es dem jungen Bachsteiner gar nicht aufgefallen, da er mit Gedanken woanders gewesen war. Aber jetzt war es so deutlich geworden, dass er es nicht mehr übersehen konnte.

Das sieht nach einem Unwetter aus!, dachte er, als er die sich mehr und mehr auftürmenden Wolken sah. Der Bachsteiner-Toni war erfahren genug, um zu wissen, dass damit nicht zu spaßen war.

Für einen einsamen Bergwanderer konnte das recht gefährlich werden...

Wenn ich mich jetzt auf den Rückweg mache, dann kann ich es vielleicht noch schaffen, bevor es richtig losgeht!, ging es dem Toni durch den Kopf.

Und die Franziska? Wenn sie wirklich irgendwo noch hier oben war, dann hatte sie die Anzeichen des drohenden Wetterumschwungs sicher auch bemerkt und sich längst in Sicherheit gebracht.

Einen Moment noch zögerte der junge Mann, aber als er dann ein leichtes Grummeln über sich in den dunklen Wolken hörte, machte er sich endlich an den Abstieg.

Möglich, dass es nur ein leichtes Gewitter war, was sich da ankündigte.

Aber der Toni wusste, dass es besser war, das Schicksal nicht unnötig herauszufordern.

Als er den schmalen Stieg hinunterkam, der zu zu der Felsenkanzel führte, spürte der junge Mann bereits die ersten Tropfen vom Himmel kommen.

*

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DER HIMMEL WAR DÜSTER geworden und es hatte zu regnen angefangen, als auf dem Großmayer-Hof unverhoffter Besuch eintraf.

"Mei, was führt dich denn her, Bachsteiner?", fragte die Großmayerin verwundert, als sie dem Bauern vom Nachbarhof die Tür öffnete.

"Ein Wetter ist das!", stöhnte der Bachsteiner indessen und rettete sich schleunigst ins Trockene. "Da hat sich einiges zusammengebraut!"

Wie zur Bestätigung krachte es schauerlich und hinter den Bergen leuchtete es gespenstisch auf.

"Ich hoffe nur, dass es net wieder zu einem Erdrutsch kommt, so wie im letzten Jahr!", meinte die Großmayerin und warf einen besorgten Blick nach draußen.

Dann machte sie die Tür zu. Nachdem sie ihren Gast dann in die Stube geführt hatte, fragte sie: "Mei, was kann ich für dich tun, Bachsteiner? Du wirst den Weg sicher net umsonst gemacht haben!"

"Wegen dem Toni bin ich hier!", brachte der Bachsteiner ungeduldig heraus. "Wirst sicher schon davon gehört haben, dass wir uns zerstritten haben..."

"Mei...", druckste die Großmayerin verlegen herum.

"Kannst es ruhig zugeben!", erwiderte der Bachsteiner. "Das ganze Tal spricht schließlich davon!"

Die Großmayerin hob bedauernd die Schultern.

"Tut mir leid, Bachsteiner! Aber der Toni ist noch net zurück, soweit ich weiß."

Der Bachsteiner runzelte die Stirn. "Mei, er ist doch net noch am arbeiten... Bei dem Wetter!"

Die Großmayerin schüttelte energisch den Kopf.

"Geh, Bachsteiner! Wo denkst du hin! Glaubst du, ich bin eine Menschenschinderin?"

Der Bauer kam nicht mehr dazu, darauf etwas zu erwidern, denn in diesem Moment war Anna, die Magd in die Stube getreten. Sie hatte aus der Küche alles mit angehört.

"Grüß dich, Bachsteiner!", sagte sie. "Ich kann mur schon denken, wohin es deinen Buben gezogen hat!"

"So?", horchte der Bauer auf.

"Hinauf zum Riedlinger-Hof! Wohin sonst!", war die Antwort der Anna. "Ich hab's ihn zum Ferdl sagen hören!" Und dann erzählte sie dem Bachsteiner, was sich am Tag zuvor abgespielt hatte. "Dein Bub scheint ganz narrisch wegen diesem Madl zu sein!", schloss die Anna ihren Bericht ab. "Mei, das hätte ich net erwartet."

"Aber er kommt doch heut' Abend noch wieder hier her, net wahr?", vergewisserte sich der Bachsteiner.

"Natürlich! Wahrscheinlich wird er sich auf den Rückweg machen, sobald das schlimme Wetter ein bisserl nachgelassen hat!"

Der Bachsteiner atmete hörbar auf. "Gut", sagte er. "Dann werde ich hier auf ihn warten."

"Willst dich mit ihm aussprechen?", erkundigte sich die Großmayerin.

Der Bauer nickte. "Ja, ich hab meiner Frau in die Hand versprechen müssen, wieder Frieden mit ihm zu schließen, obwohl ich eigentlich net der Auffassung bin, dass er das verdient hätte!"

*

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BLITZE ZUCKTEN GRELL über den Himmel und der Donner krachte laut. Der Regen prasselte jetzt in Strömen hernieder und die Hänge wurden glitschig.

Es hatte nicht lange gedauert, bis der Bachsteiner-Toni bis auf die Haut durchnässt war.

Für eine Weile suchte er dann unter einem Felsvorsprung Schutz. Er stand auf einem schmalen Stieg und drückte sich so nahe wie möglich an die nasse Felswand heran.

Aber als der Regen schließlich einen Teil des schmalen Stiegs wegbrechen und in die Tiefe stürzen ließ, machte er sich wieder auf den Weg.

Mei, in einen schönen Schlamassel bin ich da geraten!, ging es ihm durch den Kopf, während seine Hände an den glitschigen Felsen Halt suchten.

Er musste sehr vorsichtig sein, das war dem Bachsteiner-Toni wohl klar.

Schon so mancher hatte sich hier zu Tode gestürzt oder durch einen Erdrutsch ein tiefes Grab bekommen. Wenn der Berg in Bewegung geriet, dann gab es nichts, was der Mensch ihm entgegenzusetzen hatte...

Dann geschah es!

Toni glitt aus. Der Grund, auf dem stand, brach einfach unter ihm weg. Mit den Händen versuchte er Halt zu finden, aber das war schier unmöglich auf dem nassen Gestein. Er rutschte in die Tiefe. Verzweifelt versuchte er sich irgendwo festzuhalten und riss dabei einen der wenigen Sträucher aus dem Boden, die hier oben noch gedeihen konnten. Schließlich kam er hart auf einen Felsvorsprung. Kurz vor dem Abgrund fand er Halt.

Er blickte hinab.

Den Toni fröstelte, als er in die Tiefe blickte.

Mei, da hab ich aber Glück gehabt!, schoss es ihm durch den Kopf. Es war alles so schnell gegangen, dass er erst nach und nach so recht begreifen konnte, was geschehen war.

Ihm schwindelte und er spürte einen furchtbaren Schmerz.

Es war sein Bein.

Der Bachsteiner-Toni richtete sich halb auf und betastete es vorsichtig. Er versuchte aufzutreten, aber schon im ersten Moment merkte er, dass es nicht gehen würde.

Mei das sieht bös' aus!, dachte er unwillkürlich. Vielleicht sogar gebrochen... Ein furchtbarer Schmerz erfasste ihn.

Der Regen prasselte ihm ins Gesicht. Toni blickte den steilen Hang hinauf, den er hinabgerutscht war.

Selbst in gesundem Zustand wäre es schwierig gewesen, dort hinaufzugelangen. Jetzt, mit dem verletzten Bein war es schier unmöglich.

Der Toni war gefangen auf einem kleinen Vorsprung. Und er konnte nur hoffen, dass keine Geröllawine ihn mit herunterreißen und unter sich begraben würde...

Die Blitze zuckten noch immer. Der Donner folgte sofort danach und hallte mehrfach in den Bergen wieder.

Das Gewitter war jetzt ganz nah...

Mei, es wird mir wohl nix anderes übrigbleiben, als hier auszuharren!, wurde es dem jungen Mann klar. Niemand wusste, wohin er gegangen war. Und bei diesem Wetter würde sich auch kaum jemand auf die Suche machen wollen...

Etwas krachte!

Aber diesmal war kein Donnerschlag, sondern, ein Felsbrocken, der mit einem Schwall von Geröll den Hang hinunter stürzte.

Um Haaresbreite ging der Brocken an Toni vorbei und fiel hinab in die Tiefe. Es dauerte etwas, bis der Aufschlag zu hören war...

*

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JAKOB RIEDLINGER HATTE schon eine ganze Weile ungeduldig am Fenster gestanden und zugesehen, wie das Unwetter herangezogen und sich dann über den Bergen entladen hatte. Der Regen klatschte gegen die Scheibe und es war so finster geworden, dass man kaum etwas erkennen konnte.

Dann ging plötzlich die Tür auf.

"Franziska!", rief der Riedlinger erleichtert, als er seine Tochter eintreten sah. Er machte schnell hinter ihr die Tür zu. "Mei, bin ich froh, dass du zurück bist!", sagte er. "Ich hab' schon gedacht, dass du vielleicht bei diesem Wetter hinauf in die Berge gegangen bist! Du weißt, wenn du Kummer hattest, hast du das früher oft getan..."

Das Madl nickte.

Es hatte sich ein Handtuch genommen, um sich damit das völlig durchnässte Haar abzutrocknen.

"Zuerst hatte ich das auch vor, Vater!", gestand die Franziska dann ein. "Aber stattdessen bin ich dann zur Maria gegangen, der Tochter vom Sägemüller. Sie war mir immer eine gute Freundin und ich dachte, dass es mir gut täte, wenn ich mich mit jemandem aussprechen könnt'." Sie zuckte die Achseln. "Und auf dem Rückweg hat mich dann das Unwetter überrascht..."

Ohrenbetäubender Donner krachte in diesem Moment und ließ das Dirndl unwillkürlich zusammenzucken.

"Es kommt direkt über uns hinweg!", stellte der Riedlinger fest. "Übrigens war der junge Bachsteiner heut' hier! Scheinst ihm ja ganz gehörig eingeheizt zu haben! Aber das war ja auch wohl nötig! Mei, das konntest du ihm auch einfach net durchgehen lassen."

"Was hat er denn gesagt, der Toni?", erkundigte sich das Madl aufgeregt.

"Er meinte, es sei alles nur ein Missverständnis! Ziemlich aufgeregt war er und wollte unbedingt wissen, wo du bist!", berichtete der Riedlinger.

Franziska seufzte.

"Ja, und aller Wahrscheinlichkeit nach stimmt das sogar!", sagte sie dann niedergeschlagen.

Der Riedlinger runzelte die Stirn und stutzte. "Was?

Gestern warst dir doch noch so sicher! Schließlich hast du doch mit deinen eigenen Augen gesehen, dass..."

"Nix hab ich gesehen!", rief das Madl.

Jetzt verstand der Riedlinger gar nichts mehr.

"Mei, das musst mir schon näher erklären, Franziska!"

"Die Maria hat mir gesagt, dass das mit dem Toni und der Rosl gar net sein kann, weil die Großmayer-Rosl nämlich Marias Bruder, dem Reinold, zugetan ist!"

Der Riedlinger hob die Augenbrauen. "Und jetzt ist deine ganze Wut auf einmal verraucht?", meinte er dann und zuckte die Achseln.

"Ich hoffe, der Toni ist net hinauf in die Berge gegangen, um mich zu suchen...", murmelte die Franziska.

"Mei, warum sollte er das tun?"

Das Madl sah den Riedlinger aufgeregt an.

"Vater, du kennst doch die Felsenkanzel hinter dem Teufelsgrat!"

"Freilich kenne ich die! Ich war schließlich einmal ein Bergführer!" Bei den letzten Worten war die Stimme des Riedlingers düster geworden. Seine buschigen Augenbrauen zogen sich etwas zusammen, als er seine Tochter dann fragte: "Was hat es mit dieser Felsenkanzel auf sich?"

"Der Toni weiß, dass ich oft dort gewesen bin, wenn ich einmal allein sein wollte oder Kummer hatte! Wenn er mich hier net angetroffen hat, dann ist er sicher dort hinaufgestiegen!"

Jakob Riedlinger zuckte die Achseln.

"Das wäre möglich!", gab er dann zu. "Schließlich war das Wetter da ja noch gut! Wer konnte schon ahnen, dass es so schlimm werden würde..."

"Der Toni ist in Gefahr, wenn er jetzt dort droben ist!", rief die Franziska.

"Er wird sicher rechtzeitig zurückgekehrt sein!", versuchte Jakob Riedlinger seine Tochter zu beruhigen.

Er nahm die Franziska in den Arm.

"Und wenn net, Vater?", fragte sie.

"Mei, du machst dir sicher ganz umsonst Sorgen!", erwiderte der Riedlinger, während sein Blick hinaus durch das Fenster ging.

Der Regen schien indessen nicht mehr ganz so heftig zu sein. Aber das brauchte nichts zu bedeuten. Wahrscheinlich war das Zentrum des Unwetters nur ein bisschen weitergezogen.

*

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EINIGE STUNDEN WAREN vergangen. Inzwischen hatte sich tiefe Dunkelheit über die Bergwelt gesenkt und das schlimme Wetter schien endlich etwas nachgelassen zu haben.

Der Riedlinger stand stumm am Fenster und blickte hinaus, während die Franziska am Tisch saß und vor sich hin grübelte.

"Mei, ich hoffe wirklich nur, dass der Toni net da draußen ist", sagte sie dann irgendwann in die Stille hinein. Eine ganze Weile lang hatten sie gar nicht gesprochen.

"Machst dir immer noch Gedanken, Madl?", fragte der Riedlinger.

Die Franziska seufzte.

"Ja, freilich! Und wenn er wirklich da draußen ist, dann bin ja auch gewissermaßen mitschuldig..."

"Schmarrn!", schimpfte der Riedlinger. "Der Toni ist ja kein Kind!" Und dann zogen sich plötzlich seine Augenbrauen zusammen. "Da draußen ist jemand!", stellte er dann fest, während die Franziska aufsprang.

"Wer, Vater?"

Der Riedlinger gab keine Antwort, sondern ging zur Tür, um sie zu öffnen.

Ein Mann blieb in einiger Entfernung stehen. Das Licht, das aus dem Haus nach draußen schien, fiel in sein Gesicht.

"Bachsteiner!", flüsterte der Riedlinger und seine Stimme klang fast eisig dabei.

Die Franziska, die hinzugeeilt war, erschrak ein wenig, denn so hatte sie ihren Vater noch nie gehört.

Der Riedlinger schluckte und atmete dann erst einmal tief durch, so als müsste er sich Luft machen.

"Was ist?", fragte die Franziska ungeduldig. "Willst den Bachsteiner net hereinbitten? Er ist doch ganz durchnässt! Mei, Vater, was ist denn los?"

Endlich löste sich die Starre, in der der Riedlinger gefangen war.

"Komm 'rein, Bachsteiner!", rief er.

"Grüß dich, Riedlinger! Ich will dir net zur Last fallen, und ich bin auch nur wegen dem Toni hier..."

Loisl Bachsteiner trat ein und der Riedlinger schloss die Tür hinter ihm.

"Dein Sohn ist net hier!", sagte der ehemalige Bergführer dann ruhig. "Er wird sicher längst daheim sein - wo immer das jetzt auch sein mag! Bei dir oder auf dem Großmayer-Hof!"

Doch der Bachsteiner schüttelte energisch den Kopf. "Auf dem Großmayer-Hof ist er net, Riedlinger!", erklärte er. "Und bei uns auf dem Bachsteiner-Hof, da würde er sich im Augenblick wohl kaum blicken lassen."

"Was?", mischte sich die Franziska ein. "Er ist net zum Großmayer-Hof zurückgekehrt.“

Der Bachsteiner drehte sich zu dem Madl herum, musterte es einen Augenblick lang und schüttelte dann den Kopf.

"Na", sagte er dann leise. "Ich komme gerade von dort, weil ich mich mit ihm hab aussprechen wollen... Auf dem Großmayer-Hof meinte man, dass er unterwegs hier her gewesen sei!"

"Mei, dann ist es gewiss!", rief die Franziska.

Der Bachsteiner runzelte die Stirn.

"Ich verstehe nix! Wovon sprichst du, Madl?", fragte er und hob dabei die Schultern.

Der Bachsteiner sah erst die Franziska und dann ihren Vater an, der leicht nickte.

"Da droben ist er, unterwegs zur Felsenkanzel!", war die Franziska nach wie vor überzeugt. "Und vielleicht ist er sogar in Bergnot geraten!" Sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und schluchzte. "Mei, net auszudenken, wenn es einen Erdrutsch gegeben hat..."

"Kruzifix nochmal, man muss ja net immer gleich mit dem Schlimmsten rechnen!", meinte der Riedlinger, der ganz einsilbig geworden war.

"Der Toni wäre längst zurückgekehrt, wenn nix passiert wär'!", erwiderte die Franziska. "Und wenn du ihn net suchen willst, Vater, dann werd ich es allein tun!"

Nun war es also heraus!

Vater und Tochter wechselten einen langen Blick miteinander, dann nickte der Riedlinger schließlich.

"Bevor ich das zulass', werd' ich mich auf den Weg machen!", erklärte er.

"Und ich werd auch dabei sein!", beharrte die Franziska eindringlich. Ihre schlanken Arme stemmte sie dabei energisch in die Hüften. "Wenn dem Toni wirklich etwas passiert ist, dann kannst du jeden Arm gebrauchen, der dir hilft!"

Der Riedlinger schien kurz zu überlegen und dann zu dem Schluss zu kommen, dass es ohnehin nicht viel Zweck haben würde, seiner Tochter das ausreden zu wollen.

"Gut", sagte er daher und wandte sich anschließend an den Bachsteiner. "Was ist?", fragte er. "Willst nach langer Zeit einmal wieder mit mir auf die Suche nach einem Verschollenen gehen, Bachsteiner-Loisl?"

Der Bachsteiner sah dem Riedlinger in die blauen Augen und seine Gedanken gingen dabei viele Jahre zurück.

Er dachte an jene Nacht, in der sie seinen Bruder gesucht und später nur noch tot gefunden hatten...

Damals hatte ein noch weitaus schlimmeres Unwetter in den Bergen gewütet.

Das Gesicht des Bachsteiners verfinsterte sich zusehends.

Schließlich sagte er zum Riedlinger: "Ich hoffe, dass wir diesmal erfolgreicher sein werden, als damals!"

*

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"DAS WETTER SCHEINT es gut mit uns zu meinen!", sagte die Franziska, nachdem sie schon eine ganze Weile schweigend gegangen waren. "Der Regen scheint nachzulasssen!"

"Täusch dich nur net!" meinte dagegen der Riedlinger. "Es kann durchaus sein, dass das Unwetter noch einmal zurückkommt!"

Der Riedlinger legte ein ziemlich schnelles Tempo vor und die beiden anderen mussten sehen, dass sie hinterherkamen.

Eine traumwandlerische Sicherheit scheint er ja zu haben!, dachte Loisl Bachsteiner, während er hinter dem ehemaligen Bergführer hertrottete. Der Riedlinger schien den Weg auch bei tiefer Dunkelheit ohne Schwierigkeiten finden zu können...

In den Wolken war noch ein fernes Grummeln zu hören, und weit weg, hinter den Gipfel leuchteten auch hin und wieder noch Blitze. Doch das Schlimmste schien jetzt überstanden zu sein.

Geradezu furchtbar hatte der Sturm gewütet.

Im Hochwald waren ganze Bäume entwurzelt und niedergestreckt worden. Doch erst sobald es Tag wurde, würde das gesamte Ausmaß der Zerstörungen sichtbar werden.

"Ich hoffe, du hast in all den Jahren dein Handwerk net verlernt, Bergführer!", meinte der Bachsteiner, als sie den Hochwald hinter sich ließen und die ersten Steilhänge vor sich hatten.

Der Riedlinger hob die Lampe, die er in der Rechten trug und wandte halb den Kopf.

"Mei, der Berg ist ja schließlich derselbe geblieben!", erwiderte er dann gallig.

"Geh, Vater!", tadelte ihn seine Tochter. Schließlich waren sie nicht wegen der schlimmen Vergangenheit hier oben, sondern wegen dem Toni.

Der Riedlinger nickte leicht.

"Ist schon recht, Madl", brummte er.

Inzwischen hatte der Regen so gut wie ganz aufgehört und die Wolkendecke war ein Stück aufgerissen. Fahles Mondlicht leuchtete herab und ein kühler Wind wehte über die zerklüfteten Hänge.

Sie machten sich an den Aufstieg und auch dabei stellte sich heraus, wie gut der Riedlinger den Berg kannte. Doch auch seine Tochter und der Bachsteiner waren behände Kletterer, die mit dem ehemaligen Bergführer gut mithalten konnten.

Auf schmalen Stiegen ging es immer weiter hinauf.

"Mei, am Ende verfehlen wir den Toni!", meinte der Bachsteiner.

Aber die Riedlinger schüttelte den Kopf. "Viele Wege gibt es net zur Felsenkanzel. Und dies ist der einzige, den man wirklich als Weg bezeichnen kann..."

Loisl Bachsteiner runzelte die Stirn.

"Und was ist mit den anderen?", fragte er.

"Es gibt noch einen anderen Weg zur Felsenkanzel", erläuterte der Riedlinger ruhig. "Es ist ein Umweg und vor allem ist er nix für Anfänger... Wollen wir also hoffen, dass der Weg, den wir gerade gehen, passierbar geblieben ist. Sonst wird es schwierig."

Sie kamen über einen schmalen Grat. Der Boden war rutschig und immer wieder rieselten Geröllbrocken hinab in die Tiefe.

Da rutschte der Bachsteiner plötzlich aus und nahm einen Schwall von Gestein und Geröll mit sich.

Doch zum Glück konnte der Bauer im letzten Moment Halt finden, so dass er nicht den Hang hinunterrutschte. Seine Hände krallten sich fest und er versuchte verzweifelt, sich aus eigener Kraft wieder hinaufzuziehen.

Der Riedlinger kam sofort herbei, kniete sich nieder und packte den Bachsteiner dann am Arm.

Ein paar kräftige Bewegungen und der Gestrauchelte war in Sicherheit.

Loisl Bachsteiner sah den Riedlinger an und keuchte.

"Mei, das war knapp!", stellte er fest.

Der Riedlinger nickte. "Ja, es ist net ungefährlich hier!", brummte er in seinen grauen Bart hinein, während das Mondlicht sein Gesicht erhellte.

Der Bachsteiner reichte dem Riedlinger die Hand. Etwas zögernd, aber er tat es.

"Ich danke dir, Riedlinger, für dein schnelles Zupacken!", sagte der Bauer dann etwas verlegen dazu. "Kruzifix, sonst wär's wohl net gut ausgegangen, was?"

*

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IMMER STEILER GING es hinauf. Und dann war irgendwann plötzlich Schluss. Der schmale Stieg, auf dem sie sich an der schroff aufragenden Felswand entlangearbeitet hatten, war auf einmal zu Ende.

"Mei, ein Erdrutsch", murmelte der Riedlinger düster.

"Dort unten war ein Vorsprung, aber der ist auch mit hinabgerissen worden..." Der ehemalige Bergführer seufzte.

"Hier können wir jedenfalls net weiter."

"Und was dann?", fragte der Bachsteiner. "Umkehren?"

Jakob Riedlinger wollte etwas erwidern, aber die helle Stimme seiner Tochter kam ihm zuvor.

"Jesses Maria!", rief sie voller Entsetzen aus und die beiden Männer drehten sich zu ihr herum.

Das Madl hielt in der einen Hand ihre Lampe, in der anderen etwas anderes.

"Mei, was hast du da?", fragte der Riedlinger.

Die Franziska reichte es ihrem Vater. Es war ein Stück Stoff. Der Riedlinger nahm es und hielt es ins Licht seiner Lampe.

"Mei, sieht aus, als wäre da Blut dran!", stellte er dann schließlich fest.

"Der Toni hatte ein Hemd aus diesem Stoff!", schluchzte die Franziska. "Er muss hier hinuntergestürzt sein... Ich darf gar net daran denken, dass er jetzt vielleicht da unten unter einer Lawine aus Geröll begraben liegt... Da wird jede Hilfe zu spät kommen!"

Der Riedlinger nahm seine Tochter in den Arm und strich ihr sanft über das Haar.

"Mei, ich kann's einfach net glauben, Vater!", schluchzte sie. "Hätte ich doch nur net so ein unnötiges Theater wegen der Großmayer-Rosl gemacht! Dann wäre das alles net passiert!" Sie schluckte. "Du kannst dir net vorstellen, wie mir zumute ist!"

"Doch, Franziska, das kann ich nur zu gut", erwiderte der Riedlinger düster.

Und die Franziska verstand natürlich sofort. Schließlich hatte der Riedlinger ja seine Frau früh verloren.

Die Franziska nickte nur.

Sie konnte nichts mehr sagen.

Der Loisl Bachsteiner stand indessen wie versteinert da und ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

"Mei, der Toni wird net der einzige Mann im Tal sein, der ein Hemd aus diesem Stoff hat!", versuchte der Riedlinger indessen, seiner Tochter noch etwas Mut zu machen, obwohl er wusste, dass sie mit ihrer schlimmen Vermutung wahrscheinlich recht hatte. "Vielleicht ist er in einem dornigen Busch hängengeblieben oder..."

"Ach, Vater!", sagte sie kopfschüttelnd.

"Still!", fuhr ihr der Riedlinger dann plötzlich über den Mund und lauschte in die Nacht hinein.

"Was ist los?", fragte der Bachsteiner schließlich.

"Ich hab gedacht, dass da eine Stimme zu hören war... Ganz leise nur, aber..." Dann schüttelte der Riedlinger den Kopf.

"Mei, es kann auch nur der Wind gewesen sein!"

"Dann dürfen wir net aufgeben!", forderte die Franziska. "Wenn auch nur die geringste Hoffnung besteht, dass der Toni noch lebt, dann müssen wir ihn suchen!"

Der Riedlinger deutete hinab in den finsteren Abgrund.

"Wenn er dort hinuntergestürzt ist, dann kann es net sein, dass er noch lebt. Aber vielleicht hatte er es noch bis zur Felsenkanzel geschafft und konnte dann net mehr zurück, weil der Erdrutsch den Weg mit hinabgerissen hat, auf dem er gekommen ist! Ich werde dort nachsehen!"

"Auf dem schwierigeren Weg, von dem du gesprochen hast, Riedlinger?", mischte sich der Bachsteiner ein.

"Ja", nickte der Riedlinger. Er wandte sich an die Franziska und sagte schließlich sehr bestimmt: "Wir werden ein Stück zurückgehen und und uns dann trennen."

"Ich werde mitgehen!" Der Bachsteiner, doch der Riedlinger schüttelte energisch den Kopf.

"Nein", sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. "Es genügt, wenn sich einer in Gefahr begibt! Außerdem muss man sehr erfahren sein, um den zweiten Weg zur Felsenkanzel nehmen zu können!"

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NUR WIDERSTREBEND LIEßEN die Franziska und der Bachsteiner-Loisl den Riedlinger sich allein auf den Weg machen. Aber schließlich mussten die beiden sich doch den Argumenten des ehemaligen Bergführers ergeben.

Die Chance, den Bachsteiner-Toni noch lebend zu finden, waren mehr als gering, dass wusste auch der Riedlinger. Aber er wollte nichts unversucht lassen. Schon um seiner Tochter willen, die so sehr an dem jungen Mann hing. Aber nicht nur deshalb.

Da war auch noch ein zweiter Grund. Einer, der mit der unseligen Vergangenheit zu tun hatte.

Jakob Riedlinger hatte sich einmal nachsagen lassen müssen, bei dem Versuch, einen Bachsteiner zu retten, nicht genug gewagt und das Risiko gescheut zu haben.

Und wenn diese Vorwürfe auch unberechtigt waren - dasselbe wollte er sich nicht noch einmal vorhalten lassen!

Der Umweg, den der Riedlinger machen musste, war beträchtlich. Aber das war nicht das Schlimmste.

Das größte Hindernis war eine Steilwand, die er emporzuklimmen hatte. Der Riedlinger hatte so etwas schon lange nicht mehr gemacht.

Schließlich war er ja auch nicht mehr der jüngste.

Doch er legte sich nach Kräften ins Zeug. Seine geschickten, kräftigen Hände suchten Halt und fanden ihn auch immer wieder. Bald schon spürte er, wie ein Großteil der alten, traumwandlerischen Sicherheit zurückkehrte, die ihn früher immer ausgezeichnet hatte.

Als er schließlich nach vielen Mühen die Felsenkanzel erreichte, ließ er suchend den Blick kreisen und schwenkte seine Lampe.

"Mei, ist da jemand?", rief er.

Aber er bekam keinerlei Antwort. Außerdem verschluckte der heftiger werdende Wind seinen Ruf zum größten Teil.

Hier war der Toni nicht, dass hatte der Riedlinger schnell überprüft. Und so ging der ehemalige Bergführer dann den schmalen Stieg entlang, der zu jener Stelle hinführte, an der die Geröllawine alles mit in die Tiefe gerissen hatte.

Und dort fand er ihn dann schließlich.

Er lag reglos auf dem Boden.

Mei!, ging es dem Riedlinger durch den Kopf. Hoffentlich komme ich nur net zu spät!

Er beugte sich über den am Boden liegenden.

"Toni!", rief er

Der junge Mann bewegte sich und hob den Kopf.

"Mei, Riedlinger! Du bist hier?", entfuhr es dem Bachsteiner-Toni erstaunt.

"Meine Tochter hat sich Sorgen um dich gemacht...", sagte der Riedlinger. "Sie hat gleich vermutet, dass du hier oben stecken könntest! Und recht hat sie gehabt! Was ist geschehen? Bist verletzt?"

Toni stöhnte kurz auf.

"Mein Bein...!"

Der Riedlinger untersuchte es kurz. "Es sieht recht bös' aus und wir haben einen schweren Weg vor uns... Genaueres kann natürlich nur ein Arzt sagen. Ich werde tun, was ich kann, aber viel wird das net sein..." Er deutete in die Richtung, wo die die Gerölllawine niedergegangen war und meinte:

"Dort kommen wir net durch, wie du sicher auch gemerkt hast!"

Der Toni nickte.

"Mei der Berg ist ganz schön in Bewegung geraten!" Und dann erzählte er dem Riedlinger von seinem Sturz.

"Jesses, ist das net genau dort, wo die Gerölllawine hinuntergegangen ist?", runzelte dieser die Stirn.

"Ganz genau dort! Der Vorsprung, auf dem ich Halt gefunden hatte, der ist nun net mehr! Einfach weggebrochen, als wär' es nix!"

Nun war der Bachsteiner völlig perplex. "Mei, wie kommt es dann, dass du jetzt noch unter den Lebenden weilst? Das kann doch net mit rechten Dingen zugehen!"

"Ich hab auf dem Vorsprung net ausgeharrt", erklärte der Toni. "Als ich gemerkt hab, dass immer öfter Gestein hinuntergerutscht ist, bin ich hinaufgeklettert und hab mich hier her in Sicherheit gebracht... Wenig später ist es dann geschehen..."

Der Riedlinger pfiff an anerkennend durch die Zähne. "Da hat der Herrgott aber ein Auge auf dich gehabt, Toni!"

"Das kann man wohl laut sagen!", erwiderte der junge Bachsteiner.

Der Riedlinger deutete indessen auf das verletzte Bein und meinte dann anerkennend: "Und mit so einem schlimmen Bein hier hinauf zu kommen, das schafft auch net jeder!"

"Noch einmal möcht' ich das auch net machen müssen", meinte der Toni, während sich der Riedlinger um seine Wunde kümmerte.

Der ehemalige Bergführer hatte in seiner Tasche Verbandszeug dabei.

"Das Schlimmste habe ich jetzt wohl hinter mich gebracht!", war der Bachsteiner-Toni zuversichtlich.

Doch der Riedlinger war da ganz anderer Ansicht.

"Der Weg, den wir jetzt vor uns haben wird bestimmt net leichter, als das, was du schon hinter dir hast!", versprach er düster.

Der Riedlinger fasste dem jungen Mann unter die Arme. "Stütz dich auf mich!", meinte er. "Dann wird es vielleicht gehen!"

Der Toni versuchte es und mit Hilfe des Riedlingers stand er wenige Augenblicke später auf einem Bein.

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ES DAUERTE EINE HALBE Ewigkeit, ehe der Riedlinger und der Bachsteiner-Toni es geschafft hatten.

Die Steilwand überwanden sie durch ein Seil, das der Riedlinger auf Bergtouren immer dabei hatte und an dem er den Verletzten hinunterließ.

Als sie dann mit der Franziska und dem alten Bachsteiner zusammentrafen, war die Freude allerseits groß. Das Madl fiel dem jungen Mann überglücklich um den Hals.

"Mei, bin ich froh, dass das noch ein gutes Ende genommen hat!", rief sie aus.

Und er sagte: "Und ich bin froh, dass du mir offensichtlich wieder gut bist, Madl! Als du in deiner Wut den Großmayer-Hof verlassen hast, da habe ich gedacht..."

Doch die Franziska verschloss dem Toni mit ihrem Zeigefinger den Mund. "Davon wollen wir jetzt net reden!", meinte sie dann in sanftem, aber bestimmten Tonfall.

"Es war ein dummes Missverständnis", erwiderte er.

"Ich weiß", nickte die Franziska. "Und ich hätte dir net so misstrauen sollen! Dann wärst gar net erst hier hinauf gekommen!"

Dann fiel der Blick vom Toni auf seinen Vater, der etwas abseits stand.

Jetzt kam der Bachsteiner herbei und reichte dem Toni die Hand.

"Mei, ich bin so froh, dass dir nix passiert ist, Toni!", sagte er. "Und unseren Streit, den sollten wir jetzt beilegen!" Er zuckte die breiten Schultern und fuhr dann fort: "Da haben wir wohl beide etwas arg heftig reagiert, meinst net auch, Toni?"

Zögernd nahm der Toni die Hand seines Vaters.

Dann sagte der junge Mann: "Aber die Sach' mit der Franziska..."

Doch der Bachsteiner fiel seinem Sohn sogleich ins Wort und schüttelte energisch den Kopf. "Ich hab nix mehr dagegen, wenn sie eines Tages mal Bäuerin auf dem Bachsteiner-Hof wird

- auch wenn sie eine Riedlinger ist!"

Der Toni sah der Franziska in die Augen. "Ich hab auch nix dagegen - vorausgesetzt, dass mich das Dirndl überhaupt noch will!"

"Geh, Toni!", rief die Franziska in gespielter Empörung. "Daran hat sich nix geändert!"

Jetzt meldete sich wieder der Riedlinger zu Wort. "Mei, wir sollten sehen, dass wir nach Hause kommen! Und mit deinem Bein musst du sicher noch ins Hospital!"

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DER TONI MUSSTE MIT seinem schlimmen Bein einige Zeit im Hospital verbringen, aber Franziskas Besuche machten, dass ihm die Zeit weniger lang vorkam.

Als er dann schließlich wieder auf den Beinen war, ging er als erstes zum Großmayer-Hof, um seine Sachen abzuholen. Die Großmayerin strafte ihn mit herablasssenden, ärgerlichen Blicken. Aus dem großen Hof, von dem sie immer geträumt hatte würde nun wohl endgültig nichts.

Trotzdem sagte sie, mit einem gezwungenem Lächeln um die Lippen: "Mei, das ist ja schön, dass du mit deinem Vater wieder ins Reine gekommen bist!"

Der Toni zog wieder auf dem heimatlichen Hof ein.

Es war eine zünftige Hochzeit, die bald darauf auf dem Bachsteiner-Hof gefeiert wurde. Das halbe Tal war gekommen, um dabei zu sein, wenn der Toni und die Franziska Mann und Frau wurden.

Natürlich auch deshalb, weil getanzt wurde und es reichlich Wein zu trinken gab.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass Jakob Riedlinger sich zu so einer Gelegenheit sehen ließ und einige schauten ihn deshalb auch recht ungläubig an.

Sie wussten mit dem grau gewordenen Einsiedler zunächst nicht so recht etwas anzufangen. Und so mancher hatte auch schlechtes Gewissen.

Aber als sie sahen, dass Loisl Bachsteiner und der Riedlinger aufeinander zugingen und sich offenbar nichts mehr nachtrugen, da brach auch bei den anderen langsam das Eis.

"Mei, bin ich froh, dass zwischen den Bachsteinern und den Riedlingern nun endlich wieder Frieden herrscht!", meinte der Pfarrer Sterninger, der das Brautpaar vor dem Altar gesegnet hatte. Natürlich war er auch bei der Feier dabei. Er nahm einen Schluck aus seinem Weinglas und fuhr dann fort: "Nur, zu schad', dass dein Vater das net mehr erleben konnte, Loisl!"

Der Bachsteiner-Bauer nickte.

"Ja, das ist wahr", meinte er nachdenklich. "Und beinahe hätte diese Sach' auch mich und meinen Sohn auseinandergebracht!" Für einen Moment war der Loisl Bachsteiner ein wenig in sich gekehrt.

"Aber es ist nie zu spät zur Umkehr", meinte der Sterninger. "Net wahr, Riedlinger?"

Der Riedlinger lächelte und machte eine wegwerfende Handbewegung. "Mei, deine Zeit zum Predigen hast heute schon in der Kirche gehabt! Das muss reichen! Jetzt sind wir hier, um Hochzeit zu halten!"

"Recht so!", stimmte der Bachsteiner ein und prostete dem Riedlinger freundlich zu.

Die anderen mussten herzhaft lachen.

Die Bachsteinerin sah indessen versonnen zu den Tanzenden hinüber, die sich zur Musik herumdrehten. Das Brautpaar war auch darunter.

"Mei, Loisl, sind sie net ein schönes Paar, die zwei?", flüsterte sie dem Bauern zu.

"Freilich!", nickte dieser.

"Ich glaube, die Franziska ist die richtige Frau für den Toni. Glaub mir, ich hab das so im Gefühl!"

Der Bachsteiner seufzte schwer. "Ich darf gar net daran denken, dass ich den Toni ihretwegen vom Hof gejagt hab!", sagte er dann, ohne dass es jemand mithören konnte.

Seine Frau lächelte. "Ende gut, alles gut. Hab ich net recht, Loisl?"

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Das verräterische Amulett

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Roman von Klaus Tiberius Schmidt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

In der Nacht fällt im Grenzwald ein Schuss. Als die späten Gäste der nahen Grenzschänke an der Stelle ankommen, liegt ein Sterbender im Moos, ein gesuchter Schmuggler. Und noch jemanden finden sie vor: Xaver Brunngresser. Der junge Zollbeamte gerät sofort in den Verdacht, hier eine private Rechnung beglichen zu haben – geht doch das Gerücht, dass beide Männer, der Zöllner und der Schmuggler, dasselbe Mädchen lieben.

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Ohne Hast nahm Xaver Brunngresser das Fernglas von den Augen. Am Hang oberhalb der Nebelklamm war alles ruhig. Keine Menschenseele konnte er ausmachen. Er war allein in dieser majestätischen Bergwelt.

Es war ein friedliches Stück Erde, das noch nicht von Menschenhand verschandelt worden war. Hier ließ es sich frei atmen und ohne Hektik leben. Das Rauschen des Windes in den Wipfeln der uralten Fichten unterstrich noch die friedvolle Atmosphäre.

Xaver aber war alles andere als ruhig. Er hatte kein Auge für die Natur und ihre jungfräuliche Schönheit. Eine innere Stimme sagte ihm, dass ihm heute vielleicht das Glück hold war.

Wie schon so oft an diesem späten Nachmittag griff er wieder zum Fernglas und suchte die Felsen neben der Klamm ab. Weiß wirbelten die Wasserschleier des Wildbachs aus der Tiefe der Schlucht empor. Sonst aber konnte Xaver nichts entdecken.

Dort drüben verlief die Grenze. Es war schlecht begehbares Gebiet, doch Xaver ahnte, dass die Schmuggler, die in dieser Gegend seit Langem ihr Unwesen trieben, den Pfad über den Horler-Pass wühlten, um die Ware herüberzubringen. Beweise diesbezüglich aber fehlten ihm. Seine Gegner waren gerissen und kannten alle Schlichen.

Bisher war es den Zöllnern noch nicht gelungen, der Bande das Handwerk zu legen. Die Schmuggler waren schlau und schienen über hervorragende Informationen zu verfügen. Xaver Brunngresser hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihnen auf die Spur zu kommen. Wie schwer das war, wusste er nur zu gut. Immer wieder wurden die Männer vom Zollamt auf falsche Fährten gelockt und an der Nase herumgeführt.

Seit Generationen war das so gewesen. Man wusste, dass einige Männer aus dem Dorf Maria Kreuz, das verträumt im Tal lag, ihren kargen Lebensunterhalt mit Schmuggel aufbesserten. Diese Gegend war arm und von der Außenwelt wie abgeschnitten. Viele darbten, wenn der Boden nicht genug hergab.

So schlugen gewissermaßen zwei Herzen in Xavers Brust. Einerseits verstand er die Männer nur zu gut, andererseits musste er gegen sie vorgehen. Sein Beruf verlangte es von ihm.

Xaver seufzte. Die Unruhe in ihm wuchs. Fast schon körperlich spürte er, dass an diesem Tag noch etwas geschehen würde. Die Müdigkeit, die ihn zu übermannen drohte, wurde von einem Gedanken überlagert, der ihn für Augenblicke vergessen ließ, dass er seit mehr als zehn Stunden durch die Bergwelt streifte.

Sein Fernglas erfasste ein Haus unterhalb der Klamm. Es duckte sich zwischen Felsen auf einem Plateau, wo die winterlichen Lawinen keinen Schaden anrichten konnten.

Dort drüben, keinen Steinwurf von der Grenze entfernt, lag der Burgner-Gasthof, eine kleine Schänke, die, von Grenzgängern und Einheimischen besucht wurde. Sie gehörte dem Harro Burgner, einem etwas eigenartigen, wortkargen Einzelgänger. Er lebte mit seiner Adoptivtochter Zenzi seit Jahren dort oben. Im Dorf ließen sich die beiden selten sehen.

Xaver stellte das Okular schärfer, als er die Person erkannte, die aus dem flachen Gebäude trat und die Tische vor der Schänke abzuwischen begann. Es war Zenzi.

Selbst in dem schlechten Licht schimmerte ihr Haar rötlich-braun wie Kupfer. Weich flutete es an diesem Tag über ihre schmalen Schultern. Sonst trug sie es meistens hochgesteckt oder als Zopf geflochten.

Xavers Herz begann schneller zu schlagen. Er seufzte und könnte den Blick nicht von dem schönen Mädchen wenden.

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