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Heimat-Roman Quartett Oktober 2018: 4 Bergromane in einem Buch

Heimat-Roman Quartett Oktober 2018: 4 Bergromane in einem Buch

Alfred Bekker and G. S. Friebel

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Heimat-Roman Quartett Oktober 2018: 4 Bergromane in einem Buch

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Der Bergsee sah ihr Glück und Leid

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Die Tochter des Einsiedlers

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Das blonde Gift vom Wirtshaus

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Die Fehde am Bergsee

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Heimat-Roman Quartett Oktober 2018: 4 Bergromane in einem Buch

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VON ALFRED BEKKER , G.S.Friebel

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende drei Romane:

G.S.Friebel: Der Bergsee sah ihr Glück und Leid

Alfred Bekker: Die Tochter des Einsiedlers

Alfred Bekker: Das blonde Gift vom Wirtshaus

Alfred Bekker: Die Fehde am Bergsee

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VOR VIELEN JAHREN GERIET der jüngste Sohn des Bachsteiner-Bauern bei einem schweren Unwetter in Bergnot. Jakob Riedlinger, damals ein junger Bergführer, führte die Suchmannschaft an, brach die Suche aber schließlich auf Grund der schlechten Witterung ab. Später wurde der junge Mann tot geborgen. Seitdem herrscht Zwist zwischen den Bachsteinern und dem Riedlinger, der seit dem frühen Tod seiner Frau einsam und verbittert auf einem kleinem Einsiedlerhof lebt.

Als Franziska Riedlinger, die Tochter des ehemaligen Bergführers, sich nun ausgerechnet in Toni Bachsteiner , den Neffen des damals in den Bergen zu Tode gekommenen, verliebt, steht das junge Glück unter keinem guten Stern.

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover Alfred Hofer 123rf

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Der Bergsee sah ihr Glück und Leid

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BERGROMAN VON G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

Endlich bin ich wieder Zuhause, jubelte Irina. Und ich werde für immer bleiben. Als sie dann auch Tobias begegnet, scheint ihr Glück vollkommen zu sein. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Im Krankenhaus wird ihr nach einer Operation mitgeteilt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann. Ihre Liebe zu Tobias ist so groß, dass sie ihn verlässt, denn seine Eltern erwarten von ihm, dass er einen Erben für den Birkhof zeugt ...

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IRINA GRANT STAND AM Fenster ihrer Kammer und sah in den sonnigen Morgen. Von ihrem Zimmer aus hatte sie einen wunderschönen Blick über das ganze Kühtai. Rechts sah sie den Birkkogel, vor ihr lag der Sulzkogel, und dahinter stiegen die mächtigen Ötztaler Alpen auf, vom ewigen Eis bedeckt. Es war sonst nicht Irinas Gewohnheit, am frühen Morgen am Fenster zu stehen und zu träumen. Dafür war sie noch zu jung, viel zu sehr voller Leben. Doch heute war ihr erster Tag daheim. Gestern war sie noch in Innsbruck gewesen. Endlich hatte sie die Schulbücher packen dürfen, und dann war sie mit dem Postbus von Innsbruck durch das Sellraintal nach Hause gefahren.

Irina hörte die Glocken der Dorfkirche. Schnell warf sie die Betten auf das Fensterbrett. Dann sprang sie die Treppe hinunter.

War das schön, gleich hinauslaufen zu dürfen! Der Vater, Dorfschullehrer Grant, war im Garten bei seinen geliebten Rosenstöcken.

„Guten Morgen, Vater! Was für ein herrlicher Morgen!“, rief Irina ihm lachend entgegen. Vater Grant nahm die Pfeife aus dem Mund und lachte genauso fröhlich wie seine Tochter.

„Gut geschlafen, mein Madel?“

„Ach Vater, hier ist es wunderschön. Ich bin ja so glücklich, dass ich endlich wieder meine Berge habe.“

„Da schau her, seit wann gibt’s denn in Innsbruck keine Berge mehr? Als ich das letzte Mal dort war, hab’ ich sie noch gesehen.“ Er lachte herzlich.

„Vater, net necken! Du weißt doch, vom Pensionat sind die Berge so weit weg. Man darf sie nur vom Fenster aus anschauen. Aber hier, da leb’ ich mitten drin. Hier bin ich zu Hause. Ach, ich bin ja so glücklich!“

„Und jetzt möchtest du dich hier in unserem Dorf langweilen?“

„Langweilen? Ach wo, hier gibt’s doch so viel zu tun. Gelt, Vater, jetzt bleiben wir immer beisammen. Jetzt geh’ ich net mehr fort. Tante Polly kann doch die Arbeit gar net mehr allein schaffen. Nein, mir wird es hier bestimmt nicht zu langweilig. Und in die Stadt möcht’ ich nie mehr zurück.“

„Das wird wohl net gehen“, lachte der Vater.

„Du willst mich wieder fortschicken?“, fragte die Tochter angstvoll.

„Nein, mein Kind. Aber wenn erst mal ein fescher junger Bursch kommt und sich dein Herz holt, willst du dann auch noch immer bei deinem alten Vater bleiben?“

Irina gab ihm einen herzlichen Kuss.

„Dein Bart kitzelt genauso wie früher“, lachte sie übermütig. „Wer soll hier schon herkommen und mich holen? Das müsst’ aber ein arg fescher Bursch sein! Und soweit ich weiß, gibt es in unserem Dorf keinen, den ich wohl möchte. Also werd’ ich sehr lange bei dir bleiben.“

„Da hast du also unter den Dorfburschen schon Ausschau gehalten?“, neckte sie der Vater.

Dorfschullehrer Grant war sehr stolz auf seine hübsche Tochter. War ihm auch früh die Frau gestorben, so hatte er doch Irina gehabt, die immer wieder seine trüben Gedanken an die Heimgegangene verscheuchen half.

Irina stand vor den Rosen und betrachtete sie voller Freude. Doch plötzlich verzog sie schmerzhaft das Gesicht und presste eine Hand auf die rechte Seite.

„Was ist? Ist dir net gut?“, fragte der Vater besorgt.

Irina lächelte schon wieder.

„Es ist nichts, Vater. Mach dir bloß keine Sorgen! Nur manchmal zwickt es mich da plötzlich. Aber dann ist’s schon gleich wieder vorbei.“

„Du wächst halt noch“, lächelte der Vater. „Aber nun muss ich mich um mein Bienenvolk kümmern. Gehst du mit?“

„Nein, da geh’ du lieber allein hin“, sagte Irina. Sie liebte die Natur und die Tiere, aber wofür sie gar nichts übrig hatte, das waren Vaters Bienen. Einmal hatte sie sehr unliebsame Bekanntschaft mit ihnen gemacht. Arg zerstochen war sie nachher gewesen. Seitdem machte sie einen großen Bogen um die zehn Bienenstöcke.

„Ich such’ in der Zwischenzeit Tante Polly. Schließlich bin ich doch hergekommen, um zu arbeiten, net um zu faulenzen. Tante Poly soll mir Arbeit geben, damit ich mir mein Brot verdienen kann.“

„Na, so eilig ist es ja net damit. Kannst dich ruhig erstmal ein paar Tage ausruhen. Verhungern wirst du deswegen auch nicht müssen“, lachte der Vater.

„Ach schau, Vater, ich hab’ mich so darauf gefreut, auf alles. Verstehst du? Die Schule hab’ ich ja gern besucht. Aber wirklich war ich in Gedanken immer bei euch.“

„Da soll einer die Jungen kennen“, brummte der Mann. „Hört man doch alleweil, die Jugend will raus, in die Stadt, will etwas erleben, sich vergnügen und will nicht an der Scholle kleben bleiben. Und du Madel, du sagst das Gegenteil.“

„Das kommt vielleicht daher, dass ich so lange fort gewesen bin. Wenn einer immer zu Hause ist, dann bekommt er halt das Fernweh. War einer lange fort, sehnt er sich nach Hause zurück. Das ist doch normal.“

„Also werde ich jetzt allen Eltern sagen, sie sollen ruhig ihre Kinder ziehen lassen. Die kommen schon von ganz allein wieder zurück. Was glaubst du, was die mich anstarren werden.“

„Du machst dir einen Spaß, Vater, du hörst mir gar net richtig zu“, schmollte Irina.

„Ich geh’ jetzt zu meinen Bienen. Weißt du, um zu streiten, da ist der Morgen gar zu schön. Verlegen wir es auf einen Regentag, die gibt es auch bei uns!“

Irina lachte und lief eilig davon, dass der Dirndlrock um ihre schlanken nackten Beine wehte.

Der Vater sah ihr nach und schmunzelte.

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TANTE POLLY, DIE IRINA nach dem Tod der Mutter großgezogen hatte, saß in der Rosenlaube. Ein mächtiger Haufen Erbsenschoten lag auf dem Tisch. Nur wenige Erbsen befanden sich in der Schüssel auf Tante Pollys Schoß. Aber ihre Finger waren unermüdlich. Auch als sie Irina kommen sah, hielt sie nicht in der Arbeit inne.

Irina flog ihr um den Hals und küsste sie zärtlich auf die runzelige Wange. Tante Polly war schon recht alt. Ihre Haut war welk und das Haar schneeweiß. Aber ihre blauen Augen leuchteten genauso klar und frisch wie die von Irina.

„Mein Herzerl“, sagte die Tante zärtlich.

Irina setzte sich neben sie und half ihr fleißig.

„Das ist also meine erste Arbeit als Hausmagd“, stellte sie lachend fest.

Da fiel ein Schatten über die Sitzenden in der Laube. Irina glaubte, es wäre der Vater. Sie hob den Kopf und wollte ihn etwas fragen. Mitten in der Bewegung hielt sie inne, und ihr Herzschlag stockte. Vor ihr stand ein junger Mann. Aber was für ein Mann! Groß, schlank und doch stattlich. Das Gesicht braungebrannt mit dichten braunen Locken und stahlblauen Augen. Er trug eine Kniehose aus weichem Leder, dazu rote Strümpfe und ein buntes Hemd mit offenem Kragen.

Wie gelähmt saß Irina da. Dieser Mann verwirrte sie. Aber auch er schien von ihrem Anblick sonderbar angerührt worden zu sein. Noch nicht mal einen Gruß sagte er, sondern starrte das rotblonde Mädchen an. Irina errötete heftig. Die Schüssel entglitt ihren Händen, und die Erbsen rollten auf die Erde. Verlegen bückte sie sich, um sie wieder aufzulesen. Auch der junge Bursch half eifrig mit.

Als sich ihre Hände zufällig berührten, zuckte Irina heftig zusammen. Wer war dieser junge Mann? Sie hatte ihn noch nie gesehen. Aber er schien ein Einheimischer zu sein.

Die Erbsen waren wieder in der Schüssel, und der junge Mann erhob sich.

„Grüß Gott, Tante Polly“, sagte er.

„Grüß dich, Tobias. Hab’ dich ja lange net mehr gesehen. Bist du nur auf Besuch hier oder bleibst du für immer?“

„Jetzt geh’ ich net mehr fort. Nun bleib’ ich daheim. Der Vater braucht mich. Und ich möcht’ auch nicht mehr weg.“

Während sich die beiden unterhielten, überlegte Irina krampfhaft, wer Tobias war. Irgendwie bekannt kam er ihr vor. Aber in ihren Ferien hatte sie ihn nie im Dorf gesehen. Es ärgerte sie, dass sie sich nicht an ihn erinnern konnte. Sie schaute vor sich hin und mied den Blick des Fremden.

„Was führt dich zu uns, Tobias?“, fragte Tante Polly.

„Die Mutter schickt mich. Sie möchte wissen, wann sie wieder mit Honig rechnen kann.“

„Ja, Tobias, da musst du dich schon bei dem Herrn Lehrer erkundigen. Was die Bienen angeht, da bin ich überfragt. Geh, Irina, bring den Tobias in den Garten!“

Schüchtern erhob sich Irina und ging mit dem Burschen fort. Tobias dagegen freute sich, dass er noch eine Weile mit dem jungen Mädchen zusammen sein konnte. Er hatte schon viele hübsche Mädchen gesehen, aber so eine wie diese Irina war ihm noch nicht begegnet. Rank und schlank schritt sie neben ihm, den Kopf gesenkt.

„Bist du auf Besuch hier?“, fragte Tobias.

Irina blieb stehen und schaute kurz zu ihm auf.

„Nein, ich bin doch die Tochter vom Lehrer Grant.“

Tobias lachte hell auf.

„Du bist also die Irina Grant! Du liebe Güte, ich hab’ dich net wiedererkannt. Das letzte Mal, als ich dich gesehen hab’, warst du ein kleines Madel mit langen Zöpfen. Ich hab’ dich immer dran gezogen. Und du warst mir dann schrecklich böse und hast geschimpft. Aber jetzt, hast du keine Zöpfe mehr und bist schon eine richtige junge Dame. Ich muss da jetzt wohl ,Sie‘ sagen?“ Die Augen des jungen Mannes ließen das fesche Mädchen nicht mehr los. Sie lachten Irina an. Der Schalk saß ihm dabei im Nacken. Aber Irina war zornig. Warum, das wusste sie selbst nicht so genau. Dieser närrische Bursche! Von dem wollte sie sich nichts bieten lassen.

„Tun Sie bloß net, als wären Sie schon Großvater“, sagte sie patzig. „Und überhaupt, ich kenne Sie gar nicht. Wie können Sie sich erdreisten, so mit mir zu reden!“

So, da hatte er sein Fett weg.

„Hoppla, warum so fremd? Und Sie? Ist das hier Brauch? Früher net, und ich mein’, da hat sich auch heute noch nichts dran geändert, Irina. Und du weißt nicht, wer ich bin? Das ist aber zum Lachen. Denk mal angestrengt nach, gescheit schaust doch aus.“

Er musste sich vorsehen. Gar zu böse schauten die Augen ihn an. Sein frisches Gesicht wurde von einem hellen Rot überzogen.

„Ich bin doch der Tobias vom Birkhof!“

Irina schaute ihn verblüfft an. Aller Ärger war verflogen. Der Tobias sollte er sein! Der?

Freilich erinnerte sie sich noch an ihn. Und wie! Sie hatte sogar zusammen die Schulbank beim Vater gedrückt. Allerdings war der Tobias drei Jahre älter als sie. Aber an die lustigen Streiche, die er mit ihr ausgeheckt hatte, daran konnte sich Irina noch sehr erinnern. So manchen Rohrstock hatte der Vater brauchen müssen.

Das war also der Tobias, der einzige Sohn vom reichsten und größten Hof weit und breit. Arg fesch sah er aus.

,,Na, hast mich genug betrachtet?“, lächelte Tobias sie an.

Irina errötete wieder.

„Der Vater ist unten bei den Bienen. Aber ich würde dir raten, du wartest hier, wenn du net gestochen werden willst!“

„Schön, bleiben wir hier, bis der Herr Lehrer kommt“, erwiderte er fröhlich.

„Frech bist du wohl gar nicht, wie?“

„Aber nein, bin ich das wirklich?“, lachte der Bursche.

„Und wie. Ich glaube, du hast dich kein bisschen verändert“, sagte sie schnell.

„Wirklich nicht?“ Tobias schien sich zu amüsieren. Besonders, wenn er bemerkte, dass Irina abwechselnd rot und blass wurde.

„Außerdem kann ich net mir dir hier warten.“

„Ich beiße dich auch bestimmt nicht“, lachte er fröhlich.

Als sie weglaufen wollte, hielt er sie am Schürzenzipfel zurück.

„Warum bist du so grantig? Kannst du denn keinen Scherz vertragen? Hat man eine alte Jungfer aus dir gemacht? Das wäre ja noch schöner. Ein so schönes Madel und dann grantig, geh, mach ein fröhliches Gesicht! Sonst wird ja die Milch sauer.“

„Das lass ich mir net gefallen, hörst du. Auch wenn du der Tobias bist. Alles kannst du dir nicht erlauben.“ Und damit ließ sie den Burschen stehen und lauschte.

Was war nur mit ihr? Sie fühlte selbst, dass sie sich unmöglich benommen hatte. Tobias hatte ja nur einen Spaß machen wollen, und sie hatte alles verdorben. Eben war sie noch heiter und so voller Glück gewesen. Und jetzt? Warum war sie nur so verwirrt? Weshalb klopfte ihr Herz so rasch? Nur wegen des Tobias vom Birkhof?

Irina schalt sich selbst eine Närrin. Sie ging in ihre Kammer und schaute vorsichtig aus dem Fenster in den Garten. Dabei musste sie aufpassen, dass man sie nicht erwischte. Wie sie nun den Tobias kannte, würde er sich doch sicher wieder darüber lustig machen und womöglich noch denken, das täte sie nur seinetwegen. Er stand unten im Garten, das helle Haar zerzaust, groß und kraftvoll. Ganz hinten im Garten war der Vater bei den Bienen. Er musste ihn gesehen haben, denn er ging auf den Lehrer zu. Angst schien er wohl nicht zu haben.

Irina setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach. Wie doch die Zeit verging! An so vieles hatte sie immer denken müssen im Internat, aber komisch, an den Tobias hatte sie nie gedacht. Nie und nimmer. Und jetzt kam er einfach daher und verwirrte ihren Geist. Was hatte das zu bedeuten?

Sie war gekommen, um hier glücklich zu sein. Beim Vater leben zu dürfen, das war doch für sie die Seligkeit. Aber konnte man mit einem unruhigen Herzen glücklich und zufrieden sein?

Ach was, man durfte nicht so viel nachdenken. Die Arbeit musste getan werden. Und wie es ihre Art war, lachte sie plötzlich hell auf, sprang hoch und schüttelte das Bettzeug im Fenster, damit es ordentlich lüfte.

Sie werkelte in der Stube herum. Tante Polly stand unten in der Küche und wartete lange auf Irina. Diese hatte ihr versprochen zu helfen, aber es ganz vergessen. Nach einer Stunde hatte das Mädchen das ganze Obergeschoss sauber gemacht und so alle dummen Gedanken vergessen. Mit zufriedenem Gesicht saß sie nun am Tisch und aß herzhaft alles auf.

Irina hatte sich schnell wieder eingelebt. Zu Hause war es doch am schönsten. Das malerische Dorf, die Kirche, der Wald, die Berge - alles war ihr vertraut. Sie ging gern ins Dorf. Es beherbergte etwa zweihundert Seelen, besaß zwei gemütliche Gasthöfe, die aber mehr von den Einheimischen als Fremden besucht wurden. Das Kühtai war ein Fleckchen Erde, das noch nicht von Touristen überlaufen war.

Irina war Tante Polly eine wirkliche Stütze. Von morgens bis abends lief sie treppauf und treppab durch das Haus. Und immer hatte sie ein Lied auf den Lippen. Nun brauchte Tante Polly nicht mehr den ganzen Tag herumzuwerken. Jüngere Hände waren da, die es gern für sie taten. Rasch und hurtig ging Irina die Arbeit von der Hand. Aber mitunter wurde ihr das Herz seltsam schwer, und sie dachte an einen, den sie gesehen hatte. Er war ein so schmucker Bursche, der Tobias!

Tante Polly hatte ihr berichtet, dass der Tobias erst die Oberschule besucht hatte. Dann hatte sein Vater ihn auf eine Landwirtschaftsschule geschickt. Später sollte Tobias ja den Birkhof übernehmen, und da galt es, in allen Dingen Bescheid zu wissen. Darum also hatte Irina den jungen Hofsohn seit ihrer Kindheit nicht mehr im Dorf gesehen.

Im Stillen hatte Irina gehofft, der Tobias würde wiederkommen und den Honig holen, den der Vater für ihn bereitgestellt hatte, wie sie wusste. Aber er hatte sich nicht blicken lassen. Auch bei ihren Einkäufen im Dorf hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Freilich, um diese Zeit gab es viel Arbeit auf einem so großen Hof. Da waren eine Menge Leute aus dem Tal beschäftigt. Und der Birkhof lag auf einer Anhöhe, ein ganzes Stück vom Dorf entfernt.

Tante Polly rief von unten zum Mittagessen. Schnell wischte Irina noch den Staub von der Kommode, dann lief sie die Treppe hinunter. Der Vater saß schon am Tisch.

„Na, da ist ja unser fleißiges Dirndl. Wenn du so weitermachst, dann muss ich dir bald Lohn zahlen, mein Madel.“

Irina lachte zu den Worten des Vaters. „Es macht mir einfach Spaß, weißt du!“

„Ja, aber ausruhen musst du auch mal. Kannst doch net immer arbeiten. Hast du denn schon mal einen Ausflug in die Berge gemacht? Früher, in den Ferien, hast du das doch so gern getan.“

„Sicher, und das tu’ ich auch heuer. Am Sonntag wird nichts gearbeitet, sondern ich geh’ spazieren und schau mir die Berge an. Wenn das Wetter so bleibt, möcht’ ich zu den Finstertaler Seen hinaufsteigen. Die hab’ ich schon lange net mehr gesehen. Und dort muss es jetzt besonders schön sein.“

„Du nimmst dir ja eine Menge vor. Bis zu den Seen, das ist ein ganz schönes Stück Weg. Aber du hast recht, dort muss es sehr schön sein.“ In der Stimme des Vaters lag Sehnsucht. Auch er liebte die Heimat, die Berge, die Natur.

„Gelt, Polly, wir beiden können halt net mehr so große Sprünge machen wie die Jungen. Wir müssen im Tal drunten hocken bleiben und uns die Welt vom Lehnstuhl aus anschauen. Unsere Füße wollen halt net mehr!“

„Du - und alt“, lachte Irina.

„Ja, mein Kind, und trotzdem wird man immer älter. Jedes Jahr ein wenig. Erst merkt man es kaum, aber dann geht’s immer schneller mit dem Altwerden. Aber wir wollen net von mir reden. Was ich sagen wollt’... der Tobias ist doch vor kurzem hier gewesen wegen des Honigs. Seine Mutter isst ihn so gern. Nun scheinen sie da oben wohl in der Ernte alle Hände voll zu tun zu haben. Wie ist es, ich hab’ den Honig schon zurechtgestellt, willst du ihn net nach dem Essen rauftragen? Ist ein schöner Spaziergang, und du kannst auch gleich der Frau Birkhof guten Tag sagen.“

Irina errötete. Vielleicht werd’ ich den Tobias auch sehen, dachte sie bei sich. Tante Polly beobachtete sie verstohlen und lächelte in sich hinein. Doch sie sagte nichts und löffelte weiter ihre Suppe. Dem Vater war überhaupt nichts aufgefallen.

„Gut, dann werd’ ich also den Honig zum Birkhof bringen“, sagte Irina.

„Das ist recht, und lass dir nur Zeit dabei!“, meinte Tante Polly. „Heute ist ein so schöner Tag!“

Das Essen war beendet, und die Tante und Irina räumten den Tisch ab. In der Küche wuschen sie das Geschirr und stellten es in den Schrank. Dann lief Irina in ihre Kammer hinauf. Sie zog das leichte Kittelkleid aus und überlegte, was sie zu diesem Gang anziehen sollte. Nach einigem Zögern entschied sie sich für das weiße Dirndlkleid mit den kleinen roten Röschen und der grasgrünen Schürze. Es stand ihr besonders gut. Das Haar bürstet sie so lange, bis es seidig glänzend war. Nun erst war sie mit ihrem Aussehen zufrieden.

Als sie die Treppe hinunterging, klopfte ihr Herz stürmisch. Sie schalt sich selbst deswegen. Womöglich würde sie den Tobias gar nicht zu Gesicht bekommen, und alle Mühe war umsonst.

Bis zum Birkhof war es ein schönes Stück Weg. Irina ging durch das Dorf und dann den Wiesenpfad entlang. Fast alle Dorfbewohner waren draußen, um das Heu einzuholen. Überall wurde Irina freundlich begrüßt. Nach einer Weile bog sie in den Hochwald ein. Hier war es angenehm kühl, und der Bach suchte sich murmelnd seinen Weg durch das weiche Moos. Hinter diesem Wald lag der Birkhof. Wie lange war Irina nicht mehr dort gewesen! Als kleines Mädchen hatte der Vater sie oft mitgenommen, wenn er dem Altbauern einen Besuch abstattete. Ob alles wohl noch so war wie früher?

Und dann war der Wald zu Ende. Irina war rasch gelaufen. Nun hielt sie inne, um zu verschnaufen. Wieder verspürte sie einen leichten Schmerz in der Leistengegend. Aber nach einer Weile verschwand er, wie immer. Irina ging weiter. Und dann sah sie den Birkhof. Das Wohnhaus war groß und mächtig mit weit ausholendem Dach. So stand es da, schon viele Jahre Wind und Wetter trotzend und alle schützend, die unter seinem Dach lebten. Schneeweiß waren die Wände, braun - mit vielen Schnitzereien verziert - die Eingangstür und die beiden Altanen. In einer tiefen Wiesenmulde lag das Haus. Seitwärts befand sich der Garten mit den vielen Rosenbüschen. Irina atmete ihren Duft. Hinter dem Haus stieg wieder der Hochwald mit seinen dunklen Tannen auf. Ein wunderschönes Fleckchen Erde war es. Wer hier wohnen durfte, der musste doch glücklich sein!

„Net wahr, ein schöner Anblick! Besonders jetzt zu dieser Jahreszeit!“, sagte eine Stimme.

Irina drehte sich erschrocken um. Sie erblickte Tobias, der leise hinter sie getreten war. Irina errötete heftig, als sie ihn so plötzlich wiedersah.

„Hab’ ich dich erschreckt?“, fragte der Bursch.

„Nein, nein, ich dachte nur, ich wär’ allein.“

Tobias betrachtete das Mädel, und seine Augen bekamen einen warmen Glanz. Seit dem ersten Sehen musste er ständig an Irina denken. Und nun stand sie vor ihm. Er war auf den Wiesen gewesen, um den Knechten für das Heuaufladen Anweisungen zu geben. Jetzt, zur Vesperzeit, war er nach Hause gegangen. Und da hatte er zwischen den Birken eine Mädchengestalt gesehen und war ihr nachgegangen. Irina! Sie stand da und sah träumerisch zum Haus hinüber.

„Ja, immer wieder, wenn ich hier vorbeikomme, bleibe ich auch stehen“, sagte Tobias. „Ich bin stolz, dass ich eine so schöne Heimat habe. Und eines Tages wird das alles mir gehören. Dann bin ich der Birkhofbauer.“

Irina lächelte ihn an.

„Daran habe ich net gedacht. Ich bewunderte nur das schöne Bild.“

„Würde es dir net gefallen, in diesem Haus schalten und walten zu dürfen als Bäuerin?“

Sie lachte hellauf.

„Aber Tobias, das lass net deine Mutter hören! Noch ist es net so weit, dass du sie aufs Altenteil setzen kannst!“

Jetzt sahen sie die Birkhofbäuerin aus dem Haus treten. Sie trug einen großen Teller mit Vesperbroten vor sich her. Seite an Seite liefen Tobias und Irina über die Wiese auf das Haus zu. Das war ein herzliches Wiedersehen zwischen der Bäuerin und Irina.

Irina musste am Tisch, der vor dem Haus gedeckt worden war, Platz nehmen. Bald kam auch der Birkhofer. Irina musste vom Vater und der Tante Polly berichten und von ihrer Zeit in Innsbruck.

Tobias saß ihr gegenüber und betrachtete sie, während sie sich mit der Mutter unterhielt. Die Mutter hatte im Haus immer so viel zu tun, so dass sie selten ins Dorf hinunterkam. Deshalb freute sie sich, wenn sie jemand traf, der ihr ein paar Neuigkeiten berichtete und außerdem auch Zeit für einen Plausch hatte. Denn die meisten Bäuerinnen waren genauso wie die Birkhoferin mit Arbeit überlastet.

Irina war sehr glücklich, hier an diesem Tisch unter dem alten Apfelbaum sitzen zu dürfen. So war sie Tobias ganz nahe. Aber langsam musste sie auch an den Aufbruch denken. Mit vielen Grüßen an den Vater und die Tante machte sie sich endlich auf den Weg. Tobias wollte sie noch ein Stück begleiten. Schweigend gingen die beiden nebeneinander her. Irina war zu befangen, um ein Gespräch zu beginnen.

Aber Tobias erzählte ihr von der Zeit, als er auf der Landwirtschaftsschule war, und darüber unterhielten sie sich bald angeregt. Irina berichtete von ihrer Liebe zu dem Kühtai und dass sie nie mehr von dort fortgehen möchte. Auch erfuhr Tobias, dass sie am Sonntag hinauf zu den Finstertaler Seen steigen wollte. Er merkte es sich wohl, denn er wollte Irina wiedertreffen. Aber sie einfach darum bitten, das traute er sich noch nicht, auch wenn alles in ihm danach drängte, sie in die Arme zu nehmen und ihr einen Kuss zu geben. Er wollte sie nicht überrumpeln. Gleich beim ersten Anblick aber hatte sich Tobias’ Herz für Irina entschieden. Die oder keine, so hatte er sich gesagt. Sie sollte einmal seine Bäuerin werden. Mit ihr zu leben, sie täglich zu sehen mit ihrem fröhlichen Lachen und den Grübchen in den Wangen - ordentlich heiß wurde dem Tobias bei diesem Gedanken.

Leichtfüßig wie ein Reh schritt Irina an seiner Seite. Beide schwiegen nach einer Weile des Weges. Hell flimmernd lag die Sonne auf dem Weg. Plötzlich blieb Tobias stehen und sagte lachend: „Wir gehen hier, als hätten wir uns zerstritten. Keiner sagt ein Wort.“

„Ja“, lächelte das Mädchen. „Ich hab’ mir schon die ganze Zeit gedacht, warum begleitet er dich eigentlich. Allein wäre ich viel flinker gewesen. Du gehst ja so langsam wie eine Schnecke.“

„Was soll das heißen?“, rief er lachend.

„Ist doch wahr“, sagte sie. „Du kannst zurückgehen, ich kann ganz gut allein gehen. Bin immer den Weg allein gegangen. Ein Räuber wird mich wohl nicht überfallen.“

„Ich hab’ über etwas nachdenken müssen“, erklärte Tobias leise. „Etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will.“

Sie sah in lächelnd an.

„Und willst du es mir nicht sagen?“

Er schluckte.

„Nein“, stieß er hervor. „Sonst lachst du mich noch aus, und das kann ich nicht vertragen.“

„Ich will es auch gar nicht wissen, denn ich bin nicht neugierig. Aber jetzt muss ich wirklich gehen. Vater wird sich sonst noch Sorgen um mich machen.“

„Warte doch, ich begleite dich ins Dorf!“

„Nicht nötig, nachher reden die Leute wieder. Du weißt doch, wenn sich ein Mädel mit einem jungen Mann zeigte, schon wissen die Klatschbasen eine Menge zu erzählen.“

Tobias blieb stehen und sah Irina nach. Rasch entfernte sie sich, und bald war sie nur noch ein winziger Punkt. Er nahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann stieg er wieder zum Hof hinauf.

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ES WAR EIN HERRLICHER Sonntagmorgen. Kein Lüftchen regte sich. Die Bergspitzen ragten wie gestochen in den blauen Himmel, und das ewige Eis glitzerte wie tausend und abertausend Diamanten. Irina stand vor dem Lehrerhäusl und nahm Abschied vom Vater und Tante Polly. Sie trug eine schwarze Kniehose aus festem Stoff, dazu rote Strümpfe und eine helle Sommerbluse, an den Füßen dicke feste Nagelschuhe. Der Weg war steinig und lang. Im Rucksack steckte alles, was sie benötigte. Eine warme Jacke, ein Kanten Brot und Speck und natürlich auch etwas zum Trinken. Ordentlich schwer war der Rucksack dadurch geworden.

Tante Polly war überhaupt nicht damit einverstanden, dass Irina so ganz allein in die Berge steigen wollte. Aber Irina lachte nur dazu. Sie gab der Tante und dem Vater einen Kuss, winkte noch einmal, und dann bog sie in den Wald ein, der hinter dem Lehrerhaus seinen Anfang nahm. Ein Lied vor sich hinsummend, so wanderte Irina den Weg entlang.

Im Wald war es schön kühl und schattig. Doch bald blieb der Wald zurück, und steil ging es bergauf. Dicke Felsbrocken lagen auf dem Weg, glitschig durch die vielen Gebirgsbäche, die sich murmelnd ihren Weg durch das Geröll suchten.

Irina dachte an Tobias. Sie musste es immer tun, wenn sie allein war, besonders an ihr letztes Gespräch. Das mit der Bäuerin auf dem Birkhof, das war doch nur Spaß gewesen. Aber es tat Irina weh, dass Tobias sie auf diese Art und Weise neckte.

Er war der einzige Sohn auf dem Birkhof und musste einmal eine reiche Bauerntochter heiraten. War es da nicht töricht, sich immerfort mit ihm zu beschäftigen?

Nach einer Stunde ständigen Steigens machte Irina die erste Rast. Wenn sie geglaubt hatte, ganz allein hier oben zu sein, so irrte sie sich. In sicherer Entfernung folgte ihr eine Gestalt. Aber Irina sah sich nicht um, und so bemerkte sie sie auch nicht.

Von hier aus hatte man einen wunderschönen Blick auf die weiten Almfelder und die Sennhütten. Irgendwo jauchzte eine helle Mädchenstimme in den blauen Sommertag. Kühe weideten weiter oben auf dem saftig grünen Almboden.

Nach einer Weile erhob sich Irina wieder und ging weiter. Die Sonne brannte erbarmungslos. Irina schwitzte fürchterlich und schimpfte innerlich auf Tante Polly, dass die Gute ihr so viel in den Rucksack gepackt hatte. Aber dann wurden alle Mühen belohnt. Vor Irina tat sich eine wettergeschützte Mulde auf mit einem Blick auf ewiges Eis, weißleuchtende Kare, steil aufragende Gipfel und grüne Almen. Zu ihren Füßen schimmerte der erste Finstertaler See in seiner verlorenen Einsamkeit. Im Wasser spiegelten sich die firnbeglänzten Bergspitzen.

Irina blieb stehen und holte ganz tief Luft. Mein Gott, war das schön! Im seichten Uferwasser lagen ein paar Felsbrocken. Man konnte, wenn man wollte, von einem zum anderen springen. Kristallklar lag der Bergsee da, einsam und schön. Irina ging darauf zu, bückte sich und kühlte sich die heiße Stirn mit Wasser. Sie lachte. Ihr rotblondes Haar glitzerte in der Sonne. Dann warf sie den Rucksack ab und hüpfte übermütig von einem Felsbrocken zum anderen. Manchmal streifte sie das Wasser, und es spritzte hoch auf.

Es war Mittagszeit, und allmählich machte sich der Hunger bemerkbar. Etwas vom Ufer entfernt stand eine hohe schlanke Tanne. Sie warf genügend Schatten, so dass man gut darunter rasten konnte.

Doch plötzlich entdeckte Irina in einiger Entfernung eine Gestalt. Sie konnte nicht erkennen, wer es war, aber sie war traurig darüber, denn sie hatte sich allein geglaubt. Nun würde sie also ein Urlauber hier in der Einsamkeit stören.

Dann kam die Gestalt auf sie zu. Irina entdeckte, dass es ein Mann war. Nun bekam sie doch einen kleinen Schreck. Hier oben war sie ganz allein. Die Almhütten waren ein ganzes Stück entfernt. Vorsichtig sah sich das Mädchen um. Noch konnte sie entwischen! Schon wollte sie ihren Rucksack nehmen und davonlaufen, als sie eine Stimme hörte: „Irina, bitte bleib!“

Wie angewurzelt blieb sie stehen. Und dann war der Mann bei ihr! Tobias Birkhof!

Irina musste ordentlich schlucken, ihre Knie wurden ganz weich. Sie ließ den Rucksack wieder auf die Erde fallen.

„Wie kommst du denn hierher?“, fragte sie leise.

„Nun, den gleichen Weg wie du. Ich war immer hinter dir. Und dann, als du einmal Rast gemacht hast, hab‘ ich dich überholt und war als Erster hier oben.“

„Aber woher weißt du, dass ich heute hier hinauf wollte?“

„Du hast es mir ja selbst gesagt, als du uns den Honig brachtest.“

Sie schwieg verwirrt.

„Ich habe auf dich gewartet“, sagte Tobias da leise.

„Aber warum denn?“

„Ich wollt‘ dich wiedersehen, Irina. Ist das schlimm?“

Wenn sie doch bloß nicht immerzu rot würde! Irina ärgerte sich darüber.

„Komm“, sagte Tobias, „machen wir erst einmal Rast! Ich hab’ ein gutes Vesper im Rucksack.“

„Tante Polly hat mir auch genügend eingepackt.“

Zu zweit setzten sie sich unter die Tanne, aßen und schauten über das grüne Wasser des Sees.

„Sieht das net spaßig aus?“, fragte Tobias.

„Was?“, wollte Irina wissen.

„Nun, das Geröll im See. Mir kommt es immer so vor, als hätten vor ewiger Vorzeit hier einmal Riesen gehaust. Vielleicht haben sie mit den Felsbrocken Murmeln gespielt.“

Irina musste über diesen Vergleich lachen.

Nach dem Essen rollte sie ihre Jacke zusammen und legte sich ins Gras. Sie sah in den Himmel und zählte die kleinen Wölkchen. Jedes hatte eine andere Form.

„Irina!“ Tobias saß neben ihr und blickte sie forschend an.

„Ja!“

„Irina“, sagte er gepresst, „ich bin heute hier heraufgestiegen, weil ich mit dir allein sein wollte.“

„So“, meinte sie leise.

„Seit ich dich damals zum ersten Mal in der Rosenlaube gesehen habe, kann ich dich nimmer vergessen. Immer muss ich an dich denken.“

Irina schloss die Augen. Ein ungeheueres Glücksgefühl machte ihr die Kehle eng. Als sie schwieg, wurde Tobias unsicher.

„Irina, sag mir, ist das schlimm? Ich weiß, du bist noch sehr jung, und ich bin auch erst einundzwanzig Jahre alt. Aber ich kann nichts dafür, ich hab‘ dich so gern. Ich möcht‘ dich immer lieb haben!“

Vorsichtig nahm er die schlanke Mädchenhand in die seine. Wie klein und zart sie doch ist, dachte er.

„Irina, warum sagst du nichts? Hab‘ ich dich erschreckt? Soll ich fortgehen? Magst du mich net? Ich will dich net bedrängen, ich wollt‘ dir nur sagen, wie es um mich steht.“

Irina öffnete die Augen, und Tobias sah zu seiner Verwunderung Tränen darin schimmern.

„Irina“, flüsterte er und streichelte ihre Hand, „ich lieb’ dich, ich kann nichts dafür. Magst du mich denn auch ein wenig?“

„Ja“, flüsterte sie. „Ich glaub’, es war Liebe auf den ersten Blick. Und da hatt’ ich mir vorgenommen, dich zu meiden, weil ich dich liebe, ach, Tobias!“

„Irina“, rief er jubelnd. „Ist das wirklich wahr? Du liebst mich?“

„Ja, Tobias!“

Da beugte sich der Bursch über sie und küsste sie zärtlich und stürmisch zugleich. Und Irina legte ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herunter.

War das denn Wirklichkeit? Tobias war hier und hatte ihr gesagt, dass er sie liebte? Der schönste Bursch weit und breit liebte sie. War das nicht Glück?

Irina lächelte, als er sie betrachtete.

„Du bist wunderschön, Irina. Viel zu schön für mich, für den Birkhof.“

„Ich kann mich ja auch hässlich machen“, neckte sie. „Vielleicht gefall’ ich dir dann besser!“

„O du!“, murmelte er und küsste sie erneut.

Hier in der großen Bergeinsamkeit hatten sie sich gefunden. Noch immer ein wenig atemlos vor Glück, saß Irina da und blickte in den weiten blauen Himmel. Das heimliche Klopfen des Herzens, es hatte Ruhe gefunden. Oder anders ausgedrückt, es jubilierte jetzt ganz laut.

Seltsam, die ganze Zeit war sie so scheu und zurückhaltend gewesen. Vom ersten Augenblick an hatte sie dieses Zusammengehören gespürt, aber Angst davor empfunden.

Tobias saß an die Tanne gelehnt, und Irina hatte ihren Kopf an seine Schulter gelegt.

„Du bist so still. Warum sagst du nichts?“

„Sollen wir den Zauber durch Worte zerstören?“, erwiderte sie leise. „Kann man sich nicht auch ohne Worte verstehen?“

Er legte den Arm um ihre Schulter und sah sie an.

„Glücklich?“, murmelte er.

„Und du?“

Schon wieder war dieses übermütige Glitzern in den Augen, und Tobias war verblüfft.

„Vielleicht werde ich mir doch noch alles überlegen“, neckte er sie.

Irina lachte hell auf.

„Das sagst du nur, weil du Angst hast.“

„Ich und Angst“, erklärte er laut.

„Ja, ganz schreckliche Angst“, wiederholte sie.

„Vor wem denn? Etwa vor dir?“

Sie sprang auf und stand lachend vor ihm.

„Ja, vor mir“, jubilierte sie lachend. „Ich werde eine schreckliche böse Frau sein. Und ich werde dir das Leben zur Hölle machen, ich werde, ich werde ...“ Weiter kam sie nicht. Tobias hielt ihr den Mund zu. Sie rangen miteinander.

„Du bist ein Kobold, Irina. Ja, tatsächlich, das bist du. Höre, in zwei Jahren werden wir heiraten, und du wirst dann Bäuerin auf dem Birkhof sein. Wie gefällt dir das?“

Sie schmiegte sich an ihn.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie leise. „Es ist alles so neu für mich. Ich glaube ...“

„Was glaubst du?“

„Ich, ach Tobias, ich bin ein dummes Mädchen. Wirst du mir helfen? Und wirst du mir immer alles sagen, alles?“

„Aber Irina, ich liebe dich doch. Weißt du das immer noch nicht?“

„Ja, Tobias, ja.“

Sie blickten auf die Berge und waren glücklich. Und der Mann sagte leise: „Net wahr, wir sagen noch nichts von unserer Liebe. Lass uns noch ein wenig den Zauber des Heimlichen auskosten, ja? Wir haben ja so viel Zeit, so unendlich viel Zeit.“

Irina lächelte zu allem. Sie war nun stumm vor Glück geworden.

Sehr widerwillig mussten sie endlich an den Abstieg denken. Sonst würde womöglich die Dunkelheit sie überraschen, oder der besorgte Vater würde Männer ausschicken, um Irina zu suchen. Noch einmal umfing Tobias die lichte Gestalt. Wie oft hatte er in letzter Zeit davon geträumt, sie in den Armen halten zu dürfen. Und nun lag sie an seinem Herzen. Er hörte es ganz leise schlagen.

Tobias hob Irinas Gesicht zu sich hoch und küsste sie ganz zart und sacht. Und hier in der Einsamkeit am Bergsee schwor er bei sich, sie immer zu lieben. Immer! Sie war ein Geschöpf, dass man lieben musste. Ohne Liebe würde sie verdorren und eingehen. Und er wusste, je mehr Liebe er ihr gab, umso mehr bekam er zurück.

Hand in Hand traten sie den Heimweg an.

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WAR IRINA GESTERN NOCH manchmal still und grüblerisch gewesen, so sang sie heute bei der Arbeit. Tante Polly kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Seit Irina dort oben bei den Seen gewesen war, leuchteten ihre Augen, und immerzu lachte sie. Was hatte das zu bedeuten?

Doch die Tante war nicht neugierig. Wenn es etwas gab, das sie wissen sollte, dann würde es ihr das Madel auch mitteilen. Sie konnte warten. Aber so ganz heimlich machte Tante Polly sich ihre Gedanken. Und dann lächelte sie sogar. Lange würden sie wohl Irina nicht mehr bei sich haben!

Zauber der ersten Liebe, glücklicher Sommer! Immer, wenn Tobias Zeit fand, kam er ins Lehrerhäusl. Natürlich hatte er jedes Mal etwas zu bestellen. Aber während der Lehrer die Bestellung entgegennahm, suchten Tobias’ Augen Irina.

Auch Irina stieg mitunter den Wiesenpfad hinauf. Heute war Tobias auf den unteren Wiesen. Mitten in der Arbeit sah er plötzlich ein helles Dirndlkleid am Rande des Waldes auftauchen. Er ließ die Arbeit im Stich und ging ihr nach. Selig schlossen sich seine Arme um die leichte Mädchengestalt. Viele zärtliche Küsse wurden ausgetauscht, bis sie sich wieder trennten. Tobias kehrte widerwillig zur Arbeit zurück, während Irina ins Dorf hinunterging.

Es war aber nicht nur Tobias, der Irinas Schönheit bemerkte. Viele Burschen im Dorf versuchten, mit ihr anzubändeln. Tobias sah es, und Eifersucht stieg in ihm auf. Gewiss, er wusste, Irina liebte nur ihn, aber trotzdem wurde er unruhig, wenn er sie mit einem anderen Burschen reden sah.

In zwei Tagen war eine große Hochzeit im Dorf. Das war ein Ereignis, an dem das ganze Dorf teilnahm. Abends sollte natürlich auch getanzt werden. Man freute sich darauf, denn viel Abwechslung gab es ja sonst hier oben nicht.

Irina und Tobias waren zur Hochzeit eingeladen worden. Traudel Vill, die junge Braut, war eine frühere Schulfreundin von ihr. In vielen Abendstunden hatte Irina einen feinen Tischläufer gewebt und bestickt. Diese Fertigkeit hatte sie im Internat gelernt. Sicher würde Traudel sich sehr über das Geschenk freuen.

Und dann war der Hochzeitstag herangekommen. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Irina trug die Tracht ihres Heimatlandes. Sie sah bezaubernd aus, das stellten alle Leute fest. Als das Brautpaar aus der Kirche kam, wurde es von allen herzlich beglückwünscht.

So werde ich auch bald dastehen, dachte Irina bei sich. Ihr Blick suchte den von Tobias. Zwischen all den Menschen sah sie ihn stehen, und sie lächelten sich heimlich zu.

Im Garten der Brauteltern war die große Festtafel gedeckt. Irgendwie brachte es Tobias fertig, dass er neben Irina zu sitzen kam. Das weiße Tischtuch war lang, und oft fanden sich ihre Hände zu einem zärtlichen Druck. Irina mit ihrer heimlichen Liebe im Herzen sah wunderschön aus. Ihre Augen strahlten und glänzten. Sie wetteiferten mit denen der glückliche Braut.

Dann brach der Abend an, und die ganze Dorfjugend versammelte sich auf der Tenne zum Tanz. Irina und Tobias hatten noch nie miteinander getanzt. Sie lag wie eine Feder in seinen Armen. Und Tobias tanzte wundervoll. Sein Atem ging schnell, und er flüsterte Irina viele Liebesworte zu. In dem Trubel hörte es niemand.

Dann führte Tobias sie nach draußen. Er zog Irina zu den Stallungen hinüber. Niemand bemerkte es. In einer Nische zog er sie an sich. Und dann gab es viele Küsse. Irina bekam kaum noch Atem.

„Du erstickst mich, wenn du so weitermachst“, stöhnte sie glücklich.

„Lass mich!“ Seine Arme hielten sie fest. „Ich kann net anders. Morgen werden wir es meinen Eltern sagen, dass wir uns lieben! Ich kann net mehr ohne dich leben. Und ich kann net mehr warten, Irina. Nächste Woche wirst du achtzehn, lass uns bald heiraten, ja?“

Sie lächelte im Dunkeln.

„Es wird wundervoll werden“, sagte sie träumerisch.

„Und wir werden eine Hochzeitsreise machen, dahin, wo die Welt am schönsten ist, Irina.“

„Ist es denn hier net schön genug? Unsere Heimat! Ich möcht’ hierbleiben.“

„Wie du willst, ich tu’ alles, was du möchtest.“

„Wir müssen zurück, man wird uns bestimmt schon vermisst haben.“

„Warte noch einen kleinen Augenblick! Ich hab’ dich noch net genug geküsst.“

„Du bist ein Quälgeist“, lächelte sie.

Dann endlich gingen sie zurück. Jeder für sich, damit niemand merkte, dass sie zusammen draußen gewesen waren. Werner Gringer, ein Bursch aus dem Dorf, entdeckte Irina.

„Irina, das ist fein, endlich bekomm’ ich dich mal zu fassen. Jetzt werden wir einen Walzer zusammen tanzen. Grad' ist er angesagt worden.“

„Gern“, lächelte Irina höflich. Sie sah sich kurz um und entdeckte das bitterböse Gesicht von Tobias. Aber sie konnte doch den anderen Burschen, die mit ihr tanzen wollten, keinen Korb geben.

Werner tanzte wild und ungestüm. Er schwenkte Irina herum, dass sie ganz außer Atem war. Wieder wollte der Bursch eine Drehung machen, da war der Schmerz da, heftig und wild.

Es wird gleich wieder vergehen, dachte Irina bei sich. Aber der Schmerz verging nicht, er blieb und wurde immer stärker. Irina biss die Zähne zusammen. Ihre Augen wurden dunkel vor Schmerz. Nahm denn der Tanz überhaupt kein Ende? Wenn ich mich ausruhen kann, wird mir besser werden, dachte sie noch.

Dann verschwamm Werners Gesicht vor ihren Augen. Die Tanzenden, Tobias, der noch immer in der Tür stand, die Lichter - alles drehte sich in einem wilden wirbelnden Karussell. Irina schrie auf. Werner ließ sie erschrocken los. Sie wankte und stürzte. Bewegungslos blieb sie auf dem Boden liegen.

„Um Gottes willen, Irina, was ist dir?“, rief der junge Mann angstvoll.

Sofort umstanden die Tanzenden die beiden.

„Ich hab’ ihr nichts getan. Auf einmal fiel sie um“, verteidigte sich der junge Mann.

Irina rührte sich nicht mehr.

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TOBIAS HATTE IRINA wütend beobachtet. Wie immer verspürte er Eifersucht, wenn er sie mit einem anderen Mann sah. Aber dann hatte er bemerkt, wie sich plötzlich ihr Gesicht veränderte. Noch eben hatte sie ihm zugelächelt, aber dann, ganz plötzlich, war irgendetwas mit ihr vorgegangen. Ihr Gesicht war so maskenhaft geworden, und Tobias sah, dass sie litt. Er wollte ihr zu Hilfe eilen, aber die große Schar der Tanzenden drängte ihn immer wieder zurück. Und dann hörte er Irinas Schrei, sah sie fallen. Die Musik brach ab. Tobias beugte sich über die am Boden Liegende.

„Irina, was ist dir? Herzerl, so antworte mir doch!“ Ihm war jetzt alles egal. Was war nur mit Irina passiert?

Tobias hob sie auf seine Arme. Sein Gesicht war leichenblass. Er brachte Irina ins Haus und legte sie in der Stube auf ein Sofa. Und dann, nach einer langen Weile, öffnete sie endlich wieder die Augen. Sie lächelte schwach, als sie Tobias erblickte.

„Es geht gleich wieder vorüber“, sagte sie mit leiser Stimme. Aber es ging nicht vorüber. Der Schmerz war immer noch da, und als sie nach einer Weile aufstehen wollte, sank sie mit einem Schmerzensschrei auf das Lager zurück.

„Du musst zu einem Arzt, Liebste. Ich bring’ dich nach Gries zu Dr. Högl. Bleib hier ganz still liegen! Ich hol’ den Wagen und benachrichtige deinen Vater.“

„Mitten in der Nacht kannst du mich doch net zum Arzt bringen“, sagte Irina.

„Warum net? Vielleicht ist es der Blinddarm, und dann brauchst du sehr rasche Hilfe!“

Irina sagte nichts mehr. Der Schmerz raubte ihr den Verstand. Als Tobias, ging, schloss sie die Augen und versuchte, den Schmerz zu vergessen. Blinddarm? Vielleicht war es das wirklich.

Nach einer Viertelstunde war Tobias zurück. Mit ihm kamen Irinas Vater und Tante Polly. Beide machten ängstliche Gesichter.

„Wie geht’s dir, Herzerl?“, fragte Tante Polly mit besorgter Stimme.

„Es wird schon besser werden“, lächelte Irina mühsam.

Tante Polly wollte mit nach Gries fahren. Das war der nächste größere Ort vor Innsbruck.

Behutsam hob Tobias Irina wieder auf die Arme. Er war sehr vorsichtig, aber die Schmerzen waren unerträglich. Sie schloss gequält die Augen. Tränen quollen unter den Wimpern hervor. Als Tobias das sah, küsste er die Tränen zärtlich fort.

Die Fahrt war schrecklich. Und dann endlich standen sie vor dem Doktorhaus. Sie mussten lange warten, bis der Arzt öffnete. Er war schon im Bett gewesen. Tobias trug Irina ins Sprechzimmer, und dann blieben Tante Polly und er im Wartezimmer. Doktor Högl war ein guter und gründlicher Arzt. Vorsichtig, ohne ihr überflüssige Schmerzen zu bereiten, untersuchte er sie. Er fragte sie nach vielerlei, und sie gab Antwort, so gut sie konnte. Blass und erschöpft lag sie da, und der Arzt sah sie lange und ernst an. Wenn die Symptome stimmen ... Er mochte nicht weiterdenken.

Dann stand er auf, ging zum Schreibtisch und schrieb etwas. Nun ging er ins Wartezimmer und zog die Tür hinter sich zu. Tante Polly sah ihn unruhig an.

„Was hat sie?“, fragte sie leise. Auch Tobias war schrecklich nervös.

„Sie muss heut’ Nacht noch nach Insbruck in die Klinik gebracht werden. Ich kann sie net behandeln.“

„Was ist es denn, Herr Doktor?“, flehte Tante Polly ihn an. „Ist es der Blinddarm? Davon hört man ja so viel. Das geschieht immer ganz plötzlich.“

Der Arzt blickte auf das bewusstlose Mädchen herab. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

„Sie muss sofort in die Klinik. Mehr kann ich nicht sagen. Es ist ernst. Wir müssen einen Krankenwagen verständigen. Sie darf nicht mehr länger warten.“

„Einen Krankenwagen? Bis der da ist! Kann ich sie denn nicht in meinem Wagen zur Klinik fahren?“

„Ja, so muss es gehen. Sie haben recht, wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren.“

„Ich werde sie in Decken wickeln“, weinte Polly. „Ach, die arme Kleine! Und sie hatte sich so auf das Fest gefreut.“

„Wird sie Schmerzen haben?“, fragte Tobias gepresst.

„Zur Vorsicht gebe ich ihr noch eine Spritze. Dann wird sie unterwegs schlafen und nicht viel davon merken.“

Beide sahen zu, wie der Arzt die Spritze aufzog und sie Irina verabreichte. Dann stand er auf und drehte sich um. Polly wickelte sie in drei warme Decken. Tobias hob die leichte Last hoch und trug sie zum Wagen. Sie lag auf dem Liegesitz neben Tobias. Tante Polly strich ihr noch einmal über das Haar.

„Ich werde mich melden, wenn ich wieder zurück bin“, sagte Tobias rau.

„Komm nur, ich werde auf dich warten.“

Tobias fuhr nach Innsbruck. Er versuchte, jedem Stein auszuweichen. Es war eine schreckliche Fahrt, und immer sah er das stille Gesicht vor sich.

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IRINA MERKTE VON ALL dem nichts. Die Spritze zeigte ihre Wirkung, und das Mädchen schlief den ganzen Weg. Sie erwachte erst, als sie in Innsbruck ankamen und vor der Klinik hielten. Doktor Högl hatte ihre Ankunft telefonisch mitgeteilt, und so erwartete man sie schon. Träger mit einer Bahre hoben Irina aus dem Wagen. Tante Polly und Tobias standen dabei und konnten nichts mehr tun. Tante Polly wollte bei Irina bleiben. Aber der Arzt versicherte ihr, sie wäre in guten Händen. Erst morgen könnte man Näheres über ihre Krankheit sagen. Und so blieb den beiden nichts anders übrig, als die Klinik zu verlassen und wieder nach Hause zurückzukehren. Tobias versprach der Tante, morgen wieder mit ihr nach Innsbruck zu fahren.

Irina wurde in der Zwischenzeit von mehreren Ärzten gründlich untersucht. Alle stellten die gleiche Diagnose, und so blieb ihnen keine andere Wahl, als zu operieren. Es musste sofort sein.

Irina überstand den Eingriff recht gut. Ihr Vater und Tante Polly kamen sie jeden Tag mit Tobias besuchen. Tobias hatte inzwischen dem Dorfschullehrer berichtet, wie es um sie beide stand. Irinas Vater machte ein ernstes Gesicht dazu. Er hatte eine lange Unterredung mit dem Chefarzt gehabt. Alle im Dorf glaubten, Irina wäre am Blinddarm operiert worden, und Vater Grant hatte es dabei belassen. Wen ging es etwas an, was wirklich mit Irina geschehen war.

Nur sie selbst musste es bald erfahren. Der Arzt hatte versprochen, ihr die Wahrheit ganz behutsam beizubringen. So vergingen vierzehn Tage. Ein paar Mal hatte Irina schon aufstehen dürfen. Noch waren ihre Beine sehr schwach. Aber bald würde sie wieder ganz gesund sein. Jeden Tag versuchte Irina ein bisschen länger aufzubleiben. Sie sehnte sich nach Hause zurück.

Immer, wenn es seine Zeit zuließ, kam Tobias für einen kurzen Sprung nach Innsbruck. Ach, er liebte sie von ganzem Herzen. Irina wusste es.

Heute saß sie am Fenster und sah in den hellen Sonnenschein. Sie schaute hinauf zu den Bergen und dachte an den Finstertaler See. Er hatte ihr Glück zuerst gesehen. Sicher würden sie und Tobias noch oft dort hinaufsteigen.

Irina versuchte zu lesen, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zu dem einen, der jetzt zu Hause auf dem Birkhof war. In der vergangenen Woche hatte sie ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert. Sie hatte sich ihn ein wenig anders vorgestellt, nicht gerade im Krankenhaus. Aber es war trotzdem ein schöner Tag gewesen. Tobias hatte ihr ein schmales goldenes Armband geschenkt. Sie betrachtete es liebevoll.

Da ging die Zimmertür auf, und der Chefarzt kam herein.

„Herr Doktor, wann darf ich denn endlich wieder nach Hause?“, fragte Irina ihn. „Eine Blinddarmoperation ist doch net so schlimm. Kann ich denn immer noch net heim?“

Der Arzt machte ein ernstes Gesicht.

„Fräulein Grant, ich bin gekommen, um mit Ihnen zu reden. Sie sind doch ein ganz verständiges, junges Mädchen, net wahr?“

Irina sah ihn erschrocken an. Was sollte das bedeuten? Warum diese Einleitung?

„Was haben Sie mir zu sagen, Herr Doktor?“

„Zuerst einmal, Fräulein Grant ... es war keine Blinddarmoperation!“

„Was war es dann?“, fragte sie angstvoll.

Er hätte ihr so gern etwas Liebes gesagt, und sie geschont. Immer wenn er als Arzt eine unangenehme Aufgabe zu erfüllen hatte, dann war ihm gar nicht wohl in seiner Haut. Schrecklich war ihm zumute. Er wusste, er musste ihr die volle Wahrheit sagen. Darauf hatte sie ein Anrecht. Aber er dachte auch die ganze Zeit daran, ob sie diese Wahrheit vertragen könnte.

„Fräulein Grant, haben Sie früher niemals daran gedacht, mal einen Arzt aufzusuchen?“

Irina sah ihn groß an. Ihre Hände ruhten im Schoß. Sie waren abgemagert und sehr weiß.

„Wie meinen Sie das, Herr Doktor?“

„Sie müssen doch schon öfters große Schmerzen ausgestanden haben. Auf dem Fest war es doch nicht zum ersten Mal. Doktor Högl hat mir berichtet, sie hätten ihm gesagt, schon früher Leibschmerzen gelitten zu haben.“

„Werde ich jetzt wieder diese Schmerzen haben?“

„Nein, Sie werden nie mehr Schmerzen haben. Dafür haben wir jetzt gesorgt. Sie können beschwerdefrei leben.“

„Aber das ist doch wunderbar“, rief sie freudig. „Ich kam mir schon wie ein halber Mensch vor und hatte immer Angst, mal mitten auf der Dorfstraße zu stehen und dann vor Schmerzen nicht mehr weiterzukönnen. Sie können sich denken, wie grässlich das ist.“

„Warum sind Sie denn nicht gekommen? Kind, viel früher hätten Sie kommen müssen. Schon vor Jahren.

„Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor, eben haben Sie mir doch gesagt, ich hätte keine Schmerzen mehr, würde auch nie mehr welche haben. Ist es denn jetzt noch so wichtig, dass ich nicht gekommen bin?“

„Fräulein Grant, ich muss Ihnen etwas sehr Ernstes sagen.“

„Ja?“

„Es war nicht der Blinddarm. Den haben Sie noch immer. Es war etwas anderes, verstehen Sie jetzt?“

Ihr Gesicht bekam einen ängstlichen Ausdruck. Dumpf pochte ihr Herz. Sie fühlte dunkel, man würde ihr wehtun. Aber sie konnte nicht ergründen, was es sein würde. Es hing mit ihrer Krankheit zusammen, das spürte sie jetzt.

Der Mann blickte aus dem Fenster. Seine Züge wirkten hart. Er musste hart bleiben, vielleicht konnte er ihr damit helfen. Ganz leise begann er zu sprechen: „Die Schmerzen waren keine Wachstumsschmerzen, wie Sie immer angenommen haben, sondern die Eierstöcke waren vereitert. Als Sie bei uns eingeliefert wurden, da war es schon zu spät. Wir haben alles versucht, aber wir konnten dann doch nur eines.“

„Was haben Sie getan?“

„Wir mussten einen Totaloperation vornehmen, Fräulein Grant. Das war es, was ich Ihnen sagen wollte.“

Stille! Grausame Stille! Man hörte nur das leise Ticken einer Uhr. Irina konnte im ersten Augenblick gar nicht richtig denken. Die Worte wirbelten in ihrem Kopf herum.

Totenblässe überzog ihr Gesicht. Der Arzt stand sprungbereit. Würde sie ohnmächtig werden? Sie war alt genug, um gleich zu wissen, was das bedeutete.

„Wenn Sie unser Haus verlassen, Fräulein Grant, dann sind Sie wieder gesund. Denken Sie daran, Sie werden nie mehr Schmerzen leiden, nur ...“

Und dann brach es aus dem Mädchen heraus.

„Warum reden Sie net weiter? Nehmen Sie keine Rücksichten! Was wollten Sie sagen? So sprechen Sie es doch endlich aus!“

Die Worte hallten von den Wänden wider. Und er sagte diese Wort. Diese grausame Wahrheit. „Sie können niemals Kinder bekommen.“

Ihr Herz war wie ein Eisklumpen. Sie würgte und glaubte zu ersticken. Langsam rannen die Tränen über das eingefallene Gesicht. Mit großen Augen blickte sie ihn an, mit Augen, in denen der ganze Schmerz zu lesen war.

„Lassen Sie mich! Lassen Sie mich allein, bitte!“

Der Arzt stand auf und blieb einen Augenblick neben ihr stehen. Er legte seine Hand auf ihre Schulter.

„Fräulein Grant ...“

„Wer weiß davon?“, fragte sie stammelnd. „Wem haben Sie es noch gesagt?“

„Nur Ihr Vater. Sonst keinem.“ Dann ging der Arzt leise aus dem Zimmer. Er wusste, er musste Irina jetzt alleinlassen. Sie musste mit dem ersten Schock allein fertig werden. Hier konnte keiner helfen.

Ganz langsam stand sie auf und schritt zum Fenster. Wirklich sah sie nichts. Die Augen schwammen in Tränen. Stumm mit gebeugten Schultern stand sie da und weinte.

Wie weinte sie! Ihr Herzblut verrann.

Ach, wie hatte sie auch glauben können, dass alles so bliebe, das ganze Glück ihrer ersten großen Liebe.

„Tobias“, flüsterte sie inbrünstig. „Tobias, ich liebe dich doch so. Ich kann ohne dich nicht mehr leben. Du ...“

Sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufschreien zu müssen.

„Er hat gesagt, ich bin nun wieder gesund.“ Sie lachte bitter auf. „Gesund, gesund, wie kann man denn als Frau gesund sein, wenn man keine Kinder bekommt.“

Mein Gott, sie durfte nicht daran denken. Sie liebte Kinder über alles. In ihren Wunschträumen hatte sie sich immer eine ganze Schar vorgestellt. Sie tollten unter dem alten Apfelbaum vor dem Birkhof herum.

Irina grübelte Tag und Nacht. Wie ein Mühlstein kreisten die Gedanken in ihrem Kopf herum. Aber sie kam zu keinem Ergebnis, immer war der Ausweg versperrt. Es gab einfach kein Zurück mehr. Nie mehr würde sie zurückkönnen.

In drei Tagen sollte sie entlassen werden. Gestern hatte sie sich noch sehr darüber gefreut und mit Tobias Pläne geschmiedet, was sie alles machen wollten. Aber jetzt hatte sie Angst, nach Hause zu gehen. Irgendwie hatte sie das Gefühl der Geborgenheit in der Klinik. Erst draußen würde das Leben schrecklich sein. Hier bemutterte man sie, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Alle Schwestern waren so lieb und nett zu ihr. Sie wussten um ihr schweres Los. Und es war keine darunter, die nicht mit ihr als Frau empfunden hätte.

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DER VATER UND TANTE Polly besuchten sie, diesmal ohne Tobias. Die Heuernte musste eingefahren werden, und es sah ganz nach einem schweren Gewitter aus. Da waren alle Hände wichtig. Der Weg nach Innsbruck hätte viel Zeit in Anspruch genommen. So schickte er nur viele liebe Grüße und das Versprechen, bald zu ihr zu kommen. Irina fühlte sich erleichtert. Sie hatte noch eine kleine Gnadenfrist. Noch brauchte sie nicht zu sprechen. Vielleicht hätte er etwas gemerkt. Sie musste sich erst wieder fangen.

Über dies und das plauderten sie. Tante Polly war ganz ahnungslos. Irina antwortete ihr wohl auf jede ihrer Fragen, aber ihr Herz war nicht bei der Sache. Vielleicht hatte sie gar kein Herz mehr, dort wo es mal gesessen hatte, da drückte es jetzt so schwer. Nur der Vater wusste die volle Wahrheit. Ihm war auch bekannt, dass man es Irina gesagt hatte. Seine Augen suchten ihr Gesicht. Er fühlte, dass sie unsagbar litt, und er hatte großes Erbarmen mit ihr. Irina wagte nicht, ihn anzublicken. Dann wäre es um ihre Fassung geschehen. Sie hätte sich dann aufschluchzend in seine Arme geworfen und hätte bitterlich zu weinen angefangen. Aber der Vater hatte auch sein Packerl zu tragen. Deshalb durfte sie ihm nicht noch mehr aufbürden. Sie war doch gekommen, um ihm zu helfen und Sonnenschein ins Haus zu bringen.

„Irina, wann kommst du denn jetzt nach Hause?“, fragte Tante Polly beim Abschied. „Ich muss das doch wissen, dann werde ich einen Kuchen backen. Und hoffentlich haben wir schönes Wetter. Wir werden dann alle zusammen in der Rosenlaube sitzen. Wart’ nur, Mädel, wenn du erst mal wieder zu Hause bist, dann wird alles gut. Dann bekommst du auch wieder rote Wangen.“

„Ja“, sagte Irina schwach. „Ich will mich bemühen. Aber, Tante, mach’ dir nicht so viel Arbeit, hörst du.“

„Das wäre ja noch schöner“, lachte die Alte.

„Ich werde übermorgen entlassen. Der Arzt hat es mir heute gesagt.“

„Und wie willst du nach Hause kommen, Kind? Du kannst unmöglich mit dem Bus fahren. Gewiss hast du noch Schmerzen, und mit so einer Narbe soll man nicht spaßen“, sagt die Tante ernst.

„Tobias will Irina abholen“, sagte der Vater ruhig. „Ich habe ihn gestern getroffen. Da hat er mir gesagt, ich solle es dir mitteilen, damit du dir keine Gedanken machst. Er wäre pünktlich zur Stelle.“

Irina war aufgestanden.

„Vielen Dank für euren Besuch. Habt Dank für alles.“ Für einen Augenblick nahm der Vater sie in seine Arme. Er sah ihr forschend ins Gesicht. Sie blickte zur Seite.

„Kind“, sagte er bewegt. Für einen kurzen Augenblick klammerte sie sich an seine Hände. Dann stand sie da und sah sie fortgehen.

Polly winkte immer wieder. Der Vater blickte sich nicht mehr um.

Dann brach der Tag an, wo Irina nach Hause fahren sollte. Sie hatte ihre Sachen zusammengepackt und wartete auf den Arzt, um sich von ihm zu verabschieden.

Es klopfte an der Tür. Irina sah auf und dachte, es wäre der Arzt. Aber es war Tobias. Er war gekommen, um sie heimzuholen. Freudig ging er auf sie zu. Irina sah ihn mit großen Augen an. Er schloss sie in seine Arme und küsste sie zärtlich. Da schluchzte sie wild auf. Tobias erschrak.

„Was ist dir, Schatzerl? Geht es dir net gut? Hab’ ich dir wehgetan? Du musst es mir sagen, hörst du!“

Sie schüttelte nur stumm den Kopf.

„Es ist schön, dass du gekommen bist, Tobias.“

„Aber hat der Vater dir denn net mitgeteilt, dass ich komme?“

Behutsam löste sie sich aus der Umarmung. Der junge Mann stand mit gemischten Gefühlen im Raum und blickte Irina an. Sehr hatte sie sich verändert. Sie war nicht mehr so strahlend glücklich, nicht mehr so heiter und koboldartig wie früher. Tobias streckte die Hand aus.

„Hab’ ich dich erschreckt, Irina? Was ist mit dir?“

„Nichts!“, und ganz leise fügte sie hinzu: „Du musst mir ein wenig Zeit lassen, weißt du!“

„Ja, natürlich. Du bist noch schwach. Glaub’ mir, ich werd’ dich wie ein rohes Ei behandeln. Ich werd’ dich hegen und pflegen, bis du wieder die alte Irina bist.“

Sie blickte ihn an und dachte: Sein Gesicht, die zärtliche Stimme, seine Liebkosungen, alles, alles muss ich von mir weisen. Ich darf es nicht mehr zulassen.

Seit Tagen wusste sie eins: Seine Frau konnte sie niemals werden. Er war Bauer und Hoferbe, er brauchte eine Frau, die ihm Kinder schenkte. So sollte es sein, und so erwartete man es auch von einer jeden Bäuerin. Aber sie konnte ihm keine Kinder geben. Sie musst verzichten, würde nie ein Kindlein im Arm halten, würde nie ... Abrupt wandte sie sich um und nahm den Mantel vom Bett hoch. Sie durfte nicht mehr so denken.

Der Arzt kam und gab Irina noch einige Anweisungen, wie sie die erste Zeit zu Hause leben sollte. Sie nickte zu allem. Sprechen konnte sie jetzt nicht. Ein dicker Kloß saß in ihrer Kehle.

Tobias fühlte sich irgendwie verletzt. Was war mit Irina los? Hätte sie nicht froh sein müssen, dass sie jetzt nach Hause durfte?

Doch dann dachte er: Bestimmt hat sie noch Schmerzen. So eine Operation ist nicht so schnell zu überwinden. Und er nahm sich vor, recht lieb und zärtlich zu ihr zu sein.

Gemeinsam verließen sie das Krankenhaus und stiegen in den Wagen. Tante Polly hatte Tobias vorsorglich Decken und Kissen mitgegeben. Er wickelte Irina darin ein. Und gerade diese liebevolle Fürsorge machte Irina noch elender. Sie schloss die Augen und flüsterte: „Danke schön, Tobias. Du bist so lieb zu mir.“

Bevor er den Wagen startete, beugte sich Tobias über sie und hob ihren Kopf zu sich hoch. Tief blickte er ihr in die Augen.

„Es kann kommen, was da will, Irina. Du darfst nur eines nie und nimmer vergessen, hörst du. Nie! Dass ich dich liebe! Ich liebe dich mehr als mein Leben!“

Ihre Lider flackerten leicht. Ihre Hände waren eiskalt. Er küsste sie zart.

„Warum sagst du nichts? Habe ich dich erschreckt?“

Irinas Augen schwammen in Tränen, sie sah alles wie durch einen Schleier. Ich muss es ihm sagen, ich muss es ihm sagen, schrie es in ihr auf. Ich habe kein Recht mehr auf seine Liebe.

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ZWEI WOCHEN WAR SIE nun schon wieder zu Hause. Aus dem einst so fröhlichen, unbeschwerten Mädchen war ein stilles, trauriges Geschöpf geworden. Nun hörte man keine Lieder mehr im Haus. Sie ging still ihrer Arbeit nach.

Der Arzt in der Klinik hatte recht behalten. Die Schmerzen waren fort. Sie war wieder vollkommen gesund. Gesund am Leib, aber nicht an der Seele.

Tante Polly machte ganz betrübte Augen, wenn sie Irina sah. Sie versuchte, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Was war denn mit dem Madel los? Warum war sie so traurig geworden? Die Operation war gut überstanden, und jeder sah es doch, dass Tobias sie von ganzem Herzen liebte. Kam er nicht, immer wenn es seine Zeit zuließ, zu ihr ins Lehrerhäusl? Wie viele Abende hatten sie gemeinsam in der Laube gesessen und sich unterhalten. Und wie zärtlich und fürsorglich Tobias immer zu Irina war. Ja, das Mädel konnte sich freuen, einmal einen so guten Mann zu bekommen. Aber immer, wenn Tobias fortging, stand Irina am Gatter und sah ihm nach, so traurig, so unendlich traurig. Schickte sich das für eine glückliche Braut?

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