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Hedwig Courths-Mahler - Folge 189

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Dorrit und ihre Schwester
  4. Vorschau

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Dorrit und ihre Schwester

Einer der bezauberndsten Romane von Hedwig Courths-Mahler

 

 

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A ihrem zwanzigsten Geburtstag verändert sich Dorrits Leben von Grund auf: Sie erfährt, dass sie nur die Adoptivtochter des Ehepaares Lund auf Gut Neustetten ist. Ihre Mutter ertrank in der Ostsee, als Dorrit zwei Jahre alt war. Ihr Vater, Kurt Riemann, ging nach Amerika, und niemals hörte man mehr etwas von ihm. Das Bewusstsein, wieviel Dank sie ihren Adoptiveltern schuldet, veranlasst Dorrit zu einem großen Opfer: Sie wird die Braut Karl Lamprechts, eines skrupellosen Spekulanten, bei dem ihr Adoptivvater hoch verschuldet ist. Doch das Schicksal bewahrt Dorrit vor einer Ehe mit dem verhassten Mann. Die Adoptiveltern sterben kurz hintereinander. So löst sie die Verlobung, auch wenn sie sicher ist, dass sie dann Gut Neustetten verlassen muss. Aber sie ist frei, frei für Lienhard von Ried, dem ihr Herz schon lange gehört! Wieder lenkt jedoch das Schicksal Dorrits Leben in unvorhergesehene Bahnen: Aus New York meldet sich eine bislang unbekannte Großtante, Rose Steinert, die das Gut für Dorrit retten will. Mehr noch, sie bestimmt Dorrit in ihrem Testament zur Alleinerbin ihres riesigen Vermögens. Das aber ruft einen Mann auf den Plan, der sich nie um Dorrit kümmerte, jetzt aber an ihrem Erbe teilhaben will: Kurt Riemann, ihren leiblichen Vater…

Frau Rose Steinert saß wie meistens an schönen Tagen auf der Terrasse ihrer Villa auf Long Island, als ihr langjähriger Diener Hermann, ein Deutscher wie sie, zu ihr trat und meldete, ein Herr wünsche sie zu sprechen.

Sie griff nach der Besuchskarte: Kurt Riemann. „Lass den Herrn herein, Hermann – es ist mein Neffe. Wie sieht er aus?“

„Nun, wie einer der Farmer, die neu eingekleidet nach New York kommen.“

„Du hast sehr scharfe Augen, Hermann.“

„Wenn dat man keene Upregung giwt för Se, Frau Steinert“, sagte er in seiner heimischen Mundart.

„Von meiner Seite nicht“, beruhigte sie ihn.

Der Diener verschwand. Kurz danach trat Kurt Riemann auf die Terrasse und ging auf Frau Rose zu.

„Wie ich mich freue, dich wiederzusehen, liebe Tante Rose!“

Sie ergriff seine Rechte mit kurzem Druck.

„Ich habe mir freilich nicht träumen lassen, dich jemals wiederzusehen, nachdem wir vor achtzehn Jahren nicht gerade herzlich voneinander schieden.“

„Nun ja, liebe Tante, wir hatten damals eine kleine Meinungsverschiedenheit. Darf ich mich setzen?“

„Bitte! Wie lange gedenkst du in New York zu bleiben?“

Er sah sie lächelnd an.

„Meine Geschäfte hier sind bald erledigt, das dauert nicht lange. Es kommt nur darauf an, ob du mir gestatten willst, mich etwas länger deiner Gesellschaft zu erfreuen und mit dir ein wenig von alten Zeiten zu sprechen. Ich habe wahrhaft immer große Sehnsucht nach dir gehabt, wagte es nur nicht, dir zu schreiben, weil du doch ein wenig ärgerlich auf mich warst. Aber schließlich sind wir Blutsverwandte und gehören sozusagen zusammen. Man darf da nicht so kleinlich sein wegen eines Streits, der doch längst vergessen ist, nicht wahr?“

Es huschte wie Spott um Frau Roses Mund.

„Von meiner Seite ist alles vergessen. Wenn man bald an die Siebzig herankommt, beschäftigt man sich mit wichtigeren Dingen.“

„Oh, Gott sei Dank siehst du noch sehr frisch und munter aus!“

„Was man von dir eigentlich nicht sagen kann, du müsstest für deine Jahre und bei dem Leben in frischer Luft auf einer Ranch besser aussehen.“

Er blickte sie betroffen an.

„Du weißt, dass ich auf einer Ranch lebe?“

Sie nickte.

„Alles Wissenswerte weiß ich von dir.“

„Wie hast du das in Erfahrung gebracht?“

„Das will ich dir sagen. Eines Tages, als mein größter Groll gegen dich verflogen war, sagte ich zu meinem Mann: Ich möchte wissen, was aus meinem Neffen Kurt geworden ist – er wollte doch in den Süden von Amerika gehen, ob er noch lebt und drüben geblieben oder wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Nun, mein Mann war im Lauf der Zelt ein smarter Amerikaner geworden und lachend sagte er zu mir: ‚Dat willen wi bald hebben, Mutting.‘ Und er ließ ein paar tausend Drucksachen mit dem Inhalt herstellen. ‚Wer Kurt Riemann kennt und seinen Aufenthalt, der soll alles, was er von ihm weiß, an H. Steinert, Seifenfabrik, New York, schreiben. Als Entschädigung für seine Mühe soll der Berichterstatter eine Zentnerkiste beste Seifert-Seife kostenlos erhalten.‘ Jeder dieser Zettel wurde in eine Kiste Steinert-Seife obenauf gelegt. Unsere Seifen werden über ganz Nord- und Südamerika versandt. So kamen die Kisten überall hin, auch nach San Domingo in Texas und nach Bonara. Und dort warst du bekannt. Bald darauf bekamen wir zwei ausführliche Berichte, die alles Wissenswerte enthielten: dass deine zweite Frau gestorben ist, dass du eine Tochter Micaela aus zweiter Ehe hast und ebenso einen Neffen, der gemeinsam mit dir die große Pferderanch geerbt hat. Oder richtiger gesagt, du solltest nur der Verwalter für deinen Neffen und für deine Tochter sein. Man schrieb uns auch, dass du und dein Neffe viel am Spieltisch säßen und die Ranch bald heruntergewirtschaftet sein würde. Nun wird es wohl so weit sein, sonst hättest du mich schwerlich aufgesucht.“

Sie hatte das alles mit ironischem Humor vorgebracht. Riemann nagte ärgerlich an seiner Unterlippe.

„Man hat mich bei dir verleumdet, Tante Rose. Du ahnst nicht, welche Schwierigkeiten ich mit der Bewirtschaftung meiner – unserer Ranch habe.“

Und er berichtete, dass es mit der Pferdezucht immer weiter bergab ging, dass er sich geschunden und abgerackert habe, um die Ranch zu halten, zumal sie doch das Erbe seiner Tochter und seines Neffen sei. Wenn er nun, wie das selten genug geschehe, einmal ein leidlich gutes Geschäft gemacht und danach bei einem Glas Wein ein Spielchen gewagt habe, sei das doch nicht zu verdammen, er habe sonst wenig Unterhaltung auf seiner abseits liegenden Ranch. Es sei wirklich ein hartes Leben, das er führen müsse. Aber bisher sei es wenigstens zu ertragen gewesen. Nun sei jedoch sein Neffe erwachsen und verlange die Auszahlung seines Erbes. Wie aber solle er das bewerkstelligen? Er besitze keinen Pfennig und habe sich selbst das Reisegeld borgen müssen. Wovon solle er mit seiner Tochter leben, wenn er die Ranch aufgeben müsse. Wenn sie sich schon nicht seinetwegen erweichen ließe, so solle sie doch wenigstens Micaela nicht aus ihrem Herzen verbannen.

Frau Rose durchschaute Riemanns heuchlerisches Spiel und entgegnete ihm: „Ich will schon dafür sorgen, dass Micaela nicht eines Tages für deinen Leichtsinn büßen muss. Zuerst aber soll Dorrit geholfen werden. Schließlich haben wir es nicht zuletzt Dorrits Mutter zu verdanken, dass wir hier in Amerika zu Erfolg und Reichtum gekommen sind. Hätte Maria, deine Frau, vor unserer Abreise aus Deutschland die gleiche Gesinnung gezeigt wie du – wer weiß, wie unser Schicksalsweg dann verlaufen wäre. Die großherzige Maria aber hat keinen Augenblick gezögert, uns in der Stunde der Not ihr Erspartes zu schenken, obwohl sie vielleicht schon damals ahnte, dass sie bald selbst auf jeden Pfennig angewiesen sein würde. Als ich dann erfuhr, dass sich die arme Frau aus Verzweiflung das Leben genommen hat, war meine Bestürzung groß, dass ich ihr in der dunkelsten Stunde ihres Lebens nicht hatte helfen können, und ich schwor mir, dass das, was ich mit Marias kleinem Vermögen verdienen würde, einst Dorrit – deiner und Marias Tochter – zugute kommen sollte.“

Riemann fuhr auf.

„Das Geld gehörte mir – ich hatte es meiner Frau in Verwahrung gegeben, und es fehlte mir später sehr, da sie es ausgegeben hatte“, warf er hastig ein, im Versuch, zu retten, was zu retten war. Sie sah ihn nur ironisch an.

„Das musste kommen, ich habe es erwartet, denn ich kenne dich. Gib dir keine Mühe, ich weiß, dass Maria ganz bestimmt dein Geld nicht weggegeben hätte. Aber mir ist in dieser Zeit die Überlegung gekommen, dass dir dieses Geld doch vielleicht irgendwie zugute gekommen wäre, falls ich es nicht erhalten hätte, und deshalb habe ich mir vorgenommen, dir zehntausend Mark auszuzahlen. Geh sparsam damit um, du wirst nicht einen Pfennig mehr von mir bekommen. Alles, was ich besitze, erhält Dorrit, und nur für deine Tochter Micaela fällt etwas ab, damit sie ohne Not davon leben kann. Sie erhält es durch Dorrits Hand. Das ist alles festgelegt. Du wirst hoffentlich so weit Vater sein, dass du dich freust, dass deine Kinder wenigstens einem sorglosen Leben entgegengehen.“

Er schluckte krampfhaft und stieß hervor:

„Dorrit ist schon eine reiche Erbin, ihre Adoptiveltern werden sie als Erbin einsetzen.“

„Nun, ich bin besser orientiert. Dorrit befindet sich derzeit in einer Lage, die mein Eingreifen schon jetzt nötig macht. Ihre Adoptiveltern sind durch Krieg und Inflation verarmt, und dein Kind scheint in einer schweren seelischen Krise zu stecken. Um Ihre Adoptiveltern vor dem Untergang zu retten, hat sie sich mit dem Hauptgläubiger verlobt, obwohl sie anscheinend ihr Herz anderweitig verschenkt hat. Sie ist also keineswegs in einer glänzenden Lage. Ich habe nicht vergessen, was Maria für mich getan hat, und deshalb will ich für ihre Tochter eintreten und versuchen, ihr Glück zu retten, ganz abgesehen davon, dass sie meine Erbin wird. Sie sollte erst nach meinem Tod von mir hören, aber mir scheint, dann komme ich zu spät. Dies nur zu deiner Orientierung, denn du scheinst dich überhaupt nicht mehr um das Ergehen deiner Tochter aus erster Ehe gekümmert zu haben, sonst müsstest du wissen, dass sie schon lange nicht mehr in gesicherten Verhältnissen lebt.“

Er hatte mit zusammengezogener Stirn zugehört. Ganz gewiss hatte er an seine Tochter aus erster Ehe kaum noch gedacht. Die Sorge um sie hatte er ihren Adoptiveltern überlassen, froh, nicht für sie sorgen zu müssen. Nun aber gewann Dorrit in seinen Augen ein starkes Interesse, nämlich in ihrer Eigenschaft als voraussichtliche Erbin Rose Steinerts. Nie hatte er ein wärmeres Gefühl für Dorrit gehegt, aber jetzt stieg etwas wie Hass und Neid gegen sie in seinem Innern auf.

Endlich hatte sich Riemann wieder in der Gewalt, und er bemühte sich, heiter zu erscheinen.

„Natürlich freue ich mich, dass du meine Töchter bedacht hast, aber du wirst doch auch verstehen können, dass du mich tief kränkst, wenn du mich ganz leer ausgehen lässt. Schließlich bin ich doch dein nächster Verwandter! Hättest du mich zu deinem Erben gemacht, so wäre dieses Erbe in jedem Fall meinen Töchtern zugute gekommen, da sie es wieder von mir geerbt hätten. Aber ich kann doch nichts von meinen Töchtern annehmen!“

Sie sah ihn mit klaren, unbestechlichen Augen an.

„Nun, ich hoffe allerdings, dass du noch so viel Selbstachtung besitzt, dass du von deinen Töchtern nichts annehmen würdest, denn du bist ein Mann und kannst selbst für dich sorgen. Aber ich bin leider keineswegs davon überzeugt, dass du nicht ganz gern den Löwenanteil von deinen Töchtern beanspruchen würdest, unter dem Vorwand, dass man dich übergangen habe. Darum lass dir nur gleich gesagt sein, dass ich solchen Wünschen in meinem Testament einen Riegel vorgeschoben habe. Ich kann mein Vermögen hinterlassen, wem ich will. Du wirst dich also, wie gesagt, mit der erwähnten Summe begnügen müssen. Versuche dich damit zu arrangieren und lebe in Zukunft vernünftiger! Du bist schon mit der Mitgift deiner ersten Frau fertig geworden, und jetzt bist du drauf und dran, das Erbe deiner Tochter Micaela durchzubringen, ganz abgesehen davon, dass du auch das Erbe deines Neffen schlecht verwaltet hast. Will der junge Mann nun ausbezahlt werden, so musst du schon selbst dafür sorgen, dass er zu seinem Recht kommt.“

Kurt ließ den Kopf hängen. Weit davon entfernt, sich diese Strafpredigt zu Herzen zu nehmen, grübelte er darüber nach, wie er an dem Erbe der Tante partizipieren könnte. Rodrigo hatte ja noch gar nicht daran gedacht, die Auszahlung seines Erbteils von ihm zu fordern, das hatte er nur als Vorwand benutzt. Es fiel ihm auch nicht ein, sich deswegen Sorgen zu machen. Sollte der Junge dieses Ansinnen an ihn stellen, dann würde er ihm kaltblütig sagen: Nimm die Hälfte der Ranch und der Pferde und lass mich im Übrigen ungeschoren!

Angespannt dachte er darüber nach, wie er es anfangen sollte, die Tante umzustimmen, aber als er sie ansah, erkannte er, dass diese Frau nicht von ihren Vorsätzen abgehen würde. Eine tragische Miene aufsetzend, sagte er seufzend:

„Du willst mir also nicht aus meinem Elend helfen. Ich muss dir ja danken, dass du mir die zehntausend Mark auszahlen willst. Sie reichen aber bei weitem nicht aus, um meinen Neffen Rodrigo auszuzahlen. Was soll ich tun?“

Sie erhob sich ruhig.

„Das ist eine Angelegenheit, die du selbst erledigen musst. Willst du zu Tisch bleiben? Es ist meine Tischzeit, und ich will meine Mahlzeiten pünktlich einnehmen.“

Er sprang ebenfalls auf. Da er hoffte, wenigstens in diesem reichen Haus noch eine recht üppige Mahlzeit vorgesetzt zu bekommen, verneigte er sich.

„Es würde mich freuen, wenn du mir gestatten würdest, mit dir zu speisen.“

So aßen sie zusammen, und Riemann war sehr verwundert, wie einfach das Menü war. Bei Tisch zeigte sich Frau Rose von einer formellen Liebenswürdigkeit. Riemann taute langsam wieder auf und sagte sich, er tue jedenfalls gut daran, sich von seiner charmantesten Seite zu zeigen. Schließlich sagte die alte Dame mit ihrem feinen Humor:

„Wer dich nicht näher kennt, Kurt, auf den musst du einen bezaubernden Eindruck machen. Du bist unbedingt noch heute ein Frauenheld, und wenn du dich nicht allein im Leben zurechtfindest, dann rate ich dir, ein drittes Mal dein Glück in der Ehe zu versuchen. Vielleicht gelingt es dir, eine reiche Frau zu bekommen.“

Er zwang sich zu einem Lächeln. „Du reichst einem bittere Pillen mit Zuckerguss, Tante Rose.“

„Nun, du kannst ganz zufrieden sein, dass ich mir die Mühe mache, sie überhaupt zu versüßen. Ich möchte nur wissen, ob es dir wenigstens gelungen ist, die reizende und liebenswerte Maria glücklich zu machen.“

„Maria ist sehr glücklich gewesen, das kannst du mir glauben! Auch meine zweite Frau hat an meiner Seite ein volles Glück gefunden.“

Frau Rose nickte vor sich hin. „Nun ja, jeder Mensch ist zu etwas gut und kann auch Gutes wirken, ohne es zu wollen. Schade, dass Maria so jung sterben musste. Es hat mich sehr erschüttert, denn ich hegte große Sympathie für sie, ganz abgesehen davon, dass ich ihr Dank schuldig war.“

Riemann sah sie forschend an. „Es würde mich interessieren, zu hören, wie und wann du Maria dazu veranlasstest, dir das Geld zu leihen.“

Sie atmete tief auf.

„Es war das Großartige, dass ich sie überhaupt nicht dazu veranlasste. Ich kam, während du noch nicht daheim warst, in dein Haus und offenbarte ihr, in welch schlimme Lage ich durch unseren Bankier geraten war und dass ich gekommen sei, um dich um etwas Geld zu bitten, das uns die Überfahrt und einen Aufenthalt im fremden Land ermöglichen sollte. Da sagte sie mir, dass sie nicht wisse, ob du flüssige Mittel hättest. Sie nahm aber an, dass es dich sehr betrüben würde, mir eventuell nicht helfen zu können. Deshalb sagte sie zu mir, sie besitze zehntausend Mark und fragte mich, ob mir das helfen würde. Falls du nichts entbehren könntest. Dass du mir überhaupt nicht würdest helfen wollen, nahm sie gar nicht an, eine so gute Meinung hatte sie von dir. Und als ich gedemütigt durch deine mehr als rohe Abweisung wie ein geprügelter Hund davonschlich, hielt sie mich auf und flüsterte mir zu, dass sie das Geld sofort nach Hamburg an mein Hotel überweisen lassen würde. Es traf auch pünktlich ein. Gott lohne es ihr an ihrem Kind! Aber da fällt mir ein – Maria muss doch wenigstens einen Teil unserer Unterhaltung gehört haben, da sie wusste, dass ich nichts von dir bekommen hatte.“

„Mein Gott, Tante, sie hat wahrscheinlich sehr gut gewusst, dass ich dazu gar nicht in der Lage war. Ich hatte damals große Verpflichtungen.“

Sie nickte ironisch.

„Leute wie du pflegen immer Verpflichtungen zu haben.“

„Ich habe eben nie Glück gehabt im Leben!“, rief er unzufrieden.

„Ich glaube, du hast immer zu viel Glück gehabt, so dass du es niemals nötig hattest, selbst für dich einzustehen. Das ist freilich unter Umständen auch ein Unglück.“

Gleich wollte er das ausnutzen.

„Vielleicht hast du Recht, aber diesem Umstand solltest du doch Rechnung tragen, Tante Rose, und Milde walten lassen!“

„Oh, du ahnst nicht, wie viel Milde ich dir gegenüber habe walten lassen“, sagte sie ruhig.

Da sah er ein, dass er bei ihr nichts mehr erreichen konnte. Warum also sollte er ihr noch länger seine Zeit widmen?

Gleich nach Tisch verabschiedete er sich dann von ihr, nachdem sie ihm den Scheck ausgestellt hatte. Ehe er ging, fragte er noch:

„Wie willst du die Angelegenheit zwischen Micaela und Dorrit ordnen? Es dürfte immerhin nötig sein, dass du Dorrit Mitteilungen machst, dass ich noch am Leben bin.“

„Du kannst unbesorgt sein, ich habe ihr in einem Schreiben, das sich in meinem Nachlass befindet, mitgeteilt, du habest eine zweite Ehe geschlossen, und aus dieser sei eine Tochter hervorgegangen. Sie soll wenigstens erfahren, dass sie noch eine Schwester hat. Ich wollte, auch Micaela wüsste, dass sie eine Schwester hat. Das Bewusstsein, nicht ganz allein auf der Welt zu sein, ist für junge Menschen zuweilen tröstlicher als für alte.“

Nach diesen Worten verabschiedeten sich Tante und Neffe voneinander.

***

Kurt Riemann hielt sich nicht länger in New York auf. Schon am nächsten Morgen reiste er ab.

Als er zu Hause angelangte, wurde er von Rodrigo und Micaela erwartungsvoll empfangen. Rodrigo konnte seine Ungeduld nicht beherrschen.

„Nun, Onkel Kurt, hat deine Reise den erwünschten Erfolg gehabt?“

Finster sah ihn Riemann an.

„Kannst du nicht warten, bis ich wenigstens den Reisestaub abgeschüttelt habe?“, erwiderte er und zog sich in sein Zimmer zurück.

Rodrigo sah Micaela mit einem ironischen Blick an.

„Er scheint schlechter Laune zu sein, das ist kein gutes Zeichen. Ich fürchte, meine tausend Dollar sind weg.“

Mica zuckte die Schultern.

„Ich habe es nicht anders erwartet. An Stelle meiner Großtante hätte ich auch meine Tasche zugehalten.“

Und ruhig ging Mica ihrer Arbeit nach, während Rodrigo sich, wie gewöhnlich, faul herumräkelte.

Als Riemann wieder aus seinem Zimmer kam, war es Zeit zum Abendessen. Er trug seinen gewöhnlichen Reitanzug: lange Lederhosen und dazu ein graubraunes Blusenhemd. Der Waffengürtel war fest um die Taille geschnallt, aber es steckten jetzt keine Pistolen darin.

Er erkundigte sich zunächst nach der Arbeit, die in seiner Abwesenheit geleistet worden und was sonst geschehen war. Rodrigo berichtete verdrießlich, Mica ruhig und sachlich wie immer. Die Abendmahlzeit wurde eingenommen, und erst, als der Tisch wieder abgeräumt worden war und die beiden Männer ihre Pfeifen angezündet hatten, sagte Riemann, den Kopf auf beide Arme stützend und seinen Neffen ansehend:

„Also, es war so ziemlich ein Schlag ins Wasser.“

Rodrigo stieß ein hässliches Lachen aus.

„Das heißt also: meine tausend Dollar sind futsch.“

„Warte es ab. Vielleicht sind sie doch nicht umsonst ausgegeben worden. Eine Kleinigkeit mehr als diese tausend Dollar habe ich aus meiner Tante herausgelockt. Sie gab mir zweitausend, damit ich die Reise zu ihr nicht umsonst gemacht habe. Du könntest also deine tausend Dollar gleich wiederhaben wenn du es nicht vorziehst, dich damit bei einem besseren Geschäft zu beteiligen, das ich in Aussicht habe.“

„Lass hören, Onkel. Wenn es entsprechende Gewinne verspricht, bin ich dabei.“

Riemann lachte heiser.

„Wenn das Geschäft klappt, dann können wir vielleicht eine kleine runde Million verdienen“, sagte er prahlerisch.

Rodrigo machte große Augen und sah ihn begierig an. „Verdammt! Da halte ich selbstverständlich mit. Aber was ist das für ein Geschäft?“

Riemann maß ihn von oben bis unten.

„Steh mal auf, Rodrigo, damit ich dich genau betrachten kann. Das Geschäft hängt nämlich zum großen Teil mit deiner Persönlichkeit zusammen.“

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