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Hedwig Courths-Mahler - Folge 082

Ich möchte den Justizrat sprechen, Val. Bitte telefoniere und sage ihm, dass ich ihn morgen Vormittag erwarte!“

Besorgt sah Valerie in das blasse, leidende Gesicht der Kranken. „Es wird dich zu sehr anstrengen, Mutter. Warte doch damit, bis du dich besser fühlst!“

Ein blasses Lächeln huschte um den Mund der Kranken. „Immer wieder willst du mich davon abhalten, mein Testament zu machen, und immer habe ich mich von dir bestimmen lassen. Einmal muss es aber sein.“

„Das eilt doch nicht, du wirst bald wieder gesund und kannst es dann nachholen; tu es nicht gerade jetzt, wo du dich so elend fühlst!“

Ein energischer Zug um den Mund der Kranken ließ erkennen, dass sie sich nicht mehr länger hinhalten lassen wollte. Es hing mehr davon ab, als Valerie annehmen konnte.

Und so sagte sie ruhig: „Es muss sein, Val. Man soll sein Haus bestellen, solange man noch kräftig genug dazu ist. Ich darf es nicht länger hinausschieben, deinetwegen nicht. Ich will deine Zukunft sicherzustellen versuchen.“

Ein wenig erstaunt blickte Val zu ihr hin. „Aber Mutter, dazu brauchst du kein Testament zu machen. Ich bin doch dein einziges Kind. Und wenn du Legate aussetzen willst, brauchst du mir nur zu sagen, wer bedacht werden soll und in welcher Art; dann ist das so gut wie ein Testament.“

Mit einem müden Blick sah Dora Lorbach zu Valerie auf. „Ach Kind, mein liebes Kind, leider ist das nicht so einfach, wie du denkst. Komm, setze dich zu mir, ich muss dir wohl endlich einmal klarmachen, was geschehen würde, wenn ich kein Testament vor meinem Tod machen könnte.“

„Aber du wirst dich aufregen, Mutter, und das darf nicht sein. Warte doch, bis du wieder gesund bist!“

Die Kranke zog Valerie neben sich auf einen Sessel nieder. „Nein, nicht eine Stunde darf und will ich das aufschieben; ich habe es schon viel zu lange getan.“

Da gab Valerie endlich nach, nahm die Hände der Kranken und sagte innig: „So sprich dir das Herz frei, Mutter! Aber ich bitte dich, bleib ruhig dabei!“

Frau Dora nahm die Hand der Tochter fest in die ihre und seufzte tief auf. „Also höre gut zu, Val, und wenn ich dir etwas sagen muss, das dich vielleicht aufregen und beunruhigen wird, so wirst du mir doch deshalb deine Liebe nicht entziehen.“

Mit einem reizenden Lächeln beugte sich Valerie herab und küsste die Kranke.

„Wie sollte das möglich sein, liebe Mutter? Du weißt doch, dass du mir der liebste Mensch auf der Welt bist und bleiben wirst.“

Wieder seufzte die Kranke. „Wenn ich das nur sicher wüsste, Val, dann würde mir leichter, was ich dir zu sagen habe.“

„Daran glaube nur“, erwiderte Val mit fester Stimme.

„Also das Schwerste zuerst, Val: Ich – ich bin nicht deine Mutter.“

Valerie fuhr erschrocken zurück und wurde blass bis in die Lippen. „Nicht meine Mutter?“, flüsterte sie mit versagender Stimme.

„Nein, mein Kind, ich habe dich nur an Kindes statt angenommen, kurz nachdem mein einziges kleines Mädchen mir durch den Tod entrissen worden war und mir auch mein Mann durch einen Unglücksfall genommen wurde. Er hat den Tod unseres kleinen Mädchens nur einige Wochen überlebt. Und da war ich ganz elend und vereinsamt und sehnte mich nach einem Menschen, der zu mir gehörte. Wie ich veranlagt war, gab es für mich keine Möglichkeit, eine zweite Ehe einzugehen, so jung ich auch damals noch war. Ich hatte meinen Mann zu sehr geliebt. Und – um nicht ganz zu verzweifeln und nicht ganz einsam zu sein, nahm ich dich zu mir – ich kaufte dich deinen Eltern ab.“

„Du kauftest mich ihnen ab? Meine Eltern nahmen Geld dafür, dass sie mich dir überließen?“

„Sie waren arm, Val, und hatten noch mehr Kinder.“

Ein bitteres Lächeln flog um Vals Mund. „Ah, da war ich ihnen lästig, sie waren froh, dass sie die Sorge um mich los wurden.“

„Nicht so bitter, Val! Sie sahen wohl, dass dir bei mir ein sorgloseres Schicksal blühte. Du schienst meinem kleinen Mädchen ähnlich zu sein, warst ein so süßes, liebliches Kind, ich hing gleich mein Herz an dich und konnte nicht mehr von dir los. Val, liebst du mich nun weniger?“

„Ich liebe dich mehr als je. Du gabst mir alles, was eine liebevolle Mutter ihrem Kind geben kann – mehr jedenfalls, als meine eigene Mutter mir gab.“

„Ich wusste ja, dass es dich erschüttern würde. Deshalb schob ich es hinaus, soweit ich konnte. Am liebsten hätte ich es dir ganz verschwiegen, aber nach meinem Tod hättest du es doch erfahren müssen, und dann wäre ich nicht mehr da gewesen, um dich zu beruhigen.“

Erschüttert beugte sich Val über die Kranke und küsste sie.

„Wie gut du bist – immer zu mir gewesen bist! Alles danke ich deiner Güte und Liebe, auf die ich doch kein Anrecht hatte! Wer bin ich denn, liebste Mutter?“

Liebevoll strich die Kranke ihr das Haar aus der heißen Stirn. „Nach wie vor mein geliebtes Kind. Und was du warst, ehe ich dich zu mir nahm? Das Kind einer armen Bauernfamilie, die in Thüringen in einem Dorf ein kleines Häuschen hatte und armselig von der Hand in den Mund lebte. Ich fand dich eines Tages vor der Tür dieses Häuschens sitzen; du sahst mich an mit deinen strahlenden Augen und strecktest mir lächelnd die Ärmchen entgegen. Du warst noch nicht ein Jahr alt. Und ich kam von dieser Stunde an nicht mehr los von dem Wunsch, dich als mein Eigen betrachten zu dürfen. Ich hatte dieses Thüringer Dorf aufgesucht, um in einem Sanatorium Erholung und Ruhe nach all dem Schweren zu finden. Jeden Tag trieb es mich von neuem zu dem kleinen Bauernhaus, und ich stand und wartete, bis deine Mutter dich in die Sonne herausbrachte. Deine beiden Geschwister, die dir gar nicht ähnlich waren, spielten mit dir, aber es ging dabei ziemlich roh zu. Du weintest oft und strecktest dann immer wie Hilfe suchend die Ärmchen nach mir aus. Kurzum, ich sprach mit deinen Eltern, stellte ihnen vor, wie gut du es bei mir haben würdest und dass ich ihnen Geld für dich geben wollte, genug, damit sie die Hypothek auf ihrem kleinen Anwesen ablösen und ein sorgloseres Leben führen konnten. Sie willigten schließlich ein, und du wurdest mein Kind.“

Wie leicht die Eltern Valeries eingewilligt hatten und wie gierig sie die Kaufsumme an sich gerissen hatten, berichtete sie aus Schonung für Valerie nicht. Sie sah in deren Augen einen seltsam sehnsüchtigen Glanz.

„Hartmann hießen sie, Val. Ich habe ihre Adresse in meinem Notizbuch. Aber ich glaube nicht, dass es gut wäre, wenn du mit ihnen in Verbindung treten würdest. Du bist aus den Verhältnissen herausgewachsen, denen du entstammst, wenn es deinen Eltern auch etwas besser ging, nachdem sie auf einem schuldenfreien Grund und Boden leben konnten. Ich habe freilich später nichts mehr von ihnen gehört, bin nie wieder in diese Gegend gekommen, denn ich hatte Angst, man könnte dich mir wieder fortnehmen. Du wurdest mir teuer wie ein eigenes Kind. Leider konnte ich dich zunächst nicht adoptieren, wie ich das wollte, weil ich noch nicht das gesetzmäßig vorgeschriebene Alter hatte. Und später, als ich es erreicht hatte, wagte ich es, offen gestanden, nicht mehr, dich zu adoptieren, weil die Verwandten meines Mannes mir allerlei Szenen gemacht haben würden. Sie sahen neidisch und ungehalten, dass ich dich wie ein eigenes Kind hielt und liebte. Und nun komme ich zum Testament. Fast mein ganzes Vermögen stammt von meinem Mann, und die Fabrik, deren Chef er war, kam von seinem Vater. Seine Schwester hatte zwar ein hübsches Vermögen erhalten, als sie heiratete, aber als abgefunden hat sie sich damit nie betrachtet. Du hast dich oft gewundert, dass die Verwandten meines Mannes sich dir immer etwas feindlich zeigten. Doch hatte ich ihnen kurz und bündig gesagt, dass ich dich sofort adoptieren werde, wenn sie dich irgendwie fühlen ließen oder dir eine Mitteilung machten, dass du nicht mein Kind seiest. Das hielt sie doch etwas zurück. Nun bin ich aber nicht so geartet, dass ich das Vermögen meines Mannes der Familie nach meinem Tod entziehen würde. Mein Mann hatte mich als Universalerbin in seinem Testament eingesetzt, aber er hatte mir auch klar gemacht, dass, wenn ich ohne Kinder sterben würde, alles, was ihm gehörte, seiner Familie, vielmehr der Familie seiner Schwester zukommen lassen müsse. Das erschien mir auch selbstverständlich. Mein Schwager Wolfram übernahm die Leitung der Fabrik, als mein Mann gestorben war, und ich muss sagen, dass er sie in hervorragender Weise verwaltete. Immerhin kam der gute Geschäftsgang auch mir zugute, denn mein Einkommen vergrößerte sich in ungeahntem Maße.

Aber die Verwandten meines Mannes wurden die Angst nicht los, ich könne die Wünsche meines Mannes unberücksichtigt lassen und dich zu meiner Erbin machen. Deshalb hassten sie dich und missgönnten dir meine Liebe.“

Valerie seufzte tief auf. „Das also war es?“

„Ja, mein Kind. Aber sie hätten nicht in Sorge zu sein brauchen. Doch sie missgönnten dir auch das Leben in meinem Haus und ahnten wohl, dass ich dir wenigstens alles das hinterlassen würde, was ich selbst mit in die Ehe gebracht und in all den Jahren von meinen Einkünften gespart hatte. Das ist immerhin genug, um, dir ein sorgloses und angenehmes Leben zu ermöglichen. Aber ich muss das entweder ausdrücklich testamentarisch sicherstellen oder dich jetzt noch adoptieren. Und das will ich mit dem Justizrat besprechen. Es muss festgelegt werden, damit man dir nicht auch das streitig macht, was ich dir zugedacht habe. Du siehst also ein, dass ein Testament unbedingt nötig ist. Denn mit der Adoption – das nimmt vielleicht zu lange Zeit in Anspruch. Du bittest also den Justizrat morgen Vormittag zu mir, nicht wahr?“

Valerie sah mit großen, ernsten Augen zu ihr herab und streichelte ihre Wangen.

„Warum quälst du dich mit alledem, Mutter? Wenn du mir deine Liebe erhältst, alles andere ist nebensächlich. Du hast mir eine so vortreffliche Erziehung gegeben, dass ich mir mein Brot selbst verdienen kann – sorg dich nicht um mich!“

Die Kranke streichelte ihr Haar. „Das sieht dir ähnlich, gutes Kind. Aber du hast gelernt, ein Leben zu führen, wie es meiner Tochter zukommen würde, und das sollst du weiterführen können. Und jetzt gib mir einmal meine Schmuckschatulle her!“

Valerie tat es.

Dora Lorbach leerte den reichen Inhalt des Kästchens auf die Steppdecke, die über sie gebreitet war, und teilte die Schmucksachen. Den einen Teil legte sie wieder in die Schatulle zurück, den anderen schob sie Valerie zu.

„Das ist für dich, Val. Das sind alles Stücke, die ich teils selbst gekauft habe. Was ich in die Schatulle zurücklegte, habe ich von meinem Mann erhalten; es sind teilweise alte Familienstücke. Das soll nach meinem Tod an seine Verwandten zurückfallen.“

Valerie wurde blass und machte eine abwehrende Bewegung. „Das ist ja zu viel für mich, Mutter, du hast mir doch schon so mancherlei geschenkt.“

„Nun ja, so Jungmädchenschmuck. Aber du wirst einmal heiraten, Val, und als junge Frau sollst du kostbaren Schmuck tragen. Ich werde kaum noch Gebrauch davon machen, und wenn, werde ich das tragen, was an die Verwandten zurückfallen wird. Dies hier aber soll von heute an dir gehören. Bitte, gib mir die Liste, damit ich anmerken kann, dass diese Sachen nun dir gehören.“

Willenlos hatte Valerie ihr die Liste ausgeliefert. Sie musste die Kranke beim Schreiben aufrichten und stützen.

Dann zeigte Dora Lorbach auf die Liste. „Sieh her, Kind, da ist jedes Stück aufgezeichnet. Dahinter steht jedes Mal, wie das Schmuckstück an mich kam, woher es stammt und so weiter. Nun streiche ich die Stücke, die mir gehören, an und schreibe dahinter: ‚Geschenkt an meine Pflegetochter Valerie Hartmann, genannt Lorbach.‘ Dann können sie dir nichts davon streitig machen.“

Valerie küsste sie dankbar und sagte tief bewegt: „Das hat doch alles Zeit, Mutter, bis du selbst den Schmuck nicht mehr tragen willst, Lass doch das jetzt, es wird dich nur müde machen!“

„Nein, nein, mir ist plötzlich, als habe ich damit schon viel zu lange gezögert. Es wird mich bestimmt ruhiger machen, wenn ich alles erledigt habe.“

Valerie seufzte. „Wenn es dich ruhiger macht, will ich nicht widersprechen, liebste Mutter.“

Die Kranke nickte ihr befriedigt zu. „Du hast ja auch eine Schmuckkassette, die viel zu groß ist für deinen bisherigen Schmuck. Du verwahrst darin auch Gürtelschnallen und kleine Bijouterien. Das nimmst du heraus und verwahrst jetzt nur die richtigen Schmucksachen darin. Bitte, tue das gleich!“

Valerie sah, dass die Augen der Mutter fieberhaft zu glänzen begannen, und sie wollte sie nicht noch mehr aufregen. So holte sie ihre Schmuckkassette herbei, barg darin die erhaltenen Schmuckstücke, Sachen von hohem Wert und seltener Schönheit, und trug die Kassette auf das Geheiß der Pflegemutter in ein eingemauertes Tresorfach. Da hinein stellte sie auch die für die Verwandten bestimmten Schmucksachen.

Dora legte sich nun mit einem befriedigten Aufatmen wieder zurück. Valerie lockerte ihr die Kissen, küsste sie und bat liebevoll: „Jetzt gebe ich dir deine Arznei, und dann musst du zu schlafen versuchen. Du hast dich schon viel zu sehr aufgeregt.“

„Nein, nein, mir ist jetzt wohler. Aber müde bin ich und hoffe, schlafen zu können. Vergiss aber nicht, Val, der Justizrat soll morgen zu mir kommen!“

„Schlaf nur erst, wir besprechen das nachher noch einmal, Mutter! Erst ruhe, es hat ja noch Zeit!“

Die Arme der Kranken schlangen sich liebevoll um Valerie. „Hast du mich auch wirklich noch lieb, Val, so wie man eine Mutter lieb hat?“

Das junge Mädchen bekam feuchte Augen. „Du Liebe, Gute, wie sollte ich dich nicht lieben! Und so dankbar bin ich dir, dass du mir in deinem Herzen einen Platz gegeben hast. Jetzt schlaf aber – du hast sicher wieder Fieber.“

Mit einem Lächeln schloss Dora gehorsam die Augen und wurde sich wieder einmal bewusst, dass sie die glücklichste Mutter war, obwohl sie ihrem Kind nicht selbst das Leben geschenkt hatte.

Valerie blieb sitzen, bis sie eingeschlafen war. Erst dann schlich sie sich leise ins Nebenzimmer, ihr eigenes Schlafzimmer.

***

Valerie ließ sich am Fenster in einen Sessel nieder und träumte hinaus in den Frühlingstag. Sie malte sich ihre ehemalige Heimat aus. Die Mutter musste sie doch lieb gehabt haben, denn sie hatte sie vor das Häuschen in die Sonne gesetzt, die ihr gut tun sollte.

Immer stärker wuchs die Sehnsucht in ihrem Innern nach den nie gekannten Angehörigen. Darüber vergaß sie ganz, dass sie nicht die reiche Erbin war, für die sie sich bisher gehalten hatte. Und als sie endlich daran dachte, war es ihr fast eher eine Erleichterung als eine Enttäuschung. Sie hatte es immer als unangenehm empfunden, als reiche Erbin gewertet zu werden. Bedrückend war ihr der Gedanke immer wieder gekommen, dass sie eines Tages nur von einem Mann begehrt wurde, der in ihr eine gute Partie sah. O nein, sie wollte um ihrer selbst willen geliebt werden! Und da waren ihre Gedanken wieder, wie so oft, bei dem Mann, dem sie ihr junges Herz geschenkt hatte, obwohl sie ihn erst kurze Zeit kannte. Sie war ihm in einer Gesellschaft begegnet, die sie im Januar mit der Mutter besucht hatte. Er war ein Freund des Hausherrn, und sie ahnte nicht, dass dieser zu ihm gesagt hatte: „Wir haben dir nicht nur die reizendste, sondern auch die reichste Tischdame bestimmt, Fried; sie ist die einzige Tochter und Erbin der Frau Dora Lorbach. Mache dich angenehm bei ihr! Das wäre eine passende Partie für dich, es ist Zeit, dass du sesshafter Familienvater wirst.“

Nein, das ahnte sie nicht. Sie ahnte ebenso wenig, dass dieser Hinweis Fried Gerold genügt hatte, seiner Tischdame mit einer gewissen Abneigung zu begegnen, denn nichts war ihm widerlicher, als wenn seine Freunde und Verwandten ihn auf eine so genannte gute Partie hinwiesen. Er mochte überhaupt nicht heiraten, vorläufig wenigstens noch nicht und ganz sicher nicht eine Frau, deren Reichtum ihn verlocken sollte. Also war er sehr zurückhaltend an die ihm bestimmte Tischdame herangegangen. Er hatte aber, wenn auch widerstrebend, zugeben müssen – wenigstens bei sich selbst dass sie gar nicht so übel war, sondern im Gegenteil ein sehr reizendes, kluges und sicher liebenswertes Geschöpf. Sie gab sich schlicht und natürlich und konnte allerliebst lachen.

Im Lauf des Winters trafen sie noch wiederholt in Gesellschaft zusammen, und er plauderte dann auch immer gern eine Weile mit ihr und fand, dass sie ein sehr verständiges, warmherziges Menschenkind sei. Aber ernstlich wehrte er sich dagegen, sich tiefer von ihr beeindrucken zu lassen. Er war ein Mensch, der keinerlei Zwang vertrug, und gerade weil ihn Valeries ganzes Wesen gefangen nahm, wehrte er sich dagegen.

So war der Winter vorübergegangen, und Valerie hörte, dass Fried Gerold die Stadt verlassen hatte, um an verschiedenen Orten Vorlesungen zu halten über das Ergebnis einer Forschungsreise, die er als Geologe in den vergangenen Jahren unternommen hatte. Nach seiner Vortragsreise wollte er auf dem Gut eines Freundes Aufenthalt nehmen, um seine Erfahrungen niederzuschreiben.

So war er ebenso schnell aus Valeries Leben verschwunden, wie er darin aufgetaucht war; aber er war trotzdem fest in ihr Herz geschlossen. Sie wusste, dass sie ihn nie vergessen und nie einen anderen Mann lieben würde.

Ein wehmütiger Blick aus ihren Augen flog hinaus, über den Garten hin. Die ersten Krokusse streckten vorwitzig die grünen Keime heraus, und die Erde duftete würzig und verheißungsvoll dem Licht entgegen. Die Sehnsucht in Valeries Herzen umfasste Fried Gerold und ihre Angehörigen in dem Thüringer Dörfchen.

So saß sie in Gedanken versunken, bis sie aus dem Zimmer ihrer Pflegemutter ein leises Stöhnen hörte. Schnell stand sie auf und huschte hinüber. Als sie sich über die Mutter beugte, sahen deren Augen sie fieberglänzend an. Erschrocken blickte Valerie in das gerötete Gesicht. „Ist dir nicht gut, Mutter?“

„Ich habe so schmerzhafte Stiche – hier in der Brust, Val.“

Besorgt fühlte das junge Mädchen nach dem Puls der Kranken; er war viel schneller geworden. Unruhig sah Valerie nach der Uhr. „Gleich wird der Arzt kommen, Mutter. Er wird helfen“, sagte sie tröstend und strich sanft über die heiße Stirn der Kranken.

Diese zwang ein Lächeln in ihr Gesicht. „Sorge dich nicht, bei Grippe steigt ja das Fieber immer gleich so hoch.“

„Hast du Durst, Mutter? Willst du etwas?“

Die Kranke nickte, und Valerie flößte ihr einige Löffel Zitronenlimonade ein. Darauf bettete sie die Kranke wieder behaglich und wollte eben den Arzt anrufen, als dieser von selbst erschien.

Das Fieber war sehr hoch gestiegen, und die Kranke bekam immer heftigere Schmerzen beim Atmen und Husten. Mit angstvollen Augen sah Valerie in das Gesicht des Arztes. Es blieb aber unverändert, er wollte nicht zeigen, wie besorgt er war.

Er verschrieb etwas, verordnete Umschläge und wollte unbedingt, dass eine Pflegerin gerufen würde. Dora Lorbach sah mit bangen Augen zu ihrer Pflegetochter auf. Diese nickte ihr lächelnd zu. „Keine Sorge, Mutter, ich pflege dich allein.“

„Aber das halten Sie nicht aus, mein gnädiges Fräulein. Ihre Frau Mutter wird jetzt Tag und Nacht eine Pflegerin brauchen, und Sie müssen doch ab und zu einige Stunden schlafen.“

„Nun gut, so mag eine Pflegerin kommen und immer dann bei Mutter wachen, wenn sie selber schläft. Erwacht sie, kann sie mich gleich rufen; ich bleibe im Nebenzimmer. Ist dir das recht, liebe Mutter?“

Die Kranke nickte. Dann sah sie den Arzt bittend an. „Wollen Sie bitte auch gleich mit Justizrat Scholz telefonieren? Ich habe etwas mit ihm zu besprechen.“

Abwehrend hob Valerie die Hand. „Nein, Mutter, das leide ich jetzt nicht. Du darfst dich nicht mit solchen Dingen aufregen.“

Hastig wehrte die Kranke ab. „Herr Doktor, ich muss den Justizrat sprechen; es handelt sich um mein Testament. Ich muss die Zukunft meiner Tochter sicherstellen, und das will die törichte, kleine Person immer wieder hinausschieben. Es muss aber sein, ich habe sonst keine Ruhe.“

Der Arzt lächelte beruhigend, „Nur nicht aufregen! Das steigert das Fieber, und das können wir gar nicht brauchen. Zu einem Testament haben Sie noch lange Zeit; das können Sie erledigen, wenn Sie wieder gesund sind. Aber ich weiß nun schon, Sie werden sich nicht eher beruhigen, bis das in Ordnung ist. Ich werde also selbst bei Justizrat Scholz vorbeifahren. Nun bleiben Sie aber schön ruhig, liebe Frau Lorbach, sonst verschlimmern Sie Ihren Zustand unnötig!“

Die Kranke nickte befriedigt.

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