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Hedwig Courths-Mahler - Folge 081

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Verkaufte Seelen

Spannender Roman der unvergessenen Schriftstellerin

 

 

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Rose Rietberg war ein zwölfjähriges Mädchen, als ihr Vater starb, ihre Mutter hatte sie schon zwei Jahre früher verloren. Die Mutter war bei der Geburt eines Sohnes gestorben, den sie nach dreizehnjähriger Ehe ihrem Gatten schenkte, und der kleine Sohn folgte ihr am nächsten Morgen in die Ewigkeit!

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau, genau an dem Tag, da sie ihm den Sohn geschenkt hatte, erlitt Albert Rietberg auf dem Weg zur Universität, wo er als Professor wirkte, einen schweren Autounfall. Er war Professor der Philologie, ein bekannter Sprachforscher, der vor seiner Verheiratung viele Länder bereist hatte und als ein Sprachgenie galt.

Der schwere Unfall, der ihn traf, brachte ihm den Tod. Es blieb ihm nur noch Zeit, sein Testament zu machen, in dem er seine Tochter zur Universalerbin seines beträchtlichen Vermögens einsetzte, und zu bestimmen, dass sein Vetter Herbert Rietberg, der einzige männliche Verwandte, den er noch besaß, Roses Vormund werden sollte. Dieser Vetter, schnell herbeigerufen, versprach ihm, seine Tochter treu zu behüten. Albert Rietberg traf noch einige Bestimmungen für Roses ferneres Leben. Er kannte seinen Vetter nicht sehr genau, hielt ihn aber für einen Ehrenmann, der zwar nicht mit Glücksgütern gesegnet war, sich aber in einer guten Stellung befand und in gesicherten Verhältnissen lebte. Und da er sein einziger Verwandter war, hielt er ihn am geeignetsten, Roses Vormund zu werden.

Der Vetter ihres Vaters brachte Rose zu seiner Frau. Diese nahm sie erst mit wenig Freude auf und schalt ihren Mann, dass er sich eine solche Last hatte aufbürden lassen. Rose hörte das, und es traf wie ein Dolchstich ihr armes, zuckendes Herz. Der Onkel übergab sie einer Dienerin und führte seine Frau in ein anderes Zimmer. Hier hatten die Gatten eine lange Unterhaltung, und als sie wieder zum Vorschein kamen, war die Tante völlig verändert. Sie kam Rose jetzt plötzlich mit einer überschwänglichen Freundlichkeit entgegen, aber das sensitive Kind empfand dieses so plötzlich veränderte Wesen als unecht und unwahr. Rose konnte kein Herz fassen zu dieser Frau, auch nicht zu dem Onkel, und nicht nur, weil sie bisher mit diesen beiden Menschen nur selten zusammengetroffen war und sie ihr ziemlich fremd waren. Nein, sie empfand instinktiv, dass die Liebenswürdigkeit ohne Wärme, die scheinbare Güte ohne Wahrheit war, und verschloss ihr Herz scheu vor diesen Menschen. Und das wurde nie anders, wenn sie sich auch still und gefügig zeigte. In ihr Inneres konnten diese Menschen nicht dringen, das hielt sie vor ihnen verschlossen, obwohl sie nicht gehört hatte, was Onkel Herbert an jenem Tag mit seiner Frau gesprochen und was deren völlige Umänderung bewirkt hatte.

Rose setzte dieser unechten Güte eine stille Passivität entgegen und zog sich in sich selbst zurück. Aber das empfanden die beiden eigennützigen Menschen nur als angenehm. Gleich nach der Beerdigung Albert Rietbergs zog sein Vetter mit seiner Frau und Rose in die bisherige Wohnung des Verstorbenen. Rose behielt ihr Zimmer, in den übrigen machte sich Frau Helene breit, als sei sie hier von jeher zu Hause gewesen.

Rose war froh, wenn sie in ihrem Zimmer allein sein konnte. Es tat ihr weh, als sie bemerkte, wie Onkel und Tante sich in den Zimmern breit machten, die ihre Eltern benutzt hatten. Onkel Herbert saß jetzt an des Vaters Schreibtisch, lag auf dem Diwan, auf dem der Vater sein Schläfchen gehalten hatte und benutzte das Glas, aus dem der Vater trank. Und Tante Helene benutzte den Toilettentisch der Mutter; sie saß an Mutters Nähtisch, pflegte ihre Blumen und kramte in ihrem Wäscheschrank. Bei Tisch saßen ihr die beiden auf den Plätzen gegenüber, wo früher die Eltern gesessen hatten.

Das alles erschien Rose wie eine Entweihung all ihrer Kindheitserinnerungen. Sie litt seelisch sehr darunter und wurde immer blasser und stiller.

Dass sie ungeheuer ausgenutzt wurde, erschien ihr wenig wichtig, denn sie hatte noch keinen Begriff von Geld und Geldeswert. Sie hätte es kaum bemerkt, wenn nicht die Dienstboten, die noch von ihren Eltern her im Haus waren, in ihrer Gegenwart darüber gesprochen hätten. Dienstboten sind scharfe Richter ihrer Herrschaften, und diese beiden klugen Berliner Mädel sahen den Dingen auf den Grund und mokierten sich zuweilen in Roses Gegenwart. Rose lief dann davon, sie wollte das nicht hören, aber die Dienstboten sprachen immer wieder davon, dass Onkel und Tante es sich auf ihre Kosten wohl sein ließen, mit ihr reisten, Gesellschaften gaben und Theater und Konzerte besuchten – alles von ihrem Geld.

Rose bewertete das alles viel geringer, als dass sie so pietätlos die Gegenstände der Eltern benutzten. Sie hätte ihnen gern alle anderen Vorteile gegönnt. Sie fragte nie, was dies und jenes koste, ob dies oder das nötig sei – nur einmal wurde sie energisch: als Frau Helene ihre Sprach- und Musikstunden absagen wollte, weil sie unnötiges Geld kosteten.

„Du hast es doch gar nicht nötig, dich damit herumzuplagen, Rose, wir wollen diese Stunden aufgeben“, hatte sie gesagt.

Da hatte sich Rose kampfbereit aufgerichtet. „Das wäre ganz bestimmt nicht in Vaters Sinn, er wollte, dass ich mein Sprachtalent, das ich von ihm geerbt habe, ausnütze. Die Sprachstunden behalte ich bei, bis ich die vier Sprachen beherrsche, deren Studium ich begonnen habe. Und auch die Musikstunden setze ich fort, wie Vater es gewollt hat.“

Frau Helene hatte eingesehen, dass Rose in dieser Frage nicht zu beeinflussen war. Eigentlich war sie es überhaupt nicht, aber weil sie meistens zu allen Anordnungen von Onkel und Tante schwieg, glaubten sie, dass sie sich ihrem Einfluss füge. Jedenfalls nahm Rose ihre Stunden weiter.

Dann brach der Krieg aus. Vier Jahre dauerte das Ringen, bis der Zusammenbruch kam. Ihm folgte nur wenig später die Inflation. Nicht nur Herbert Rietbergs in den vergangenen Jahren gehortete Ersparnisse wurden wertlos, auch Roses Vermögen schmolz von Tag zu Tag mehr zusammen.

Rose hatte inzwischen die Schule bis zur Oberstufe besucht und füllte ihre Zeit mit ihren Sprachstudien aus, die sie immer mehr erweiterte. Sie vergrub sich mehr und mehr in die vom Vater hinterlassenen Bücher.

Aber dann wurden ihr die Sprachstunden energisch gestrichen. Die Freundlichkeit, die Onkel und Tante ihr entgegengebracht hatten, kühlte sich mit dem Hinschwinden ihrer Einkünfte ab. Sie wurde oft rau und hart angefasst, und als man endlich die Dienstboten entlassen musste, wurden Rose all die Arbeiten aufgebürdet, die sonst die Dienstboten geleistet hatten. Es wurde aus dem Besitz von Roses Eltern ein Stück nach dem anderen verkauft, das Silber verschwand, die kostbaren Teppiche und teilweise auch die Möbel, die durch die Möbel von Onkel und Tante ersetzt wurden. Herbert Rietberg und seine Frau hatten sich so sehr an das gute Leben gewöhnt, dass sie nicht davon lassen wollten – bis alle Quellen erschöpft waren.

Und Rose bekam nun täglich harte Vorwürfe, wie sehr man sich verrechnet habe und welch eine Last sie für Onkel und Tante sei.

Nur zu gut begriff Rose jetzt, wie Recht die Dienstboten gehabt hatten. Sie wusste nun gewiss, dass alle Freundlichkeit und Liebe nur ihrem Geld gegolten hatten.

Mit großen, bangen Augen sah sie in die harten, unfreundlichen Gesichter der Verwandten. Tante Helene klagte über die teure Wohnung, die ihnen aufgehalst worden sei und über die viele Arbeit, die sie habe. Dabei schob sie alle grobe und schwere Arbeit Rose zu, die sich jetzt von früh bis spät plagen musste und dafür nur Scheltworte erntete.

Trotz aller Not war Rose zu einem schönen Mädchen herangewachsen. Sie hatte eine schlanke Gestalt, wundervolles braunes Haar und einen blütenzarten Teint. Ihre grauen Augen leuchteten mit einer intensiven Klarheit aus dem lieblichen Gesicht heraus, und ihre Bewegungen waren voll Anmut und Vornehmheit. Aber all diese Lieblichkeit war von einer stillen Trauer überschattet. Nur selten sah man ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie, die ein so heiteres Kind gewesen war, schien in Leid und Unglück gleichsam erstarrt zu sein. Wieder und wieder zuckte sie schmerzhaft zusammen, wenn Onkel und Tante mit unverdienten Vorwürfen über sie herfielen. Sie hatte nie ein Wort der Erwiderung darauf.

Aber eines Tages, als man ihr vorhielt, welche Last sie sei, raffte sie sich aus ihrer Erstarrung auf und sagte heiser vor Erregung. „Lasst mich fort! Ich will mir eine Stellung suchen. Ich habe mancherlei gelernt und hoffe, mir mein Brot verdienen zu können.“

Da fiel die Tante mit Schmähreden über sie her. Ob sie denn glaube, dass sie mit ihren fremden Sprachen eine Stellung ausfüllen könne? Dazu gehöre mehr!

Rose nahm alle Kraft zusammen. „Ich kann ja noch lernen, was nötig ist.“

Tante Helene blitzte sie mit bösen Augen an. „Ah, das ist der Dank für all die Opfer, die wir dir gebracht haben! Jetzt willst du uns den Stuhl vor die Tür stellen. Jetzt, wo wir uns kein Mädchen halten können und mit der großen Wohnung dasitzen, willst du mir alle Arbeit allein aufbürden. Schämst du dich nicht deiner Undankbarkeit?“

Rose war fassungslos diesem Ausfall gegenüber, aber sie wagte doch zu erwidern: „Ihr sagt doch, dass ich euch eine Last sei, und davon wollte ich euch befreien. Wenn ihr mich braucht, dann will ich gewiss nicht fortgehen.“

In ihrer Herzenseinsamkeit berührte es sie seltsam, als sie eines Tages Onkel und Tante von einer Kusine Herbert Rietbergs sprechen hörte. Erst dadurch erinnerte sie sich daran, dass auch ihr Vater ihr einmal von dieser Kusine erzählt hatte. Sie lebte in Argentinien, und es fiel Rose auf, dass Onkel und Tante sehr abfällig über Josephine sprachen, während ihr Vater immer lieb und gut über sie gesprochen hatte. Es war Rose ein ganz seltsames Gefühl, dass diese Josephine eine Tante von ihr war. Ein Mensch lebte also doch noch irgendwo in der Welt, der durch Blutsbande zu ihr gehörte. Und Rose schuf sich von Tante Josephine im Herzen eine Idealgestalt, stattete sie mit allen Vorzügen aus, nur um jemand zu haben, an den sich ihr einsames Herz im Stillen klammern konnte.

Zu allem Unglück kam noch ein neues – ihr Onkel verlor seine Stellung, er wurde abgebaut, und das wäre zu einer Katastrophe geworden, wenn er nicht zufällig einen Jugendfreund getroffen hätte, der in der Inflation ungeheure Reichtümer zusammengerafft hatte. Dieser Jugendfreund, ein Herr Brückner, besaß eine große Automobilfabrik und war nach Berlin gekommen, um hier eine Filiale und einen Verkaufsraum für seine Autos einzurichten. Er stellte Herbert Rietberg als Leiter dieser Filiale an. Er tat das freilich erst, als er Herbert Rietberg in seiner Wohnung besucht und dabei Rose gesehen hatte – und diese hatte sofort einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er war ein Mann in der Mitte der Vierzig, klein, untersetzt, mit einem gewöhnlichen Gesicht, dicken, wulstigen Lippen und kleinen, aber scharf blickenden Augen, die Rose als besonders unangenehm auffielen. Alfred Brückner wurde jäh von einer wilden Leidenschaft für Rose befallen. Er, der im Leben niemals Zeit gehabt hatte, sich mit Frauen zu befassen, weil er nur mit nimmersatter Gier nach Besitz und Reichtum gestrebt hatte, wurde jetzt plötzlich von einer so jähen Leidenschaft für dieses schöne Mädchen erfasst, dass er alles andere darüber vernachlässigte. Dieses feine, stille Mädchen mit den traurigen Augen erschien ihm das schönste und begehrenswerteste Geschöpf unter der Sonne.

Er machte Herbert Rietberg gegenüber bald kein Hehl daraus, dass er sein Herz an Rose verloren habe. Gerade weil sie in ihren schlichten Kleidern so stolz und vornehm wirkte, gefiel sie ihm. Er malte sich aus, wie schön sie erst sein würde, wenn er sie mit Schmuck und schönen Kleidern behängen würde.

Er kam wieder und wieder, und nun begann eine Leidenszeit für Rose, die alles bisherige übertraf. Onkel und Tante drangen in sie, sie solle Herrn Brückner freundlich begegnen. Sie sei es ihnen schuldig, da Herr Brückner den Onkel angestellt und sie alle so aus großer Not befreit habe. So ein Glück werde ihr nie wieder geboten. Mit einem Schlag könnte sie wieder reich, viel reicher als zuvor sein, und sie könne alles von ihm verlangen, was sie wolle, und werde hoffentlich ihren Einfluss auch für sie, ihre „Wohltäter“ geltend machen. Rose hörte das alles mit Entsetzen an.

***

Rose saß im Dunkeln in ihrem Zimmer und starrte mit großen Augen vor sich hin. Onkel und Tante waren längst zu Bett gegangen und glaubten das von Rose auch. Aber so müde sie auch war, fand sie doch keine Ruhe. Sie hatte am Abend noch einen Auftritt mit Onkel Herbert gehabt. Er hatte ihr kurz und bündig erklärt, Herr Brückner habe nun sein Wort, und in vier Wochen sei Verlobung. Sie hatte versucht, ihre Einwände geltend zu machen, aber er hatte sie kaum zu Wort kommen lassen, und da hatte sie geschwiegen. Das hatte er als ein Zeichen angesehen, dass sie „vernünftig“ sein und sich fügen würde.

Aber während Rose nun im Dunkeln saß und sich frierend in ein Tuch wickelte, vor Erregung zitternd, suchte sie angstvoll nach einem Ausweg. Es war ihr klar, dass sie niemals in diese Verbindung willigen würde. Lieber ging sie in den Tod. Aber sie war jung und liebte trotz allem das Leben, das ihr seit dem Tod ihrer Eltern so viel Leid gebracht hatte. Ja, sie liebte das Leben und hoffte wie jeder junge Mensch, dass auch für sie noch irgendwo ein Glück bereit sein würde.

Aber was konnte sie tun? Einfach davonlaufen? Wohin? Auf der ganzen weiten Welt hatte sie ja keinen Menschen, zu dem sie hätte fliehen können. Freilich, sie hatte noch eine Tante in Argentinien – der Gedanke an diese fremde Tante überfiel sie wie ein leiser Hoffnungsfunke. Aber dieser Funke erlosch sofort wieder. Wie sollte sie zu dieser Tante gelangen? Und selbst wenn das der Fall wäre, würde sie bei ihr Hilfe finden? Sie kannte ja diese Tante nicht, wusste über sie nur, was sie von Onkel und Tante und von ihrem Vater über sie gehört hatte, und das widersprach sich beides. Ihr Vater hatte Tante Josephine ein tapferes, unverzagtes Geschöpf genannt. Das fiel ihr jetzt ein. Was hatte er doch noch von ihr gesagt? Sie saß und sann, und dann war ihr, als höre sie wieder deutlich die Stimme ihres Vaters: Er hatte ihr erzählt, wie lieb er die Mutter gehabt habe, wie sie sein alles gewesen sei. Außer der Mutter habe er nun keinen Menschen mehr, der zu ihm gehöre, außer seiner kleinen Rose, die ihm nun alles ersetzen müsse.

Und da hatte ihn Rose gefragt: „Haben wir gar keine Verwandten mehr außer Onkel Herbert und Tante Helene, lieber Vater?“

Er hatte vor sich hin gesehen. „Eine Kusine lebt wohl noch von mir, irgendwo in der Welt, wahrscheinlich in Argentinien. Mein Vater und der ihre waren Brüder. Sie hieß Josephine und war ein sehr schönes Mädchen. Ich habe sie immer gern gehabt, hatte aber mit meinem eigenen Glück so viel zu tun, dass ich mich damals wenig um sie kümmerte. Und dann habe ich gehört, dass sie in die weite Welt gegangen ist mit dem Mann, den sie lieb hatte, weil man sie zwingen wollte, einen reichen, ungeliebten Mann zu heiraten. Ein liebes, tapferes Geschöpf, sie hat Recht getan, man muss seinem Herzen treu bleiben, sonst verliert man sich selbst.“

Rose war es auf einmal, als streiche wie damals des Vaters Hand über ihr Haar. Ihr Herzschlag setzte aus. War das nicht, als spräche der Vater jetzt diese Worte noch einmal zu ihr und eindringlicher als damals?

Sie hat Recht getan, man muss seinem Herzen treu bleiben, sonst verliert man sich selbst.

„Ja, Vater, lieber Vater, ich weiß, weshalb mir deine Worte gerade jetzt wieder ins Gedächtnis kommen, du willst mich mahnen, mir selbst treu zu bleiben. Du bist bei mir in meiner Not und willst mir sagen, dass auch ich wie jene unbekannte Tante lieber hinaus in die weite Welt gehen soll, als meinem Herzen untreu zu werden.“

Wenn sie nur wüsste, wie sie zu der fremden Tante gelangen könnte!

Es fiel ihr nun auch wieder ein, was Tante Helene über jene Tante Josephine gesagt hatte. Sie sei durchgebrannt, das leichtfertige Geschöpf, mit einem armen Ingenieur, obwohl ihr Onkel Herbert einen reichen Freier vorgestellt habe, der sie zu seiner Frau machen wollte. Mit ihrem Herzliebsten sei sie davongelaufen, der auch nicht mehr gehabt habe als sie selber. Onkel Herbert habe es so gut mit ihr gemeint, habe alles versucht, sie zur Vernunft zu bringen, aber sie habe nicht auf ihn gehört. Ihr Herzliebster habe eine Stelle in Argentinien angenommen, und sie sei mit ihm gegangen. Und erst von Buenos Aires habe sie dann ihre Vermählungsanzeige geschickt. Bis dorthin sei sie als seine Geliebte mitgegangen. Sie sei eben eine ganz leichtfertige Person gewesen.

Gerade diese Vermählungsanzeige war es gewesen, die das Gespräch auf jene Tante Josephine gebracht hatte. Tante Helene hatte im Schreibtisch unter alten Papieren gekramt, und da war die Vermählungsanzeige herausgefallen. Mit einem seltsamen Gefühl hatte Rose damals auf diese Anzeige geblickt. Mit einem Johannes Wörth hatte sich Tante Josephine verheiratet. Josephine Wörth in Buenos Aires, das war alles, was sie über diese ihr fremde Tante wusste. Sie sagte es noch einmal vor sich hin: Josephine Wörth aus Buenos Aires. Und ihr war, als grüße sie plötzlich etwas Vertrautes aus diesem Namen. Hatte das Schicksal Tante Josephines nicht Ähnlichkeit mit ihrem eigenen?

Entschlossen hob sie den Kopf. Ja, sie wollte auch lieber in die weite Welt gehen, als sich an einen ungeliebten Mann verschachern lassen. Irgendwo würde sie schon ein Unterkommen finden. Sie war jung und gesund und konnte und wollte arbeiten. Dass es jetzt schwer war, sein Fortkommen zu finden, wusste sie aus jener Zeit, da der Onkel nach einer neuen Existenz suchte. Da hatte man in ihrer Gegenwart viel davon gesprochen, wie groß das Angebot an Stellensuchenden und wie klein das an Stellungen war. Und Tante hatte dann oft gesagt: „Nur Dienstboten finden sofort ein neues Unterkommen, an Dienstboten ist immer Mangel, die sind nie zu haben, wenn sie gebraucht werden.“

Nun gut, so wollte Rose sich eine Stelle als Dienstmädchen suchen, bis sich etwas anderes für sie fand. Schlimmer als hier konnte sie es bei fremden Leuten auch nicht haben. Nur fort musste sie aus diesem Haus! Onkel und Tante durften selbstverständlich keine Ahnung haben, wohin sie sich wandte, wenigstens nicht eher, als bis sie mündig war. Denn so lange, das hatte man ihr gesagt, hatte der Onkel Gewalt über sie. Nur sechs Wochen noch musste sie sich vor ihm verbergen, dann konnte er ihr nichts mehr anhaben. In sechs Wochen war ihr einundzwanzigster Geburtstag, dann erlosch seine Macht als Vormund.

Wieder sann sie lange vor sich hin. Es fiel ihr ein, dass sie ganz in der Nähe an einem mit einem grauen Vorhang verhängten Schaufenster ein Schild gesehen hatte mit der Aufschrift: Stellennachweis für Hausangestellte. Gleich morgen wollte sie sich ein Herz fassen und da hineingehen, um zu fragen, ob man ihr eine Stellung verschaffen könne.

Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, wurde sie etwas ruhiger und ging endlich zu Bett. Sie war so müde, dass sie trotz ihrer Sorgen sofort einschlief.

Am nächsten Morgen, nachdem sie ihre Einkäufe besorgt hatte, trat sie zaghaften Schrittes in das Lokal, in dem sich der Stellennachweis befand. Eine ältliche Frau sah von einem Buch auf, in das sie Eintragungen machte. Es war Frau Siebenberg, die Inhaberin des Nachweises. „Sie wünschen?“, fragte sie.

„Verzeihen Sie, ich wollte nur fragen, ob Sie mir eine Stellung verschaffen können.“

Interessiert richtete sich die Frau auf. „Was soll denn das für eine Stellung sein?“

„Das ist mir ganz gleich, irgendeine Stellung in einem Haushalt, es kann auch als Dienstmädchen sein, wenn nichts anderes zu haben ist, nur sehr bald müsste es sein“, erwiderte Rose heiser vor Erregung.

Frau Siebenberg begann nun ein wahres Kreuzverhör mit Rose über ihre Fähigkeiten. Rose hob alles hervor, was sie im Haushalt leisten konnte, weil sie meinte, dass ihr das am ersten zu einer Stellung verhelfen könne. Dass sie musikalisch war und vier Sprachen leidlich ...

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