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Hedwig Courths-Mahler - Folge 080

Heinz Rommersdorf kam vom Feld zurück, sprang vom Pferd und warf seinem Knecht die Zügel zu.

„Gut abreiben, noch eine Weile herumführen!“, rief er ihm zu und ging die breite Steintreppe hinauf ins Gutshaus. Ein alter Diener kam ihm in der Halle entgegen und nahm ihm Mütze und Reitpeitsche ab. Mit einem seltsam sorgenden Blick sah er ihm in das gebräunte Gesicht. Der Diener trug eine einfache Livree, mit einer blauweiß gestreiften Dienerjacke, die jetzt am Vormittag bei der Arbeit den dunkelblauen Tuchrock ersetzen musste.

Heinz Rommersdorf nickte dem Diener freundlich zu und begab sich in sein Arbeitszimmer, wo seine landwirtschaftlichen Bücher auf ihn warteten.

Aber kaum hatte der junge Gutsherr an seinem Schreibtisch Platz genommen, da trat der Diener bei ihm ein und stellte einen kleinen Imbiss neben ihn auf die Schreibtischplatte.

Der Gutsherr sah zu ihm auf. „Ich habe keinen Hunger, Karl; nimm das wieder fort!“

Karl blickte bittend in des Herrn Augen. „Sie waren vier Stunden auf dem Feld, gnädiger Herr, und haben nur wenig gefrühstückt.“

Heinz Rommersdorf musste ein wenig lachen. „Du kontrollierst mich aber genau, Karl!“

„Weil ich weiß, dass Sie nicht genug auf richtiges Essen achten.“

„Dafür möchtest du mich auffuttern, dass ich einen Schmerbauch ansetze.“

„Nur so weit, dass Sie bei Kräften bleiben bei Ihrer schweren Arbeit.“

Der Gutsherr zuckte die Achseln. „Na, dann her mit dem Tablett, du lässt mir ja doch eher keine Ruhe!“

Er nahm von den belegten Broten, trank dazu eine Tasse Tee und schob dann alles zurück. Der Diener war zufrieden, dass sein Herr wenigstens etwas genossen hatte, nahm das Tablett und verließ das Zimmer.

Heinz Rommersdorf wandte sich seinen Büchern wieder zu und rechnete die langen Zahlenreihen zusammen. Er konnte mit dem Resultat zufrieden sein. Seit er das Gut von seinem verstorbenen Onkel geerbt hatte, war es bedeutend wertvoller geworden. Der verstorbene Besitzer, dessen Söhne im Krieg gefallen waren, hatte kein Interesse mehr gehabt, es zu erhalten. So war die ganze Wirtschaft ziemlich verwahrlost, als Heinz Rommersdorf das Gut vor fast zehn Jahren erbte. Seither hatte er seine ganze Kraft daran gesetzt, den landwirtschaftlichen Betrieb wieder auf die alte Höhe zu bringen, und es war ihm gelungen, dieses Ziel noch bei weitem zu überschreiten. Freilich hatte er auch täglich von früh bis spät gearbeitet und das Glück gehabt, gute Arbeiter zu bekommen, die ihn darin unterstützten. Dafür hatte er auch seinen Leuten ein vorteilhafteres Leben geschaffen. Sie waren besser gestellt als auf den benachbarten Gütern. Heinz konnte sich das leisten, denn er hatte nur für sich selbst zu sorgen und war an ein bescheidenes und anspruchsloses Leben gewöhnt.

Wenn aber auch alle Menschen auf dem Gut Lindenhof, so nach den mehrjährigen Linden benannt, die das Gutshaus umgaben, sich wohl und glücklich fühlten – der Herr des Gutes tat das nicht. Ein Schatten lag auf seinem Leben, ein düsterer Schatten, der ihn nicht mehr froh werden ließ. Er war schuld am Tod eines Menschen, den er sehr geliebt und verehrt hatte, dieser Mensch, war durch einen Jagdunfall umgekommen, durch einen Schuss aus Heinz Rommersdorfers Gewehr, wie er glauben musste. Es war ohne seinen Willen und ohne sein Wissen geschehen, als Heinz Rommersdorf mit Fritz Roda zu einer Jagd geladen war. Und seit er den zehn Jahre älteren Freund tot zu seinen Füßen liegen sah, war alle Sonne aus seinem Leben gewichen, zumal die Gattin Fritz Rodas bei der Kunde vom Tod ihres geliebten Mannes vom Herzschlag getroffen worden war. So fühlte sich Heinz auch schuldig am Tod dieser Frau. Lange hatte es gedauert, bis er seine Fassung damals wiedergewonnen hatte, und es hätte nicht viel gefehlt, dass er seinem Leben auch ein Ende gemacht hätte. Nur eines bewahrte ihn davor – er wusste, dass Fritz Roda und seine Frau ein Kind hinterlassen hatten, eine Tochter von fast acht Jahren, die nun nach dem Tod der Eltern verwaist war und keinerlei Angehörige besaß.

Auch hatte Fritz Roda keinerlei Vermögen hinterlassen. Er hatte eine gute, einträgliche Stellung als Oberingenieur besessen, war aber noch nicht dazu gekommen, irgendwelche Ersparnisse zu machen, und so war seine verwaiste Tochter in einer sehr schwierigen Lage gewesen.

Heinz Rommersdorf weckte dieser Umstand aus seiner Verzweiflung. Er sah ein, dass er die Pflicht hatte, für dieses Kind zu sorgen.

Eine Freundin seiner verstorbenen Mutter, mit der er auch nach deren Tod in einem sehr herzlichen Verhältnis stand, war Witwe geworden und das ihr vom Gatten hinterlassene Vermögen reichte gerade nur aus, um ihre eigenen Bedürfnisse zu decken. Sie war aber sehr vereinsamt und wollte gern wieder einen Lebenszweck haben. So brachte Heinz die achtjährige Lori zu Frau Geheimrat Sanders. Diese nahm Lori gern auf, freute sich an der jungen Lebensgenossin, die sich schnell in ihrem behaglichen Heim wohlfühlte, und versprach Heinz, das Kind so zu erziehen, wie sie eine eigene Tochter erzogen hätte. Heinz war ihr sehr dankbar. Er wusste, dass Ottilie Sanders ihr Versprechen mit großer Gewissenhaftigkeit erfüllen würde. Lori Roda in eins der schablonenhaften Töchterheime zu geben, widerstrebte ihm, sie sollte eine Heimat haben.

Freigebig stellte er der alten Dame alles zur Verfügung, damit ihr keine Kosten verursacht wurden und damit sie Lori ein angenehmes Leben schaffen konnte. Erleichtert atmete er auf, als das alles geordnet war. Regelmäßig erhielt er Nachricht von Ottilie Sanders über das Ergehen seines Schützlings, aber er sah Lori Roda nicht wieder, seit er sie der Obhut der alten Dame übergeben hatte.

So waren die Jahre vergangen, und Heinz Rommersdorf dachte sich Lori Roda noch immer als ein Kind, auch dann noch, als sie erwachsen war. Er hatte beschlossen, sie zu adoptieren, sobald die gesetzmäßige Frist dazu gekommen war. Aber nie dachte er daran, sein Leben etwa mit dem ihren zu vereinen. Lori sollte es immer gut haben, solange er es ihr ermöglichen konnte, aber er dachte dabei daran, dass sie bei Ottilie Sanders bleiben solle, bis sie sich eines Tages verheiraten würde. Diese Heirat schien ihm aber noch in weiter Ferne zu liegen. Er vergaß in Betracht zu ziehen, dass sie kein Kind mehr war, sondern dass Lori nun bereits achtzehn Jahre zählte.

An diesem Tag gerade erhielt er aber von Ottilie Sanders ein Schreiben, das ihn darüber aufklärte und ihn in ziemliche Unruhe versetzte. Dieses Schreiben wurde ihm gebracht, während er noch über seinen Wirtschaftsbüchern saß. Es lautete:

Mein lieber Heinz! Heute kann ich Ihnen mit gutem Gewissen berichten, dass die Erziehung unseres Schützlings vollendet ist, und ich denke, wir können mit dem Erfolg zufrieden sein. Ich weiß ja, dass Sie der verwaisten Tochter ihres verstorbenen Freundes alles angedeihen lassen wollten, was ihr förderlich sein würde. Es hat mir immer Leid getan, dass Sie weder mich noch Lori wiedersehen wollten, aber ich habe Ihr Empfinden verstanden, und wenn ich Sie auch, wie damals Ihre Richter, von jeder Schuld freisprechen musste, konnte ich doch verstehen, dass Loris Anblick Sie immer wieder an jenen entsetzlichen Tag erinnern musste, der ihr den Vater nahm. Aber nun ist Lori über achtzehn Jahre alt, sie hat sich auch äußerlich zu meiner Freude entwickelt, und ich kann wohl sagen, dass sie ein schönes Mädchen geworden ist, frisch, gesund und von vornehmer Gesinnung. Es würde mich sehr beglücken, wenn ich sie immer bei mir behalten könnte, aber ich fürchte, dass mir das nicht lange mehr beschieden sein kann. Seit einigen Jahren habe ich ein Leiden, das mich mehr und mehr quält. zuweilen habe ich Todesahnungen. Ich weiß, dass mein Arzt mir nicht helfen kann – kein Arzt kann das, und ich muss mich mit dem Gedanken vertraut machen, dass es einmal sehr schnell mit mir zu Ende sein kann. Das macht mir Sorge um Lori. Sie wissen, dass sie mir lieb wie ein eigenes Kind geworden ist, und ich frage mich nun immer wieder, was aus ihr werden soll, wenn ich nicht mehr bin. Sie hat ja keine Heimat mehr, wenn ich die Augen schließe, und außer mir und Ihnen hat sie keinen Menschen, der sich um sie kümmert. Deshalb muss ich Sie jetzt fragen: Was wird aus Lori, wenn ich nicht mehr bin?

Gern hätte ich Sie mit dieser Sorge verschont, aber Sie sollen nicht eines Tages plötzlich vor dieser Frage stehen. Bitte, überlegen Sie sich das und sagen Sie mir dann, wie Sie darüber denken. Ich bemerke noch, dass Lori keine Ahnung hat, wie ihre Eltern gestorben sind, damals war sie noch zu jung, um alles zu verstehen. Sie weiß nur, dass ihr Vater auf der Jagd verunglückte und dass ihre Mutter vor Schreck darüber einem Herzschlag erlag. Wie Sie zu dem allem stehen, ahnt sie nicht, sie weiß nur, dass Sie der Freund ihres Vaters waren und dass Sie deshalb ihr Vormund und Beschützer wurden. Wie Sie es von mir verlangten, habe ich ihr auch beigebracht, dass ihr Vater das nötige Erziehungsgeld für sie hinterlassen hat, sie ahnt nicht, dass sie alles nur Ihnen verdankt. Sie hängt mit schwärmerischer Innigkeit und Dankbarkeit an Ihnen. Sie und ich, wir sind die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die sie ins Herz geschlossen hat. Wohl hat auch sie einige Mädchenfreundschaften geschlossen, aber die gehen nicht tief. Sie plaudert und lacht mit ihnen, aber ihre Seele hat sie keinem dieser jungen Mädchen erschlossen, und deshalb verlangt sie auch keine großen Gefühle von ihnen. Kurzum, nach meinem Tod würde Lori ein einsamer Mensch werden.

Also – was soll aus Lori werden?

Bitte, sprechen Sie sich darüber zu mir aus, ich muss, ehe ich sterbe, über Loris Schicksal beruhigt sein, und diese Ruhe, das weiß ich, kann mir nur von Ihnen kommen, ich weiß mich eins mit Ihnen in der Sorge um das Kind. Ich sprach kürzlich vorsichtig mit ihr selbst darüber. Da gab sie mir unbekümmert die Antwort: Sorg dich doch nicht. Wenn ich keine andere Unterkunftsmöglichkeit habe, dann gehe ich einfach zu Onkel Heinz und führe ihm die Wirtschaft oder bitte ihn, mich sonst irgendwie anzustellen auf seinem Gut. Irgendwie werde ich mich schon nützlich machen können, so dass ich mir, wenn meine Erziehungsgelder erschöpft sind, mein Brot verdienen kann. Ich muss hier hinzufügen, dass sie Sie für einen alten Herrn hält, ich habe sie auch in dieser Annahme gelassen, weil ich mir sagte, dass sie sich unbefangen zu Ihnen einstellt. Vielleicht können Sie mir eine tröstliche Nachricht geben, und ich bitte Sie, mich nicht zu lange darauf warten zu lassen.

Ich begrüße Sie wie immer als Ihre mütterliche Freundin

Ottilie Sanders

Lange saß Heinz Rommersdorf noch in tiefes Sinnen verloren über diesem Schreiben. Lori achtzehn Jahre – eine erwachsene junge Dame. Und Ottilie Sanders krank, dem Tod geweiht. Das waren zwei Dinge, die ihn aufrüttelten aus seiner Versunkenheit, aus dem ewigen Gleichmaß seiner arbeitsreichen Tage. Ottilie Sanders krank – lebensgefährlich krank. Was wurde aus Lori, wenn wirklich das Schlimmste eintrat und ihre Pflegemutter starb?

In der Nacht, die diesem Tag folgte, fand er keinen Schlaf. Er träumte von seinem Freund Fritz Roda, der wieder tot vor ihm lag und doch die Augen mahnend und vorwurfsvoll zu ihm aufschlug.

Am nächsten Morgen schrieb er einen kurzen Brief an Frau Ottilie Sanders, sprach ihr seine herzliche Teilnahme zu ihrem Leiden aus und die Hoffnung, dass sie sich ohne Grund darum sorge, versprach ihr aber, darüber nachzudenken, wie Lori zu helfen sein würde, wenn sie ihre gütige Pflegemutter verlieren sollte und dass er ihr in den nächsten Wochen hoffentlich ein befriedigendes Resultat seines Nachdenkens senden könne.

Sorgen Sie sich nicht, irgendwie werde ich Loris Zukunft sorglos und friedlich zu gestalten wissen.

***

Lori Roda kam aus ihrer letzten Unterrichtsstunde nach Hause. Sie lief mit großen Sätzen die drei Treppen zur Wohnung ihrer Pflegemutter hinauf. Als sie klingelte, öffnete ihr eine Dienerin in weißer Schürze. „Wie geht es Mama?“, fragte sie etwas atemlos.

Die Dienerin machte ein bedenkliches Gesicht. „Ich fürchte, es geht ihr nicht gut, sie ist so still und teilnahmslos.“

Lori hatte ihre Büchertasche, Hut und Mantel abgelegt und ging nun schnell ins Krankenzimmer ihrer Pflegemutter, die sie schon längst mit dem Mutternamen nannte. Leise öffnete sie die Tür, sah nach dem Bett hinüber, in dem Frau Ottlilie Sanders die letzten Tage zugebracht hatte, und merkte, dass die Kranke ihr mit erwartungsvollen Augen entgegensah.

Lori eilte auf das Bett zu. „Arme Mama, Betty sagt mir, dass du dich nicht wohl fühlst.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Kranken; sie streichelte mit matter Zärtlichkeit über Loris Haar. „Es ist nicht schlimm, Lori, nur sehr matt fühlte ich mich noch von meinem letzten Anfall. Das wird nun schnell besser werden. Ich bin inzwischen einer großen Sorge ledig geworden. Du weißt ja nun, Kind, dass mein Zustand einmal schnell zu meinem Ende führen kann. Nein, nicht weinen, es muss ja nicht sein, aber man muss doch darauf gefasst sein. Und ich will nicht, dass es dich unvorbereitet trifft. Deshalb habe ich es dir nicht verhehlt, dass mein Leiden nicht unbedenklich ist. Ich habe es auch kürzlich deinem Vormund mitgeteilt, und nun bekam ich heute einen Brief von ihm. Was dich auch betreffen mag, er wird immer dein Beschützer sein, auch über meinen Tod hinaus.“

Lori hatte die aufsteigenden Tränen hinabgeschluckt und versuchte zu lächeln. „Wenn ich dir nur die Sorge, um mich nehmen könnte, Liebe, Gute! Mir kann doch nichts geschehen, Onkel Heinz lässt das sicher nicht zu und alles, was mich schrecken könnte, ist nur, dass ich dich verlieren könnte. Dagegen kann mir freilich auch Onkel Heinz keinen Trost gewähren. Bitte, bitte, sprich nicht davon, dass du mir genommen werden könntest. Jetzt wirst du eine kräftige Suppe essen und dann schlafen, dann wirst du erholt und gekräftigt wieder erwachen, und wir lachen uns alle Not vom Herzen.“

Die alte Dame nickte ihr zu. „Ja, Lori, wir wollen nicht mehr daran denken.“

Lori eilte nun hinaus in die Küche, um die Suppe für die Mutter zu holen.

Mit einem wehmütigen Lächeln sah diese ihr nach. Sie fühlte, dass ihre Tage gezählt waren, und wartete nun voll Ungeduld auf den nächsten Brief von Heinz Rommersdorf, in dem er ihr mitteilen wollte, was aus Lori nach ihrem Tod werden sollte.

Als Lori mit einem Tablett zurückkam, auf dem eine gute Hühnersuppe stand, ließ sie sich geduldig füttern. Währenddem erzählte ihr Lori allerlei kleine Vorkommnisse aus ihrer letzten Unterrichtsstunde. Es gelang ihr auch, die Pflegemutter aufzuheitern. Die alte Dame vergaß, an ihren Tod zu denken, sie konnte wieder einmal daran glauben, dass ihr noch eine längere Lebensfrist beschieden sein könnte. Und in dieser tröstlichen Zuversicht schlief sie ein – um nie mehr zu erwachen. Mitten im Schlaf befiel sie ihre alte Herzschwäche, und ohne dass es Lori vorläufig merkte, die mit einem Buch am Fenster saß, hatte sie die große Reise ins Jenseits angetreten.

Erst als es dämmrig im Zimmer wurde und Lori sich leise erhob, um nach der Mutter zu sehen, spürte sie einen eigenartigen Hauch von Kälte, der von der Mutter ausging. Von einem unheimlichen Gefühl beseelt, fasste sie erschrocken nach der Hand der Mutter und fühlte deren starre Kälte. Hastig drehte sie das elektrische Licht an und sah nun in das stille blasse Totengesicht. Ein Aufschrei drängte sich über ihre Lippen, sie fiel neben der Toten in die Knie und umfing sie mit ihren Armen. „Liebe, Gute, wach doch auf!“, rief sie außer sich.

Ihr Aufschrei hatte die Dienerin herbeigerufen und als sie sich über Lori und die Verstorbene neigte, sah sie sogleich, was geschehen war. „Fräulein Lori! Mein Gott, Fräulein Lori!“

Diese sah aus bleichem Gesicht mit erschrockenen Augen zu ihr auf. „Betty, das kann doch nicht wahr sein – sie schläft doch nur?“, fragte sie mit blassen, zitternden Lippen.

„Doch, Fräulein Lori, das ist der Tod.“

Lori sprang auf, als sie das hörte. „Nein, das ist nicht möglich, das kann ich nicht glauben. Schnell, Betty, rufen Sie den Arzt an, er soll sofort kommen, es ist sicher nur eine Ohnmacht!“

Betty wusste es anders, aber sie ging gehorsam an den Fernsprecher und rief den Arzt herbei. Ganz gebrochen fand dieser Lori am Lager ihrer Pflegemutter, konnte aber nur den schon vor einigen Stunden eingetretenen Tod bestätigen. Lori musste es endlich begreifen, dass dieses treue, gute Herz zu schlagen aufgehört hatte. Sie wachte die ganze Nacht mit Betty am Totenlager, streichelte immer wieder die kalten Hände und gab der Pflegemutter all die zärtlichen Namen, die sie immer für sie gehabt hatte. Ihre Augen waren gerötet von Tränen, und ihr schönes Gesicht war blass und schmerzverzogen, als der Tag anbrach.

Der Arzt hatte versprochen, alles Nötige zu veranlassen, Lori sollte sich um nichts kümmern, das hatte er Frau Sanders versprochen. Und so konnte sich Lori auch am nächsten Tag ungestört ihrem Schmerz hingeben. Sie nahm herzzerreißenden Abschied von der Verstorbenen, als sie in die Leichenhalle abgeholt wurde. Dabei vergaß sie ganz, ihrem Vormund Nachricht zu geben vom Tod ihrer Pflegemutter. Ganz ihrem Kummer hingegeben, vermochte sie an nichts zu denken als an ihren Verlust.

So verbrachte Lori die Zeit bis zur Beerdigung ihrer Pflegemutter in einer tiefen Apathie, und es war gut, dass der Arzt und die Dienerin alles erledigten, was nötig war. Erst als die Beerdigung vorüber war, kam sie wieder etwas zu sich und dachte nun. an Onkel Heinz. In ihrer grenzenlosen Verlassenheit klammerte sie sich an den Gedanken, dass er doch noch da war, an dem sie eine Stütze haben konnte. Sie beschloss kurzerhand, nach Lindenhof zu reisen und mit Onkel Heinz zu besprechen, was mit dem bescheidenen Nachlass der Pflegemutter geschehen und wie sich ihr eigenes ferneres Leben gestalten solle.

Sie schrieb ihm also ein kurzes Briefchen:

Lieber, verehrter Onkel Heinz! Leider komme ich erst heute, am Tag des Begräbnisses von Mama, dazu, dir mitzuteilen, dass sie plötzlich und unerwartet von mir ging. Ich war ganz betäubt von diesem schmerzlichen Ereignis, so dass ich dir nicht einmal eine Todesanzeige schicken konnte. Auch jetzt bin ich noch ganz benommen und weiß nur, dass ich zu dir kommen muss, um alles mit dir zu besprechen, was in diesem Fall nötig ist. Die Beisetzung hat unser Hausarzt in die Wege geleitet, aber nun ist doch noch so viel zu erwägen, was ich ohne dich, meinen Vormund und gütigen Beschützer nicht beschließen kann. Und so werde ich morgen Früh mit dem ersten Zug nach Lindenhof reisen und bitte dich, mich freundlich aufzunehmen. Mein Herz tut mir so weh, ich bin sehr traurig. Nun habe ich keinen Menschen mehr auf der Welt als dich. Sei nicht böse, wenn ich dir so plötzlich ins Haus falle, aber ich kann mir nicht anders helfen. Mit vielen dankbaren Grüßen

Deine Lori Roda

Als sie den Brief abgeschickt hatte, wurde ihr etwas leichter zumute. Sie traf nun gefasst ihre Reisevorbereitungen und übergab vorläufig den ganzen Hausstand der Dienerin Betty. Diese versprach ihr, treu über alles zu wachen und alles in Ordnung zu halten.

Am nächsten Morgen trat Lori ihre Reise an. Nun, da sie endlich wieder klar denken konnte, erwachte die ihr eigene Energie und Entschlossenheit.

Ihr kleines Handköfferchen, das nur das Nötigste für einige Tage enthielt, lag über ihr im Gepäcknetz. Sie trug zum Zeichen ihrer Trauer ein schlichtes, aber gut gearbeitetes schwarzes Kleid. Sie sah etwas älter aus in diesem Kleid, und der ihr sonst anhaftende Frohsinn hatte einem stillen Ernst Platz gemacht.

Der Zug war jetzt, um die Frühlingszeit, noch nicht sehr besetzt; sie genoss die Wohltat, in ihrem Abteil allein bleiben zu können. Und wenn ihr die Landschaft nicht Interesse abnötigte, blätterte sie in einer Zeitung, die sie sich mitgebracht hatte.

So näherte sie sich dem Ziel ihrer Reise. Gegen halb zwölf Uhr hielt der Zug an der Station, die nahe bei Lindenhof lag. Mit großen, entzückten Augen sah sie die Berge vor sich liegen und ließ ihren Blick erst einmal umherschweifen. Dann nahm sie ihr Handköfferchen auf und ging durch die Bahnsperre. Aber vergeblich sah sie sich nach einem Wagen um, der sie nach Lindenhof bringen sollte. Es war keiner zu sehen. Sollte ihr Vormund ihren Brief nicht rechtzeitig erhalten haben?

Etwas verzagt trat sie zum Stationsvorsteher heran und fragte ihn, ob kein Wagen von Lindenhof gekommen sei. Er verneinte, und sie fragte ihn nun nach dem Weg nach Lindenhof. Er sagte ihr, sie möge sich nur immer auf dem Fußweg am Waldrand halten, da werde sie in einer halben Stunde schon Lindenhof liegen sehen. Sie müsse sich dann rechts halten und werde in einer weiteren Viertelstunde in Lindenhof sein.

Lori dankte und wollte ihr Köfferchen wieder ergreifen, um es mit nach Lindenhof zu nehmen.

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