Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 079

hcm_schriftzug_titelseite.jpg

Der tolle Haßberg

Als ein Herzensbrecher zum ersten Mal richtig liebte

 

 

hcm_blumen.jpg

Regina Baldus erhob sich von ihrem Schreibtisch. Durch das offene Fenster erklang von fern Musik – ein Reitermarsch. Sie wusste, gleich würde das Kavallerie-Regiment, das in ihrer Vaterstadt stationiert war, an der Villa Baldus vorüberreiten.

Das war eigentlich nichts Neues für Regina. Aber sie trat doch stets verstohlen ans Fenster und sah hinaus auf die kraftvollen Reitergestalten, die so schneidig im Sattel saßen. Und immer dachte sie dann an den einen, der nicht mehr zu diesen Reitern gehörte, der fern der Heimat, in Südwestafrika den Soldatenrock trug und von dem man nichts mehr gehört hatte, seit er vor zwei Jahren abgereist war.

Eine Weile war in der Gesellschaft noch von ihm gesprochen worden. „Der tolle Haßberg“, wie er allgemein hieß, hatte so viel von sich reden gemacht, dass das Interesse für ihn nicht gleich erlosch. Aber nun, da man nichts mehr von ihm sah und hörte, war das Interesse für ihn doch eingeschlafen, und nur ab und zu tauchte die Erinnerung an einen seiner tollen Streiche auf.

Aber Regina Baldus hatte ihn nicht vergessen.

Nun war die bunte Schar vorbei. Langsam verklang die Musik. Es wurde wieder still in der vornehmen Straße.

Regina ging an den Schreibtisch zurück.

Sie war die einzige Erbin ihres vor mehr als Jahresfrist verstorbenen Vaters, des Kommerzienrats Baldus. Draußen vor der Stadt standen die von ihm ins Leben gerufenen Fabriken, umgeben von den freundlichen Wohnhäusern, die er seinen Arbeitern gebaut hatte. Das alles war längst in ein großes Aktienunternehmen verwandelt. Als Hauptaktionär hatte er den größten Teil seines Vermögens in dem Unternehmen stecken lassen. Regina Baldus galt als eine der reichsten Erbinnen in der an vermögenden Leuten reichen Stadt. War sie schon zu Lebzeiten ihres Vaters viel umworben gewesen, so war sie es jetzt noch mehr.

Seit einigen Wochen wurden in der Villa Baldus wieder Besuche angenommen. Regina hatte den größten Teil des Trauerjahres auf Reisen zugebracht, begleitet von Frau Therese Ruthart, der Schwester ihrer früh verstorbenen Mutter, die seit dem Tod ihres Gatten, dem Kommerzienrat Baldus die Hausfrau und seiner Tochter die Mutter ersetzt hatte.

Seit Reginas Rückkehr galt der Donnerstag wieder als fester Empfangstag in der Villa Baldus. Diese Nachricht war mit Freuden aufgenommen worden. Gleich am ersten Donnerstag war Reginas Haus voller Gäste gewesen.

Sie pflegte zeitig am Morgen aufzustehen. Früher war sie gleich nach dem Frühstück mit ihrem Vater ausgeritten, meist in Gesellschaft des Konsuls Werner, eines Freundes ihres Vaters, und dessen Tochter Gerta. Mit Gerta Werner war Regina sehr befreundet; seit ihrer Rückkehr von der Reise hatte sie sich Gerta und ihrem Vater auf deren regelmäßigen Morgenritten wieder angeschlossen.

Kam Regina von diesem Ritt zurück, so kleidete sie sich um und arbeitete ununterbrochen bis Mittag. Nach Tisch pflegte sie ein gutes Buch zu lesen. Danach trieb sie einige Stunden Sport und Musik.

So waren ihre Tage ausgefüllt, und sie hatte nie über Langeweile zu klagen.

An Bewerbern hatte es Regina nicht gefehlt, sie hatte schon manchen Korb ausgeteilt. Aber obgleich sie nie jemand ermutigte, kamen doch immer wieder neue Freier.

Auch jetzt, nachdem Regina unverlobt von ihrer Reise zurückgekehrt war, bezeichnete man wieder mehrere junge Herren als ihre ernsten Bewerber. Unter ihnen war einer, den Regina schon wiederholt abgewiesen, der aber trotzdem die Hoffnung, sie zu erringen, noch nicht aufgegeben hatte.

Das war Heinz von Tondern.

Sein Vater besaß große Maschinenfabriken. Heinz von Tondern hatte einige Jahre als Offizier in dem Reiterregiment gedient, das in seiner Vaterstadt stationiert war. Dann hatte er den Abschied genommen und war auf Wunsch des Vaters in den Fabrikbetrieb eingetreten. Sowohl sein Vater wie der Reginas hätten es gern gesehen, wenn ihre beiden Kinder eine Verbindung fürs Leben geschlossen hätten. Und Heinz von Tonderns Mutter hatte es für ganz unmöglich gehalten, dass eine junge Dame, die ihr Heinz zur Frau begehrte, „nein“ sagen könnte. Aber Regina Baldus hatte „nein“ gesagt, als Heinz, trotz ihres ablehnenden Verhaltens, um sie anhielt. Seit dieser Zeit grollte ihr Frau von Tondern.

Reginas Vater war ebenfalls unangenehm überrascht, als Regina den jungen Tondern abwies. Er hatte wenig Zeit gehabt, sich um das Seelenleben seiner Tochter zu kümmern. Ihre Erziehung hatte er seiner Schwägerin Therese überlassen und sich darauf beschränkt, Regina in geschäftlicher Beziehung selbstständig zu machen.

Reginas Vater forschte auch nicht weiter, warum sie Tondern und viele andere Freier zurückwies. Er sagte sich: „Wozu habe ich gearbeitet und Reichtümer erworben, wenn ich damit meinem einzigen Kind nicht die Möglichkeit verschaffen kann, sich sein Leben nach seinen Wünschen zu gestalten? Meine Tochter kann sich einen Mann nach ihrem Herzen wählen oder unverheiratet bleiben, wenn sie es will. Sie soll ein freier Mensch sein.“

Und ruhig ließ er Regina ihres Weges gehen, überzeugt, dass sie, wenn sie einmal wählte, eine würdige Wahl treffen würde.

Ob er wohl auch so ruhig geblieben wäre, wenn er geahnt hätte, wohin die Herzenswünsche seiner Tochter flogen?

Der „tolle Haßberg“, das war einer, vor dem die Väter ihre Töchter und die Männer ihre Frauen hüteten, den man aber doch überall empfing, weil er der feudalste unter allen Offizieren des Regiments war. Kommerzienrat Baldus hatte sogar eine kleine Schwäche für ihn. Er sah mit seinen scharfen Augen den Menschen tiefer ins Herz als andere Leute, und er hatte unter Haßbergs Wildheit und Übermut etwas entdeckt, „um das es schade“ war, wie er sagte.

Vor zwei Jahren war Hans von Haßberg ohne lange Vorbereitung nach Südwest gegangen. Warum er das getan hatte, darüber waren die Meinungen verschieden. Die einen meinten, sein unersättlicher Tatendurst habe ihn davongetrieben, die anderen behaupten, einer seiner tollen Streiche habe ihn im Regiment unmöglich gemacht, wieder andere wollten wissen, er habe schuldenhalber die Stadt verlassen müssen.

Seine Kameraden behaupteten jedoch, er habe alle seine Schulden vor seiner Abreise bezahlt. Wenn er auch ein wilder übermütiger Draufgänger gewesen, so habe er sich doch nichts zuschulden kommen lassen, was ihn unmöglich gemacht hätte. Woher er aber das Geld genommen hatte, um seine Schulden zu begleichen, das wussten auch die Kameraden nicht. Sein Vermögen hatte er vollständig aufgebraucht, ehe er Schulden machte, und man wusste, dass er von keiner Seite etwas zu erwarten hatte.

Einer wusste es freilich ganz genau, woher Haßberg das Geld hatte – dieser hütete sich aber, es zu verraten. Und dieser „eine“ war Heinz von Tondern.

Er allein hatte mit eifersüchtigen Augen gemerkt, dass Regina Baldus für den Haßberg mehr übrig habe als für jeden anderen. Und deshalb hatte sich Heinz besonders an Haßberg angeschlossen, um ihn im Auge zu behalten. Er spielte sich als Haßbergs Freund auf. Das hinderte ihn jedoch nicht, Regina und ihrem Vater alle Torheiten zuzutragen, die Haßberg anstellte, und das meistens in entstellter Weise.

Und so kam es schließlich auch zur Katastrophe. Einer von Haßbergs Gläubigern, der wohl irgendeinen Groll auf ihn haben musste, wie Haßberg glaubte, hatte alle Forderungen an ihn aufgekauft und drang nun unerbittlich auf Zahlung. Als sie nicht erfolgte, wandte er sich an den Obersten des Regiments. Dieser musste den jungen Offizier vor die Alternative stellen, entweder seine Schulden zu bezahlen oder den Dienst zu quittieren.

Haßberg war nun doch erschrocken.

In Gedanken versunken war Haßberg nach Hause gegangen. Als er seine Wohnung betrat, fand er Heinz von Tondern vor.

Haßberg entging es, dass Tondern ihn insgeheim scharf beobachtete. Er hatte ja keine Ahnung, dass Tondern hinter dem Geldmann steckte, der seine Schuldscheine aufgekauft und dass er es Tondern zu verdanken hatte, wenn er jetzt vor ein Entweder – Oder gestellt war.

Offen und herzlich begrüßte er den vermeintlichen Freund und erzählte ihm rückhaltlos, in welcher Klemme er sich befand und dass der Oberst ihm geraten hatte, nach Südwest zu gehen.

„Manchmal habe ich auch schon daran gedacht. In den Kolonien wärst du am rechten Platz, Hans. Solche Männer wie dich können sie da brauchen.“

„Ja, ja, Heinz, ich würde auch auf der Stelle gehen. Aber da ist dieser Manichäer, der sich so liebevoll bemüht hat, meine Schuldscheine aufzukaufen, um mir ein Bein zu stellen. Ich weiß nicht, was ich dem elenden Krämer getan habe. Vielleicht besitzt er eine hübsche Frau oder eine hübsche Tochter, die ich mal angelächelt habe. Persönlich kenne ich die edle Seele nicht, die es sich dreißigtausend Mark kosten lässt, mich über die Klinge springen zu lassen. So hoch belaufen sich nämlich meine Schulden – das läppert sich zusammen, man weiß nicht wie. Natürlich wird der edle Menschenfreund mich nicht ohne weiteres ziehen lassen.“

„Sonst würdest du nach Südwest gehen?“, fragte Tondern lauernd.

Haßberg nickte. „Würde ich!“

Tondern richtete sich hastig auf. „Lieber Hans, ich werde deinen Gläubiger bezahlen, damit du ungehindert nach Südwest gehen kannst.“

Haßberg sah ihn verblüfft an und lachte wie über einen guten Witz. „Lieber Heinz, du hast wohl nicht gehört, dass meine Schulden sich auf dreißigtausend Mark belaufen?“

„Doch, das habe ich gehört.“

„Und diese Summe wolltest du mir leihen?“

„Jawohl, vorausgesetzt, dass du nach Südwest gehst.“

Haßberg sah ihn mit erstaunten Augen an. „Hast du ein besonderes Interesse daran, dass ich nach Südwest gehe?“, fragte er langsam.

Tondern holte tief Atem. „Ja.“

„Und welches?“

Einen Moment zögerte Tondern. Dann sagte er: „Lieber Hans, ich sehe schon, dass ich am besten tue, offen mit dir zu reden. Also: Ich liebe eine junge Dame und habe bemerkt, dass sie auf dem besten Weg ist, ihr Herz an dich zu verlieren. Kämst du ihr aber aus den Augen, dann würde sie dich gewiss bald vergessen, und mir würde es leicht sein, ihr Jawort zu erringen.“

In Haßbergs Gesicht ging eine seltsame Veränderung vor. Seine Züge wurden hart, und die Augen funkelten wie geschliffener Stahl. Eine Weile starrte er Tondern sprachlos an.

Dann lachte er plötzlich auf: „Ach so! Das ist des Pudels Kern! Und ich dachte einen Moment ernstlich, du wolltest mir dein Anerbieten aus Freundschaft machen.“

Tondern zuckte die Achseln. „Jeder ist sich selbst der Nächste.“

Wieder lachte Haßberg schneidend auf. „Natürlich. Und welche Sicherheit verlangst du, dass ich auch wirklich reise?“

„Du brauchst mir nur dein Ehrenwort zu geben, dass du sofort die Vorbereitungen zu deiner Abreise triffst und nicht vor – nun, sagen wir – nicht vor zwei Jahren hierher zurückkehrst. Dafür stelle ich es deinem Ermessen anheim, ob und wann du mir das Geld zurückzahlen willst.“

Haßberg atmete schwer, um seinen Mund grub sich ein bitterer Zug. Mit einem Blick, der Tondern das Blut in die Stirn trieb, sagte er langsam, jedes Wort betonend: „Jetzt erkenne ich zum ersten Mal klar und deutlich, wohin mein wildes Leben mich geführt hat. Der Ekel vor mir selbst könnte mich packen, dass ich dieses Anerbieten von dir annehmen muss. Aber ich habe mir das Recht zu solchen Luxusgefühlen verscherzt. Ich gehe also auf dein Anerbieten ein. Aber eine Bedingung stelle ich noch.“

„Nenne sie.“

Haßberg sah Tondern scharf an. „Ich will den Namen der Dame wissen, um deretwillen du mich forthaben willst.“

Unsicher blickte Tondern auf. „Und wenn ich ihn dir nenne – wer bürgt mir dafür, dass du dann nicht zu ihr gehst und sie um ihre Hand bittest?“

Haßberg sah ihn an, als sähe er ihn heute zum ersten Mal. Die Adern an seiner Stirn schwollen an. „Ich bürge dir dafür! Wenn ich auch der tolle Haßberg heiße, einer niedrigen Handlungsweise hat mich noch nie ein Mensch zeihen dürfen.“

„Warum willst du den Namen wissen?“

„Aus Neugier – nur aus Neugier. Ich möchte doch wissen, ob diese Dame ein so großes Opfer deinerseits wert ist.“

„Und du gibst mir dein Wort, dass der Name unter uns bleibt?“

„Das brauche ich nicht erst zu geben. Ich stelle keine Dame bloß.“

„Nun denn – es ist Regina Baldus“, sagte Tondern heiser.

Einen Moment zuckte Haßberg betroffen zusammen. Seine Augen sahen starr ins Leere, als suchten sie da etwas. Da sah er ein Bild vor sich – Regina Baldus, wie er sie zuerst gesehen hatte.

Ganz klar stand das Bild in seiner Erinnerung. Als er, um den ersten Besuch in Villa Baldus zu machen, dort durch den Garten ging, sah er ein junges, schlankes Geschöpf in weißem Kleid vor einer Taxushecke stehen. Das braune, gelockte Haar, das die weiße Stirn umgab, glänzte im Sonnenlicht und hob sich ganz eigenartig von dem dunklen Grün ab. Große Augen sahen ihn aus dem fein geschnittenen Gesicht mit einem so unschuldigen Vertrauen an, wie sonst die Menschen nicht auf den tollen Haßberg blickten.

Wie seltsam, dass dieses Bild jetzt so deutlich in seiner Erinnerung auftauchte!

Später hatte er Regina Baldus noch oft gesehen. Aus dem Backfisch war eine junge Dame geworden, die nicht minder schön und anmutig war. Aber trotzdem hatte er ihr nie viel Beachtung geschenkt. Wenn er mit ihr zusammentraf, sah sie ihn nicht mehr so vertrauend an. In ihren Augen lag es immer wie eine ernste Mahnung, die ihn irritierte. Er hatte stets das unbehagliche Gefühl, als wolle sie mit dieser Mahnung in die Tiefen seiner Seele dringen. Das war ihm unbehaglich gewesen – so, als übe sie im Stillen scharfe Kritik an seinem Tun.

Wo er konnte, war er ihr ausgewichen, und voll Übermut hatte er sie im stillen „die kritische Regina“ genannt. Ganz bestimmt hatte er geglaubt, dass sie sich im Stillen vor seiner „Verworfenheit“ bekreuzige und ihn zu den verlorenen Schafen rechne.

Und nun erfuhr er plötzlich von Tondern, dass die „kritische Regina“ auf dem besten Weg sein sollte, ihr Herz an ihn zu verlieren.

Wie seltsam! War es möglich, dass es noch Frauen gab, die ihre Liebe scheu verbargen und sie still und verschwiegen im Herzen trugen? Wie begehrlich hatten andere Frauen ihn angesehen, die ihn zu lieben vorgaben. Und diese eine sollte es ihm so gut verborgen haben, dass er nichts, gar nichts gemerkt hatte?

Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube, du hättest dir die dreißigtausend Mark sparen können. Fräulein Baldus hat mich immer nur mit großer Reserve behandelt.“

Tondern zuckte die Achseln. „Es ist ja möglich, dass ich mich täusche, aber Eifersucht macht scharfe Augen. Kurz und gut, ich habe das bestimmte Gefühl, als seiest du meinen Absichten hinderlich.“

Mit einem Ruck richtete sich Haßberg da auf und lachte ironisch. „Nun gut, gehen wir darüber hinweg. Du wärst aber auch vor mir sicher gewesen, wenn ich geblieben wäre. Diese junge Dame ist nicht mein Geschmack. Sie ist mir zu ernsthaft. Und Frauen, die ich ernst nehmen muss, sind mir lästig.“

Tondern zwang sich zu einem leichten Ton. „Ei, wenn das die schöne Frau Melanie von Hausen hörte!“

Mit einer raschen Bewegung wandte sich Haßberg ab. „Es ist nicht ritterlich, den Namen einer Frau zu nennen.“

„Ich weiß schon lange, dass Herr Justizrat von Hausen eifersüchtig auf dich ist und dass seine schöne Frau ihm Veranlassung dazu gibt. Warum heirate er als Sechzigjähriger eine Frau von zweiundzwanzig Jahren!“

Sonst hatte Haßberg stets in diesen Ton miteingestimmt. Heute missfiel er ihm sehr, zumal der etwas heftige Flirt mit Melanie von Hausen ihm bereits lästig geworden war.

„Lass das, wir wollen unser ’Geschäft’ abschließen“, sagte er hastig. Und er dachte dabei, dass es ganz gut sei, wenn er Frau von Hausen jetzt aus den Augen käme; die leidenschaftliche Frau brachte sich sonst noch um ihren Ruf.

Die beiden Herren erledigten nun schnell die geschäftlichen Formalitäten, dann verabschiedete sich Tondern.

Wie sonst reichten sie sich die Hände, aber Haßberg gab die Tonderns ohne den sonstigen warmen Druck frei. Seit dieser Stunde sah er in ihm nicht mehr den guten Freund, den er bisher in ihm erblickt hatte.

Mit finster gefurchter Stirn starrte er Tondern nach. Dann ging er im Zimmer auf und ab. Seine Gedanken suchten Regina Baldus. Er sah sie im Geist vor sich, und ihm war, als sähe sie ihn mit ihren großen Augen ernst und traurig an. Ja, traurig war ihr Blick gewesen, wenn sie ihn ansah, jetzt wusste er es mit einem Mal – nicht kritisch und forschend, sondern traurig und mahnend. Aber nach kurzer Zeit warf er den Kopf zurück.

Fort mit diesem Bild! Was sollte ihm das?

Und kurze Zeit darauf sprach man in der ganzen Stadt davon, dass der tolle Haßberg nach Südwest gegangen sei.

Regina Baldus erfuhr es erst, als er schon abgereist war. Was sie bei dieser Nachricht empfunden hatte, erfuhr nie ein Mensch. In Gesellschaft sprach man davon, und Heinz von Tondern beobachtete sie scharf, ohne dass sie es ahnte. Er allein hatte bemerkt, wie Regina sich verfärbte, wie sie zusammenzuckte. Da war er doppelt froh gewesen, dass der gefürchtete Rivale aus dem Feld geräumt war.

Aber erreicht hatte er damit nichts. Reginas Liebe war nicht daran gestorben, dass ihr Tondern allerlei Schlimmes über Haßberg zutrug und dass sie auch von anderer Seite tolle Geschichten über ihn hörte. Diese Liebe starb auch nicht in den Jahren, da er in Südwest weilte.

***

Heute war Reginas Empfangstag besonders gut besucht. Als erster Gast stellte sich, wie fast immer, Heinz von Tondern ein. Er war ein hübscher, schlanker Mensch. Seine Züge waren gut geschnitten, aber ziemlich unbedeutend, und in seinen dunklen Augen lag ein flackerndes Feuer, zumal wenn sie auf Regina Baldus ruhten.

Heute war sein Blick besonders unsicher, in seinem ganzen Wesen verriet sich eine mühsam gedämpfte Unruhe.

Frau Therese Ruthart begrüßte ihn herzlich. Er war ihr ausgesprochener Günstling, und sie hatte wie er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass aus ihm und Regina ein Paar würde. Wenn sie es irgend einrichten konnte, gab sie Tondern Gelegenheit zu einem kurzen Alleinsein mit Regina. Auch heute verschwand sie unter einem Vorwand kurz nach seinem Eintreffen aus dem Empfangszimmer. Regina musste zu ihrem Leidwesen mit ihm allein bleiben.

Heute begnügte sich Tondern nicht damit, Regina bittend anzusehen und ihr mit leisen Andeutungen seine Gefühle zu verraten. Sobald Frau Ruthart das Zimmer verlassen hatte, trat er an Regina heran, sah ihr flehend in die Augen und sagte:

„Mein gnädiges Fräulein, zwei Jahre sind vergangen, seit ich das erste Mal um Ihre Hand anhielt. Sie sagten damals, Sie würden nie heiraten. Trotzdem habe ich die Hoffnung nicht aufgeben können, dass Sie anderen Sinnes würden. Als Ihr Herr Vater gestorben war, dachte ich, die Einsamkeit Ihres Herzens werde Sie meinen Wünschen geneigt machen. Ich habe geduldig gewartet. Nun ist das Trauerjahr um Ihren unvergesslichen Vater, der meines Vaters bester Freund war, längst vergangen, und so wage ich es heute noch einmal, Sie mit der ganzen Inbrunst meines Herzens zu bitten: Werden Sie mein Weib, Regina. Sie würden mich durch Ihr Jawort unaussprechlich glücklich machen.“ Es lag ein heißes Drängen in seinen Worten.

Regina zog die Stirn zusammen. „Warum ersparen Sie uns das nicht, Herr von Tondern?“, sagte sie traurig. „Sie wissen doch, so freundschaftlich ich Ihnen auch zugetan bin, Ihre Frau kann ich nicht werden. Sie sind mir ein lieber Freund, aber mehr als ein freundschaftliches Gefühl kann ich Ihnen nicht geben.“

Er fasste ihre Hand. „Und wenn ich Ihnen sage, Regina, dass ich mich als Ihr Gatte mit diesem Gefühl begnügen würde?“, drängte er.

Regina schüttelte den Kopf. „Nein, Herr von Tondern, ich bin nicht die Frau, die ihre Hand mit einem so unzulänglichen Gefühl verschenkt.“

Er ließ ihre Hand sinken und strich sich über die Stirn. In seinem Antlitz zuckte es gequält. „Trotzdem – ich kann die Hoffnung nicht aufgeben. Ich kann nicht! Solange Sie noch frei sind, solange noch kein anderer Rechte an Sie hat, werde ich hoffen.“

Regina machte ein unbehagliches ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 079" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen