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Hedwig Courths-Mahler - Folge 078

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das Geheimnis einer Namenlosen
  4. Vorschau

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Das Geheimnis einer Namenlosen

Zu Herzen gehender Roman um die Liebe einer aufopfernden Frau

 

 

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Herr Kommerzienrat lassen das gnädige Fräulein in sein Arbeitszimmer bitten.“

„Gut, ich komme gleich.“

Damit entließ Dagmar Ruthart den Diener. Sie ging in ihr Ankleidezimmer und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Dann eilte sie hinüber in den anderen Flügel der weitläufigen Villa und stand gleich darauf vor ihrem Vater.

„Du hast mich rufen lassen, Papa?“

Er nickte. „Ja, ich habe dich rufen lassen.“

„Was wünschst du?“

„Bitte, nimm Platz, ich habe etwas mit dir zu besprechen!“

Dagmar ließ sich in dem Sessel nieder, den er ihr zuschob; er selbst nahm an seinem Schreibtisch Platz. Eine Weile spielte er mit einem Brieföffner, und Dagmar wollte es scheinen, als wisse er nicht recht, in welche Form er seine Wünsche kleiden sollte. Sie war das gar nicht von dem sonst so zielsicheren Mann gewöhnt.

Endlich wandte er sich ihr mit einem kleinen Lächeln zu und sagte zögernd: „Du bist eine sehr schöne junge Dame geworden, Dagmar, eigentlich viel zu schön für eine so reiche Erbin, wie du es sein wirst.“

Das Blut stieg der jungen Dame ins Gesicht. „Ich weiß nicht, ob ich schön bin, Papa“, erwiderte sie unbehaglich, weil sie nicht wusste, wo hinaus der Vater wollte.

Ein sprödes Lachen des Vaters antwortete ihr: „Hat dir das dein Spiegel noch nicht gesagt?“, fragte er.

Sie zuckte leicht die Achseln. „Mein Spiegel verrät mir, ob mich dieses oder jenes Kleid, die eine oder andere Frisur besser kleidet. Er sagt mir auch, dass ich nicht hässlich bin, dass meine Züge rein, meine Augen klar und mein Teint fehlerlos sind, aber ob das alles genügt, um mich schön nennen zu können, weiß ich nicht.“

„Aber es ist dir doch wichtig, zu wissen, dass du schön bist?“

Mit ernsten Augen sah sie ihn an. „Schöne Menschen sind nicht immer glücklich und hässliche brauchen nicht immer unglücklich zu sein.“

„Du bist sehr gründlich. Aber jedenfalls hörst du es doch nicht ungern, wenn dir gesagt wird, dass du schön bist. Du wirst es oft genug hören von den zahlreichen jungen Herren, die sich um deine Gunst bemühen.“

Dagmars Lippen zuckten. „Ich gebe nichts auf wohlfeile Schmeicheleien.“

Er nickte zufrieden. „Recht so! Lass dir keinen blauen Dunst vormachen, sondern behalte einen klaren Kopf. Das ist klug, meine Tochter. Aber wenn ich dir sage, dass du schön bist, so kannst du es mir glauben. Ich halte dich nicht für so töricht, dass dich meine Worte eitel machen könnten. Schönheit ist eine Gabe der Natur, man kann sie nicht als Verdienst anrechnen. Nur dumme Menschen bilden sich etwas auf ihre Schönheit ein, und für dumm halte ich dich nicht. Aber um dir das zu sagen, ließ ich dich nicht rufen.“

„Das kann ich mir denken, Papa.“

„Ich möchte dich fragen, ob einer der jungen Herren, die sich um dich bemühen, einen besonderen Eindruck auf dich gemacht hat – ich meine, ob du einen von ihnen, ohne dass ich es vielleicht beachtet hätte, besonders auszeichnest.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Nein Papa, von den Herren, mit denen ich verkehre, ist mir keiner besonders interessant oder einer Auszeichnung wert erschienen.“

„Bravo! Das freut mich! Die Tochter von Klaus Ruthart muss sich bewusst sein, dass sie mit ihrer Gunst etwas Großartiges verschenkt. Ich war meiner Sache auch ziemlich sicher, denn ich habe dich scharf beobachtet. Ich habe mich also nicht getäuscht, wenn ich annehme, dass dein Herz noch frei ist.“

Nur einen Moment zögerte Dagmar, einen Moment, in dem sich ihre Lippen fest aufeinander pressten und ihre Augen starr vor sich hinsahen. Dann richtete sie sich aber straff empor und sagte ruhig: „Mein Herz ist frei. Aber um das festzustellen hast du mich sicher auch nicht rufen lassen, Papa.“

Ein kleines, überlegenes Lächeln flog über das harte Männergesicht. „Nicht, um dies festzustellen. Aber diese Feststellung steht mit dem, was ich dir zu sagen habe, in Verbindung. Und nun ohne Umschweife, Dagmar: Ich habe dich rufen lassen, um dir mitzuteilen, dass ich dir in diesen Tagen einen jungen Herrn vorstellen werde, den ich zu deinem künftigen Gatten ausersehen habe.“

Dagmar zuckte zusammen und erblasste. Sie erhob sich mit einem jähen Ruck. „Wie könnte das sein, Papa? Wie könntest du mir einen Gatten bestimmen, den ich noch nicht kenne, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn lieben könnte?“

Mit einem ungeduldigen Achselzucken warf Klaus Ruthart den Brieföffner hin. „Du sprichst wie ein sentimentaler Backfisch“, sagte er unmutig. „Ich habe dich für vernünftiger gehalten. Junge Damen in deiner Lage müssen über dem Niveau kleinbürgerlicher Sentimentalität stehen. Reichtum verpflichtet. Und ich wünsche, dass du deine Hand so vergibst, wie ich das für meine Erbin für ersprießlich halte.“

Bis ins Herz hinein fror Dagmar bei diesen Worten ihres Vaters. Sie fühlte in dieser Stunde intensiver denn je, wie fremd sie einander im Herzen gegenüberstanden.

Kommerzienrat Ruthart hatte nie viel Zeit für seine Tochter gehabt, und deshalb hatte er sie nach dem Tod ihrer Mutter kurzerhand in ein vornehmes Erziehungsinstitut nach Genf gegeben. Dort war sie bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr geblieben.

Und Dagmar musste gerade jetzt an ihre verstorbene Mutter denken. Diese war immer bedrückt und traurig gewesen, und Dagmar hatte sie oft mit verweinten Augen gesehen. Die Mutter hatte ihr eine innige Zärtlichkeit bewiesen, und danach sehnte sie sich oft mit schmerzlicher Inbrunst. Jetzt stieg diese Sehnsucht stärker als sonst in ihr auf. Zugleich überkam sie ein Gefühl tiefer Angst.

Ihre Lippen wurden trocken und ihre Hände krampften sich zusammen. „Wen willst du mir zum Gatten bestimmen, Papa?“, fragte sie heiser vor unterdrückter Erregung.

Er ignorierte ihre Unruhe und lächelte überlegen. „Du wirst dich nicht zu beklagen haben über meine Wahl. Der Mann, den ich dir zum Gatten bestimme, ist eine sehr sympathische und interessante Persönlichkeit. Und was mir die Hauptsache ist: Er ist Träger eines altadligen Namens und einer Grafenkrone. Er heißt Graf Günter Taxemburg. Um dir diese Gründe für meine Wahl klarzulegen, höre folgendes: Du wart ja vorigen Sommer, als wir nach der Schweiz reisten, vorübergehend mit mir auf Schloss Taxemburg zu Gast und hast den kürzlich verstorbenen Grafen Herbert Taxemburg kennen gelernt. Erinnerst du dich?“

Dagmar neigte den Kopf. Sprechen konnte sie nicht.

Ihr Vater fuhr fort: „Graf Herbert Taxemburg ist seit langen Jahren mein Schuldner gewesen. Er hat große Ländereien, die seinen Besitz umgeben, verkaufen müssen. Diese Ländereien habe ich erworben. Das Schloss selbst ist nach dem Tod des Grafen Herbert auch in meine Hände übergegangen oder richtiger, es gehörte schon vorher mir, und ich habe nur meine Besitzerrechte bis zu seinem Tod nicht geltend gemacht. Ich habe dem verstorbenen Grafen sogar bis zu seinem Tod einen Teil der Einkünfte gelassen, und er hat mir dafür sozusagen den Besitz verwaltet. Seit seinem Tod bin ich nun unumschränkter Besitzer der ganzen Grafschaft und des Schlosses. Es ist ein wahrhaft fürstlicher Besitz, und die Herrin dieses Besitzes sollst du sein. Es würde aber nicht in meine Pläne passen, wenn du auf Schloss Taxemburg, das ich übrigens bereits neu ausstatten lasse, mit einem Gatten residiertest, der irgendeinen beliebigen bürgerlichen Namen führte. Meine Tochter soll als Gräfin Taxemburg leben. Ich muss gestehen, dass mir der Gedanke, dich mit Graf Günter Taxemburg zu verheiraten, erst kürzlich gekommen ist. Graf Herbert hatte nie davon gesprochen, dass er einen Sohn besaß. Es lagen da besonders schwierige Verhältnisse vor, von denen du später hören wirst. Kurz vor seinem Tod erst eröffnete mir Graf Herbert, dass er einen Sohn habe. Ich lernte ihn kennen, und er gefiel mir ausnehmend. Sofort stieg der Gedanke in mir auf, dich zur Gräfin Taxemburg zu machen. Ich habe mit Graf Herbert gesprochen. Er ging sogleich auf meinen Plan ein und sagte mir: „Wenn mein Sohn einverstanden ist – ich bin es mit tausend Freuden, denn es wäre mir ein tröstlicher Gedanke, wenn Taxemburg auch in Zukunft den Grafen Taxemburg gehörte.“

In einer Art Lähmung hatte Dagmar zugehört. Nun richtete sie sich aus ihrer Erstarrung auf. „Und sein Sohn?“, fragte sie heiser.

Klaus Ruthart sah auf seine tadellos manikürten Hände herab und lächelte sein kaltes, überlegenes Lächeln. „Sein Sohn ist einverstanden. Er befindet sich bereits in der Stadt und wird uns in Kürze aufsuchen. Ich werde dich mit ihm bekannt machen und erwarte von dir, dass du dich meinem Wunsch fügst. Es ist gut, wenn du dich mit dem Gedanken vertraut machst, dass du in wenigen Tagen die Braut des Grafen Günter Taxemburg sein wirst.“

Dagmar presste die Hände fest zusammen. Sie erhob sich halb und wollte protestieren, aber die Augen ihres Vaters ruhten mit einem starren, strengen Blick auf ihr und hypnotisierten sie förmlich. So sank sie wieder in sich zusammen und konnte nur einige Worte hervorstammeln: „Lass mir Zeit – das kommt mir so unerwartet – ich – ich kann jetzt keinen Entschluss fassen.“

Er hob die Hand. „Überlasse es mir, Entschlüsse zu fassen! Du wirst vernünftig sein und einsehen, dass dein Vater gut für dich gewählt hat. Törichten Sentimentalitäten wird meine Tochter nicht nachgehen. Im Übrigen sieh dir Graf Taxemburg erst an, dann wirst du dich leichter meinen Wünschen fügen. Ich verzichte jetzt auf deine definitive Zustimmung- sie ist mir sicher. Und jetzt muss ich dich bitten, mich allein zu lassen, ich habe vor Tisch noch notwendige Geschäfte zu erledigen.“

Damit hatte sich Klaus Ruthart zu seiner imponierenden Höhe erhoben und reichte seiner Tochter die Hand. Sie legte die ihre hinein, unfähig etwas zu erwidern. Wie ein gefangener Vogel ruhte ihre Hand einen Moment in der seinen, und er umschloss sie mit festem Druck, seines Sieges gewiss.

Still ging Dagmar hinaus und suchte ihr Zimmer wieder auf. Als sie allein war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, stand sie eine Weile ganz benommen, wie unter einem suggestiven Eindruck. Sie starrte vor sich hin, als wisse sie nicht, was soeben geschehen war.

Endlich atmete sie tief auf, strich sich wie besinnend über die Stirn. Und plötzlich richtete sie sich straff empor. „Nein!“

Fest und klar klang dieses Nein durch die Stille des Zimmers, so dass sie selbst vor dem hellen Laut erschrak.

Sie drückte die Hand aufs Herz. „Nein, hier hört die Macht meines Vaters auf – hier muss sie aufhören. Darüber muss ich selbst bestimmen dürfen, wem ich mich zu Eigen geben soll fürs ganze Leben. In dieser Frage bin ich nicht eine Sache, die mein Vater nach Willkür dirigieren kann, sondern ein denkender, fühlender Mensch. Über mein Schicksal darf ich mir das Selbstbestimmungsrecht nicht aus der Hand nehmen lassen.“

So sagte sie zu sich selbst, und die Erstarrung wich mehr und mehr von ihr.

Ihre Augen blickten jetzt wieder klar und entschlossen. Sie wusste, dass es einen Kampf mit ihrem Vater geben würde, aber diesen Kampf wollte sie auskämpfen. Er konnte ihr vielleicht verbieten, einen Mann zu heiraten, der ihm nicht zusagte, aber er konnte und durfte sie nicht zwingen, einem Mann anzugehören, den sie nicht heiraten wollte. Sie wurde ruhiger und ging langsam, in tiefe Gedanken versunken, durch ihre Zimmer.

Auf diesem Weg betrat sie auch ihr Arbeitszimmer. Hier stand ein solider Schreibtisch am Fenster. Das war nicht der Schreibtisch einer verwöhnten Modedame. Es standen nicht zahllose Nippes darauf. Ein schweres, zweckmäßiges Schreibzeug aus schwarzem Marmor und daneben die Fotografie ihrer verstorbenen Mutter sonst befand sich nichts auf der Platte.

Dann ließ sie sich am Schreibtisch nieder und öffnete ein verschlossenes Fach.

Aus diesem Fach nahm sie eine Kassette. Sie war verschlossen. Den Schlüssel dazu trug Dagmar an einem feinen Goldkettchen um den Hals. In Gedanken versunken zog sie den Schlüssel hervor und öffnete die Kassette.

Briefe lagen darin. Sie nahm sie heraus; um ihre Lippen zuckte es wie verhaltenes Weinen.

Und während ihre Hände die Briefe auseinander falteten, flogen ihre Gedanken in jene Zeit zurück, da sie geschrieben worden waren.

***

Dagmar Ruthart war in der Pension mit einer jungen Dame befreundet gewesen. Sie hieß Käthe von Berndorf, und ihre Eltern besaßen in Thüringen ein großes Gut. Zweimal war Dagmar mit ihrer Freundin nach Berndorf gereist, einer Einladung von Käthes Eltern folgend. Es waren wunderschöne Wochen für Dagmar gewesen, denn sie lernte in Berndorf zum ersten Mal ein richtiges, harmonisches Familienleben kennen.

Käthe war das einzige Kind ihrer Eltern und wurde mit Liebe verwöhnt. Und Dagmar fühlte in jener Zeit deutlicher als je zuvor, was sie hatte entbehren müssen.

Als Dagmar das zweite Mal in Berndorf war, stand ihre Heimkehr ins Vaterhaus nahe bevor. Von Berndorf aus sollte sie nicht mehr in die Pension zurückkehren, sondern direkt nach Hause reisen. Auch Käthe kehrte nicht mehr in das Erziehungsinstitut zurück. Auf Dagmars Bitte hatte ihr der Vater für Berndorf noch einmal zwei Monate Urlaub gewährt.

Und diese zwei Monate sollten für Dagmar von einschneidender Bedeutung werden. Sie verlor in jener Zeit ihr Herz.

Das war so gekommen:

In der Nachbarschaft von Berndorf lagen noch zwei andere Güter. Das eine davon gehörte einem Herrn von Thorau, und das andere war vor einer Zeit an einen ehemaligen Fabrikbesitzer, der sich zur Ruhe setzen wollte, verkauft worden. Er hieß Rothberg und hatte eine Tochter. Lisa Rothberg war verlobt mit einem Naturforscher, Dr. Günter Friesen.

Lisa Rothberg war ein sehr schönes Mädchen. Dagmar lernte sie in Berndorf kennen, als sie dort mit ihren Eltern einen Besuch machte. Trotz ihrer Schönheit machte Lisa Rothberg einen unangenehmen Eindruck auf Dagmar. Und auch Käthe von Berndorf mochte die schöne Lisa nicht leiden.

„Sie ist sehr schön, aber ich kann ihr nicht gut sein“, sagte Käthe.

Und Dagmar erwiderte: „Sie hat etwas Unechtes, Unwahres in ihrem Wesen.“

Trotzdem wurde Lisa Rothberg von ihrem Verlobten sehr geliebt, und alle, die ihn kannten, rühmten ihn als einen sehr liebenswerten und interessanten Mann.

Lisa Rothberg erzählte Dagmar und Käthe mit eitlem Lächeln von ihren Triumphen und sagte ihnen, dass ihr Verlobter mit Herrn von Thorau befreundet wäre. Sie kannte Herrn von Thorau noch nicht persönlich, wusste aber, dass er ihren Verlobten auf einer Forschungsreise begleitet hatte.

„Herr von Thorau kehrt in den nächsten Tagen von seiner Reise auf sein Gut zurück, und mein Verlobter wird ihn begleiten, um den Sommer in meiner Nähe zu verleben. Er behauptet, es vor Sehnsucht nach mir nicht aushalten zu können“, sagte sie.

Käthe und Dagmar fanden die Worte unzart, sprachen aber nicht darüber. Käthe sagte nur: „Da trifft es sich ja gut, dass Herr von Thorau Ihr Nachbar ist, Fräulein Rothberg.“

„Ja, es trifft sich ausgezeichnet. Was ist denn Herr von Thorau für ein Mensch? Ich kenne ihn noch gar nicht, obwohl mein Verlobter oft von ihm spricht. Er scheint viel von ihm zu halten, aber das will nicht sagen, dass er mir auch gefällt. Frauen beurteilen die Männer ganz anders, als diese es gegenseitig tun. Und ich möchte deshalb von Ihnen hören, was Herr von Thorau für ein Mensch ist.“

Käthe zuckte die Achseln. „Herr von Thorau ist ein sehr liebenswürdiger und lustiger Mensch – mehr weiß ich nicht von ihm.“

Lisa Rothberg lachte. „Ob er fesch und schneidig ist, werden Sie doch wissen?“

Dagmar und Käthe sahen sich an und fanden es sonderbar, dass sich Lisa Rothenberg so sehr dafür interessierte, ob Herr von Thorau „fesch und schneidig“ sei.

„Das ist Geschmackssache“, antwortete Käthe.

Als sie dann später mit Dagmar allein war, sagte sie lächelnd: „Dass ich einmal für Herrn von Thorau geschwärmt habe, brauche ich doch Fräulein Rothberg nicht zu sagen, nicht wahr?“

„Ganz gewiss nicht“, antwortete Dagmar lächelnd, „das ist einzig deine Angelegenheit. Also du hast für ihn geschwärmt?“

„Ja, heftig.“

„Am Ende tust du es noch, Käthe?“

Diese schüttelte energisch den Kopf. „Ach nein, Dagmar. Ich erkannte bald, dass er ein Blender war.“

„Ein Blender?“

„Nun ja, einer von den Menschen, die durch ihr liebenswürdiges Wesen bestricken, deren Persönlichkeit aber keinen tieferen Wert hat. Du weißt ja, ich lernte dann Kurt von Roschwitz kennen, und ich habe Vergleiche gezogen, die zu seinen Gunsten ausfielen. Findest du Herrn von Roschwitz nicht auch sehr liebenswert?“

„Er gefällt mir sehr gut, und ich habe auch bemerkt, dass er dich nicht aus den Augen lässt, wenn er in Berndorf ist. Und er ist sehr oft in Berndorf“, scherzte Dagmar.

Käthe lachte. „Nun ja, warum soll er nicht? Sein Vater ist mit dem meinen befreundet, und als er in die nahe Garnison versetzt wurde, war es doch selbstverständlich, dass er oft nach Berndorf kam. Die anderen Offiziere seines Regiments sind doch auch oft hier.“

Schelmisch sah Dagmar die Freundin an. „Aber er ist doch noch ein wenig öfter hier als die anderen, und jedenfalls bin ich darüber beruhigt, dass dir Herr von Thorau nicht mehr gefährlich werden kann.“

Käthe umarmte Dagmar. „Ach liebe, liebe Dagmar, ich glaube wirklich, dass ich mein Herz rettungslos an Kurt von Roschwitz verloren habe.“

Sinnend sah Dagmar vor sich hin. „Ich möchte wissen, wie das ist, wenn man sein Herz verliert.“

Käthe seufzte. „Du das ist ein ganz sonderbarer Zustand. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Nun, du wirst es noch zeitig genug an dir selbst erfahren.“

Und das sollte bald in Erfüllung gehen. Eines Morgens saßen die beiden jungen Damen im Berndorfer Park auf einem Luginsland, der sich über die Parkmauer erhob. Sie sahen schweigend auf das reizende Landschaftsbild zu ihren Füßen. Und auf diesem Weg kamen zwei Herren geritten. Sie unterhielten sich eifrig und bemerkten die beiden jungen Damen nicht.

Diese aber konnten die beiden Herren mit Muße betrachten. Und Dagmar Rutharts Blick heftete sich groß auf den einen dieser Herren, der einen Schimmel ritt. Er hatte elastische Bewegungen und eine vornehme Haltung. Sein kühn geschnittenes Gesicht, das in Luft und Sonne einen hellen Bronzeton erhalten hatte, war bartlos. Um so besser kam der energische Zug um Mund und Kinn zur Geltung. Stahlblaue Augen sahen unter der schön geformten Stirn klar und energisch, aber nicht ohne Güte hervor.

Dagmar konnte ihren Blick nicht von diesem anziehenden Männergesicht lösen. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf. Das Blut jagte ihr rebellisch zum Herzen, und ihre Augen hingen wie von einem Zauber gebannt an seinem Antlitz.

Als die beiden Herren vorüber waren, erwachte Dagmar wie aus einer Erstarrung. Sie fasste in verhaltener Erregung Käthes Arm. „Wer war das?“

Käthe sah sie lachend an. „Das war Herr von Thorau. Gelt, er ist ein schöner Mensch? Aber, halte dein Herz fest, ich sagte dir ja, er ist ein Blender. Und mein Vater sagte einmal von ihm: Er läuft jeder Schürze nach.“

Dagmars Blick folgte den beiden Herren. „Welcher von beiden ist Herrn von Thorau, der auf dem Goldfuchs oder der auf dem Schimmel?“

„Der auf dem Goldfuchs ist Thorau. Der andere wird vielleicht sein Freund Dr. Friesen sein, Lisa Rothbergs Verlobter.“

Leise zuckte Dagmar zusammen. Sie hatte ein Gefühl, als krampfe sich ihr Herz zusammen. Der Gedanke, dieser Mann könne Lisa Rothbergs Verlobter sein, tat ihr weh.

Käthe achtete nicht auf Dagmars verhaltene Erregung. Sie erhob sich schnell. „Komm, Dagmar, lass uns ins Haus zurückkehren! Wahrscheinlich wird Herr von Thorau mit seinem Freund einen Besuch in Berndorf machen. Und da müssen wir doch dabei sein.“

Auch Dagmar erhob sich, und die beiden jungen Damen gingen durch den Park nach dem Herrenhaus von Berndorf. Sie sahen, als sie zwischen den Bäumen hervortraten, dass ein Reitknecht den Schimmel und den Goldfuchs auf und ab führte.

„Lass uns durch die Hinterpforte eintreten, Dagmar! Wir sind noch in Morgenkleidern und müssen uns rasch umziehen“, sagte Käthe.

Sie beeilten sich sehr. Aber als sie nach einer Weile hinunterkamen, war nur noch Herr von Thorau anwesend. Dr. Friesen hatte sich schon wieder verabschiedet, weil er von seiner Braut erwartet wurde.

Herr von Thorau begrüßte die jungen Damen und machte ihnen ein wenig den Hof. Aber er konnte keine Eroberung machen. Käthe ließ ihn übermütig abfallen, und Dagmar reagierte überhaupt nicht. Sie zeigte sich ihm sehr ernst und zurückhaltend. Von allem, was Herr von Thorau sprach, interessierte sie nur, was Dr. Günter Friesen betraf. Sie hörte, dass er den ganzen Sommer als Gast in seinem Haus wohnen und jeden Morgen nach dem Gut seines künftigen Schwiegervaters ...

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