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Hedwig Courths-Mahler - Folge 077

Die untergehende Sonne spiegelte sich in den blanken Fensterscheiben des hübschen Landhauses. Es lag still und abseits der großen Straße versteckt im Grünen. Vom nächsten Dorf war es gut eine halbe Stunde entfernt.

Eine lastende Einsamkeit breitete sich über das kleine Anwesen. So lag es schon seit Jahren, und selten führte eines Menschen Weg hier vorbei.

Seit einigen Tagen war die Stille noch lastender geworden – seit man den Besitzer dieses Landhauses hinausgetragen hatte nach dem kleinen Dorfkirchhof. Als Lebender hatte er sich seit Jahren nicht so weit von seinem Haus entfernt wie nun auf dem letzten Gang. Er war ein verbitterter, mit dem Dasein zerfallener Mann gewesen, auf dessen Antlitz man nie ein Lächeln sah. Wie in einer Einöde hatte er sich hier vergraben. Für seine eigene Person hätte er ein Recht gehabt, sich vom Leben und seinen Forderungen abzuschließen, denn er hatte diese Verbannung als Abschluss einer verfehlten Existenz betrachtet. Aber er hatte ein junges Leben mit sich genommen und es mitleidslos in dieser Einöde begraben – seine Tochter.

Er hatte das sicher nicht getan, weil es ihm unerträglich gewesen wäre, sich von seinem Kind zu trennen. Das wäre zu verstehen und zu entschuldigen gewesen. Aber er hatte es getan im Egoismus seiner Verbitterung, um einen Menschen zu strafen, der ihm ein Leid zugefügt hatte. Dieser Mensch war seine Frau. Weil sie mit echter Mutterliebe an ihrem Kind hing, trennte er Mutter und Kind. Um die Mutter zu strafen, verdammte er sein Kind zu dieser Einsamkeit, der Wärme und Sonne fehlte, und fragte nicht, ob seine Tochter darunter litt.

Und so hatte Ria Steinberg seit ihrem dreizehnten Lebensjahr mit ihrem Vater in dem stillen Landhaus gelebt und war in all den Jahren mit keinem anderen Menschen zusammengekommen als mit ihrem Vater, dem Dorfschulmeister Körner, einer alten Haushälterin, dem Gärtner und seiner Frau und einem alten Diener.

In der Zeit, da sonst junge Mädchen mit ihren Altersgenossinnen spielen, tanzen und allerlei Lustbarkeiten kennen lernen, war Ria einzig und allein auf den Verkehr mit diesen Menschen angewiesen gewesen. Außer ihnen erschien nur alle halbe Jahre einmal die alte Jette Fröbel, eine Dorfschneiderin, die für Ria die Kleidung anfertigte.

Von der Außenwelt war selten ein Ton in das einsame Haus gedrungen. An Zeitungen kam nichts ins Haus als einige astronomische Fachzeitschriften. Sonst blieb alles verbannt. Eine reichhaltige Bibliothek war freilich vorhanden, aber sie enthielt außer klassischen Werken nur wissenschaftliche Bücher, die sich wenig zur Lektüre für ein junges Mädchen eigneten. Weil sie aber keine andere Anregung und Lektüre hatte, suchte sich Ria ihre geistige Nahrung doch aus diesen tiefgründigen Werken.

Wie sich in das stille Landhaus keine lauten Freuden und Lustbarkeiten wagte, so blieben ihm auch andere Dinge fern, die draußen in der Welt alle Gemüter erregten. So drang auch die Kunde von dem furchtbaren Weltkrieg nur wie die von einem weltenfernen Ereignis herein. Es war, als spielte sich dieses grauenvolle Ereignis auf einem anderen Erdteil ab.

Ria Steinberg verlebte also auch die Zeit des Weltkriegs in stumpfer Weltabgeschiedenheit.

Es war im Hochsommer des letzten Kriegsjahres, als Julius Steinberg schwer erkrankte. Trotz seines anfänglichen Sträubens musste der Arzt gerufen werden. Und er verhehlte Julius Steinberg nicht, dass sein Zustand bedenklich sei.

Da ließ der Kranke einen Notar kommen und machte sein Testament. Er schrieb auch einige Briefe und gab seinem alten Diener und dem Arzt Anweisung, was damit geschehen solle im Fall seines Todes.

Danach hatte er eine Unterredung mit seiner Tochter.

Vater und Tochter hatten in all den Jahren fast nie etwas Persönliches gesprochen. Wohl hielt der Vater seiner Tochter fast täglich große wissenschaftliche Vorlesungen und suchte sie vor allen Dingen für Astronomie zu begeistern. Auf dem Dach seines Landhauses hatte er eine kleine Sternwarte angelegt und ganze Nächte darin verbracht. Auch Ria musste alle interessanten Himmelserscheinungen beaugenscheinigen. Aber dies war das einzige Zeichen eines Interesses, das er an seiner Tochter nahm.

Sie folgte ihm auf dieses Gebiet wie auf alle anderen mit lebhafter Anteilnahme. Ria lernte auf diese Weise über ein reiches Wissen zu verfügen, blieb aber in allen praktischen Lebensfragen ganz unerfahren. Und ihr Innenleben lag gleichsam in tiefem Schlaf. Sie kannte und wusste nichts von den Forderungen des realen Lebens. Um so mehr erregte sie nun die Unterredung mit ihrem Vater kurz vor dessen Tod.

Sie saß an seinem Bett und hatte ihm gewissenhaft die vom Arzt verordnete Medizin gereicht und ihn auf seinen Wunsch aufgerichtet und mit Kissen gestützt. Darauf hatte er gesagt:

„Du musst dich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich sterben werde.“

Mit großen, erschreckten Augen hatte sie ihn angesehen.

„Du wirst wieder gesund werden Vater.“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, ich werde sterben – und ich will es auch. Mein Testament ist gemacht. Du wirst meine Erbin sein, eine sehr reiche Erbin. Aber wenn ich dir raten darf, so fliehe die Menschen wie bisher. Bleib’ hier in der Einsamkeit, wo dich niemand betrügen und kränken kann. Und lass niemanden zu dir herein – niemanden, hörst du!“

„Gibt es nicht auch gute Menschen, Vater?“, fragte Ria in fast kindlicher Naivität.

Er lachte heiser auf.

„Gute Menschen? Ich weiß nicht. Vielleicht. Ich habe keine kennen gelernt – nein. Als ich noch sehr jung war, so jung wie du, da glaubte ich daran und suchte streute mein Geld mit vollen Händen aus und suchte. Vergeblich. Bis ich deine Mutter fand. Die hielt ich für gut, weil sie schön war und weil ich sie liebte wie nichts auf der Welt. Und sie sagte mir, dass sie mich liebe – auch sie selbst ließ es mich glauben. Es war Betrug – Betrug. Mein Geld wollte sie haben. Deshalb heiratete sie mich. Und sie ließ mich an ihre Liebe glauben – aber ich misstraute bald. Ich ließ ihr keine Ruhe, fragte sie immer wieder, spürte ihr nach, forschte – und nach Jahren, nach dreizehn Jahren, da kam die Wahrheit an den Tag. Ihr Herz schenkte sie einem anderen, einem so genannten Freund von mir. Ihn liebte sie – so sehr, dass sie das Leben an meiner Seite nicht mehr ertrug. Oh, wie ich da gelitten habe! Aus meiner Liebe wurde Hass. Sie wollte dich mitnehmen. Ich kämpfte um dich – und siegte. Sie musste allein gehen – zu ihrem Geliebten: und sie hat gewinselt nach dir wie ein Hund. Das war meine Rache.“

Er schwieg erschöpft. Ria sah mit großen Augen vor sich hin. Der Hass, der noch aus ihres sterbenden Vaters Worten sprach, hatte ihre Jugend überschattet, hatte ihr das Beste genommen: ihre Mutter.

Sie träumte noch jetzt so oft von der schönen, sonnigen Frau, die so lieb und zärtlich zu ihr gewesen war. Alles war damals wie in Licht und Wärme gehüllt gewesen. Immer hatte das Antlitz der Mutter etwas Zärtliches gehabt, auch dann noch, als sie zuweilen rotgeweinte Augen hatte. So etwas Lebensfrisches, Köstliches war von der Mutter ausgegangen, und sie hatte ihr Kind geherzt und geküsst und so lieb gehabt – so lieb. Ria hörte noch oft nachts im Traum ihr jammervolles Weinen und ihre flehende Stimme: „Lass mir mein Kind erbarme dich!“

So still Ria in der Einsamkeit geworden war unter dem Despotismus des Vaters – tief in ihrem Herzen lebte die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit der Mutter, bei der sie viel lieber geblieben wäre als bei dem finsteren, wortkargen Vater. Die Sehnsucht nach der Mutter war nicht gestorben, wenn sie auch nie mehr von ihr sprach.

Und jetzt, da der Vater von seinem Tod sprach, reckte sich Ria plötzlich auf und sah ihm mutig ins Gesicht.

„Darf ich dich eines fragen, Vater?“

Er sah sie mit starren Augen an. „Was willst du wissen?“

Sie fasste sich ein Herz, obwohl sie zitterte.

„Lebt meine Mutter noch?“

Seine Stirn zog sich wie drohend zusammen.

„Ich weiß es nicht – ich habe nur noch einmal von ihr gehört, seit sie mich verließ für immer“, sagte er dann aber ziemlich ruhig.

Ria krampfte die Hände zusammen.

„So weißt du nicht, wo meine Mutter lebt?“

Er zögerte, dann rang es sich widerwillig von seinen Lippen: „Sie ging erst nach der Schweiz mit ihrem zweiten Gatten. Von dort ist sie, wenige Wochen vor dem Kriegsausbruch, mit ihm nach Südwestafrika gegangen, wo sie sich eine Besitzung kaufen wollten. Vor ihrer Abreise bat sie mich nochmals, dass du zu ihr kommen dürftest. Ich habe nicht darauf geantwortet. Seither weiß ich nichts von ihr.“

Ria wollte noch weiter fragen. Der Kranke schien es zu ahnen. Er hob schroff die Hand. „Nichts mehr davon – es hat mir mein Leben verbittert – ich kann nicht verzeihen.“

Schwer atmend sank er in seine Kissen zurück. Ria flößte ihm eine Stärkung ein. Er sah mit einem seltsamen Blick zu ihr auf.

„Der Tod deines Vaters wird dir nicht viel Schmerzen bereiten. Du liebst ihn nicht sehr“, sagte er heiser.

Erschrocken sah sie ihn an. „Sprich nicht so, Vater!“

Er lächelte bitter. „Es hat mich nie jemand geliebt – warum solltest du es tun? Ich habe ja auch nichts getan, um deine Liebe zu mir zu erwecken. Und dass ich dir meinen Reichtum hinterlasse, das ist nach meinem Dafürhalten keine Wohltat. Dafür bist du mir weder Dank noch Liebe schuldig. Doch genug davon. Ich wollte dir nur sagen, dass ich einen ehemaligen Jugendfreund zu deinem Vormund bestellt habe. Er heißt Heinrich Feldner, und ich halte ihn für so ehrlich, wie ich es nur von einem Menschen annehmen kann. Vertraue aber auch ihm nicht mehr als nötig! Achte selbst auf deinen Besitz! Lass dir stets über alles genaue Rechnung ablegen. Im Übrigen wirst du bei ihm Rat finden für alles, was dir nicht klar ist. Er ist ein erfahrener Mann, und man nannte ihn einen rechtlichen Menschen. Möglich, dass er es wirklich ist. Du kannst dich seiner wohl kaum noch entsinnen – er war es, der die Villa mit dem gesamten Inventar kaufte, die ich mit deiner Mutter bewohnte.“

Ria schüttelte den Kopf.

„Nein, ich erinnere mich nicht, ihn je gesehen zu haben.“

„Nun, du wirst nicht viel mit ihm zu verkehren brauchen – falls du es nicht selbst wünschen solltest. Im Übrigen – Heinrich Feldner und seine Frau wissen dir vielleicht mehr von deiner Mutter zu berichten, falls du nach ihr forschen willst. Tu, was du willst, aber lass dir raten: bleib allein – halte dich den Menschen fern!“

Danach hatte er nichts mehr gesprochen. Mit geschlossenen Augen hatte er sich zurückgelegt.

Einige Tage darauf war er gestorben, und Ria Steinberger war allein in dem stillen Haus zurückgeblieben. Der Arzt und der alte Diener hatten das Begräbnis vorbereitet, und der Erstere hatte auf Wunsch des Verstorbenen Herrn Heinrich Feldner Mitteilung gemacht von dessen Ableben und ihm einen Brief beigelegt, den ihm Julius Steinberger vor seinem Tod übergeben hatte.

Heinrich Feldner war sofort herbeigeeilt und kam noch zurecht, dem verstorbenen Jugendfreund die letzte Ehre zu erweisen. Man hatte Julius Steinberger auf dem Friedhof des kleinen Dorfes begraben. Niemand als sein Jugendfreund, der Arzt, der Dorfschulmeister und Ria waren seinem Sarg gefolgt.

Zum ersten Mal seit fast sieben Jahren hatte Ria Steinberger bei der Beerdigung wieder mit gebildeten Menschen verkehrt. Nun war sie mit Heinrich Feldner in das stille Landhaus zurückgekehrt, und sie saßen sich beide im Wohnzimmer gegenüber, das mit seinen schweren Eichenmöbeln und den dunklen Bezügen und Portieren einen düsteren Eindruck machte.

Ein verirrter Sonnenstrahl fiel durchs Fenster über Rias Haupt und ließ das goldbraune Haar in metallischem Glanz aufleuchten.

Ria hatte sich müde und verzagt in einen hochlehnigen Sessel fallen lassen und sah mit scheuen Augen in das freundlich ernste Gesicht des Herrn Feldner, der sie aufmerksam betrachtete.

Der alte Herr war bei ihrem Anblick betroffen zusammengezuckt. Er hatte Ria vor sieben Jahren gesehen, kurz bevor sie mit ihrem Vater in diese Einsamkeit ging. Damals war sie ein reizend gekleidetes, hübsches Kind gewesen. Wie sehr hatte sie sich in diesen Jahren zu ihrem Nachteil verändert! Dieses blasse, stille Mädchen mit den scheuen Augen, den steifen, ungeschickten Bewegungen und der ungraziösen Haltung sah nicht aus wie eine Millionenerbin. Sie machte vielmehr den Eindruck, als sei sie die Tochter eines ehrsamen Dorfschneiders im Sonntagsstaat, den ihr der Vater selbst zusammengeflickt hatte. Nur die feinen Züge und die schlanken, schönen Hände passten nicht zu diesem Bild.

Jedenfalls machte Ria auf Herrn Feldner den Eindruck eines an Leib und Seele verkümmerten Wesens, zumal sie vor schüchterner Unbeholfenheit noch kaum einige Worte gesprochen hatte.

Herr Feldner räusperte sich endlich.

„Also, mein gnädiges Fräulein, wie ich Ihnen schon gestern sagte, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung. Ihr verstorbener Vater war, wie Sie wissen, mein Jugendfreund. Ich habe es sehr bedauert, dass wir uns mit den Jahren fremd wurden und dass ich ihn schließlich ganz aus den Augen verlor, nachdem er nach der Trennung von Ihrer Mutter seine Vaterstadt verließ. Er hat mir vor seinem Tod geschrieben, dass er mich zu Ihrem Vormund bestimmt hat, und hat mich gebeten, Ihnen beizustehen, so viel in meiner Macht liegt. Das soll geschehen. Ich bitte Sie nun, mir zu sagen, wie Sie sich Ihr ferneres Leben einzurichten gedenken.“

Ria hatte aufmerksam zugehört. Nun hob sie den Kopf und sah ihn mit den samtbraunen Augen unruhig an. Und statt einer Antwort fragte sie, was ihr am meisten am Herzen lag.

„Sie haben meine Mutter gekannt?“

Heinrich Feldner war etwas betroffen durch diese impulsive Frage. Aber er sagte sofort:

„Ja, ich habe sie gekannt.“

Sie atmete schnell und faltete mit einer rührenden Gebärde ihre Hände zusammen.

„Bitte, o bitte, erzählen Sie mir von ihr – alles-, was Sie wissen.“

Heinrich Feldner war ein wenig verlegen.

„Hm! Ja, was soll ich Ihnen da erzählen. Ihre Mutter hat mit Ihrem Vater eine sehr unglückliche Ehe geführt. Sie hat ihn wohl nur geheiratet, weil sie ihren Verwandten nicht zur Last fallen wollte. Sie war arm. Ihr Vater hat sie sehr geliebt, aber er war ein unglücklich veranlagter Mensch und machte ihr das Leben unerträglich durch sein Misstrauen, seine Eifersucht. Er war ein Schattenmensch, und Ihre Mutter war eine Sonnennatur, der alle Herzen zuflogen. Sie war wohl die schönste Frau, die mir je begegnet ist, und ein lieber, wertvoller Mensch, der dem Leben tausend Schönheiten abgewann. Zuerst hat sie wohl versucht, Einfluss auf Ihren von Jugend auf pessimistischen und misstrauischen Vater zu gewinnen und ihn aufzuheitern. Es gelang ihr nicht. Aber er neidete jedem Menschen ihr Lächeln, ihre Freundlichkeit und quälte sie mit maßloser Eifersucht. Diese Eifersucht war grundlos – lange Jahre. Ihre Mutter versuchte mit ihrem sonnigen Wesen die Schatten zu bannen, die im Hause umgingen. Es gelang ihr nicht. Und sie fing selbst an zu verblassen, wenn auch ihr sonniges Naturell immer wieder zum Durchbruch kam.“

Ria nickte lächelnd.

„Oh, sie war immer heiter, herzlich und liebevoll. Wenn ich bei ihr war, dann war ich froh und glücklich wie nie wieder; seit sie mir entrissen wurde.“

Der alte Herr nickte ernst.

„Eine Mutter kann einem Kind nicht ersetzt werden, durch nichts.“

Ria drückte die Hände aufs Herz.

„Wie Recht haben Sie, Herr Feldner. Doch bitte sprechen Sie weiter! Es ist mir eine so große Wohltat, von meiner Mutter zu hören.“

„Leider kann ich Ihnen nichts Erfreuliches mehr melden.“

„Sagen Sie mir trotzdem alles – alles – ich bitte Sie.“

„Nun, es kam endlich, wie es kommen musste. Ihre Mutter litt maßlos unter dem misstrauischen Wesen Ihres Vaters und entfremdete sich ihm mehr und mehr. In jener Zeit kam Georg Hollmann, ein gemeinsamer Freund von Ihrem Vater und mir, nach jahrelanger Abwesenheit in die Heimat zurück. Er hatte in England gelebt und lernte Ihre Mutter jetzt erst kennen. Diese beiden Menschen waren wie füreinander geschaffen. Georg Hollmann war auch ein Sonnenmensch und ein untadeliger Charakter. Als er Ihre Mutter zum ersten Mal sah, liebte er sie, und sie erkannte, dass er ihr Schicksal war. Es war eine große, ernste Liebe, die diese beiden Menschen zusammenführte. Und ehrlich, wie sie beide waren, machten sie kein Hehl aus ihrer Liebe. Kurzum, es kam zur Scheidung zwischen Ihren Eltern. Ihre Mutter wurde schuldig geschieden, und das Gericht sprach Sie dem Vater zu. Das hatte er gewollt. Ihre Mutter war verzweifelt darüber und hat alles getan, um ihn zu veranlassen, ihr die Tochter zu überlassen. Er weigerte sich, und Georg Hollmann führte seine Frau nach der Schweiz, damit sie sich beruhigen sollte. Ihr Vater aber zog mit Ihnen hierher, nachdem er mir seine Villa mit der gesamten Einrichtung verkaufte. Ich bewohne sie seitdem mit meiner Familie.“

Ria presste die Handflächen zusammen.

„Haben Sie danach nichts mehr von meiner Mutter gehört?“

„Doch. Meine Frau war mit Ihrer Mutter befreundet und bekam aus der Schweiz mehrere Briefe von ihr. Auch erhielt ich von ihrem zweiten Gatten, Georg Hollmann, verschiedene Male Nachricht. Die beiden Menschen liebten sich sehr und wären restlos glücklich gewesen, wenn Ihre Mutter sich nicht so namenlos nach Ihnen gesehnt hätte. Ich musste alles schreiben, was ich über Ihren Verbleib wusste. Es war wenig genug, denn ich war mit Ihrem Vater ganz auseinander gekommen. Ihre Mutter hat diesen nochmals brieflich angefleht, dass er sie nicht länger von ihrem Kind trennen sollte. Er antwortete nicht einmal. Dann beschlossen Georg Hollmann und seine Frau, nach Südwest zu reisen. Georg Hollmann wollte seine angebetete Frau wohl zerstreuen und ablenken. Sie planten sogar, sich eventuell in Südwest anzukaufen. Aber in jener Zeit brach der Krieg aus und aller Verkehr zwischen Deutschland und den Kolonien wurde abgeschnitten. Wir hörten nichts mehr von Georg Hollmann und seiner Frau und waren in großer Sorge um sie. Erst einige Tage, bevor ich hier herreiste, haben wir dann endlich wieder ein Lebenszeichen bekommen.“

Ria fasste seinen Arm und sah ihn unruhig an.

„Meine Mutter lebt?“, fragte sie atemlos.

Heinrich Feldner nickte.

„Ja, sie lebt. Ich bekam über Dänemark auf langen Umwegen von Ihrer Mutter ein Schreiben. Sie teilte uns mit, dass sie damals bei Kriegsausbruch noch auf dem Dampfer in englische Gefangenschaft geraten und nach England transportiert worden sind. Sie befinden sich aber beide wohl, und da Georg Hollmann lange Jahre in England gelebt hat und dort einflussreiche Freunde besaß, die sich für ihn verwenden konnten, hatte er oft Gelegenheit, unter dem Schutz dieser Freunde mit seiner Frau zusammenzutreffen. So haben sie beide nicht gar so schlimm unter der Gefangenschaft zu leiden gehabt, da Hollmans Freunde ihm viele Vergünstigungen ermöglichen konnten. Es ist also begründete Hoffnung, dass Sie Ihre Mutter nach Friedensschluss wiedersehen.“

Ria strich sich das Haar aus der Stirn.

„Ich habe mich, seit ich erwachsen bin, oft gefragt, ob es meiner Mutter nicht möglich war, mir einmal ein Lebenszeichen von sich zu geben. Nun verstehe ich, dass es nicht möglich war.“

„Das ist ihr freilich nicht möglich gewesen.“

Rias Augen leuchteten auf und verschönten das blasse Gesicht. Sie vergaß alle Scheu und wirkte dadurch nicht mehr so unbeholfen.

„Ach, wie dankbar bin ich Ihnen für diese Nachricht. Nun kann ich doch hoffen, dass ich meine Mutter eines Tages wiedersehe.“

„Das können Sie gewiss. Jetzt steht ja Ihr Vater nicht mehr trennend zwischen Ihnen und Ihrer Mutter.“

Ein Schatten flog über Rias Gesicht.

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