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Hedwig Courths-Mahler - Folge 076

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Tochter der Wäscherin
  4. Vorschau

Hast du ein wenig Zeit für mich, Kuno? Ich habe Verschiedenes mit dir zu besprechen.“

Freiherr Kuno von Lossow blickte zu seiner Gattin empor, die mit diesen Worten in sein Arbeitszimmer getreten war. „Du weißt doch, Helene, dass ich um diese Zeit mit der Erledigung der Post beschäftigt bin und nicht gestört zu werden wünsche“, antwortete er in kaltem, nörgelndem Ton.

Frau Helene von Lossow sah indigniert an ihrem langen, schmalen Nasenrücken herab. „Ich bin es nachgerade gewöhnt, dass du nie Zeit für mich hast, wenn ich dich in dringenden Angelegenheiten sprechen muss.“

Kuno von Lossow räusperte sich hinter der vorgehaltenen Hand, um seinem matten Organ Festigkeit zu geben. „Deine dringenden Angelegenheiten haben, wie ich aus Erfahrung weiß, immer nur einen Refrain: Ich brauche Geld. Also, bitte, spare dir und mir diese Auseinandersetzung, denn ich habe kein Geld, wenigstens momentan nicht.“

Frau von Lossow trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. „Aber ich brauche dringend eine größere Summe, Kuno. Du weißt, dass nächstens das große Gartenfest in Trassenfelde stattfindet. Dazu brauchen Gitta und ich unbedingt neue Kleider, weil wir …“

„… wieder einmal nichts anzuziehen haben – ich weiß, ich weiß, es ist immer dasselbe“, wehrte er ungeduldig ab. „Könnt ihr denn nicht einmal eine Robe aufarbeiten lassen?“

„Sollen es vielleicht die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass in Lossow die Verhältnisse fragwürdig sind? Glaubst du, dass Gitta nur die geringsten Aussichten auf eine annehmbare Partie hat, wenn es bekannt wird, dass du ihr keine Mitgift geben kannst? Und meinst du, dass die Komtesse Trassenfelde Lust haben wird, Botho mit ihrer Hand zu beglücken, wenn die Leute erfahren, wie wenig das Lossower Majorat einbringt? Sie wird sich dann sofort sagen, dass Botho nur nach ihrem Geld trachtet. Wir müssen um jeden Preis den Anschein zu wahren suchen, als lebten wir hier aus dem vollen.“

Kuno von Lossow winkte nervös ab. „Ja, ja, ich weiß schon – alles weiß ich, was du mir sagen willst. Aber ich kann dir nichts geben, jetzt nicht. Da musst du warten, bis ich bei Onkel Heribert gewesen bin. Ich will sehen, ob er mir noch einmal aushilft.“

„Wann fährst du nach Lemkow hinüber?“

„Vielleicht heute Nachmittag.“

Frau von Lossow seufzte tief auf. „Hoffentlich hat dein Besuch Erfolg. Onkel Heribert wäre wohl imstande, uns gründlich zu helfen, wenn er nur wollte.“

„Du vergisst, dass er uns schon mehrere Male ausgeholfen hat“, sagte Kuno.

Seine Gattin machte eine abwehrende Bewegung. „Nein, ich vergesse es nicht. Aber er hat dich bloß immer mit tausend Mark abgespeist. Damit konnte man wohl ein Loch zustopfen, aber eine rechte Hilfe war das nie.“

Ein ironisches Lächeln verzog Kunos Lippen. „Onkel Heribert glaubt eben, dass wir keine Hilfe brauchen. Wir sollen mit dem auskommen, was Lossow uns einbringt. Er meint, das sei eine ganz anständige Summe.“

„Ach, um damit auszukommen, dürfte man sich keinerlei Annehmlichkeiten gestatten. Warum sollen wir mit dem Pfennig knausern? Du bist ja doch Onkel Heriberts Erbe.“

Kuno von Lossow seufzte tief auf. „Wenn das nur so sicher wäre! Onkel Heribert kann testieren, wie er will. Man kann nicht wissen – der alte Herr ist unberechenbar. Er hat manchmal ein so sonderbares Lächeln, das mir gar nicht gefällt. Ich fühlte oft Angst in mir, er könne uns mit seinem Testament einen Strich durch die Rechnung machen.“

Das Gesicht seiner Frau nahm einen erschrockenen Ausdruck an. „Das wäre schrecklich, Kuno. Nein, daran darf ich nicht glauben. Unsere einzige Hoffnung ist doch diese Erbschaft. Nein, nein, diese Möglichkeit ist ja lächerlich! Wem sollte Onkel Heribert sein Barvermögen und Lemkow hinterlassen, wenn nicht dir und deinen Kindern? Wir sind doch seine einzigen Verwandten!“

„Hast du vergessen, dass ich noch einen Bruder habe?“

„Einen Bruder? Aber Kuno, der ist doch schon seit einer Ewigkeit verschollen und sicher nicht mehr am Leben.“

„Wenn das nur so sicher wäre! Es fehlt mir jeder Beweis, dass er tot ist. Manchmal, da ist so eine Angst in mir, er könnte wieder auftauchen. Und dann – ich glaube, Onkel Heribert hat für diesen Bruder Leichtsinn trotz allem eine gewisse Vorliebe gehabt.“

Frau von Lossow machte eine Bewegung mit den Händen, als schiebe sie etwas von sich. „Nein, nein! Wie kannst du nur auf solche Gedanken kommen? Daran wollen wir lieber nicht denken.“

„Ja, du hast Recht, man darf nicht daran denken. Aber nun lass mich allein! Du siehst, hier liegt ein Haufen Postsachen; ich habe zu tun, liebe Helene.“

Die liebe Helene seufzte noch einmal, dann rauschte sie aus dem Zimmer. An der Tür wandte sie sich nochmals um. „Also, bitte, wenn du zu Onkel Heribert fährst, denke daran, dass ich für Gitta und mich tausend Mark nötig habe.“

Er nickte nur stumm, denn er war bereits damit beschäftigt, einen Brief zu öffnen. Er war von seinem Sohn Botho, der in Berlin als Leutnant bei einem Garderegiment diente.

Mit missmutigem Gesicht las Herr von Lossow den kurzen Brief. Er wusste den Inhalt schon voraus. Die Quintessenz dieser Briefe seines Sohnes war Geld, Geld und immer wieder Geld. Botho von Lossow bat seinen Vater um eine größere Summe.

Schauderhaft, ganz schauderhaft! Woher soll ich nur all das Geld nehmen? Es wird wirklich Zeit, dass Onkel Heribert das Zeitliche segnet, sonst weiß ich nicht mehr aus und ein. Aber der alte Herr ist unglaublich widerstandsfähig.

So dachte Kuno von Lossow und legte den Brief seines Sohnes beiseite. Mit einer müden Bewegung fasste er nach einem zweiten Schreiben. Es war die ziemlich energische Mahnung eines Lieferanten um Geld.

Es folgten noch einige ähnliche unliebsame Schreiben, die er alle verdrießlich beiseite warf.

Wie dringlich diese Leute wurden, wenn man einmal nicht gleich bezahlte!

Dann kam ihm ein dicker Brief in die Hände. Er drehte ihn um, damit er die Adresse lesen konnte. Und als er die eigenartig steilen, charakteristischen Schriftzüge erblickte, zuckte er jäh zusammen und starrte wie gelähmt darauf nieder.

Eine matte Röte schoss in sein fahles Gesicht, und die Hand, die den Brief hielt, begann zu zittern.

So saß er eine Weile regungslos. Aber dann gab er sich einen Ruck, schlitzte das Kuvert auf und nahm mehrere eng beschriebene Bogen heraus. Mit scheuem Blick streifte er die Unterschrift auf dem letzten Bogen:

Dein Bruder Fritz!

Kuno von Lossow stöhnte, als hätten seine Augen etwas Furchtbares erblickt. Ein Zittern lief durch seine Glieder, er fiel kraftlos in seinen Sessel zurück. Und wieder ruhten seine weit geöffneten Augen auf dieser Unterschrift.

„Die Toten stehen auf“, murmelte er schreckensbleich vor sich hin. Erst nach einer langen Weile konnte er sich entschließen, den Brief zu lesen. Er lautete:

Lieber Bruder Kuno!

Wenn du diesen Brief in Händen hältst, wirst du wohl erst eine Weile nachdenken müssen, ob es wirklich einen Menschen auf der Welt gibt, der ein Recht hat, dich Bruder nennen zu dürfen. Du hast sicher längst angenommen, ich sei verdorben und gestorben.

Nun, es gab eine Zeit, da war mein Leben keinen Heller wert. Es fehlte nur noch eines Haares Breite, die mich vom Abgrund trennte und vom Tod. Aber ich bin doch nicht elend umgekommen, mein Lebensschiff ist wieder flott geworden. Ohne Hilfe wäre mir das freilich nicht gelungen; ohne diese Hilfe wäre ich – verhungert.

Heute, am 30. Mai, vor fünfundzwanzig Jahren, betrat ich amerikanischen Boden, ein Schiffbrüchiger an Leib und Seele. Du weißt, als unser Vater gestorben war, machtest du mir an Hand der Bücher klar, dass der alte Herr mir in seiner Güte enorme Summen zur Verfügung gestellt hatte. Ich wusste nicht, wo ich das viele Geld gelassen hatte. Damals verstand ich noch nicht zu rechnen. Aber du konntest das umso besser. Du überzeugtest mich, dass ich bereits viel mehr, als mir zukam, verbraucht, dass ich mein Erbe in sträflichem Leichtsinn vergeudet hatte, noch ehe der Vater die Augen schloss. Der gute Vater! Er konnte mir nie einen Wunsch versagen; er hat nicht bedacht, was nach seinem Tod geschehen würde. Also du machtest mir eine Stunde nach Vaters Begräbnis klar, dass ich ein Bettler sei und nichts mehr zu erwarten habe – als zweiter Sohn. Denn das Majorat Lossow gehörte natürlich dir, dem Ältesten. Eigentlich hätte ich dir von Rechts wegen noch etwas herauszahlen müssen. Aber da ich nichts besaß als Schulden, verzichtetest du großmütig auf Rückerstattung, gabst mir sogar noch drei braune Lappen und den guten Rat, über dem großen Teich mein Glück zu versuchen, da ich – wie du meintest – in der Heimat durch meinen Leichtsinn unmöglich geworden sei. Damals war ich so unverständig, dass ich dir diese dreitausend Mark am liebsten vor die Füße geworfen hätte. Aber ich war eben, im Gegensatz zu dir, immer unbesonnen und temperamentvoll. In jener Stunde bezwang ich mich aber, nahm die drei braunen Lappen, zog den geliebten bunten Rock aus und fuhr über den großen Teich. Vorher überlegte ich aber noch, ob ich mich nicht lieber totschießen solle. Auch dachte ich daran, zu Onkel Heribert nach Lemkow zu gehen und ihn um Hilfe zu bitten. Aber ich erinnerte mich noch zur rechten Zeit, dass Onkel Heribert mir verschiedentlich ob meines Leichtsinns geharnischte Moralpauken gehalten hatte. Ich war überzeugt, dass er sagen würde: „Siehst du wohl, nun hast du, was dir gebührt, nun ist es soweit, wie ich es dir prophezeite. Das wollte ich lieber nicht noch hören – nach der Pelzwäsche, mit der du mich bedacht hattest. Denn vor Onkel Heribert hatte ich einen heillosen Respekt, weil der alte Herr mir mit seiner kernigen, ehrlichen Art stets gewaltig imponiert hat.

Also ich fuhr, der schönsten Hoffnung voll, nach Amerika, um ein Glück zu suchen. Ich dachte, das erhoffte Glück käme dem Freiherrn Fritz von Lossow sofort entgegenspaziert, sobald er amerikanischen Boden unter den Füßen hätte.

Es kam aber ganz anders. Trotz größter Sparsamkeit waren die drei braunen Lappen bis auf den letzten Groschen verzehrt, ehe ich auch nur einen Pfennig verdient hatte. Ich erhielt nirgends Anstellung, nirgends Beschäftigung; immer wurden mir andere vorgezogen, die mehr gelernt hatten oder ihre Kenntnisse praktischer verwerten konnten. Und so brach ich eines Nachts, obdachlos und halb verhungert, ohnmächtig auf der Straße zusammen. Als ich nach Stunden aus meiner Bewusstlosigkeit erwachte, lag ich in einem kleinen Raum, in dem mir zunächst eins auffiel: Wäsche, ganze Stöße blütenweißer Wäsche.

Und dann sah ich noch mehr – über mich neigte sich ein junges, reizendes, frisches Mädchengesicht mit einem wahrhaft mütterlich besorgten Blick in den schönen Augen. Dieses Gesicht gehörte Grete Werner, der Besitzerin der kleinen Wasch- und Plättanstalt, in der ich mich befand. Diese blonde, deutsche Grete war, wie ich später erfuhr, die Tochter eines preußischen Beamten, die nach dem Tod ihrer Eltern ihrem einzigen Bruder über das Meer gefolgt war, weil er in New York eine gute Stelle als Kaufmann erhalten hatte. Die Geschwister standen allein im Leben, und Grete wollte ihrem Bruder die Wirtschaft führen. Aber schon nach wenigen Monaten erlag der Bruder einem Unfall, und Grete stand dem Nichts gegenüber. Außer der üblichen Schulbildung hatte sie nichts gelernt als einen Haushalt zu führen. Aber das energische Mädchen besann sich darauf, dass sie vorzüglich mit dem Bügeleisen umzugehen verstand. Darauf erbaute sie sich im fremden Land eine Existenz. Sie mietete einen kleinen Laden und eröffnete eine Wasch- und Plättanstalt. Fleißig stand sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend hinter Waschfass und Bügelbrett und verdiente bald so viel, dass sie einige Gehilfinnen annehmen konnte.

Verzeihe, dass ich über diese junge Dame so ausführlich berichte; du wirst gleich erfahren, warum ich das tue.

Also ich war auf der Schwelle von Grete Werners kleinem Laden zusammengebrochen. Als sie ihn am frühen Morgen öffnete, fand sie mich bewusstlos. Sie besann sich nicht lange, als sie einen Menschen in Not sah. Hurtig hat sie mich in ihren Laden gezogen und mir ein Glas Wein eingeflößt, und dann, als ich das Wort „Hunger“ stammelte, warme Milch und Kekse. Als ich die Augen aufschlug, rief sie mir mit einem lieben Lächeln ein frohes „Grüß Gott, Landsmann“ zu, so dass ich nicht wusste, ob ich im Himmel war oder in der deutschen Heimat.

Bald wurde mir klar, wo ich mich befand und was mit mir geschehen war. Und wie ein hilfloses Kind habe ich mich von Grete füttern lassen. Ich habe mich zwar furchtbar geschämt, aber gegessen habe ich, bis ich wieder einmal richtig satt war.

Als ich kräftig genug war und aufstehen konnte, führte sie mich in einen schmalen Raum hinter dem Laden, wo ein Diwan stand. „So, Landsmann“, sagte sie, „jetzt legen Sie sich noch ein Stündchen hierher und ruhen sich aus, damit Sie nicht wieder schwach werden. Es wird Sie niemand stören. Sie können unbesorgt sein, einen deutschen Landsmann lässt die Grete Werner nicht im Stich!“ Später hat sie mir allerdings gestanden, dass sie nicht jeden so aufgenommen hätte wie mich. Aber das war sie schon meine Braut, und sie hat mir gebeichtet, dass ich ihr gleich gut gefallen habe. Nun, ich habe das nie begriffen, denn in meinem damaligen Zustand kann ich unmöglich einen vorteilhaften Eindruck gemacht haben.

Als ich mich nun erholt hatte und still in dem kleinen Raum lag, da stieg die bittere Scham in mir empor, dass ich von einem Mädchen ein Almosen annahm. So erniedrigt hatte ich mich noch nie gefühlt. Ich hörte drüben im Laden Grete Werner mit ihren Gehilfinnen hantieren. Da erhob ich mich leise und wollte mich unbemerkt davonschleichen. Aber das Zimmerchen hatte nur einen Ausgang durch den Laden.

Ich blickte durch einen Spalt in dem Vorhang, der das Zimmerchen abschloss, und sah Grete Werner in eifriger Arbeit am Bügelbrett stehen. Sie sah so zierlich und sauber aus, so hübsch und anmutig mit dem weißen Häubchen und der weißen Schürze, und es duftete so angenehm nach frischer Wäsche da stieß ich einen tiefen Seufzer aus. Gleich darauf stand auch schon Grete vor mir und lachte mich freundlich an.

Ich sagte ihr, wie sehr ich mich schämte, und bat sie, mich gehen zu lassen. Sie fragte nur: „Wohin?“ Ich zuckte die Achseln und schilderte ihr meine Lage, ohne zu verraten, dass ich ein Freiherr von Lossow sei. Ich erzählte ihr nur, dass ich leichtsinnig gewesen, an meinem Unglück selbst schuld sei und dass ich mich seit Monaten vergeblich bemüht habe, Arbeit zu finden. Sie sah auf meine Hände herab. Und dann fragte sie mich, ob ich als Austräger bei ihr arbeiten wolle, bis sich etwas Besseres für mich gefunden habe.

Bedenke, Kuno, ich, der Freiherr Fritz von Lossow, sollte Austräger für eine Wäscherin werden! Ich sollte die saubere Wäsche zu Gretes Kunden schaffen und die schmutzige abholen! Sie las mir den Schauder vom Gesicht ab, und ihre Augen blickten mich groß und ernst an, so dass ich meinen Blick senken musste. Dann sagte sie mit fester Stimme: „Arbeit ist keine Schande – ehrliche Arbeit adelt jeden Menschen, wer er auch sei.“

Ich habe mir dieses Wort damals fest eingeprägt und danach gehandelt. Und so wurde ich wirklich Austräger, weil ich nicht verhungern wollte und weil ich mich vor diesem tüchtigen Mädchen schämte, das so tapfer sein schweres Tagewerk verrichtete. Und die blauen Augen machten mir meinen Entschluss leicht. Später sind sie meine Leitsterne geworden, die mir immer genau sagten, ob ich das Rechte tat.

Austräger blieb ich übrigens nicht lange. Ich durfte Grete bald die Bücher führen und mich auf manche Art nützlich machen.

Das war der Anfang. Ich will dich nicht mit Einzelheiten behelligen. Ein Jahr später heiratete ich Grete. Das Geschäft hatte einen unerwarteten Aufschwung genommen. Ich entdeckte nämlich so etwas wie kaufmännisches Genie in mir und kam auf den Gedanken, eine große Waschanstalt zu errichten. Und dann erfand ich ein Bleichmittel. Du weißt, dass ich mich in meinen Musestunden gern mit chemischen Studien beschäftigte. Dieses Bleichmittel ließ ich mir patentieren. Ich fabrizierte es zunächst selbst. Später, als es reißenden Absatz fand, baute ich mir eine kleine Fabrik. Ich fabrizierte Seifen, Wasch- und Toilettenmittel und kosmetische Präparate. Und aus unserer kleinen Waschanstalt wurde eine große Dampfwäscherei.

So arbeiteten wir uns empor. Meine Grete stand mir tapfer zur Seite – als Kompagnon, denn hinter Waschfass und Bügelbrett durfte sie schon lange nicht mehr stehen. Ich habe in dieser Frau einen idealen Weggenossen gefunden. Sie hat mir hohes, reines Glück geschaffen, denn sie war nicht nur resolut und tüchtig, sondern auch klug, geistvoll und feinfühlend, eine Dame im edelsten Sinn des Wortes, obgleich sie einst als schlichte Wäscherin ihr Brot verdienen musste.

Unser Unternehmen florierte unter der Firma G. Werner & Co., denn aus Rücksicht auf dich und Onkel Heribert wollte ich den Namen Lossow nicht auf ein Firmenschild schreiben lassen.

Meine Grete verstand mich auch hierin. Ja, unsagbar glücklich bin ich gewesen an der Seite meiner geliebten, angebeteten Frau – bis zu ihrem Ende. Vor drei Jahren habe ich sie hergeben müssen – zu meinem großen Herzeleid. Aber mir lebt eine Tochter, Ellinor, von zweiundzwanzig Jahren, meiner Grete treues Ebenbild an Leib und Seele. Auch ein Sohn ist unserer Ehe entsprossen. Fred ist jedoch erst fünfzehn Jahre alt.

Du wirst nun fragen, warum ich in all der Zeit nichts von mir hören ließ und warum ich jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, das Schweigen breche.

Das will ich dir sagen.

Erst ging es mir so schlecht, dass ich nicht schreiben wollte. Dann lebte ich in Verhältnissen, die dir unverständlich gewesen wären. Du hättest dich ganz sicher mit Schaudern von einem Menschen abgewandt, der sich sein Brot auf diese Weise verdiente, wie ich es musste. Ich konnte dir das nachfühlen, denn auch in mir lebte noch lange so ein Zipfelchen Hochmut, der unter der Erkenntnis litt, dass ein deutscher Edelmann so niedrige Arbeit zu tun gezwungen war.

Ich hielt es also für besser, dir mit meinem Werdegang nicht das Gemüt zu beschweren. Aber nun muss es geschehen, denn ich gedenke in einiger Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Die Sehnsucht nach der Heimat ist schon seit einigen Jahren in mir erwacht. Meine Grete hatte gehofft, mit mir ziehen zu können; auch die empfand Heimweh. Ich muss sie hier zurücklassen. Aber an ihrem Sterbelager habe ich ihr geloben müssen, sobald als möglich mit unseren Kindern nach Deutschland überzusiedeln. Mein Sohn will an deutschen Universitäten studieren, meine Tochter will in deutschen Wäldern leben.

Ich beabsichtige, meine Fabrik in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln, und arbeite bereits darauf hin. Es kann jedoch also noch geraume Zeit vergehen, ehe ich hier alles abgewickelt habe. Aber der heutige Tag schien mir geeignet, dir meinen Entschluss mitzuteilen. Da ich in der alten Heimat eine Besitzung kaufen will, könnte es doch sein, dass wir einander begegnen. Und das soll dir nicht unvorbereitet kommen. Wenn du mich nicht kennen willst, so kannst du mir aus dem Weg gehen. Bitte, teile meinen Entschluss auch Onkel Heribert mit, der, wie ich in Erfahrung brachte, noch am Leben ist. Ich lasse ihn grüßen, wenn er es sich von mir gefallen lassen will.

Und nun werde ich diese lange Epistel schließen. Wenn du willst, kannst du mir Nachricht senden an meine hiesige Adresse, die du am Kopf meines Briefes findest. Es genügt, wenn du „G. Werner & Co.“ adressierst mit dem Zusatz „Privat“, denn einen Freiherrn von Lossow kennt man hier nicht. Nur die intimsten Freunde meines Hauses kennen mich unter dem Namen Fritz Lossow.

Hoffentlich hat mein Wiederauftauchen unter den Lebenden dich nicht zu sehr erschreckt. Sicher hast du mich längst zu den Toten gerechnet. Ich hoffe, dass es dir und den deinen wohl geht und begrüße dich als

Dein Bruder Fritz

Mit steigender Erregung hatte Kuno von Lossow diesen Brief gelesen. Seine Empfindungen dabei waren keineswegs angenehmer Natur. Keine Spur von Freude darüber, dass der verschollene, todgeglaubte Bruder noch am Leben war, regte sich in ihm. Hatte er doch nie ein warmes Gefühl für diesen Bruder gehegt, dem er es missgönnte, dass der Vater ihn besonders liebte.

Mit kaltem, ruhigem Herzen hatte er den Bruder damals in die Welt hinausgeschickt. Er entschuldigte sich damit, dass er für seine eigene Familie einzustehen habe, und behauptete, sein Vater habe Lossow schlecht bewirtschaftet und zugunsten seines zweiten Sohnes mehr Geld herausgezogen, als er durfte. Auch jetzt noch schob er seine Kalamitäten auf diesen Ursprung zurück; er wollte nicht eingestehen, dass er selbst daran schuld war, weil er mit seiner Familie auf zu großem Fuß lebte.

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