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Hedwig Courths-Mahler - Folge 075

Mona Runeck war froh, dass sie aus dem lauten Festtrubel in das stille Nebenzimmer flüchten konnte. Ihr Kopf war ganz wirr von den gesellschaftlichen Phrasen, die sie mit all den vielen Gästen ihres Vaters hatte tauschen müssen, und sie bewunderte ihre Stiefmutter, dass sie nicht müde wurde, allen Anforderungen, die dieses Fest an sie stellte, gerecht zu werden.

Mona war dieses laute, gesellige Treiben nicht gewöhnt, ihr Leben hatte sich bisher in großer Stille und Zurückgezogenheit abgespielt. Und nun war sie plötzlich vom Vater heimgerufen worden, sollte plötzlich der gesellige Mittelpunkt in seinem Haus sein. Dazu hatte sie weder Neigung noch Talent. Nirgends fühlte sie sich heimat- und wurzelloser als in ihrem Vaterhaus.

Sie war zwar jedes Jahr einige Wochen daheim gewesen, aber da hatte man sie nie gezwungen, am geselligen Leben teilzunehmen. Bisher war sie zu jung gewesen, als dass man sie in die Gesellschaft hätte einführen müssen, und ihre noch sehr jugendliche Stiefmutter hatte es auch gar nicht gewünscht, sich an der Seite einer erwachsenen Tochter der Gesellschaft zu zeigen.

Früher, wenn Mona auf kurze Zeit zu Hause weilte, hatte sie still in ihrem Zimmer gesessen, wenn Gesellschaft im Hause war. Leise waren dann nur Musik und Stimmengewirr zu ihr herüber geklungen. Manchmal hatte sie das verlockt, ihr Buch fortzulegen und hinunterzuschlüpfen in eines der stillen Nebenzimmer, von wo sie, durch einen Vorhang verborgen, ein wenig dem festlichen Treiben zugeschaut hatte. Das war ganz unterhaltend gewesen. Sie brauchte ja nicht mitzutun. Und eines Abends, als sie wieder auf ihrem stillen Lauscherposten hinter dem Vorhang gesessen hatte, da war ein junger, hoch gewachsener Herr in dieses Nebenzimmer gekommen, um verstohlen eine Zigarette zu rauchen. Mona hatte nicht fliehen können, weil er sie dann hätte sehen müssen. Sie war viel zu scheu, um das zu wagen. Still, ein wenig beklommen, hatte sie hinter dem Vorhang gesessen und durch einen schmalen Spalt den jungen Herrn beobachtet. Und ihr Herz hatte dabei sehr stark und laut geklopft.

Dieser junge Mann war Bernd Kronau, der Sohn eines Freundes von Monas Vater. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass er von zwei scheuen Mädchenaugen scharf beobachtet wurde. Noch weniger hatte er geahnt, da er sich ganz allein wähnte, dass er in dieser Stunde eine große Eroberung gemacht hatte. Denn von nun an gehörte Monas junges Herz diesem Mann, mit dem sie nie ein Wort gesprochen hatte.

Sie selbst wusste nicht, dass sie ihr Herz an Bernd Kronau verloren hatte. Sie kannte ihn nicht, er war ihr ein Fremder. Und in ihrer Unerfahrenheit ahnte sie nicht einmal, dass es eine schnell emporgekeimte Liebe war, die ihr Herz so unruhig bei seinem Anblick klopfen ließ.

Es war ihr noch einige Male seitdem gelungen, ihn wiederzusehen, immer, ohne dass er eine Ahnung gehabt hatte, dass er heimlich beobachtet wurde.

Eines Tages hatte sie dann auch erfahren, wer er war. Gerade in dem Zimmer, in dem sie versteckt war, ganz dicht an ihrem Lauscherposten, traf er eines Tages mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter zusammen. Sie hatten einige Worte gewechselt, und daraus hatte Mona erfahren, dass der junge Mann, der ihr so wohl gefiel, Bernd Kronau war.

Zuweilen war nun in ihr die Sehnsucht aufgewacht, an diesen Geselligkeiten teilnehmen zu können. Wie herrlich müsste es sein, mit diesem jungen Mann sprechen zu dürfen. Er hatte eine so warme, gute Stimme, die sich ihr ins Herz geschmeichelt hatte. Sie beneidete die jungen Damen, die mit ihm sprechen und tanzen durften, und wünschte sich brennend, dass sie so schön sein möge wie viele unter ihnen. Denn sie gefiel sich selbst gar nicht. Mit schwerem Herzen blickte sie jetzt zuweilen in den Spiegel und sah bekümmert, dass sie mit dem breiten Streifen von Sommersprossen, der ihr Gesicht geradezu entstellte, durchaus kein schöner Anblick war.

Dass sie sehr feine und angenehme Züge hatte, wundervolle Augen und herrliches Haar, das entging ihr völlig, sie sah immer nur diese entstellenden braunen Flecken, die ihr feines Näschen so seltsam breit erscheinen ließen und wie ein breiter, dunkler Strich von der Nase über die Wangen liefen.

Früher hatte sie das nie gestört, sie hatte kaum darauf geachtet, aber jetzt bekümmerte sie dieser braune Strich, der zu ihrem Leidwesen auch im Winter nicht weichen wollte.

Ihre Stiefmutter hatte zu ihr gesagt: „Du müsstest etwas gegen diese Sommersprossen tun, Mona.“

Aber damit war der Fall für die Stiefmutter erledigt, und Mona wusste nicht, was sie dagegen tun sollte, ahnte nicht einmal, dass man so etwas entfernen konnte.

Als nun ihr Vater vor kurzem geschrieben hatte, sie müsse nun endlich nach Hause kommen, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden, da schlug ihr das Herz sehr unruhig. In die Gesellschaft eingeführt werden, das hieß für sie: Bernd Kronau von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, ihn kennen zu lernen. Und das erfüllte sie teils mit jubelnder Freude, teils mit scheuer Beklommenheit.

Der Gedanke an Bernd Kronau hatte ihr den Abschied von Tante Herta, von dem verwitweten Vetter Lothar und seinem kleinen Sohn, mit denen sie ihr Leben verbrachte, seit der Vater die zweite Frau heimgeführt hatte, etwas leichter gemacht. Denn diesmal sollte sie nicht nur für einige Wochen, sondern für immer in ihr Vaterhaus zurückkehren, und das hätte sie viel tiefer betrübt, wenn nicht eben Bernd Kronau zuweilen ins Haus ihres Vaters kommen würde.

Die ersten Wochen fühlte sie sich dann auch sehr einsam und unglücklich in ihrem Vaterhaus. Das stete Zusammensein mit ihrer Stiefmutter, der sie kühl gegenüberstand und der sie nur lästig war, quälte Mona. Und dem Vater war sie so fremd geworden, seit er sich wieder verheiratet hatte. Nur der Gedanke an Bernd Kronau half ihr ein wenig über diese Wochen hinweg. Mit unruhiger Erwartung sah sie der ersten Geselligkeit im Hause ihres Vaters entgegen. Aber der Gedanke an ihren Schönheitsfehler, den breiten Streifen von Sommersprossen, bedrückte sie immer mehr, je näher der Tag der ersten festlichen Geselligkeit heranrückte.

Endlich war es soweit. Bernd Kronau war wirklich anwesend, und das Fest war glänzend wie alle Festlichkeiten im Runeckschen Haus. Dafür sorgte schon die schöne Stiefmutter Monas, deren Ehrgeiz es war, eine große Rolle in der Gesellschaft zu spielen.

Für Mona hatte dieses Fest nur den einen Wert: Bernd Kronau offiziell kennen zu lernen, mit ihm sprechen zu dürfen, vielleicht gar mit ihm zu tanzen.

Und ach, dieser Augenblick, nach dem sie sich so lange gesehnt, auf den sie sich so sehr gefreut hatte, der war nun vorüber – und hatte ihr nur eine schmerzliche Enttäuschung gebracht. Denn der Mann, dem sie, ohne es zu wissen, ihr ganzes Herz geschenkt hatte, hatte sie nur kühl und kritisch angesehen, hatte einige höfliche Worte mit ihr gewechselt und sich dann mit aufleuchtenden Augen einer anderen jungen Dame zugewandt, die herangetreten war. Mona hatte kaum gewagt, ihn anzusehen, hatte erschrocken vor seinem kühlen Blick die Augen gesenkt und schmerzlich zugehört, wie liebenswürdig und angeregt er sich mit der schönen jungen Dame unterhielt, an die er sich gewandt hatte.

Wie ein schwerer Stein lag ihr das Herz in der Brust.

Scheu hatte sie sich beiseite geschlichen, ohne dass er Notiz davon genommen hatte, und war durch den Festtrubel hindurch nach dem stillen Nebenzimmer geflüchtet, von dem aus sie früher die Gesellschaft belauscht hatte. Sie flüchtete sich hinter die schweren Samtvorhänge in die tiefe Fensternische und sank seufzend in den Sessel, der dort stand.

Was sollte sie hier in diesem Haus, in dem sie so fremd geworden war? Seit die Stiefmutter ihren Einzug gehalten hatte, war hier keine Heimat mehr für sie. Kein Mensch brauchte sie hier, niemand kümmerte sich um sie. Was sollte sie noch hier, seit Bernd Kronau sie so kalt und kritisch angesehen hatte? Nie in ihrem Leben war sie so unglücklich gewesen, obwohl sie sich schon oft recht einsam gefühlt hatte in ihrem jungen Dasein.

Nun saß sie reglos in ihrem Versteck, froh, dass sie hier kein Auge erblicken konnte. Die Hände hatten sich krampfhaft in ihrem Schoß zusammengefaltet, die Augen hielt sie fest geschlossen, als wolle sie nichts mehr sehen, und so ließ sie den Schmerz sich immer tiefer und fester in ihr Herz hineinbohren. Ach, dass sie wieder bei Tante Herta sein könnte und bei dem kleinen Gerd. Dort hatte man sie doch lieb. Was sollte sie hier? Weshalb hatte der Vater sie plötzlich nach Hause kommen lassen? Was sollte sie in dieser Gesellschaft, in der sie sich in ihrer Scheu so linkisch und unbeholfen benahm, weil sie immer kritische Blicke auf sich ruhen fühlte. Und Bernd Kronaus Augen hatten am fremdesten und kritischsten auf ihr geruht, als wollten sie fragen: „Was willst du hier, was soll man hier mit dir anfangen?“

Wie weh ihr das getan hatte, wie unbeschreiblich weh!

Und der Vater hatte auch keine Zeit für sie, er wurde so leicht ungeduldig und verstand seine arme, kleine Mona längst nicht mehr. Er hatte nur Augen und Ohren für seine schöne junge Frau.

Sie wollte gerade einen tiefen Seufzer ausstoßen, konnte ihn aber zum Glück oder Unglück gerade noch zurückhalten, als sie in ihrer Nähe Stimmen hörte. Erschrocken blinzelte sie durch einen schmalen Spalt im Vorhang und sah, wie sich zwei Herren dicht neben ihrem Lauscherposten in zwei Sesseln niederließen. Sie hatte deren Kommen in ihrer schmerzvollen Versunkenheit nicht bemerkt. Zu ihrem Schrecken erkannte sie in dem einen Bernd Kronau, der für dieses stille Nebenzimmer anscheinend eine besondere Vorliebe zu haben schien. Den anderen älteren Herrn kannte sie auch, es war Bernd Kronaus Vater, der Freund ihres Vaters. Sie hätte jetzt um keinen Preis der Welt ihren Platz verlassen und an Bernd Kronau vorübergehen mögen. So blieb sie reglos sitzen, obwohl sie sich sagen musste, dass sie jedes Wort hören müsse, das die beiden Herren miteinander wechselten.

Hoffentlich sprachen sie nur über gleichgültige Dinge. Eine Weile blieb es ganz ruhig.

Dann endlich fragte Bernd Kronau: „Was wolltest du von mir, Vater? Du gabst mir verstohlen ein Zeichen, dass du mich hier in diesem Zimmer sprechen wolltest.“

Georg Kronau, der Vater, richtete sich mit nervöser Erregung auf und sah seinen Sohn unruhig an. „Du hast dich wieder viel zu lange und zu eingehend mit Fräulein Weimann unterhalten, Bernd, und hast sie mit viel zu feurigen Augen angesehen.“

Bernd Kronau lachte sorglos. „Aber lieber Vater, Susanne Weimann ist es doch wert, dass man sich mit ihr beschäftigt. Sie ist nicht nur ein blendend schönes Mädchen, sondern, was mehr wert ist, sie hat Geist und ist liebenswert.“

„Aber sie ist gänzlich vermögenslos, mein Sohn“, sagte der Vater bedeutungsvoll.

„Deshalb kann ich mich doch mit ihr unterhalten“, erwiderte Bernd ruhig.

„Und dabei vergisst du ganz, dich um Fräulein Runeck zu kümmern“, stieß der Vater unmutig hervor.

Mona zuckte leise zusammen, als plötzlich ihr Name fiel, und nun hätte sie viel darum gegeben, wenn sie weit weg von dieser Stelle gewesen wäre.

Bernd Kronau sah seinen Vater erstaunt an. „Weshalb soll ich mich denn um Fräulein Runeck kümmern?“

„Aber Bernd, hast du ganz vergessen, dass ich dir gesagt habe, du sollst dich ihr so viel wie möglich widmen?“

Wieder lachte Bernd Kronau sorglos auf. „Aber lieber Vater, das kannst du wirklich nicht von mir verlangen. Dieses reizlose, verschüchterte kleine Mädel mit den unbeholfenen Bewegungen, das kaum ein Wort ohne Stottern hervorbringt und die Augen niederschlägt, wenn man. mit ihm spricht, das ist doch keine Gesellschaft für deinen Sohn. Und dann solltest du doch wissen, dass es mir geradezu Unbehagen schafft, wenn ich mit einer Frau sprechen muss, die einen unklaren Teint hat. Ich habe von Fräulein Runeck kaum etwas anderes gesehen, als dass sie einen scheußlichen braunen Streifen von Sommersprossen über die Nase und die Wangen hat, und da habe ich meine Augen so schnell wie möglich von ihr abgewandt. Ich kann nun einmal meine Abneigung gegen einen solchen Frauenteint nicht überwinden.“

„Das höre ich nicht gern, Bernd, gegen solche Äußerlichkeiten muss man angehen. Es ist mir sehr unangenehm, dass du so von Fräulein Runeck sprichst. Sommersprossen sind doch nur kleine Schönheitsfehler.“

„Aber wenn sie so entstellend auftreten, sind sie für mich geradezu abschreckend.“

„Ich bitte dich, Bernd, lass diese törichten Reden! Da du meine Anspielungen nicht verstanden hast oder nicht verstehen willst, muss ich deutlicher werden. Mona Runeck soll deine Frau werden.“

Mit einem entsetzten Blick fuhr Bernd zu seinem Vater herum. „Um Gottes willen! Dieses kleine Gräuel! Diese personifizierte Reizlosigkeit mit dem hässlichen Teint? Meine Frau? Nein, Vater, ausgeschlossen! Ich hoffe, das ist nur ein Scherz von dir.“

Georg Kronau atmete tief und schwer. „Nein, Bernd, es ist bitterer Ernst. Mir ist nicht nach Scherzen zumute.“

Bernd richtete sich kampfbereit empor. „Aber ich denke gar nicht daran, jetzt schon zu heiraten, und am wenigsten dieses kleine Gräuel.“

„Ich verbiete dir, so von ihr zu reden. Du vergisst, dass sie eine der reichsten Erbinnen ist.“

„Das macht sie für mich weder schöner noch begehrenswerter. Ich habe ganz gewiss nicht die Absicht, mich an eine reiche Erbin zu verkaufen. Bitte, lieber Vater, lass diesen Gedanken fallen. Du bist mit ihrem Vater befreundet, das weiß ich, und ihr habt vielleicht beide diesen Plan ins Auge gefasst. Aber ohne mich! Ich heirate ganz bestimmt niemals eine Frau, die mir nicht die geringste Sympathie einflößt. Das habe ich doch gottlob als dein Sohn nicht nötig, meine Freiheit an so ein unschönes, unbedeutendes Geschöpf zu verkaufen, nur weil sie eine reiche Erbin ist.“

Wieder atmete der alte Herr tief und schwer. Dann sagte er heiser: „Du irrst, Bernd, du hast es sehr nötig, eine reiche Heirat zu machen.“

Erschrocken starrte Bernd in seines Vaters blasses, düsteres Gesicht. „Vater!“

„Nicht so laut, mein Sohn. Es ist hier nicht der Ort, darüber zu sprechen, aber du musst unbedingt heute Abend noch wissen, wie die Dinge liegen, damit du den schlechten Eindruck noch verwischen kannst, den du bisher sicher auf Fräulein Runeck gemacht hast. Sie wird die Auswahl haben unter zahlreichen Freiern, bei ihrem Reichtum. Also höre gut zu: Du zwingst mich, jetzt gleich Farbe zu bekennen – ich stehe dicht vor dem Ruin.“

Bernd Kronau erblasste. „Vater, um Gottes willen!“

„Es ist so, Bernd, ich muss nächstens den Bankrott ansagen, wenn mir nicht schnell Hilfe kommt. Deine Verlobung mit Fräulein Runeck eröffnet mir sofort wieder Kredite, die mir jetzt verschlossen sind. Weiß Gott, ich hätte es dir gern erspart, das zu erfahren, aber alle Hilfsquellen sind erschöpft, ich bin zu Ende mit meinem Latein. Und so habe ich es als Rettung in höchster Not angesehen, als mein Freund Runeck mir vor einigen Tagen das Angebot machte, dir seine Tochter zur Frau zu geben.“

Mona zuckte hinter dem Vorhang so erschrocken zusammen wie Bernd.

Dieser sagte fassungslos: „Herr Runeck hat dir das angeboten?“

„Ja, ich hätte an diesen Rettungsanker gar nicht gedacht in meiner Verzweiflung. Aber Runeck sagte mir, dass seine Frau auf den Gedanken gekommen sei. Man will scheinbar die Tochter, die in dieser jungen Ehe lästig ist, so schnell wie möglich an den Mann bringen. Es geht nicht an, dass man sie länger von zu Hause fernhält. Die Tante hat das ihrem Vater nahe gelegt. Aber die schöne junge Stiefmutter will natürlich nicht gern so eine erwachsene Tochter um sich haben.“

Bernd strich sich über das Haar. „Das arme Kind!“, sagte er mitleidig.

Und er ahnte nicht, dass dieses gute, mitleidige Wort von Mona gehört wurde und ihr heiße Tränen in die Augen trieb.

„Halte dich an dieses Mitleid, Bernd, das wird dir alles leichter machen. Ich muss dir gestehen, dass mir Runecks Anerbieten wie eine Erlösung von schlimmer Pein erschien. Fräulein Runeck besitzt von ihrer verstorbenen Mutter her ein großes Vermögen, ganz abgesehen davon, dass sie auch die Erbin ihres Vaters wird, denn seine zweite Ehe wird ganz sicher nicht mehr mit Kindern gesegnet. Ihr Vermögen bedeutet sichere Rettung für die Firma Kronau. Du wirst nun, nachdem du alles weißt, vernünftig sein und dich noch heute eingehend um Fräulein Runeck bemühen. Das Herz dieses jungen Mädchens zu gewinnen, wird dir nicht schwer fallen. Die Hauptsache ist, der Erste zu sein.“

Bernd Kronau war sehr blass geworden, Mona konnte das von ihrem Versteck aus sehen. Es zuckte in seinem charakteristischen Gesicht, seine Zügen waren angespannt, und seine Lippen hatten sich fest aufeinander gepresst.

Jetzt warf er den Kopf zurück. „Nein, Vater, du verlangst Unmögliches von mir. Ich kann mich nicht für Geld verkaufen. Ich will für dich arbeiten, ich habe ja viel gelernt und bin jung und gesund. Aber verlange nicht von mir, dass ich mir selbst untreu werden soll.“

Der Vater atmete gepresst, dass es wie ein Stöhnen klang. „Wenn du nicht hilfst, Bernd, dann bleibt mir nur – den Ruin meines Hauses überlebe ich nicht!“, stieß er hervor.

„Vater!“, rief Bernd entsetzt.

„Du weißt nun, wie alles steht, Bernd, ich habe dir nichts mehr zu sagen. Ich – ich will dich nicht zwingen, wenn es dir unmöglich ist“, sagte der alte Herr leise und kraftlos.

„Ist denn keine andere Hilfe möglich, Vater?“

„Keine, ich habe alles erwogen.“

Eine Weile saßen die beiden Herren schweigend einander gegenüber. Vom Saal herüber klang leise die Musik und das Lachen fröhlicher Menschen. Der Vater saß blass und düster dem Sohn gegenüber, und dieser starrte ihn an, als müsse er sich überzeugen, dass keine andere Hilfe möglich sei. Aus dem verzweifelten Gesicht seines Vaters las er, dass alle Hoffnung vergebens sein würde. Es zuckte in seinen Zügen, und die Augen, diese sonst so lebensfroh strahlenden Augen, die Mona Runeck so sehr liebte, blickten erloschen.

Jetzt erhob sich Georg Kronau langsam und schwerfällig. „Wir können hier nicht länger bleiben, es könnte auffallen. Wir müssen zur Gesellschaft zurück. Du weißt nun alles, Bernd, bei dir liegt die Entscheidung“, sagte er heiser.

Bernd riss sich zusammen. „Gibt es wirklich keinen anderen Ausweg, Vater? Würde dir dein Freund Runeck nicht helfen?“

„Um solche Summen, wie ich sie brauche, um den Ruin von meinem Haus abzuwenden, kann man keinen Freund bitten. Und – er würde vielleicht sein Angebot, dir seine Tochter zur Frau zu geben, zurückziehen, würde ich ihm meine Verhältnisse klarlegen. Ich lasse dich jetzt allein, überlege und triff deinen Entschluss! Denke nicht an mich – ich ziehe einen kurzen Schluss vor, wenn mir keine Hilfe kommt.“

Bernd lachte heiser auf. „Und mit dieser Aussicht soll ich einen anderen Entschluss treffen, als mich zu fügen? Du lässt mir ja keine Wahl, Vater!“

„Ist es denn so schwer, Bernd?“

Bernd biss die Zähne zusammen. „Kannst du dir denken, dass es mir leicht wird, etwas zu tun, wofür ich mich selbst verachten werde?“

„So tu es nicht, Bernd, lass die Dinge laufen“, sagte Georg Kronau müde.

Bernd sprang auf. „Geh nur! Ich – ich werde es tun – muss es tun, was du von mir forderst, aber – bitte – lass mich jetzt allein – nur fünf Minuten“, stieß er verzweifelt hervor.

Da ging der alte Herr langsam davon. Bernd Kronau warf sich wieder in seinen Sessel. Ein leises Stöhnen brach aus seiner Brust. Und er ahnte nicht, dass dicht neben ihm, nur durch einen Samtvorhang von ihm getrennt, das junge Mädchen saß, das er heiraten sollte, um seine Firma vor dem Untergang zu retten, um seinem Vater das Leben zu erhalten.

Was sollte er tun? Gab es für ihn noch eine Wahl? Der Vater überlebte den Untergang der Firma nicht. Das wusste er. Dass er dieses kleine, reizlose und, wie ihm schien, unbedeutende Mädchen heiraten sollte, das der eigene Vater trotz ihres großen Vermögens ausbieten musste, um sie los zu werden, das war noch nicht einmal das Schlimmste, aber dass er sich verkaufen sollte, dass er vor sich selbst verächtlich erscheinen musste, das drückte ihn nieder.

Die arme Mona litt in ihrem Versteck tausend Qualen, mit ihm und um ihn, aber sie regte sich nicht. Er durfte nicht ahnen, dass diese Unterredung mit seinem Vater einen Zeugen gehabt hatte.

Endlich erhob sich Bernd Kronau, und sie sah, wie bleich er geworden war. Herb pressten sich die Lippen aufeinander, und seine Augen blickten starr und leer.

Mona schauerte zusammen vor Weh und Herzeleid. Ach, wie jammervoll war es doch, dass sie nicht so schön und liebreizend und so geistvoll wie Susanne Weimann war. Wahrscheinlich liebte Bernd Kronau sie. Und nun musste er von ihr lassen und wurde so unglücklich, wie sie selbst es geworden war in dieser Stunde.

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