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Hedwig Courths-Mahler - Folge 074

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Friede Sörrensen

Roman um das Schicksal einer verschmähten Frau

 

 

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Friede Sörrensen stand neben dem Tor, das aus dem Hof der großen Molkerei ins Freie führte. Sie ließ die Milchwagen an sich vorüberfahren. Als der letzte Wagen hinaus war, sprang ein Knecht herbei, um das Tor zu schließen. Friede Sörrensen steckte befriedigt das bereitgehaltene Notizbuch in eine Ledertasche, die am Gürtel ihres einfachen, aber tadellos sitzenden grauen Leinenkleides befestigt war.

Dann betrat Friede Sörrensen das Wohnhaus. Es war ein schlichtes, zweistöckiges Gebäude. Der Hausflur war mit Steinfliesen belegt.

Friede öffnete rechter Hand eine Tür. Sie führte zur Küche, einem großen, blitzblank gehaltenen Raum. Hier saßen ein paar Mädchen und putzten Gemüse. Am großen Anrichtetisch zwischen den Fenstern stand eine ältere, grauhaarige Frau.

„Jetzt kannst du mir mein Frühstück in die Laube schicken, Mutter Triebsch“, rief ihr Friede zu.

Mutter Triebsch war ein Zwischending zwischen Köchin und Haushälterin. Sie war schon in Friede Sörrensens Diensten, bevor diese vor nahezu zwanzig Jahren die damals sehr kleine Molkerei gekauft hatte. Schon damals war sie eine angehende Dreißigerin gewesen, aber sie nahm es noch heute mit der Jüngsten auf, so hurtig versah sie ihr Amt. Neben Friede war sie eine Art Vorgesetzte in der Sörrensenschen Molkerei.

Sie wandte jetzt der Herrin ihr frisches, immer vergnügtes Gesicht zu. „Soll gleich geschehen, Fräulein Sörrensen, gehen Sie man schon immer hinaus. Ist ein rechter Gottesmorgen heute.“

„Ja, Mutter Triebsch, das gibt gutes Heu. Du vergisst doch nicht, den Leuten Kaffee auf die Wiesen zu schicken?“

„I wo werd’ ich das vergessen! Gehen Sie man ruhig in die Laube. Ihre Zeitungen hab ich schon rausgelegt.“

„Schön, Mutter Triebsch.“ Friede Sörrensen zog die Küchentür ins Schloss und verließ das Haus durch die entgegengesetzte Tür.

Hier lag ein großer, mit Schatten spendenden Bäumen bepflanzter Garten, unter denen weißlackierte Tische und Stühle aufgestellt waren. Einige junge Mädchen, alle in dunkelblauen Waschkleidern mit weißen Schürzen, waren eben damit beschäftigt, die Tische mit bunten Leinentüchern zu bedecken. Friede warf, während sie zwischen den Tischen hindurch dem hinteren Teil des Gartens zuschritt, einen Blick auf ihre Uhr.

„Tummelt euch, Mädels! In zehn Minuten kommen die ersten Gäste“, rief sie den Mädchen zu. Und dann blickte sie nach dem Haus zurück.

Rechts und links vom Wohnhaus erstreckten sich bis in den Garten hinein überdachte Hallen. Dort standen weiß gescheuerte Tische, mit großen Körben voll Weißbrot und Zwieback und langen Reihen blitzender Gläser besetzt. Durch eine Stalltür wurden eben die ersten Milchkübel herausgebracht und auf breite Bänke neben den Tischen gesetzt. Auf Brettergerüsten wurden Satten mit dicker Milch aufgestellt.

Überall herrschte reges Leben und Treiben. In den Ställen wurde noch fleißig gemolken. Nachdem der Bedarf für die Kundschaft in der Stadt in den Milchwagen verstaut war, wurde jetzt noch für die Gäste gemolken, die in dem Sörrensenschen Molkereigarten eine Milchkur machten und sie mit einem Morgen- und Abendspaziergang verbinden wollten. Aus allen Schichten der Bevölkerung kamen Damen und Herren jeden Morgen um sechs Uhr durch den schattigen Stadtwald nach der reizend gelegenen Molkerei, um sich an frischer Luft und der rühmlichst bekannten guten Milch und dem knusprigen Weißbrot zu laben. Selbst die Offiziere der Garnison verschmähten es nicht, in dem schattigen Garten auszuruhen und ein Glas Milch zu sich zu nehmen, wenn sie vom Exerzierplatz oder der Reitbahn nach der hinter dem Wald gelegenen Kaserne zurückkehrten. Friede Sörrensen gehörte selbst zur besten Gesellschaft der Garnisonsstadt und war eine sehr beliebte Persönlichkeit. Es ging etwas Frisches, Lebenskräftiges von ihr aus.

Niemand fiel es ein, daran zu denken, dass Friede Sörrensen eine „alte Jungfer“ war. Sie machte auch durchaus nicht den Eindruck einer solchen. Es lag in ihrem ausgeglichenen, zielbewussten Wesen etwas Frauliches. Und ihr angenehmes Gesicht bestrickte durch einen herzlichen, fast mütterlichen Ausdruck.

Wer Friede Sörrensen jedoch zuweilen in Stunden stiller Einsamkeit hätte belauschen können, der hätte etwas in den klugen Augen gesehen, das nicht zu ihrem sonstigen Wesen zu passen schien. Es lag dann etwas Verlorenes, Trauriges in ihrem Blick, etwas wie Sehnsucht nach einem Glück, das ihr unerreichbar geblieben war.

Friede Sörrensens Vater war ein sehr reicher Mann gewesen, als ihre Mutter starb. Damals zählte sie erst drei Jahre. Zwei Jahre später hatte Friede bereits eine Stiefmutter, und diese Frau, ein oberflächliches, verschwenderisches Geschöpf, wurde dem Vater zum Verhängnis. Um die anspruchsvollen Launen seiner zweiten Frau befriedigen zu können, ließ er sich in gewagte Unternehmungen ein. Das alte Lied: ein Leben im großen Stil, Glanz und Fülle nach außen, und heimlich ein verzweifeltes Ringen, den entschwindenden Reichtum festzuhalten. In diesem Treiben wuchs Friede mit ihrer um mehr als fünf Jahre jüngeren Stiefschwester Lizzi auf, fast ganz der Dienerschaft überlassen. Friedes tief angelegte Natur erhielt dadurch etwas Ernstes, Stilles und früh Selbstständiges, während ihre jüngere Schwester, die ganz den leichtfertigen Sinn ihrer Mutter geerbt hatte, sich zu einem oberflächlichen, berechnenden und ziemlich herzlosen Geschöpf auswuchs. Lizzi trat sehr bald in die Fußstapfen ihrer verschwenderischen Mutter. Sie war anspruchsvoll und drängte die stille, bescheidene Friede umso leichter in den Hintergrund, als sie ein blendend schönes Geschöpf war und sich durch ihr einschmeichelndes Wesen alle Vorteile zunutze zu machen wusste.

Von dem heimlichen Verfall im Vaterhaus merkten weder die Schwestern noch die Hausfrau etwas. Sie ahnten nicht, welche verzweifelten Kämpfe es den Gatten und Vater kostete, den Schein des Reichtums aufrechtzuerhalten.

Lizzi kam gleich ihrer Schwester mit sechzehn Jahren in eine vornehme Erziehungsanstalt. Während ihrer Abwesenheit lernte Friede einen jungen Offizier kennen, der ihr, weil seine ernste, stille Art der ihren ähnlich war, bald sehr teuer wurde. Ein halbes Jahr später war sie Fritz von Steinachs glückselige Braut. Steinbach war arm. Trotzdem willigte Friedes Vater in die Verlobung. Er hoffte, dadurch seinen bereits etwas wankenden Kredit zu befestigen. Es musste den Leuten einleuchten, dass seine Verhältnisse noch immer glänzend waren, wenn er einen armen Offizier als Schwiegersohn annahm. Friede verlebte ein Vierteljahr lang eine wundervolle Brautzeit. Sich ganz eins fühlend mit dem Verlobten, erblühte sie wie eine Blume im Sonnenschein. Fritz von Steinbach erkannte gerührt, welche Macht er über dieses sonst so starke, selbstständige Mädchen besaß, und sein Gefühl für sie nahm täglich zu an Wärme und Tiefe.

Und doch verriet er sie.

Ein Vierteljahr nach Friedes Verlobung kam ihre Schwester Lizzi nach Hause zurück. Sie war noch schöner, noch reizender geworden, und aus ihren großen, dunklen Augen strahlte ein süßer verlockender Zauber. Diese Augen verrieten nicht, welch kleine, niedrige Seele in ihr lebte.

Von dem Augenblick an, da Lizzi dem hübschen, stattlichen Verlobten ihrer Schwester entgegentrat und ihn mit ihren schönen, lockenden Augen anstrahlte, war es wie ein feiner Riss zwischen die beiden Verlobten hindurchgegangen.

Lizzi hatte es nicht vertragen können, dass Friede etwas besaß, worauf sie keinen Anspruch hatte. Es reizte sie, ihre Macht an Fritz von Steinbach zu erproben. Mit allen Künsten der Berechnung umwarb sie ihn, stellte Friede in den Schatten und verwirrte mit ihren heiß blickenden Augen die Sinne des Mannes, der ihre Schwester liebte.

Friede stand hilflos dabei und zog sich stolz und herb in sich selbst zurück. Niemand sollte sehen, wie sie litt unter diesem Treiben der Schwester. Sie schämte sich auch ihrer erwachten Eifersucht, und statt den Kampf aufzunehmen und ihr Eigentum zu verteidigen, ließ sie eine lähmende Angst über sich Herr werden.

Und eines Tages, als sie unvermutet ins Zimmer trat, fand sie Lizzi und Fritz in leidenschaftlicher Umarmung.

Sie schrie nicht auf, sprach kein Wort – nur totenbleich wurde sie und ging aus dem Zimmer.

Steinbach starrte ihr nach, wie aus einem Traum erwacht, schuldbewusst, zerknirscht und ernüchtert. Nie hatte er deutlicher gefühlt wie in dieser Stunde, dass sein Bestes – seine Seele – Friede gehörte und dass nichts ihn an Lizzi fesselte als die durch ihr berechnetes Spiel aufgereizten Sinne. Noch in derselben Stunde erzwang er sich eine Aussprache mit Friede. Aber all seinen Bitten und Beschwörungen gegenüber blieb sie starr und kalt. Sie zog den Ring vom Finger und löste ihre Verlobung, weil sie das Vertrauen zu ihm verloren hatte. Sie war noch so jung und unerfahren und wusste nichts vom Leben; sie kannte nicht die Widersprüche im Wesen eines Mannes, ahnte nicht, dass Sinne und Herz verschiedene Sprachen reden können.

Sie hielt sich an die mit eigenen Augen entdeckte Untreue und wies ihren Verlobten mit wenigen, heiseren Worten der Schwester zu.

Als er erschüttert von ihr ging, brach sie zusammen wie ein gefällter Baum.

Am anderen Morgen reiste Friede, nach einer kurzen Aussprache mit dem Vater, zu einer verwitweten Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Kurze Zeit darauf verlobte sich Fritz von Steinbach mit Lizzi, und nach kurzer Brautzeit wurde sie seine Frau.

Friede kehrte nicht nach Hause zurück. Bei ihrer Tante hatte sie die liebevollste Aufnahme gefunden. Die alte Dame war kinderlos und betrachtete es als ein Glück, Friede um sich haben zu dürfen.

Und dann – etwa ein Jahr nach Lizzis Verheiratung mit Fritz von Steinbach – trat das Unglück ein, das sich jahrelang heimlich vorbereitet hatte: Friedes Vater war zugrunde gerichtet. Die Aufregungen dieser Zeit trafen den Mann so schwer, dass er starb. Lizzis Mutter bekam einen Schlaganfall bei der Kunde von diesem doppelten Unglück und siechte rasch dahin. Friede war erschüttert, aber nicht fassungslos. Sie hatte das Ärgste, was ihr geschehen konnte, den Verlust des Geliebten, mit Würde getragen, kein Mensch wusste um die qualzerrissenen Nächte, die sie durchkämpfte; nun trug sie auch diesen Schicksalsschlag gefasst.

Noch einmal sah sie Fritz von Steinbach und Lizzi am Grab ihres Vaters. Sie sprachen nur wenige Worte zusammen. Redensarten von denen das Herz nichts wusste. Dann kehrte Friede mit der Tante in deren Heim zurück. Seit jenem Tag hatte sie weder Fritz noch Lizzi wiedergesehen. Sie standen auch nicht in Briefwechsel miteinander. Nur ein paar flüchtige Zeilen hatten die Schwestern über Erbschaftsangelegenheiten gewechselt. Aus dem Zusammenbruch waren knapp zwanzigtausend Mark gerettet worden. Friede verzichtete auf ihren Anteil und stellte ihn großmütig der Schwester zur Verfügung, denn sie wusste ja, in welche bedrängte Lage das junge Paar durch den Fall des Vaters geraten war. Fritz von Steinbach wollte um keinen Preis dieses Opfer annehmen und verbot seiner Frau, darauf einzugehen.

Aber Lizzi zuckte die Schultern: „Von was sollen wir leben, bis du Hauptmann wirst? Friede braucht das Geld nicht. Ihre Tante hat eine sehr hohe Pension und besitzt auch, so viel ich weiß, einiges Barvermögen. Für Friede ist also gesorgt. Ich werde nicht so töricht sein, ihr Anerbieten zurückzuweisen. Im Gegenteil, ich finde es selbstverständlich, dass sie mir den traurigen Rest überlässt“, hatte sie geantwortet.

Lizzi fand es immer selbstverständlich, wenn andere Menschen ihr Opfer brachten. Ihr Gewissen war nicht im Mindesten beschwert dadurch, dass sie Friede auch den Verlobten abspenstig gemacht hatte.

Um so tiefer war Fritz von Steinbachs Schuldbewusstsein. Er kannte Friede zu gut, um nicht zu wissen, was er ihr angetan hatte. Nur zu bald war die blinde Leidenschaft verraucht, die ihn zum Treubruch verleitet hatte. Er erkannte mit peinvoller Schärfe, dass er Talmi für echtes Gold eingetauscht hatte. Mit Friede zusammen hätte er den Zusammenbruch seines Schwiegervaters vielleicht bald verschmerzt, als Lizzis Gatte trug er schwer daran.

Dass er sich schließlich fügen und Friedes Erbteil annehmen musste, um mit seiner Frau und dem Kind, das sie erwarteten, über die schwerste Zeit hinwegzukommen, beschämte ihn furchtbar.

Er sowohl wie Friede sahen eine Erleichterung darin, dass jeder Verkehr zwischen ihnen aufhörte; sie waren sich nicht gleichgültig genug, um sich wiedersehen zu können. Die einzigen Lebenszeichen, die zwischen ihnen getauscht wurden, waren die Geburtsanzeigen eines Söhnchens und zweier Töchter und seitens Friedes die Anzeige vom Tod ihrer Tante. Sonst hörte man nie etwas voneinander.

Friede war über ihr Unglück hinweggekommen. Sie hatte es bezwungen in ihrer stillen, tapferen Art. Kraftvoll wehrte sie sich gegen das eigene Leid. Aber die Blüte ihres Herzens war gebrochen. Noch manches Mal war sie begehrt worden, aber sie hatte sich nicht zu einer Ehe entschließen können. Die Erinnerung an Fritz von Steinbach stellte sich immer wieder trennend zwischen sie und einen neuen Bewerber.

Je älter sie wurde, je selbstständiger und zielbewusster sie ins Leben schaute, desto weiter wies sie den Gedanken an eine Verheiratung zurück.

Als ihre Tante dann, jetzt vor zwanzig Jahren, starb – es war dies kurz nach der Geburt des ältesten Kindes ihrer Schwester – erbte Friede von ihr ein Vermögen von fünfzigtausend Mark. Friede war nicht die Person, die Hände in den Schoß zu legen und von ihren bescheidenen Zinsen ein tatenloses Leben zu führen. Sie verlangte nach einer Aufgabe, um ihre Kräfte zu betätigen.

Schon oft hatte sie, wenn sie mit ihrer Tante im Stadtwald spazieren ging, in der damals sehr kleinen Meierei an einem kleinen, wackeligen Tisch ein Glas Milch getrunken. Dabei hatte sie sich gesagt, wie schade es sei, dass dieses reizende Anwesen so vernachlässigt sei. Sie malte sich aus, wie hübsch sich hier ein schmuckes Häuschen, saubere Ställe und ein gepflegter Garten ausnehmen müssten.

Kurz nach dem Tod ihrer Tante bemerkte sie an dem verwahrlosten Zaun einen Zettel: „Diese Meierei ist zu verkaufen!“ Sie stand lange und sah nachdenklich darauf, dann umschritt sie langsam das Grundstück von allen Seiten. Es stieß auf der einen Seite an den Stadtwald, die zweite Seite begrenzte der Fluss, an die dritte Seite schloss sich gutes Wiesenland, das sich bis an die neu erbauten Kasernen erstreckte. Und die vierte Seite lag nach der Stadt hinaus an der gepflegten Fahrstraße.

Nicht umsonst kreiste das Blut kluger Kaufleute in Friedes Adern. Sie überlegte sich, dass die Stadt sich nach den Kasernen zu ausbreiten und dass nach Jahren der Grund und Boden hier an Wert sehr gewinnen würde. Außerdem ließ sich die Meierei unter tüchtiger Leitung sicher ertragsfähig gestalten.

Kurz entschlossen kaufte sie die Meierei für den geringen Preis von vierzigtausend Mark. Die Hälfte zahlte sie an. Für den größten Teil ihres Vermögens kaufte sie anstoßendes Wiesenland, das man ihr billig überließ. Einen kleineren Teil verwandte sie, um noch einige Kühe anzuschaffen und die notwendigsten Verbesserungen treffen zu können.

Ihr Unternehmen bewährte sich so glänzend, dass sie selbst davon überrascht war. Im Lauf einiger Jahre bezahlte sie die andere Hälfte der Kaufsumme, kaufte noch Kühe hinzu, für die sie auf ihren eigenen Wiesen das Futter baute. Man wurde in der Stadt aufmerksam auf die blitzsaubere Molkerei. Immer größer wurde der Kundenkreis. Dann schaffte Friede die ersten Milchwagen an und seitdem beherrschte sie das ganze Milchgeschäft in der Garnisonsstadt. Ein Wagen nach dem anderen wurde angeschafft, eine Kuh nach der anderen. Und allen Gewinn legte Friede an, um neues Wiesenland zu kaufen. Man glaubte, das geschähe nur des Futters wegen für ihre Kühe. Aber Friede sah weiter. Sie merkte, wie die Stadt wuchs und sich ausdehnte. Und als dann auch andere kluge Köpfe auf den Gedanken kamen, dass der Grund und Boden jener Gegend bald den zehnfachen Wert haben würde, da gehörte schon das ganze Wiesenland Friede Sörrensen. Da bewunderte man ihre Klugheit.

Wenige Jahre später verkaufte Friede eine Reihe von Grundstücken an reiche Leute der Stadt, die sich in der Nähe des Stadtwaldes Villen bauen wollten, um den zehnfachen Preis, den sie selbst dafür gezahlt hatte. Eine ganze Villenstraße entstand am Rand des Stadtwaldes, und Friede Sörrensen wurde sehr reich. Jetzt rechnete man sie unter die Millionäre.

Trotz dieses Reichtums hatte Friede ihre einfachen Lebensgewohnheiten beibehalten. Ihre Freunde rieten ihr, die Molkerei aufzugeben und den Grund und Boden zum Verkauf in kleinere Grundstücke zu zerteilen, aber Friede schüttelte lächelnd den Kopf. Die Molkerei war ihre Lebensaufgabe geworden, von der sie sich nicht trennen mochte, solange sie schaffensfreudig und gesund war. Sie liebte ihren Besitz, den sie sich selbst aus kleinen Anfängen geschaffen hatte, und war stolz darauf, und sie wusste auch, dass er nicht an Wert verlieren würde, sondern nur gewinnen konnte, je mehr die große Stadt die Arme nach ihm ausstreckte.

Von Fritz von Steinbach und ihrer Schwester hatte sie, nach der Geburtsanzeige der jüngsten Tochter Ellen, nichts mehr gehört. Sie wusste nur, dass Fritz von Steinbach jetzt Major war und seit einigen Jahren mit seiner Familie in Berlin lebte. Auch dass sein Sohn Hans bereits Offizier sei, hatte sie in Erfahrung gebracht. Obgleich sie heimlich zuweilen Sehnsucht empfand, sich mit Schwager und Schwester auszusöhnen – etwas in ihrem Innern hielt sie davon zurück. Das war die Angst vor einem Wiedersehen mit ihrem einstigen Verlobten, davor fürchtete sie sich im Stillen. Und diese Furcht war ein Zeichen, dass sie bis heute nicht zu vergessen vermochte, was er ihr einst gewesen war.

***

Friede Sörrensen hatte eben in der Laube Platz genommen und entfaltete ihre Zeitung, als ein hübsches, blondes Mädchen, genauso gekleidet wie die im Garten beschäftigten, mit dem Frühstück eintrat.

„Guten Morgen, Fräulein Sörrensen“, sagte sie artig und stellte die Platte auf den bereits gedeckten Tisch.

Friede sah auf und erwiderte freundlich den Gruß. Lächelnd sah sie zu, wie das Mädchen das Geschirr vor ihr ordnete. „Nun, Lies, du hast mir noch nicht gesagt, wie es deiner Mutter geht. Warst du zu Hause gestern Abend?“

„Ja, Fräulein Sörrensen. Vielen Dank, Mutter geht es wieder besser.“

„Braucht sie dich nicht?“

„Nein, meine verheiratete Schwester ist bei ihr.“

„Kann die so leicht abkommen?“

„Sie hat ihr Kind mitgebracht. Und der Mann ist ohnedies auf Landarbeit.“

„Soso. Nun, sonst hätte ich dich gern einige Tage beurlaubt, bist ja sonst tüchtig auf deinem Posten.“

„Ich habe es Mutter gesagt, dass Sie mir erlauben wollten, sie zu pflegen. Aber sie hätte es gar nicht zugelassen, auch wenn meine Schwester nicht hätte kommen können.“

„Warum denn nicht?“

„Mutter hat so Angst, dass ich hier bei Ihnen die Stelle verlieren könnte, wenn ich nicht auf dem Posten bleibe.“

Friede lächelte, während sie sich ein Brötchen zurechtmachte. „Deine Mutter ist eine sehr brave, gewissenhafte Frau, Lies. Aber ihre Angst ist überflüssig. Ich machte dir doch das Anerbieten aus freien Stücken. Solange du sonst deine Pflicht tust und bleiben willst, ist dir deine Stellung sicher.“

„Oh, bleiben will ich gewiss, Fräulein Sörrensen.

Friede nickte lächelnd und sah wohlgefällig auf das schmucke Mädchen. „Also gefällt es dir bei mir?“

Lies nickte strahlend. „Sehr, ach sehr. Sie sind so gut und gerecht. Und dann – ich verdiene doch auch hier viel mehr als in jeder anderen Stellung. All die Herrschaften, denen ich Milch und Sahne an den Tisch bringe, geben ein Trinkgeld. Gestern habe ich von Herrn von Volkmar sogar eine ganze Mark für ein Glas Sahne bekommen, und er wollte nichts heraus haben.“

Friede lachte. „Das ist natürlich der Heinz gewesen, nicht wahr?“

„Ja, Fräulein Sörrensen. Der ältere Herr von Volkmar war gestern gar nicht hier.“

Friede nickte. „Ich weiß es, Lies.“

„Aber braun gebrannt ist der ältere Herr von Volkmar von seiner weiten Reise zurückgekehrt. Ist es wahr, Fräulein Sörrensen, dass er bei den Menschenfressern war?“

Friede lachte herzlich über das ängstliche Gesicht des Mädchens. „Lies, du siehst aus, als wärst du selbst mitten drin im Land der Menschenfresser und solltest schon diesen Mittag verspeist werden. In fernen Gegenden und bei wilden Völkerstämmen ist Herr von Volkmar wohl gewesen, ob Menschenfresser dabei waren, weiß ich nicht.

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