Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 073

hcm_schriftzug_titelseite.jpg

Licht und Schatten

Ergreifender Roman der weltberühmten Schriftstellerin

 

 

hcm_blumen.jpg

Sorglich hüllte Doktor Heinz Werner die Damen in ihre Mäntel. Bei Ilse machte er sich länger zu schaffen. Vor seinen Augen flimmerte es, als er den edel geformten Nacken aus dem schlichten weißen Kleid hervorschimmern sah.

Zögernd bedeckte er ihn mit dem weißen, molligen Tuch, dabei entglitt eine halb verwelkte Rosenknospe ihrem Haar. Schnell verbarg er sie, ohne dass Ilse etwas davon merkte.

Auch der Mutter war es entgangen, nur Eva hatte es gesehen, und ihre Augen umflorten sich. Heiß und brennend durchzuckte die schmerzliche Gewissheit ihre Seele, dass der Mann, dem das ganze zärtliche Empfinden ihres Herzens gehörte, die schöne, blendende Base liebte.

Die Damen hatten vom Festsaal aus nur wenige Schritte bis zu ihrer Wohnung. Doktor Werner begleitete sie nach Hause. Er reichte Frau Deckmann den Arm, die beiden jungen Mädchen schritten nebenher.

Ilse machte sich lustig über die nervöse Furchtsamkeit ihrer Mutter, die bei jedem Schatten erschrocken zusammenzuckte, und plauderte mit dem jungen Mann über den verflossenen Abend.

Die Ballfestlichkeit hatte sie angeregt, und die Triumphe, die ihre Schönheit gefeiert hatte, befriedigten ihre Eitelkeit. Eva ging stumm nebenher in stiller Qual. Als sie die Wohnung erreicht hatten, schloss Doktor Werner ihnen das Haustor auf und verabschiedete sich dann.

Er küsste Ilse die Hand, sie spürte, wie sich seine Lippen heiß darauf pressten. Sein Abschied von Eva war kürzer und kühler.

Dann stand er draußen allein mit aufgestörten, verlangenden Sinnen. Er hatte bis jetzt so wenig Zeit gehabt, sich mit Frauen zu beschäftigen. Sein Studium hatte ihn voll und ganz in Anspruch genommen. Er war stolz und ehrgeizig und hatte zu seiner Genugtuung sein Staats- und Doktorexamen mit den vorzüglichsten Zeugnissen bestanden. Vor einigen Wochen erst das letzte. „Summa cum laude“, hatte er nur seinem Bruder gedrahtet, der ihm das Geld zu seinem Studium gegeben hatte. Darauf hatte ihm jener ein paar blaue Scheine geschickt mit den Worten:

Nun erhole dich erst einige Wochen und genieße dein Leben, dann sprechen wir über das weitere.

Das hatte Heinz dann auch getan. Er war von einem Vergnügen zum anderen getaumelt und hatte das Leben der Großstadt in vollen Zügen genossen.

Seine bisherige Unerfahrenheit brachte es mit sich, dass es ihm gar nicht möglich war, Unterschiede zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Schatten der Menschen zu erkennen. Er nahm ein Lächeln für den Ausdruck von Fröhlichkeit, einen freundlichen Blick für echte Herzensgüte und machte sich nicht einmal Gedanken darum, dass beides vielleicht einen Zweck erfüllen oder irgendetwas verschleiern könnte.

An einem Nachmittag hatte er dann auch Deckmanns aufgesucht. Frau Deckmann war eine Freundin seiner verstorbenen Mutter. Er war schon öfter dort gewesen, und hatte sie und zuweilen auch Eva, ihre verwaiste Nichte angetroffen.

An jenem Nachmittag aber sah er Ilse, und ihre üppige, stolze Schönheit entflammte seine Sinne. Er kam wieder und wieder und wusste es immer so einzurichten, dass er Ilse antraf. Sie tändelte mit ihm. Es machte ihr Vergnügen, ihn in Flammen zu setzen. Sie verstand es meisterhaft, ihm den Kopf zu verdrehen, und er versuchte gar nicht zu verbergen, wie sehr er in ihren Banden schmachtete.

Er kam gar nicht zur Besinnung, dass er mehr mit den Sinnen als mit dem Herzen verliebt war, war sich nur bewusst, dass er nach Ilse verlangte mit seiner ganzen ungebrochenen Jugend. Als er nun so in der kalten Winternacht stand und zu ihren Fenstern hinaufstarrte, fasste er den festen Entschluss, sich in den nächsten Tagen Gewissheit zu verschaffen, ob sie ihn liebe. Noch in derselben Nacht schrieb er an seinen Bruder.

Am übernächsten Tag machte er den Damen seine Aufwartung.

Eva öffnete ihm die Vorsaaltür. Vom Treppenfenster her fiel helles Licht über die schlanke, zarte Gestalt. Es fiel ihm zum ersten Mal auf, wie hübsch sie war, wie anmutig und mädchenhaft. Freilich, neben Ilse musste sie verblassen, trotz ihrer schönen, klar blickenden Blauaugen und trotz des üppigen blonden Haares.

Er wurde freundlich begrüßt und wie ein lieber alter Bekannter in das einfache, trauliche Wohnzimmer geführt. Ilse und ihre Mutter saßen am Fenster, mit feinen Stickereien beschäftigt.

Sie erhoben sich und gingen dem Gast entgegen. Sein Blick sog sich an Ilses Zügen fest, und es tat ihm weh, dass ihre Augen so kalt und spöttisch blickten.

Wenn er sie in Gedanken vor sich sah, dann hatten ihre Augen immer einen ganz anderen Ausdruck. Wie nur? Er sah zufällig zu Eva hinüber – ja, richtig, so wie Evas Augen eben geblickt hatten, lieb, zärtlich und dabei so keusch und klar. Sonderbar, dass ihm heute an Eva allerlei auffiel! Dazu war er doch wahrlich nicht hergekommen!

Frau Deckmann drückte Heinz die Hand.

„Sie trinken ein Tässchen Kaffee mit uns, Herr Doktor? Wir kochen ihn Ihnen zu Ehren mal ein bissel stärker, nicht wahr, Sie machen uns das Vergnügen? Sogar Kuchen sollen Sie dazu haben! Evchen hat heute beim Bankier Herz das Stundengeld bekommen. Denken Sie nur, zehn Mark mehr als sie zu beanspruchen hatte! Und das gute Kind weiß, wie gern ich ein Stück Napfkuchen zum Kaffee essen, da hat sie mich damit überrascht.“

Heinz wurde in die Sofaecke gedrückt und fühlte sich da äußerst behaglich.

Ilse hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen und plauderte in ihrer geistsprühenden, lustigen Art mit ihm. Über ihrem ganzen Wesen lag immer ein Hauch von Spottlust und Bitterkeit. Sie fühlte sich unglücklich und unzufrieden in den kleinen Verhältnissen, nur die Hoffnung, dass ihre Schönheit, der sie sich sehr gut bewusst war, ihr einst zu einer glänzenden Lebensstellung verhelfen würde, machte ihr das Leben erträglich.

„Sind Sie nicht entzückt von den Genüssen, die Ihrer harren? Man denke: Kaffee und Napfkuchen“, spottete sie.

„In Ihrer Gesellschaft würde ich trockenes Brot für ein Göttermahl halten.“

Sie blitzte ihn mit ihren dunklen Augen an. „Redensarten; ich möchte Sie nicht auf die Probe stellen.“

Er lachte ungezwungen. „Tun Sie es ruhig! Ich halte mit.“

„Ich danke, meine Schwärmerei ist trocken Brot nicht.“

„Harmonie der Seelen.“

„Lassen Sie die Seelen aus dem Spiel, Doktor, ich glaube nicht an das, was die Dichter Seele nennen!“

Er stand auf und haschte nach ihrer Hand. „Bis sie Ihnen aus den Augen des geliebten Mannes entgegenleuchtet“, sagte er mit etwas heiserer, bewegter Stimme.

Da klirrte es hinter ihm; Eva hatte eine Tasse zur Erde fallen lassen, und als er hinzusprang, traf ihn aus ihrem jäh erblassten Gesicht ein Blick, der ihn erschreckte. Qual und Angst lagen darin.

Was war ihr denn? Oder hatte er sich getäuscht, war es nur Schrecken über ihre Unvorsichtigkeit gewesen? Sie war ja wieder ganz heiter und dankte ihm in ihrer ruhigen, freundlichen Art.

„Das wird Schelte geben von Tantchen, es ist eine von ihren besten.“

Das arme Ding, um eine zerbrochene Tasse grämte sie sich! Er passte die Scherben aneinander.

„Da lässt sich nichts mehr heil machen, Fräulein Eva.“

Sie nahm ihm die Scherben ab. „Geben sie, ich will zu Tante hinausgehen und Abbitte leisten!“

Eva ging aber nicht zur Tante in die Küche, sondern huschte in ihr Zimmer. In ihren Händen barg sie die kläglichen Reste der schönen Tasse. Die Tränen, die ihr in den Augen standen, galten aber weniger jenem Unglück, das wohl auch Tante verzeihen würde, besonders wenn sie erführe, wodurch es geschehen war.

Es war auch ihr aufgefallen, dass die Tante mit Wohlwollen die Verehrung beobachtete, mit der Doktor Werner Ilse umgab. Sie war eine Mutter und würde es wahrscheinlich gern sehen, wenn die Tochter von dem stattlichen Mann heimgeführt würde.

Sie ließ die Scherben auf den Tisch gleiten, und in den Gebärden ihrer zarten Hände lag etwas rührend Liebevolles. „Scherben sollen Glück bringen“, flüsterte sie und lächelte resigniert. „Wem aber? Dem, der sie verursacht hat oder einem der Menschen, die dazu beitrugen, dass es Scherben wurden?“

Bei Gelegenheit wollte sie die Scherben aneinander fügen und als ein Andenken an ihre erste Liebe aufbewahren. Sie trat ans Fenster und schaute in den Garten hinaus. Man wusste immer von der schönen und herrlichen, einzigartigen Liebe so viel Gutes zu erzählen. Und was war sie wirklich? Doktor Werner liebte Ilse in der Hoffnung, sie könne ihn auch lieben. Dabei machte sie sich insgeheim über ihn lustig.

Heinz war mit Ilse allein geblieben.

Er sah sie unverwandt mit sehnsüchtigen Augen an, und vor diesem liebeheischenden Blick fühlte sie ihr Blut in Wallung kommen. Es stieg ihr zu Kopf und flimmerte ihr vor den Augen.

Wenn er jetzt, in diesem Augenblick den Arm um sie gelegt hätte, sie wäre schwach gewesen und hätte ihn erhört.

Das ging aber schnell vorüber. Sie raffte sich auf und stichelte mit doppelter Eile an ihrer Arbeit weiter.

„Müssen Sie Ihre schönen Augen mit derartigen Nähereien verderben?“, fragte er endlich, aus dem Bestreben heraus, sich zu fassen. Er wollte nicht früher mit ihr über seine Neigung reden, bis er Antwort von seinem Bruder hatte.

Sie lachte spöttisch auf. „Meinen Sie, ich sticke diese spinnwebfeinen Tüchelchen zu meinem Vergnügen. Wenn es nicht sein müsste würde ich’s hübsch bleiben lassen. Oder meinen Sie, wir könnten von den lumpigen paar Mark leben, die meine Mutter als Pension erhält? Nein, mein werter Herr Doktor, wir müssen arbeiten, um unser täglich Brot zu verdienen. Tag für Tag sitzen wir hier und sticken, und Eva plagt sich indessen mit den unartigen Gören reicher Leute ab, um ihnen etwas Fingerfertigkeit auf dem Klavier beizubringen. Ach, wie ich mich hinaussehne aus diesem Leben, wo jeder Groschen dreimal umgewendet werden muss, ehe er für das Nötigste ausgegeben wird!“

Es lag in den letzten Worten eine so glühende, leidenschaftliche Sehnsucht, dass Heinz erschrak.

Würde er ihr denn ein viel glänzenderes Los zu bieten haben? Ach, dass er nicht ein Krösus war, um ihr alles zu Füßen legen zu können, was ihr Herz begehrte!

Sie sah schon wieder lachend zu ihm auf. „Fassen Sie das nicht so tragisch auf, das sind Stimmungen, die vorübergehen.“

„Das will ich Ihnen wünschen, Fräulein Ilse. Aber jetzt, bitte, legen sie Ihre Arbeit weg und plaudern Sie noch ein wenig mit mir.“

„Gern, umso mehr, als Mama eben mit dem Kaffee kommt. Bitte, nehmen Sie Platz in der historischen Sofaecke.“

„Wieso historisch?“

„Wir nennen Sie so im Scherz. Zu Mamas Freundinnen gehörte einst eine Hofdame, eine wirkliche waschechte Hofdame, und die hat Mama in der ersten Zeit ihrer Verheiratung besucht und in dieser Sofaecke Platz genommen. Mama erzählt uns diese Episode so oft, dass wir sie gern damit aufziehen.“

„Ich werde mich der Auszeichnung, hier Platz nehmen zu dürfen, würdig zeigen.“

„Tun Sie es! Sie müssen bei Mama sehr gut angeschrieben sein, sonst hätten Sie diesen Platz nicht erhalten.“

„Nur bei Ihrer Frau Mutter, Ilse?“ Er haschte nach ihrer Hand und drückte seine Lippen darauf. In demselben Augenblick, trat Eva herein. Sie trug Kuchen, Sahne und Zucker auf einem Tablett und musste wohl arge Schelte von Frau Deckmann erhalten haben. Ihre Augen waren trüb und das Gesicht sehr blass.

Und nun kam Mama Deckmann mit einer ansehnlichen Kanne duftenden Kaffees.

In ihrer lieben, etwas umständlichen Art sorgte sie selbst für Heinz, der mit großem Behagen schmauste.

„Ich komme mir vor wie ein halber Verbrecher, meine Damen, dass ich Sie um eine so große Portion Kuchen bringe, doch hat es mir lange nicht mehr so gut geschmeckt. Sie müssen mir gestatten, mich zu revanchieren. Ich lade Sie ein, heute Abend mit mir in die Oper zu gehen.“

Frau Deckmann und Ilse sagten zu, Eva lehnte ab.

„Aber warum denn, Evchen, du schwärmst doch so sehr für die Oper, hast erst heute Morgen gesagt: ‚Heute geben sie Rienzi, da möchte ich hin.’“

„Ich habe Kopfweh, Tantchen.“ Sie war dunkelrot geworden bei der Lüge.

Heinz blickte sie forschend an, er fand heute allerlei an dem Mädchen, das ihm zu denken gab und ihn auf sie aufmerksam machte.

„Geh nachher etwas an die Luft, Kindchen, dann ist es abends schon wieder besser! Wenn Doktor Werner so liebenswürdig ist, uns einzuladen, wollen wir doch auch alle zusammen gehen.“

Eva rieb gequält die Handflächen aneinander. Sie fürchtete sich, den ganzen Abend neben Ilse und Heinz zu sitzen, seine verlangenden Blicke am Gesicht der Base hängen zu sehen, seine bebende Stimme zu hören, wenn er Ilse versteckt liebeheischende Worte zuflüsterte.

Heinz hatte keine Ahnung, in welcher Weise er Evas Gedanken beschäftigte. „Darf ich eine Bitte aussprechen?“

„Gern, Herr Doktor.“

„Nun werden es gleich zwei. Erstens nennen Sie mich, bitte, nicht so formell ‚Herr Doktor’, verehrte Frau Deckmann. Als Freundin meiner lieben Mutter dürfen Sie mich gern beim Vornamen nennen, es würde mich sehr freuen, und dann, lassen Sie heute Arbeit Arbeit sein! Wir nehmen einen Wagen und fahren zusammen ein paar Stunden hinaus ins Freie, ehe wir in die Oper gehen. Da werden sich Fräulein Evas Kopfschmerzen schon verlieren, und ich habe das Vergnügen, die Gesellschaft der Damen den ganzen Nachmittag und Abend zugenießen. Bald gehe ich doch von Berlin fort.“

„Wirklich, Heinz, Sie wollen fort von hier?“

„Wahrscheinlich werde ich in meines Bruders Fabrik Anstellung finden.“

„Dann ist ja die Veranlassung zu Ihrem Fortgang eine freudige und Ihre Freunde dürfen nicht trauern“, meinte Ilse.

„Wann wollen Sie gehen?“ Frau Deckmann fragte es betrübt, sie hatte sich Hoffnungen gemacht auf Heinz Werner. Wohl war er nicht vermögend, aber ein tüchtiger Mann findet sein Brot, und sie hätte Ilse so gern versorgt gesehen. „Noch ist es nicht entschieden, vielleicht, sogar wahrscheinlich sehr bald.“

„So sehen wir Sie vorher vielleicht nicht mehr?“

„Doch, doch, ich komme sicher, ehe ich abreise.“

„Ihr Bruder ist wohl sehr reich geworden?“, fragte die alte Dame interessiert.

„Sehr. Er kam als Ingenieur in die Fabrik, die jetzt sein Eigentum ist. Sie gehörte seinem Schwiegervater, der ihm seine einzige Tochter zur Frau gab. Ich glaube aber, die Ehe war nicht sehr glücklich. Anfangs ging es noch, solange sein Schwiegervater lebte, der Fritz sehr gern hatte und die zügellosen Launen seiner Tochter so viel wie möglich unterdrückte. Nach seinem Tod aber wurde meine Schwägerin unausstehlich. Sie verlangte, dass mein Bruder den ganzen Tag ihr zu Füßen liege, wozu er, zumal er die Frau wohl kaum ernstlich geliebt hat, keine Lust hatte. Sie warf ihm vor, nur ihr Geld geheiratet zu haben, während er sie tatsächlich nur aus Mitleid nahm, weil ihre Leidenschaft für ihn sie krank zu machen drohte, und meine Schwägerin tat alles, um das Verhältnis haltlos zu machen. Dann wurde es plötzlich besser. Die Gatten vertrugen sich wieder, meine Schwägerin wurde sanft, nachgiebig, Fritz tat das Seine auch, und alles schien gut zu werden. Da starb meine Schwägerin plötzlich bei der Geburt eines Töchterchens, das der Mutter in wenigen Stunden folgte. Mein Bruder ist somit alleiniger Erbe des riesigen Vermögens.“

„Da wird er Ihnen gegenüber auch nicht knausern.“

„Nein, Fritz ist ein prächtiger Mensch! Was ich bin und habe, das danke ich ihm. Meine Eltern starben früh und ließen uns mittellos zurück. Schon als junger Ingenieur hat Fritz für mich gesorgt, ich war damals noch ein Kind, wie viel mehr jetzt als reicher Fabrikbesitzer.“

„Wie alt ist Ihr Bruder?“, fragte Ilse.

„Achtunddreißig Jahre.“

„Dann kann er noch mal heiraten.“

„Das wünsche ich ihm von Herzen. Er kennt das Glück an der Seite eines geliebten Weibes noch nicht.“

„Dafür tun Sie, als würden Sie dieses Glück aus Erfahrung kennen“, neckte das junge Mädchen.

„Ich hoffe, es bald kennen zu lernen, Fräulein Ilse.“

„Wie, Sie wollen damit doch nicht sagen, dass Sie sich verheiraten wollen, Heinz?“

„Doch, Frau Deckmann, just das will ich damit sagen.“

„Dann haben Sie wohl auch schon gewählt?“, scherzte sie, während ihr mütterliches Herz in freudiger Erwartung pochte.

„Ja, ich kenne die Frau, der mein Herz gehört“, sagte er triumphierend.

Da traf sein Blick, den er nicht unmittelbar auf Ilse richten wollte, mit Evas Augen zusammen, und mit einem Mal wurde seine ganze Glückseligkeit herabgestimmt. Das war doch wieder jener rätselhafte Blick von vorhin! Was lag nur darin? Er tat ihm weh bis ins innerste Herz, dieser bange Blick.

„Sind Ihre Kopfschmerzen schlimm, Fräulein Eva?“

Sie sah ihn wieder gütig und freundlich wie sonst an. „Es wird besser werden, wenn wir draußen sind.“

„So wollen wir aufbrechen. Ich gehe und hole einen Wagen, inzwischen kleiden sich die Damen an.“

Und als er dann mit ihnen hinausfuhr in die klare, kühle Luft, da fühlte er sich wieder so frei und glücklich in Erwartung dessen, was er vom Schicksal erhoffte, dass er alles andere vergaß …

***

Einige Tage später, als Heinz von einem Ausgang heimkam, fand er seinen Bruder in seiner Wohnung. Seine Freude war groß, er drückte die Hände des stattlichen Mannes wieder und wieder und dankte ihm mit überquellendem Herzen für sein Kommen.

Über das ernste Gesicht des Bruders glitt ein frohes Lächeln beim Anblick des jungen Mannes.

„Weißt du denn schon, ob ich dir Gutes bringe, Heinz, dass du dich so unbändig freust?“

„Bis jetzt kam immer nur Gutes von dir.“

„Ausnahmen bestätigen die Regel.“

„Wohl, wohl, doch siehst du mir gar nicht aus, als wolltest du eine Ausnahme machen.“

„Wie klug das Küken ist!“

„Achtung, Fritz, ich bin ein Mann.“

„Wahrlich, Kleiner!“ Er war tatsächlich noch einen halben Kopf größer als der große, schlanke Heinz. „Ich hatte es fast vergessen, du willst ja heiraten.“

Heinz nickte energisch.

„Immer noch dazu entschlossen?“

„Ich bitte dich, treibe keinen Scherz mit so ernsten Sachen!“

„Heinz, mir ist gar nicht so spaßhaft zumute, ich will ja nur hören, ob es nicht nur ein vorübergehender Rausch ist.“

„Wenn du Ilse sehen würdest, hättest du keine Bedenken.“

„Hm. Gut, ich will sie sehen. Du führst mich zu ihr?“

„Gern, Fritz. Und du machst es davon abhängig, wie sie dir gefällt, ob du mich anstellen wirst oder nicht?“

„Nein, Heinz, davon soll es nicht abhängig sein. Ich stelle dich vom nächsten Monat ab als erster Chemiker an. Recht so?“

Heinz drückte ihm die Hand. „Du sollst mit mir zufrieden sein.“

„Das weiß ich. Wann willst du heiraten?“

„Sobald ‚Sie’ will.“

„Hast du schon mit ihr gesprochen?“

„Nein.“

„Liebt sie dich?“

„Ich weiß es nicht.“

„So etwas fühlt man doch!“

„Zuweilen bin ich sicher, oft plagt mich der Zweifel.“

„Wenn sie nun nicht die Deine werden will?“

„Daran dachte ich noch nicht.“

„Man muss doch auf alles gefasst sein! Was würdest du dann tun?“

„Ach, Fritz, das mag ich mir gar nicht ausmalen. Ich schrieb dir ja schon, ich sehne mich so sehr danach, eine Frau zu haben. Ich mag mich nicht verzetteln in allerhand Liebeleien, ich möchte mich so wie ich bin, in eine glückliche Ehe einschiffen. Mich ekelt es an, wenn ich die jungen Leute in meinem Alter von Liebe und Ehe so zynisch reden höre. Ich mag mich nicht mit leichtfertigen Frauen befassen. Ich bin gesund, kräftig, Ilse ist es auch, ich möchte Kinder haben, Fritz, so zwei, drei gesunde, frische Rangen, meinetwegen auch mehr.“

„Und wenn Ilse dich nicht mag, dann gibt es ja auch noch andere liebenswerte Mädchen.“

„Das wohl“, sagte Heinz nachdenklich, und plötzlich stand Eva vor seinen inneren Augen. O ja, wenn man Ilse nicht kannte, dann konnte einem diese Eva wohl ans Herz wachsen in ihrer lieblichen Anmut und mit den gütigen Augen. Schade, dass Ilse nicht solche Augen hatte!

Eigenartig, dass er grad in diesem Augenblick an sie denken musste!

Eine Weile schwiegen beide, dann sagte Fritz: „So, komm, führe mich zu deiner Angebeteten! Ich bleibe einige Tage hier.“

Nicht weit von der Wohnung der Damen entfernt stießen die beiden auf einen Zusammenlauf von Menschen, die erregt auf einen Mittelpunkt starrten.

Die Brüder blieben stehen, und auf einmal sah Heinz Eva mit leichenblassem Gesicht und einem schmalen Streifen Blut an der Stirn ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 073" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen