Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 072

Drollig, Muttchen, dass unsere Familie noch so am Althergebrachten hängt, in einer Zeit, wie wir sie jetzt durchleben. Was heißt da ein Familientag?“

„Kind, ich meine, man hat jetzt so wenig andere ideelle Werte, da muss man sich umso inniger an die Familie klammern.“

„Diese Familie macht aber sonst recht wenig Gebrauch davon, dass wir zu ihr gehören. Seit wir so ganz und gar verarmt sind und ich eine Stelle als Verkäuferin in einem Spitzengeschäft annehmen musste, werden wir von allen Seiten gemieden, als ob es eine Schande wäre, arm zu sein.“

„Die anderen haben alle selber nicht viel retten können aus dem Zusammenbruch. Wahrscheinlich haben alle Angst, wir könnten sie mal in Anspruch nehmen.“

„Die Sorge können sie fahren lassen – ich stelle mich lieber an die nächste Straßenecke und bettle die Vorübergehenden an, als dass ich mich an meine liebe Verwandtschaft mit einer Bitte um Hilfe wenden würde.“

„Sei nicht so bitter, Bertie! Sie meinen es sicher nicht so schlimm. Das geht deutlich genug daraus hervor, dass sie uns eine Einladung zu diesem Familientag schicken. Damit beweisen sie, dass sie uns durchaus als zur Familie gehörig betrachten.“

„Na, schön, Muttchen, ich will dich nicht betrüben mit meinen Ausfällen gegen die liebe Familie. Aber – du kannst unmöglich an diesem Familientag der Wendhausens teilnehmen, da du mit deinem kranken Fuß keinen festen Schuh anziehen kannst.“

„Nein, das kann ich allerdings nicht, aber du musst hingehen.“

Roberta sah erschrocken zur Mutter hinüber. „Ich?“

„Ja, Bertie, ich möchte dich dringend darum bitten, obwohl ich weiß, dass es dir nicht angenehm ist.“

„Nein, das ist es wirklich nicht. Und ausgerechnet für Sonntag muss dieser Familientag einberufen werden! In der Woche hätte ich so schön absagen können, weil ich da im Geschäft nicht abkömmlich bin.“

„Ach, Bertie, der Familientag findet sonntags statt, eben weil alle frei sind. Und du weißt, weshalb er diesmal einberufen wurde. Es geht um meinen Vetter Valentin Wendhausen, der so lange verschollen war und nun zurückkehren will. Nach dem Tod seiner Eltern ist er wie vom Erdboden verschwunden. Er hatte einige tausend Mark geerbt und sagte mir, damit wolle er sich draußen in der Welt eine Existenz gründen. Nie haben wir wieder von ihm gehört. Es ist nun an die sechsundzwanzig Jahre, dass er für uns verschollen ist. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass er lebt und zurückkommt. Etwas Böses hat er sich bestimmt nie zuschulden kommen lassen. Und dafür, dass er als armer Mann zurückkommt, kann er sicher nichts. Seinetwegen möchte ich so gern, dass du hingehst, Bertie, er soll nicht denken, dass ich mich aus Gleichgültigkeit nicht eingefunden habe. Gerade weil ihn die anderen nicht sehr erfreut begrüßen werden, sollst du es an meiner Stelle tun.“

„Gut, Muttchen, nun sehe ich einen Grund. Und je unfreundlicher sich die anderen benehmen, umso freundlicher werde ich zu ihm sein, darauf kannst du dich verlassen.“

Die Mutter lachte leise. „Oh, darauf verlasse ich mich, Bertie. Wenn du dich nur mit der lieben Familie Wendhausen in Gegensatz stellen kannst, tust du es mit innigstem Vergnügen.“

Auch Bertie lachte nun. „Stimmt. Das leugne ich nicht, Muttchen.“

„Und hör mal zu, Bertie, wenn es ihm sehr schlecht gehen sollte, dem Valentin, dann – es wird ihm keiner von allen helfen wollen. Was meinst du, Bertie, könnte er nicht zur Not, wenn er kein Obdach haben sollte, in unserer kleinen Mädchenkammer schlafen? Ein Bett steht darin und auch sonst das Nötigste, was ein Mensch braucht. Viel haben wir nicht zu bieten, du musst dich so quälen, um alles zu schaffen, aber – er ist ein Bruderkind meines Vaters.“

Bertie umarmte die alte Dame und küsste sie. „Wir werden ihn nicht hungern lassen, solange wir selber noch was zu essen haben, Mutter, und ein Obdach hätten wir also auch für ihn. Ich will ihm wünschen, dass er weder das eine noch das andere von uns annehmen muss. Ist es aber nötig, dann soll es gern gegeben werden, nicht wahr?“

„Ich freue mich, Bertie, dass du einer Meinung mit mir bist.“

„Das bin ich in derlei Fragen immer. Aber jetzt muss ich mich beeilen, dass ich ins Geschäft komme. Ich habe einen ganzen Berg neuer Spitzenmuster auszuzeichnen und einzureihen. Wundervolle Sachen sind dabei! Es macht mir viel Spaß, dass ich gerade in dem Artikel Beschäftigung gefunden habe, für den ich mich immer so sehr interessierte.“

„Du bist ja auch eine gründliche Kennerin, und deine Firma kann sehr zufrieden sein, dass sie dich gefunden hat.“

„Wie ich zufrieden bin, dass ich die Firma gefunden habe. Also auf Wiedersehen, Muttchen! Sorg dich um nichts! Fürs Abendessen und für morgen kaufe ich noch unterwegs ein, da du jetzt nicht fort kannst.“

„Dass du dich damit auch noch belasten musst! Ein Glück nur, dass ich mich hier zu Hause bewegen kann. Hoffentlich wird mein Fuß bald wieder gut. So dumm von mir, das kochende Wasser darüberzugießen.“

Bertie küsste die Mutter noch einmal.

„Es ist zum Glück besser abgelaufen, als es hätte geschehen können. In zwei Wochen ist alles wieder gut. Schone dich! Wenn du mal nicht so gründlich sauber machst, ist es auch kein Unglück.“

„Ach, das geht schon, der Fuß ist ja gut verbunden. Auf Wiedersehen, Bertie!“

Bertie hatte inzwischen draußen in dem kleinen Flur ihren Hut aufgesetzt und ihren Mantel angezogen und warf der Mutter noch eine Kusshand zu. Dann eilte sie davon. Unterwegs kaufte sie schnell Lebensmittel ein für den Abend und für morgen, zum Sonntag.

Das verstaute sie alles in ein gehäkeltes Netz, und dann lief sie zur Elektrischen, die sie gerade zur rechten Zeit erreichte.

Im Spitzengeschäft von Schönrock angekommen, legte sie in der Garderobe ab, verstaute ihr Netz mit den Einkäufen in einen Schrank, kämmte schnell die Haare, die sich in weichen tiefen Wellen um den feinen Kopf legten und die Farbe von strahlendem Gold hatten. So, nun war sie bereit, ihre Arbeit anzutreten.

Pünktlich auf die Minute stand sie an ihrem Arbeitsplatz, ordnete die neu eingelaufenen Spitzen, versah sie mit Preisschildern, die sie auszeichnete, und wurde zwischendurch immer wieder gerufen, wenn eine besonders schwierige Kundin zu bedienen war. Bertie Reinwald musste in solchen Fällen immer als Nothelferin einspringen, denn es war in der Firma Schönrock Geschäftsprinzip, dass jede Kundin das finden musste, was sie brauchte. Bestand doch die Firma schon seit über hundert Jahren und war bekannt als die leistungsfähigste Spitzenfirma, die es in Berlin gab. Eine ähnliche Auswahl an Spitzen aller Art, von der einfachsten bis zur kostbarsten, gab es kaum noch in einem anderen Geschäft.

Bertie hatte sich in den drei Jahren, da sie in dem Geschäft angestellt war, schnell von der einfachen Verkäuferin bis zur Direktrice emporgearbeitet. Jede Spitze, die von der Firma eingekauft wurde, ging durch ihre Hand, und wenn die Reisenden mit ihren großen Musterkoffern kamen, musste Bertie dabei sein, alles begutachten und dem Chef vorschlagen, was für den Kundenkreis passte. Sie irrte sich fast nie, und so verließ sich der Chef mehr und mehr auf seine Direktrice. Berties Gehalt war von Jahr zu Jahr erhöht worden, und so konnte sie jetzt ohne Not für Mutter und sich sorgen. Die Mutter betreute den kleinen Haushalt, und Bertie verdiente, was man brauchte.

Während sie mit ihren Spitzen beschäftigt war und zuweilen wie liebkosend über ein besonders schönes Muster streichelte, musste sie an den morgen stattfindenden Familientag denken. Sehr erfreulich würde er sicher nicht ablaufen! Gewöhnlich war bei solchen Zusammenkünften irgendein Sündenbock in der Familie die Zielscheibe, an der sich der dünkelhafte Familienstolz austobte. Irgendein schwarzes Schaf gab es immer, das dann nicht mehr für würdig befunden wurde, das Wohlwollen der Familie zu genießen.

Bertie warf, so weit gekommen in ihren Gedanken, ein Spitzenbündel ziemlich unsanft in einen Karton, obwohl sie sonst sehr behutsam damit umzugehen pflegte.

Es kam heute nicht viel Kundschaft. Die Geschäfte gingen, zumal in solchen Artikeln, die nicht unbedingt zum Lebensnotwendigen gehörten, nicht eben glänzend. Die Wandlung der wirtschaftlichen Lage machte sich doch bemerkbar. So hatte Bertie Muße, ihr Spitzenlager in Ordnung zu bringen und sich an der besonders schönen Auswahl neuer Muster zu freuen.

Auch dieser Nachmittag ging zu Ende, und Bertie konnte zu ihrer Mutter nach Hause zurückkehren.

Die beiden Damen besprachen nach dem gemeinsamen Abendessen noch einmal, was Bertie morgen auf dem Familientag der Wendhausens zu tun haben würde. Die Mutter versah ihre Tochter mit allerlei guten Ratschlägen, ihr war ein wenig bange, ob Bertie nicht wieder diesen oder jenen der Familienangehörigen vor den Kopf stoßen würde.

Bertie fasste sie schließlich um den Hals und küsste sie. „Nun lass mal alle Sorgen fahren, mein geliebtes Muttchen, ich werde mir die größte Mühe geben, dir keine Schande zu machen!“, scherzte sie. Sie mussten beide lachen. Und die Mutter gab sich endlich zufrieden, nachdem ihr Bertie ein halbes Dutzend Versprechungen gegeben hatte. Hauptsächlich dass sie zu dem heimgekehrten Onkel Valentin sehr lieb und nett sein sollte, versprach Bertie mit großer Innigkeit. Denn sie wusste schon im Voraus, dass sie wahrscheinlich die einzige sein würde, die sich gut mit dem armen Weltenbummler stellen würde. Und ganz abgesehen davon, dass sie ein mitleidiges Herz hatte, würde sie schon aus Opposition gegen die Familie sich der größten Liebeswürdigkeit gegen Onkel Valentin befleißigen.

***

In dem D-Zug, der morgens von Hamburg nach Berlin fuhr, saßen sich an diesem Sonnabend auf bequemen Fensterplätzen zwei Herren gegenüber. Der eine von ihnen mochte am Beginn der Fünfzig stehen, der andere war sicher nicht älter als dreißig Jahre, wenn er auch ein sehr kluges, gereiftes Gesicht hatte, das ein fester, ihm eigener Willenszug vielleicht ein wenig älter erscheinen ließ. Sobald er aber lächelte, wurde dieses Gesicht um Jahre jünger. Es lag in diesem Lächeln der ganze Charme eines netten, großen Jungen, der immer bereit ist, dieses Lächeln auf seine Umgebung ausstrahlen zu lassen.

Der ältere der beiden Herren war eine lange Weile tief in Gedanken versunken gewesen. Jetzt aber richtete er sich auf. „Wenn du wüsstest, Richard, wie gespannt ich bin, wie sie mich aufnehmen. Eine tolle Sache, dass mich plötzlich nach einem reichlichen Vierteljahrhundert die Sehnsucht nach der alten Heimat gepackt hat.“

„Das packt wohl schließlich jeden einmal, Vater. Man mag es noch so lange in sich bekämpfen, einmal bricht es durch. Und warum sollst du auch dagegen angehen? Kannst es dir ja leisten, mal wieder herüberzurutschen, und ich habe dich mit Vergnügen begleitet, das muss ich sagen. Mein verstorbener Vater hat mir mit vielen anderen schönen Dingen seine Sehnsucht nach Deutschland vererbt. Er hatte sie so lange unterdrückt, bis er zu krank wurde, um sie befriedigen zu können. Nun fahre ich an seiner Stelle nach Deutschland und freue mich auf Berlin. Hoffentlich findest du deine Verwandten netter, als du sie im Gedächtnis hattest.“

„Das eben glaube ich nicht, mein Junge. Entweder müssten sie sich alle zu ihren Gunsten verändert haben, oder – ich könnte mich vielleicht umgemodelt haben, ohne es gewahr zu werden. Vielleicht bin ich vernünftiger und geduldsamer geworden. Und wenn ich nur einen unter der ganzen Sippe finde, bei dem ich spüre, dass Blut dicker ist als Wasser, dann will ich schon zufrieden sein. Schließlich merkt man immer stärker, je älter man wird, dass man mit anderen Früchten zusammen an einem Baum gehangen hat.“

„Ich will es dir wünschen. Aber wenn es auch nicht der Fall sein sollte, so hast du die alte Heimat wiedergesehen, und auch ich freue mich, die Heimat meines Vaters kennen zu lernen. Solange Mutter noch lebte, konnten wir beide an diese Reise nicht denken – sie war 100% Amerikanerin und konnte unsere Einstellung nicht verstehen. Was hat sie uns manchmal aufgezogen mit unserer ‚deutschen Gefühlsseligkeit‘.“

Valentin Wendhausen, Richards Stiefvater, lachte mit ihm zusammen. Ja, Richards Mutter war ebenso waschechte Amerikanerin gewesen, wie die beiden Männer, mit denen sie verheiratet war, Deutsche waren. Aber trotzdem war sie mit beiden sehr glücklich geworden. Richards Vater war ihr genommen worden, als ihrer beider Sohn acht Jahre zählte. Damals hatte sich Valentin Wendhausen kurz vorher mit seinem kleinen Vermögen an der Fabrik beteiligt, die Richards Vater gegründet hatte. Und die beiden Männer hatten es nie bereut, dass sie nun gemeinsam an einem Strang zogen und die Papierfabrik immer mehr vergrößerten.

Als Frank Steinberg zu kränkeln begann, war er sehr froh, in Valentin einen tüchtigen Partner zu haben, der seine Interessen genau so ehrlich vertrat wie die eigenen. Als Frank Steinberg gestorben war, fühlte Valentin die Papierfabrik allein weiter, zugleich als Vertreter der Witwe des Verstorbenen und des Sohnes. Nach einigen Jahren heiratete Valentin die Witwe seines Teilhabers und Freundes und wurde Richards Stiefvater. Es war ein sehr glückliches Familienleben, das die drei zusammen führten. Und als Richard erwachsen war, trat er in die inzwischen sehr groß gewordene Fabrik ein und wurde Teilhaber seines Stiefvaters. Sie verstanden sich beide vorzüglich, hegten größte Hochachtung voreinander und hatten zusammen Richards Mutter verwöhnt, bis sie vor etwas länger als einem Jahr gestorben war.

Valentin hatte an den Familienältesten der Wendhausens geschrieben, dass er zurückkommen würde, um zu sehen, was aus seinen Verwandten geworden war. Er verschwieg aber, dass er als schwerreicher Mann zurückkam, sondern ließ durchblicken, dass er als armer Schlucker wiederkehre. Weil er seine Verwandten kannte, wusste er auch, dass, käme er als reicher Onkel aus Amerika, man ihn allseitig mit offenen Armen aufnehmen würde. Das wollte er vermeiden, er wollte gern ergründen, ob sich nicht unter seiner ganzen Verwandtschaft der oder jener befand, der ihn auch als armen Heimgekehrten herzlich willkommen hieß.

Sie hatten beide beschlossen, in Berlin in einem Christlichen Hospiz Zimmer zu nehmen. Valentin Wendhausen hatte gesagt:

„In diesen Hospizen wohnen meist Leute, die nicht viel Geld ausgeben können. Das sieht unverfänglicher aus und glaubhafter für einen armen Mann, und eine Weile werden wir es schon aushalten.“

Richard ließ sich die Art dieser Hospize erklären und war gleich einverstanden. Sie hatten auch ausgemacht, dass Valentin zuerst allein auf den Schauplatz treten würde.

„Ich will erst meine Fühler ausstrecken, mein Junge, ob es sich lohnt, dich mit der ganzen Familie Wendhausen bekannt zu machen. Ist nämlich eine verdammt stolze Sippe, sie nehmen es darin mit den ältesten Adelsgeschlechtern auf. Auf meine Kosten komme ich jedenfalls. Wenn ich keine sympathischen Menschen herausfinde, so sicher verschiedene verschrobene Originale. Der Familienälteste, der mir so frostig geschrieben hat, dürfte jetzt ein Siebziger sein. Balduin Wendhausen! Als ich aus dem Schoß dieser musterhaften Familie türmte, zählte er ungefähr fünfundvierzig Jahre, war schon Geheimrat mit der dazugehörigen Würdewamme und Glatze und ein ziemlich aufgeblasener Wicht. Den werde ich jetzt mal näher beleuchten. In der Erscheinungen Flucht sehe ich in der Erinnerung nur einen einzigen lichten Punkt – das war meine Base Herta, ein süßes, herzenswarmes Ding, in die ich ein bisschen verliebt war, die aber ihr Auge schon auf einen anderen jungen Mann geworfen hatte, den sie heiraten wollte, wenn er sein Studium beendet hatte. Wie hieß er nun gleich? Es war so was mit Wald? Warte mal – ja – Reinwald hieß er, und ich war mächtig eifersüchtig auf ihn. Reinwald? Also wird sie später eine Herta Reinwald geworden sein, denke ich mir. Na, die wird sich hoffentlich nicht so zu ihrem Nachteil verändert haben, dass ich mich grämen muss. Eine ulkige Tante Adele war auch vorhanden. Ob die noch lebt? Muss jetzt auch nahe an die Siebzig sein. Tante Adele hatte eine sehr scharfe Zunge, die nie versagte, wenn sie jemand was am Zeug flicken wollte. Außerdem war sie sehr beleibt, es ist mir nie gelungen, sie zu umarmen, obwohl sie streng darauf hielt, dass man ihr diese Liebkosung zuteil werden ließ. Ich reichte nie um sie herum. Und sie war mir ein Gräuel, wie mancher andere aus meiner Verwandtschaft. Wenn man jung ist, kann man sehr schonungslos und unduldsam sein. Vielleicht waren sie gar nicht so schlimm, wie ich es in der Erinnerung habe. Tante Adele sprach sozusagen immer in Jamben, sie hätte wahrscheinlich eine herrliche Tragödie abgegeben. Dafür hatte sie zwei Kinder, die viel schlanker und gesünder waren, zwei Basen, von denen die eine immer eine rote Nasenspitze hatte, die sie so stark puderte, dass sie aussah wie Alpenglühen unter Schnee. Die andere war Tante Adeles Ebenbild, nur war sie noch jung und hübsch und glich einem Borsdorfer Äpfelchen. Aber ich langweile dich mit der Schilderung meiner durchaus nicht so bedeutenden Verwandtschaft.“

„Du irrst, Vater, sie interessieren mich alle, und ich brenne darauf, sie kennen zu lernen. Nicht einen darfst du mir unterschlagen.“

Dann sagte Valentin Wendhausen: „Vielleicht finde ich manchen von ihnen nicht mehr. Mein ärgster Feind war ein Onkel Karl, aber der lebt nicht mehr, das weiß ich. So ab und zu habe ich ja Erkundigungen über die Wendhausens eingezogen. Wir werden sehen, was von der stolzen Familie übrig ist. Auf den Nachwuchs bin ich am gespanntesten. Meine Basen und meine Vettern müssen alle Kinder haben.“

„Und du wirst alles, was keucht und fleucht, auf diesem Familientag vorgesetzt bekommen?“

„Alles, was über zwölf Jahre alt ist. Jünger dürfen die Wendhausens nicht am Familientag teilnehmen.“

„Ich werde dich natürlich sehnsuchtsvoll im Hospiz erwarten, denn ich bin gespannt, wie sie dich aufnehmen werden.“

„Ich auch, aber nach dem Brief des Familienältesten erwarte ich eine sehr zurückhaltende Stimmung. Immerhin – man kann sich täuschen. Ab und zu wächst in jeder Familie ein Außenseiter heran, der nicht hält, was die Sippe von ihm verlangt.“

„So wie du, Vater“, sagte Richard lachend.

„Ganz recht, so wie ich. Und wen der Bannfluch der Wendhausens trifft, der ist für alle Zeit als schwarzes Schaf gezeichnet. Wenn du denkst, dass die auch nur ein gutes Haar an mir gelassen haben, irrst du dich. Aber das tollste ist, dass ich mich trotzdem nach der ganzen Bande sehne, mögen sie noch so widerwärtig sein. Ich werde sie alle mit gutem Humor ertragen. Wenn man jung ist, hat man meist nicht den nötigen Humor für solche Familiengeschichten.“

„Nun, jetzt verfügst du gottlob über eine recht anständige Dosis davon, Vater.“

„Ja, sagte ich auch, gottlob. Humor ist nun mal der Schwimmgürtel auf den Wogen des Lebens. Und ich sage mir zum Trost, dass ja auch mein Vater ein Wendhausen war, und der war ein aufrechter und ein ehrlicher Mensch mit einem goldenen Humor, der immer über dem Ganzen stand. Aber sieh mal an, da tauchen die ersten Stadtbahnhöfe von Berlin auf. Siehst du, Richard, beim Anblick dieser Einrichtung zur Hebung des Verkehrs wird mir ganz pflaumenweich zumute. Wie oft bin ich auf der Stadtbahn gefahren.“

Die Herren schwiegen jetzt und sahen interessiert zum Fenster hinaus. Berlin zeigte sich, wie üblich bei der Einfahrt in die Bahnhöfe, nicht gerade im besten Licht. Ein grauer Dunst, der übel riechende Gase ausströmte, breitete sich aus. Die ersten Häuser, die sie sahen, waren schmutzig grau und zeigten sich freudlos und öde.

„Musst dir hier kein Bild von Berlin machen, mein Junge, das sind hier draußen an der Bahn nicht die besten Gegenden“, sagt Valentin Wendhausen, als müsse er sich selber Mut und Hoffnung einreden.

Richard fasste seine Hand mit warmem Druck. „Lass nur erst wieder die Sonne scheinen, Vater! So grau in grau macht keine Stadt einen guten Eindruck. Denke an drüben und an England, an London. Da sieht des nicht besser aus.“

Der Vater nickte. „Natürlich, Richard, aber wenn man heimkommt, müsste immer die Sonne scheinen.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 072" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen