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Hedwig Courths-Mahler - Folge 071

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wie ist mein armes Herz so schwer
  4. Vorschau

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Wie ist mein armes Herz so schwer

Warum die junge Franziska ihre Liebe dem Falschen schenkte

 

 

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In der Nähe des kleinen Pächterhauses war das Auto plötzlich stehen geblieben, der Motor versagte und war trotz aller Bemühungen des Chauffeurs nicht wieder in Gang zu bringen.

„Ich muss den Wagen in die nächste Werkstätte schleppen lassen, Herr Riedel. Ich habe gleich am Eingang des Dorfes eine gesehen.“

Arnold Riedel strich sich über das erhitzte Gesicht; er hatte sich selbst an der Suche nach der Ursache des Schadens beteiligt. Nun nickte er dem Chauffeur zu, während er nach der Uhr sah.

„Also versuchen Sie Ihr Heil, Seidel, hoffentlich dauert die Reparatur nicht zu lange, damit ich heute Abend in Berlin sein kann. Sagen Sie mir auf jeden Fall Bescheid, wie lange ich werde warten müssen. Dauert es zu lange, dann fahre ich mit der Bahn weiter.“

„Sehr wohl, Herr Riedel.“

Arnold Riedel sah sich um und blickte auf das Pächterhaus, das einzige Gebäude in der Nähe. „Will mal sehen, ob ich da drüben Unterkunft und ein Mittagessen haben kann, denn ich mag nicht erst ins Dorf zurücklaufen. Sie werden ja, während die Reparatur vorgenommen wird, einen Gasthof finden, in dem Sie essen können.“

Damit schritt Arnold Riedel auf das schmucke Häuschen zu, und er sah nun auch eine blonde, kräftige Frau an der Tür stehen, die nach dem Auto und den beiden Männern herübersah.

Arnold Riedel zog den Hut und blieb vor ihr stehen. „Leider haben wir eine Panne, und mein Wagen muss zur Reparaturwerkstätte gebracht werden. Darf ich, bis der Schaden behoben ist, in Ihrem hübschen Garten Rast halten und kann ich vielleicht auch einen Imbiss bekommen?“

Die Frau lachte ihn freundlich an: „Daran soll’s nicht fehlen, Herr, bitte, nehmen Sie nur ruhig in der Laube Platz! Sie können auch drin im Haus warten, wenn Ihnen das lieber ist, ich kann Ihnen unsere Staatsstube aufschließen.“

„Die Staatsstube ist nicht nötig, ich setze mich, wenn Sie es gestatten, in Ihr Wohnzimmer, wenn es mir im Garten zu kühl wird. Und einen Imbiss können Sie mir auch schaffen?“

„Natürlich, Herr. Wenn Sie an unserem Mittagessen teilnehmen wollen, soll es mir eine Ehre sein. Mein Mann wird auch gleich vom Feld heimkommen.“

„Mit Vergnügen, wenn er es auch erlaubt.“

„Ah, das erlaubt er schon.“

„Ein schönes Anwesen“, sagte Arnold Riedel – er wurde von seinen Freunden nur Arne genannt anerkennend. „Gehört es Ihnen?“

„Nein, wir haben es nur in Pacht.“

„Soso! Na, hoffentlich wirft es genug ab!“

Sie lachte. „Es reicht aus, wenn man auch nicht reich dabei werden kann, dazu sind die Zeiten zu schlecht. Aber man ist froh, wenn man sein Auskommen hat. Also setzen Sie sich in die Laube! Und wenn es Ihnen recht ist – wir fahren jetzt die Milchkannen zum Bahnhof – kann der Kutscher gleich das Auto bis ins Dorf ziehen.“

„Sehr gut, ich danke Ihnen.“

Und Arnold Riedel sagte seinem Chauffeur, dass er nicht erst Hilfe herbeiholen müsse.

Die Pächtersfrau gab inzwischen ihrem Milchkutscher Bescheid. Er fuhr gleich darauf aus dem Tor auf die Straße und machte sich mit dem Chauffeur daran, das Auto an seinem Wagen festzubinden. Die Pferde zogen an und nahmen es mit Wagen und Auto auf.

Arne und Pächtersfrau hatten zugesehen und sich inzwischen ein wenig unterhalten. Nun ging die Pächtersfrau ins Haus mit dem Versprechen, dem Gast einen Trunk frische Milch herauszuschicken.

Arne setzte sich in die hübsche Geißblattlaube, die seitlich im großen Obstgarten stand. Aufatmend blickte er um sich. Die Obstbäume standen in voller Blüte, es sah sehr schön aus.

Arne dachte nach, wie lange es wohl her war, dass er einmal Muße gehabt hatte, sich in die Reize eines hübschen Landschaftsbildes zu vertiefen. Er riss sich den Hut vom Kopf und warf ihn auf die Bank neben sich. Sehr lange war das schon her! Die neue Zeit mit ihrem atemberaubenden Tempo ließ es nicht zu, dass man einmal zu sich selber kam. Dazu bedurfte es schon einer Autopanne, die einen zwang, stillzuhalten.

Nun kam die Magd, die auf einem kleinen Brett ein Glas Milch brachte. In der anderen Hand trug sie ein sauberes Wischtuch und fuhr damit erst über den Tisch, ehe sie die Milch hinstellte. Er sah lächelnd in ihr frisches, rundes Gesicht.

„Danke!“, sagte er freundlich und schob der Magd ein Silberstück zu. Sie sah fast erschrocken darauf nieder.

„Die Milch kostet nichts, hat die Frau gesagt, und – ich kann auch nicht rausgeben.“

Er lachte. „Das ist für Sie!“

Sie erschrak noch mehr, ließ das Geld liegen und sauste davon, als wenn es hinter ihr brenne. Was dachte sich der fremde Herr? So ein Sündengeld zu verschwenden – das konnte nur etwas Schlimmes zu bedeuten haben.

„Auf Trinkgelder scheint man hier noch nicht versessen zu sein. Na, die Pächtersfrau wird es der törichten Magd in die Sparbüchse stecken müssen, von der wird sie es eher annehmen.“

Mit tiefen Zügen leerte er das Glas. Dann lehnte er sich behaglich zurück und ließ den Blick umherschweifen. So kam er hier ganz unversehens zu einem richtigen Schäferstündchen. Wie das wohltat! Wie das die abgehetzten Nerven beruhigte!

Lächelnd lauschte er nach dem Haus hinüber. Er hörte aus dem offenen Küchenfenster Teller und Töpfe klappern, da war wohl die Pächtersfrau am Werk, das Mittagessen zu kochen. Eigentlich ein recht friedlicher Beruf, der des Landwirts. Oder sah sich das nur so an?

Jetzt hörte er ein Motorrad ansausen. Es hielt vor dem Pachtgut, und Arne sah einen kräftigen Mann vom Rad steigen. Er schob es vor sich her und pfiff dabei kurz. Da kam ein Knecht herbei, der ihm das Rad abnahm und um das Haus herumführte.

„Aha, der Pächter!“, sagte Arne vor sich hin, als der Angekommene im Haus verschwand.

Gleich darauf erschien sein Chauffeur wieder, dem er sich bemerkbar machte. „Hierher, Seidel!“

Seidel kam herbei und meldete, dass die Instandsetzung zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen würde. Er sah dabei ein bisschen ängstlich nach seinem Herrn. Der aber fuhr zu seinem Erstaunen nicht ärgerlich auf.

„Ist nicht zu ändern, Seidel. Also, jetzt gehen Sie zum Essen ins Dorf, und dann kümmern Sie sich um den Wagen. Sobald er fertig ist, holen Sie mich hier ab!“

„Sehr wohl, Herr Riedel.“

Seidel ging zum Dorf zurück, um sich ein Plätzchen zu suchen, wo er zu Mittag essen konnte.

Kaum war er verschwunden, als die Magd wieder erschien. Sie hatte der Pächtersfrau mit großen Augen berichtet, dass der fremde Herr ihr ein Silberstück hatte schenken wollen und dass sie davongerannt sei, ohne das Geld zu nehmen.

„Das ist Sündengeld, Frau Pächter!“

Diese hatte gelacht. „Ach, Liese, du bist wohl unklug, das ist eben ein vornehmer Herr, und der hat damit abgelten wollen, dass er im Garten sitzt und ein Glas Milch trinken kann. Hättest es ruhig annehmen sollen, du dumme Liese. Das ist kein Sündengeld gewesen, eben nur ein reiches Trinkgeld.“

Liese war sehr betrübt, dass ihr der schöne Silbertaler verloren gegangen war. Sie sollte den fremden Herrn zu Tisch rufen.

Etwas unsicher kam sie heran an die Laube. „Sie sollen ins Haus kommen, es wird gegessen!“, meldete sie unbeholfen.

Er sah sie lachend an. „Danke schön. Wollen Sie den Taler nicht doch haben? Hier liegt er noch.“

Sie fingerte an ihrem Schürzenband entlang und sah ihn verlegen an. „Die Frau sagt, ich brauche keine Angst zu haben, es sei kein Sündengeld.“

Lächelnd reichte er ihr das Silberstück. „Nehmen Sie es getrost und stecken Sie es in Ihre Sparkasse! Es ist ehrlich verdientes Geld.“

Mit spitzen Fingern griff sie zu und jagte dann wieder davon.

Er ging ihr langsam nach. Im Hausflur standen die Pächtersleute, und der Pächter begrüßte ihn, schlicht und einfach, ohne viel Worte. Man betrat ein mittelgroßes Zimmer, das zugleich Wohn- und Esszimmer war. Auf dem großen runden Tisch lag ein blütensauberes Tischtuch und Servietten auf jedem Teller. Der Tisch war für vier Personen gedeckt.

Der Pächter und seine Frau standen, anscheinend wartend, hinter ihren Stühlen, und natürlich blieb Arne auch stehen. Er sagte sich, dass der vierte Teilnehmer an der Mahlzeit noch erwartet wurde. Vielleicht ein Sohn oder eine Tochter des Hauses?

Jetzt wurde die Tür geöffnet, und Arne machte große, erstaunte Augen: Auf der Schwelle erschien eine schlanke junge Dame in einem zwar einfachen, aber gut sitzenden Kleid, das die Figur vorteilhaft zur Geltung brachte, und dabei doch unverkennbar damenhaft wirkte. Auch die junge Dame stutzte einen Augenblick beim Anblick des fremden Gastes und wurde ein wenig rot unter seinem erstaunten Blick. Er konnte sich nicht erklären, wie diese schöne junge Dame hier in das zwar behagliche, aber schlichte Pächterhaus kam.

Der Blick der jungen Dame wandte sich jetzt wie fragend auf die Pächterin.

Diese gab auch gleich die Erklärung: „Der Herr hat mit seinem Auto eine Panne gehabt, Fräulein Ziska, er muss hier warten, bis das Auto wieder in Ordnung ist, und hat um einen Imbiss gebeten. Da habe ich ihm gesagt, dass er mit uns zu Mittag essen kann. Ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm?“

Wieder huschte ein leichtes Rot über das Gesicht der jungen Dame. „Aber liebste Frau Pächter, Sie können an Ihren Tisch laden, wen Sie wollen“, sagte sie ruhig und erwiderte den ehrerbietigen Gruß des Fremden mit einem Neigen des feinen Kopfes.

„Ich bitte um Verzeihung, wenn ich eine Störung verursache, gnädiges Fräulein. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle!“

Und er nannte seinen Namen, zugleich gegen die Pächtersleute gerichtet, die gleichsam in seinen Augen auf eine höhere Stufe gehoben wurden durch die Anwesenheit dieser vornehm wirkenden Dame.

Er sagte nur schlicht: „Riedel.“ Mit keinem Wort erwähnte er, dass er der Chef der in ganz Deutschland bekannten Riedelwerke war.

Die junge Dame neigte nur wieder den Kopf, und man nahm Platz an dem runden Tisch.

Es wurde ein einfaches, sorgfältig zubereitetes Mahl von Liese aufgetragen. Die Pächtersfrau reichte die Schüsseln herum. Sie legte zuerst Fräulein Ziska vor, dann dem Gast und zuletzt ihrem Gatten.

Die junge Dame machte einen tiefen Eindruck auf Arne. Noch nie hatte eine Frau so auf ihn gewirkt. Bisher hatte er wenig Zeit gehabt, sich mit Frauen zu befassen. Seine kleinen Liebschaften hatte er natürlich gehabt, aber nie war ihm eine sehr tief gegangen. Und nun fühlte er plötzlich angesichts dieser reizenden jungen Dame ein seltsames Empfinden, eine eigenartige Unruhe, eine uneingestandene Sehnsucht.

Zu Arnes Leidwesen zog sie sich gleich nach Tisch zurück, noch während die Pächtersfrau einen recht guten Kaffee herumreichte und der Pächter sich eine Zigarre anzündete, die ihm Arne anbot. Er selbst rauchte auch eine an, nachdem der Pächter sich bedient und die junge Dame das Zimmer verlassen hatte.

Nachdenklich sah Arne ihr nach, und er konnte sich nicht enthalten, zu fragen: „Sie haben den Sommer über Pensionsgäste?“

Die Pächterin sah ihn einen Augenblick erstaunt an, lachte dann aber und sagte: „Ach, Sie meinen wohl, dass Fräulein Ziska ein Sommergast ist?“

„Allerdings, und ich wollte schon fragen, ob auch ich vielleicht für einige Ferienwochen Kost und Unterkommen bei Ihnen finden könnte.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein, dazu haben wir keinen Platz, und das würde Fräulein Ziska auch nicht leiden.“

„Hat sie darüber zu verfügen?“

„Aber ja, sie ist die Besitzerin des Pachtgutes. Das ist freilich alles, was ihr von dem großen Gut geblieben ist, das ihren Eltern gehörte. Dorneck gehört jetzt einem anderen Besitzer, und nach der Versteigerung ist alles, was dabei herauskam, an die Gläubiger bezahlt worden. Nur dieses kleine Pachtgut, ein ehemaliges Vorwerk, ist Frau Dorneck und ihrer Tochter Franziska geblieben. Sie siedelten beide hierher über in dieses kleine Haus und bewohnten oben im ersten Stock die vier kleinen Zimmer, die Fräulein Ziska heute noch benutzt. Frau Dorneck ist knapp ein Jahr nach der Übersiedlung gestorben, und nun steht Fräulein Ziska allein im Leben. Wir zahlen ihr jährlich zweitausend Mark Pacht, dazu hat sie freie Wohnung und isst auch mit bei uns. Sie ist sehr bescheiden, und wenn man bedenkt, wie sie es früher gehabt hat, kann man nur staunen, dass sie sich in alles so ruhig fügt. Solange die Mutter noch lebte, musste das wenige für beide reichen, aber Fräulein Ziska hat fleißig gearbeitet, damit sie der Mutter nichts abgehen zu lassen brauchte.“

Interessiert hatte Arne zugehört, und fragte nun hastig: „Darf man wissen, welche Art Arbeit die junge Dame verrichtet?“

„Oh, sie tut sozusagen alles, was etwas Geld einbringt. Erst hat sie feine Stickereien für eine große Berliner Firma gearbeitet, wundervolle Sachen. Dann hat sie kleine Bildchen gemalt – sie sind sehr schön, und man kaufte sie ihr regelmäßig ab. Sie hat nämlich ein bisschen Kunstgewerbe studiert, und darüber ist sie nun sehr froh, weil sie mit diesen Zeichnungen und Farbskizzen mehr Geld verdient, als mit den Stickereien. Fleißig ist sie, und da sie sehr anspruchslos ist, kommt sie gut aus. Sie kann es sich leisten, jeden Winter einige Wochen nach Berlin zu gehen, da wohnt sie bei einer ehemaligen Pensionsfreundin oder vielmehr bei deren Eltern. Das frischt sie dann immer ein bisschen auf, sonst wäre es gar zu langweilig hier für so ein vornehmes Fräulein. Und sie studiert dann auch immer ein wenig und ist täglich im Kunstgewerbemuseum, damit sie sich in ihrem Fach weiterbilden kann. Ach ja, sie ist schon tüchtig.“

„Jedenfalls ist sie aber sehr zu bedauern, dass sie nichts von ihrem Erbe gerettet hat als dieses kleine Pachtgut.“

„Ja, das sagen wir uns auch oft, mein Mann und ich. Aber – na man kann ja drüber reden – wenn sie nur wollte, gleich könnte sie wieder als Herrin in Dorneck einziehen.“

Ein wenig unruhig sah er sie an. „Wie soll man das verstehen, Frau Pächterin?“

Der Pächter machte seiner Frau eine abwehrende Geste. „Reime dir nichts zusammen, Martha!“, sagte er bedächtig.

Sie schüttelte energisch den Kopf.

„Da brauche ich nicht zu reimen, Karl, es weiß jeder hier, dass Herr Leideritz, der neue Herr auf Dorneck, hinter unserem Fräulein Ziska her ist und dass sie längst seine Frau sein könnte, wenn sie nur wollte.“

Es zuckte an Arnes Herzen, und er fragte stark interessiert: „Aber sie will nicht?“

„Nein, sie will ganz bestimmt nicht. ‚Lieber sterben‘, hat sie mal zu mir gesagt, als er hinter ihr her war und sie wie gejagt nach Hause kam von einem Spaziergang. Er hatte ihr wieder mal aufgelauert, und sie konnte sich gerade noch ins Haus retten vor ihm. Ich habe sie dann gefragt, ob sie denn nicht seine Bewerbung annehmen und wieder ins Herrenhaus ziehen will. Da hat sie mir gesagt: ‚Lieber sterben!‘ Ja, so ist sie. Nie würde sie sich um Geld und Gut verkaufen.“

„Aber das interessiert doch den Herrn nicht, Martha, er ist fremd hier“, mahnte der Pächter, der viel lieber mit dem Gast über Woher und Wohin gesprochen hätte.

„Ach, lass, Karl, gerade weil der Herr hier fremd ist und kaum wieder zurückkommt, kann man mit ihm sprechen.“

„Ich höre Ihnen gern zu, Frau Pächterin, und es gefällt einem, wenn man merkt, dass es noch Frauen gibt, die sich nicht um Wohlergehen verschenken.“

„Nicht wahr? Selten genug ist es heutzutage. Aber unser gnädiges Fräulein ist stolz und zurückhaltend. Ich meine damit nicht etwa, dass sie hochmütig ist. Keine Rede davon. Ich hatte ihr angeboten, ihr die Mahlzeiten oben in ihrem Zimmer auftragen zu lassen, aber sie lächelte mich freundlich an und sagte: ‚Nein, nein Frau Henning, solange Mutter noch lebte, haben wir das annehmen müssen, weil sie die Treppe nicht mehr steigen konnte.‘ Die gnädige Frau war nämlich an beiden Beinen gelähmt, seit ihr Mann so plötzlich gestorben war. Man sagt, das ist vom Schreck gekommen über seinen Tod und den Zusammenbruch ‚aber jetzt kann ich gut zum Essen herunterkommen, da sparen Sie Arbeit, und ja – ich sitze dann nicht so allein.‘ So hat sie gesagt, und seither isst sie also mit uns zusammen und ist kein bisschen hochmütig. Stolz, ja, das ist sie, aber nur, wo es am Platz ist.“

Arne hätte gerne länger zugehört, was die Pächtersfrau über Franziska Dorneck zu berichten hatte, aber der Pächter riss energisch das Gespräch an sich, und die Frau ging hinaus, um in der Küche die Reste der Mahlzeit zu verwahren.

Arne war etwas unaufmerksam, während er sich mit dem Pächter über allerlei unterhielt. Dieser musste dann aufs Feld hinaus, und Arne verließ das Zimmer und ging durch den Garten.

Aufmerksam musterte er das schmucke Häuschen, unwillkürlich suchte sein Blick die Fenster des ersten Stockwerks ab, hinter denen er Fräulein Dorneck vermuten konnte.

Nichts war von ihr zu entdecken. Jetzt kam die Pächtersfrau wieder heraus in den Garten. Sie plauderte noch allerlei aus, was Arne interessierte, und sagte schließlich auch so ganz nebenbei, dass Fräulein Ziska nach Tisch immer einen Waldspaziergang mache.

Arne spitzte die Ohren, und nach einer Weile meinte er beiläufig: „Ich möchte gern ein bisschen auslaufen, ehe mein Auto zurückkommt. Bitte, sagen Sie meinem Chauffeur, wenn er mit dem Wagen kommt, dass ich schon vorausgegangen bin, er wird mich bald einholen. Aber erst lassen Sie mich Ihnen danken für Ihre Gastfreundschaft, und bitte, sagen Sie mir, was ich schuldig bin.“

Sie schüttelte lachend den Kopf. „Nichts sind Sie schuldig. Wenn wir auch einfache Leute sind, einen Gast können wir immer bewirten und freuen uns darüber. Wenn Sie wieder einmal hier vorüberfahren, müssen Sie bei uns hereinsehen.“

Er nahm sich vor, der Pächtersfrau zum Dank ein hübsches Geschenk von Berlin aus zu senden. Davon sagte er jedoch nichts, sondern meinte nur: „Darf ich wirklich wiederkommen? Ich fahre zuweilen hier vorbei.“

Das beruhte nicht ganz auf Wahrheit. Er kam heute das erste Mal hier vorüber, und sein Weg würde ihn auch so bald nicht wieder hier herführen, aber irgendein Gefühl zwang ihn, sich gewissermaßen selbst eine Wiederkehr offen zu halten. Und dieses Gefühl hing mit Fräulein Dorneck zusammen.

„Aber freilich, Herr Riedel, kommen Sie nur wieder, wir werden uns freuen.“

Er lachte sie an. „Ich weiß nicht einmal den Namen meiner freundlichen Wirte.“

„Henning heißen wir, Herr Riedel, aber das haben wir fast vergessen, weil wir immer nur Herr und Frau Pächter genannt werden.“

„Ich werde mir aber Ihren Namen merken – vielleicht lass ich mal von mir hören. Es hat mir so gut bei Ihnen gefallen, es waren behagliche Stunden, wie sie mir nicht oft beschieden sind. Also – auf Wiedersehen, Frau Henning, und vergelt’s Gott einstweilen! Sie schicken mir also meinen Wagen an der Straße, damit er mich nicht verfehlt.“

„Wird besorgt, Herr Riedel.“

Arne zog den Hut, nickte der freundlichen Frau zu und ging davon. An der Gartentür wandte er sich noch einmal um: „Bitte, eine Empfehlung an Fräulein Dorneck!“

„Das will ich bestellen, Herr Riedel.“

Wohlgefällig sah die Pächtersfrau dem schlanken, kraftvollen Mann nach.

***

In tiefes Sinnen verloren und in den friedlichen Zauber dieser Landschaft eingesponnen, ging Arne dahin. Bald hatte er den Wald erreicht, und seine Augen suchten ihn zu durchdringen, weil er sich nahe der Straße hielt, um seinen Wagen nicht zu verfehlen. Vorläufig sah er aber nichts von Franziska Dorneck. Der Wald lag so still vor ihm, dass man ihn für menschenleer halten musste. Aber plötzlich blieb Arne stehen und lauschte in den Wald hinein. Er hörte Stimmen, erst die eines Mannes, der sehr eifrig sprach, und dann die einer Frau, die er sofort als Franziska Dorneck gehörend erkannte. Erst konnte er kein Wort verstehen, er merkte nur, dass die beiden Menschen sich aufgeregt unterhielten. Er wusste nicht, wie es kam, aber er musste plötzlich an diesen Herrn Leideritz denken, den neuen Herrn von Dorneck, der, wie ihm die Pächterin verraten hatte, das Fräulein belästigte.

Seine Gestalt reckte sich kampfbereit. Der Bursche sollte es nicht wagen, in seiner Nähe die junge Dame zu behelligen.

Und jetzt verstand er die Worte des Mannes: „Ich sage Ihnen, Fräulein Dorneck, dieser Wald gehört mir, und Sie haben mir hier Wegzoll zu entrichten.“

„Der Wald hat keine verbotenen Wege und ist für jeden zugänglich“, erwiderte Franziska Dornecks Stimme kalt.

„Seien Sie nicht so abweisend zu mir, mein schönes Fräulein! Warum weichen Sie mir immer wieder aus? Ich habe die ernstesten Absichten, und durch mich können Sie wieder Herrin auf Dorneck werden. Ist das etwa nichts? Seien Sie vernünftig! Meinetwegen können wir uns heute noch verloben. Auf keinen Fall lasse ich sie aus meinem Wald, ohne dass Sie mir einen Wegzoll gezahlt haben. Ich fühle mich sozusagen ein bisschen als Raubritter, wie das wohl Ihre Vorfahren auch gewesen sind. Nur heißt es bei mir nicht: Geld oder Leben, sondern: Geben Sie mir ein Küsschen, schönes Fräulein!“

„Kommen Sie mir nicht zu nahe, sonst schlage ich Sie ins Gesicht, wie Sie es verdienen!“, hörte Arne Franziska aufschreien.

Da brach er mitten durch das Gehölz, und er kam gerade dazu, wie Georg Leideritz Franziska in seine Arme riss.

Er hörte sie entsetzt aufschreien: „Lassen Sie mich los, ich schlage zu!“

„Na, versuchen sie es nur einmal, mein schönes Kind, ich werde Ihre Arme so festhalten, dass Sie mir nichts tun können, das wäre ja – jetzt wird ...

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