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Hedwig Courths-Mahler - Folge 070

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Aus erster Ehe

Ergreifender Roman um ein erwachendes Mädchenherz

 

 

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Es ist gleich vier Uhr, Eva. Du kannst den Kaffee fertig machen.“

„Sofort, Tante Klarissa, nur noch wenige Stiche“, antwortete das junge Mädchen.

Die beiden Damen saßen sich an den Fenstern des Wohnzimmers gegenüber und hatten die letzte Stunde fast stumm an ihren Stickereien gearbeitet.

Nachdem Eva ihre Arbeit beendet hatte, legte sie sie in ein Körbchen, das auf dem Nähtisch stand. Sorgsam breitete sie ein gesticktes Deckchen darüber.

Eva ging hinaus in die Küche, um den Auftrag der Tante auszuführen. Das hübsche, schlanke Mädchen war neunzehn Jahre alt. Etwas Unfreies, Gedrücktes lag in seiner Haltung.

Als Eva mit ihrer müden Haltung durchs Zimmer geschritten war, hatte ihr die Tante mit einem versonnenen Blick nachgesehen. Sie erhob sich nun schwerfällig und ergriff den neben ihrem Sessel stehenden Krückstock, den sie selbst auf dem kurzen Weg durchs Zimmer benutzen musste.

Von Geburt an war Klarissa Sonntag verkrüppelt. Ihr rechtes Bein war nicht nur bedeutend verkürzt und in der Entwicklung zurückgeblieben, sondern auch völlig kraftlos. Durch die stete Benutzung der Krücke hatte sich die ganze Gestalt verschoben und war schief geworden.

Es war kein Wunder, dass Eva trotz ihrer Jugend so still und in sich gekehrt war. Im steten Umgang mit der kränklichen Tante lebte sie seit ihrer frühesten Kindheit in deren kleinem Heim. Alles, was sie von der Welt kannte, war das Städtchen, in dem sie wohnte. Tante Klarissa mied jede Gesellschaft ihres Leidens wegen. Auch hinaus ins Freie kam Eva nur, um Besorgungen zu machen.

Eng begrenzt war ihr Leben, wie der Ausblick aus ihrem Fenster. Man sah da nur auf eine schmale Gasse mit grau getünchten Häusern. Das war ihre Heimat.

Eva sah immer ganz verträumt aus, wenn sie dieses Wort hörte oder las. Heimat! Das klang wie etwas Liebes, Trautes, wie etwas, das sie nicht fassen konnte, weil es viel zu schön war.

Wo war ihre wahre Heimat? Vater und Mutter lebten da draußen, irgendwo in der weiten Welt. Der Vater kam wohl einmal im Jahr, um nach ihr zu sehen. Dann erschien er ihr aber so fremd, als ob sie gar nicht zu ihm gehörte.

Und die Mutter? Von ihr wusste Eva noch viel weniger als vom Vater. Sie hatte sie nie gesehen und nur selten einmal früher von ihr gehört. Seit vielen Jahren hatte man keine Nachricht, und Tante Klarissa sprach schon lange nicht mehr von ihr. Auch den Vater erwähnte sie nie. Und doch suchten Evas Gedanken oft voll Sehnsucht da draußen in der Welt ihre Heimat – bei Vater und Mutter.

Tante Klarissa war langsam im Zimmer auf und ab gehumpelt. Das tat sie vor jeder Mahlzeit. Es war ihre einzige Bewegung. Nun blieb sie am offenen Fenster stehen und sog in tiefen Atemzügen die frische Luft ein, bis Eva das Geschirr auf dem Tisch geordnet und die gefüllte Kaffeekanne hereingeholt hatte.

Nach der Kaffeepause sagte die Tante: „Du kannst nachher zuerst zu den Geschwistern Jülemann gehen, ehe du wieder zu sticken anfängst. Ich brauche rote Stickseide und eine neue Vorlage.“

„Es ist gut, Tante Klarissa.“

„Und vom Kaufmann brauchen wir Kerzen und Zucker. Die Kuhnke hat morgen Früh die Fußböden gründlich zu reinigen; da hat sie keine Zeit zum Einholen.“

„Die Kuhnke“ war die Aufwärterin der beiden Damen, die jeden Vormittag die groben Arbeiten im Haushalt besorgte.

„Soll ich etwas Obst für dich mitbringen, Tante?“

„Ja, das tu nur. Fehlt sonst noch etwas?“

„Ich wüsste nichts.“

Eva breitete, nachdem sie den Tisch abgeräumt hatte, die grüne Tischdecke mit den gestickten Rosenranken wieder darüber. Dann machte sie sich zum Ausgehen fertig.

Eva besorgte schnell die nötigen Einkäufe. Kurz bevor sie in die Gasse einbog, die zu ihrer Behausung führte, sah sie vor einer Haustür eine junge Mutter mit ihrem Kind.

Gerade als sie vorüberging, sagte die Frau mit zärtlichen Mutterlauten: „Mein goldener Schatz, mein ganzes Glück, mein Herzensmädel.“

Es war, als ob diese Worte sich bis in die tiefste Seele des jungen Mädchens senkten. Heiße Röte stieg in die blassen Wangen; die Augen umflorten sich, und die Lippen bebten. Wie auf der Flucht vor sich selbst lief sie weiter. Erst im Hausflur verhielt sie den Schritt und lehnte sich einen Augenblick mit geschlossenen Augen an die Wand.

„Mutter, Mutter! Warum habe ich keine Mutter?“, flüsterte sie, und nie hatte sie sich so einsam, so arm an Liebe gefühlt wie in diesem Augenblick.

Langsam stieg sie die Treppe empor, und als sie nach einer Weile zu Tante Klarissa ins Zimmer trat, war ihr Gesicht wieder still und beherrscht.

Die alte Dame hatte schon sehnlichst auf das Stickgarn gewartet. Sie ließ sich über die Stadtneuigkeiten Bericht erstatten.

Dann sagte sie: „Nun kannst du ein Stündchen musizieren, Eva.“

Eva nickte mechanisch. Sie setzte sich an den Flügel, der einen großen Teil des Zimmers einnahm. Ihr Vater hatte ihr ihn vor Jahren geschenkt, weil sie viel musikalische Begabung hatte. Durch Zufall war ein vorzüglicher Musiklehrer ins Städtchen verschlagen worden. Dessen Lieblingsschülerin war Eva gewesen, bis er vor wenigen Monaten starb. Der alte Sonderling hatte Eva alles gelehrt, was er zu geben hatte. Auch ihre Stimme hatte er ausgebildet. Die Musik war das einzige, das Eva über ihren engen Kreis hinaushob. In Tönen sprach sie aus, was ihr Mund verschwieg.

Auch heute suchte sie Befreiung in der Musik. Aber es wollte ihr nicht gelingen wie sonst.

Mitten im Spiel hörte sie plötzlich auf und drehte sich nach der alten Dame um. „Tante Klarissa!“

Das alte Fräulein schrak zusammen. „Mein Gott, Eva, hast du mich erschreckt! Was willst du denn? Weshalb hörst du mitten im Stück auf?“

Eva erhob sich und trat vor sie hin. „Ich möchte dich etwas fragen, Tante. Glaubst du, dass meine Mutter noch lebt?“

Auf Klarissas Wangen erschienen rote Flecken. „Aber Kind, diese Frage hat doch nicht so große Eile.“

Eva drückte die Hände jäh ans Herz und atmete tief auf. „Doch, Tante! Ich konnte es plötzlich nicht mehr aushalten; ich musste dich danach fragen. Du sprichst nie mehr von meiner Mutter, schon seit langen Jahren nicht. Aber ich muss immerzu an sie denken, und ich habe oft eine so qualvolle Sehnsucht, wenigstens von ihr zu sprechen. Du sagtest nur, als ich noch zur Schule ging, Mutter sei verschollen, in Amerika. Ich solle nicht mehr von ihr sprechen, nicht an sie denken. Aber das kann ich nicht. Tante, glaubst du, dass meine Mutter noch lebt?“

Klarissa lehnte wie erschöpft den Kopf zurück. Betroffen schaute sie in Evas erregtes Gesicht. „Was ist nur geschehen, Kind? Weshalb forderst du plötzlich so leidenschaftlich eine Antwort auf diese Frage?“

Ein mattes, gequältes Lächeln huschte schattenhaft über Evas Gesicht. „Warum? Ach, Tante, ich sah vorhin auf der Straße eine Frau mit ihrem Kind. Sie herzte und küsste es und hielt es fest in ihren Armen. Und siehst du, da fragte ich mich: Warum lässt meine Mutter nichts von sich hören? Kann es sein, dass eine Mutter ihr Kind vergisst?“

Klarissa Sonntag zuckte nervös mit den Augenbrauen, ein Zeichen großer Erregung. Seufzend richtete sie sich empor. „Kind, es wäre besser, du quältest dich und mich nicht mit solchen Fragen. Du warst doch bisher glücklich und zufrieden.“

Eva ballte die Hände fest zusammen. „Glücklich und zufrieden? Ach nein, Tante Klarissa. Das war ich eigentlich nie. Sei nicht böse, du hast es gewiss immer gut mit mir gemeint, hast mich als hilfloses Kind bei dir aufgenommen. Aber trotzdem – schilt mich nicht undankbar – trotzdem habe ich doch am Besten gedarbt, was der Mensch haben kann: Ich hatte nicht Vater und Mutter – keine eigentliche Heimat. Ich muss mir das alles einmal von der Seele sprechen, kann es nicht länger stumm mit mir herumtragen. Du hast mir einmal erzählt, dass meine Mutter meinen Vater nach zweijähriger Ehe verlassen hat, um wieder Schauspielerin zu werden wie zuvor. Mein Vater hat sich von ihr scheiden lassen. In Amerika hat sich meine Mutter bald darauf wieder verheiratet; sie hat uns nicht einmal mitgeteilt, welchen Namen sie führt. Seitdem hörtest du nichts von ihr, nicht wahr?“

„Nein, nicht ein Wort.“

„Und mein Vater hat auch ein zweite Frau genommen. Er sieht wohl jedes Jahr einmal nach, wie es mir geht. Dann wechseln wir wenige höfliche Worte. Zwei Menschen, die zueinander gehören und sich doch so fremd sind. Ach, Tante, ich bin ärmer als das ärmste Bettelkind!“ Sie schlug die Hände vors Antlitz und schluchzte krampfhaft auf.

Fräulein Klarissa saß hilflos diesem leidenschaftlichen Ausbruch gegenüber.

Ihr im Grund gütiges Herz suchte nach Trost und Hilfe für dieses junge Wesen. Unbeholfen legte sie ihre Hand auf den Mädchenkopf. Evas Haar hatte die Farbe reifen Weizens. Goldene Lichter spielten darauf. Klarissa musste daran denken, dass ihre einzige Schwester, Evas Mutter, auch diesen seltsam glänzenden Schimmer über ihrem Haar gehabt hatte. Felicitas hatte sie geheißen, und beneidenswert glücklich war sie der älteren, verkrüppelten Schwester erschienen in ihrer jugendfrischen Schönheit. Felicitas hatte einen unruhigen Sinn gehabt. Sie hatte ehrgeizig gestrebt und träumte von Glanz und Herrlichkeit.

Den ängstlichen, nüchternen Eltern hatte sie es abgetrotzt, dass sie Schauspielerin werden durfte. Halb gegen deren Willen zog sie hinaus in die Welt. Ihre Schönheit half ihr schnell zu glänzenden Erfolgen; und da sie kühl und berechnend war, gelang es ihr, einen ihrer glühendsten Verehrer so weit zu bringen, dass er sie gegen den Willen seiner Familie heiratete. Freiherr Rudolf von Woltersheim wurde der Gatte von Felicitas Sonntag.

Der junge, etwas leichtsinnige Mann hatte in seiner blinden Leidenschaft darauf gehofft, dass seine Familie seine Heirat nachträglich anerkennen würde. Felicitas war in dem Glauben, eine glänzende Partie gemacht zu haben. Aber mit seiner Heirat hatte der junge Freiherr jedes Band mit seiner Familie zerschnitten. Man verzieh ihm nicht und versagte ihm die Mittel, die ihm bisher zugeflossen waren. Er musste mit einer für seine Verhältnisse lächerlich kleinen Summe auskommen. Da er seiner Frau nicht gestattete, wieder aufzutreten, war bald Schmalhans Küchenmeister.

Felicitas hatte das nicht lange mit angesehen. Das war nicht der Zweck ihres Lebens, in Armut und Not zu leben. Die Leidenschaft verrauschte in heftigen Szenen auf beiden Seiten schnell. Und eines Tages ging Felicitas ihrem Gatten auf und davon, um in Amerika ihr Glück zu versuchen. Er forderte sie zur Rückkehr auf; sie weigerte sich, und so ließ er sich von ihre scheiden. Seine Familie hatte ihm Verzeihung versprochen, wenn er sich von ihr befreit hätte.

Das Kind wurde Woltersheim zugesprochen. Er wusste nicht, was er mit dem kleinen, mutterlosen Wesen anfangen sollte. In seiner Familie fand es keine Aufnahme. Da trat Klarissa an ihn heran mit dem Wunsch, er möge ihr das Kind in Obhut geben.

Mit Freuden willigte Woltersheim ein. Er zahlte Klarissa einen kleinen Erziehungsbeitrag, der ihr mit ihrem eigenen kleinen Vermögen ein zwar, bescheidenes, aber sorgloses Leben sicherte.

Und so kam Eva in ihrem zweiten Lebensjahr zu ihrer Tante.

Herr von Woltersheim war froh, der Sorge um das Kind enthoben zu sein. Seine geschiedene Frau hatte in Amerika insofern Glück gehabt, als sie einen Dollarmillionär fesselte und sein Gattin wurde. Seit dieser Zeit blieb jede Nachricht von ihr aus. Wahrscheinlich wollte sie ihre Vergangenheit vergessen. Auch nach ihrem Kind hatte sie nie mehr gefragt.

Herr von Woltersheim wurde wenige Monate nach seiner Scheidung durch den Tod eines Vetters Majoratserbe. Auf Wunsch seines Oheims, des derzeitigen Majoratsherrn, verheiratete er sich ein Jahr nach seiner Scheidung mit der jungen Witwe des Barons Herrenfelde. Obwohl sie gleichfalls eine Tochter aus erster Ehe hatte, war keine Rede davon, dass Eva nun bei ihrem Vater Aufnahme finden sollte. Dem Sprössling des Barons standen die Türen von Woltersheim offen: vor dem Kind der Schauspielerin blieben sie verschlossen.

Eva hatte keine Ahnung vom Leben ihres Vaters. Sie wusste nur, dass er wieder verheiratet und dass sie eine Schwester hatte, die Jutta hieß und drei Jahre jünger war als sie selbst.

Nach dieser Schwester sehnte sie sich im Stillen unsagbar. Sie hätte Jahre ihres Lebens dahingegeben, um sie einmal zu sehen. Aber noch nie hatte sie es gewagt, diesen Wunsch zu äußern.

Klarissa streichelte eine Weile in ihrer unbeholfenen Art das Haar des jungen Mädchens. „Ich habe nicht gewusst, dass du so unter den Verhältnissen leidest, unter denen du aufgewachsen bist“, sagte sie leise, und ein gequälter Zug lag auf ihrem Gesicht.

Eva sah es und trocknete schnell ihre Tränen. „Du hast wieder Schmerzen, Tante Klarissa, und daran bin ich schuld mit meinem Ungestüm. Verzeih mir, es tut mir so Leid!“, sagte sie hastig.

„Lass nur, Kind, ich bin ja an Schmerzen gewöhnt. Und du sollst mir nicht umsonst deine Herzensnot gebeichtet haben.“

***

Auf der Terrasse des Woltersheimer Herrenhauses hatten sich die Mitglieder der Familie zum zweiten Frühstück zusammengefunden. Es war ein herrlicher Sommermorgen.

Da war zuerst der Hausherr, Rudolf von Woltersheim, eine vornehme, stattliche Erscheinung. Neben ihm saß seine Gattin Helene. Sie mochte Anfang Vierzig sein, war dunkelhaarig und gut gewachsen.

Die zwanzigjährige Dame ihr gegenüber war eine jüngere Kopie von ihr. Es war Baroness Silvie, Frau von Woltersheims Tochter aus erster Ehe. Sie sah beinahe noch kühler und vornehmer aus als ihre Mutter und ließ die schweren Lider noch öfter über die blassblauen Augen fallen.

Ein prachtvolles Gegenstück voll Leben und Jugendfrische war die jüngste Tochter Woltersheims, der Backfisch Jutta. An ihr lebte und sprühte alles.

Woltersheims Nachfolger in der Erbfolge war, da er keine männlichen Erben hatte, Fritz von Woltersheim, der Sohn eines früh verstorbenen jüngeren Vetters. Er war bis vor einem Jahr Offizier gewesen, hatte aber, da er arm war, immer in allerhand Schwierigkeiten gesteckt. Herr von Woltersheim hatte den jungen Mann sehr gern und machte ihm schließlich den Vorschlag, schon jetzt nach Woltersheim zu kommen und ihm in der Bewirtschaftung des Majorats, das doch einst ihm gehören würde, zu helfen.

Fritz von Woltersheim nahm freudig das Anerbieten an und war seither mit Lust und Liebe als Landwirt tätig.

Frau von Woltersheim war zuerst sehr wenig erbaut davon, dass ihr Gatte sich seinen Erben schon jetzt ins Haus holte. Sie sah in ihm einen lästigen Eindringling. Dann aber überlegte sie, dass Fritz eine famose Partie für ihre Silvie sei. Als sie darüber mit der Tochter sprach, erklärte sich Silvie sofort bereit, dereinst Majoratsherrin von Woltersheim zu werden.

Die beiden Damen kamen nun plötzlich Fritz mit viel Liebenswürdigkeit entgegen. Silvie machte ihm schöne Augen und kokettierte mit ihm.

Wie Fritz darüber dachte, wusste niemand. Er merkte sehr wohl die Absicht und fand Silvie einfach schauderhaft mit ihrem unnatürlichen, gezierten Wesen und ihren ausdruckslosen Augen. Sein leichtlebiger, aber gutherziger und impulsiver Charakter fühlte sich direkt von ihr abgestoßen. Viel sympathischer war ihm die kleine Jutta mit ihrer natürlichen Offenherzigkeit. Es bestand zwischen ihm und ihr eine drollige Kameradschaft. Jutta nahm ihm gegenüber einen mütterlichen Ton an, als wäre sie mindestens zwanzig Jahre älter als er. Und er ließ sich gern von ihr abkanzeln. Mit einem Spitzbubengesicht hielt er still und zeigte eine zerknirschte Miene. Obwohl sie sich beide famos verstanden und sehr gut leiden mochten, waren sie immer in einem gewissen Kriegszustand.

Gerade als man mit dem Frühstück begonnen hatte, sprengte Fritz von Woltersheim mit fröhlichem Gruß an der Terrasse vorbei. Er kam von einem Inspizierungsritt über die Felder heim. Nachdem er sein Pferd einem Stallburschen übergeben hatte, eilte er in sein Zimmer, um sich für den Frühstückstisch umzukleiden.

Zehn Minuten später erschien er und küsste der Hausfrau die Hand. „Verzeihung für meine Unpünktlichkeit, verehrteste Tante! Ich wurde auf dem Vorwerk aufgehalten“, sagte er artig.

Sie lächelte ihm gnädig zu. „Wenn dich die Pflicht fernhält, bist du immer entschuldigt, lieber Fritz.“

Fritz begrüßte die anderen Familienmitglieder und nahm zwischen Silvie und Jutta seinen Platz ein. Silvie reichte ihm mit großer Liebenswürdigkeit die Frühstücksplatte. Sie wollte ihn auch sofort in ein Gespräch verwickeln, aber Fritz ging nicht darauf ein, sondern erstattete seinem Oheim Bericht über seine Tätigkeit am Morgen.

Die Herren fanden kein Ende, und Frau von Woltersheim machte ein unzufriedenes Gesicht.

„Aber bitte, geschäftliche Dinge könnt ihr doch nachher erledigen, wenn ihr allein seid. Für uns ist das nicht gerade amüsant“, sagte sie ärgerlich.

Die Herren entschuldigten sich sofort. Herr von Woltersheim liebte den Hausfrieden und gab seiner Gattin nicht gern Anlass zur Unzufriedenheit.

Silvie machte einen neuen Versuch, Fritz in ein Gespräch zu ziehen. „Spielst du nachher eine Partie Tennis mit mir, Fritz?“, fragte sie hastig.

„Gewiss Silvie, gern“, antwortete er artig, wenn auch nicht wahrheitsgemäß.

„Dann spiel ich aber auch mit“, erklärte Jutta energisch.

Silvie und ihre Mutter sahen sie ärgerlich an.

„Du hast doch noch eine Lektion bei Mademoiselle, Jutta“, sagte Silvie scharf.

„Ach, die kann ich auf später verschieben.“

„Nein, Jutta, der Unterricht geht vor“, erklärte ihre Mutter mit Nachdruck.

„Aber ich spiele doch so gern mit Fritz, Mama.“

„Dann warten wir einfach, bis du deine Lektion intus hast, Jutz“, beeilte sich Fritz zu versichern.

Er hatte ihren Vornamen in „Jutz“ verstümmelt, weil er so viel besser für sie passe als das anspruchsvolle „Jutta“. Sie hatte sich anfangs dagegen gewehrt, aber es hatte nichts genützt. Er fand „Jutz“ prachtvoll für sie und ließ sich nicht belehren.

„Ach ja, Fritz, bitte tu das!“, bettelte Jutta.

Frau von Woltersheim schüttelte den Kopf. „Jutta muss nicht überall dabei sein. Sie ist noch ein Kind und muss sich bescheiden.“

„Ich bin doch schon sechzehn Jahre, Mama.“

„Trotzdem bist du noch ein Kind, und zwar ein sehr unartiges. Es bleibt dabei, Silvie und Fritz spielen ohne dich.“

Jutta würgte krampfhaft die Tränen hinunter. Nach dem Frühstück erhob sie sich sofort, um in ihr Zimmer zu gehen.

Fritz sprang ebenfalls auf. „Warte, Jutz, ich komme mit hinein! Ich will mich zum Tennis fertig machen. Silvie, in einer Viertelstunde bin ich auf dem Platz.“

Er verneigte sich vor den Damen und folgte Jutta ins Haus.

Fritz schob seinen Arm unter den Juttas und sah ihr, sich vorneigend ins Gesicht. „Sei nicht traurig, Jutz! Ich spiele heute Abend mit dir“, sagte er tröstend.

Sie blitzte ihn ärgerlich an. „Ach, was liegt mir an dem dämlichen Tennis! Ich will nur nicht, dass du mit Silvie spielst“, stieß sie erregt hervor.

„Warum denn nicht, Jutz?“

„Weil sie dich durchaus heiraten will. Denkst wohl, ich merke nicht, dass sie dir schöne Augen macht?“

Fritz legte ihr lachend die Hand auf den Mund. „Schreckliches Kind, schrei das doch nicht in die Welt hinaus, dieses tiefe Geheimnis einer schönen Mädchenseele!“

„Pöh, hat sich was – schöne Mädchenseele! Silvie hat überhaupt keine Seele, dass du es nur weißt.“

Er verbiss sich das Lachen. „Jutz, du bist der geborene Diplomat.“

Sie sah ihn misstrauisch an. „Willst du mich vielleicht verulken?“

„Keine Spur“, beteuerte er mit scheinheiliger Miene.

„Na, das ist dein Glück. Aber sag mir nur, musst du denn immerfort mit Silvie irgendwo allein stecken?“

Er seufzte komisch. „Wenn ich nicht müsste, täte ich es doch nicht, dummer Jutz.“

Sie kniff ihn in den Arm. „Du machst dir nichts draus?“

...

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