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Hedwig Courths-Mahler - Folge 069

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Der Abschiedsbrief

Ergreifender Roman der unvergessenen Schriftstellerin

 

 

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Der Chauffeur stand wartend neben dem eleganten Auto. In seinem gebräunten, energischen Gesicht bewegte sich kein Muskel.

Immer ungeduldiger blickte der Chauffeur zu dem erleuchteten Fenster der Villa hinauf, aber endlich sah er drin im Vestibül zwei Gestalten die Treppe herabkommen. Es ging wie ein Ruck durch seine sehnige Gestalt. Seine Augen flammten auf, und die Muskeln seines Gesichts zuckten wie in verhaltener Erregung.

Gleich darauf aber stand er in scheinbar gleichmütiger Haltung am Wagenschlag und wartete auf das Nähertreten der beiden Personen. Es waren ein Herr und eine Dame. Der Herr war Doktor Friesen, der Besitzer der Villa, und neben ihm ging eine schlanke junge Dame in einfacher, aber trotzdem vornehm wirkender Kleidung. Die Dame war Fräulein Lonny Straßmann, die Sekretärin Doktor Friesens. Sie schienen beide in ein wichtiges geschäftliches Gespräch vertieft zu sein. Fräulein Straßmanns Gesicht zeigte gespannte Aufmerksamkeit. Sie kamen aus dem Vestibül heraus und standen nun unter dem hell erleuchteten Portal.

Die Zähne des Chauffeurs bissen sich fest aufeinander, als er den Wagenschlag öffnete. Schnell schaltete er das Licht im Wagen ein, und dann trat er zur Seite. Sein Blick hing dabei am Antlitz der jungen Dame. Unruhig forschte er in ihren Zügen, und als er sah, dass sie sehr gleichmütig und förmlich, wenn auch aufmerksam waren, hob ein erleichterter Atemzug seine Brust.

Doktor Friesen machte eine einladende Handbewegung. „Steigen Sie ein, Fräulein Straßmann, Sie können gleich mit mir zur Stadt fahren!“

Er sah nach seiner Uhr. Dann fuhr er fort: „Wahrhaftig, schon wieder acht Uhr! Also bitte, steigen Sie ein! Hennersberg setzt mich am Klub ab, wo ich schon längst sein sollte; sonst würde ich erst Sie nach Hause fahren. Sie kommen heute wieder zu spät zum Feierabend. Hennersberg fährt Sie nach Hause und wartet dann am Klub auf mich. Hören Sie, Hennersberg?“

Der Chauffeur verneigte sich. Er ließ erst Fräulein Straßmann einsteigen, dann Doktor Friesen. Schnell schloss er den Wagen und nahm seinen Platz ein. Der Führersitz war von den Sitzen im Fond des Wagens nur durch eine verschiebbare Scheibe getrennt, die zum Teil offen stand. So konnte der Chauffeur einen Teil der Unterhaltung hören, die Doktor Friesen mit Fräulein Straßmann führte.

„Also ich verlasse mich darauf, Fräulein Straßmann, wenn ich morgen Früh nach dem Termin ins Büro komme, werden Sie die Protokolle fertig haben und auch den Vertragsentwurf?“, hörte er Doktor Friesen sagen.

Die junge Dame antwortete ruhig: „Sie können unbesorgt sein, Herr Doktor, ich werde alles bereit haben.“

„Gut, ich weiß, dass Sie sehr verlässlich sind. Wie ich ohne Sie fertig werden sollte, weiß ich nicht. Aber für Sie ist es gar nicht gut, dass man sich so fest auf Sie verlassen kann, dadurch verleiten Sie mich, Ihnen immer mehr aufzupacken. Ich glaube, das ist schon das zweite Mal in dieser Woche, dass ich Sie mit in meine Privatwohnung hinausschleppen musste, damit Sie noch nach der Bürozeit Stenogramme aufnehmen konnten.“

„Das macht ja nichts, Herr Doktor, ich freue mich darüber, dass ich Ihnen nützen kann. Es ist doch auch mein Vorteil, wenn ich Ihnen unentbehrlich bin.“

Bei dem geschäftsmäßigen Ton, in dem die beiden miteinander sprachen, glättete sich langsam der gespannte Ausdruck im Gesicht des Chauffeurs. Aus seinen Augen wich die Unruhe.

Die Limousine hielt nach kaum einer Viertelstunde vor dem Klub.

Doktor Friesen stieg aus und sagte freundlich: „Guten Abend, Fräulein Straßmann! Also morgen Früh alles pünktlich erledigen; erinnern Sie bitte auch meinen Bürovorsteher noch einmal an die Sache mit Klemm, er ist leider Gottes sehr vergesslich! – Also, Hennersberg, wenn Sie Fräulein Straßmann nach Hause gefahren haben, holen Sie mich hier wieder ab. Ich habe nur eine halbe Stunde im Klub zu tun.“

Wieder verneigte sich der Chauffeur, und während Doktor Friesen die Treppe zum Klubhaus emporstieg, nahm er den Führersitz wieder ein und fuhr mit Lonny Straßmann davon. Aber er fuhr jetzt langsamer. Er wusste, wo Fräulein Straßmann wohnte, hatte sie schon öfter nach Hause gefahren, wenn sie, wie heute, Überstunden machte und Doktor Friesen den Wagen entbehren konnte.

Lonny Straßmann aber widmete dem vor ihr sitzenden Chauffeur ihre Aufmerksamkeit mit einer seltsamen Intensität. Sie konnte zuweilen sein scharf gezeichnetes Profil sehen. Und wie so oft musste sie denken, was für einen vornehmen Eindruck dieser Chauffeur Hennersberg machte.

Der herbe Duft, der dem Lederanzug entströmte, den er trug, drang durch die halb geöffnete Scheibe zu ihr herein. Sie atmete diesen Duft ein wie ein Parfüm. Er gehörte zu Lutz Hennersberg, und wenn sie zuweilen an ihn dachte, wenn er nicht da war, spürte sie in der Erinnerung immer diesen Duft. Und – sie dachte sehr oft an ihn, wenn sie sich das auch nicht eingestand.

Immer langsamer fuhr Lutz Hennersberg, als wollte er die Minuten verlängern, in denen ihm Lonny Straßmann anvertraut war. Seine Augen strahlten. Die heimliche Eifersucht auf Doktor Friesen, die ihn immer überfiel, wenn er Lonny mit ihm allein wusste, hatte ihn wieder einmal verlassen.

Viel zu schnell für ihn – und auch für Lonny Straßmann – war das Haus erreicht, in dem sie wohnte. Schnell sprang der Chauffeur aus dem Wagen, um Lonny die Tür zu öffnen und ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Er stützte sie sorgsam, und das Licht aus dem Wagen fiel auf seine in verhaltener Erregung zuckenden Züge. Lonnys Blick traf in den seinen, und einen Augenblick hingen die beiden Augenpaare weltvergessen ineinander. Aber dann stand Lonny auf festem Boden, und er musste sie loslassen. Mit einer Verbeugung trat er zurück. Aber da reichte ihm Lonny, einem plötzlichen Gefühl gehorchend, mit einem unsicheren Lächeln die Hand.

„Es tut mir Leid, Herr Hennersberg, dass Sie sich so oft meinetwegen bemühen müssen, und doch bin ich froh, wenn Doktor Friesen mich heimfahren lässt, wenn es so spät geworden ist. Hier in dieser abgelegenen Straße ist es etwas unbehaglich, wenn die Schaufenster ringsum ihr Licht verlöscht haben. Ich bin dann immer froh, wenn ich Ihren Schutz genießen kann, bis ich im Haus bin.“

Lutz Hennersberg hatte die kleine, warme Mädchenhand wie im Krampf festgehalten. Ihre Worte beglückten ihn unsagbar, und von seinen Empfindungen hingerissen, vergaß er einen Augenblick, dass er jetzt nur Chauffeur war. Er beugte sich über ihre Hand und zog sie impulsiv an seine Lippen.

„Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, wenn ich Ihnen einen Dienst erweisen kann“, sagte er mit verhaltener Stimme, aber in einer so weltmännischen Art, dass sie stutzte.

„Gute Nacht“, hauchte sie verwirrt, schloss schnell das Tor auf und verschwand.

„Gute Nacht!“

Wie auf der Flucht vor sich selbst schloss sie hastig die Tür hinter sich zu und eilte die Treppe hinauf. Hennersberg stand wie ein Steinbild und schaute durch die Glasscheiben der Tür in den Hausflur hinein. Er hatte Lonnys Verwirrung bemerkt und fragte sich nun unruhig, ob er sich darüber freuen durfte oder nicht. Galt diese Verwirrung dem Mann – oder der Überheblichkeit eines Chauffeurs, der es gewagt hatte, ihr die Hand zu küssen wie ein Gleichberechtigter?

Seufzend setzte er den Wagen wieder in Gang und fuhr davon. Und während der ganzen Fahrt bis zum Klub hielt er sich eine Vernunftpredigt. Er musste ablassen von seinen Träumen, durfte sich nicht den Luxus erlauben, sich in dieses süße, entzückende Mädchen zu verlieben. Wozu sollte das führen? Doch nur zu Kummer und Herzeleid. Er musste vernünftig sein! So redete er sich zu.

***

Lonny war hastig die Treppe hinaufgestiegen bis zum dritten Stock. Dort öffnete sie mit einem Drücker die Korridortür zur Wohnung ihrer Eltern. Ihre Stiefmutter, eine noch hübsche und stattliche Blondine, kam ihr auf dem Korridor entgegen. Mit einem kritischen Blick sah sie in Lonnys noch immer etwas gerötetes Gesicht.

„Guten Abend, Mama! Ihr habt hoffentlich nicht mit dem Essen auf mich gewartet?“, fragte Lonny, Hut und Mantel ablegend.

„Nein, nein, was denkst du denn, das wäre doch viel zu spät für Papa! Du weißt doch, er schläft schlecht, wenn er spät isst. Aber sag mal, Lonny, was war denn das für ein seltsam inniger Abschied, den du da vom Chauffeur Doktor Friesens genommen hast? Ich stand am Fenster, hatte den Wagen anfahren hören und wollte sehen, ob du darin kamst. Und da sah ich, dass dir der Chauffeur sehr zärtlich aus dem Wagen half, dass ihr euch ansaht wie ein Liebespaar und dass du ihm die Hand reichtest, die er zum Überfluss auch noch wie ein Kavalier an die Lippen zog. Ich bitte dich, Lonny, du wirst doch nicht so unklug sein, dich in eine Liebelei mit dem Chauffeur einzulassen?“

Lonny war glühend rot geworden bei diesen wenig zartfühlenden Worten ihrer Stiefmutter. „Aber Mama, wie kannst du nur so etwas aussprechen oder auch nur denken!“

Und dabei fühlte sie doch innerlich einen tiefen Schmerz, dass sie diese Möglichkeit so entrüstet zurückweisen musste.

Frau Major Straßmann zuckte die Achseln. „Was ich sah, ließ keine andere Deutung zu. Es ist doch nicht üblich, dass eine Dame dem Chauffeur die Hand reicht!“

„Ich wollte ihm danken, dass er mich hergefahren hat.“

„Das wird ja wohl Doktor Friesen so bestimmt haben.“

„Gewiss, aber er wartet immer, bis ich im Haus in Sicherheit bin, und das ist eine Gefälligkeit, die er mir erweist und wozu ihn Doktor Friesen nicht beauftragt hat.“

„Diese Gefälligkeit konntest du mit einem Trinkgeld bezahlen.“

Wieder schoss Lonny das Blut ins Gesicht. „Er ist kein Chauffeur wie andere, er ist ein gebildeter Mann. Es wäre mir unmöglich, ihm ein Trinkgeld anzubieten. Wer mag wissen, welcher Schicksalsschlag ihn dazu brachte, Chauffeur zu werden.“

„Das sind Fantastereien! Weil er dir die Hand küsst, muss er nicht gleich aus einem anderen Kreis stammen. Ein Chauffeur bleibt ein Chauffeur. Und von einem Chauffeur lässt sich eine Dame nicht die Hand küssen. Ich bin ernstlich empört. Vergiss doch, um Himmels willen, nicht, dass du darauf angewiesen bist, eine gute Partie zu machen!“

Lonny richtete sich stolz auf.

„Du kannst ganz unbesorgt sein, Mama, es liegt kein Grund vor, empört zu sein. Was aber deine nun schon sehr oft geäußerte Ansicht anbelangt, dass ich auf eine reiche Partie angewiesen sein soll, muss ich dir doch einmal sagen, dass das durchaus nicht der Fall ist. Ich bin gottlob in der Lage, mir mein Brot selbst zu verdienen.“

Die Stiefmutter lachte heiser auf. „Lieber Gott, du willst doch nicht ewig in abhängiger Stellung bleiben? Ein so schönes Mädchen wie du gehört in eine andere Lebensstellung! Bedenke doch, dass es Papas einzige Hoffnung ist, dass du eine reiche Heirat machst.“

„Liebe Mama, ich glaube, diese Hoffnung hast du Papa beigebracht, er wäre von selbst nicht daraufgekommen.“

„Aber Lonny! Es ist doch geradezu deine Pflicht, uns alle aus diesem elenden Leben herauszuheben. Und wenn du klug bist – es liegt wirklich nur an dir. Doktor Friesen ist ein sehr reicher und eleganter Mann, du hast so viel Gelegenheit, mit ihm allein zu sein. Nur klug musst du sein und deine natürlichen Waffen gebrauchen, dann wird es dir nicht schwer fallen, ihn zu fesseln. Bei deinem Aussehen kann man jeden Mann gewinnen, wenn man nur ernstlich will.“

„Ich bitte dich, Mama, sprich nicht so zu mir, du weißt, dass es mich peinigt.“

„Mein Gott, du bist doch ein sonderbares Mädchen, Lonny. Ich möchte nur wissen, wie du bei deinen Ansichten zu einem Mann kommen willst.“

„Ich sorge mich nicht darum, mir eilt es nicht, ich bin noch jung.“

„Mit einundzwanzig Jahren ist ein Mädchen nicht mehr so jung, dass es nicht daran denken müsste, wie es zu einem Mann kommt. Und du solltest nicht nur an dich denken. Wenn du deinen Vater wirklich lieb hast, dann solltest du auch ein wenig überlegen, wie du seine Sorgen erleichtern könntest. Du weißt, dass er alles verloren hat in der Inflation, und was er jetzt verdient, ist erbärmlich wenig. Es wäre dir bestimmt ein leichtes, ihm, uns allen ein besseres Leben zu schaffen.“

Dass ihre Stiefmutter dabei viel mehr an sich selber dachte als an den Vater, wusste Lonny sehr genau, sie kannte sie zur Genüge. Gern, o wie gern hätte sie ihrem Vater ein leichteres Leben schaffen mögen! Es quälte sie namenlos, wenn ihr die Stiefmutter wieder und wieder vorwarf, dass sie nur an sich selber denke, dass sie nur ernstlich zu wollen brauche, um dem Vater und sich selbst ein leichteres Leben zu schaffen. Sie tat ohnedies, was in ihren Kräften stand, um dem Vater zu helfen. Aber sich selbst zum Opfer bringen – dazu wäre sie nicht fähig gewesen. Und so sagte sie auf den Vorwurf der Stiefmutter, sich mit einer müden Bewegung über die Stirn streichend:

„Du tust mir Unrecht, Mama, ich denke sehr viel an Papa und möchte ihm gern alle Sorgen abnehmen, aber so, wie du denkst, kann ich es nicht. Doch ich bin sehr froh, dass ich vom nächsten Ersten an etwas mehr zur Führung unseres Haushaltes beisteuern kann. Doktor Friesen hat mir eine Gehaltsaufbesserung von fünfzig Mark zusagt. Ich kann also Papa außer der Hälfte meines jetzigen Gehalts, die ich ihm immer zur Verfügung stelle, noch diese fünfzig Mark geben. Ich brauche ja für mich nicht mehr, als ich bisher hatte.“

Frau Hermine Straßmann seufzte auf. „Lieber Gott, diese fünfzig Mark mehr machen uns auch nicht glücklich“, sagte sie verdrießlich.

Ehe Lonny etwas darauf erwidern konnte, wurde das Wohnzimmer geöffnet, und Major Straßmann, eine große, soldatische Erscheinung mit grauem Haar, stand auf der Schwelle.

„Was habt ihr denn hier draußen für lange Reden zu halten? Warum kommt ihr nicht herein, ich möchte auch etwas von eurer Unterhaltung haben.“

Lonny eilte auf den Vater zu und umarmte ihn. „Guten Abend, Papa! Verzeih, dass ich so lange auf mich warten ließ! Mama und ich hatten in aller Eile noch einiges zu besprechen. Aber nun kommen wir hinein.“

„Nun ja, was ihr zu besprechen hattet, hättet ihr doch im Wohnzimmer abmachen können. Staatsgeheimnisse werden es wohl nicht gewesen sein.“

Lonny hängte sich in seinen Arm und führte ihn ins Wohnzimmer zurück. „Nein, nein, mit Staatsgeheimnissen geben wir uns nicht ab. Komm schnell ins Zimmer, hier draußen ist es kalt, und du hast nur deinen leichten Hausrock an.“

„Bist wieder spät heimgekommen, Lonny; mir scheint, Doktor Friesen kann sich gar nicht mehr von dir trennen.“

„Ich musste noch ein langes Stenogramm aufnehmen, und da Doktor Friesen bis zum Büroschluss noch nicht einmal Zeit gehabt hatte, zu speisen, bat er mich, mit ihm hinauszufahren in seine Villa, wie es ja zuweilen vorkommt. Er hat wirklich riesig viel zu tun und hetzt den ganzen Tag hin und her. Während er speiste, hat er mir diktiert und verschiedene geschäftliche Sachen mit mir besprochen. Ich muss morgen Früh, während er Termin hat, ein Protokoll ausarbeiten und einen Vertrag aufsetzen. Das alles haben wir erledigt, und dann hat er mich in seinem Wagen mitgenommen.“

„Nun wirst du hungrig und durstig sein, Lonny?“, fragte er Major.

„Nein, Papa, Hunger habe ich nicht; Doktor Friesen ließ mir ein paar belegte Brote vorsetzen. Aber eine Tasse Tee trinke ich gern noch mit euch.“

Die Stiefmutter füllte ihr eine Tasse, und ihr und ihres Mannes Blick trafen sich über Lonnys Kopf. Es war ein verständnisinniger Blick, denn Frau Hermine hatte ihm vorher beigebracht, dass Doktor Friesen wohl nur immer geschäftliche Vorwände suchte, um Lonny möglichst viel um sich haben zu können.

Der Major wandte sich zu Lonny hin: „Eigentlich müsste dir Doktor Friesen Überstunden bezahlen, Lonny.“

„Das hat er mir schon wiederholt angeboten, Papa, aber es erschien mir nicht richtig, dafür eine Extrabezahlung anzunehmen. Er zahlt mir ein sehr anständiges Gehalt, und wie ich Mama eben draußen berichtet habe, hat er mir vom Ersten an eine Zulage von fünfzig Mark zugebilligt. Das hat mich natürlich sehr gefreut, zumal ich daraus entnehme, dass er mit mir zufrieden ist. Diese fünfzig Mark kann ich dir noch zur Verfügung stellen, Papa, und ich hoffe, dass du dir nun auch einige kleine Annehmlichkeiten leisten kannst. Zu einer Flasche Wein an den Sonntagen und einer guten Zigarre wird es reichen.“

Es zuckte wie Rührung über das Gesicht des alten Soldaten, und er legte seine Hand auf die Lonnys. „Bist ein liebes, gutes Kind, Lonny. Wirst du aber auch mit dem, was du zurückbehältst, für deine Kleidung und sonstige Ausgaben ausreichen?“

Lonny umfasste seine Hand und legte einen Augenblick ihre Wange darauf. „Unbesorgt, Papa, ich richte mich schon ein. Es bleibt mir an den Sonntagen Zeit genug, mir meine Kleider selbst zu arbeiten, und ich kann mich daher sehr gut kleiden.“

Lonny nahm bald ein Buch und vertiefte sich noch ein Stündchen in das Lesen. Dann sagte sie den Eltern gute Nacht und zog sich in ihr kleines Zimmerchen zurück.

Lonny musste an die Abschiedsszene mit Lutz Hennersberg denken, die ihre Mutter von hier oben mit angesehen hatte, und ihr Gesicht rötete sich wieder: Sie fühlte, wie ihr das Herz unruhig klopfte bei dem Gedanken an den „Chauffeur“. Ihr war, als brenne die Stelle auf ihrer Hand noch, die seine Lippen berührt hatten. Dieser Handkuss und die weltmännische Verbeugung des Chauffeurs hatten ihr verraten, dass ihre Vermutung, dass er einem anderen Gesellschaftskreis angehört hatte, richtig war. Was hatte ihn in diese Stellung gebracht?

Sie musste an den Vater denken. Er war doch auch aus seiner Karriere herausgerissen worden und hatte sich bescheiden müssen mit der Stellung eines Versicherungsagenten. Konnte es Hennersberg nicht auch so ergangen sein?

Und ihr Herz jubelte plötzlich: „Ich liebe ihn!“ Aber der Verstand fragte: „Was soll daraus werden?“ An eine Verbindung war ja gar nicht zu denken, selbst dann nicht, wenn er sie wiederliebte. Er war arm, sonst hätte er nicht eine Stelle als Chauffeur angenommen, und sie war es auch. Sie musste deshalb diese Liebe, die immer aussichtslos sein würde, fest in ihr Herz verschließen. Niemand durfte davon ahnen, am wenigsten: er. Wenn er es wüsste, was würde er denken? Aber bei dieser Frage tat ihr Herz einen lauten Schlag – sie musste an seinen Blick denken, mit dem er sie heute Abend angesehen hatte, an diesen sehnsüchtigen, flehenden Blick. Hatte dieser Blick nicht erst in ihrem Herzen die Liebe erweckt? Sah ein Mann eine Frau so an, wenn sie ihm gleichgültig war?

Erregt sprang sie auf, wie auf der Flucht vor diesem Gedanken. Nur nicht weiterdenken, nur nichts hoffen, nichts erwarten. Niemand brauchte darum zu wissen als sie allein.

Langsam kleidete sie sich aus und suchte ihr Lager auf. Schlaf fand sie nicht gleich, aber es war schön, von einer Liebe zu träumen, die man still in sich verschloss, und – von einem Glück, das unerreichbar war.

***

Am nächsten Morgen ging Lonny sofort an die Arbeit, nachdem sie den Bürovorsteher an die Sache mit Klemm erinnert hatte, wie es ihr von Doktor Friesen aufgetragen worden war. Sie wurde auch pünktlich mit ihrer Aufgabe fertig, und als ihr Chef ins Büro kam, händigte sie ihm die Papiere aus. Er sah sie durch und blickte dann mit einem Lächeln auf sie nieder.

„Auf Sie kann man sich doch immer verlassen, Fräulein Straßmann. Das haben Sie wieder großartig gemacht. Ich danke Ihnen!“

„Keine Ursache, Herr Doktor, ich tat nichts als meine Pflicht.“

Mit einem sinnenden Blick sah er sie etwas länger an als sonst. „Nichts als Ihre Pflicht? Und dabei sehen Sie durchaus nicht aus wie ein trockener Pflichtmensch. Eigentlich sind Sie viel zu jung und schön, als dass man Sie im Aktenstaub verkümmern lassen dürfte. Aber ich bin viel zu egoistisch, um mich nicht zu freuen, dass ich in Ihnen eine so außerordentlich tüchtige Sekretärin gefunden habe. Ich kann mir gar nicht denken, dass ich einmal ohne Sie auskommen müsste. Hoffentlich verlassen Sie mich nicht so bald.“

„Nicht, solange Sie mit mir zufrieden sind, Herr Doktor“, erwiderte Lonny ruhig.

Er lachte ein wenig. „Na, versprechen Sie nicht zu viel! Ein so schönes Mädchen wie Sie wird nicht lange unbeachtet bleiben. Wenn es nicht ein Verbrechen an Ihrer Jugend wäre, würde ich Sie mit einem langjährigen Vertrag binden. Aber dann kommt eines Tages ein Mann und will Sie heimführen – dann könnte ich doch nicht auf meinem Vertrag bestehen, so ein Unmensch bin ich nicht.“

Sie sah ihn mit einem seltsam traurigen Blick an. „Daraufhin können Sie ruhig einen Vertrag mit mir machen, Herr Doktor, ich heirate nicht.“

Kopfschüttelnd sah er sie an. „Das sagen alle jungen Damen solange, bis der Rechte kommt. Wie gesagt, ich würde es für ein Unrecht halten, Sie zu binden. Ich könnte ja dabei nur gewinnen, wenn Sie nicht heiraten würden und immer bei mir blieben. Aber um Sie wäre es schade, Sie sind so ganz dazu geschaffen, einen rechtschaffenen Mann glücklich zu machen.“

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