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Hedwig Courths-Mahler - Folge 068

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Frau Majas Glück

Roman um die selbstlose Liebe eines tapferen Herzens

 

 

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Sven Larsen erhob sich mit einem Ruck von seiner Arbeit. Seit Stunden hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und das Rätsel zu ergründen versucht, das ihn schon lange beschäftigte. Er war heute der Lösung einen guten Teil näher gekommen und wäre am liebsten bei der Arbeit geblieben, aber es kam plötzlich eine nervöse Unruhe über ihn, die ihn emportrieb.

Sven Larsen machte durchaus nicht den Eindruck eines Gelehrten und Stubenhockers. Seine hohe, kraftvolle Gestalt ließ eher darauf schließen, dass er ein Sportsmann war. Das stundenlange Sitzen am Schreibtisch hatte seine eisenfeste Gesundheit nicht untergraben können. Er sorgte auch immer für einen Ausgleich seiner Kräfte durch täglichen Sport. Und seine monatelangen Forschungsreisen waren auch dazu angetan, die Spannkraft seiner Nerven und Muskeln auf der Höhe zu halten.

Dazu kam, dass er eine prachtvolle Konstitution von seinen Eltern geerbt hatte. Sven Larsen war der Sohn eines schwedischen Fischers, und Professor Heinz Werner, in dessen Haus er seit seiner Kindheit lebte, war nur sein Pflegevater.

Professor Werner war ein berühmter Erforscher buddhistischer Geheimnisse und einer der besten Kenner Indiens, das er oft besucht und durchforscht hatte. Und er hatte seinen Pflegesohn gewissermaßen zu seinem Nachfolger erzogen.

Sven Larsen war auf eine seltsame Art in das Haus Professor Werners gekommen: Vor nahezu dreißig Jahren hatte dieser Sven von einer Erholungsreise nach Schweden und Norwegen mit nach Haus gebracht.

Professor Werner war damals erst wenige Jahre verheiratet gewesen. Seine Gattin hatte ihn auf jener Reise nicht begleiten können, weil gerade in jener Zeit ihre Mutter erkrankt war und nach ihr verlangte. So reiste er allein. Und als nach einigen Wochen die beiden Gatten wieder in der Villa Werner zusammentrafen, hatte sich folgende Szene abgespielt:

Professor Werner war mit einer etwas unsicheren Miene zu seiner Gattin ins Zimmer getreten und hatte dabei einen knapp vierjährigen Knaben vor sich hergeschoben, der mit seltsam großen Augen zu der eleganten jungen Frau aufsah. Noch ehe der Professor seine Gattin umarmte, hatte er unbeholfen hervorgestoßen:

„Liebe Renate, du musst diesem Kind eine Mutter sein.“

Damit hatte er bewiesen, dass er wenig diplomatische Fähigkeiten besaß. Denn Frau Renate war als die einzige Tochter reicher Eltern eine sehr verwöhnte junge Dame. Und in ihrem Leben hatten die Worte: „Du musst“ bisher noch keine Rolle gespielt.

Frau Renate hatte ihren Gatten aus Liebe geheiratet und war sich bewusst, wiedergeliebt zu werden. Sie schien selbst keiner großen Gefühlstiefe fähig zu sein, wie man es oft bei Menschen findet, die vom Schicksal sehr verwöhnt worden sind. Aber sie erwartete von ihrem Gatten als selbstverständlich, dass er ganz in ihr „aufging“. So sehr jedoch Professor Werner dem Bild eines liebevollen Gatten entsprach, so meinte seine verwöhnte junge Frau doch, er vernachlässige sie über seinen Arbeiten. Sie hatte einen ausgesprochenen Hang zu kleinlichen Eifersüchteleien, und da sie bisher auf nichts weiter hatte eifersüchtig sein können als auf ihres Gatten Arbeit, so war sie es darauf gewesen. Diese Arbeit raubte ihr so viel seiner Zeit, die sie lieber mit ihm vertändelt hätte. Sie hatte das schon oft zu ändern versucht, aber über seine Arbeitszeit ließ er sie nicht verfügen.

Die erste große Verstimmung zwischen dem jungen Paar hatte es vor der Abreise des Professors nach Schweden gegeben. Frau Renate hatte verlangt, dass auch ihr Gatte seine Erholungsreise aufgeben und sie zu ihrer Mutter begleiten sollte, obwohl sie sich sagen musste, dass er einer Erholung nach anstrengender Arbeit dringend bedurfte und dass er am Krankenbett ihrer Mutter im Grunde überflüssig, sogar störend war.

Als ihr Gatte ihr ruhig auseinander setzte, dass er seine Ferien benützen müsse, um gründlich auszuspannen – auch in ihrem Interesse –, hatte sie ihm eine Szene gemacht. Sie wollte nicht verstehen, dass etwas nicht nach ihrem Kopf gehen sollte.

Sie schmollte und weinte und wollte seine Begleitung ertrotzen. Aber er erklärte ihr energisch, es sei unvernünftig, was sie von ihm verlange. Er müsse sich für seinen Beruf und auch für sie gesund erhalten und brauche nach der anstrengenden Arbeit, die ihn ans Zimmer fesselte, diese Erholungsreise sehr nötig.

Als aber nun ihr Gatte nach der langen Trennung, statt sie stürmisch zu begrüßen ihr dieses fremde Kind zuschob mit dem energischen: „Du musst“, da bekam der in ihrem Wesen liegende eigenwillige Trotz sogleich wieder die Oberhand. Ihre Züge nahmen einen ärgerlichen Ausdruck an.

„Willst du mich nicht wenigstens erst begrüßen, Heinz?“, fragte sie pikiert. Er hatte sich über die Stirn gestrichen, als sei ihm zu warm, und schob nun erst einmal den Knaben sanft beiseite. Herzlich, wenn auch ein wenig beklommen, zog er seine Frau in seine Arme.

„Verzeih, Renate, ich komme mir wahrhaftig selbst wie ein Barbar vor. Aber es war nur Ungeschick. Sieh, ich bin da in eine sehr seltsame Lage geraten. Sei nicht böse, kleine Frau, und schmolle nicht gleich wieder! Komm, gib mir erst mal einen lieben Kuss, dann erkläre ich dir alles.“

Das geschah auch. Frau Renate war nun selbst neugierig geworden, weshalb ihr Gatte den kleinen Fremdling ins Haus brachte. Sie machte sich aus den Armen ihres Mannes frei und sah fragend zu ihm auf.

„Was soll es mit dem Knaben, Heinz?“

Professor Werner richtete sich auf und fuhr sich wieder über die Stirn.

„Gleich sollst du alles hören. Sven, komm einmal her, gib dieser lieben, schönen Dame die Hand und sag ihr, dass du ein lieber Junge sein und ihr keine große Mühe machen willst! Ach so! Nein – das kannst du ja noch nicht, so viel Deutsch habe ich dir noch nicht beigebracht. Also sag nur: Hab mich lieb, wie ich es dich gelehrt habe.“

Damit zog er Sven an den Händen vor seine Frau. Der Knabe sah mit großen, ernsten Augen, die seltsam aus dem frischen Kindergesicht herausleuchteten, zu ihr empor.

Sie fixierte ihn aber mit einer so deutlichen, kalten Abwehr, dass Sven in schwedischer Sprache zu dem Professor sagte: „Sie mag Sven nicht lieb haben – ich habe sie auch, nicht lieb, wie ich dich lieb habe.“

Der Professor war froh, dass seine Frau diese Worte nicht verstehen konnte.

„Sven, du musst artig sein, sonst bin ich böse. Gib der lieben Dame deine Hand!“

Sven sah ihn unschlüssig an, zog aber dann die eine Hand aus der Tasche und reichte sie Frau Renate.

„Gib ihm die Hand, Renate! Der Vater dieses Knaben hat mir das Leben gerettet“, sagte der Professor bittend.

Da zuckte Frau Renate zusammen und, ihren Trotz und ihre Abwehr bezwingend, erfasste sie mit mattem Druck die feste, kleine Knabenhand.

Der Professor nickte zustimmend, klingelte dann und gebot dem eintretenden Diener: „Bringen Sie den Knaben zu Frau Berger, sie soll ihn verpflegen und unterbringen, wie ich ihr bereits gesagt habe.“

Frau Berger war Haushälterin in der Villa Werner. Sie hatte schon den Eltern des Professors treu gedient und war dann von ihm für seinen Haushalt verpflichtet worden.

„Geh jetzt, Sven, du sollst essen und dann ausruhen. Ich komme später noch einmal zu dir“, sagte der Professor.

Sven nickte ernsthaft und ließ sich hinausführen.

Kaum waren die Gatten allein, als sich Frau Renate mit erregtem Gesicht ihrem Mann zuwandte.

„Nun sag mir endlich, was das heißen soll und weshalb du den Knaben mitgebracht hast.“

Er fasste ihre Hände und zog sie neben sich auf den Diwan nieder.

„Höre mich an, Renate! Um dich nicht zu beunruhigen, habe ich dir nicht mitgeteilt, dass ich mich in ernster Lebensgefahr befunden habe. Bei einem Ausflug mit einer Segeljacht, den ich mit einigen schwedischen Kollegen unternahm, kamen wir in einen Sturm, der unsere Jacht kentern ließ. Wir wären verloren gewesen, wenn uns einige schwedische Fischer nicht zu Hilfe gekommen wären. Svens Vater war darunter. Er entriss mich dem sicheren Tod und brachte mich ans Land. Bei einem Versuch, auch noch einen der schwedischen Kollegen zu retten, ertrank er. Seine Kameraden konnten nur seine Leiche und den ohnmächtigen Kollegen an Land bringen.“

Frau Renate strich sich nervös über die Augen.

„Wie konntest du dich nur in solch eine Gefahr begeben? Dachtest du nicht an mich?“, fragte sie vorwurfsvoll.

„Ich wusste nicht, dass diese Segelpartie gefährlich werden konnte. Das Wetter schlug um, und der Sturm kam so plötzlich. Nun höre weiter. Du kannst dir denken, wie erschüttert ich war, als ich den Mann, der mich gerettet hatte, tot vor mir liegen sah. Über ihn hinweg warf sich der kleine Knabe, den ich dir eben gebracht habe, und sagte: ‚Vater, lass mich doch nicht allein! Du bist wohl zur Mutter gegangen? Da will ich auch mitgehen.‘

Ich hörte, dass die Frau des Fischers Larsen, Svens Mutter, vor Jahresfrist ebenfalls einen jähen Tod durch Ertrinken erlitten hatte, als sie allein hinausgerudert war, um ihrem Mann zu Hilfe zu kommen. Er war beim Netzeinziehen abgetrieben worden, hatte sich aber selbst helfen können und erst an Land erfahren, dass seine Frau ihn suchte. Ihre Leiche war an Land gespült worden, und das hatte sich Larsen so zu Herzen genommen, dass er schwermütig geworden war.

Seinen Sohn hatte er zärtlich geliebt, und der Knabe hatte mit seinem ganzen Herzen am Vater gehangen. Nun hatte er auch ihn verloren. – Liebe Renate, der Mann hat mir das Leben gerettet – er war ein braver, fleißiger Mensch gewesen, und sein Sohn wurde mir als gutartiges Kind geschildert. Er machte mir einen klugen, aufgeweckten Eindruck. Dass er gesund und wohlgebildet ist, hast du selbst gesehen – und er steht ganz allein und verlassen auf der Welt. Kannst du mir nicht nachfühlen, dass ich mich seiner annehmen musste?“

„Das hättest du nicht ohne meine Zustimmung beschließen dürfen“, sagte sie kühl.

„Renate, ich war deiner Zustimmung so sicher, dass ich das Kind ohne weiteres mit mir nahm, nachdem ich alle Formalitäten mit seiner Heimatbehörde erfüllt hatte. Nicht wahr, Renate, Sven wird in unserem Haus eine Heimat finden?“

Die junge Frau sah starr vor sich hin. Sie war durchaus nicht entzückt von der Aussicht, einem fremden Kind die Mutter zu ersetzen. Sie war viel zu egoistisch, lebenslustig und vergnügungssüchtig, als dass sie sich gern Pflichten aufgebürdet hätte, die ihr nicht erwünscht waren. Sie war nicht einmal sonderlich betrübt, dass ihr selbst das Schicksal Kindersegen versagte. Oberflächlich und verwöhnt, wie sie war, ging ihr nichts über ihre eigene Person.

Da sie nicht antwortete, fasste ihr Gatte nach ihrer Hand. „Nun, Renate, hast du mir nichts darauf zu erwidern?“

Sie richtete sich steif empor. „Das kommt mir so überraschend, so unerwartet, du hättest mich erst fragen sollen. Ich an deiner Stelle hätte das Kind gelassen, wo es war. Du hättest ja etwas dafür tun können, um deiner Dankespflicht zu genügen. Aber ins Haus aufnehmen, so ein Kind aus solchen Verhältnissen, das ist doch gewagt. Kannst du es nicht rückgängig machen?“

Er presste die Lippen zusammen. Dann zog er seine Frau fest an sich.

„Renate, lass dir gestehen, dass ich unter dem Gedanken gelitten habe, dass uns ein Kind versagt bleiben soll. Ich habe es dich nie merken lassen, weil keine Abhilfe möglich war. Jetzt schickt uns das Schicksal dieses Kind in den Weg und ich will dir sagen, dass ich den kleinen tapferen Kerl, der so mutig den Schmerz um den toten Vater niederkämpfte, sogleich in mein Herz geschlossen habe. Du wirst den prachtvollen Jungen auch lieb gewinnen. Ich dachte es mir wunderschön, ihn wie einen eigenen Sohn aufzuziehen. Er ist klug, von rascher Auffassungsgabe und hat gute Charakteranlagen. Bitte, versage es mir nicht, ihn aufzunehmen – ich habe den kleinen Kerl schon zu lieb gewonnen, als dass ich mich noch von ihm trennen möchte.“

Das hätte der Professor nicht sagen dürfen. Seine Worte weckten die ganze kleinliche Eifersucht ihres Charakters. Alles in ihr empörte sich gegen den Gedanken, die Liebe ihres Gatten mit diesem Kind teilen zu müssen.

„Heinz, ich bitte dich, gib das Kind wieder fort! Ich – ich mag es nicht in meinem Haus aufnehmen – es ist mir lästig“, stieß sie hervor.

Der Professor erblasste.

„Renate, es ist eine Waise, die du von deiner Schwelle schicken willst. Und ich schwor es an der Leiche von Svens Vater, dass ich seinen Sohn als den meinen betrachten, ihn in meinem Haus aufziehen will. Sei gut! Ich will und darf diesen Schwur nicht brechen. Hilf mir, ihn zu halten! Verhärte dein Herz nicht gegen das arme Kind! Ich – ich könnte das nicht verstehen und müsste an dir irre werden. Du wirst Sven lieb gewinnen, wie ich ihn lieb gewonnen habe.“

Aber gerade das verstockte Renates Sinn immer mehr. Sie machte sich heftig los und stieß erregt hervor: „Nein, nein – ich will nicht – der Knabe ist mir lästig. Er wird unsere Ruhe stören, dich in deiner Arbeit behindern – ich mag ihn nicht – gib ihn weg!“

Er sah sie ernst und traurig an. „Ich glaubte, dir mit Sven ein schönes Geschenk ins Haus zu bringen, Renate. Es betrübt mich, zu sehen, dass ich mich geirrt habe. Bedenke doch, dass wir kinderlos bleiben werden, du und ich. Eines Tages würde sich auch in dir der Wunsch regen, ein Kind zu besitzen. Nimm Sven auf, lass mich nicht an deinem guten Herzen zweifeln! Und mache dir klar, dass mich ein Schwur an dieses Kind bindet. Wolltest du es aus deinem Haus weisen – dies ist ja dein Haus –, dann würdest du mich mit ihm hinausweisen.“

Frau Renate stand von ihm abgewandt am Fenster. Alles in ihr empörte sich gegen das Kind. Aber die letzten Worte ihres Mannes sagten ihr, dass sie sich fügen müsse, wollte sie es nicht zu einem unheilbaren Zerwürfnis mit ihrem Mann kommen lassen. Das war das Bitterste für Frau Renate. Es kostete sie einen schweren Kampf, sich zu fügen, und sie tat es schließlich in mürrischer unliebenswürdiger Weise.

Professor Werner hoffte, der Knabe würde sich mit der Zeit das Herz seiner Gattin erobern. Aber er rechnete nicht mit der Eifersucht und dem Eigenwillen seiner Frau. Sie wehrte sich gegen jedes weichere und bessere Gefühl für Sven, obwohl sie sich nicht verhehlen konnte, dass er wirklich ein prächtiger kleiner Kerl war, dem alle Herzen zuflogen.

Sie kümmerte sich auch in ihrem Trotz nicht um die Pflege des Kindes. Die hatte aber bereits Frau Berger liebevoll übernommen. Ihr war es genug, dass Svens Vater „ihrem Herrn Professor“ das Leben gerettet hatte, um ihm ein warmes Plätzchen in ihrem Herzen zu sichern. Und bei ihr fand Sven, was ihm Frau Renate nicht zuteil werden lassen wollte: warme, mütterliche Fürsorge.

Frau Berger war eine kluge und erfahrene Frau. Sie sah deutlicher als der Professor, weshalb Frau Renate sich so abweisend gegen den kleinen Sven verhielt. Aber sie sprach nicht darüber, weil sie nicht um ihre Meinung gefragt wurde.

Sven hatte sehr bald erkannt, dass er in seiner neuen Heimat zwei Herzen ganz gewonnen hatte – das seines Pflegevaters und das der Frau Berger. An diesen beiden Menschen hing er auch mit zärtlicher Hingabe. Er wusste aber auch, dass jemand ihn in diesem Haus nicht leiden mochte – Frau Renate. Sie tat ihm zwar nichts zuleide und ließ es sich sogar notgedrungen auf ihres Gatten Wunsch gefallen, dass er Mama zu ihr sagte, aber er fühlte instinktiv die Atmosphäre von Kälte und Abneigung, die ihm von ihr entgegenstrahlte. Sie sagte ihm nie ein böses Wort, aber sie tat ihm auch nie etwas zuliebe. Oft bekam er sie tagelang nicht zu Gesicht, und das war Sven nur recht. Er verlangte nicht nach ihrer Nähe. Geduldig hatte der Professor gewartet, dass sich das Herz seiner Frau dem verwaisten Kind auftun sollte, aber er wartete vergebens – Jahr um Jahr. Je lieber ihm der Knabe wurde, desto feindlicher stand ihm seine Gattin gegenüber.

So kam wirklich, was Frau Renate gefürchtet hatte: Der fremde Knabe wurde die Ursache zu einer stetig wachsenden Entfremdung zwischen den beiden Gatten.

In der Öffentlichkeit wurde nichts von diesem innerlichen Zerwürfnis bekannt. Man hatte sich natürlich lebhaft für den Pflegesohn des Professors interessiert, und der kleine Sven war lange ein Gegenstand der Neugier und der Teilnahme. Renate musste oft allerlei Schmeichelhaftes über ihren „Pflegesohn“ hören, aber sie war klug genug, geschickt darüber hinweg zu gehen. Niemand ahnte, dass ihr Sven ein Dorn im Auge war.

So wuchs der schwedische Fischersohn im Haus des Professors zu einem prächtigen jungen Menschen heran, der an körperlichen und geistigen Gaben bald alle seine Mitschüler übertraf.

Professor Werner war stolz auf ihn wie auf einen eigenen Sohn. Und ebenso stolz war Frau Berger.

***

Als Sven konfirmiert war, sagte sein Pflegevater zu seiner Gattin: „Ich möchte dich bitten, Renate, dass du erlaubst, dass Sven von heute an gemeinsam mit uns die Mahlzeiten einnimmt. Er ist nun kein Kind mehr, und ich will nicht, dass er ferner noch mit den Dienstboten speist. Das würde ihn in eine schiefe Lage bringen. Er hat tadellose Manieren und wird dir in keiner Weise lästig fallen.“

Frau Renate hatte in gut gespielter Gleichgültigkeit die Achseln gezuckt.

„In Bezug auf deinen Pflegesohn habe ich ja keine eigene Meinung“, hatte sie erwidert.

„Du gestattest also, dass Sven mit uns speist?“

„Meinetwegen mag er es tun.“

„Ich danke dir, Renate.“

Damit war das Thema erledigt. Sven nahm nun an allen Mahlzeiten des Ehepaars teil, und wider Willen musste Frau Renate konstatieren, dass er sich tadellos benahm und überhaupt durchaus den Eindruck machte, als sei er ein Kind aus gutem Haus. In heimlicher Überraschung lauschte sie oft, wenn Sven mit ihrem Gatten gewandt und sicher über allerlei wissenschaftliche Fragen debattierte.

Wäre sie nicht so töricht in ihrem eifersüchtigen Trotz verrannt gewesen, dann hätte sie eingestehen müssen, dass ihr Svens Gesellschaft ganz angenehm war. Einmal, als er einige Tage krank war und das Zimmer hüten musste, fehlte er ihr direkt, und sein leerer Platz bei Tisch behagte ihr gar nicht. Ganz heimlich war sie bis zu seiner Zimmertür geschlichen – sie wusste selbst nicht, warum. Da war Frau Berger herausgekommen und hatte sie überrascht angesehen.

„Ich wollte nur wissen, ob es Sven an nichts fehlt, Frau Berger?“, hatte sie gefragt.

„Frau Professor können ganz ruhig sein, ich sorge schon für seine Pflege“, hatte die alte Frau erwidert. Und als Frau Renate dann schnell davongegangen war, hatte sie ihr mit einem seltsamen Lächeln nachgesehen.

Als Sven dann wieder bei Tisch erschien, war Frau Renate in keiner Weise verändert – wenigstens merkten weder der Professor noch Sven eine Veränderung an ihr.

Aber seit jener Zeit führte Frau Renate einen heimlichen Kampf mit ihrem innersten Empfinden. Ein stetig wachsendes, warmes Interesse für Sven kämpfte mit ihrer trotzigen Eifersucht und ihrem eigenwilligen Stolz.

Niemand merkte etwas von diesem Kampf.

Je älter Sven wurde, desto ritterlicher und aufmerksamer benahm er sich Frau Renate gegenüber. Obwohl sie ihm immer noch ein reserviertes Wesen zeigte, vergaß er nie, dass er in ihrem Haus eine Heimat gefunden hatte. Wenn auch der Professor gewissenhaft alle Ausgaben für Sven von seinem Einkommen bezahlte, blieb doch immer sein Aufenthalt in der Villa Werner ein Gastgeschenk seiner Frau.

So waren die Jahre vergangen, ohne dass sich äußerlich etwas im Verhalten Frau Renates ihrem Pflegesohn gegenüber geändert hätte. Aber das schien nur so. Sven hatte sehr frühzeitig sein Abiturium absolviert, hatte dasselbe Fach studiert wie sein Pflegevater und sein Doktorexamen bestanden.

Er hatte dann in Gesellschaft seines Pflegevaters einige Forschungsreisen unternommen und war nun in sehr jungen Jahren selbst Professor geworden. Professor Werner hatte seinen Pflegesohn so völlig in sein eigenes Lebenswerk eingeweiht, dass er wohl befähigt war, dereinst sein geistiges Erbe anzutreten und sein Werk fortzuführen.

In der Gesellschaft nahm man allgemein an, dass Sven Larsen eines Tages seine Pflegeeltern beerben würde.

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