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Hedwig Courths-Mahler - Folge 067

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Die Verbannten

Mitreißender Roman um die junge Daniela und ihren Schicksalsweg

 

 

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Danke, Daniela, Sie brauchen nicht mehr vorzulesen.“

Daniela Falkner erhob sich. „Haben Sie andere Wünsche, Frau Baronin?“

Baronin Berken schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.“

Daniela sah die alte Dame fragend an.

„Sie wissen, Kind, dass Sie mir sehr lieb geworden sind und ich mich an Ihre Gesellschaft gewöhnt habe.“

„Sie waren immer voll Güte zu mir, Frau Baronin. Als ich mich nach dem Tod meiner Mutter vor der Notwendigkeit sah, mir mein Brot zu verdienen und die Stellung bei Ihnen annahm, war ich sehr bange; aber Sie haben mir bald das Bangen genommen.“

„Nun, gar zu leicht habe ich es Ihnen nicht gemacht. Einsame alte Frauen wie ich sind grillig. Aber Sie sind ein geduldiger Charakter mit bewundernswerter Ruhe, was Ihnen nicht immer leicht gefallen sein mag. Deshalb wird es mir doppelt schwer, Ihnen zu sagen, dass wir uns trennen müssen.“

„Sie wollen mich entlassen, Frau Baronin?“

„Ich will nicht, aber ich muss. Als ich Sie engagierte, hatte ich auch keine guten Zeiten, aber meine Einkünfte gestatteten es mir doch, mein gewohntes Leben fortzusetzen. Ich konnte mir eine Gesellschafterin leisten, weil mir mein einsames Leben unerträglich schien. Jetzt hat die anwachsende Teuerung mein Einkommen reduziert, und ich muss mich einschränken, so dass ich außer meiner alten Köchin Christine keine Angestellten mehr halten kann. Es tut mir sehr Leid, dass ich mich von Ihnen trennen muss, aber ich muss meine ganze Häuslichkeit auf größte Sparsamkeit einstellen. Dass Ihr Bruder nach Deutschland zurückkehrt, ist wohl vorläufig nicht anzunehmen?“

„Nein, Frau Baronin, daran ist nicht zu denken. Mein Bruder ist froh, in Stockholm als Ingenieur eine Stellung gefunden zu haben.“

„Ja, ja, Ihr Bruder musste, nachdem er aus russischer Gefangenschaft heimkehrte, ins Ausland gehen, um eine Stellung zu finden. Er hat Recht getan. Ich habe mir schon gedacht, dass er vorläufig nichts für Sie tun kann, und wusste deshalb, es würde Sie schwer treffen, wenn ich Sie entlassen muss. Aber wer kann sich jetzt noch eine Gesellschafterin halten? Ich weiß nun zwar, dass Sie keine Arbeit scheuen. Christine kann mir nicht genug Ihren Fleiß rühmen. Aber ich bin vor die Alternative gestellt, entweder Sie oder Christine zu entlassen, und …“

„Dann natürlich mich, Frau Baronin! Christine darf Ihre Stellung nicht verlieren. Sie ist alt, ich bin jung, und ich werde mir schon weiterhelfen können.“

„Tapfer, mein liebes Kind. Aber Sie sollen nicht lange in Sorge sein um sich. Wie ich schon erwähnte, habe ich gezögert, Ihnen zu sagen, dass ich Sie entlassen muss, weil ich mich inzwischen bemühte, Ihnen ein anderes Engagement zu verschaffen. Es wollte nicht gelingen – aber heute Morgen mit der Post kam gleichsam etwas für Sie vom Himmel geflogen. Ich bekam einen Brief von meiner Freundin, Frau Lentikoff. Diese Dame ist Ihnen ja bekannt.“

„Gewiss, Frau Baronin, und ich kann wohl sagen, dass sie die interessanteste Frau ist, die mir je im Leben begegnete.“

„Sie ist unbedingt eine interessante Frau. Ihr Schicksal würde Stoff zu einem Roman liefern. Nachher will ich Ihnen einiges davon erzählen. Aber erst sollen Sie wissen, dass Frau Lentikoff mir heute mitgeteilt hat, dass sie die Absicht hat, Sie als Reisebegleiterin zu engagieren, falls Sie dazu geneigt sind.“

Danielas feines Gesicht rötete sich jäh. „Frau Lentikoff will mich engagieren?“

„Ich hatte ihr mitgeteilt, dass ich gezwungen bin, Sie zu entlassen, und dass es mich sehr schmerzt, Sie in eine ungewisse Zukunft gehen zu lassen. Was sie darauf erwidert, lesen Sie bitte von dieser Stelle an.“

Sie bezeichnete eine Stelle in dem Brief, und Daniela las: Wie gern ich dir helfen möchte, meine liebe Magda, weißt du, aber ich weiß auch, dass du zu stolz bist, dir helfen zu lassen. Aber wenigstens kann und will ich dir die Sorge um Fräulein Daniela abnehmen. Ich hatte Gelegenheit zu beobachten, wie liebenswert und taktvoll die junge Dame ist, die dir alle Wünsche von den Augen ablas. Ich habe dich beneidet um eine solche Gesellschafterin. Du weißt, ich bin ein einsamer, verbitterter Mensch, der sich schwer an jemand anschließen kann. Deshalb reise ich immer nur mit meiner alten Natascha, obwohl ich manchmal Sehnsucht nach einem gebildeten Menschen habe. Natascha geht für mich durchs Feuer, aber ihr Horizont ist begrenzt, und ich muss bei meinem unruhigen Nomadenleben mit hundert Personen verhandeln, weil Natascha nur Russisch und einige Brocken Deutsch sprechen kann. Wie gut wird mir da Fräulein Falkner, die verschiedene Sprachen beherrscht und mir sympathisch ist, helfen können! Nun bitte ich dich, sie zu fragen, ob sie in meine Dienste treten will.

Ich ermächtige dich, wenn sie einwilligt, ihr so viel von meinem Schicksal zu erzählen, wie sie wissen muss, um mein verbittertes Wesen zu verstehen. Es ist besser, sie erfährt es von dir, ich kann noch immer nicht ruhig von meinem Elend reden, wenn ich wieder zum traurigen Bewusstsein komme, dass mein Sohn Dimitri tot ist. Ich habe immer das Gefühl, als müsse ich nach ihm suchen. Verzweifelt frage ich wieder und wieder – doch besser nicht denken, sonst komme ich dem Wahnsinn nahe …

Hier lies Daniela den Brief sinken. „Dieser letzte Teil des Briefes ist wohl nicht für mich bestimmt, Frau Baronin.“

„Es schadet nichts, wenn Sie es lesen, Daniela, da ich Sie mit dem Geschick Katharina Lentikoffs bekannt machen und Ihnen auch ihren wahren Namen verraten soll. Aber ehe ich Ihnen mehr enthülle, sagen Sie mir erst, ob Sie die Stellung bei ihr annehmen wollen?“

Daniela strich das goldbraune Haar aus der Stirn. „Ob ich will? Ich würde es als großes Glück betrachten, so schnell ein anderes Engagement zu finden.“

„Sie müssen sich natürlich erst über die Art dieser Stellung klar werden. Frau Lentikoff ist eine gütige Frau, aber durch schwere Schicksalsschläge niedergebeugt. Aus kleinen Anlässen kann sie zuweilen sehr gereizt sein, doch sucht sie danach immer gutzumachen, wenn sie in ihrer unglücklichen Stimmung jemand weh tut.“

„Wenn man weiß, dass Leid und Unglück sie reizbar machen, kann man das ertragen.“

„Aber bedenken Sie auch, dass Sie bei ihr kein ruhiges Leben führen. Ihre Unrast führt sie heute nach Paris, morgen nach Berlin oder nach Rom oder Madrid. Sie führt ein vornehmes Nomadenleben. Sie sind jung und gesund und bekommen ein schönes Stück Welt zu sehen, in angenehmen, sorglosen Verhältnissen. Frau Lentikoff ist sehr, sehr reich. Also – bedenken Sie das alles!“

„Da ist nichts zu bedenken. Wenn ich doch nicht bei Ihnen bleiben kann, nehme ich gern diese Stellung an.“

„Sie werden es nicht bereuen. Obwohl sie von Ort zu Ort reist und immer in der mondänen Welt lebt, hält sie sich von allen Vergnügungen fern.“

„Das kann ich verstehen, wenn sie unglücklich ist. Ohne ihr Schicksal zu kennen, habe ich Mitleid mit ihr empfunden, wenn ich in ihre traurigen Augen sah.“

„Und diese Augen finden nicht einmal die Wohltat der Tränen. Also, nun will ich Ihnen aus dem Leben dieser Frau erzählen, was Sie wissen müssen …“

Daniela füllte die Tassen, legte der Baronin ein Kissen hinter den Rücken. Dann nahm auch sie Platz und bediente sich.

„Also, mein liebes Kind, zunächst will ich Ihnen sagen, dass Frau Lentikoff in Wahrheit Gräfin Smolenski heißt. Ihr Gatte war Russe, hatte große Besitzungen in Kurland und besaß ein fürstliches Vermögen. Sie selbst ist Deutsche von Geburt; sie war mit mir zusammen im Pensionat. Dort haben wir unseren Freundschaftsbund geschlossen, der unser ganzes Leben lang halten sollte.

Ihr Gatte betete sie an, und diese Ehe ist unbeschreiblich glücklich gewesen. Ich habe sie später zweimal auf ihren Gütern in Russland besucht und konnte mich davon überzeugen.

Die Gräfin hatte ihrem Gatten nach einjähriger Ehe einen Sohn geschenkt. Er blieb das einzige Kind. Dieser Sohn wuchs heran zum Ebenbild seines Vaters. Ich sah ihn zum letzten Mal, ehe die Katastrophe hereinbrach, die dieses leuchtende Glück zerstören sollte. Damals war Dimitri zweiundzwanzig Jahre, war ein begabter Mensch, der fleißig war und Studien im Ingenieurfach betrieb. Aber als ich ihn das letzte Mal sah, war er bei der Armee, wollte einige Jahre als Offizier dienen und dann seine Studien fortsetzen.

Sein Vater war nicht mit der Regierung einverstanden. Das hatte man ihm sehr verdacht. Er wusste, dass man gegen ihn konspirierte, und als kluger, weitsichtiger Mann zog er die Konsequenzen. Er hatte sein ganzes Vermögen nach und nach bei amerikanischen und englischen Banken angelegt. Und als ihm ein Freund eine Warnung zuteil werden ließ, verkaufte er in aller Stille seine Güter. Die Gräfin erzählte mir damals bei meinem Besuch, dass ihr Gatte nur noch bis zum Jahresschluss warten wollte, um dann mit ihr und ihrem Sohn für immer Russland zu verlassen.

Er sah es nicht gern, dass sein Sohn in Leningrad studierte, denn er kannte dessen impulsives Wesen zu gut, um nicht fürchten zu müssen, dass Dimitri sich durch seine Freimütigkeit ebenso Feinde machen könnte, wie er sie sich selbst gemacht hatte. Nach jener ihm zugegangenen Warnung drängte er seinen Sohn, fluchtbereit bei den Eltern zu bleiben.

Es gelang ihm wohl, sein Vermögen ins Ausland zu retten, aber nicht seinen Sohn. Ehe er seinen Abschied nehmen konnte, wurde er verhaftet. Man klagte ihn verräterischer Umtriebe an. Es nützte nichts, dass er seine Unschuld beschwor. Seine Feinde siegten. Der junge Graf wurde zur Deportation in die sibirischen Bergwerke verurteilt, sein Vater des Landes verwiesen mit der Bestimmung, dass er und seine Gemahlin nichts mit sich nehmen durften, als was sie selbst tragen konnten. Sein Vermögen und seine Güter sollten dem Staat verfallen.

So zogen die Eltern des jungen Grafen in die Verbannung, nur begleitet von der alten Kammerfrau der Gräfin, einer deutschen und einer treuen russischen Dienerin, die sich von ihnen nicht trennen wollten.

Die Kammerfrau war leidend und starb unterwegs auf einer kleinen Station. Dort hatte sich die Kunde verbreitet, die Gräfin selbst sei gestorben, und diese widersprach dem Gerücht nicht. Mochte man in Russland glauben, dass sie auf dem Weg in die Verbannung gestorben sei.

Sie und ihr Gatte suchten zunächst einen Verwandten in Deutschland auf, einen Onkel von ihr, der schlecht und recht von seiner Pension lebte.

Kaum waren sie hier angelangt, als die Nachricht für sie eintraf, dass Dimitri versucht habe, auf dem Transport nach Sibirien zu entfliehen und auf der Flucht von einem Aufseher erschossen worden sei.

Die armen Eltern, die immer noch gehofft hatten, dass sie eines Tages die Unschuld ihres Sohnes würden beweisen können, traf diese Nachricht wie ein Blitz. Graf Smolenski brach bei dieser Nachricht tot zusammen, und die Gräfin kam dem Wahnsinn nahe. Sie hat damals ihr weißes Haar bekommen, sie war lange krank und dem Tod nahe.

Körperlich hatte sie sich zwar im Lauf der Zeit erholt, aber die weißhaarige, starr und düster blickende Frau war nur noch der Schatten meiner armen Katharina. In ihr lebte der krankhafte Gedanke, sie müsse ihren Sohn suchen. Ihr enormer Reichtum gestattete es ihr, ein komfortables Reiseleben zu führen. Erst lange nach Beendigung des Krieges habe ich sie wieder gesehen. Und im vorigen Jahr weilte sie, wie Sie wissen, einige Wochen bei mir – bis sie wieder von ihrer alten Unruhe gepackt wurde.

Sie besitzt nur ein einziges Bild ihres Sohnes, eine wunderbar gemalte Miniatur, die getreu die Züge des geliebten Verlorenen wiedergibt. Ihr Gatte schenkte ihr zu dieser Miniatur eine kostbare Fassung, die aus einem so genannten Reliquienschrein besteht, ein prachtvolles Stück russischer Goldschmiedearbeit. Sie haben es vielleicht im Besitz der Gräfin gesehen, denn sie trennt sich nie davon, und es steht nachts neben ihrem Lager.“

Daniela sah auf. „Ich sah ein aus Gold gearbeitetes Kleinod, das einem zierlichen Altar glich, auf dem Nachttisch der Gräfin stehen, als ich eines Morgens in ihrem Zimmer war.“

„Gewöhnen Sie sich nicht daran, Ihre künftige Herrin anders zu nennen als Frau Lentikoff. Sie hat ein Anrecht auf diesen Namen, da die Smolenskis mit ihrem vollständigen Namen einst nach ihren Gütern Grafen Smolenski-Ripnik-Saratow-Lentikoff hießen.

So, liebe Daniela, nun wissen Sie in großen Umrissen alles, was diese Ärmste zu einer einsamen, verbitterten Frau gemacht hat. Und wenn Sie die Stellung bei ihr annehmen, werden Sie ihre kleinen Absonderlichkeiten verstehen.“

„Was Sie mir erzählt haben, hat mich tief bewegt. Wie furchtbar muss die Ärmste gelitten haben!“

„Ja, sie hat unbeschreiblich gelitten. Seien Sie lieb und gut zu ihr, auch wenn sie unzugänglich scheint! Wenn es Ihnen gelingt, liebes Kind, nur ein wenig Freude und Sonnenschein in dieses verdüsterte Gemüt zu zaubern, haben Sie etwas sehr Gutes getan.“

„Es soll mein innigstes Bestreben sein, Frau Baronin.“

***

Es war zwei Wochen später. Daniela Falkner hatte die Baronin in Frau Lentikoffs Hotel begleitet. Frau Lentikoff hatte die beiden eingeladen, mit ihr zu speisen.

Natascha empfing die Damen und bat sie, noch einige Minuten zu warten. Sie sagte das in mühsam eingelernten deutschen Worten. Danach trat sie ins Nebenzimmer.

„Die Damen erwarten dich, Mütterchen“, meldete Natascha in russischer Sprache mit ihrer sanften, weichen Stimme.

„Es ist gut, Natascha. Gib mir noch ein Taschentuch!“, erwiderte Frau Lentikoff.

Sie war eine schlanke, aristokratische Erscheinung mit anmutigen, aber müden Bewegungen. Das weiße Haar zeigte noch die ganze Fülle von einst. Es kontrastierte stark gegen die noch dunklen Augenbrauen und die wundervollen dunklen Augen.

„Hast du dir die junge Dame angesehen, Natascha, die mit der Frau Baronin gekommen ist?“

„Ja, Mütterchen, sie ist noch so schön wie vor einem Jahr, da du im Haus der Frau Baronin weiltest. Sie ist lieb und freundlich wie damals.“

Die alte Dame nickte. „Ja, sie ist schön und gut, hat ein Herz für das Alter und ist sehr angenehm und sympathisch. Du weißt, dass ich sie mitnehmen will, wenn wir Berlin wieder verlassen.“

„Ja, Mütterchen. Und es wird gut sein, denn sie wird dir ein großes Glück bringen.“

Ein mattes Lächeln glitt um den Mund Frau Lentikoffs. „Ein großes Glück? Dann müsste sie meinen Sohn lebendig machen können, Natascha, ein anderes Glück wüsste ich nicht für mich. Nun ja, trotz allem will ich hoffen, dass mir die junge Dame über manche traurige Stunde hinweghelfen kann. Aber nun darf ich meine Gäste nicht länger warten lassen.“

Sie begrüßte erst herzlich ihre Freundin und wandte sich dann dem jungen Mädchen zu. „Fräulein Falkner, Sie wollen mir in Zukunft Gesellschaft leisten und mich alte, einsame Frau in mein ruheloses Leben begleiten?“

Daniela sah sie an. „Gern, gnädige Frau, wenn Sie es mir gestatten wollen.“

Frau Lentikoff hüllte sich fröstelnd fester in das kostbare Seidentuch. „Sie werden viel Geduld mit mir haben müssen, wenn ich trübsinnig und verbittert werde.“

„Ich werde alles tun, was in meiner Kraft steht, um Ihnen solche Stunden nach Möglichkeit fern zu halten oder sie Ihnen wenigstens tragen zu helfen.“

Frau Lentikoff nickte ihr zu und wandte sich dann an die Baronin. „Du hast Fräulein Falkner alles gesagt, was sie wissen muss, Magda?“

„Ja, Katharina, sie weiß alles.“

Diese sah wieder Daniela an. „So werden Sie also wissen, dass es nicht Launen sind, die mich für meine Umgebung unleidlich machen?“

„Ich weiß, dass Sie durch tiefes Leid bedrückt sind, gnädige Frau. Sie brauchen keinerlei Rücksicht auf mich zu nehmen.“

„Mein liebes Kind, ich hoffe, Sie finden das Leben bei mir erträglich. Aber nun wollen wir zu Tisch gehen, wenn es dir recht ist, Magda.“

Die Damen gingen hinunter in den Speisesaal. Hier hatte Frau Lentikoff einen Tisch in einer Nische bestellt. Frau Lentikoff ließ ein auserlesenes Mahl servieren, und man plauderte über allerlei Themen. Frau Lentikoff wurde etwas lebhafter, doch konnte sie mitten im Gespräch plötzlich starr vor sich hinblicken. Solche Momente kamen oft bei ihr. Dann wurde ihre Miene schlaff und fahl, in ihren Augen lag Grauen, und auf ihrer Stirn perlte Angstschweiß.

Die Baronin kannte diese Zustände ihrer Freundin, legte ihr sanft die Hand auf den Arm. „Katharina, komm zu dir!“, sagte sie leise.

Als die Baronin mit Daniela auf dem Heimweg war, sagte sie: „Liebes Kind, wenn Sie sehen, dass Frau Lentikoff mitten im Gespräch geistesabwesend vor sich hinblickt, so bieten Sie alles auf, um sie abzulenken. Sie haben es sicherlich heute Abend bemerkt. Die Ärmste wird dann immer von demselben Schreckbild heimgesucht. Sie sieht ihren Sohn auf den Schneefeldern Sibiriens, von hungrigen Wölfen umkreist. Man tut ihr dann eine Wohltat, wenn man sie um jeden Preis abzulenken sucht.“

„Die Ärmste, wie sie leiden muss! Könnte ich ihr doch helfen!“

„Das habe ich mir schon oft gewünscht. Aber dieser armen Mutter ist nicht zu helfen.“

An diesem Abend schrieb Daniela, als sie allein in ihrem Zimmer war, einen Brief an ihren Bruder Busso, dem sie mitteilte, welche Änderung in ihrem Leben eingetreten war.

Ohne zu zögern habe ich die Stellung bei Frau Lentikoff angenommen, denn du hast ja vorläufig keine Aussicht, nach Deutschland zu kommen. So wird es mir nicht schwer, mit der Dame ins Ausland zu gehen. Ich freue mich darauf, ein Stück von der Welt zu sehen. Mache dir also keine Sorge um mich, Busso, ich glaube, du kannst über mein Schicksal beruhigt sein. Vorläufig will ich wünschen, dass wir auch einmal Schweden besuchen und uns beiden dadurch ein Wiedersehen beschert wird. Jedenfalls lasse ich dich immer wissen, wo ich mich befinde und wie mich deine Nachrichten erreichen.

Hoffentlich erhalte ich vor meiner Abreise von Berlin noch einen Brief von dir – ich hatte schon seit Wochen keine Nachricht. Trotzdem hoffe ich, dass es dir gut geht. Ich bin so froh, dass du wieder ganz gesund bist, deine Wunde geheilt ist und keinerlei Folgen zurückgeblieben sind. So bist du doch körperlich nicht in deinem Fortkommen behindert.

Ich hoffe, dass ich in meiner neuen Stellung einige Ersparnisse machen kann. Das soll mir lieb sein. Da ich weder für Kleider noch für meinen Lebensunterhalt Ausgaben habe, werde ich den größten Teil meines Gehalts zurücklegen können. Aber nun will ich schließen mit herzlichen Grüßen. In schwesterlicher Liebe

Deine Daniela

Schon am übernächsten Morgen fand Daniela einen Brief ihres Bruders am Frühstückstisch.

Meine liebe kleine Schwester! Diesmal habe ich dich lange auf Nachricht warten lassen müssen. Ich hatte sehr viel zu tun, und meine wenigen freien Stunden habe ich meinem Freund Stefan Kolniko gewidmet, da er jetzt hier in Stockholm lebt. Du kannst dich sicher seines Namens erinnern. Stefan Kolniko ist der junge Russe, der mir die Flucht aus der Gefangenschaft ermöglichte. Sicher erinnerst du dich auch daran, dass ich ihm seinerzeit das Leben gerettet habe, als ich ihn verwundet unter den Trümmern eines brennenden Hauses hervorzog. Als ich dann ein Jahr später verwundet in russische Gefangenschaft geriet, fügte es ein günstiges Geschick, dass Stefan Kolniko Wachtposten war in dem Lazarett, wo ich lag. Eines Nachts, als er wieder Wache hatte, verhalf er mir zur Flucht und hatte alles sorglich vorbereitet, damit sie glückte. Er brachte mich selbst an einen sicheren Ort, wo ich Kleider, etwas Geld und sogar Papiere fand, die er einem toten Kameraden zu diesem Zweck abgenommen hatte. Es fiel mir schon damals auf, dass der schlichte Soldat – er war nicht Offizier – eine so gewählte Sprache hatte und ein tadelloses Deutsch sprach. Dass ich sicher über Finnland nach Schweden entkam, danke ich ihm.

Ich rief dir dies nur noch einmal alles ins Gedächtnis, um dich an Stefan Kolniko zu erinnern. Ich hatte ihm ein gutes Andenken gewahrt; abgesehen von dem, was er für mich tat, war er mir ungemein sympathisch. Nun denke dir mein freudiges Erstaunen, als ich ihn vor Wochen hier auf der Straße traf. Auf der Drottningallee kam er mir eines Sonntags entgegen. Wir stutzten beide, sahen uns groß an – und hielten uns auch schon an den Händen, als könnte es nicht anders sein. In diesem Augenblick wussten wir, dass wir Freunde waren.

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