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Hedwig Courths-Mahler - Folge 066

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Ich werde deine Frau

Spannender Roman um Intrigen, Verleumdungen und das Versprechen eines jungen Mädchens

 

 

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Tiefblau und wolkenlos wölbte sich der Himmel über der Erde. Es war um die Zeit der Heuernte. Auf dem großen Gut Bredow war alles in eifrigster Tätigkeit. Das Heu sollte hereingebracht werden.

Am fleißigsten schaffte der Tagelöhner Karl Hartmann mit seiner Frau. Brave, rechtschaffene Leute, die in ehrlicher Arbeit vorwärts strebten. Seite an Seite standen sie etwas abseits von den anderen Arbeitern und luden die Heubündel auf den bereitstehenden Wagen.

Die Pferde waren bereits vorgespannt. Sobald der Wagen voll geladen und der Heubau befestigt war, sollte er nach Hause gefahren werden.

Hartmanns hatten ein einziges Kind, einen frischen, kräftigen Knaben, der sich, wie die anderen Halbwüchsigen, in der Erntezeit ebenfalls nützlich machen musste. Fritz Hartmann hatte eben einen großen Krug kalten Kaffees für seine Eltern vom Herrenhaus gebracht.

Mamsell Säuberlich, die Haushälterin der Bredows, die Fritz Hartmann und seine Eltern besonders gut leiden mochte, hatte ihm noch eine Handvoll Backobst als Wegverzehrung in die Tasche gesteckt. Das war aufgezehrt, der Kaffee abgeliefert worden, nun konnte sich Fritz ausruhen. So lag er, etwa fünfzig Schritte von seinen Eltern entfernt, am Rand der abgemähten Wiese.

Er lag auf dem Bauch. Den Kopf stützte er in die Hände. Nachdenklich kaute er an einem Heuhalm, und der Blick seiner großen, klaren Augen ruhte unverwandt auf dem Kirchturm seines Heimatdorfs.

In seinem Gesicht arbeitete es, wie bei Menschen, die lebhaft und angestrengt über etwas nachdenken.

Und schließlich wurden seine Gedanken laut; er sprach vor sich hin:

„Das ist nun schon lang kein richtiger Kirchturm – lange nicht. Wenn ich mal einen baue, der muss bis in die Wolken gehen, und schöne Zacken muss er haben ringsum und ein goldenes Kreuz obenauf, das in der Sonne funkelt und …“

Was der Kirchturm sonst noch für Vorzüge haben musste, das erfuhr man nicht, denn Fritz Hartmann drehte sich plötzlich mit einem heftigen Ruck auf die andere Seite und blickte interessiert die Landstraße entlang. Er sah eine Staubwolke in der Ferne.

„Da kommt der Herr!“, rief er seinen Eltern zu. Dann sprang er auf und sah erwartungsvoll dem Auto entgegen. Es war das einzige in der Umgegend.

Eine arme Gegend. Heinrich Bredow, der Besitzer des Gutes, war unter vielen Kleinbauern der reichste Bewohner im weiten Umkreis.

Fritz’ Eltern hatten beim Zuruf des Sohnes nur kurz von der Arbeit aufgeblickt und ohne Pause die Fuder auf den Wagen gepackt. Sie hatten keine Zeit, einem Auto entgegenzusehen. Aber die Pferde vor dem Wagen hoben unruhig witternd die Köpfe.

Karl Hartmann kletterte auf den Wagen, um die Heubündel festzustampfen, und seine Frau reichte ihm mit der Heugabel frische Bündel hinauf. In dem selben Moment kam das Auto herbeigerast. Chrom und Scheiben blitzten in der Sonne. Die Pferde scheuten, stiegen wild empor und sprangen erschreckt nach der Mitte der Straße.

Der Chauffeur wollte ausweichen und bremsen, aber zu spät, die Pferde rannten direkt auf das Auto zu, um gleich darauf durch die Macht des Anpralls zur Seite geschleudert zu werden.

Gleich darauf fuhr das Auto mit einem furchtbaren Krach dem Heuwagen in die Seite.

Der Fahrer und Herr Bredow wurden aus dem Gefährt herausgeschleudert, ohne Schaden zu nehmen. Aber der Tagelöhner Karl Hartmann flog in weitem Bogen vom Heuwagen herab und so heftig mit dem Kopf gegen einen Baumstamm, dass er sofort tot liegen blieb. Damit noch nicht genug des Unglücks!

Frau Hartmann hatte ihrem Mann zu Hilfe kommen wollen, war dabei aber ausgeglitten, und der durch den Anprall in eine Rückwärtsbewegung geratene schwere Heuwagen fuhr über sie hinweg.

Ein vielstimmiger Entsetzensschrei hatte sich von den Lippen der Umstehenden gerungen, die das Unglück von der Wiese aus mit ansahen. Am lautesten schrie Fritz Hartmann, der mit ansehen musste, wie seine Eltern verunglückten.

Wie gelähmt standen die Tagelöhner einen Augenblick. Dann aber kam Bewegung in den Haufen. Mit großen Sprüngen rannten sie herbei, um zu helfen, allen voran Fritz Hartmann. Er warf sich über seinen Vater und schrie herzzerreißend. Und dann stürzte er über seine Mutter, die man eben unter dem Wagen hervorgezogen hatte.

„Mutterle – mein gutes Mutterle!“

Frau Hartmann musste den wilden Schmerzensschrei ihres Kindes vernommen haben. Sie schlug die Augen auf, ein Röcheln kam über ihre Lippen. Sie tastete nach dem Kopf ihres Kindes.

Ergriffen standen die Leute umher. Tränen rannen über die gebräunten, wetterharten Gesichter.

Bredow, der sich schnell wieder erhoben hatte, beugte sich zu der armen Frau nieder. Sie sah mit einem qualvollen Blick zu ihm empor – nur eine Sekunde. Dann irrten ihre Augen suchend in der Runde umher und blieben noch einmal auf dem jammernden Knaben ruhen.

Ein letzter tiefer Seufzer, ein Strecken des kräftigen Frauenkörpers, über die Lippen floss ein breiter Blutstrom – auch sie war tot.

Fritz Hartmann war Waise geworden.

Der Gutsherr trat erbleichend zurück zu dem Fahrer, der sich verstört am Auto zu schaffen machte.

„Können Sie mit dem Wagen einen Arzt holen, oder ist er nicht mehr fahrbar?“, fragte Bredow mit unsicherer Stimme.

„Ich kann fahren, Herr Bredow.“

„Dann los – schnell!“

Der Chauffeur sah noch einmal scheu zu den Verunglückten hinüber.

„Ich konnte nichts dafür, Herr Bredow, die Pferde liefen direkt in die Maschine!“, sagte er mit zitternder Stimme.

Bredow winkte nur stumm ab. Auch er blickte zur Seite – zwei Menschen in ihrem Blut – und zwei Pferde, die gleichfalls schwer verletzt waren. Nur er und der Fahrer waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben. Ein dumpfes Schuldgefühl stieg in ihm auf. Wenn er nicht so schnell hätte fahren lassen, hätte das Unglück dann vermieden werden können?

Die Arbeiter, die bleich und stumm um die beiden Toten und den jammernden Fritz standen, blickten finster und vorwurfsvoll zu Bredow hinüber. Ein junger Bursche, der noch nicht gelernt hatte, seine Zunge zu zügeln, sagte halblaut:

„Das verflixte Auto – das elende Ding ist an dem ganzen Unglück schuld!“

Hatte der Gutsherr diese Worte gehört, oder ärgerten ihn die finsteren Blicke? Er richtete sich straff auf.

„An eure Arbeit, Leute! Das Heu muss eingebracht werden. Über Nacht kann ein Gewitter kommen. Es genügt, wenn der alte Martin hier bleibt. Zwei von euch laufen ins Dorf und holen andere Pferde und einen Wagen, damit die Verunglückten heimgefahren werden können. Und den Tierarzt her, damit die Pferde versorgt werden!“

Die Leute gingen stumm und nicht eben schnell auseinander. Nur der alte Martin blieb stehen und nahm die Mütze ab. „Da is nun all nicht mehr zu retten, Herr Bredow, die beiden armen Menschen sind tot. Aber was soll nun mit dem Fritz werden?“, sagte er mit zitternder Stimme.

Bredow blickte eine Weile unschlüssig auf den schluchzenden Jungen, der noch immer über seiner toten Mutter lag.

„Das lassen Sie meine Sorge sein, Martin, ich nehme Fritz nachher mit ins Gutshaus. Wenn ich auch nichts dafür kann, dass die Pferde scheuten und das Unglück passierte, so werde ich trotzdem für den Jungen sorgen. Er kann im Schloss bleiben.“

Der alte Martin drehte seine Mütze in der Hand.

„Is man gut, da ist er ja woll am besten aufgehoben. Im Dorf haben die Leute alle selbst genug Kinder.“

Er neigte sich unbeholfen herab und fasste den Jungen begütigend an der Schulter.

„Na, nu steh man uff, Fritz, und wein nicht mehr so arg! Der Herr nimmt dich mit in sein Haus. Da is man gut zu leben. Hörst du woll? Wein man nicht mehr, das hilft ja doch nicht!“

Fritz sah aus verweinten Augen mit einem herzzerreißenden Ausdruck zu ihm auf.

„Ich will bei meinem Mutterle bleiben!“, jammerte er.

Bredow trat zu ihm heran. Er überwand den Schauder, den er beim Anblick des toten Weibes empfand, und half dem Jungen empor. „Komm Fritz, hier kannst du nicht bleiben, das siehst du doch ein. Ich bringe dich in mein Haus, du sollst es gut dort haben.“

Fritz riss sich von ihm los und sah ihn trotzig an. Dann schüttelte er den Kopf.

„Ich bleibe bei der Mutter“, sagte er fest.

Der alte Martin redete ihm liebevoll zu und trocknete seine Tränen mit einem roten Taschentuch, das mit weißen Punkten bedeckt war. Und er wusste die rechten Worte zu finden. Der Junge wurde ruhiger, und als sich der alte Martin auf ein Bündel Heu setzte und Fritz neben sich niederzog, blieben sie still sitzen. Da schluchzte sich Fritz, übermüdet vom Weinen und der Aufregung in den Schlaf. Die Natur half dem Halbwüchsigen die härteste Stunde seines jungen Lebens zu überstehen.

Als endlich die ausgeschickten Knechte mit dem Arzt und dem Veterinär ankamen, konnte der Doktor nur den Tod des Hartmannschen Ehepaares feststellen. Der Tierarzt bemühte sich um die Pferde.

Aus dem Dorf war inzwischen ein Wagen herbeigeholt worden. Die Leute bedeckten ihn mit einer Lage Heu und legten in düsterem Schweigen die beiden Verunglückten darauf. Mit einem großen Tuch wurden sie zugedeckt und dann langsam nach dem Dorf gefahren.

Während dieser Zeit saß der alte Martin reglos neben dem schlafenden Fritz. Als aber die Toten fortgefahren worden waren, winkte ihm Bredow zu, Fritz in das Auto zu bringen. Sanft und sorgsam, wie eine zärtliche Mutter, tat der alte Martin das.

Mit einer Handbewegung schickte Bredow die Leute an ihre Arbeit zurück. Dann setzte er sich neben Fritz ins Auto und sagte zum Fahrer halblaut: „Los!“

Frau Maria Bredow, eine schlanke Blondine, saß in einem eleganten Korbsessel auf der Veranda des Hauses. Sie hielt ein Buch in der Hand und las.

Auf dieser Seite lag das Wohnhaus nach einem wundervollen großen Garten hinaus, der sich bis zum Wald erstreckte. Nach hinten hinaus schlossen sich die Wirtschaftsgebäude, das Leutehaus, Scheunen und Ställe an.

Im Kellergeschoss befanden sich die Vorratsräume, die Milchkammern und die Küche. Dort herrschte Mamsell Säuberlich. Seit fünfundzwanzig Jahren war sie auf Bredow in Diensten. Sie war schon bei den Eltern des jetzigen Herrn als Mamsell angestellt gewesen.

Als dann die alte Herrschaft gestorben war und Maria Bredow als junge Frau ihren Einzug hielt, da stieg Mamsell Säuberlich ganz von selbst zur Haushälterin auf. Denn Frau Maria verstand nichts von der Wirtschaft, kümmerte sich um nichts und lag den ganzen Tag im Sessel oder auf dem Ruhebett, um Romane zu lesen. Eine Drohne, die sich von ihrem arbeitsfrohen Mann ernähren ließ und nicht einmal teilnahm an seinen vielen Sorgen und Schwierigkeiten.

Dafür war Mamsell Säuberlich umso tüchtiger. Sie war zuverlässig und fleißig und ihrer Herrschaft treu ergeben. Bredow konnte froh sein, dass Mamsell sein Hauswesen so tadellos verwaltete, sonst hätte es wohl sehr böse in Bredow ausgesehen.

Er wusste das auch, und wenn in seinen Augen ein Untergebener etwas galt, dann war es Mamsell Säuberlich. Die durfte es sich sogar zuweilen erlauben, eine eigene Ansicht laut werden zu lassen.

Auch Frau Maria schätzte die Mamsell, weil sie ihr alles Unangenehme abnahm, für Zucht und Ordnung im Haus sorgte und unermüdlich schaffte.

So ging in Bredow alles wie am Schnürchen, dank Mamsell Säuberlichs Regiment. Eben ertönte wieder ihre frische Stimme aus dem Küchenfenster im Kellergeschoss. Ihr gutmütiges, aber sehr energisches Gesicht, von grauen Haaren umrahmt, erschien.

Neben Maria Bredow saß ihr einziges Kind, ein hübsches Mädchen. Goldblonde Locken umgaben das liebreizende Gesicht mit den großen, dunkelblauen Augen. Es trug ein helles Dirndlkleid mit blauer Schürze und flache Schuhe mit weißen Halbstrümpfen.

Das Mädchen hieß Ria.

Eigentlich war sie nach der Mutter Maria getauft worden, aber die Eltern riefen sie „Ria“, und so hieß sie nun im ganzen Anwesen. Mamsell Säuberlich nannte sie außerdem „Prinzesschen“, und alle waren der Ansicht, dass das blonde Mädchen diesen Namen verdiente. Es war ein holdes, liebes Ding und konnte nicht sehen, wenn jemand betrübt oder traurig war.

Als Ria jetzt Mamsell Säuberlichs Stimme unten am Küchenfenster vernahm, kletterte sie schnell an der Verandabrüstung empor und beugte sich darüber.

„Mamusch, zankst du?“, rief sie hinunter.

Mamsells Gesicht erschien sofort am Küchenfenster.

„Ich zanke nicht, Riakind“, erwiderte sie freundlich.

„Hm, das ist fein. Mamusch, bringst du mir ein paar Erdbeeren mit Schlagsahne, ja?“

Mamsell lachte. „Schon wieder, du Leckermäulchen?“

Ria zappelte vergnügt an der Brüstung.

„Mach nur, Mamusch! Weißt, ich hab heute so lange gelernt, und da muss es doch ’n bisschen was Nettes zur Erholung geben, nicht?“

„Ach so, na dann freilich. Musst aber noch ein Weilchen warten, bis die Sahne frisch geschlagen ist. Dann bring ich sie dir.“

„Hm, fein! Das tu nur! Und vergiss nicht, Zucker auf die Erdbeeren zu streuen!“

„Ih, wo werd ich denn. Aber nun häng dich nicht zu weit über, sonst fällst du herunter!“

Ria lachte: „Plumps, pardauz, dann liege ich unten in den Milchkübeln!“

Mamsell drohte: „Rackerchen, wenn du nicht folgst, gibt es keine Erdbeeren!“

Ria warf ihr eine Kusshand zu. „Ich bin schon artig. Nun mach schnell, Mamusch!“

Sie kletterte von der Brüstung herab, und Mamsell verschwand unten am Küchenfenster.

Ria ging zu ihrer Mutter hinüber. „Du, Mama, ich bekomme Erdbeeren, willst du auch welche haben?“, fragte sie vergnügt.

Frau Bredow sah unwillig von ihrem Buch auf. „Kind, du sollst mich nicht immer stören, siehst du nicht, dass ich lese?“

Ria machte ein betrübtes Gesicht. „Die dummen Bücher, immerzu musst du darin lesen, hast gar keine Zeit für dein Riakind.“

Frau Maria zog die Augenbrauen nervös zusammen.

„Du bist ein unruhiger Geist, Ria. Sei artig! Deine Erzieherin muss in einigen Tagen wiederkommen, wenn ihre Mutter wieder gesund ist.“

„Aber wenn sie nun noch lange krank bleibt?“

„Dann bekommst du eine andere Erzieherin.“

„Eine andere? Spielt die auch Tennis mit mir und reitet sie?“

„Das ist nicht so wichtig. Wichtiger wäre, dass sie dich nun ernstlich Sprachen, Lesen und dergleichen lehrt.“

„Ach, das eklige Lesen! Davon will ich lieber gar nichts hören. Schrecklich, wenn man immerzu die grässlichen Buchstaben angucken muss!“

Frau Bredow zog die Augenbrauen hoch und seufzte.

„Du bist vorlaut, Ria. Ach, gottlob, da kommt Mamsell. Liebe Mamsell, Ria ist wieder einmal unglaublich unruhig. Nicht fünf Minuten kann sie sich allein beschäftigen.“ Mamsell war auf die Terrasse gekommen mit einem Teewagen, auf dem auch eine Glasschale mit Erdbeeren stand. Sie hatte es für heute übernommen, den Tee zu bringen, weil alles draußen war, um beim Einbringen der Ernte zu helfen. Das waren anstrengende Tage für alle, auch für Mamsell Säuberlich. Sie setzte die Glasschale auf ein kleines Tischchen.

„Das ist nun mal mit Riachen nicht anders, gnädige Frau. Sie muss immer war zu tun und zu fragen haben und braucht jemand, der sich mit ihr beschäftigt. Sie kann sich noch nicht stundenlang selbst überlassen sein.“

„Ja, ja“, seufzte Frau Maria wieder, „es war recht dumm, dass das Fräulein nach Hause reisen musste. Ich hätte sie nicht beurlauben sollen.“

„Aber, gnädige Frau, wenn ihre Mutter schwer krank ist und niemand hat, der sie pflegt, kann man sie doch nicht hier festhalten!“

„Freilich nicht. Aber ich habe den Schaden davon. Kein Mensch kann sich jetzt in der Heuernte um Ria kümmern, den ganzen Tag muss ich sie um mich haben.“

„Es wird nicht mehr lange dauern, gnädige Frau“, begütigte Mamsell und streichelte der vergnügt schmausenden Ria die rosige Wange.

„Nein, lange sehe ich es auch nicht mehr mit an. Wenn die Hauslehrerin nicht bald zurückkommt, muss jemand anderes engagiert werden. Ria braucht ihre Lehrerin nötiger als ein anderes Kind.“

„Das mag sein, gnädige Frau. Aber sie ist ja eigentlich für eine Erzieherin schon zu reif.“

„Es ist der einzige Ausweg, mit Ria fertig zu werden, meine liebe Säuberlich.“

Die Säuberlich kannte die Klagen der verwöhnten Frau auswendig. Das war die rechte Mutter für das warmherzige und temperamentvolle junge Mädchen nicht.

„Hörst du, Ria“, fuhr Mamsell, zu dem Kind gewandt fort, „nun geht das Lernen bald wieder los. Heute bist du mal bisschen still, damit du Mama nicht mehr störst.“

Ria nickte. Dann aber lauschte sie plötzlich auf und rutschte vom Stuhl herunter. „Horch, Mamusch, Papas Auto kommt zurück!“

Mamusch lauschte nun ebenfalls, und auch Frau Maria legte ihr Buch beiseite und trat neben Ria an die Verandabrüstung.

„Ria hat Recht, mein Mann kommt zurück, lassen Sie hier servieren, Mamsell!“

Mamsell überzeugte sich erst, ob Herr Bredow wirklich zurückkam.

„Heute muss ich doch alles selbst tun, gnädige Frau. Alles ist bei der Ernte.“

Als dann das Auto an den Verandastufen vorfuhr und sie neben dem Herrn Fritz Hartmann erblickte, blieb sie erstaunt stehen.

Auch Frau Bredow blickte verwundert auf den barfüßigen Jungen, der eben aus dem Auto kletterte.

„Mein Gott, Heinrich, wen bringst du denn da?“, fragte sie kopfschüttelnd.

„Das ist der Fritz Hartmann!“, entfuhr es Mamsells Lippen. Sie war verblüfft, dass der Tagelöhnersohn mit im Auto saß. Herr Bredow veranlasste Fritz, ohne seiner Gattin gleich zu antworten, näher zu kommen.

Scheu und beklommen tat er es.

Die Erinnerung an das vor kurzem Erlebte kam ihm erst jetzt zurück, und die hellen Tränen rannen ihm über die Wangen, obwohl er sich Mühe gab, sie zu unterdrücken.

Einem Wink des Gutsherrn folgend, schritt er hinter ihm die Verandatreppe hinauf, während der Fahrer das Auto ums Haus herum in den Hof lenkte.

Herr Bredow küsste zuerst seiner Frau die Hand und streichelte Rias blondes Köpfchen. Dann wandte er sich an Mamsell Säuberlich.

„Der Junge bleibt im Schloss, Mamsell. Seine Eltern sind beide verunglückt. Die Pferde des Heuwagens scheuten vor dem Auto. Die Hartmanns sind beide tot. Wie durch ein Wunder blieben der Fahrer und ich unverletzt.“

Frau Bredow fasste erschrocken nach seinem Arm und drückte ihr Taschentuch gegen die nervös zuckenden Lippen.

„Mein Gott, welch ein Unglück!“, rief sie schaudernd.

Mamsell war bleich geworden und starrte ihren Herrn entsetzt an. „Die Hartmanns tot – beide das – ist – nein – das ist doch nicht möglich! Ich sah sie heute Mittag noch gesund und frisch“, stammelte sie und beugte sich erschüttert über den schluchzenden Fritz.

„Es ist leider so“, sagte Bredow ungeduldig.

„Aber, mein Gott, Heinrich, erzähle, wie ging das zu?“ Frau Bredow sank erschüttert in ihren Sessel zurück.

Bredow gab halb widerwillig einen kurzen Bericht. Zum Schluss sagte er abwehrend:

„Nun quält mich nicht weiter mit Fragen! Die Geschichte ist mir sehr schmerzlich, ich wollte, es wäre nicht geschehen.“

Ria schmiegte sich an ihren Vater und sagte, scheu zu Fritz hinübersehend:

„Papa, warum weint der Junge?“ Herr Bredow schob sein Töchterchen unsanft zurück.

„Frag nicht so viel, Ria!“, erwiderte er schroff, und sich bezwingend wandte er sich an Mamsell und fuhr fort:

„Selbstverständlich sorge ich für den Jungen, bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Ich gebe ihn in Ihre Hände, Mamsell. Er soll im Schloss bleiben. Sie werden ihn schon irgendwie unterbringen. Er kann in den Gesindekammern logieren. Oder wenn Sie es anders einrichten wollen, ist es mir auch recht. Seine Ordnung soll er haben und Essen, Trinken und Kleidung, wie er’s von zu Hause gewöhnt ist. Und mit der Schule, na, wollen sehen – es ist ja ein bisschen weit bis ins Dorf, im Winter wenigstens. Aber da wird sich auch ein Ausweg finden. Also ich überlasse alles Ihnen, sorgen Sie, dass ich nicht zu viel damit behelligt werde!“

Mamsell tastete mit zitternden Händen über den kurz geschorenen Knabenkopf. Das Herz stand ihr fast still vor Jammer und Mitleid. Sie hatte die braven, fleißigen Eltern des Knaben so gern gehabt. Nun war der arme Kerl mit einem Schlag verwaist.

Mamsells Lippen bebten verdächtig.

Herr Bredow sah sie unbehaglich an.

„Nun stehen Sie nicht da wie eine Salzsäule, Mamsell, ich kann nichts daran ändern!“, sagte er schroff und ging schnell ins Zimmer, dessen Tür offen stand.

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