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Hedwig Courths-Mahler - Folge 065

Sind die Herrschaften zu Hause?“

„Nein, gnädiger Herr. Die Damen sind auf einer Spazierfahrt, und der gnädige Herr ist zur Börse gefahren.“

Hans Roland gab seine Karte ab. „Bitte melden Sie den Herrschaften, dass ich bedaure, sie nicht angetroffen zu haben.“

Der Diener verneigte sich. „Sehr wohl, gnädiger Herr.“

Mit einem gewissen Wohlgefallen sah er hinter dem Besucher her. „Schneidiger Kerl! Famos gewachsen! Und tiptop angezogen! Nicht so ein angekränkelter Fatzke, wie sie meistens hier ein- und aus gehen. Wette, dass er dem gnädigen Fräulein gefällt, obwohl sie ihn noch schlechter behandelt als die anderen alle, die sich nach ihrem Geld die Hacken ablaufen. Für die anderen ist sie zu schade, sie passt nicht zu so einem Zierbengel mit dem Schmachtscherben im Auge. Aber der da, das ist ein ganzer Kerl. Da soll sich das gnädige Fräulein nur nicht lange besinnen. Heiraten wird sie ja doch eines Tages, denn mit der neuen Gnädigen versteht sie sich nicht. Wie soll sie auch? Sie ist echtes Gold, die Gnädige Talmi. Hat übrigens auch ein Auge auf diesen Herrn Roland geworfen, die Gnädige, aber er sieht an ihr vorbei. Seine Augen suchen nur das gnädige Fräulein – und wie!“

Nach diesem Selbstgespräch schloss der Diener die Pforte und ging langsam durch den Garten nach der Villa Friesen zurück.

Hans Roland ahnte natürlich nicht, mit welchen Gedanken der Diener ihm nachgesehen hatte. Ohne auf seine Umgebung zu achten, schritt er dahin.

Man sagte in seinem Bekanntenkreis von ihm, dass er ein durchaus anständiger Charakter sei, der aber gelegentlich einer törichten Tollheit nicht aus dem Weg ginge. Jedenfalls wägte er nicht ängstlich ab, wohin er seinen Fuß setzen sollte. Dazu war er zu impulsiv, zu sehr Kraftnatur.

Man sah ihn überall gern, hauptsächlich in töchterreichen Familien.

„Diese Art gibt die besten Ehemänner“, sagten die Väter verständnisvoll. Und die Mütter verliebten sich über die Töchter hinweg in ihn und wünschten, er möge sie zur Schwiegermutter wählen.

Hans Roland kümmerte sich aber vorläufig weder um die Väter noch um die Mütter, am allerwenigsten um die Töchter – außer der Einen, Einzigen, die seit wenigen Monaten sein Herz gefangen genommen hatte.

Früher hatte er die Frauen nie wichtig genommen, er hatte sie gern angesehen, so weit sie hübsch und liebenswürdig waren, und hatte mit der einen oder anderen ein wenig getändelt, aber eine besondere Rolle hatte keine in seinem Leben gespielt – bis er Anita Friesen sah.

Dieses schöne, eigenartige Mädchen hatte sogleich einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Sein junges Blut jagte zum Herzen, wenn er in ihre Nähe kam. Wenn sie mit ihm sprach, leuchteten seine Augen, und wenn sie sich von ihm abwandte, erblasste er vor innerer Erregung. Ihre abweisenden Blicke quälten ihn namenlos und jagten ihn oft stundenlang durch die Nacht. Aber immer zog es ihn wieder magnetisch in ihre Nähe.

Anita Friesen hatte vor einigen Jahren eine Stiefmutter bekommen, eine sehr junge und schöne Stiefmutter, die nur vier Jahre älter war als sie selbst. Und sie hatte es noch immer nicht verwunden, dass ihr Vater ihrer Mutter eine Nachfolgerin hatte geben können. Nie hatte sie geglaubt, dass er wieder heiraten würde, zumal er ganz in seinen Geschäften aufzugehen schien. Ganz plötzlich hatte er sie dann mit der Mitteilung überrascht, dass er wieder heiraten werde.

Das hatte Anita sehr unangenehm berührt. Aber noch unangenehmer war es ihr, dass ihre Stiefmutter nur wenig älter war als sie. Vom ersten Augenblick stand sie dieser Frau ablehnend gegenüber. Zwei verschiedenartigere Charaktere konnte es auch nicht leicht geben. Anita war ein stiller, vornehmer und tiefgründiger Charakter. Ihre Stiefmutter hingegen war eine oberflächliche Natur, deren hervorstechende Eigenschaften Genusssucht, Lebensgier und Gefallsucht waren.

Seit sie ihren Einzug gehalten hatte in der Villa Friesen und sie mit lärmender, wenig feiner Geselligkeit füllte, hegte Anita den brennenden Wunsch, ihr Vaterhaus zu verlassen. Bisher war das nicht möglich gewesen, aber zuweilen suchte Anita ihr Heil in der Flucht und ging auf Reisen.

Wohl hätte sie oft genug Gelegenheit gehabt, dem. unerträglichen Zustand zu entfliehen, indem sie sich selbst verheiratete. Aber eine Ehe ohne Liebe einzugehen, vermochte sie nicht. So stolz und kühl sie auch erschien, besaß sie doch ein tiefes Empfinden, ein reiches Seelenleben, und um keinen Preis hätte sie ihre Hand ohne ihr Herz verschenkt.

Sie hatte geglaubt, nicht fähig zu sein, von ganzem Herzen zu lieben, denn so viele Männer sich auch um sie bewarben, gelang es nicht einem, ihr Herz schneller schlagen zu lassen.

Aber dann war eines Tages Hans Roland im Salon ihrer Stiefmutter aufgetaucht. Es war ein seltsames Erlebnis für Anita Friesen gewesen. Sie war kurz vor dem Beginn einer Festlichkeit in die Gesellschaftsräume getreten, an die der Salon ihrer Stiefmutter grenzte. Da noch keine Gäste da waren, ging Anita über die weichen Teppiche hinüber nach diesem Salon. In dem Moment, da sie das Nebenzimmer betrat, sah sie in einem Spiegel, der im Salon ihrer Stiefmutter angebracht war, wie Frau Erika Friesen einen fremden Mann umarmte und küsste.

Sie hörte, wie ihre Stiefmutter sagte: „Wie glücklich bin ich, lieber Hans, dass du gekommen bist! Wie habe ich mich gesehnt nach dir!“

Und sie vernahm dann auch die Stimme des fremden Mannes, der beschwörend erwiderte: „Ich bitte dich, Erika, sei vorsichtig – wenn man uns überrascht!“

Empört hatte sich Anita zurückziehen wollen. Was sie gesehen hatte, war ihr ein neuer Beweis, dass ihre Stiefmutter es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahm. Aber in dem Moment, als sie sich zurückziehen wollte, betrat auch ihr Vater die Gesellschaftsräume. Eine unsinnige Angst überfiel sie und veranlasste sie, den Vater laut zu begrüßen, damit die Stiefmutter gewarnt wurde.

Gleich darauf trat Frau Erika mit dem Fremden aus ihrem Salon.

„Liebster Heinz, hier stelle ich dir einen Jugendfreund vor – Dr. Hans Roland. Herr Doktor – mein Gatte und meine Stieftochter Anita.“

Zum ersten Mal hatte nun Hans Roland Anita Friesen gegenübergestanden, ahnungslos, dass sie eben Zeugin einer ihm selbst äußerst peinlichen Szene gewesen war.

Anita stand ihm mit stolzer Kälte gegenüber, denn sie musste nach dem, was sie gesehen hatte, glauben, dass dieser Dr. Hans Roland im Einverständnis mit ihrer Stiefmutter gewesen war, als sie ihn küsste. Aber sie tat ihm Unrecht, er war schuldlos an dieser stürmischen Begrüßung und dachte nicht daran, dem Herrn dieses Hauses zu nahe zu treten. Was ihn mit Frau Erika verbunden hatte, lag für ihn in der Vergangenheit, und er hatte es durchaus nicht wieder aufleben lassen wollen, als sie ihm vor einigen Tagen begegnet war und ihn aufgefordert hatte, sie zu besuchen. Er hatte der Einladung Folge geleistet, ein wenig neugierig, wie die schöne Erika, mit der er eine Weile vor ihrer Verheiratung geflirtet hatte, sich als reiche Bankiersgattin ausnehmen würde.

Zu seinem Erstaunen war er als erster Gast eingetroffen, obwohl er eine Viertelstunde später kam als er eingeladen worden war. Frau Erika hatte ihn absichtlich früher als die anderen Gäste gebeten. Und gleich bei seinem Eintritt hatte sie ihn begrüßt wie in jener Zeit, da er eine Liebelei mit ihr gehabt hatte. Ehe er energisch gegen diese Art der Begrüßung protestieren konnte, war Erika zusammengezuckt und hatte ihm zugeflüstert: „Mein Mann kommt!“

Er hatte sich vorgenommen, dieses Haus nicht wieder zu betreten. Aber dann sah er Anita, und beim ersten Blick in ihre stolzen, reinen Augen fühlte er, dass er der Frau gegenüberstand, die seinem suchenden Herzen Lebensinhalt werden konnte.

Hans Roland wich im Verlauf des Abends kaum von Anitas Seite, obwohl sie sich kalt und ablehnend verhielt. Sie wirkte auf ihn wie eine Offenbarung alles Guten, Schönen und Erstrebenswerten, und er zeigte ihr das unverhohlen. Sie aber sah in ihm den Liebhaber ihrer Stiefmutter und behandelte ihn so abweisend, wie es möglich war.

Von nun an begegnete sie ihm sehr oft. Und immer folgte er ihr in Gesellschaft wie ein Schatten. Als sie merkte, dass er sich ernstlich um sie bewarb, spielte ein verächtliches Lächeln um ihre Lippen.

„Ein Mitgiftjäger, wie viele andere! Er möchte meinen Reichtum heiraten und mich notgedrungen mit in Kauf nehmen. Seine Liebe gehört ja der Frau meines Vaters“, dachte sie.

Und eine schmerzliche Bitterkeit erfüllte ihr Herz.

***

Doktor Hans Roland schritt, wie magnetisch angezogen, nach Ludwigslust hinaus. Es war ein beliebter Ausflugsort.

Bei dem herrlichen Spätsommerwetter begegneten ihm zahlreiche Spaziergänger und verschiedene Equipagen mit ihren Insassen.

Als er den Stadtpark hinter sich gelassen hatte, wurde es stiller auf der breiten Fahrstraße, die durch den Wald führte. Vergeblich hatte er nach dem Wagen Anitas Ausschau gehalten, und schon wollte er umkehren. „Nur noch bis zum nächsten Kreuzweg“, gab er sich selbst die letzte Frist.

Und gerade, als er da angelangt war, vernahm er plötzlich ein angstvolles Rufen und erblickte von weitem einen eleganten Selbstkutschierer auf der Straße daherrasen. Er erkannte sofort, dass die Pferde der Lenkerin durchgegangen waren, und diese Lenkerin war Anita Friesen.

Hans Roland überblickte die gefährliche Situation, in der sich die Damen befanden, sofort. Er sah Anitas krampfhaftes Bemühen, die Pferde zu halten, sah, wie sich Frau Erika schreiend an die Lehne ihres Sitzes klammerte und wie der hinten auf dem Wagen sitzende Diener vergeblich versuchte, hinüberzuklettern und zu Hilfe zu kommen.

Sein Herz schlug angstvoll, als er Anita erkannte, aber nicht eine Sekunde war er im Zweifel, was er zu tun hatte. Eine wilde Energie blitzte in seinen Augen auf. Seine schlanke, sehnige Gestalt straffte sich, und ohne langes Überlegen sprang er mitten auf die Straße und erwartete die heranstürmenden Pferde.

Mit einem abwägenden Blick sah er den Tieren entgegen, und als sie ihm nahe kamen, fuhr er mit einem jähen Griff in die Zügel und riss mit ganzer Kraft die Pferde zurück.

Sie bäumten sich auf und drohten ihn mit fortzureißen. Da entfuhr auch Anitas bisher fest geschlossenen Lippen ein Schrei.

Er hörte ihn und sah in ihrem Antlitz einen Moment eine wilde Angst aufblitzen. Seine Augen leuchteten auf in jäher Freude. Mit einem erneuten gewaltigen Ruck brachte er die Tiere zum Stehen. Kaum war dies gelungen, als Anita auch schon mit einem Satz vom Wagen herabsprang, während ihre Stiefmutter dem Diener halb ohnmächtig in die Arme sank.

Hans Roland sah nur Anita. „Haben Sie sich verletzt, gnädiges Fräulein?“, rief er ihr zu. Sie schüttelte den Kopf und starrte ihn an, blass bis in die Lippen.

„Nein – aber Sie?“

Er zeigte ihr aufatmend seine Hände und lächelte. Die Handschuhe waren an den Handflächen mitten durchgeplatzt.

„Nur meine Handschuhe sind zu Schaden gekommen. Gottlob, dass Sie unverletzt sind! Aber Ihre Frau Mutter scheint Hilfe zu brauchen.“ Anita trat mit einem jähen Schritt zur Seite. Ihre Augen blickten plötzlich wieder kühl und abweisend. Er hatte ja nur um ihrer schönen Stiefmutter willen sein Leben riskiert, als er sich den scheuen Tieren entgegenwarf.

Nur widerwillig wandte sich Hans Roland Frau Erika Friesen zu. Er rief zuerst den Diener herbei und übergab ihm die Zügel. Dann trat er an den Wagen heran. „Darf ich Ihnen behilflich sein, gnädige Frau? Wollen Sie absteigen? Es ist Ihnen doch nichts geschehen?“, fragte er artig.

Frau Erika war in einer kläglichen Verfassung. Sie rückte mit zitternden Händen ihren Hut zurecht. „Ich weiß nicht, ob ich heil und unversehrt bin. Das war eine Höllenfahrt! Es ist unerhört, Anita, dass du mich diese Fahrt mitmachen ließest. Nie vertraue ich mich dir wieder an“, sagte Erika scheltend und sah Anita mit vorwurfsvollem Blick an.

Anita hatte gesehen, dass sich Frau Erika an Hans Rolands Arm klammerte. Sie wurde noch ein wenig bleicher und zuckte die Achseln, während sie mit kalten Augen zusah, wie Hans Roland ihre Stiefmutter zu beruhigen versuchte.

„Bitte, erinnere dich, dass ich dir abriet, mich zu begleiten, weil ich neue Pferde einfahren wollte. Du bestandest darauf, mich zu begleiten“, sagte sie scheinbar ruhig.

„Du hättest mir sagen müssen, dass es gefährlich war“, erwiderte Frau Erika.

„Ich wusste natürlich nicht, dass die Tiere scheuen würden. Hoffentlich hast du dir keinen Schaden getan.“

„Ach, ich weiß nicht – ich fühle mich wie zerschlagen.“

Hans Roland hatte bei Frau Erikas anklagenden Worten die Stirn zusammengezogen. „Vielleicht versuchen Sie, einige Schritte zu gehen, gnädige Frau“, schlug er vor.

Frau Erika ließ sich mit einem schmachtenden Augenaufschlag, der ihm das Blut unwillig in die Stirn trieb, vom Wagen heben und ging, sich fest auf seinen Arm stützend, einige Schritte hin und her. „Gottlob, ich scheine nicht verletzt zu sein. Aber diesen Pferden vertraue ich mich nicht noch einmal an. Ich gehe lieber zu Fuß, bis ich einem Mietwagen begegne, der mich nach Hause bringt. Dir wird wohl auch die Lust vergangen sein an dieser Spazierfahrt, Anita.“

Die junge Dame stand mit abgewandtem Gesicht neben dem Wagen. Sie wollte nicht sehen, wie diese beiden Menschen heimliche Blicke wechselten.

„Die Pferde sind ja wieder ruhig. Ich steige auf und fahre nach Hause“, sagte sie und trat an die Pferde heran.

Hans Roland kam schnell an ihre Seite. „Mein gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht lieber auch verzichten, nochmals mit den Tieren zu fahren? Sie sind noch etwas unruhig“, sagte er flehend.

Sie schüttelte trotzig das Haupt. „Ich steige wieder auf“, erwiderte sie schroff.

„Das ist Eigensinn, gnädiges Fräulein.“

Sie richtete sich stolz empor. „Ich weiß, was ich zu tun habe.“

Er biss sich auf die Lippen. „Verzeihen Sie – daran zweifele ich nicht. Aber Ihre Frau Mutter wird sich um Sie ängstigen.“

Mit einem seltsam wehen Blick sah sie ihn an, und ihre Lippen zuckten.

„Meine Mutter ist tot. Frau Erika Friesen aber wird sich bestimmt nicht um mich ängstigen. Sie werden sie bis zu einem Wagen begleiten, Herr Doktor. Um mich brauchen Sie sich nicht mehr bemühen, ich helfe mir selbst.“

Mit einer Verneigung trat er zurück. „So gestatten Sie mir wenigstens, Ihnen auf den Wagen zu helfen.“

Sie wollte schnell an ihm vorüber und sich allein hinaufschwingen. Aber ehe sie es hindern konnte, hob er sie empor.

Er sah dabei ganz ruhig aus, nur seine Stirn rötete sich vor unterdrückter Erregung. Mit einer Verbeugung reichte er ihr die Zügel und sagte mit heiserer Stimme: „Fahren Sie wenigstens langsam, gnädiges Fräulein!“

Sie nahm die Zügel aus seinen Händen und zuckte leicht zusammen, als er dabei ihre Hände berührte.

Dann richtete sie sich auf, und mit einem sonderbaren Blick herabsehend, sagte sie herb: „Ich verdanke Ihnen vielleicht mein Leben, Herr Doktor – verzeihen Sie, dass ich das erst jetzt feststelle und Ihnen meinen Dank ausspreche.“

Ein wilder Grimm packte ihn, weil sie dabei so kalt und unnahbar blieb.

„Es bedarf keines Dankes, gnädiges Fräulein – zumal ich meinen Lohn schon erhalten habe“, erwiderte er scheinbar ruhig.

Fragend sah sie ihn an. „Ihren Lohn?“

Er verneigte sich. „Ja, ich war reichlich belohnt – als Sie aufschrien, in dem Moment, da mich die Pferde fortzuschleifen drohten. Er bewies mir, dass Sie wenigstens in jenem Augenblick um mein Leben bangten.“

Dunkle Glut färbte ihr Antlitz. „Wenn man einen Menschen in Gefahr sieht, erschrickt man“, sagte sie unsicher.

Er lächelte bitter. „Sie brauchen nicht abzuschwächen. Ich weiß, dass die Angst um das Leben eines Straßenjungen Ihnen vielleicht denselben Schrei erpresst hätte. Aber ich darf doch meine Freude darüber ausdrücken, dass ich Ihnen nicht weniger gelte als ein Straßenjunge. Sie sehen, es hat keine Gefahr, dass ich arrogant werde. Aber nun will ich Sie nicht länger aufhalten. Ihre Frau Mutter, pardon, Frau Erika Friesen wartet auf mich.“

Damit trat er zurück und ging zu Frau Erika.

„Geben Sie mir Ihren Arm, Herr Doktor, ich bin noch sehr angegriffen“, empfing sie ihn.

Er reichte ihr den Arm. „Bitte verfügen Sie über mich, gnädige Frau!“

Anita sah mit zuckenden Lippen auf die beiden herab. Wie formell sie sich titulierten! Und sie hatte doch an jenem Abend ganz deutlich gehört, dass sie sich du nannten und Hans und Erika. Schmerz durchzuckte sie. Als der Diener jetzt aufgesprungen war, riss sie heftig an den Zügeln und trieb die Pferde zum raschen Lauf an. Sie wollte die beiden nicht mehr zusammen sehen.

Hans Roland blickte besorgt hinter dem Wagen her und atmete auf, als die Tiere eine ruhige Gangart einschlugen. Es hatten sich unterdessen einige neugierige Spaziergänger eingefunden, die nun gaffend herumstanden.

Hans Roland führte Frau Erika davon.

Sie sagte kopfschüttelnd: „Ich verstehe Anita nicht. Wie konnte sie sich nur nochmals diesen Pferden anvertrauen, nachdem sie kaum mit heiler Haut davongekommen war!“

Er wandte sich ihr zu. „Sie ist sehr mutig.“

„Ach, sag doch lieber eigensinnig!“

Unmutig zog er die Stirn zusammen. „Ich habe Sie schon wiederholt gebeten, das ‚Du‘ aus unserem Verkehr zu streichen, Frau Erika.“

Sie zog ein Mäulchen. „Ja doch! Ich vergesse es nur immer wieder. Und wenn wir allein sind, ist es doch lächerlich, wenn ich Sie so feierlich Herr Doktor tituliere. Aber sagen Sie, Hans, finden Sie es nicht eigensinnig von Anita, mit den nervösen Tieren weiterzufahren?“

Er antwortete nicht auf diese Frage, sondern sagte nur: „Sie sympathisieren anscheinend nicht mit Ihrer Stieftochter.“

Sie zuckte die Achseln. „Was heißt sympathisieren? Wir verstehen uns nicht. Sie ist zu ernst und zu schwerfällig. Ich liebe Frohsinn und Heiterkeit. Und deshalb steht sie mir kritisch gegenüber. Denken Sie doch, diese törichte kleine Puritanerin hat ihren Vater gebeten, ihr keinen Schmuck zu schenken, sie will das Geld dafür lieber den Armen geben. So ein Unsinn! Na, und außerdem – angenehm ist es natürlich nicht für mich, eine erwachsene Stieftochter zu haben. Das macht mich um zehn Jahre älter.“

Er wusste, dass sie nun eine Schmeichelei hören wollte, und er rang sich einige Worte ab: „Sie brauchen das nicht zu befürchten, trotz Ihrer schönen Stieftochter.“

Sie blickte rasch und forschend zu ihm auf. „Finden Sie Anita schön, Hans?“

Er war auf der Hut. „Ich glaube, dass sie sehr schön ist.“

„Ach, ich finde sie langweilig. Freilich, sie hat es nicht nötig, zu bezaubern – das tut ihr Reichtum schon.“

„Meinen Sie?“, fragte er mit seltsamer Betonung.

„Ach, spielen Sie nur nicht den Harmlosen, Hans, ich merke es doch, dass Sie sich um Anita bemühen.“

Seine Augen blickten starr. „So, das merken Sie?“, fragte er spöttisch.

Sie nickte. „Natürlich, ich habe doch scharfe Augen, mir entgeht so leicht nichts.“

„Und Sie denken, dass ich besondere Gründe habe, mich um Fräulein Friesen zu bemühen?“, fragte er.

„Ich denke, dass Sie es nötig haben, nach einer reichen Frau Umschau zu halten. Man sagt zwar, dass Sie ein ganz tüchtiger Ingenieur seien und auch schon eine Erfindung gemacht hätten, irgendetwas für die Landwirtschaft, glaube ich. Aber reich kann man damit doch wohl nicht werden.“

„Und Sie meinen, für einen Mann gibt es dann nur eins: eine reiche Frau zu suchen?“

„So ist es doch meistens, und Sie werden wohl keine Ausnahme machen.“

„Sie scheinen mich sehr genau zu kennen“, spottete er.

Frau Erika lachte plötzlich auf. „Ach, Hans, es wäre doch furchtbar drollig, wenn Sie mein Schwiegersohn würden – mein Stiefschwiegersohn.“

Er starrte vor sich hin und lachte seltsam auf. „Drollig? Nun, wie man es auffasst.“

Sie drückte leicht seinen Arm. „Hans, sagen Sie mir ganz offen, sind Sie mir sehr böse gewesen, als ich Friesens Gattin wurde?“

Es zuckte um seinen Mund. „Das ist ja schon so lange her, über vier Jahre, Frau Erika. Es ist möglich, dass ich ein wenig böse war, aber sicher bin ich sehr bald vernünftig geworden und habe mir gesagt, dass Sie gar nicht anders handeln konnten – wie Sie nun einmal veranlagt sind.“

Sie nickte eifrig. „Nicht wahr, Hans. Was hätte auch aus uns beiden werden sollen? Sie hatten nur gerade so viel, dass es für Ihr Ingenieurstudium ausreichte, und ich, lieber Gott, arm wie eine Kirchenmaus! Dazu mein Hunger nach Genuss, nach den Freuden des Lebens – ach, Hans, ein Leben ohne Luxus ist doch nur ein halbes Leben. Und Sie denken doch im Grunde auch so.“

Er lachte auf. „Ich glaube, Sie kennen mich viel weniger, als ich Sie kenne. Aber lassen wir das Thema! Haben Sie sich etwas erholt? Dort sehe ich einen Wagen kommen.“

Sie schmollte. „Sie ungalanter Mensch! Wollen Sie mich los sein?“

Er antwortete nichts darauf; mit einer Handbewegung winkte er den Wagen heran, der gleich darauf neben ihnen hielt.

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