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Hedwig Courths-Mahler - Folge 064

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Eine fromme Lüge

Welches Geheimnis umgibt die zauberhafte Felizitas?

 

 

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Heinz Frank saß seiner Stiefmutter gegenüber. Sie hatte ihn in ihren Salon bitten lassen. Es war einige Tage nach dem Begräbnis seines Vaters.

Frau Gertrud Frank war nur vier Jahre älter als ihr Stiefsohn, der im siebenunddreißigsten Lebensjahr stand.

Sie hatte ihrem Stiefsohn Platz in einem der Lehnstühle angeboten. „Du hast mich zu sprechen gewünscht. Was hast du mir zu sagen?“, fragte sie.

„Ich habe mancherlei mit dir zu besprechen, was sich nicht länger aufschieben lässt“, erwiderte er ruhig.

„Ich bin bereit, dich anzuhören.“ Er legte seine schlanke, nervige Hand auf die Lehne seines Sessels. „Zuerst das Wichtigste. Dass die Firma Frank & Söhne, die seit Jahrhunderten bekannt ist, vor dem vollständigen Zusammenbruch steht, weißt du.“

„Du hast es mir am Todestag deines Vaters gesagt.“

„Ich sagte es dir vielleicht in einer zu schroffen Art, weil ich mich, noch voller Schmerz über den Tod meines Vaters, nicht beherrschen konnte.“

Sie zuckte die Achseln. „Eine schonungsvolle Behandlung habe ich nicht von dir erwartet. Es mag ja auch bitter für dich sein, da du selbst mit leeren Händen nach langen Jahren in die Heimat zurückkehrtest, nichts vorzufinden als eine bankrotte Firma.“

Es lag ein leiser Hohn in ihren Worten, der ihm die Röte in die Stirn trieb.

„Dass ich mit leeren Händen heimgekehrt bin, wie du sagst, tut nichts zur Sache.“

Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Ich konstatierte die Tatsache nur, weil du damals geschworen hast, nur als gemachter Mann heimzukehren, wenn dies je geschehen würde. Du ließest dir damals das Erbteil deiner Mutter auszahlen, dein Vater musste es aus dem Geschäft ziehen, weil du damit abenteuerliche Pläne verwirklichen wolltest.“

Er hatte seine Ruhe wiedererlangt.

„Ich ließ mir allerdings die mir aus dem Erbe meiner Mutter zustehenden vierzigtausend Mark auszahlen, die Vater damals leicht entbehren konnte, aber nicht, um abenteuerliche Pläne zu verwirklichen, sondern um mir fern der Heimat eine Existenz zu gründen.“

„Leider hast du dieses Vermögen nicht vermehrt, sondern aufgebraucht, und deines Vaters Hoffnung, dass du ihm helfen könntest, war vergeblich.“

„Darüber wollte ich nicht mit dir reden“, sagte er kalt. „Meines Vaters Tod dürfte die Folge seines geschäftlichen Zusammenbruchs sein. Die Zahlungsunfähigkeit der von seinen Vorfahren ererbten Firma, die drohend vor ihm stand und die er nicht mehr aufhalten konnte, ging ihm an den Lebensnerv. Er hat mir vor seinem Tod bestätigt, nachdem ich mich mit ihm ausgesöhnt hatte, dass er daran zugrunde gehen würde – daran und an den Selbstvorwürfen, die er sich machte. Dazu kam seine Sorge um Jutta und um dich. Ich habe in die Bücher Einblick genommen – es sind Unsummen aus dem Betrieb gezogen und verschwendet worden. Daran bist du allein schuld. Mein Vater war kein Verschwender, er war für sich anspruchslos und hat sich nur von dir bestimmen lassen, weit über seine Verhältnisse hinaus ein großes Haus zu führen, dir die unsinnigsten Wünsche zu erfüllen. Dies alles tat er gegen seine bessere Einsicht.“

Es zuckte nervös in Frau Gertrud Franks Gesicht. „Weißt du das so genau?“

Seine Stirn zog sich zusammen. „Ja, Vater hat es mir auf seinem Sterbebett selbst gestanden, dass seine Liebe zu dir ihn verleitete, dir die verschwenderischsten Wünsche zu erfüllen, obwohl er wusste, dass er damit den Untergang seines Hauses herbeiführte.“

Sie biss sich auf die Lippen. „Ich habe nicht geahnt, dass dein Vater über seine Verhältnisse lebte.“

Wieder flammte sein Blick auf. „Er hat nicht über seine Verhältnisse gelebt, du hast es getan, nur dir zuliebe war er schwach. Doch lassen wir das! Es ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Wir haben jetzt nur mit Tatsachen zu rechnen. Tatsache ist, dass die Firma Frank & Söhne aufhören muss zu bestehen, wenn sich nicht jemand findet, der dreihunderttausend Mark Kapital hergibt, um die Forderungen zu decken, die in den nächsten Wochen fällig werden. Nur dann wäre der Ruin aufzuhalten. Ich habe meinem Vater, um ihm das Sterben leicht zu machen, versprochen, alles zu tun, was in meinen Kräften steht, um die Firma zu retten. Dieses Versprechen will ich halten. Ich bin als der einzige Sohn meines Vaters der Erbe der Firma, und ich werde dieses Erbe antreten, obwohl es mir nur Lasten und Verpflichtungen bringt.“

„Wenn du aber niemanden findest, der dir das Kapital vorstreckt?“, fragte sie.

„Das lass meine Sorge sein! Ich hoffe, diese Angelegenheit regeln zu können, wenn auch mit großen Schwierigkeiten. Wenn ich es schaffen kann, soll die Firma Frank & Söhne ihren guten Ruf wiedererhalten.“

Es zuckte spöttisch um ihre Lippen. „Du nimmst dir viel vor.“

Ruhig sah er sie an. „Ich pflege mir nicht mehr vorzunehmen, als ich durchführen kann.“

„Du hast immer gern große Worte gebraucht. Ich muss wieder daran denken, dass du nur als gemachter Mann heimkehren wolltest. Auch sprachst du damals in großen Tönen davon, dass du nie ins Vaterhaus zurückkehren würdest, wenn dein Vater dich nicht darum bitten würde. Und nun bist du doch da.“

Wie Wetterleuchten zuckte es in seinem Gesicht. Dann sagte er überlegen: „Ich habe sogar geschworen, dass ich ungerufen nicht wiederkehren würde.“

„Sogar geschworen?“, höhnte sie.

„Ja, und ich habe meinen Schwur gehalten, so schwer es mir auch geworden ist, auf den Ruf meines Vaters zu warten. Lange habe ich warten müssen, aber schließlich kam er doch. Du wusstest es nur nicht, dass meines Vaters Sehnsucht auf dem Krankenbett mächtiger wurde als dein Einfluss. Er hat mich heimgerufen, hat mich gebeten, heimzukehren, ehe ihm der Tod die Augen schloss.“

Sie zuckte zusammen und richtete sich hoch auf.

„Er hatte dich heimgerufen? Wie konnte er das? Er wusste doch all die Jahre nicht, wo du warst.“

„Allerdings, das hat er nicht gewusst. Aber als ich dieses Haus vor mehr als fünfzehn Jahren verließ, habe ich meinem Vater mitteilen lassen, dass mein Freund Lothar Bredow immer von mir hören würde, wo ich leben würde. So habe ich es all die Jahre auch gehalten. Lothar Bredow lebt seit einigen Jahren als Rechtsanwalt in Berlin, und mit ihm bin ich in Verbindung geblieben. An ihn hat sich Vater gewandt, als er vor Monaten krank wurde und seine Sehnsucht nach mir nicht länger beherrschen konnte. Mein Freund sandte mir Vaters Brief, und ich machte mich, so schnell ich konnte, auf die Reise. Dass Vater mich nicht schon früher heimrief, lag an dir. Du hast ihn daran gehindert.“

Sie wurde rot und wich seinem Blick aus. „Ich?“, entgegnete sie verlegen.

Er nickte. „Ja, du! Dein Hass gegen mich muss sehr groß gewesen sein, groß genug, um zwischen Vater und Sohn eine Scheidewand aufzubauen. Nur heimlich hat er es schließlich gewagt, mich heimzurufen. Und fast wäre ich, so sehr ich mich auch beeilte, zu spät gekommen, um meinen Frieden mit ihm zu machen und ihm die Augen zu schließen, denn mein Weg war weit – sehr weit. Gottlob fand ich ihn noch am Leben, und – er ist gestorben in der festen Überzeugung, dass er mir Unrecht getan hatte, als er mich vor fünfzehn Jahren aus dem Haus wies – als Dieb!“

Frau Frank war blass geworden; ihre Augen irrten scheu zur Seite. „Du warst des Diebstahls doch überführt“, stieß sie heiser hervor.

Er sprang auf und trat dicht vor sie hin.

„So? War ich das wirklich? Auf welche Beweise hin? Nur darauf hin, dass du angegeben hast, du hättest mich in der Nacht aus jenem Zimmer schleichen sehen, aus dem Vaters Brieftasche mit zwanzigtausend Mark entwendet worden war. Gewiss, man hat diese Brieftasche, ohne das Geld, am nächsten Morgen während meiner Abwesenheit in der Brusttasche eines meiner Anzüge gefunden. Aber waren das Beweise meiner Schuld? Damals konnte ich sie nicht entkräften. Vater glaubte diesen Beweisen mehr als der Versicherung seines Sohnes, unschuldig zu sein. Du hattest erreicht, dass ich das Vaterhaus verlassen musste. Ich war dir ja immer ein Dorn im Auge, weil ich wusste, dass du einen anderen liebtest und Vater nur aus Berechnung geheiratet hattest.“

Jetzt fuhr auch sie empor und stand ihm blass, mit sprühenden Augen gegenüber. „Schweig! Kommst du auch jetzt noch mit diesem Märchen? Wen willst du damit noch schrecken? Du hast mich gehasst! Warum weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich deiner Schwester das Leben gab. Du fürchtest wohl, dereinst dein Erbe mit ihr teilen zu müssen. Damals war ja noch auf ein großes Erbe zu rechnen.“

Ein verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund. „Meine kleine Schwester habe ich lieb gehabt. Sie war ja nicht nur deine, sondern auch meines Vaters Tochter. Der Verdacht, den du da aussprichst, trifft mich nicht. Du sprichst ihn auch gegen deine Überzeugung aus. So genau du wusstest, dass ich die zwanzigtausend Mark damals nicht entwendet hatte, so genau weißt du auch, dass ich andere Gründe hatte, dir feindlich gegenüberzustehen.“

Sie verfärbte sich jäh. „Du irrst, ich bin noch heute der festen Überzeugung, dass du die zwanzigtausend Mark genommen hast. Wahrscheinlich, weil du damit in die weite Welt wolltest. Ich habe eines Tages selbst gehört, wie du zu Lothar Bredow sagtest: ‚Wenn ich mein Abitur hinter mir habe, gehe ich in die Welt. Zu Hause wird es mir zu eng.‘ Nun, du hattest dein Abitur. Da nahmst du das Geld, um fortzukommen. Das ist meine feste Überzeugung.“

Mit einem seltsam überlegenen Blick sah er sie an. „So, du bist also überzeugt, dass ich der Dieb war?“, fragte er.

Sie gab sich Haltung. „Gewiss! Wer hätte es sonst entwenden können? Niemand als du hatte Zutritt zu dem Zimmer deines Vaters, in dem die Brieftasche lag.“

„Ganz recht – nur ich und du!“

„Nun also“, sagte sie leichthin. „Nun also! Folglich musste einer von uns beiden der Dieb sein, ich oder du.“

Ihre Augen irrten ab. „Dein Vater fand die leere Brieftasche in deinem Anzug.“

„Richtig! Als du ihn darauf hinwiesest, dass es seine Pflicht sei, meine Sachen zu durchsuchen, da fand er die Brieftasche in meinem Anzug.“

„Das war doch Beweis genug.“

„Vielleicht auch nicht. Vielleicht hat ein anderer die leere Brieftasche in meiner Abwesenheit in meinen Anzug gesteckt. Ich hatte schon damals die feste Überzeugung und habe sie heute noch.“

Nervös klopfte sie mit ihren Fingern auf die Sessellehne. „Wer hätte das tun sollen?“

Er beugte sich plötzlich weit vor und sah sie scharf an. „Du!“, sagte er halblaut.

Das traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. „Das wagst du!“, schrie sie heiser vor Erregung.

Er lehnte sich zurück. „Es ist oft ein Wagnis, die Wahrheit zu sagen, aber in diesem Fall ist es für mich keins. Also ohne weitere Umschweife – ich weiß, dass du damals die zwanzigtausend Mark entwendet hast.“

Sie fuhr kerzengerade empor. „Unverschämter!“, stieß sie mit blassen Lippen hervor.

„Es nützt dir nichts – du musst es dir gefallen lassen, dass ich dich als Diebin entlarve. Das tue ich nicht aus Hass und Rachgier, sondern nur, um mich selbst vor dir zu schützen. Sei unbesorgt, außer uns beiden wird nie ein Mensch etwas davon erfahren, solange du meiner Ehre nicht zu nahe trittst. Der dritte Mensch, der außer uns beiden um deine Schuld wusste, den brauchst du nicht zu fürchten. Kurt Vollmer – ist tot.“

Leichenblass sank Frau Gertrud in ihren Sessel zurück und schloss wie in jäher Furcht die Augen. Erst nach einer Weile sah sie wieder zu ihm auf. „Kurt Vollmer? Was weißt du von ihm?“, sagte sie tonlos.

Sein Gesicht bekam einen Ausdruck, als erfasse ihn Mitleid mit ihr. „Ich weiß, dass du ihn geliebt hast und ihn nur aufgabst, weil ihr beide arm wart. Du nahmst meines Vaters Werbung an, um ein sorgenloses, glänzendes Leben führen zu können. Kurt Vollmer aber war ein Schuft. Er neidete dir das gute Leben und wollte Vorteil daraus ziehen. Die leidenschaftlichen Briefe, die du ihm geschrieben hattest, drohte er meinem Vater zu übergeben, wenn du ihm nicht zwanzigtausend Mark auszahltest. Die Briefe hätten dich kompromittiert. Da du dir das Geld nicht auf andere Weise verschaffen konntest, stahlst du es, als ein Zufall es fügte, dass mein Vater gerade diese Summe in seiner Brieftasche hatte. Du kauftest die Briefe damit zurück, und er nahm das Geld, obwohl er wusste, dass du es hattest entwenden müssen. Ich weiß das alles von ihm selbst.“

Sie sah fahl und verfallen aus. „Von Kurt Vollmer selbst?“, stöhnte sie.

„Ja! Eines Tages traf ich mit ihm zusammen – draußen in der Welt. Es tut nichts zur Sache, wo es war. Es ging ihm schlecht. Er war zerlumpt und elend, wie ein Bettler am Weg. Mir ging es damals leidlich gut. Er erkannte mich, weil er meinen Namen hörte, und suchte mich auf. Er bot mir Beweise für meine Unschuld an, für eine lächerlich geringe Summe, wohl gerade genug, um die Heimreise antreten zu können. Ich wollte aber verhindern, dass er heimreiste und sich vielleicht wieder mit Drohungen an dich herandrängte. Deshalb versprach ich ihm Geld in monatlichen Raten, die er aber stets an derselben, der Heimat fernen Stelle abheben musste. Er ging darauf ein und lieferte mir die Beweise aus.“

Sie strich sich über die Stirn. „Was für Beweise?“

„Zwei Briefe von dir. Sie sind nur kurz und erst nach der Zeit geschrieben, da er dir die kompromittierenden Briefe verkauft hatte. Es war sehr unklug von dir, diesem Menschen abermals Briefe auszuhändigen, die dich belasten konnten. Hier sind die Briefe. Willst du sie sehen?“

Damit hielt er ihr die Briefe hin. Sie warf nur einen flüchtigen Blick darauf.

„Der Elende!“, stöhnte sie.

Aufatmend lehnte er sich zurück. „Vermutlich hätte er dir mit diesen beiden Briefen das Leben noch recht schwer gemacht. Sicher hätte er noch Kapital daraus geschlagen, wenn er dich nur hätte erreichen können. Dass ihm das Reisegeld fehlte, war dein Glück. Und als ich ihm begegnet war, hielt ich ihn, wie gesagt fest – am anderen Ende der Welt. Das war vor drei Jahren; ein Jahr danach ist er gestorben. Ich habe ihn beerdigen lassen.“

Wie von Grauen und Angst geschüttelt, sah sie ihn an. „Hast du deinem Vater diese Briefe gezeigt?“, fragte sie mit versagender Stimme.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wozu hätte ich ihm weh tun sollen? Ich fand gottlob auch Glauben bei ihm. Vielleicht – vielleicht hat er geahnt, dass du das Geld selbst entwendet hattest. Ausgesprochen hat er es nicht, aber er bat mich, nicht mehr nach dem Täter zu forschen.“

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen zwischen den beiden Menschen. Dann richtete sich Frau Gertrud Frank mit einem tiefen Seufzer auf. „Und was willst du nun tun?“ Sie sah dabei scheu auf die Briefe.

Er legte sie zusammen. „Sie haben für mich ihren Zweck erfüllt. Ich wollte sie dir nur vorlegen. Du weißt nun, dass ich deine Schuld kenne und wirst, wie ich, über das schweigen, was damals geschehen ist. Hier hast du die Briefe zurück vernichte sie selbst. Der Name Frank soll nicht besudelt werden.“

Hastig erfasste sie die Briefe, riss sie mit bebenden Händen entzwei und warf sie in das auflodernde Kaminfeuer.

Dann wandte sie sich aufatmend nach ihm um. „Ich danke dir! Ich habe diese Schonung nicht verdient. Verzeih mir!“ Schwer und mühsam kamen die Worte über ihre Lippen.

„Wir sprechen nie mehr davon“, sagte er ruhig. „Das alles soll vergessen sein. Wir wollen nun wieder auf das Geschäftliche kommen. Ich trete also die Erbschaft an und werde Chef der Firma Frank & Söhne. Was in meinen Kräften steht, soll geschehen, sie wieder zur Blüte zu bringen.“

„Wenn du aber das nötige Geld nicht erhältst, was dann?“

Jetzt vermied er ihren Blick. „Ich werde es auftreiben. Draußen in der Welt habe ich einen Freund gefunden, der sehr vermögend ist und mir vertraut. An ihn werde ich mich wenden.“

Sie seufzte beklommen auf. „Aber was wird aus Jutta und mir?“

Fest blickte er ihr wieder in die Augen. „Jutta ist meine Schwester. Solange sie mich braucht, stehe ich ihr bei. Ich hoffe trotz allem, dieses Haus zu halten, gleichviel mit welchen Opfern. Jutta soll ihre Heimat behalten. Und auch für ihre Mutter wird in Zukunft Raum sein.“

Ihre Augen leuchteten heller. Eine große Angst fiel ihr von der Seele. „Du glaubst, dass wir bleiben können?“

„Ich hoffe es. Freilich nur, wenn du dich mit Jutta allen meinen Anordnungen fügst. In Zukunft werde ich bestimmen, auf welcher Basis der Haushalt hier geführt wird. Die sinnlose Verschwendung der letzten fünfzehn Jahre muss aufhören. Bitte, sage mir, ob du dich in diese Abhängigkeit fügen willst.“

Resigniert strich sie sich über das Haar. „Ich muss froh sein, wenn ich mit meiner Tochter ein Dach über dem Kopf behalte. Wir stehen ja dem Nichts gegenüber. Ich habe nicht geahnt, wie schlecht es um uns steht. So werde ich mich deinem Willen fügen.“

„Gut. Ich werde noch heute die beiden Diener entlassen, und du wirst dich ohne Zofe behelfen müssen. Pferde und Equipage werden verkauft und der Kutscher entlassen. Das kleine Auto, in dem Vater täglich hinaus nach der Fabrik fuhr, genügt zu Ausfahrten. Ich selber werde es zum gleichen Zweck wie der Vater benutzen, im Übrigen steht es euch zur Verfügung.“

„Man muss sich bescheiden“, sagte sie ergebungsvoll.

Er lächelte ein wenig ironisch. „Nun, wenn dir keine schlimmeren Entbehrungen auferlegt werden, wird alles erträglich sein. Wir haben noch eine Köchin und zwei Hausmädchen zur Bedienung. Außerdem befindet sich in meiner Begleitung ein mir ergebener Javaner. Auf den Sundainseln, wo ich lange Jahre gelebt habe, hat selbst der ärmste Europäer einen Diener. Sarida glaubte, ich käme auch in der deutschen Heimat nicht ohne ihn aus, und er folgte mir hierher. Er ist sehr anstellig und willig, hat ein leidliches Deutsch von mir gelernt und weiß auch ein Auto sicher zu lenken. Er befindet sich jetzt im Hotel, wo ich abgestiegen bin, und wird noch heute hierher übersiedeln. Du weist ihm bitte ein Zimmer an.“

„Das soll geschehen.“

„Gastereien verbieten sich jetzt in der Trauerzeit von selbst. Auch später werden luxuriöse Feste nicht mehr veranstaltet. Eine bescheidene Festlichkeit will ich euch nicht verwehren, aber ich werde die Grenzen bestimmen.“

„Ich sagte dir schon, ich füge mich in alles. Wenn du nur das Geld von deinem Freund auch wirklich erhältst. Immerhin wäre es doch für ihn eine ziemlich unsichere Kapitalanlage.“

Ein Lächeln huschte um seinen Mund. Es verschwand sogleich wieder. „Er vertraut mir wie sich selbst. Ich habe meinem Vater versprochen, dich und Jutta vor Sorgen zu behüten; das soll geschehen. Aber vernünftig müsst ihr sein. Auch Jutta muss sich den neuen Verhältnissen anpassen. Wie mir Vater voller Sorge anvertraute, scheint sie ziemlich oberflächlich zu sein und gedankenlos in den Tag hineinzuleben. Davon möchte ich meine Schwester kurieren.“

„Von was willst du mich kurieren, Heinz?“, fragte in diesem Augenblick eine helle Mädchenstimme. Jutta Frank war unbemerkt eingetreten.

Heinz Frank und seine Stiefmutter sahen sich nach ihr um. Auf dem Gesicht des jungen Mannes malte sich eine leichte Verlegenheit.

„Meine Worte waren nicht für dich bestimmt, Jutta“, sagte er zögernd.

„Aber sie betrafen mich. Ich hörte ganz deutlich bei meinem Eintreten, dass du deine Schwester von etwas kurieren möchtest. Nun sag mir, wovon, Heinz!“, bat sie lebhaft.

„Vielleicht von allzu großer Neugier.“

Schmollend sah sie ihn an. „Ach, ich finde, du bist nicht sehr galant. Lernt man das auf den Sundainseln nicht? Oder ist es wahr, was Ella Helmer immer sagt, dass Brüder ihre Schwestern stets als Neutrum behandeln und in ihnen keine Damen sehen?“

„War ich so ungalant?“

„Na, jedenfalls ist es nicht nett, dass du mir nicht sagen willst, was du von mir gesprochen hast. Sag es mir doch! Sei nett!“

Ernst und gütig blickte er ihr in die Augen. Sein Schwesterlein gefiel ihm. Er fühlte es warm in seinem Herzen für sie aufsteigen. „Also ich will nett sein und dir sagen, wovon ich in der Hauptsache mit deiner Mutter sprach. Du darfst aber nichts ausplaudern. Versprich mir das!“

Eifrig nickte sie. „Ich verspreche es, Heinz, und was ich einmal verspreche, das halte ich auch.“

„Das ist eine lobenswerte Eigenschaft. Also: Es steht schlimm, sehr schlimm um die Firma Frank & Söhne. Zum Glück wissen das vorläufig nur wenige, und ich hoffe, es wird niemand weiter davon erfahren. Du bist durch Vaters Tod ein ganz armes Mädchen geworden, und wenn es mir nicht gelingt, die nötigen Mittel aufzutreiben, die den Untergang verhüten sollen, dann musst du mit deiner Mutter aus diesem Haus gehen, und ihr steht vor dem Nichts.“

Jutta war blass geworden und fiel in einen Sessel. ...

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