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Hedwig Courths-Mahler - Folge 063

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Glückshunger

Roman um die verhängnisvolle Leidenschaft einer verschmähten Frau

 

 

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Es war in der Dämmerstunde eines Spätwintertags. Vor dem großen Eckhaus in der Georgenbergstraße, das dem alten Justizrat Schröter gehörte, stand ein lang aufgeschossenes junges Mädchen in Trauerkleidern.

Das Mädchen holte noch einmal tief Atem und zog dann die Klingel. Ein entschlossener, herber Ausdruck lag auf dem jungen Gesicht.

Gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Eine rundliche alte Frau erschien.

„Kann ich Herrn Justizrat Schröter sprechen?“

„So spät empfängt der Herr keine Besuche.“

„Ich komme in einer dringenden Angelegenheit, Frau Birkner.“

Die Alte stutzte. „Sie kennen mich?“

„Nur aus den Erzählungen meiner Mutter. Sie sagte mir: ‚Grüße Babina.‘“

Da zuckte die alte Frau zusammen. Mit zitternden Händen fasste sie nach dem schlanken Mädchen und zog es schnell ins Haus. Das Haustor wurde geschlossen und das Mädchen rasch in ein Zimmer neben dem Eingang geschoben. Die Alte tat es, ohne ein Wort zu sprechen. Dann trat auch sie ins Gemach. Sie zündete eine Lampe an, die schon auf dem Tisch des einfachen, sauberen Zimmers bereit stand.

„Sie nannten mich mit einem Namen, mit dem mich nur eine genannt hat. Sie ist verschollen. Wer sind Sie?“

„Die Tochter dieser Verschollenen.“

„Klärchens Tochter! Und Ihre Mutter, wo ist sie?“

„Tot.“

„Unser Klärchen tot!“ Die alte Frau sank fassungslos in einen Stuhl, und unter der Brille liefen Tränen herab.

Sie nahm sie ab und putzte seufzend die Gläser blank. Dann sah sie das junge Mädchen bekümmert an. „Wann starb sie?“

„Vor zehn Tagen.“

„Und Sie sind nun allein hier hergekommen?“

Das Mädchen lächelte wehmütig. „Wer sollte mit mir kommen?“

„Ihr Vater.“

„Der starb schon vor zwei Jahren.“

„Armes Kind! Woher kommen Sie?“

„Von Berlin.“

„Dort lebten Sie mit Ihrer Mutter?“

„Ja.“

„Und was soll nun werden?“

„Ich habe meiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen, meinen Großvater aufzusuchen und ihn um Aufnahme zu bitten.“

„Ach, lieber Gott, Ihre Tante lässt Sie sicher nicht zu dem gnädigen Herrn! Er ist in den letzten Jahren schwerhörig geworden und empfängt keine Besuche, wenn das gnädige Fräulein nicht dabei ist.“

„Jedenfalls muss ich es versuchen.“

Die alte Frau sann nach, „Wenn ich nur wüsste, wie ich’s einrichten könnte, dass Sie den Herrn Justizrat allein sprechen, dann wäre ja alles gut.“

„Sie meinen, er würde mich nicht fortweisen?“

„I wo, Kindchen, das glaube ich im Leben nicht. Die Gnädige brächte das aber fertig! Deshalb dürfen Sie heute Abend nicht hinauf. Ich will mir überlegen, wie ich Sie zum Herrn Justizrat bringen kann, wenn er allein ist.“

„Ich muss aber noch heute mit ihm sprechen. Ich habe kein Obdach, und alles Geld, das ich noch besaß, hat die Reise hierher verschlungen.“

„Wenn Sie bei mir vorlieb nehmen wollen, Fräulein, ich bringe Sie schon unter für eine Nacht, und morgen sehen wir weiter.“

Das junge Mädchen bekam feuchte Augen. Es ergriff die Hand der alten Frau und drückte sie herzlich. „Wie soll ich Ihnen danken! Sie sind so gut! Mama sagte mir vor ihrem Ende: ‚Wende dich nur an Babina, die hilft dir, wenn du gar keinen Ausweg mehr weißt.‘“

Die Alte streichelte die schmalen Hände ihres Gastes. „Das hat unser Klärchen gesagt? Ja, Kindchen, was in meiner Macht steht, will ich gern tun. Also tot – tot das junge, blühende Geschöpf! Sie sehen ihr sehr ähnlich; dasselbe Haar, dieselben Augen. Nur so blass und elend schauen Sie aus. Da war Ihre liebe Mutter ein anderes Geschöpf in Ihren Jahren; voll Kraft, und rote, blühende Wangen hatte sie, dass einem das Herz im Leib lachte.“

Ein herbes Lächeln umspielte den blassen Mund das Mädchens. „Mama hat eine andere Jugend erlebt als ich. Ich bin unter Sorgen und Entbehrungen aufgewachsen.“

Die alte Frau sah sie mitleidig an. „Das müssen Sie mir alles nachher erzählen. Jetzt will ich Ihnen einen kleinen Imbiss hereinholen. Sie werden hungrig sein. Kommen Sie, machen Sie es sich hier im Sorgenstuhl meines Alten bequem! Nehmen Sie Ihr Tuch ab! Und – wie heißen Sie eigentlich, ich muss Sie doch beim Namen nennen.“

„Regina Volkmar.“

„Regina, wie unsere verstorbene gnädige Frau! Ach, das wird dem Herrn Justizrat sehr gefallen. Aber nun hole ich Ihnen erst etwas zu essen.“

Frau Ernestine trippelte hinaus und kam kurz darauf mit einem Glas Milch und einem Butterbrot zurück. „So, liebes Fräulein, nun lassen Sie es sich schmecken! Mehr habe ich nicht. Fleisch und Wurst und das Eingemachte schließt das Fräulein Tante weg. Sie ist eine Genaue und hat immer Angst, man verschenkt etwas. Nicht dass sie armen Leuten nichts gönnte, aber das muss alles durch die Hand vom Herrn Stadtkämmerer Kirchner gehen. Nur wer von dem für würdig befunden wird, den unterstützt das Fräulein Tante.“

Regina fasste nach der Hand der Alten.

„Von Ihnen nehme ich gern, was Sie mir bieten. Ich danke Ihnen, liebe, gute Babina.“

„Schon gut, Reginchen, schon gut. Für die Tochter Klärchens tun wir, was wir irgend können. Nun erzählen Sie mir von Ihrer Mutter, Kind, wie ist es ihr ergangen? Nachher, wenn mein Alter aus dem Garten kommt, überlegen wir zusammen, wie wir Sie zum Herrn Justizrat bringen können.“

Regina aß und trank und ließ sich mit einem Gefühl süßen Geborgenseins von der Alten die Hände streicheln. Dann begann sie zu erzählen:

„Sie wissen ja, Babina, dass Mama heimlich ihr Elternhaus verließ, um meinem Vater zu folgen. Da er ein armer Schauspieler war, widersetzte sich ihr Vater einer Heirat mit ihm. Aber Mama liebte meinen Vater so sehr, dass sie freudig alles für ihn hingab. Als mein Großvater meinen Vater mit seiner Werbung ein für allemal abgewiesen hatte und auch auf das Flehen meiner Mutter nur ein Nein erwiderte, folgte sie meinem Vater heimlich. Sie trafen in Naumburg zusammen und ließen sich dort trauen.

Sie zogen dann beide, da sie sehr arm waren, von Ort zu Ort, wo mein Vater gerade Anstellung bekam. Als ich geboren wurde, musste meine Mutter allein in einem Städtchen zurückbleiben, bis sie sich erholt hatte und meinem Vater folgen konnte. Dann erhielt er endlich eine mehrjährige Anstellung in Berlin an einem kleinen Theater. Viel verdiente er da auch nicht, aber es reichte doch aus, um uns vor Not zu schützen.

Vater und Mutter waren trotzdem glücklich. Nur zwei Punkte gab es, wo sie leider oft in Streit gerieten. Erstens wollte mein Vater mich zur Schauspielerin heranbilden, er träumte davon, mich zu einer großen Künstlerin zu machen. Dem widersetzte sich Mama mit großer Entschiedenheit. Sie hatte das Künstlerleben genug kennen gelernt und wollte mich davor bewahren.

Da ich selbst weder Lust noch Begabung zu diesem Beruf hatte, musste Vater sich grollend fügen. Zweitens litt er nicht, dass Mama nach Hause schrieb, nachdem auf ihren ersten Brief statt von meinem Großvater nur von Tante Luise eine Antwort gekommen war. Darin teilte sie meiner Mutter mit, dass sie tot sei für Vater und Schwester, dass sie nichts mehr von ihr hören wollten.

Trotzdem schrieb Mama heimlich wieder und wieder an ihren Vater und bat um seine Verzeihung. Sie bekam nie eine Antwort, und das machte ihr so viel Kummer, dass sie zu kränkeln anfing.

Arzt und Arznei kosteten Geld, und unser Einkommen war knapp. Mama hatte bisher für ein Berliner Geschäft feine Handarbeiten geliefert. Das konnte sie nun nicht mehr. Die Not zog bei uns ein. Es sollte aber noch schlimmer kommen.

Ich war vierzehn Jahre alt geworden; da brachten sie uns eines Abends Papa tot nach Hause. Er war von der Straßenbahn, die er auf dem Weg nach dem Theater benutzt hatte, abgesprungen, zu Fall gekommen und so unglücklich unter einen Wagen geraten, dass er noch auf dem Weg ins Krankenhaus starb.

Meine Mutter verlor fast den Verstand darüber. Sie wurde schwer krank.

Es waren grässliche Tage damals, Babina. Ich war selbst ein unerfahrenes Kind, und wenn unsere gutmütigen Wirtsleute mir nicht beigestanden hätten, ich hätte mir keinen Rat gewusst.

Als ich mich ein wenig gefasst hatte, schrieb ich heimlich an Großpapa, schilderte ihm unsere Not und bat um Hilfe. Als Antwort erhielt ich von Tante Luise einen Brief, in dem sie mich fragte, ob ich mich nicht schämte, gleich meiner Mutter Bettelbriefe zu schreiben. Was sie sich eingebrockt habe, möge sie ausessen.

Ich sagte Mama nichts davon, auch nicht, als sich ihr Zustand etwas besserte: Ganz gesund wurde sie nicht wieder. Es fehlte uns an dem Nötigsten, wo hätte ich da gute Weine und kräftige Speisen hernehmen sollen, um sie zu stärken?

Dann schrieb Mama selbst noch einmal an Großpapa und fragte, ob sie nicht nach Hause kommen dürfe. Der Brief kam ungeöffnet zurück. Nun verfiel Mama vollends. Sie klagte sich an, dass sie dem Vater ungehorsam gewesen sei und verzehrte sich in Sehnsucht nach seiner Verzeihung. Zwei Jahre hat sie sich noch so hingeschleppt. Wir lebten von dem wenigen Geld, das ich durch Handarbeiten verdiente. Es wollte nie reichen. Ein Stück nach dem anderen von unserem bisschen Habe musste verkauft werden. Nun ist Mama gestorben. Ich habe sie mit Hilfe unserer guten Wirtsleute begraben, und was wir noch besaßen zur Tilgung unserer Schulden zurückgelassen. Nur das Reisegeld nach hier nahm ich mit und ein wenig Wäsche da in dem Köfferchen. Auch ein Brief von Mama an meinen Großvater ist darin. Sie hat ihn kurz vor ihrem Tod geschrieben und mir das Versprechen abgenommen, ihn selbst in seine Hände zu legen.

’Geh zu Babina, sie wird dir helfen’, sagte sie immer wieder zu mir, und nun bin ich hier, Babina, ein armes, verwaistes Geschöpf, voll Angst vor der Zukunft.“

Da stand die alte Frau auf, wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen und legte ihre Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens.

„Seien Sie ohne Sorge, Kindchen! Wenn Sie da oben keine Aufnahme finden, solange die alten Birkners noch ein Dach über dem Kopf haben, sind Sie nicht verlassen. Ich hoffe aber, dass der Herr Justizrat Sie voll Liebe aufnimmt.“

In diesem Augenblick wurde an der Tür geklinkt. Frau Birkner schob schnell ihren Gast in das angrenzende Schlafzimmerchen und öffnete dann die Tür. Ihr Mann stand draußen und trat nun verwundert ins Zimmer.

„Weshalb schließt du denn die Tür zu, Alte? Das ist ja eine ganz neue Art.“

Seine Frau öffnete nun die Schlafzimmertür und rief hinein: „Kommen Sie, Kindchen!“

Sie führte Regina an der Hand vor den Alten hin. „Na, Alter, wer ist das?“

Er sah erstaunt auf das junge Mädchen. „Ja, woher soll ich das wissen? Habe das Fräulein mein Lebtag nicht gesehen.“

„Nun rate doch einmal!“

„I, sag’s nur gleich. Rätsel habe ich nie lösen können. Also wer ist das Fräulein?“

„Die Tochter von unserem Klärchen.“

Er schob die Mütze aufgeregt hin und her. „I du mein, ei, da soll doch gleich noch einmal, das ist doch nicht möglich.“

„Doch, Alter, sie ist es wirklich, und unser armes Klärchen ist gestorben.“

Und eilig erzählte sie dem verwunderten Alten, was sie von Regina hörte. Als sie geendet hatte, sagte er mit grimmigem Gesicht: „Da will ich doch gleich zwei Jahre keine Pfeife mehr rauchen, wenn da nicht eine Schurkerei von der Gnädigen dahintersteckt.“

„Aber Alter!“

„Na, was denn! Das kann dem jungen Fräulein nichts schaden, wenn sie gleich weiß, mit wem sie es da oben zu tun hat. Der Herr Justizrat hat keinen Brief von Fräulein Klärchen, wollte sagen, von Ihrer Frau Mutter zu sehen bekommen. Das weiß ich doch ganz genau. Oft genug hat er in meiner Gegenwart geseufzt und vor sich hin gesagt: „Was mag aus meinem armen Kind geworden sein?“ Er hört doch schwer und weiß nicht, dass er manchmal seine Gedanken laut ausspricht. Na, ich will nichts weiter sagen, aber den Herrn Justizrat müssen Sie sprechen. Ich weiß auch schon wie und wann. Morgen ist Sonntag, da geht die Gnädige in die Kirche. Es ist nämlich eine arg Fromme, Ihr Fräulein Tante, und läuft jeden Sonntag zum Gottesdienst. Der Herr Justizrat ist dann allein zu Hause, und ich werde es schon einrichten, dass Sie ihn zu sehen bekommen und mit ihm sprechen können. Reden Sie nur recht laut, er ist schwerhörig und wird leicht ungeduldig, wenn er jemand nicht versteht!“

„Sie werden aber Unannehmlichkeiten dadurch haben.“

Er lachte.

„Na, den Pelz wird sie uns schon waschen, das Fräulein Tante, aber das macht nichts, wir haben schon manches Donnerwetter abgeschüttelt. Nicht, Alte?“

Frau Birkner nickte.

Regina drückte beiden die Hände.

„Ihr guten, lieben Menschen, wie soll ich euch nur danken!“

„Ach, reden Sie doch nicht darüber! Wenn wir weiter nichts für Sie tun können, das ist nicht der Rede wert.“

„Zum Beispiel musst du heute Nacht auf dem Sofa schlafen, Alter. Fräulein Regina muss diese Nacht doch bei uns bleiben.“

„Na, selbstverständlich. Ich schlafe da genauso gut wie in meinem Bett. Darf ich denn mein Pfeifchen rauchen, Fräulein Regina, oder stört Sie der Rauch?“

„Durchaus nicht!“

„Na, dann ist ja alles in Ordnung. – Wie steht es mit dem Abendbrot, Alte?“

„Das besorge ich gleich. Inzwischen leistest du Reginchen Gesellschaft. Es dauert schon ein Weilchen, bis ich wiederkomme, ich muss erst für die Herrschaft das Essen bereiten. Schließe aber hinter mir die Tür wieder zu, Alter! Die Gnädige könnte am Ende ihre Nase hereinstecken, und dann wär’s aus mit unserem Plan.“

Damit verließ sie das Zimmer, lauschte, ob ihr Mann auch von innen abschloss, und begab sich in die Küche.

Luise Schröter, Reginas Tante, stand schon vor der geöffneten Speisekammer, als die alte Frau in die Küche trat.

Sie war eine grobknochige, etwas verwachsene Dame mit verkniffenem Gesicht und unheimlich funkelnden schwarzen Augen. Das spärliche schwarze Haar war schon mit weißen Fäden durchzogen. Der Mund war aufgeworfen und durch vorstehende gelbe Zähne entstellt.

„Na, Ernestine, sind Sie endlich da? Es ist schon längst sieben Uhr vorbei.“

„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, ich habe die Zeit etwas versäumt. Dafür will ich mich nun beeilen.“

„Dass wir wieder halbrohe Beefsteaks bekommen.“

„Der Herr Justizrat wünscht sie englisch.“

„Ich will aber meins durchgebraten haben.“

„Schön, gnädiges Fräulein.“ Eilig streifte sie die Ärmel ihres Kleides auf, schürte das Feuer und hantierte eifrig am Herd.

„Hier ist ein Ei zur Abendsuppe, und diese Reste wärmen Sie auf für sich und Minna.“

„Sehr wohl.“

„Frau Meier kriegt Wurst und Brot, ich hab’s auf den Tisch gelegt. Rufen Sie Minna, damit sie den Tisch deckt!“

Auch dies besorgte die alte Frau, und Minna, das Zimmermädchen, legte das Tischgeschirr auf ein großes Tablett und trug es hinauf ins Speisezimmer.

Luise Schröter schloss die Speisekammer und verschwand.

Frau Birkner war in kurzer Zeit fertig. Sie setzte die Speisen für die Herrschaft auf das Tablett, das Minna leer wieder heruntergebracht hatte, und ließ sie hinauftragen. Dann teilte sie Minna und der Scheuerfrau ihr Abendbrot zu und nahm für sich und ihren Mann das übrige mit.

Schnell breitete sie in ihrem Wohnzimmer ein Tischtuch aus, setzte die Suppe und das gewärmte Gemüse vom Mittag auf den Tisch und lud Regina und ihren Mann zum Essen ein.

Die beiden Alten sahen erfreut, wie es dem jungen Mädchen schmeckte, und heuchelten völliges Sattsein, damit sie tüchtig zulangte.

Nach dem Essen überzog Babina ihr Bett mit frischem Leinen und brachte das junge Mädchen zur Ruhe. Als Regina in den weißen, weichen Kissen lag und sich Frau Birkner liebevoll über sie beugte, schlang sie die zarten Arme um den Hals der alten Frau.

„O Babina, so gut ist mir’s lange nicht gegangen. Ich danke Ihnen tausendmal.“

„Nicht nötig, Kindchen. Nun schlafen Sie sich tüchtig aus, morgen hilft Gott weiter! Gute Nacht!“

„Gute Nacht, liebe, gute Babina.“

***

Am nächsten Morgen trat Birkner, in eine Art Livree gekleidet, ins Schlafzimmer des Justizrats, um ihm wie jeden Tag beim Ankleiden behilflich zu sein. Der alte Herr lag noch im Bett und sah nach seiner Taschenuhr, die neben ihm auf dem Nachttisch lag.

„Sie kommen fünf Minuten zu früh, Birkner.“

„Mag sein, Herr Justizrat. Meine Uhr geht wohl falsch.“

„Dann stellen Sie sie gleich richtig. Pünktlichkeit ist das halbe Leben.“

Birkner drehte gehorsam an seiner Uhr, obwohl sie ganz richtig ging. Er wollte nur möglichst viel Zeit für seinen Schützling erübrigen, denn Luise rüstete sich schon zum Kirchgang.

Schröter kümmerte sich aber nicht um seine Ungeduld. Gemächlich, wie jeden Morgen, kleidete er sich an.

Er war groß und hager. Den Kopf trug er ein wenig vornübergeneigt, sonst hielt er sich aber stramm. Ein langer, schneeweißer Vollbart fiel auf die Brust herab, und den scharf geschnittenen Kopf bedeckte dichtes, weißes Haar. Er war ein schöner alter Herr.

Als er fertig angekleidet war, brachte ihm Birkner auf einer Platte das Frühstück, stellte ihm Zigarren und Feuerzeug zurecht und legte die Zeitung vor ihn hin.

Schröter ließ sich behaglich in einen großen Lehnstuhl nieder und griff nach der Zeitung.

Das war sonst für Birkner das Zeichen, sich zurückzuziehen. Heute holte er vom Schreibtisch das Hörrohr des alten Herrn herüber, das er im Verkehr mit Menschen zu benutzen pflegte, die nichts von seinem Leiden wussten oder nicht laut genug sprachen. Er legte es hin und blieb dann vor ihm stehen.

Schröter sah ihn verwundert an. „Was soll das?“

„Es wünscht Sie jemand zu sprechen, Herr Justizrat.“

„Jetzt, so früh? Sie wissen doch, dass meine Tochter in der Kirche ist und dass ich in ihrer Abwesenheit für niemanden zu sprechen bin.“

Birkner sah ihn bittend an. „Machen Sie heute einmal eine Ausnahme, Herr Justizrat! Die junge Dame wird sehr laut und deutlich sprechen, und ich kann ja auch helfen, wenn es nicht gehen will.“

„Eine Dame? Ja, zum Donnerwetter, Birkner, sind Sie den rein des Teufels? Jetzt beim Frühstückskaffee empfange ich doch keine junge Dame!“

„Sie bringt eine wichtige Botschaft; es ist sehr dringend. Ach, Herr Justizrat, bitte, lassen Sie die Dame vor!“

Schröter stutzte. „Wichtige Botschaft? Birkner, Sie wissen, was da los ist; heraus mit der Sprache?“

„Ich möchte Sie nicht aufregen.“

In das blasse Greisenantlitz stieg eine leichte Röte. Ein forschender Blick ruhte auf Birkners aufgeregtem Gesicht. „Botschaft von – von meiner Tochter Klara am Ende?“

Birkner nickte eifrig.

Schröter legte die Hand über die Augen. „Endlich ein Lebenszeichen!“, murmelte er. Dann winkte er Birkner, die Dame hereinzulassen.

Wenige Sekunden später stand Regina vor ihrem Großvater.

Ihre kindlich schmalen Formen sahen in dem schwarzen Kleid noch schlanker aus, und aus dem Gesicht hatte die innere Aufregung jeden Blutstropfen vertrieben.

Der Justizrat erhob sich langsam und sah starr in das blasse Gesicht, das ihn so sehr an sein verschollenes Kind erinnerte. Dann blickte er zu Birkner hinüber. „Klaras Kind?“, fragte er tonlos.

Birkner neigte nur stumm den Kopf.

Da brach der alte Herr fassungslos in seinem Stuhl zusammen.

„Sie trauern um – um Ihre Mutter?“, fragte er das Mädchen. Regina bejahte. Sie sah ergriffen, dass Tränen über das durchfurchte Antlitz des Großvaters rannen. Scheu, mit zitternden Händen, reichte sie ihm ein Schreiben und blickte ihn mit den schönen, großen Augen flehend an.

Er versuchte sich zu fassen, entfaltete das Schriftstück und las:

„Mein geliebter Vater! Wenn dir die Lebende Kummer und Trübsal brachte und du ihr dafür dein Herz verschlossen hieltest, der Toten wirst du deine Verzeihung nicht versagen. Ich konnte nicht anders handeln, Vater. Du hast mir auf keinen meiner Briefe geantwortet. Ich trug es als Strafe für meinen Ungehorsam; du hattest ein Recht, mich dafür büßen zu lassen.

Aber ich lasse mein einziges Kind in Not und Armut zurück, es steht, wenn du diesen Brief liest, verwaist und schutzlos vor dir. Nimm mein armes, schuldloses Kind bei dir auf, Vater, es ist gut und rein, lasse es nicht büßen für seine Eltern!

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