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Hedwig Courths-Mahler - Folge 062

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Vergib, Lori

Roman um ein junges Mädchen, das die erste große Liebe erfährt

 

 

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Schockschwerenot noch mal, machen Sie, dass Sie mit Ihrem Deubelszeug rauskommen, Klimschen! Das Zeug hilft doch nichts!“

„Wenn Sie den Tee nicht trinken, kann er auch nicht helfen“, antwortete Mutter Klimschen. Sie blieb ruhig stehen mit dem Tablett, auf dem eine große Tasse mit heißem Tee stand, der nicht gerade verführerisch duftete.

„Mir wird schon übel, wenn ich das Zeug rieche.“

„Sie brauchen ja nicht daran zu riechen, Herr. Schlucken Sie ihn schnell runter! Der Tee hat schon vielen Menschen geholfen.“

„Das ist Unsinn! Ein Gesöff, das so riecht, kann bloß noch kränker machen. Gegen das verdammte Zipperlein hilft nischt, gar nischt! Und nun raus damit – rrraus! Die Lori soll kommen.“

Mutter Klimschen wich und wankte nicht.

„Das Lorchen ist ins Dorf und fragt nach, wie es der Krusen geht.“

Der Kranke schlug wütend auf den Tisch.

„Was läuft das Mädel jetzt, da ich es so nötig brauche, ins Dorf, he?“

„Beruhigen Sie sich, Herr, sie kommt bald wieder! Und nun trinken Sie erst mal den Tee“, bat die Alte und hielt ihm das Tablett hin.

Mit einem energischen Griff fasste er die Tasse und kippte sie einfach um, so dass der Tee das Tablett überschwemmte und darüber hinausfloss.

„Aber, aber, Herr, der Teppich!“, rief Mutter Klimschen vorwurfsvoll und sah an ihrer von Tee triefenden weißen Schürze herab.

Der Anblick erheiterte den alten Herrn. Er lachte laut.

„Dem Teppich schadet er weniger als mir“, rief er, zuckte aber gleich darauf zusammen und griff nach seinem in Tücher gehüllten Fuß. „Und jetzt raus, Klimschen, ich will Ruhe haben! Und die Lori soll kommen! Ein junges Gesicht will ich sehen – keine grauen Haare!“

Mutter Klimschen hatte die Teespuren auf dem Teppich beseitigt. „Schimpfen Sie nur, wenn Ihnen das Erleichterung bringt! Ich gehe schon. Aber erst will ich noch den Spiegel verhängen“, sagte sie.

„Den Spiegel? Wozu?“

„Na, Herr, wenn Sie in den Spiegel gucken, kriegen Sie auch nichts anderes zu sehen als graue Haare!“

Wieder lachte der alte Herr.

„Na schön, Klimschen, jetzt sind wir quitt. Aber nun die Lori!“

„Die Lori wird gleich wieder da sein. Sie muss doch auch mal an die frische Luft. Seit drei Tagen sitzt das Kind wie festgenagelt hier in Ihrem Zimmer.“

„Hat sie sich beklagt?“, fragte er unbehaglich.

„Ach wo, Lorchen und sich beklagen, wenn sie einem was zuliebe tun kann! Das gibt’s ja gar nicht. Aber wenn sie den ganzen Tag hier drin steckt, wo unsereiner vor Qualm kaum Atem kriegt, tut das dem Kind nicht gut. Als Sie vorhin eingenickt waren, hab ich sie schnell mal ins Dorf geschickt.“

„Soso? Also Ihnen habe ich’s zu verdanken, dass die Lori fort ist?“

„Jawohl – mir!“, trotzte die Alte. Er sah sie an, und seine Augen funkelten unter den grauen, buschigen Brauen hervor. Dann sog er die Luft prüfend ein.

„Ist’s so schlimm mit dem Tabakrauch, Klimschen?“

„Man kriegt kaum Luft.“

„Hm. Ich merke nichts.“

„Man kann die Hand nicht vor den Augen sehen.“

„Nun übertreiben Sie! Und Sie meinen, das schadet der Lori?“

„Gesund ist’s nicht für so’n junges Mädchen.“

„Also, die Fenster auf, Klimschen!“

Die Alte schob das Tablett vorsichtig auf den Tisch und öffnete die Fenster weit, so dass die würzige Frühlingsluft ungehindert einziehen konnte.

Hohenstein holte tief Atem.

„Hm. Jetzt merke ich selber, dass die Luft hier bissel dicht war. Das konnten Sie gleich sagen.“

„Ich fragte vorhin schon, ob ich das Fenster aufmachen könnte. Da haben Sie mich angeschrien, ob ich Sie umbringen wollte mit der Kälte. Dabei sind vierzehn Grad Wärme!“

In diesem Augenblick tauchte am offenen Fenster, das auf die Terrasse des Herrenhauses mündete, ein lachendes Mädchengesicht auf.

„Da bin ich, Väterchen!“, rief das junge Mädchen lachend und setzte sich mit einem kräftigen Schwung auf das Fensterbrett.

Das Gesicht des alten Herrn strahlte, als sei die Sonne aufgegangen.

„Na endlich, Mädel!“

„Hast du Sehnsucht nach mir gehabt, Väterchen?“

„Natürlich! Die Klimschen wollte mich mit Altweibertee vergiften. Davon ist mir übel geworden.“

Lori sah lächelnd in das Gesicht der alten Frau.

„Mutter Klimschen, was hast du für eine nasse Schürze?“

„Da ist der Tee drüber geflossen, den der Herr trinken sollte, Lorchen.“

„Ja, ich hab die Tasse einfach umgestülpt“, sagte Hohenstein lachend.

Lori schwang sich mit einer anmutigen Bewegung ins Zimmer.

„Abgekürztes Verfahren! Du bist ein forsches Kerlchen, Lori“, lobte der Vater vergnügt.

Lori lachte.

„Ich kann nicht erst ums Haus herumlaufen, wenn du Sehnsucht nach mir hast. Aber freu dich nur nicht, dass ich wieder da bin. Jetzt geht es dir schlecht. Wenn du auch Mutter Klimschens Tee so meuchlings ausgegossen hast, gehe ich deinem Podagra mit Fachinger Wasser zuleibe. Und ich passe auf, dass du das nicht auch noch ausschütten kannst“, neckte sie.

„Alle guten Geister!“, rief der alte Herr. „Wenn man euch Frauensleuten so hilflos ausgeliefert ist, ist man verloren.“

Lori holte aus einem Schrank ein Glas und hielt es dem alten Herrn an den Mund.

„So, Väterchen, jetzt brav schlucken! Mach die Augen zu und bilde dir ein, du trinkst goldenen Falerner.“

Er stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Muss es sein, Lori?“

„Ja, Väterchen, es muss sein. Und nun hinab mit dem Trank!“

Er schnitt eine klägliche Grimasse. Mit Ächzen und Stöhnen trank er das Glas leer.

Lori küsste ihn auf die Wange. „Bravo! Nun hast du Ruhe bis zum nächsten Glas. Jetzt lege ich dir eine neue Kompresse um deine armen Zehen. Mutter Klimschen, du kannst Väterchen mir überlassen, du hast gewiss noch viel zu tun.“

„O ja, Lori. Ob aber das Wasser besser helfen wird als mein Tee, das weiß ich nicht“, sagte Mutter Klimschen etwas beleidigt.

Lori umfasste die Alte und sah ihr neckend ins Gesicht.

„Schick noch eine Tasse Tee herein, Mutter Klimschen! Väterchen trinkt ihn schon, wenn ich ihn bitte.“

„Das werde ich bleiben lassen! Untersteh dich und bring mir das Zeug!“, eiferte der alte Herr.

Lori blinzelte der Alten schelmisch zu, und sie verließ, das überschwemmte Tablett sorglich vor sich hertragend, das Zimmer.

Mit liebevoller Sorgfalt beugte sich das junge Mädchen über den kranken Fuß und machte einen schmerzstillenden Umschlag. Das ging aber nicht ohne Ächzen und Stöhnen von Seiten des alten Herrn ab.

Endlich war Lori mit ihrem Samariterwerk fertig. Sie schob ein Kissen unter den Fuß und eins hinter den Rücken des alten Herrn und streichelte dann seine Wange.

„Fühlst du dich nun behaglicher, Väterchen?“

Er seufzte abgrundtief.

„Na, weißte Lori, die eiserne Jungfrau war gewiss das reine Vergnügungsetablissement gegen diesen Marterstuhl, an den ich nun schon seit drei Tagen gefesselt bin, Schauderhaft! Dazu scheint die Sonne vom Himmel herab, als mache sie sich lustig über mich. Draußen gibt es alle Hände voll zu tun.“

„Ach, Väterchen, so schlimm ist das noch nicht“, unterbrach ihn Lori. „Draußen geht alles wie am Schnürchen. Die Leute haben viel zu viel Respekt vor dem etwaigen Donnerwetter, das du loslässt, wenn sie ihre Pflicht nicht getan haben. Es schadet dir nichts, wenn du dir mal ein bisschen Ruhe gönnst.“

Er lachte grimmig auf.

„Ruhe? Na, weißte, Lori, für die Ruhe danke ich! Die ist wirklich nicht schön! Na, komm her, Prachtkerlchen, vertreib mir ein wenig die Grillen! Das verstehst du am besten – das heißt, wenn der Hansjörg nicht da ist. Der kann das beinahe noch besser – aber er ist ja eben nicht da. Weißte was, Lorchen? Ich wünschte, der käme heim, damit ich ihn noch ein paar Jahre um mich habe, ehe ich es mir in der Familiengruft bequem mache. Gelt, Lori, es wäre schön, wenn Hansjörg immer in Hohenstein bliebe?“

Loris Augen strahlten.

„Ja, schön wäre das! Wenn du ihm diesen Wunsch aussprichst, wird er ihn gewiss erfüllen.“

„So? Meinst du?“ Einen Augenblick sah der alte Herr nachdenklich vor sich hin. Dann wandte er die Augen wieder Lori zu. „Aber jetzt erzähl erst mal – was hast du im Dorf gemacht?“

„Ich habe nach der jungen Frau Kurse gesehen. Du, einen Prachtjungen hat sie bekommen! Pausbacken hat er, und schreien kann er, dass einem Hören und Sehen vergeht. Ich kam gerade zurecht, um die arme Frau aus tausend Ängsten zu befreien. Es war kein Mensch bei ihr, und der Schreihals wollte versorgt sein.“

„Soso, und da hast du das gleich getan und Kindermädchen gespielt?“

Lori nickte eifrig.

„Natürlich. Wo es notwendig ist, muss man zugreifen. Diese Lehre stammt von dir.“

Es leuchtete warm auf in den Augen des alten Herrn.

„Bist ein Prachtmädel, Lori, immer hilfsbereit, immer willig, noch ein Päckchen mehr auf deine Schultern zu nehmen!“

Sie reckte sich tief atmend.

„Die sind stark genug. Und es ist schön, zu fühlen, dass man zu etwas nütze ist auf der Welt. Wenn ich die Gewissheit nicht hätte, was bliebe mir denn da?“

„Hallo, Mädel, für deine zwanzig Jahre ist mir diese Philosophie zu grau. Es bleibt dir wohl noch Schöneres, als dich für andere aufzuopfern! Du bist auch für dich selbst auf der Welt!“

„Ach, Väterchen, siehst du, schon dieses Wort ist – geborgt. Die guten Dinge in meinem Leben sind sozusagen nur geliehenes Gut. Alles muss ich mir jeden Tag neu verdienen. Ich habe kein Anrecht an das, was ich besitze wie andere Menschen, denen Vater und Mutter dies Anrecht geben.“

Der alte Herr fuhr auf.

„Aber, du Dummerchen, was sind denn das für Mucken? Wo kriegst du plötzlich Grillen her? Du, solche Gedanken. schlag dir aus dem Sinn, sonst nehme ich dich mal bei den Ohren.“

„Solche Grillen, wie du es meinst, sind nichts Neues bei mir, ich spreche nur nicht davon. Aber wahr ist, was ich sage.“

„Unsinn ist’s! Nichts als Unsinn, du Kindskopf! Und den treib ich dir aus“, schalt er ärgerlich.

Sie streichelte seine Hand.

„Liebes Väterchen, du meinst es gut mit mir, das weiß ich. Aber siehst du, es ist für mich ein trauriges Gefühl, wenn ich mich umschaue im Leben und sehe, wie Eltern und Kinder so selbstverständlich zusammengehören. Als ich vorhin sah, wie die junge Frau Kruse ihren Buben herzte und küsste, da musste ich daran denken, dass ich auch so ein hilfloses Baby war, als meine Eltern mich allein ließen.“

„Na, weißte, Lorchen, du brauchtest wirklich nicht zur Kruse zu gehen, um solche dumme Gedanken zu kriegen“, stieß Hohenstein hervor.

Lori seufzte.

„Ich rufe solche Gedanken nicht, sie kommen von selbst.“

„Aber, Mädelchen, du bist doch so ein forsches, vernünftiges Kerlchen und kein Kopfhänger!“

„Das bin ich auch sonst nicht. Ich hätte auch heute nichts gesagt, aber auf dem Heimweg packte mich eine solche Sehnsucht, wieder einmal mit dir von meinen Eltern zu sprechen. Seit Jahren ist das nicht mehr geschehen, seit – ja, seit Mütterchens Tod nicht mehr. Mütterchen erzählte mir manchmal von meinen Eltern. Aber du hast nie etwas gesagt.“

„Weil es nicht nötig ist, dass du an so traurige Dinge erinnert wirst. Du sollst mein lustiges Mädel bleiben und dich nicht mit trüben Gedanken plagen.“

„Das tue ich nicht, glaub es mir. Aber ich möchte dich herzlich bitten, mir wieder einmal ausführlich zu erzählen, wie es kam, dass du und Mütterchen mich in Hohenstein wie ein eigenes Kind aufnahmt. Ich bin jetzt vernünftig genug, um das alles zu verstehen. Also erzähle, dann will ich dich auch nicht so bald wieder damit quälen.“

Der alte Herr machte ein betrübtes Gesicht.

„Ach, Lori, das rührt nur allerlei in dir auf“, wehrte er ab.

Die Augen Loris blickten flehend zu ihm auf.

„Tu es trotzdem, Väterchen“, bettelte sie.

Dem flehenden Blick konnte er nicht widerstehen.

„Gern tu ich das nicht, Mädel, aber wenn du es durchaus willst, dann muss ich wohl. Also siehst du, der Hansjörg war so an die acht Jahre alt. Der liebe Gott hatte uns noch ein kleines Mädelchen beschert, das aber gleich nach der Geburt starb; seitdem kränkelte meine Frau immer ein bisschen. Der Arzt riet mir, ihr Zerstreuung zu verschaffen, und da beschloss ich, mal eine Wintersaison mit ihr in der damals noch herzoglichen Residenz zu verleben. Tante Robbingen, Mütterchens Schwester, hatte uns schon oft eingeladen. Zu der Zeit lebte ihr Mann noch, und sie machten ein großes Haus, wie es die Stellung meines Schwagers verlangte. Meine Frau war einverstanden, schon weil sie sich freute, ihrer Schwester Maria mal wieder auf längere Zeit nahe zu sein. Sie hingen sehr aneinander. Hansjörg musste natürlich mit, weil seine Mutter sich nicht von ihm trennen wollte. Robbingens haben keine Kinder; sie freuten sich auf Hansjörg, der dann auch in der großen, schönen Villa meines Schwagers alles auf den Kopf stellte.

Wir verlebten einen genussreichen Winter in der Residenz. Und nun komme ich auf deinen Vater: Wir lernten ihn zu Anfang der Saison auf einer Abendgesellschaft bei Robbingens kennen. Weil er mir so gut gefiel, forschte ich meinen Schwager über ihn aus. Der gab mir Bescheid. Erbach, sagte er mir, sei ein. Prachtkerl, kühn, forsch, schneidig, dabei weichherzig wie ein Kind. Die Frauen vergötterten ihn, seine Freunde liebten ihn, und alle Welt war ihm zugetan. Aber er war arm wie eine Kirchenmaus und erhielt nur von einer unverheirateten Tante; seiner einzigen Verwandten, ab und zu eine Zulage. Man hielt ihn auch für ihren Erben. Diese Tante wollte ihn mit einer reichen Erbin verheiraten, aber er schien diesem Plan abgeneigt.

Das erfuhr ich über deinen Vater, mit dem ich, obgleich er zehn Jahre jünger war als ich, im Lauf jener Saison Freundschaft schloss.

Ich hörte dann auch, dass Erbach sein Herz an ein armes Mädel verloren hatte und deshalb von der reichen Erbin nichts wissen wollte.“

„Das arme Mädchen war meine Mutter, nicht wahr, Väterchen?“, fragte Lori atemlos.

Er nickte.

„Ja, Lorchen. Sie stand nach ihres Vaters plötzlichem Tod allein in der Welt, bildschön, liebenswürdig, tugendhaft, aber ohne einen Heller Geld. Kaum waren wir nach Hohenstein zurückgekehrt, da erfuhren wir, dass Hans Erbach allen Vernunftgründen zum Trotz frisch drauflos geheiratet hatte, obwohl die erboste Tante ihm mit Enterbung drohte. Die Tante entzog ihm die Zulage und starb bald darauf. Ihr Vermögen hatte sie kurz vor ihrem Tod einem Stift vermacht. Hans Erbach ging leer aus.

Eines Tages war er mit seiner jungen Frau verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Niemand wusste, wohin.

Es tat mir herzlich Leid um diesen Prachtmenschen. Aber siehst du, ein Mann ohne Geld, der nichts gelernt hat, hat es nicht leicht, für sich und seine Familie zu verdienen. Dein Vater war außerdem zu stolz, um jemand um Hilfe zu bitten, die ihm sicher nicht versagt worden wäre.

Zwei Jahre lang hörten wir nichts von ihm. Inzwischen war Mütterchen noch schonungsbedürftiger geworden: der große Haushalt stellte zu viele Anforderungen an sie. Die Klimschen war damals schon als Mamsell in Hohenstein. Aber der Zustand meiner armen Frau kam mit dieser Hilfe nicht aus. Mütterchen und ich fassten den Plan, eine Hausdame zu engagieren. Wir dachten an eine gebildete Person, die zugleich Mütterchens Gesellschafterin sein und sie im Haushalt entlasten konnte. Wir ließen in verschiedenen Zeitungen Anzeigen einrücken und erhielten eine Menge Angebote. Unter ihnen befand sich eines, aus dem wir unerwartet etwas über Hans Erbachs Schicksal erfuhren – leider auch über sein tragisches Ende. Dieses Schreiben war von deiner Mutter. Sie wusste nicht, dass wir Erbach gut gekannt hatten; sie bewarb sich um die Stellung als Hausdame bei uns und sandte ihren Lebenslauf ein. Daraus ersahen wir, dass deine Eltern nach dem Verlassen der Stadt nach Wien übergesiedelt waren. Dann hatte Hans Erbach eine Stellung als Stallmeister auf einem ungarischen Gestüt gefunden. Aber schon nach einem Jahr war er beim Zureiten eines besonders wilden Pferdes gestürzt, so unglücklich, dass er auf der Stelle verschied.

Deine arme Mutter, die sich unter den fremden Menschen nun doppelt unglücklich fühlte, kehrte nach Wien zurück. Der Besitzer des Gestüts hatte ihr ein Jahresgehalt ihres Gatten auszahlen lassen – das war ihr ganzer Besitz. In Wien bist du dann, zwei Monate nach dem Tod deines Vaters, zur Welt gekommen.“

Loris Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Hohenstein hielt inne.

„Siehst du, Lorchen, nun weinst du“, sagte er unbehaglich.

Sie schmiegte sich an ihn. „Erzähle weiter, bitte!“, bat sie leise.

Er räusperte sich und fuhr fort: „Also, deine Mutter legte uns ihre Verhältnisse klar und bat in rührenden Worten um die Stellung. Sie versprach, sich die größte Mühe zu geben, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden; sie wollte mit einem geringen Gehalt zufrieden sein und bat nur um eins: dass sie ihr Kind, ein kleines Mädchen von acht Monaten, in der Nähe behalten dürfe. Sie sei zu Ende mit ihren Mitteln und habe schon alles versucht, einen Erwerb zu finden. Aber niemand wollte sie mit ihrem Kind aufnehmen, und sie könne sich nicht von ihm trennen.

Na, Lorchen, du kannst dir denken, wie uns das berührte. Mütterchen guckte mich mit ihren lieben Augen an, und ich guckte sie an, dann nickten wir uns nur zu und verstanden uns.

Acht Tage später zogst du mit deiner Mutter in Hohenstein ein. Als wir dich sahen, da lachtest du uns an und sprudeltest ein drolliges Kauderwelsch hervor. Der Hansjörg war vor Vergnügen über die drollige Kleine ganz aus dem Häuschen, und Mütterchen, na, die dachte wohl an ihr totes kleines Mädchen und wollte dich nicht mehr von ihrem Schoß lassen. Deine Mutter aber, Lorchen, erfuhr nun erst von uns, dass wir deinen Vater gekannt hatten und – na, sie war ganz auseinander vor Rührung und Dankbarkeit, dass wir sie samt ihrer kleinen Lori in Hohenstein aufnahmen.

Ein tapferes Frauchen war deine Mutter, Lori. Sie konnte sich nicht genug tun, uns zufriedenzustellen. Wir mussten immer bremsen, dass sie sich nicht überanstrengte. Mütterchen hatte nun eine gute Zeit, sie ließ dich kaum von sich, und Hansjörg schleppte dich überall herum wie ein junges Kaninchen. Und alles brachte er herbei, womit er dir eine Freude zu machen glaubte; wir mussten aufpassen, dass er des Guten nicht zu viel tat. Schon damals merkten wir, welch heilsamen Einfluss du auf unseren übermütigen Wildfang ausübtest. So ist es auch geblieben. Du weißt, wie viel Hansjörg auf sein Schwesterchen hält. Denn als Schwester akzeptierte er dich sofort, als deine arme Mutter drei Jahre später an einer Lungenentzündung starb.

Du warst uns in diesen drei Jahren so ans Herz gewachsen, dass wir nicht daran gedacht hätten, dich fortzugeben. Tante Maria erbot sich damals, dich zu sich zu nehmen, aber wir konnten uns nicht von dir trennen. Hansjörg protestierte energisch, und Mütterchen – na, du weißt ja, wie sie an dir hing.

Du bliebst also in Hohenstein. So, und nun lass mich zufrieden mit den alten Geschichten, hörst du, und gucke wieder mit blanken, lustigen Augen in die Welt! Das bitt ich mir aus!“

Lori fuhr über die Augen, dann drückte sie schnell ihre Lippen auf die Hand des alten Herrn.

„Wenn ich nur einmal vergelten könnte, was du – was ihr alle an mir getan habt!“

Der alte Herr kämpfte mit der Rührung.

„Vergelten? Na, weißte, Mädelchen, wenn wir mit dem Vergelten anfangen wollen, das wird eine verzwickte Rechnung. Du hast uns mindestens so viel zuliebe getan wie wir dir.“

„O nein, ich bin euch so viel, viel Dank schuldig!“

„Hör auf, du, sonst werde ich wild. Wer hat Mütterchen in den langen Jahren ihres Leidens gepflegt und immer wieder froh gemacht? Du! Wer hat stets wie eine treue Schwester zu Hansjörg gehalten? Wieder du! Wer hat mir und Hansjörg die Lücke ausgefüllt, die Mütterchen nach ihrem Tod hinterließ? Ach, Lorchen, was für ein Segen bist du uns gewesen! Nun pflegst du wieder mein Zipperlein, wie nur ein liebes Töchterchen es kann. Und Hansjörg? Na, wie dem wohl zumute wäre, wenn er nach Hause käme und könnte sich nicht mit dir herumnecken! Dem bist du wirklich ans Herz gewachsen wie eine Schwester.“

Ein feines Rot stieg in Loris Gesicht, und ihre Augen sahen versonnen ins Weite.

„Ach, ihr seid alle so unsagbar gut zu mir“, sagte sie mit verschleierter Stimme.

Er lachte gerührt.

„Na, Kunststück! Wer sollte dir nicht gut sein! Aber nun die Grillen verjagt! Sonst reißt mich das Zipperlein wieder herum.“

Lori schüttelte die wehe Stimmung ab. Gewaltsam riss sie sich von ihren trüben Gedanken los und lachte.

„Ach, Väterchen, das Zipperlein kommt vom Rotwein und lässt sich vom Lachen nicht verjagen“, neckte sie.

Jetzt schob sich Mutter Klimschen vorsichtig zur Tür herein und stellte eine frische Tasse ihres heilkräftigen Tees, auf dessen gute Wirkung sie schwor, auf ein Tischchen neben der Tür. Lori nickte ihr verstohlen zu, und sie ging wieder hinaus.

Hohenstein hatte nichts bemerkt von der kleinen Szene zwischen den Frauen.

Lori holte die gefüllte Tasse herbei.

„Was bringst du denn da?“, fragte er misstrauisch.

„Den Tee, Väterchen. Mutter Klimschen hat ihn frisch bereitet – den trinkst du nun, nicht wahr?“

„Fällt mir nicht ein!“

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