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Hedwig Courths-Mahler - Folge 061

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Bezwungene Liebe

Roman um Leid und Sehnsucht eines tapferen Frauenherzens

 

 

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Frau Goßegg saß mit sorgenvoller Miene über ihr Haushaltungsbuch gebeugt. Wieder und wieder rechnete sie die Zahlenreihe herunter. Es blieb immer das gleiche Ergebnis.

Seufzend legte sie die Feder beiseite. Dann zählte sie die kleine Summe, die sie ihrem Geldbeutel entnahm.

Vier Mark und sechzig Pfennig! Damit sollte sie noch zehn Tage auskommen, sollte für sich und drei Kinder den Lebensunterhalt bestreiten!

Frau Goßegg rechnete noch einmal von neuem, mit einem mutlosen, bedrückten Gesicht. Plötzlich horchte sie auf. Draußen im Schloss der Korridortür drehte sich ein Schlüssel herum. Wenige Sekunden später trat ein schlankes Mädchen ein.

„Gottlob, dass du da bist, Kind. Ich sitze wieder einmal über meinem Rechnungsbuch und kann nicht zu Ende kommen.“

Gabriele Goßegg trat zu ihrer Mutter heran und blickte über ihre Schulter in das kleine Buch. „Quäle dich nicht immer wieder damit, Mama, es wird nichts dadurch geändert! Dass du nur das Nötigste ausgibst, ist gewiss, und was übrig bleibt, wird durch das angestrengteste Rechnen nicht vermehrt.“

Die alte Dame sah zu ihrer Tochter auf. „Damit hast du leider Recht. Ach, Kind, ich weiß diesmal nicht, wie ich bis zum Ersten auskommen soll.“

Das junge Mädchen strich liebevoll das graue Haar aus der Stirn der Mutter. „Sorge nicht so viel, Mama! Du reibst dich auf dabei und kannst nichts ändern.“

Sie zog ein kleines Geldtäschchen hervor und schüttete den Inhalt vor der Mutter auf den Tisch. „Da, hier ist Geld in Menge. Damit kommen wir sehr gut aus, nicht wahr?“

Frau Goßegg wehrte erschrocken ab. „Nicht, Gabi! Dieses Geld hast du dir verdient, und es war für eine neue Winterjacke bestimmt, du brauchst sie so notwendig.“

Gabriele lachte leise. „Sollst sehen, wie fein ich zu einer neuen Winterjacke komme.“

Sie packte aus einem Papier etwas aus und legte es der Mutter hin.

„Was willst du mit diesen Blenden, Gabi?“

„Damit besetze ich meine alte Jacke, ganz nach einem neuen Modell, das ich im Schaufenster sah. Die schadhaften Stellen werden verdeckt, und zugleich wird meine Jacke neu und fein. Sollst sehen, es geht ganz gut.“

„Liebes Kind, ich weiß sehr wohl, dass es durchaus nicht so gut geht, wie du mir glaubhaft machen willst. Ich weiß auch, dass du dich sehr auf eine neue Jacke gefreut hast.“

„Aber, Muttchen, daraus, dass ich die Blenden schon gekauft habe, kannst du sehen, dass dein Geldmangel ohne Einfluss auf meinen Entschluss blieb. Ich hätte mir ohnedies keine neue Jacke gekauft. Der Gedanke mit den Blenden leuchtete mir ein.“

„Und außerdem wusstest du ganz genau, dass ich, wie immer, zum Monatsschluss deine Hilfe brauchte. Ich weiß, du bringst uns, wie so oft, mit lächelndem Gesicht ein Opfer. Aber obgleich ich es weiß, ich muss es annehmen, wenn ich keine Schulden machen soll.“

Gabrieles Gesicht wurde ernst. „Um Gottes willen, keine Schulden mehr, Mama! Du weißt, wie schwer es uns wird, abzuzahlen, was wir für Fred aufnehmen mussten. Lieber die äußersten Einschränkungen auferlegen.“

„Ja – ja! Beruhige dich, Gabi! Wenn du mir die Hälfte gibst, komme ich gut aus. Freilich, ich hätte dich gar zu gern in einem hübschen, neuen Mantel gesehen.“ Gabriele beugte sich nieder und küsste die Mutter. „Bin ich dir nicht ohnehin schön genug?“, fragte sie scherzend.

„Mir bist du immer gleich lieb und schön. Aber sieh, ein bisschen eitel ist jede Mutter auf ihre Töchter. Wenn ich mir manchmal ausmale, wie du in schönen, vornehmen Kleidern aussehen müsstest ach, Kind, ich glaube, es gäbe keine größere Wonne für mich.“

„Mutterle, unvernünftiges, liebes Mutterle, willst du mich mit Gewalt eitel machen? Schäme dich! Und nun packe schleunigst dein dummes Rechnungsbuch ein, und da – nimm das Geld!“

„Nicht alles, Gabi. Das da verwende wenigstens für dich.“ Gabriele steckte die übrigen Scheine wieder in ihr Geldtäschchen und nahm es an sich. „Auch gut, ich kaufe mir eine Aktie dafür“, scherzte sie.

„Hast du neue Arbeit mitbekommen, Kind?“

„Ja, Mama. Zwei Läufer und eine Tischdecke. Du kannst die Läufer sticken, ich arbeite die Decke. Es ist ein besonders lohnender Auftrag, eine hübsche Summe bekommen wir für die drei Sachen.“

„So?“

„Ja. Du weißt, die Abteilungsvorsteherin legt mir solche Sachen immer zurück. Sie ist sehr freundlich zu mir.“

„Dass nur kein Mensch etwas davon merkt! Du bist doch vorsichtig, Kind?“

Gabrieles Lippen umspielte ein bitteres Lächeln, das gar nicht in das junge Gesicht passen wollte. „Sei ohne Sorge, Mama! Ich weiß, dass es nicht bekannt werden darf, dass die Schwester und die Mutter Fred Goßeggs um Geld Stickereien für ein Geschäft liefern. Wenn ich darauf nicht immer Rücksicht zu nehmen hätte, könnte ich Sprachstunden erteilen und würde müheloser mehr Geld verdienen.“

„Ja, Kind, als Schwester hast du Rücksicht zu nehmen.“

„Außerdem würde man es auch sonst sehr sonderbar finden, dass Fred Goßegg Sektfrühstücke gibt“, sagte Gabriele bitter.

Frau Goßeggs Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. „Es war einmal, Gabi, weil er eine Wette verloren hatte.“

„Er hat kein Recht, eine solche Wette einzugehen, da er weiß, wie schwer es uns wird, ihm die nötige Hilfe zu geben. Seine Schwester Magda lebt in abhängiger Stellung bei einer boshaften, launischen Dame, um unseren Einnahmen wenigstens etwas aufzuhelfen, du und ich, wir sitzen tagaus, tagein hinter dem Stickrahmen, und für Walter können wir nicht einmal das Gymnasium erschwingen, obwohl er sehr begabt und fleißig ist. Auch unser Nesthäkchen Friedel muss manches entbehren. Alle zusammen sparen und knausern wir, und er macht solche Streiche.“

„Aber, Gabi, es hat ihm selbst Leid getan, und du hast ihm schon Vorwürfe genug gemacht. Glaubst du, es ist ihm leicht, mit dem knappen Gehalt auszukommen, jung und lebenslustig, wie er ist?“

„Nein, das weiß ich. Uns wird es aber mindestens ebenso schwer. Muttchen, mach nicht ein so gequältes Gesicht! Ich weiß, dass Fred nun mal dein besonderer Liebling ist, weil er unserem verstorbenen Vater so sehr gleicht. Ich sollte dich nicht in ihm kränken, es ist nicht recht von mir. Aber manchmal ist es stärker als ich, wenn wir alle wieder und wieder auf ihn Rücksicht nehmen müssen.“

„Nicht auf ihn, nur auf seine Stellung.“

„Ja, ich weiß. Ihm und uns wäre wohler, wenn er nicht Bankvorstand geworden wäre.“

„Es geschah auf deines Vaters Wunsch. Er war selbst mit Leib und Seele in diesem Beruf, und wenn er nicht so früh gestorben wäre – auch Walter hätte diesen Beruf ergreifen müssen. Außerdem war Fred ja bereits Volontär, als Vater starb.“

Gabriele umfasste die Mutter liebevoll. „Verzeih, dass ich so garstig war, Mama!“

Die alte Dame küsste sie, schnell versöhnt. „Du und garstig, mein Goldkind? Ich weiß das besser. Nur die Sorge um mich und deine anderen Geschwister lässt dich so schroff über Fred urteilen. Im Grunde hast du ihn so lieb wie uns alle und würdest ihm jedes Opfer bringen. Ich glaube, wenn es in deine Macht gegeben wäre, du würdest ihm mit Freuden ein sorgloses Leben schaffen.“

Es lag eine verhaltene Frage in ihren Worten. Gabis Gesicht rötete sich, und ein ängstlich abwehrender Ausdruck trat in ihre Augen.

Sie wusste, welcher Gedanke sich in den Worten der Mutter verbarg. Ein reicher, unabhängiger Fabrikant, eine hoch geachtete und einflussreiche Persönlichkeit, bewarb sich schon seit einiger Zeit ziemlich deutlich um Gabriele Goßegg. Herbert Wendheim, so hieß dieser Bewerber, war erst vierunddreißig Jahre alt, stand aber schon seit drei Jahren, seit dem Tod seines Vaters, an der Spitze eines großen Fabrikbetriebs. Das junge Mädchen war unangenehm berührt durch Wendheims Bemühungen. Der ernste, etwas stille Mann war ihr nicht unsympathisch, sie unterhielt sich auch gern mit ihm, bis sie seine Absicht merkte. Von diesem Zeitpunkt ab zog sie sich aber, so viel es ging, von ihm zurück. Ihr junges Herz gehörte mit schwärmerischer Innigkeit einem anderen Mann, einem Freund ihres Bruders, dem jungen Hochschullehrer Heinz Römer.

Gabriele wusste, dass ihre Liebe aussichtslos war, denn Heinz Römer war gleich ihrem eigenen Bruder arm. Sie war überzeugt, dass er sie sehr gern hatte, dass aber an eine Verbindung nicht zu denken war. Trotzdem hing ihr Herz an ihm. Sie gab sich dem Zauber einer reinen, nicht berechnenden Liebe hin und war selig, wenn sie Heinz zuweilen sah und einige Worte mit ihm sprechen konnte.

Gabriele antwortete jedoch nicht auf die Frage ihrer Mutter, sondern sah nach der Uhr. „Himmel, es ist gleich vier! Da muss ich mich beeilen mit dem Kaffee. Wenn Frieda und Walter aus der Schule kommen und ihr Vesperbrot ist nicht bereit, dann geht es uns schlecht, Mama. Bitte, leg dein Buch beiseite und decke das Tischtuch auf! Ich will schnell in die Küche hinaus.“

Seufzend erhob sich die alte Dame, als Gabi hinausgegangen war. Sie merkte sehr gut, dass ihre Tochter von Wendheims Werbung nicht so beglückt war, wie sie selbst. Gabriele wich ihr aus, sooft sie das Gespräch darauf brachte. Das war kein günstiges Zeichen.

Eine Weile später brachte das junge Mädchen das Kaffeegeschirr herein und setzte es mit flinken, geschickten Händen auf den Tisch. Dann brachte sie Brot und Butter herbei und begann Butterbrote zu machen.

Da ertönte auch schon die Wohnungsklingel. Frau Goßegg ging, um zu öffnen, und gleich darauf stürmten Gabrieles jüngste Geschwister ins Zimmer.

„Tag, Gabi – o Gott, hab ich einen Hunger! Mir kannst du mindestens viermal ums Brot herum abschneiden“, rief Frieda.

„Und mir auch, Gabi, aber recht dick und die Butter nicht zu knapp, sonst kriegst du mich nicht satt“, sagte der vierzehnjährige, lang aufgeschossene Walter.

Gabriele sah lachend auf die beiden geräuschvollen Kinder. „Erst die Schulbücher an Ort und Stelle und die Schmutzfinger gewaschen! Vorher gibt es nichts. Das wisst ihr ganz genau.“

„Du bist kleinlich, Gabi“, maulte Frieda, tat aber, was die Schwester verlangte.

Walter aber kam sofort und ohne Widerrede dem Befehl nach. Gabriele sah verwundert hinter ihm her. „Walter ist ja auffallend gehorsam, Mutter. Gib Acht, er hat irgendetwas angestellt“, sagte sie lächelnd.

Die Kinder kamen zurück. „Walter, komm mal her zu mir!“, sagte Gabriele ernst.

„Was soll ich denn?“, fragte er ein wenig scheu und bekam einen roten Kopf.

„Sag mal, was hast du denn heute für Dummheiten in der Schule gemacht!“

„Gar keine. Ich habe sogar eine blanke Eins in meiner französischen Arbeit.“

„Das ist schön. Sieh, wie Mama sich freut! Und sonst?“

„Ach, Gabi, du bist ein richtiger Untersuchungsrichter. Weißt du, ich wollte es dir gar nicht sagen, aber du merkst immer alles. Ich hab mir ein Loch in die Hose gerissen.“

„Walter, in die neue Hose?“, rief Frau Goßegg erschrocken. Er nickte mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: Es ist alles Bestimmung, niemand kann seinem Schicksal entgehen.

Gabriele untersuchte den Schaden sofort und strich dann, beruhigend lächelnd, über den kurz geschorenen Knabenkopf. „Es ging noch gut ab, Mutter. Den Riss stopfe ich so fein, dass er nicht zu merken ist. Wie kamst du denn dazu, Walter?“

Der Knabe haschte verstohlen nach der Hand der Schwester und drückte sie, so fest er konnte. Er wusste sehr gut, dass Gabriele der Engel im Haus war und für alles einen Ausweg fand. „Ich blieb am Zaun hängen, als ich drüber sprang.“

„An welchem Zaun?“

„An dem vom Schulgarten.“

„Konntest du nicht durch die Tür gehen wie die anderen Jungen?“

„Ich wollte schnell nach Hause. Hast du sehr viel Arbeit damit, Gabi?“

„Nein, nein. In einer Viertelstunde ist es getan. Aber sei in Zukunft vorsichtiger! Du weißt, wie schwer es Mutter fällt, dir immer wieder neuen Anzüge anzuschaffen. Und nun geh an dein Vesperbrot!“

Walter sah forschend auf Mutter und Schwester. So jung er war, spürte er doch, wie sich die beiden sorgten. Er träumte davon, einst ein reicher Mann zu werden. Dann sollten es die beiden lieben Menschen gut bekommen. Und Friedel bekam dann ganz sicher ein weißes Kleid von ihm, mit Stickereien und blauen Schleifen, wie Kurt Haubolds Schwester. So eins hatte sie sich immer gewünscht.

Gerade als Gabriele den Kaffeetisch abräumen wollte, kam Fred Goßegg. Der bildhübsche, schlanke Mensch, in elegantestem Anzug, begrüßte Mutter und Geschwister und setzte sich mit an den Tisch. „Hast du noch eine Tasse Kaffee für mich, Gabi?“

Sie holte ihm schnell eine Tasse und schenkte sie voll. „Da hast du Glück gehabt, Fred, die Kanne ist ausnahmsweise noch nicht leer. Willst du auch ein Butterbrot haben?“

„Gern, wenn du mir eins zurechtmachen willst.“

Sie legte ihm vor, und er ließ es sich gut schmecken. Seine Mutter sah voll Stolz in das frische, gebräunte Gesicht, das nur durch einen weichlichen Zug um den Mund etwas verlor. „Wie geht es dir, Fredy?“

„Danke, Mama, man schlägt sich so durch. Wenn es besser ginge, wäre es kaum zum Aushalten“, scherzte er.

Er neckte sich mit Frieda und Walter und sah zuweilen mit einem Seitenblick in Gabrieles ernstes Gesicht.

„Ich bringe übrigens dir und Mutter eine Einladung, Gabi. Wir sind alle drei morgen Abend zu Konsul Haller geladen. Große Gesellschaft, Abendessen, musikalische Genüsse und zum Schluss ein Tänzchen. Fein, nicht wahr?“

Gabrieles Gesicht rötete sich. Sie kam selten genug zu solchen Geselligkeiten, und bei Hallers war es immer sehr nett. Von der Schule her war sie mit Ingeborg Haller, der einzigen Tochter des Konsuls, befreundet. Wenn sie sich auch nicht sehr gut mit dem verwöhnten, launischen Mädchen verstand, ein gewisses Freundschaftsverhältnis hatte doch fortbestanden. Außerdem wusste Gabriele ganz genau, dass sie bei Hallers auch Heinz Römer treffen würde, und das trieb ihr die Röte freudiger Erregung ins Gesicht. Sie sah bittend zur Mutter hinüber.

Frau Goßegg sah einigermaßen unbehaglich ihre Kinder an. „Weißt du, wer alles geladen ist, Fred?“

„Wahrscheinlich so ziemlich alles. Meine Kameraden, die Honoratioren mit Kind und Kegel, Wendheim natürlich auch.“

Mutter und Sohn wechselten einen bedeutsamen Blick.

„So, Wendheim auch?“, fragte Frau Goßegg leichthin.

„Natürlich, der darf als viel begehrte Partie nicht fehlen. Übrigens traf ich ihn auf dem Weg hierher. Er lässt sich den Damen empfehlen. Auf das Angelegentlichste erkundigte er sich, ob ihr beide morgen Abend auch dabei sein würdet.“

„Und was sagtest du?“

„Dass ich es als gewiss annehme. Er machte gar kein Hehl daraus, dass ihm viel an eurer Gegenwart liegt. Was meinst du, Gabi, gilt sein Interesse nun Mutter oder dir?“

Das junge Mädchen sah unwillig in sein lächelndes Gesicht. „Ich meine, du solltest solche Fragen nicht stellen. Ich finde sie wenig zartfühlend.“

„Mein Gott, Gabi, sei nicht so empfindlich! Fred meinte es doch nicht böse“, begütigte Frau Goßegg.

„Verstehst du denn keinen Spaß, Gabi?“, fragte Fred.

„In dieser Angelegenheit nicht, Fred. Ihr beide wisst so gut wie ich, dass Wendheim sich auffallend um mich bemüht. Diese Auszeichnung ist mir unsagbar peinlich, und ich mag nicht, dass ihr darüber scherzt.“

„Aber Kind, wenn ich nur wüsste, warum es dir peinlich ist, dass Wendheim Gefallen an dir findet.“

„Mir liegt nichts an seinem Gefallen, er soll mich zufrieden lassen.“

„Du bist sehr töricht, Gabi. Wendheim ist ein prächtiger, stattlicher Mann, ein vornehmer, gediegener Charakter.“

„Ja, und außerdem ist er schwerreich“, vervollständigte Gabriele bitter.

„Gewiss, Kind, und das brauchst du gar nicht in einem solchen Ton zu sagen. Es ist schließlich keine Beleidigung, dass er dich gern hat.“

„Nein, Mama, gewiss nicht. Wendheims Vorzüge erkenne auch ich an. Da ich aber nicht in gleicher Weise für ihn empfinden kann, wie er scheinbar für mich, so musst du einsehen, dass mir das peinlich ist.“

Frau Goßegg seufzte. „Schade, Kind. Ach Gott, ich wäre so glücklich, wenn du einen solchen Mann bekämst! So eine Aussicht wird dir ja nie, nie wieder geboten.“

Fred sah, dass jetzt mit Gabriele nicht zu reden war. „Kommt ihr nun morgen Abend mit oder nicht?“, fragte er ablenkend.

„Ich für meinen Teil ginge sehr gern mit, wenn Mutter zusagt“, erwiderte Gabriele.

„Und ich gönne dir das Vergnügen von Herzen, Kind. Aber mein Kleid? Meinst du, dass es noch geht?“

„Ich frische es dir auf, Mutter. Mit etwas Spitze garniert, wird es ganz nett.“

„Wenn du dir die Arbeit machen willst.“

„Gern.“

„Reicht es denn nicht mal zu einem neuen Kleid für dich, Mutter?“, fragte Fred leise.

„Nein, mein Junge, jetzt nicht. Aber nächstes Jahr wird es schon werden.“

Fred seufzte. Missmutig stand er auf und trat ans Fenster. Die Mutter folgte ihm und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Es ist nicht so schlimm, Fred. Mach dir keine Sorgen mehr darüber!“

Fred nahm bald darauf seinen Hut und machte sich zum Gehen bereit. „Also morgen Abend um acht Uhr hole ich euch ab. Bitte, seid pünktlich fertig!“ Damit verabschiedete er sich.

***

Eine Stunde später saß Gabriele am Fenster im Wohnzimmer und garnierte das alte Seidenkleid ihrer Mutter mit Spitzen. Ihre Mutter saß ihr gegenüber am anderen Fenster und stickte einen zartgelben Tischläufer mit roten Mohnblumen aus.

Aus dem Nebenzimmer klang Friedels kräftige Stimme herüber. Sie deklamierte wieder und wieder die ersten drei Verse aus der „Bürgschaft“. Erst ging es langsam und holprig, dann immer geläufiger.

Dazwischen rief Walter zuweilen: „Nicht so laut, Friedel, dabei kann ich nicht arbeiten!“

Dann dämpfte Frieda ihre Stimme ein wenig, bis sie die Begeisterung wieder fortriss. Da hinein klang plötzlich die Klingel. Walter ging, um zu öffnen und brachte gleich darauf einen Brief herein.

„Mama, da sind italienische Marken drauf, die bekomme ich dann wieder, nicht wahr? Der Brief ist von Magda.“

Frau Goßegg griff danach. Ihr Gesicht verriet, wie sehr sie sich freute, etwas von ihrer ältesten Tochter zu hören.

Magda Goßegg war eine willensstarke, lebensfrische Persönlichkeit. Sie hatte es nicht ausgehalten, hinter schlecht bezahlten Handarbeiten zu sitzen. Kurz entschlossen hatte sie eine Stelle als Gesellschafterin und Reisebegleiterin bei einer alten Dame angenommen. Sie wurde gut bezahlt und konnte reisen nach Herzenslust.

Dem Brief an Frau Goßegg war auch einer an Gabriele beigelegt. Die alte Dame reichte ihn lächelnd ihrer Tochter hinüber, und beide vertieften sich in den Inhalt der Schreiben.

Der Brief an Gabriele lautete:

„Meine liebe Schwester! Seit einigen Tagen sind wir in Neapel und wollen bis zum Frühjahr hier bleiben. Das heißt, meine Herrin will es so, und ich habe mich zu fügen. Es ist ja auch so schön, so wunderbar schön hier: Wenn nur Frau Berkow nicht ein so grässlich launenhaftes und bösartiges Wesen hätte. Ihr größtes Vergnügen besteht darin, mich zu quälen und zu kränken. Sie ist wütend, dass ich gut aussehe, weil sie selbst einer Vogelscheuche gleicht, dass man mir Aufmerksamkeiten erweist und sie links liegen lässt. Zu ihr fühlt sich kein Mensch hingezogen, weil sie auch in Gesellschaft zänkisch und boshaft ist, und doch kann sie ohne Menschen nicht auskommen. So benutzt sie mich als Lockmittel, um Gesellschaft zu bekommen. Jeder Mensch, der sich mir nähert, wird natürlich sofort von ihr mit Beschlag belegt. Nun musst du die hilflosen Blicke dieser armen Opfer sehen, wie sie mich um Erlösung anflehen. Aber ich darf sie um keinen Preis loslassen – es bekäme mir schlecht. Ach Gabi, du mit deinem weichen Herzen, mit deiner stillen Art, du gingst auf und davon – nein, du ließest dich zu Tode quälen von ihr. Aber ich bin von festerem Stoff. Ich räche mich auch gelegentlich dadurch, dass ich zu allen Menschen unfreundlich und abstoßend bin.

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