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Hedwig Courths-Mahler - Folge 060

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Seine indische Ehe

Roman um eine Liebe im Schatten der Vergangenheit

 

 

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Ronald Rittner stand am Fenster seines Arbeitszimmers und starrte mit düsteren Blicken hinaus auf die wunderbare Berglandschaft. Er sah aber nichts von den landschaftlichen Reizen, von der majestätischen Bergwelt, von den grünen Matten und Wäldern und dem klaren, in blauen und grünen Tönen schimmernden Bergsee drunten im Tal. Sein Blick war nicht nach außen gerichtet, er sah nur in seine Seele, die nicht Ruhe finden konnte seit jenen Tagen, da er in Indien weilte, im Land der Wunder, der großen Schönheiten und des entsetzlichen Elends.

Fast zwei Jahre war er in Indien gewesen, wohin ihn damals Geschäfte führten. Diese Geschäfte wickelte er zur vollsten Zufriedenheit ab. Zugleich hatte er aber, ohne es zu suchen, ein großes Glück und ein noch größeres Unglück in diesem rätselhaften Land gefunden. Das Glück war zerbrochen, durch eigene Schuld, wie er wähnte, und das Unglück verfolgte ihn. Das Bewusstsein seiner Schuld war ihm zum Verhängnis geworden und ließ ihn nicht Ruhe und Rast finden.

Anfang der zwanziger Jahre verließ er die deutsche Heimat, um nach Holland zu gehen. Er hatte das väterliche Gut in der Obhut eines Verwalters lassen müssen, weil er in Holland ein großes Erbe antrat. Seine Mutter war Holländerin gewesen, die einzige Tochter eines Amsterdamer Großhandelsherrn, Mijnheer van Gould. Als der Großvater starb, setzte er seinen Enkel Ronald zum Universalerben ein.

Die Leitung des großen Handelshauses war schon bei Lebzeiten Mijnheer van Goulds, der lange kränkelte, in die Hände des langjährigen Prokuristen Mijnheer Boon gelegt worden. Mijnheer Boon war Junggeselle und hatte nur eine große Liebe – den Glanz des Hauses van Gould. Ihn zu hegen und zu mehren, war seine Lebensaufgabe, deshalb konnte es keinen tüchtigeren und zuverlässigeren Beamten geben als ihn. Seine ganze Kraft stellte er in den Dienst der Firma, und wenn das Geschäft florierte, war er glücklicher als der Besitzer. Deshalb hatte Mijnheer van Gould auch in seinem Testament bestimmt, dass Mijnheer Boon bis an sein Lebensende die Leitung der Firma in der Hand behalten sollte. Ronald, der Landwirtschaft studiert hatte, war nun sehr froh, den Beistand eines so tüchtigen Prokuristen zu finden. Er wusste, dass sein Großvater große Stücke auf Mijnheer Boon gehalten hatte und dass Boon auch seiner Mutter sehr ergeben gewesen war. So verstand er sich gut mit dem Prokuristen und ordnete sich willig seiner älteren Erfahrung unter. Zur Hinterlassenschaft seines Großvaters gehörten auch große indische Plantagen. Ihre Bewirtschaftung war von Jahr zu Jahr schwieriger geworden, und deshalb hatte van Gould mit seinem Prokuristen schon über den Verkauf der Plantagen beraten. Das teilte Mijnheer Boon auch Ronald mit. Er betonte die Notwendigkeit, einen Vertrauensmann nach Indien zu schicken und ihm den Verkauf zu übergeben.

Ronald hatte immer Sehnsucht gehabt, nach Indien zu reisen. Seine Mutter war als junges Mädchen mit ihrem Vater längere Zeit in Indien gewesen und hatte ihm viel von den Wundern und Schönheiten dieses Landes erzählt. Deshalb erklärte er dem Prokuristen, dass er selber nach Indien gehen werde, um die Plantagen zu verkaufen.

Mijnheer Boon sah den jungen Mann eine Weile nachdenklich an, dann sagte er in seiner bedächtigen Weise:

„An sich wäre das kein übler Plan. Sie würden Ihr eigenes Interesse am besten selbst vertreten. Aber bedenken Sie, dass Sie als Deutscher bald nach dem Krieg auf dieser Reise möglicherweise Schwierigkeiten haben werden.“

Aber Ronald ließ sich nicht abschrecken. Er war eine Kämpfernatur, die nicht gern geruhsam hinter dem Ofen saß, und die Schwierigkeiten lockten ihn, Mijnheer Boon sah ein, dass sich Ronald nicht zurückhalten ließ, und daher bat er ihn, wenigstens seine Nationalität hinter der holländischen Firma Gould zu verstecken.

Ronald brauste auf. Es falle ihm nicht ein, jemandem zu verbergen, dass er Deutscher sei. Mijnheer Boon beruhigte ihn und redete ihm verständig und besonnen zu.

Als Ronald eine Weile den Ausführungen des alten Herrn gefolgt war, musste er doch einsehen, dass sein Berater es gut gemeint hatte und dass er sich viele Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten ersparen konnte, wenn er als Bevollmächtigter der Firma van Gould nach Indien gehen würde. Einer holländischen Firma würde man keine Schwierigkeiten machen, wohl aber einem deutschen Privatmann.

Und so war Ronald Rittner gut ausgerüstet nach Indien gereist, und schon während der Reise hatte er unzählige Male die Erfahrung machen müssen, dass er gut daran getan hatte, Mijnheer Boons Rat befolgt zu haben. Noch mehr wurde ihm das in Indien klar, und er war dem Prokuristen sehr dankbar. Seine Vollmacht als Vertreter der weltbekannten holländischen Firma ebnete ihm überall den Weg.

Er konnte ungestört seine Geschäfte einleiten und trat mit einem englischen Konsortium in Verbindung, das die Plantagen der Firma van Gould gern an sich gebracht hatte. Natürlich wollte man Ronald übers Ohr hauen und die Plantagen für einen Pappenstiel erwerben, aber da hatte man die Rechnung ohne Ronald Rittner gemacht. Es floss doch immerhin genug kaufmännisches Blut in seinen Adern, dass er sich nicht übervorteilen ließ. Er ließ durchblicken, dass er Zeit habe, auf ein günstigeres Angebot zu warten, und so begann dann ein endloses Hin und Her, das geeignet war, jeden anderen mürbe zu machen. Ronald aber wartete ruhig ab und nützte die Zeit, um Indien gründlich kennen zu lernen. Nach allen Richtungen durchstreifte er das Wunderland, berauschte sich an den Schönheiten und entsetzte sich vor dem unbeschreiblichen Elend, das in den Pariadörfern herrschte. Grauenhaft waren die Krankheiten, die Schmutz und Hunger hervorriefen.

Neben tiefstem Elend sah er die verschwenderischste Pracht, neben den wundervollsten Schönheiten Laster und Verwüstung. Und neben der größten Bewunderung für das Land erfüllte ihn das tiefste Mitleid mit den Armen und Elenden. Er hätte helfen und retten mögen und fühlte doch die Ohnmacht, Not und Krankheit zu lindern. Eine Anhäufung von Lastern fand er im Chinesenviertel von Kalkutta. Und fast ebenso schlimm ging es in manchen Gegenden von Bombay zu.

Ein junger Engländer, mit dem er geschäftlich zu tun hatte, führte ihn zu Maja Ravi, der nach europäischen Begriffen schönsten indischen Tänzerin. Er warnte ihn vor ihrer Schönheit. Ronald hatte überlegen dazu gelächelt, denn sein Frauenideal waren die blonden, stillen Schönheiten seines Vaterlandes. Eine andere Frau hatte bisher niemals einen Reiz auf ihn ausgeübt. Und doch sollte er in Indien nicht nur dem Zauber einer dunkelhäutigen Schönheit verfallen, sondern sein Herz zweimal an eine Inderin verlieren.

Das erste Mal bezauberte ihn die Tänzerin Maja Ravi, die er an jenem Abend in Bombay kennen lernte. Sie trat in einem Lokal auf, das von der internationalen Lebewelt besucht wurde. Ihre Schönheit war in der Tat überwältigend, und Maja Ravi schien auf den ersten Blick an dem hoch gewachsenen Deutschen Gefallen zu finden, dessen kraftvolle Gestalt und energisches Gesicht etwas Imponierendes hatten. Immer wieder sah sie mit ihren wunderbaren Augen in sein Gesicht, aus dem die grauen Augen fest und unbeirrbar, kühn und entschlossen und doch zuweilen mit einer bezaubernden Güte blickten, wenn irgendetwas sein Mitleid erregte. Und die schöne Tänzerin erweckte sein Mitleid, weil sie ihre Schönheit und ihre bewundernswerte Tanzkunst vor einer Herde halbtrunkener Männer preisgeben musste. Er ahnte nicht, dass sein gütiger Blick eine heiße Leidenschaft in Maja Ravi erweckte.

Diese Leidenschaft übertrug sich schließlich auch auf ihn, denn er sah Maja Ravi von diesem Tag an immer wieder. Wenn er nicht in das Lokal kam, wo sie tanzte, wusste sie ihn am Tag, wenn sie nichts zu tun hatte, überall zu treffen. Und ihre Schönheit berauschte ihn wie ein süßes Gift. Er erlag ihrem Zauber, aber nur für kurze Zeit. Bald ernüchterte ihn die Erkenntnis, dass in dem schönen Körper eine hässliche Seele wohnte. Er blickte schaudernd in die Abgründe ihres Herzens und machte sich mit aller Energie von ihr frei. Offen sagte er ihr, dass er eine Frau, die so schlecht und verderbt sei, nicht lieben könne.

Maja Ravi war außer sich, dass er von ihr ging, und mit der wilden Leidenschaft ihres Naturells hasste sie ihn, als er sie verließ, wie sie ihn vordem geliebt hatte. Sie schwor ihm Rache.

Ronald hatte ihre moralische Verkommenheit bald völlig durchschaut und sah ein, dass sie schon zu lange unter dem Einfluss der zügellosen Begier der Männer gelebt hatte, als dass sie noch zu retten gewesen wäre. Um völlig aus ihrem Gesichtskreis zu kommen, war er von Bombay abgereist, denn es lag ihm natürlich fern, sich ihren hasserfüllten Drohungen auszusetzen.

Er durchstreifte alle indischen Distrikte, erledigte seine Geschäfte und war auch in eine indische Stadt gekommen, in der er durch Zufall in studentische Kreise eingeführt wurde. Es waren genussreiche und anregende Wochen, die er verlebte. Und tiefer als bisher blickte er in die indischen Verhältnisse. Und zum zweiten Mal sollte er sein Herz an eine junge Inderin verlieren. Sie war noch sehr jung, die Schwester eines armen Studenten, der sich unter Entbehrungen durch sein Studium hungerte.

Von der Bedürfnislosigkeit indischer Studenten aus armen Familien kann man sich in unseren Ländern gar keinen Begriff machen. Der ärmste unserer armen Studenten ist noch ein Krösus gegen diese oft von einem wahrhaft fanatischen Fleiß vorwärtsgetriebenen Jünger der Wissenschaft. Sie leben den ganzen Tag von einer Handvoll Reis und einigen Früchten. Oft wohnen viele in engen Räumen zusammen und lernen unter den schwierigsten Umständen mit einer Hingabe, die bewundernswert ist. Und ihre Angehörigen warten auf den Tag, wo sie zu Amt und Würden kommen.

Ronald lernte Murphi Dana, einen der begabtesten und fleißigsten jungen Studenten, und dessen enge Verhältnisse kennen. Eines Tages kam Murphi Dana in den hübschen Bungalow, den sich Ronald für einige Monate gemietet hatte, und bat ihn, seinen Eltern seine Schwester Djuna als Gattin auf Zeit abzukaufen. Ronald wusste schon, dass dieses Kaufen einer Gattin auf Zeit, das heißt, einer Gattin, die keinerlei Rechte hat und jederzeit wieder fortgeschickt werden kann, bei den europäischen Sahibs üblich war. Es galt durchaus nicht für anstößig oder entehrend, wenn eine junge Inderin auf diese Weise gekauft wurde. Aber Ronald starrte doch den jungen Studenten fassungslos an. Er fand das Anerbieten ungeheuerlich genug, um es rundweg abzulehnen. Murphi Dana wurde sehr betrübt. „Wenn du meine Schwester nicht kaufst, Sahib, dann müssen sie meine Eltern einem abscheulichen Engländer überlassen, der lüstern nach ihrer Schönheit ist“, sagte er.

„Und weshalb müssen deine Eltern ihre Tochter weggeben, Murphi Dana?“, fragte Ronald.

„Weil sie sonst alle verhungern müssen, Sahib, die Eltern und die Schwester. Du weißt doch, wie groß die Hungersnot ist; der Monsun blieb lange aus, und es fiel kein Regen. Und es dauert noch so lange, bis ich mit meinem Studium fertig bin und den Eltern und der Schwester helfen kann. So muss die Schwester verkauft werden, um uns alle vor dem Hungerstod zu retten. Aber Djuna fürchtet sich so sehr vor dem englischen Sahib, und sie sehnt sich, dir anzugehören, weil du gut und schön bist.“

Ronald hatte fassungslos den Kopf geschüttelt. „Ich kenne deine Schwester doch gar nicht.“

„Aber sie kennt dich, hat dich schon oft gesehen, wenn du den Armen Gaben austeiltest. Und sie bewundert dich so sehr, wie sie den Engländer verachtet und fürchtet. Bitte, sieh dir Djuna einmal an, sie ist hold und lieblich wie eine Lotosblume, und in deinem Haus würde es ihr gut gehen. Sieh dir Djuna wenigstens einmal an – sie wird dir sicher gefallen!“

Ronald hatte ein seltsam beklommenes Gefühl gehabt, er hatte erst auf den Handel nicht eingehen wollen, der ihm umso ungeheuerlicher erschien, weil Murphi Dana ein Mensch von großer Bildung war. Er sollte seine junge Schwester besitzen wie eine rechtlich angetraute Gattin und sie dann, wenn er Indien den Rücken kehrte, ihrem Schicksal überlassen – wie ein Stück Ware sollte er sie behandeln, das man kauft und beiseite wirft, wenn man seiner nicht mehr bedarf!

Aber Murphi hatte nicht nachgelassen mit seinen Bitten, dass Ronald doch die Schwester wenigstens einmal ansehen möchte, und er war ihm endlich gefolgt.

Er hatte Djuna Dana kennen gelernt und war vom ersten Augenblick an bezaubert gewesen von so viel Schönheit und Reinheit. Diese holde, junge Menschenblüte hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Zart und reizvoll, wie eine köstliche Blume, hatte sie in der ärmlichen Hütte ihrer Eltern vor ihm gestanden, hatte ihn mit den wunderbaren dunklen Augen flehend angesehen und die Hände zu ihm aufgehoben.

Ihre Eltern, bleiche, abgehärmte Gestalten, denen der Hunger tiefe Furchen in die Gesichter gezeichnet hatte, knieten neben ihr und hoben auch die Hände flehend zu ihm auf.

„Kaufe Djuna, Sahib, damit wir nicht alle verhungern müssen, wir sind so arm geworden, dass wir Erde essen müssen“, hatte der Vater gesagt.

Ronald hatte ihren Bitten und Djunas Schönheit nicht widerstehen können. Er hatte ihren Eltern eine namhafte Summe ausbezahlt, hatte Djuna mit in seinen Bungalow genommen und sie von seiner Dienerschaft pflegen und neu einkleiden lassen. Und noch viel schöner war ihm Djuna erschienen, als sie nach einem Bad, in einen seidenen Sari gekleidet, vor ihm stand. Ruhig und gütig sprach er zu ihr, und sie war jedes Winks ihres Herrn gewärtig, bis er, von ihrer Hingabe und Demut überwältigt, sie an sein Herz genommen hatte. Aber nicht eine rechtlose Gattin auf Zeit sollte sie ihm sein, sondern er wollte sie zu seiner wirklichen Gattin erheben und sie nie mehr verlassen. Dass ihn das Mitleid mehr anspornte als wirkliche Liebe, wurde ihm damals nicht recht klar; er brachte es nicht übers Herz, das sanfte, edle Geschöpf zu erniedrigen.

Und er hatte sich einige Monate an Djunas Seite restlos glücklich gefühlt, ohne an die Zukunft zu denken und daran, wie sich Djuna wohl später in europäische Verhältnisse einleben würde. Da bemerkte er mit Erschrecken, dass Djuna zu kränkeln begann. Ihre Widerstandskraft, die sie im Elend aufrechterhalten hatte, schien im Glück und im Wohlleben zu versagen. Besorgt sah Ronald in ihre überirdisch glänzenden Augen, die mit so hingebungsvoller Liebe an ihm hingen. Und er konsultierte einen Arzt, der ihm die betrübende Mitteilung machte, dass Djuna an Tuberkulose leide.

***

Gerade in dieser Zeit tauchte plötzlich Maja Ravi in der Stadt auf, in der Roland mit Djuna lebte. Sie trat in einem Lokal auf, das in nächster Nähe von Ronalds Wohnung lag. Und wieder feierte sie mit ihrer Schönheit und ihrer Tanzkunst Triumphe. Dass sie aber nur gekommen war, weil sie zufällig in Erfahrung brachte, dass Ronald in der Stadt lebte und eine indische Frau genommen hatte, ahnte Ronald nicht. Es war ihm unangenehm, dass sie in seiner Nähe wieder auftauchte. Maja Ravis leidenschaftliche Rachsucht war umso mehr aufgeflammt, als sie erfuhr, dass Ronald sehr glücklich mit seiner jungen Gattin lebte. Eines Tages ging sie an seinem Bungalow vorüber und sah Ronald mit Djuna in zärtlicher Umarmung auf der Veranda sitzen. Ohne Zögern war sie auf das Haus zugeschritten und hatte Ronald begrüßt, als seien sie die besten Freunde. Der rachsüchtige Wunsch, ihn für seine Abkehr zu strafen, gab ihr Kraft, sich sanft und freundlich zu stellen. Sie versicherte, Djuna und sie müssten gute Freundinnen werden, da sie und Ronald doch auch gute Freunde seien.

Ronald wusste nicht, wie er sich Maja gegenüber verhalten sollte. Seinem ritterlichen Empfinden war es unmöglich, Maja zu brüskieren, und er beschränkte sich auf eine formelle Höflichkeit. Djuna aber war ein Naturkind mit einem feinen Instinkt. Sie spürte wohl unter der überfließenden Freundlichkeit die feindliche Absicht und zog sich scheu ins Haus zurück.

Maja blieb mit Ronald allein und beherrschte sich auch jetzt vollkommen. Sie sprach sich bewundernd über Djuna aus und lachte über ihre einstigen Beziehungen zu Ronald, die sich ja nun zu einer ruhigen Freundschaft abgeklärt hätten. Und zum Schluss sagte sie wie vom Mitleid überwältigt:

„Deine junge Gattin ist sehr krank, hat man mir gesagt, und ich habe an ihren Augen gesehen, dass sie bald sterben muss.“

Ronald erschrak. Was er sich selbst noch nicht eingestehen wollte, davon sprach man also schon in der Stadt.

„Wer hat davon gesprochen, Maja?“, fragte er.

Sie zuckte die Achseln. „Alle sprechen davon, die euch kennen. Aber wenn man mir auch nichts gesagt hätte – Djunas dunkel umrandete Augen, die wie im Fieber blicken, sprechen deutlich. So sehn viele von uns aus, die jung sterben müssen. Hunger und Elend in früher Jugend knicken viele junge Menschenblüten und machen sie zu frühem Tod reif. Auch Djuna wird jung sterben müssen, wenn du ihr nicht ein Mittel verschaffst, das sie retten wird.“

Seine Sorge um Djuna ließ ihn alle Abneigung gegen Maja in diesem Augenblick vergessen.

„Was könnte das für ein Mittel sein?“, fragte er.

„Ich will es dir verschaffen, Sahib Ronald. Ein alter Fakir, den ich kenne, besitzt es. Aus alter Freundschaft für dich will ich Djuna retten, obwohl sie sich ungastlich zurückgezogen hat, ehe ich gehe.“

Bei diesen Worten blitzte einen Moment die alte Wildheit aus ihren Augen, und Ronald mochte wohl wünschen, Maja nicht unnötig zu reizen. Deshalb sagte er: „Du weißt ja, dass sie leidend ist, du musst sie entschuldigen.“

Maja hatte sich schon wieder in der Gewalt. „Ich trage es ihr nicht nach. Das siehst du aus meinem guten Willen, ihr zu helfen. Soll ich dir das Mittel verschaffen?“

Er lächelte ein wenig. „Also ein Zaubermittel?“

„Was tut es, wenn es nur hilft.“

Er wehrte aber ab aus einem instinktiven Widerwillen. „Ich will lieber auf den Arzt vertrauen als auf solche Zaubermittel.“

„Du wirst es bereuen, Sahib Ronald. Der Arzt kann bei dieser Krankheit nicht helfen. Aber versuche es immerhin! Wenn du merkst, dass er Djuna nicht retten kann, dann komm zu mir, und ich verschaffe dir das Heilmittel.“

Damit verabschiedete sich Maja Ravi von Ronald und versprach unaufgefordert, wiederzukommen. Ronald konnte ihr nicht widersprechen, ohne unhöflich zu sein, obwohl ihm an einem zweiten Besuch durchaus nichts gelegen war.

Die Wochen gingen hin, und Djuna wurde immer schwächer und hinfälliger. Der Arzt zuckte die Achseln und gestand seine Hilflosigkeit ein. Gegen diese Krankheit sie kein Kraut gewachsen.

In seiner Angst um Djuna bat Ronald dann doch Maja Ravi um das Zaubermittel, weil er sehr viel von der Wirkung derartiger Medikamente gehört hatte. Sie brachte ihm ein weißes Pulver und sagte ihm, es werde bestimmt in zwei Monaten seine Wirkung zeigen, so lange müsse er warten.

Ronald hatte Djuna das Mittel gereicht. Nützte es nichts, so schadete es auch nichts, wie er meinte. Und Djuna nahm mit einem vertrauensvollen Lächeln das Pulver, das ihr der geliebte Mann reichte. Was hätte sie nicht aus seiner Hand genommen! Dass das Mittel von Maja Ravi gebracht worden war, verriet ihr Ronald nicht, denn sie hatte eine instinktive Abneigung gegen Maja, die sich ihr immer wieder in übergroßer Freundlichkeit näherte.

Maja hatte draußen auf der Veranda auf Ronald gewartet. Als er wieder zu ihr heraustrat, fragte sie mit flimmernden Augen: „Hast du Djuna das Mittel gegeben, Sahib Ronald?“

Er hatte das Haupt geneigt. „Ja, Maja, und wenn es Djuna wirklich hilft, dann wird mein Dank unauslöschlich sein.“

Da hatte sie ihn mit einem Blick angesehen, unter dem er fröstelnd zusammenschauerte. „Unauslöschlich? Wie deine Liebe zu mir! Erinnerst du dich, Sahib Ronald, dass du mir einst gesagt hast, deine Liebe zu mir sei unauslöschlich?“

„Ich kann dich nur in meinem Haus dulden, Maja Ravi, wenn du die Vergangenheit als ausgelöscht betrachtest. Du weißt, woran meine Liebe zu dir gestorben ist.

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