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Hedwig Courths-Mahler - Folge 059

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Die Aßmanns

Roman um eine Waise und ihren schweren Weg ins Glück

 

 

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Aber Bettina, wirst du nie lernen, sparsam zu sein?“

Das junge Mädchen, das vor dem Ofen kniete, sah erschrocken empor in das Gesicht der scheltenden Frau.

„Was hab ich denn getan, Tante Adolfine?“, fragte sie ängstlich.

„Was du getan hast? Schau doch ins Feuerloch hinein! Ist das eine Art, Feuer anzuzünden? Meinst du, das Holz kostet nichts? Du stopfst das ganz Ofenloch voll davon. Das teure Holz. Nicht einmal die Hälfte davon ist nötig. Schnell, nimm das übrige heraus! Es ist ein Kreuz mit dir, Bettina. Du solltest doch doppelt sparsam sein. Natürlich, wenn ihr zu Hause so gewirtschaftet habt, dann ist es kein Wunder, dass ihr zu nichts gekommen seid. Bei mir gibt es solche Lotterwirtschaft nicht, das solltest du nun endlich wissen und dich danach richten.“

Bettina war sehr bleich geworden. Sie holte mit flinken Fingern einen Teil des Holzes wieder aus dem Ofenloch heraus und legte es sorgsam in den Korb zurück. Dann schichtete sie Kohlen um das winzige Holzhäufchen. Nachdem sie mit einem Span das Feuer entzündet hatte, erhob sie sich. Sorgsam entfernte sie jedes Stäubchen vor dem Ofen.

Es war ein feuchtkalter Herbstabend. Den ganzen Tag hatte die Hausfrau im kalten Wohnzimmer gefroren. Jetzt endlich hatte sie sich entschlossen, Feuer anzünden zu lassen, weil sie es vor Kälte nicht mehr aushalten konnte. Auch kam bald der Hausherr, Peter Aßmann, aus der Fabrik nach Hause. Und der liebte ein warmes Zimmer sehr.

Bettina trug den Holzkorb hinaus und kehrte dann ins Zimmer zurück. Es war, wie das ganze alte Haus, mit vornehmer, etwas altväterlicher Pracht ausgestattet. Aßmanns waren sehr reich. Sie stellten Tuche her, die Weltruf hatten.

Peter Aßmann war der einzige Sohn seines Vaters und alleiniger Besitzer der großen Fabrik und des schönen alten Hauses am Fluss. Seine Eltern waren schon beide gestorben, als Adolfine seine Gattin wurde. In seinem Haus lebte nur noch eine Schwester seines Vaters. Sie bewohnte auch heute noch drei schöne, große Zimmer nach dem Fluss hinaus. „Großtanting“ Emma, wie sie von den beiden Aßmannschen Söhnen, Ernst und Georg, genannt wurde, hatte als junges Mädchen einen Bräutigam gehabt. Der war im Krieg gefallen. Sie hatte ihm über den Tod hinaus die Treue bewahrt und war trotz ihres Reichtums und ihrer Schönheit unverheiratet geblieben.

Großtanting Emma war der Frau ihres Neffen innerlich nie nahe getreten. Adolfine war zu klug und zu gierig nach Reichtum, um nicht mit der Tante ihres Mannes Frieden zu halten. Denn da sie unverheiratet blieb, würde ihr Vermögen natürlich einst ihrem Mann und ihren Kindern zufallen. Und Großtanting war eine stille, sanfte Natur und liebte den Frieden um seiner selbst willen. Wohl fand sie sich innerlich bald abgestoßen von Adolfines kühlem, nüchternem Wesen. Sie begriff ihren Neffen nicht, dass er sich im Besitz einer solchen Frau glücklich fühlte. Aber sie war zu taktvoll, um sich das anmerken zu lassen.

Gleich von Anfang an verstand es Adolfine, sich die führende Stellung im Haushalt zu sichern. Großtanting, die ihrem Neffen den Haushalt geführt hatte, wurde in ihre drei Zimmer zurückgedrängt und fügte sich drein mit ihrem stillen, feinen Lächeln – einem Lächeln, das alles Menschliche verstand, alles verzieh.

Adolfine führte ein strenges Regiment im Haus ein und tat sich viel darauf zugute, dass sie sparsamer wirtschaften konnte als die Tante ihres Mannes. Diese lächelte dazu. Es wäre ja so gar nicht nötig gewesen, dieses Sparsystem, aber da es Adolfine Befriedigung gewährte, ließ man ihr den Willen. Weder Peter noch seine Tante protestierten dagegen; sie sahen sich nur zuweilen mit einem gütigen Lächeln ins Gesicht. Sie verstanden sich und verstanden Adolfine. Sie wollte durch große Sparsamkeit den Schaden wett machen, der dem Haus Aßmann durch Peters Heirat mit einem armen Mädchen erwachsen war.

Großtanting kam meist nur zu den Mahlzeiten mit Adolfine und den anderen Familienmitgliedern zusammen. Aber mit dem ältesten Sohn Peters und Adolfines verband sie mit der Zeit ein ganz eigenartig inniges Verhältnis. Ernst Aßmann war ein warmherziger, etwas wilder Junge, der von seiner Mutter nur Tadel und Schelte bekam, da sie ihn nicht verstand und sein feuriges Wesen ihr direkt unsympathisch war. Ungerechte Strafen weckten seinen Trotz gegen die Mutter, wofür er wieder von seinem Vater gestraft wurde. So war er auf dem besten Weg, sich zu verhärten und zu verbittern. Da griff Großtanting ein. Sie sah, welch ein Verbrechen die schablonenhafte Erziehung an diesem Knaben war, und ganz still und sanft, aber eindringlich machte sie ihren Einfluss auf ihn geltend. Und Ernst begann ein anderes Leben zu leben. Manche Stunde, die er früher zu tollen Streichen benutzte, saß er jetzt bei Großtanting im Zimmer und plauderte mit ihr.

Da Ernst verständiger und ruhiger wurde unter Großtantings Einfluss, ließ Adolfine die beiden ruhig gewähren, und Peter war herzlich froh, seinen Frieden wieder zu haben und nicht immer strafen zu müssen.

Als Ernst älter wurde, entwickelte er sich zu einer lebensfrischen, kraftvollen Persönlichkeit. Es war ihm bekannt, dass er gleich Georg nach Beendigung der Schulzeit in die Fabrik eintreten sollte. Ihm fehlte aber alle Lust und Begabung zum Kaufmannsstand. Sein ganzes Sinnen und Streben richtete sich auf die Baukunst. Architekt, Baumeister wollte er werden. Und vor Großtantings Augen entstanden unter seinen begeisterten Worten herrliche Paläste, schöne Kirchen, wundervolle Villen und liebliche Landhäuser. Die halbe Welt durchstreiften die beiden Menschen im Geist. Großtanting wurde manchmal etwas schwindelig dabei, aber sie hielt tapfer mit. Und ganze Bücherstöße ließ sie sich ins Haus schicken, um sie mit Ernst durchzustudieren.

Seine bündige Erklärung, dass er nicht Kaufmann, sondern Architekt werden wollte, machte seinen Vater fassungslos. Er konnte das vorläufig gar nicht glauben. Aber die Mutter erklärte sofort herrisch, dass Ernst seine „verrückten Einfälle“ aufzugeben und sich zu fügen habe. Der wehrte sich gegen diesen Machtspruch. Mutter und Sohn stießen mit den harten Köpfen aufeinander. Denn einen harten Kopf hatte auch Ernst, so weich und liebevoll auch sein Herz, dank Großtantings Einfluss, geblieben war.

Und Frau Adolfine konnte Widerspruch nicht vertragen. Je mehr sich Ernst dagegen wehrte, desto fester bestand sie darauf, dass er Kaufmann würde. Ernsts Vater stand auf ihrer Seite.

So kam es zum Bruch zwischen Ernst und seinen Eltern. Er weigerte sich, Kaufmann zu werden, und sie weigerten sich, ihm auch nur einen Pfennig zu geben, um seinen Plan auszuführen. Sie glaubten, ihn durch diese Drohung gefügig zu machen, aber gerade diese Drohung steigerte seinen Trotz. „So hungere ich mich durch – ihr sollt mich nicht zu einem Beruf zwingen, der mir zuwider ist“, hatte er auf ihre Drohung erwidert und war aus dem Zimmer gestürmt.

Grollend war er zu Großtanting gekommen. Er hatte auch ihr versichert, dass er noch heute fortgehen wolle und sich zur Not durchhungern, nie aber darauf verzichten würde, Architekt zu werden. Großtanting hatte lächelnd in sein flammendes Gesicht gesehen. „Min leive Jung“, Großtanting nannte ihn immer so, „du willst doch wohl nicht mit dem Kopf durch die Wand? Das denkst du dir sehr romantisch, das mit dem Durchhungern. Aber ein leerer Magen geht oft mit einem leeren Kopf einher. Darauf wollen wir es lieber nicht ankommen lassen. Wozu ist Großtanting da? Hier, nimm diese Brieftasche; sie lag schon für dich bereit, denn ich sah das alles kommen. Wenn du denn hinaus willst, sollst du nicht mit leeren Taschen gehen. Wozu hab ich so viel Geld, wenn ich damit dir, min leive Jung, nicht deinen Herzenswunsch ermöglichen soll? Nun geh mit Gott und werde ein tüchtiger Baumeister!“

Ernst hatte die alte Dame fest in seine jungen, starken Arme genommen. „Großtanting, ich nehme das Geld von dir. Und du sollst sehen ich werde ein ganzer Kerl, schon dir zuliebe. Ich danke dir herzlich. Du kennst mich wie kein anderer Mensch, und du weißt auch, dass ich gehen muss, soll ich mich nicht selbst verlieren.“

„Ich weiß es, min leive Jung. Und zürne deinen Eltern nicht! Zeigst du ihnen, dass es dir ernst ist mit deinem Wollen, dann versöhnst du sie schon eines Tages wieder. Und bis dahin schreibst du mir oft und ausführlich. Ich sende dir auch fleißig Nachricht über unser Leben daheim. Aber weißt du, schicke mir deine Briefe lieber postlagernd, es ist besser. Ich möchte nicht in Unfrieden leben mit deinen Eltern. Und wenn du dein Ziel erreicht hast, ehe die Eltern sich mit dir versöhnen, so reich ihnen dann zuerst die Hand, fester Wille ziert den Mann, Trotz schändet ihn.“

Das waren Großtantings Geleitworte für ihren „leiven Jung“. Noch am selben Tag verließ Ernst das Vaterhaus. Der Abschied von Eltern und Bruder war kurz und kühl. Man glaubte, er würde bald reuig zurückkehren, wenn ihm der Ernst seiner Lage bewusst würde. Aber er war bis heute noch nicht zurückgekehrt. Seit zehn Jahren hatte er das Vaterhaus nicht wieder betreten. Adolfine wunderte sich zuerst, dass ihr Sohn nicht zu Kreuze kroch. Schließlich nahm sie misstrauisch ihren Mann ins Verhör, ob er etwa heimlich den ungehorsamen Sohn unterstütze. Er konnte aber mit gutem Gewissen beschwören, dass Ernst keinen Pfennig von ihm erhalten hatte. Peter Aßmann wäre wohl über das Schicksal seines Sohnes nicht so ruhig gewesen, wenn Großtanting ihn nicht beauftragt hätte, ihr jeden Monat eine bestimmte Summe von ihren Zinsen flüssig zu machen. Peter verwaltete das Vermögen seiner Tante, und als er sie eines Tages wie beiläufig fragte, wozu sie diese sich stetig wiederholende Summe nötig habe, da hatte sie lächelnd die Hand auf seine Schulter gelegt und gesagt:

„Ich unterstütze damit einen tüchtigen jungen Mann, der einmal einen großen Namen haben wird. Sein Vater hat seine Hand von ihm abgezogen, weil er einen eigenen Willen hatte. Aber ich weiß, es tut dem Vater ganz heimlich im Herzen Leid, denn er ist kein Barbar. Nur will er seinem störrischen Jungen gegenüber nicht klein beigeben, so lange er nicht bewiesen hat, dass er einer inneren Notwendigkeit und keiner eigensinnigen Laune folgte. Ich weiß aber, dass es eine innere Notwendigkeit war, denn ich kenne den jungen Mann besser, als ihn sein eigener Vater kennt. Und deshalb halte ich zu ihm und sorge dafür, dass er nicht untergeht. Denn das würde den Vater trotz seines Grolls betrüben. Das weiß ich, denn ich kenne den Vater auch sehr genau. So, mein Peter, nun sorgst du mir pünktlich für das Geld und fragst mich nicht mehr, wozu ich es brauche.“

Peter Aßmann hatte mit großen Augen in das alte, feine Frauengesicht geblickt. Ein Seufzer war tief aus seiner Brust emporgestiegen, es klang wie heimliche Erlösung. „Nein, ich frage nicht mehr, Tante Emma, und ich glaube auch, dass du den Vater recht gut kennst“, hatte er erwidert, und mit einem guten Lächeln waren sie auseinander gegangen.

Adolfine hegte aber noch heute einen tiefen Groll gegen ihren Sohn Ernst. Viel zu klug, um nicht zu merken, dass Ernst mit Geldmitteln unterstützt wurde, fiel ihr Verdacht bald auf Großtanting. Aber sie gab diesem Verdacht keinen Ausdruck, um es mit der alten Dame nicht zu verderben. Mochte sie Ernst immerhin Geld schicken, er wäre sonst schließlich verkommen in seinem Trotz.

Ernst sandte seinen Eltern jeden Monat einen geschäftsmäßig gehaltenen Bericht über sein Leben. Diese knappen Berichte kamen aus aller Herren Länder.

Großtanting bekam natürlich viel öfter und ausführlicher Nachricht von ihm. Es gab nichts in seinem Leben, woran er sie nicht hätte teilnehmen lassen. Sie holte sich diese Schreiben in regelmäßigen Zwischenräumen von der Post, und es war jedes Mal ein Festtag für sie, wenn sie einen seiner Briefe erhielt.

Sie schrieb ebenso oft an ihn und sorgte gewissenhaft dafür, dass er immer von allem unterrichtet war, was im Haus vorging. So erfuhr er auch, dass einige Jahre nach seinem Fortgehen ein anderes junges Menschenkind Einzug in sein Vaterhaus hielt. Seine Mutter hatte eine junge Verwandte zu sich ins Haus genommen. Bettina Sörrensen war die Tochter einer Base von Frau Adolfine. Ihr Vater, Major Sörrensen, war vor Jahren gestorben und hatte seine Witwe mit zwei Kindern in sehr gedrückten Verhältnissen zurückgelassen. Bettinas Bruder Hans, der fast zehn Jahre älter war als sie, war Offizier geworden. Durch des Vaters Tod musste seine ohnedies knappe Zulage noch mehr beschnitten werden. Er hatte sich dann, im Drang, seinen Verhältnissen aufzuhelfen, zum Spiel verleiten lassen und hatte eines Tages eine größere Summe auf Ehrenwort verspielt. Es war ihm nicht gelungen, diese Summe aufzutreiben. Verzweifelt bat er in einem Schreiben Adolfine Aßmann um Hilfe. Sie hatte ihm diese Hilfe versagt. Da hatte er sein junges Leben durch eigene Hand beendet. Seine Mutter hatte darüber den Verstand verloren und war wenige Wochen nach ihm gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen. Und da hatte Adolfine, als sie zur Beerdigung ihrer Verwandten gereist war, Bettina mitgebracht.

In Großtantings Brief an Ernst hieß es:

„Dass Gott erbarm, das arme, blasse Ding! Wie sie einen anschaut mit ihren großen blauen Augen, so verängstigt, so verschüchtert und im Leid erstarrt. Min leive Junge, das Herz hat sich mir rein im Leibe umgedreht, als ich sie zuerst sah in ihrem schwarzen Kleidchen. Es gibt viel Elend auf der Welt. Die arme Kleine sitzt nun oben in ihrem Stübchen und starrt so trübselig und versteinert in die Welt. Mir geht es bei ihrem Anblick immer eisig kalt durchs Herz. Gestern wollt ich sie trösten und strich ihr über das Haar: Sie sah mich mit einem unbeschreiblichen Blick an und schauerte zusammen. Welches Leid, welche Schrecknisse mögen ihre jungen Augen schon gesehen haben!“

Dass Ernsts Mutter durch ein wenig Güte und Milde diese Schrecknisse hätte verhindern können, wenn sie Bettinas Bruder die für sie geringe Summe geliehen oder geschenkt hätte, schrieb Großtanting nicht. Es war nicht nötig, dass Ernst davon erfuhr. In seinem nächsten Brief schrieb er in Bezug auf Bettina:

„Über das fernere Schicksal der armen kleinen Bettina bin ich beruhigt. Ich müsste meine Großtanting schlecht kennen, wenn die sich die Gelegenheit entgehen ließe, ein armes junges Menschenkind aufzurichten, mit Liebe zu umgeben, mit seinem Schicksal auszusöhnen.“

Und Ernst hatte richtig vermutet.

***

Sobald Bettina sich etwas erholt hatte, entließ Adolfine ein Stubenmädchen und beauftragte Bettina mit dessen Arbeit. Adolfine war nicht die Frau die einen Menschen umsonst auffütterte. Bettina mochte sich nur nützlich machen und tüchtig mit zufassen im Haushalt.

Sie tat es auch ohne Murren und bemühte sich ehrlich, die Zufriedenheit der gestrengen Tante zu erwerben. Leider gelang ihr das nie. Adolfine stellte an all ihre Dienstboten große Anforderungen und machte Bettina gegenüber durchaus keine Ausnahme. Seit sieben Jahren war die junge Waise nun im Haus. Still und bescheiden schaffte sie und war froh, die Dankesschuld durch ihren Fleiß etwas vermindern zu können. Je mehr die Tante schalt, desto eifriger wurde sie. Und zu mäkeln und auszusetzen fand Frau Adolfine immer etwas. Die Dienstboten liefen ihr einfach davon, wenn sie es zu bunt trieb. Aber Bettina musste aushalten, sie konnte nicht einfach kündigen und sagen: „Hier passt es mir nicht.“

Manchmal wäre sie wohl verzagt, wenn es nicht auch für sie ein Plätzchen gegeben hätte, wo sie aufatmen konnte. Großtanting war auch für sie, wie einst für Ernst, zum rettenden Engel geworden. Eine ganze Weile hatte die gütige alte Dame ruhig mit angesehen, wie Adolfine das arme Ding drangsalierte. Dann legte sie sich aber zu Bettinas Gunsten ins Mittel, und zwar auf so einfache Weise, dass Adolfine gar nichts davon merkte.

Eines Mittags bei Tisch sagte die alte Dame zu Adolfine:

„Mit meinen Augen wird es immer schlechter. Das Lesen greift mich sehr an. Und auf meine lieb gewordene Gewohnheit mag ich nicht verzichten. Ich will deshalb einmal im Tagblatt eine Vorleserin suchen. Wenn sich Bewerberinnen melden, schickst du sie mir wohl in mein Zimmer, liebe Adolfine.“

Diese hatte aufgehorcht, und auf ihrem Gesicht spiegelte sich unliebsame Überraschung. Eine Vorleserin im Haus, vielleicht eine anspruchsvolle Dame, die viel Geld kostete und allerlei Rücksichten forderte, das passte Frau Adolfine gar nicht. Und plötzlich fiel ihr Bettina ein. Wozu war denn das Mädchen im Haus? Sie konnte sehr gut dieses Amt übernehmen. Man sparte Unannehmlichkeiten und Geld. Denn wenn auch Tante Emma die Vorleserin selbst bezahlen würde, Adolfine rechnete mit ihrem Geld schon wie mit dem eigenen. Sie richtete sich entschlossen auf.

„Wozu eine fremde Person ins Haus nehmen, Tante Emma? Bettina ist ja da, sie kann dir vorlesen, so viel du willst.“

Ein leises Aufzucken in Großtantings Mundwinkeln verriet, dass sie diesen Vorschlag erwartet hatte. Sie sah aber scheinbar überrascht auf. „Bettina? Das könnte wohl gehen, ja, das ließe sich einrichten, sie hat ein angenehmes, weiches Organ. Aber nein, du brauchst sie ja im Haushalt so nötig, ihre Zeit ist vollständig ausgefüllt. Das geht also nicht.“

Adolfine hatte keine Ahnung, dass die alte Dame ein wenig Komödie spielte. Sie ereiferte sich. „Aber ich bitte dich, Tante Emma, das ist ja ganz einfach. Ich nehme noch eine Putzfrau, die Bettina entlastet. Dann bleibt ihr Zeit genug für dich. Und eine Putzfrau ist natürlich billiger und anspruchsloser als eine Vorleserin.“

Tante Emma sah mit gütigem Blick zu Bettina hinüber, in deren Gesicht bei dieser Verhandlung eine feine Röte gestiegen war und deren Augen mit einem bangen Ausdruck an Adolfines Gesicht hingen.

„Möchtest du das Amt einer Vorleserin bei mir übernehmen, Bettina?“, fragte sie sanft.

Bettinas Gesicht rötete sich noch mehr. „Sehr gern, oh, sehr gern“, stieß sie hastig hervor.

„Dann soll es mir recht sein, wie du es bestimmst, liebe Adolfine. Bettina kann dann gleich morgen beginnen. Ich denke vormittags zwei Stunden und nachmittags von fünf Uhr an, wenn ich von meinem Spaziergang zurückkomme. Und damit auch die Geldfrage erörtert wird – wenn es dir recht ist, übernehme ich die Kosten für Bettinas Kleidung, denn da ich ihre Dienste beanspruche, ist es auch recht und billig, dass ich dich dafür entschädige.“

Adolfine war sehr damit einverstanden, und so hatte Großtanting einmal Bettina auf Stunden von anstrengender Hausarbeit erlöst und zum anderen sich das Recht erkauft, Bettinas stark vernachlässigter Garderobe aus eigenen Mitteln aufzuhelfen. Denn Adolfine knauserte auch in dieser Beziehung.

So wurde Bettina Vorleserin bei Großtanting, und damit erhielt ihr Leben eine erfreuliche Veränderung. Ach, was waren das für köstlich stille Stunden bei der gütigen, feinfühligen alten Dame! Es wurde durchaus nicht die ganze Zeit gelesen. Großtantings Augen und ihre gute Brille taten ihre Dienste noch recht gut in der Zeit, da Bettina im Haushalt beschäftigt war. Die zum Vorlesen bestimmten Stunden wurden in der Hauptsache von der alten Dame benützt, um der armen jungen Waise erst wieder einmal etwas Lebensfreude einzuflößen, sie zu trösten und sie liebevoll von ihrem Schmerz um die verstorbene Mutter und den geliebten Bruder zu heilen. Bettina lebte auf, und ihr Herz wandte sich mit inbrünstiger Dankbarkeit der alten Dame zu.

Seltsamerweise machten sich bei dem sonst noch so rüstigen alten Fräulein in schneller Reihenfolge allerlei kleine Schwächen bemerkbar. Sie fühlte sich plötzlich zu schwach und unsicher, ihre Spaziergänge allein zu machen. Man musste ihr Bettina zur Stütze mitgeben. So kam das junge Mädchen täglich zwei Stunden mit ihr ins Freie. Bei dieser Gelegenheit besorgte Großtanting auch immer die Einkäufe für Bettinas Garderobe, und es machte ihr viel Freude, das junge Mädchen nett und geschmackvoll zu kleiden. Adolfine machte zwar scheele Augen dazu und versuchte, Tante Emma klar zu machen, dass es für Bettina nicht gut sei, wenn sie verwöhnt würde, da sie doch ein armes Mädchen sei. Großtanting aber machte dazu nur ihr undurchdringliches Gesicht.

„Sei unbesorgt, Adolfine. Bettina wird nicht zu sehr verwöhnt. Da sie mich auf meinen täglichen Spaziergängen begleiten muss, will ich, dass dies in einem anständigen Anzug geschieht. Man würde sonst übel davon reden, wenn eine Verwandte des Hauses Aßmann wie ein Dienstmädchen gekleidet neben mir geht. Auch musst du bedenken, dass Bettina mir jetzt vollständig eine teure Gesellschafterin ersetzt.

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