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Hedwig Courths-Mahler - Folge 058

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Wenn zwei sich lieben

Roman um eine bezaubernde Gesellschafterin und ihr Schicksal

 

 

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Auf den märchenhaft schönen Terrassen des prächtigen Hotels in Al Hayat, das aus einer ganzen Anzahl weißer, villenartiger Gebäude bestand, die durch Gärten, Wandelhallen und Sportplätze verbunden waren, herrschte reges Treiben.

Es war an einem Frühlingstag. Auch heute war alles auf den Terrassen versammelt, eine Gesellschaft eleganter Globetrotter aus aller Herren Länder.

Auf dem breiten Gange, der zwischen Sesseln und Tischen hindurchführte, nahten jetzt zwei Damen, die von allen Seiten begrüßt und hie und da angesprochen wurden. Sie gingen bis zu einem kleinen runden Tisch, der nahe dem Marmorgeländer an einem besonders günstigen Platz für sie freigehalten war. Dort ließen sie sich nieder.

Die jüngere der beiden Damen war eine der schönsten, jedenfalls aber die liebreizendste Erscheinung in dem Damenflor von Al Hayat.

„Fräulein Lottemarie, mir ist kühl“, sagte ihre Begleiterin und riss die junge Dame aus ihrer Versunkenheit.

Lottemarie Dörner erhob sich sogleich und legte sorglich einen Schal um die Schultern der alten Dame. Sie tat das in einer bescheidenen, aber doch sicheren und anmutigen Art. Und die Herren ringsum, die das beobachteten, konnten nicht verstehen, dass die Umsorgte so ein verdrießliches Gesicht dabei machte.

Es war eine alte Dame mit weißem Haar. Sie war außerordentlich kostbar gekleidet und trug Schmucksachen von unschätzbarem Wert.

Als die junge Dame den Schal um die Schultern gelegt hatte, schauerte sie trotz der warmen Luft zusammen.

„Durchlaucht frösteln noch immer. Soll ich eine wärmere Hülle holen lassen oder wünschen Durchlaucht hineinzugehen?“, fragte die junge Dame.

Die Fürstin Eugenie Ranzow schüttelte eigensinnig wie ein launisches Kind den Kopf, und ihre schwarzen Augen sahen mit einem seltsamen, neiderfüllten Blick auf ihre junge Gesellschafterin.

Einst war die Fürstin eine der gefeiertsten Frauen der großen Gesellschaft. Ohne im strengen Sinn des Wortes eine Schönheit zu sein, hatte sie einen berückenden Zauber auf die Männerwelt ausgeübt.

Weil sie nun sehr wohl fühlte, dass sie auf niemand mehr anziehend wirken konnte und weil ihr ein Alleinsein unerträglich war, suchte sie einen Magneten an ihre Seite zu fesseln, der die Aufmerksamkeit und das Interesse der Gesellschaft auf sie lenkte. Dieser Magnet war ihre junge Gesellschafterin, Lottemarie Dörner. Lottemarie hatte keine Ahnung, welchen Hauptzweck ihre Persönlichkeit in ihrer Stellung erfüllte. Sonst hätte sie wohl ein sehr unbehagliches Gefühl gehabt.

Im Großen und Ganzen fühlte sie sich in ihrer Stellung sehr wohl, wenn sie auch am Anfang oft von der Art der Fürstin abgestoßen wurde. Jetzt hatte sie sich daran gewöhnt, und es gab im Grunde genommen für sie nichts zu klagen. Sie hatte sich nie um eine Stellung bei der Fürstin beworben, hatte überhaupt nicht die Absicht gehabt, eine einzunehmen.

Obwohl sie mit ihrem Vater in äußerst bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte, war nie davon die Rede gewesen, dass sie zu Lebzeiten des Vaters ihr Brot selbst verdienen sollte.

Es war scheinbar alles von selbst gekommen.

Eines Tages hatte Lottemarie auf einem Basarfest in einem Zelt Blumen verkauft. Die Fürstin hatte die junge Dame eine ganze Weile beobachtet, ehe sie an ihr Zelt herantrat. Sie hatte bemerkt, wie sich die Herren, junge und alte, um dieses Zelt drängten, wie sie willig die höchsten Preise für die Blumen zahlten und die schöne Verkäuferin mit Entzücken betrachteten.

Mit ihren schwarzen, funkelnden Augen hatte sie die junge Dame angestarrt und war dann herangetreten, um sich mit ihr bekannt machen zu lassen. Lächelnd hatte sie nach einer blassroten Rose gegriffen und Lottemarie einen größeren Betrag dafür gegeben. Mit einem sonnigen Lächeln hatte die junge Dame dafür gedankt, und dieses Lächeln hatte der Fürstin ausnehmend gefallen.

Da ihre derzeitige Gesellschafterin vor kurzem gekündigt hatte und sie ohnehin gezwungen war, eine neue zu engagieren, ging sie denn ohne weiteres auf ihr Ziel los: „Sie gefallen mir, Fräulein Dörner. Ich möchte Sie fragen, ob Sie geneigt wären, als Gesellschafterin und Reisebegleiterin – ich reise noch viel und gern – in meine Dienste zu treten. Ich kann nur Personen um mich dulden, die mir sympathisch sind, und verspreche Ihnen, dass ich Sie in jeder Weise als Dame respektieren werde. Sie sollen durchaus nicht in sklavische Abhängigkeit geraten, sondern als ein mir gleichstehendes Wesen in meiner direkten Umgebung leben und mir die Zeit vertreiben. Haben Sie Lust, zu mir zu kommen?“

Lottemarie war durch dieses Angebot sehr überrascht worden, und obwohl ihr die Fürstin keinen sonderlich sympathischen Eindruck machte, lockte sie etwas an diesem Anerbieten. Reisen! Die Welt sehen! Das hatte sie sich schon immer gewünscht. Und dazu hatte sie bisher so gar keine Gelegenheit gehabt.

Die Pension ihres Vaters und der Ertrag schriftstellerischer Arbeiten, zu denen ihm sein frühzeitiger Ruhestand Zeit gegeben hatte, waren so gering, dass sie nur ein sehr bescheidenes Dasein fristen konnten.

So sagte sie, dass sie nicht abgeneigt sei, den Wunsch der Fürstin zu erfüllen, sofern ihr Vater nichts dagegen einzuwenden habe.

„Ist Ihr Herr Vater hier?“, fragte die Fürstin.

„Ja, Durchlaucht, dort sehe ich ihn gerade auf uns zukommen“, erwiderte die junge Dame ein wenig erregt.

„Gut, machen Sie mich mit ihm bekannt! Ich will ihm dann gleich selbst mein Anliegen vorbringen“, forderte die Fürstin sie auf.

Und Lottemarie stellte ihren Vater der Fürstin vor, und die alte Dame ging sofort auf ihr Ziel los.

Helmut Dörner war nicht sehr erbaut von dem Gedanken, seine Tochter von sich gehen zu lassen, aber die Fürstin verstand es, alle seine Bedenken zu besiegen.

Nun lebte Lottemarie Dörner bereits länger als ein Jahr in der Umgebung der Fürstin. Abgesehen von einigen bizarren Launen ihrer Herrin, mit denen sie zuzeiten ihre Umgebung in Atem hielt, hatte die junge Dame nichts Schlimmes auszustehen. Sie hatte ein gutes, sorgenloses Leben, war mit der Fürstin auf den Gütern oder in den Modebädern aller Länder gewesen und schließlich mit ihr nach Ägypten gekommen.

Zuerst hatten sie in Kairo gewohnt. Dann machten sie mit einer größeren Gesellschaft einen Ausflug nach Helouan, und die Fürstin war entzückt von der Lage dieses Ortes und vor allen Dingen von Al Hayat mit seinem eleganten Leben und Treiben.

Sofort erklärte sie, dass sie am nächsten Tag nach Al Hayat übersiedeln wolle. Hier in einer der zu Al Hayat gehörenden kleinen Hotelvillen lebten beide Damen bereits seit vierzehn Tagen.

Ohne gerade leidend zu sein, pflegte die Fürstin überall, wo sie sich befand, kurgemäß zu leben und gebrauchte auch in Helouan alle Bäder und Massagen. Das tat sie in der Hoffnung, dass eines dieser Bäder für sie ein Jungbrunnen sein möchte. Und wenn das erhoffte Wunder nicht eintraf und sie sich, im Gegenteil, nur recht ermattet von allen Kurmitteln fühlte, war sie zuweilen in der schlechtesten Stimmung. Und dann kam es bisweilen vor, dass sie ausfällig wurde und über ihre Lippen äußerst temperamentvolle und wenig damenhafte Schimpfworte kamen.

Aber seltsamerweise verschonte die Fürstin dabei stets ihre junge Gesellschafterin. Es kam freilich vor, dass die alte Durchlaucht, von heftigem Neid erfüllt, ihren Anblick nicht ertragen konnte. Dann schickte sie sie unter irgendeinem Vorwand eine Weile fort, bis sie allen Groll wieder überwunden hatte.

So hatte Lottemarie keine Ursache, sich zu beklagen. Sie war der Fürstin vielmehr dankbar, dass sie ihr Gelegenheit gab, die schöne Welt zu sehen und in den glänzenden, vornehmen Kreisen zu verkehren, in denen ihr so viele Annehmlichkeiten geboten wurden.

***

Auch heute waren die beiden Damen bald wieder von einer Schar von Herren umringt, unter die sich natürlich auch einige Damen mischten. Man tauschte die Erlebnisse des Tages aus, schlürfte durch Strohhalme oder Glasröhrchen Erfrischungen und mokierte sich über diese und jene missliebige Persönlichkeit.

Einige der Herren waren am Vormittag in Kairo gewesen, und ein hypereleganter, schlanker Mann Mitte der Vierzig, ein Baron Liebenau, sagte zur Fürstin: „In Kairo habe ich heute auch Seine Durchlaucht Fürst Egon Ranzow gesehen, Durchlaucht.“

Die Fürstin richtete sich überrascht auf. „Meinen Neffen? Er ist in Kairo?“

„So ist es, Durchlaucht.“

Die Fürstin lachte. „Er treibt sich auch überall herum! Haben Sie ihn gesprochen, Baron?“

„Nein, Durchlaucht. Ich sah ihn nur von weitem und in Begleitung eines jungen Herrn, den ich nicht kannte.“

„Das ist sehr gut. Wenn Sie ihn gesprochen hätten, hätten Sie ihm sicher verraten, dass ich hier in Al Hayat bin, und dann wäre er bestimmt nicht hergekommen. So aber ist es wahrscheinlich, dass er einen Ausflug hier hermacht, wenn er nicht gar länger hier bleibt.“

„Meinen Durchlaucht nicht, dass er erst recht hierher kommen würde, wenn er ahnte, dass Sie hier sind?“

Lachend schüttelte die Fürstin den Kopf. „O nein, Baron. Wir schätzen uns zwar, und ich für meinen Teil genieße seine Gesellschaft sehr gern. Aber er liebt mich nur aus respektvoller Entfernung. Und das nehme ich ihm auch nicht übel. Was kann ich alte Frau ihm sein? Ist er in meiner Gesellschaft, muss er tausend Rücksichten auf mich nehmen, und die Ranzows sind kein sehr rücksichtsvolles Geschlecht. Ich bin ja auch eine Ranzow und habe in meiner Jugend ebenso wenig Rücksicht auf das Alter genommen.“

Die Fürstin war in der Tat nicht durch ihre Verheiratung eine Fürstin Ranzow, sondern auch von Geburt. Sie hatte einen Vetter dritten Grades geheiratet.

Baron Liebenau machte ein ziemlich dummes Gesicht, was ihm nicht sehr schwer fiel. „Durchlaucht belieben zu scherzen.“

Die Fürstin schüttelte mit einem Seufzer den Kopf.

„Mit so traurigen Dingen scherze ich nicht“, spottete sie. „Mein Neffe und ich haben uns seit nahezu zwei Jahren nicht mehr gesehen, obwohl wir die einzigen Ranzows sind, die noch existieren. Aber schließen Sie aus meinen Worten nicht etwa auf irgendwelche Zerwürfnisse. Er hat mich sogar auf seine Weise so gern wie ich ihn, und wir vertragen uns, wenn uns der Zufall einmal zusammenführt, ausgezeichnet. Nur sucht er eben nicht meine Gesellschaft. Ich aber freue mich, ihn zu sehen, denn er ist ein erfrischender, amüsanter Gesellschafter. Und deshalb bin ich froh, dass Sie ihm meine Anwesenheit hier nicht verraten haben. So komme ich vielleicht endlich mal wieder zu einem Wiedersehen mit ihm.“

Baron Liebenau lachte und rief den Herrschaften zu: „Also strengstes Stillschweigen über die Anwesenheit Ihrer Durchlaucht, Herrschaften, wenn jemand mit dem Fürsten Egon zusammentreffen sollte! Man muss Durchlaucht zu einem Wiedersehen mit ihrem Neffen verhelfen.“

Lachend wurden diese Worte aufgenommen, und man verschwor sich in allen Tonarten. Die Fürstin aber sah prüfend auf ihre Gesellschafterin.

Ob Egon diesem Geschöpf widerstehen wird? Wenn sie ihn zu fesseln vermag, dann ist ihre Anziehungskraft über jeden Zweifel erhaben. Wir werden sehen. Erst muss er hier sein, dachte sie. Lottemarie hatte keine Ahnung, in welcher Weise sich die Gedanken der Fürstin mit ihr beschäftigten. Sie hatte zwar das Gespräch der Fürstin mit Baron Liebenau mitangehört, aber es berührte sie nicht weiter. Sie wusste, dass die Fürstin in ihrem Neffen ihren einzigen Erben sah und dass er selbst sehr reich war und große Besitzungen in der Nachbarschaft der Güter der Fürstin besaß.

Lottemarie hatte die Bekanntschaft des jungen Fürsten noch nicht gemacht und nur zuweilen im Auftrag der Fürstin an ihn geschrieben.

***

Es war einige Tage später. Wieder war die ganze mondäne Gesellschaft auf den Terrassen versammelt und wieder saß die Fürstin mit ihrer Gesellschafterin an dem kleinen, runden Tisch nahe der Marmorbrüstung. Da trat Baron Liebenau mit einem Lächeln an die Fürstin heran und meldete ihr:

„Seine Durchlaucht Fürst Egon ist vor einer Stunde in Al Hayat eingetroffen.“

Die Fürstin sah ihn mit funkelnden Augen an. „Wirklich, Baron?“

„Wirklich, Durchlaucht. Ich habe ihn selbst gesehen und gesprochen – ohne natürlich etwas von Ihrer Anwesenheit zu bemerken. Der Fürst sagte mir, er wolle länger hier bleiben.“

„Ich danke Ihnen für die Mitteilung, Baron“, erwiderte die Fürstin.

Und dann zog sie ein elegantes Notizbuch aus einem aus Goldketten geflochtenen Täschchen und schrieb auf ein Blatt:

Lieber Egon, höre eben von Baron Liebenau, dass du in Al Hayat eingetroffen bist und mehrere Tage hier bleiben willst. Ich freue mich, dich wiederzusehen. Entschlüpfen gibt es nicht, das würde mich tödlich beleidigen. Du musst also deiner alten Tante ein Weilchen Gesellschaft leisten. Trag’s mit Ergebung, mein Sohn.

Deine Tante Eugenie

Dieses Blatt löste sie aus dem Buch.

„Lottemarie!“

„Durchlaucht befehlen?“

„Kommen Sie her, liebes Kind, nehmen Sie dieses Blatt! Legen Sie es drinnen in einen Umschlag und schreiben Sie den Namen meines Neffen darauf. Dann geben Sie es einem der Diener. Er soll sich beim Portier erkundigen, wo Seine Durchlaucht in Al Hayat wohnt, und sich dorthin begeben, um dieses Billett abzugeben und Seiner Durchlaucht zu melden, dass ich ihn hier auf der Terrasse erwarte.“

„Es soll geschehen, Durchlaucht.“ Damit ging Lottemarie, um den Auftrag auszuführen.

Als sie ins Schreibzimmer gehen wollte, trat soeben ein schlanker, hoch gewachsener Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren heraus.

Er trat mit einer Verbeugung artig zur Seite und ließ sie vorübergehen.

Lottemarie errötete leicht unter dem Aufleuchten dieser Männeraugen und betrat schnell das Schreibzimmer. Dabei klopfte ihr das Herz plötzlich sehr laut und rasch.

Lottemarie gab alsbald den Brief einem Diener mit dem Auftrag der Fürstin.

Während sie zurückging, suchte der Diener den Fürsten Egon Ranzow. Das war keine geringe Mühe. In dem aus zahlreichen Gebäuden bestehenden Riesenhotel war es nicht leicht, jemand zu finden. Er erhielt zwar beim Hauptportier sogleich Bescheid, wo die Zimmer des Fürsten Egon lagen, aber es währte eine Weile, bis er ihn gefunden hatte.

Fürst Egon Ranzow war etwas reisemüde, hatte ein Bad genommen und lag nun zu einer kurzen Siesta auf einem der luftigen Ruhebetten auf dem breiten Balkon vor seinen Zimmern.

Sein Kammerdiener meldete ihm, es sei ein Bote Ihrer Durchlaucht, der Frau Fürstin Eugenie Ranzow, draußen, der einen Brief abzugeben und eine mündliche Bestellung zu machen habe.

Fürst Egon zog die Brauen hoch und schob die Unterlippe vor. Aber dann überwand er das leise Missbehagen und lachte auf.

„Eintreten lassen“ gebot er seinem Kammerdiener.

Der Diener machte seine Meldung und überreichte dem Fürsten den Brief. Er las ihn, ohne sich zu erheben.

„Soso! Nun gut. Melden Sie Ihrer Durchlaucht, dass ich in einer halben Stunde erscheinen werde.“

Als der Bote gegangen war, erhob sich Fürst Egon und befahl seinem Kammerdiener, einen Anzug zurechtzulegen.

„Ich bin in zehn Minuten wieder hier und will mich dann umkleiden.“

Damit verließ er das Zimmer und schritt draußen über den Gang bis an dessen Ende. Hier klopfte er an eine Tür, worauf eine sonore Männerstimme zum Eintritt rief.

Der Fürst öffnete die Tür und betrat ein elegant ausgestattetes Hotelzimmer. Hier saß am Fenster in einem Lehnstuhl der junge Herr, den vorhin Lottemarie Dörner am Schreibzimmer getroffen hatte. Er hatte einige Briefe vor sich auf einem kleinen Tisch liegen, einen weiteren Brief hielt er geöffnet in der Hand, um ihn zu lesen.

„Störe ich, Günter?“, fragte der Fürst.

Graf Günter Rainau ließ den Brief sinken. „Du störst nicht, Egon.“

„Aber du hast Post bekommen und willst sie lesen.“

„Das eilt nicht.“

„Ich halte dich auch nicht lange auf. Wollte dir nur eine betrübliche Mitteilung machen.“

„Was ist geschehen?“

„Ach, geschehen ist eigentlich nichts. Ich erhielt nur eben die Nachricht, dass meine Tante, die Fürstin Eugenie, hier in Al Hayat ist.“

Graf Günter lächelte. „Und das nennst du eine betrübliche Mitteilung?“

„Nun ja, wir werden ihr ab und zu ein Stündchen Gesellschaft leisten müssen.“

„Daran finde ich nichts betrübliches. Die Fürstin ist eine sehr interessante Frau.“

„Über den Geschmack lässt sich nicht streiten. Findest du sie wirklich noch interessant? Früher soll sie es gewesen sein, aber darauf können wir beide uns nicht mehr besinnen. Ich weiß nur, dass sie eine recht anspruchsvolle alte Frau geworden ist.“

„Aber Egon! Im Übrigen verlangt man von alten Damen nicht, dass sie schön sind.“

„Gewiss nicht. Aber es gibt viele Menschen, die meine Tante unausstehlich finden, und wenn sie nicht eben meine Tante wäre, würde ich das vielleicht auch finden. Aber so – man hat einigen Familiensinn, und da sie nun einmal hier ist, möchte ich sie nicht durch Nichtbeachtung kränken. Es sollte mir jedoch sehr Leid tun, wenn dich ihre Anwesenheit stören würde.“

„Nicht im mindesten. Ich verstehe mich mit Ihrer Durchlaucht ausgezeichnet. Wir sind Gutsnachbarn, und sie hat schon manch liebes Mal Leben in die Stille unserer Landeinsamkeit gebracht, wenn sie sich in Trollwitz aufhielt. Du brauchst wirklich kein zweifelndes Gesicht zu machen, Egon.“

„Nun, umso besser. Die Fürstin hat mich hinüber auf die Terrasse befohlen. Ich kleide mich jetzt um und gehe. Und du?“

„Ich will nur meine Briefe durchlesen, dann tue ich das Gleiche und komme nach.“

„Gut. Auf Wiedersehen denn!“

Damit verließ der Fürst seinen Freund und begab sich in seine Zimmer zurück.

***

Der Diener hatte der Fürstin die Antwort des Fürsten überbracht. Ihre Durchlaucht nickte befriedigt vor sich hin und antwortete munter auf ein Scherzwort des Barons Liebenau. Ihr Blick flog dabei zu Lottemarie hinüber, die in anmutiger Haltung an der Marmorbrüstung stand und sehr lieblich aussah.

Wieder stieg es wie Neid im Herzen der Fürstin auf – Neid auf die holde Jugend ihrer Gesellschafterin.

Es fiel ihren sonst so scharfen Augen nicht auf, dass Lottemarie wie suchend über die Terrassen schaute. Die junge Dame blickte verstohlen nach dem schlanken, hoch gewachsenen Fremden aus, der ihr vorhin am Schreibzimmer begegnet war und der einen beunruhigend tiefen Eindruck auf sie gemacht hatte.

Die Fürstin dachte nur darüber nach, ob Fräulein Dörner wohl imstande sei, durch ihre Reize auch ihren Neffen, eine Weile wenigstens, zu fesseln. Sie wusste wohl, dass er leicht Feuer fing beim Anblick schöner Frauen. Aber ebenso schnell pflegte dieses Feuer zu erlöschen.

Als Fürst Egon eine halbe Stunde später vor seiner Tante stand, strahlten seine Augen lachend in die ihren.

Fürst Egon führte die mit kostbaren Ringen geschmückte Hand seiner Tante an die Lippen. „Ich bin entzückt, Tante, dich hier zu finden“, sagte er mit übermütiger Liebenswürdigkeit.

Sie blitze ihn mit ihren schwarzen Augen an. „Sag nur ehrlich auf gut deutsch, dass du mich dahin wünschst, wo der Pfeffer wächst“, spottete sie.

Er machte ein komisch entrüstetes Gesicht: „Aber liebste Tante, welche Voraussetzung!“

Sie lachte. „Lass die Flausen, mein Sohn, aber ich freue mich ehrlich, dich einmal wiederzusehen.“

Er sah sie lächelnd an. „Nachdem ich den ersten Schrecken überwunden hatte, den mir dein Billett einflößte, freue ich mich ebenfalls aufrichtig über das Wiedersehen.“

„Aber einen Schrecken musstest du erst überwinden?“

Er hatte sich auf einen Wink von ihr in einen Sessel niedergelassen. Die Gesellschaft der Fürstin hatte sich, nachdem der Fürst sie begrüßt hatte, zurückgezogen, um das Wiedersehen zwischen Tante und Neffen nicht zu stören. Die Herrschaften standen nun alle, um Lottemarie geschart, an der Marmorbalustrade.

„Tatsächlich, Tante, einen kleinen Schrecken musste ich überwinden. Als Junggeselle hat man nun einmal eine Abneigung gegen Familienbande. Ich bitte kniefällig um Verzeihung.“

„Um deiner Ehrlichkeit willen sei dir verziehen.“

„Das ist charmant von dir. Aber – da fällt mir ein, du schriebst mir noch etwas vor Jahresfrist, dass du dir wieder eine neue Gesellschafterin genommen hättest.

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