Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 057

hcm_schriftzug_titelseite.jpg

Liselottes Heirat

An ihrem Hochzeitstag begann ein bitterer Leidensweg

 

 

hcm_blumen.jpg

Gernrode war unter den Hammer gekommen.

Trotz verzweifelter Anstrengung hatte es der jetzige Besitzer, Fritz von Gernrode, nicht halten können. Mit Hypotheken überlastet war es aus den Händen seines Vaters in die seinen gekommen. Er hatte gearbeitet und geschafft mit Aufbietung aller Kräfte, und da er ein tüchtiger, umsichtiger Landwirt war, hatte er sich auch bisher gehalten. Da war aber im Frühjahr das Hochwasser gekommen. Die schadhaften Dämme, die aus Mangel an Kapital nicht hatten erneuert werden können, versagten, das Wasser riss sie nieder.

Der ganze Wiesengrund wurde brachgelegt auf lange Zeit, die bestellten Felder verwüstet, und selbst die jungen Kieferschonungen entgingen der Vernichtung nicht. Da war es zu Ende mit dem Widerstand gegen den Ruin.

Gernrode wurde versteigert, und da niemand darauf bieten wollte, bekam es der Hauptgläubiger zugesprochen.

Fritz von Gernrode stand in dem großen, einfachen Wohnzimmer vor dem Bild seiner verstorbenen Gattin, die bis vor Jahresfrist treulich alle Sorgen mit ihm getragen hatte. Er nahm es von der Wand herab. Außer seiner persönlichen Ausstattung und der seines Sohnes Wolf war es das einzige, was er mit hinausnehmen durfte in ein unbestimmtes Leben.

Sein Sohn, der am Tisch saß und den Kopf in den Händen vergraben hatte, richtete sich auf, als er das Geräusch hörte, mit dem der Nagel, der das Bild gehalten hatte, herabfiel.

„Was tust du, Vater?“, fragte er mit heiserer, bewegter Stimme.

„Mutters Bild nahm ich herunter.“

Er trat zu dem jungen Mann, der mit düsteren Augen vor sich hinstarrte.

„Wolf, trag es wie ein Mann! Wir können wenigstens beide mit dem Bewusstsein erfüllter Pflicht aus dem Haus unserer Väter scheiden. Du hast mit deinen jungen Armen noch immer gegen das Schicksal gekämpft, als ich schon müde wurde. Du hast deine Jugend in rastloser Arbeit und Pflichterfüllung verbracht, und wenn Gernrode zu halten gewesen wäre – wir beide hätten es geschafft. Gegen höhere Gewalten kann der Mensch nicht ankämpfen. Schick dich ins Unvermeidliche!“

Wolf stand auf und legte seine Hand in die des Vaters.

„Ich werde darüber hinwegkommen, sei unbesorgt – wenn nur erst die Trennung von Gernrode überstanden wäre! Man hängt mit seinem Herzblut daran. Habe ich erst einen anderen Wirkungskreis, dann wird mir wohler werden.“

„So ist es recht, mein Junge. Und nun komm! Die Zähne zusammen und die Augen geradeaus!“

Sie schritten nebeneinander aus dem Zimmer. Draußen im Flur standen Leute herum. Sie wichen stumm zur Seite, um den beiden Männern Platz zu machen.

Als Vater und Sohn auf den Gutshof hinaustraten, fuhr gerade ein offener Landauer durch das Tor. Darin saß ein blass aussehender Herr mit grau meliertem Haar und neben ihm ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit frischem, lustigem Gesicht.

Fritz Gernrode trat an den Wagen heran, als er hielt, und reichte dem Herrn die Hand. Der ergriff sie herzlich und schüttelte dann auch dem jungen Mann zur Begrüßung die Rechte.

„Ich sehe, du bist auf dem Weg zu mir, Fritz.“

„Du irrst, Heinrich, nicht zu dir sollte mein Weg mich führen, Wolf und ich wollen zum Bahnhof nach Arnsberge, um nach Berlin zu fahren. Wir wollen von dort aus versuchen, irgendeinen Wirkungskreis zu finden.“

„So. Und an deinen alten Freund Schönburg dachtest du dabei gar nicht?“

„Du kannst mir doch nicht helfen, Heinrich.“

„Doch, ich kann und will, wenn ich auch ein kranker, schwacher Mann bin. So viel Kraft habe ich wohl noch, um meinem alten Freund im Unglück zur Seite zu stehen. Steig ein, Fritz, und Sie auch, lieber Wolf, das weitere findet sich!“

Fritz Gernrode schüttelte herzlich die Hand des Freundes.

„Du meinst es gut, Heinrich, aber es hat keinen Zweck. Arbeit für meinen Sohn und mich hast du doch nicht, und die gerade brauchen wir.“

„Sollst du haben, mehr als dir vielleicht lieb ist, und Wolf auch. Aber das besprechen wir in Schönburg. Jetzt steig ein, mein Alter! So überleg doch nicht lange, ich geb dir mein Wort, ich habe für euch beide einen Wirkungskreis in Aussicht, der euch zufrieden stellen wird! Also vorwärts, bitte! – So Liselotte, gib mir die Decke über die Füße, es ist doch noch recht kühl.“

Die beiden Herren stiegen nun ein. Das junge Mädchen breitete sorglich die Decke über ihren Vater, wobei ihr Wolf behilflich war. Sie lächelte ihm freundlich zu. Ihre Augen sahen ihn dabei so tröstend an, als wollte sie sagen:

„Ich weiß, dass dir jetzt traurig zumute ist, aber es wird besser werden. Ich möchte dir deinen Kummer tragen helfen, weiß nur nicht, wie ich’s anfangen soll.“

Wolf zwang sich zu einem Lächeln, dem bittenden Kinderblick zuliebe, und da schlug Liselotte fröhlich die Hände zusammen vor Freude über das Lächeln.

***

Schloss Schönburg lag etwa eine Stunde entfernt von Gernrode. Es gehörte seit mehreren Jahrhunderten den Freiherrn von Schönburg, die den angestammten Besitz durch vernünftiges Wirtschaften und reiche Heiraten im alten Glanz und Reichtum erhalten hatten. Eine dieser Heiraten hatte auch das große, einträgliche Buchenau an die Schönburgs gebracht, und seit dieser Zeit hießen sie Freiherren von Schönburg-Buchenau.

Die beiden Besitzungen grenzten aneinander und bildeten vereint einen fürstlichen Besitz. Es gehörten die fruchtbarsten Äcker und die herrlichsten Waldungen dazu, und die Freiherren von Schönburg-Buchenau hatten allezeit eine große Rolle in der Geschichte des Landes gespielt.

Der jetzige Besitzer, Heinrich von Schönburg-Buchenau, war seit einem Sturz mit dem Pferd ein leidender Mann, der sich vom öffentlichen Leben ganz zurückgezogen hatte, seit seine Gattin vor vier Jahren starb. Er lebte ein stilles Leben mit seinem einzigen Kind. Mit ihm würde das Geschlecht der Schönburgs aussterben, deshalb hatte er ein Gesuch an seinen Landesherrn gerichtet, dass der alte Name einst auf denjenigen übertragen werden dürfte, der Liselottes Gemahl würde. Das Gesuch hatte der Landesherr huldvollst berücksichtigt und seine Genehmigung erteilt, sofern der zukünftige Gatte der Freiin Elisabeth Charlotte von Schönburg-Buchenau einem adligen Haus entstammte.

Vorläufig war Liselotte nun freilich noch ein Kind und kümmerte sich wenig um Rechte und Pflichten einer Reichsfreiin von Schönburg. Sie war ein fröhliches, etwas eigenwilliges und trotziges Persönchen, nach deren Willen alles ging, was in Schönburg geschah. Ihre Erzieherin und Gesellschafterin, Fräulein Frieda von Schlegel, ein schon etwas verblühtes altes Mädchen, wurde von ihr ebenso beherrscht wie der Vater, der dem einzigen Kind nichts versagen konnte.

Zum Glück war Liselotte ein gutmütiges Kind mit liebenswerten Eigenschaften, so dass diese Erziehung nicht viel Schaden anrichten konnte. Nur selten kam ihr Eigenwillen zum Durchbruch, und dann hatte er seinen Grund meist in Begebenheiten, die ihn eher zum Vorteil gereichen ließen.

Es durfte zum Beispiel kein Bettler unbeschenkt fortgewiesen werden, niemand durfte ihrem geliebten Vater in ihrer Gegenwart eine Hilfeleistung angedeihen lassen, als sie selbst, und keiner sollte das Recht haben, Gaben auszuteilen, als sie. Und sie schenkte gern und war glücklich, jemand erfreuen zu können.

Als Heinrich von Schönburg mit den beiden Heimatlosen in seinem Arbeitszimmer saß, sagte er lächelnd:

„Du siehst mich so unsicher und erwartungsvoll an, lieber Fritz, als wolltest du sagen: Nun möchte ich bloß wissen, was der alte Heinrich herausstecken wird, etwas Brauchbares sicher nicht. Habe ich Recht?“

„Ehrlich gesagt, ja. Ich zweifle nicht an deinem guten Willen, mir helfen zu wollen, nur kann ich mir nicht denken, dass es dir möglich ist.“

„So höre zu und entscheide! Du weißt, mit meiner Gesundheit ist es schlecht bestellt. Schönburg und Buchenau haben zwar einen tüchtigen Inspektor, aber die Oberleitung liegt doch in meinen Händen. Und ich merke, dass diese Hände von Tag zu Tag schwächer werden. Mit einem Wort, ich brauche jemand, der hier die Zügel in die Hand nimmt. Schon lange hab ich mich im Stillen nach einer geeigneten Person umgesehen, aber es ist schwer, jemand zu finden. Als ich von dir hörte, dass du Gernrode drangeben musst, war ich so egoistisch, an mich zu denken. Du bist ein tüchtiger Landwirt, ein famoser Forstmensch, du kennst Land und Leute hier, bist gesund und rüstig, und – das ist die Hauptsache – du hast meine Liselotte ein wenig lieb und sie dich auch. Warum mir das letzte so wichtig ist, will ich dir auch noch sagen, damit du klar siehst. Ich hatte kürzlich eine Konferenz mit meinem Arzt. Mein Rückenmarksleiden, das mir jener unglückliche Sturz vom Pferd einbrachte, schreitet täglich vor; es kann unter Umständen einen sehr frühen Tod zur Folge haben. Da macht mir mein Kind Sorge. Sie ist noch kein fertiger Mensch, und ich weiß nicht, in welche Hände sie kommt, wenn ich nicht beizeiten für sie sorge. Da hab ich an dich gedacht, Fritz. Du wärst der Mann, der als Liselottes Vormund, als ihr Beschützer und Berater alle Bedingungen zu erfüllen imstande wäre. Da du in der Lage bist, mir diese Sorge vom Herzen zu nehmen, frage ich dich, ob du gewillt bist, vorläufig als Administrator meiner Güter, später – nach meinem Tod als Liselottes Vormund, als ihr zweiter Vater in, Schönburg zu bleiben?“

Fritz Gernrode hatte aufmerksam zugehört. Nun richtete er sich aus seiner versunkenen Stellung auf und sah dem Freund fest und forschend in die Augen. „Brauchst du wirklich eine solche Hilfe, Heinrich, oder schaffst du diese Stellung, dieses Amt nur, um mir zu helfen?“

„Ich brauche dich nötiger als du mich, glaube es mir.“

„So bin ich bereit, deinen Vorschlag anzunehmen, und ich gelobe dir, dass es dich nicht reuen soll.“

„Das weiß ich. Hab Dank für deine Einwilligung! Und nun zu Wolf. Auch Ihnen hat der Zufall ein Amt in die Hände gespielt, lieber Wolf. Sie wollen doch sicher Landwirt bleiben?“

„Am liebsten, denn nur als solcher vermag ich etwas zu leisten, da ich von Jugend auf an meinem Vater einen tüchtigen Lehrmeister hatte. Auch liebe ich meinen Beruf und würde nur ungern zu einem anderen greifen, selbst wenn ich dazu die nötigen Kenntnisse hätte.“

„Schön, dann kann ich Ihnen behilflich sein. Ein alter Bekannter von mir, Graf Deelenkamp, braucht einen tüchtigen Verwalter, da er viel auf Reisen ist. Sie sind zwar ein wenig zu jung, Wolf – mit fünfundzwanzig Jahren ist man sonst noch nicht imstande, einen so verantwortungsvollen Posten auszufüllen. Sie sind aber schon durch eine harte Schule gegangen, ich könnte Sie dem Grafen Deelenkamp mit gutem Gewissen empfehlen. Wenn Sie wollen, schreibe ich noch heute an ihn, und Sie können in kürzester Zeit antreten.“

„Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Herr von Schönburg. Je früher ich eine neue Tätigkeit erhalte, desto leichter werde ich über die Trennung von Gernrode hinwegkommen.“

„Dann ist alles in schönster Ordnung. Sie bleiben, bis die Antwort von Deelenkamp eintrifft, selbstverständlich mein Gast, oder vielmehr der Ihres Vaters, da er nun Heimatrechte auf Schönburg erworben hat.“

„Sie sind sehr gütig – ich wäre glücklich, könnte ich mich Ihnen dankbar erweisen.“

„Können Sie gleich, lieber Wolf, indem Sie mein kleines Mädchen aufsuchen, das sicher höchst ungnädig ist, dass ich es aus meinem Arbeitszimmer verbannt habe für die Dauer unserer Unterredung. Unter uns – Liselotte tyrannisiert mich ein wenig, aber ich lasse es mir gern gefallen, da es die Tyrannei der Liebe ist. So lange ich noch bei ihr bleiben darf, will ich mich darunter beugen – es ist meine einzige Freude am Leben. Also bitte, suchen Sie Liselotte und sagen Sie ihr, dass ich nach ihr verlange!“ Wolf erhob sich sofort und ging hinaus. Schönburg sah ihm sinnend eine Weile nach, dann sagte er halblaut:

„Ein Prachtkerl, dein Sohn! Wenn meine Liselotte mal so einen Mann bekäme, da könnte ich ruhig schlafen. Weißt du was, Fritz, wenn Wolf so fünf, sechs Jahre da oben in Deelenkamp gewirtschaftet hat, dann lassen wir ihn zurückkommen, er kann dir beistehen, und wenn es sich dann finden sollte, dass er und Liselotte sich einander zuneigen, na, die Freude möchte ich wohl noch erleben.“

Fritz Gernrode ergriff seine Hand.

„Heinrich, solch einen wie dich muss man lange suchen. Du weißt nicht, wie wohl mir deine Worte tun. Nicht, dass ich danach strebte, meinen Jungen günstig zu verheiraten – aber dass du ihn für würdig erachtest, der Gatte deiner Tochter zu werden, jetzt, da er arm und heimatlos ist, Heinrich, das hat mir wohlgetan. Nochmals – ich danke dir, und mein Wort – ich will dir beweisen, dass ich dankbar bin.“

***

Wolf fand Liselotte schmollend im Garten in einer Hängematte schaukelnd. Sie hatte einen ihrer langen nussbraunen Zöpfe in der Hand und schlug mit dem Ende hin und her. Sie bemerkte Wolf erst, als er dicht vor ihr stand.

„Du sollst zu deinem Vater kommen, Liselotte.“

Sie richtete sich auf und sah ihn bitterböse an.

„Mussten Sie solange mit ihm allein bleiben, warum durfte ich nicht auch dabei sein?“

„Es wäre dir wahrscheinlich sehr langweilig vorgekommen, was wir zu besprechen hatten.“

„Nein, gewiss nicht. Papa hat nun wieder sein Pulver nicht zur rechten Zeit bekommen.“

„Das tut mir sehr Leid, wir wollen uns eilen, dass es schnell geschieht.“

Liselotte kletterte mit knabenhaften Bewegungen aus der Hängematte. Der eine Zopf blieb in den Maschen hängen. Sie riss erbarmungslos daran, so dass die hellblaue Schleife zum Opfer fiel. Sie achtete gar nicht darauf, sondern setzte sich in einen flotten Trab, unbekümmert, ob ihr Wolf folgte oder nicht.

Im Sturmschritt lief sie die Treppe hinauf und stand gleich darauf bei den beiden Herren.

„Papa, dein Pulver!“, rief sie atemlos und reichte ihm schnell die Medizin. „Es ist schon zwanzig Minuten über deine Zeit.“

„Gib her, Liselotte, ich schlucke auch ganz artig! Wenn ich dich nicht hätte, ganz vergessen hätte ich es.“

„Natürlich, das wusste ich schon. Deshalb war ich so böse, dass du mich fortschicktest.“

In diesem Augenblick trat Wolf ein.

„Ja, sind Sie auch schon da, Wolf? Ich bin schon eine Ewigkeit hier“, rief sie ihm entgegen.

„Ich wollte dir den Vortritt lassen, Liselotte. Wenn ich gewollt hätte, wäre ich dir zuvorgekommen.“

„Hoho! Wollen wir mal um die Wette laufen, ja? Vom Portal bis zur großen Parkwiese, wer zuerst da ist, darf sich einen Preis bestimmen. Aber ernstlich laufen, nicht nur markieren. Gilt’s?“

Wolf war es zwar nicht danach zumute, aber er tat ihr den Willen. Sie gingen hinunter und Liselotte zählte gewissenhaft: „Eins, zwei, drei.“

Bei drei fingen sie an zu laufen. Pfeilgeschwind flogen die jugendlichen Gestalten dahin. Die beiden Herren sahen lächelnd vom Fenster aus zu. Wolf war zuerst am Ziel, einige Sekunden früher als Liselotte. Sie lachte über das ganze Gesicht.

„Alle Achtung – Sie laufen famos! Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, Sie sehen immer so entsetzlich würdevoll aus.“

„Wenn das Herz schwer ist, laufen die Füße meist nicht leicht. Davon verstehst du, gottlob, nichts, kleine Liselotte.“

Sie sah ihn ernsthaft an.

„Doch, mein Herz ist auch manchmal schwer, wenn ich an Papas Krankheit denke. Aber wenn ich traurig bin, grämt er sich, deshalb bin ich immer lustig. Aber nun sagen Sie, was der Preis sein soll für das Wettlaufen. Etwas recht Großes und Schönes müssen Sie sich wünschen, es darf nicht so leicht zu erfüllen sein, sonst macht es mir keinen Spaß.“

„Dann bitte ich um die Zopfschleife, die dir noch übrig geblieben ist.“

Sie sah enttäuscht aus.

„Ach, das ist doch nichts Rechtes, sie ist ja nicht einmal neu.“

„Das schadet nichts, gib nur!“

Sie reichte ihm zögernd die Schleife. Er legte sie umständlich in sein Notizbuch.

„So, jetzt trage ich deine Farbe, hoffentlich bringt sie mir Glück.“

Liselotte schlug lachend die Hände zusammen.

„Grad wie bei einem Turnier, da trugen die Ritter auch die Farben der Dame, die sie …“

Plötzlich brach sie ab, wurde rot und verlegen, lachte ein wenig befangen und rief davonlaufend:

„Das ist ja alles Unsinn!“

Wolf folgte ihr nicht. Er wandte sich tiefer in den Park, der im frischen Maigrün einen herrlichen Anblick bot. Aber Wolf sah heute nichts von all der Herrlichkeit. Mit gesenktem Blick und düster zusammengezogener Stirn schritt er dahin. Der Abschied von Gernrode brannte ihm schwer im Herzen. Von einer Lichtung im Park, die auf einer Anhöhe lag, hatte man einen Ausblick auf Gernrode. Das wusste er. Er stieg hinauf und ließ seinen Blick hinüberschweifen auf die verlorene Heimat.

Sein Atem ging schwer. Wie hatte er gekämpft und gerungen um diese Heimat! Nun lag sie verödet und verwüstet, die mühsam bebauten Felder mit Schlamm und Steinen bedeckt – ein Fremder würde in dem alten Herrenhaus wohnen, in dem er seine Jugend verlebt hatte.

Mit schweren Schritten wandte er sich um. Da stand Liselotte mit ernstem Gesichtchen vor ihm. Sie nahm ihn liebevoll bei der Hand.

„Schauen Sie nicht mehr nach Gernrode hinüber, Wolf, das macht Sie nur traurig!“

Er ging an ihrer Seite zum Schloss zurück. Sie plauderte schon wieder lustig drauf los.

„Papa hat mir gesagt, dass Sie noch einige Zeit bei uns bleiben. Gelt, Wolf, da fahren Sie einen Tag mit mir nach Eisenach hinein?“

„Gern, Liselotte, wenn dich dein Vater meiner Obhut anvertrauen will.“

„Natürlich tut er das. Wollen wir gleich morgen hin?“

„Ich bin einverstanden.“

Sie klatschte vor Freude in die Hände und sprang vergnügt neben ihm her. Dann blieb sie plötzlich erschrocken stehen.

„Wir werden doch, um Himmels willen, nicht Fräulein von Schlegel mitnehmen müssen? Meinen Sie, dass Papa das verlangen wird?“

Er zuckte die Achseln.

„Wer weiß, es kommt auf die Umstände an.“

„Auf welche Umstände?“

„Wenn ich dich als junge Dame betrachten soll, dann muss Fräulein von Schlegel unbedingt als Anstandsdame mit; willst du jedoch nur die kleine Liselotte sein, dann lässt man uns vielleicht allein gehen.“

Sie lachte übermütig und sah auf ihr kurzes Kleidchen hinab. „Gottlob, dass ich noch ein Kind bin, es hätte mir den ganzen Spaß verdorben, wenn Fräulein mitgekommen wäre!“

Liselottes Vater hatte nichts gegen den Ausflug einzuwenden, und er wurde am nächsten Tag unternommen.

Wolf ging auf alle Wünsche Liselottes ein, und sie erklärte freimütig, er sei ein reizender Mensch, gar nicht der langweilige Krautjunker, für den sie ihn gehalten hatte, und es wäre schade, dass er nicht mit seinem Vater auf Schönburg bleibe.

Hochbefriedigt kehrte sie am Abend nach Schönburg zurück und träumte in der Nacht von Minnesängern. Sie sahen alle aus wie Wolf Gernrode.

***

Zwei Jahre waren vergangen. Heinrich von Schönburg war gestorben, und Liselotte, die der Schmerz um den geliebten Vater fast sinnlos machte, wurde von ihrem Vormund in ein Pensionat gebracht, damit sie in der neuen Umgebung, in Gesellschaft gleichaltriger junger Mädchen, schneller über ihren Kummer hinwegkam. Zwei Jahre blieb sie dort, ohne sich recht wohl gefühlt zu haben, dann verlangte sie so intensiv nach Hause zurück, dass ihr Vormund einsah, es war besser, ihr den Willen zu tun.

Wolf Gernrode hatte inzwischen Deelenkamp bewirtschaftet. Er war durch die ihn ganz ausfüllende Tätigkeit über seinen Schmerz um Gernrode hinweggekommen. Mit Energie und Umsicht nahm er sich der etwas verwahrlosten Wirtschaft an und erwarb sich bald das volle Vertrauen und die Zufriedenheit des Grafen Deelenkamp. Nach Schönburg war er nur auf einen Tag zur Beisetzung von Liselottes Vater zurückgekehrt, aber er stand in regem Briefwechsel mit seinem Vater.

Am Anfang hatte er in Deelenkamp sehr zurückgezogen gelebt, aber allmählich wurde er in die Gesellschaft gezogen. Der gut aussehende junge Mann mit dem scharf geschnittenen, kühnen Gesicht wurde bald zu allen Festlichkeiten gebeten, die in der benachbarten Gesellschaft gegeben wurden. Sein artiges, vornehmes Wesen gefiel allgemein, obwohl er ernst und zurückhaltend war und nicht eben viele Worte machte. Den offenen und versteckten Gunstbezeugungen der Damen gegenüber verhielt er sich allerdings sehr kühl, aber das brachte ihm wieder die Freundschaft der Männer ein.

Endlich schlug aber auch seine Stunde. Auf einem Nachbargut hielt sich eine junge Dame zu Besuch auf. Sibylle von Niederhoff war ein bildschönes Mädchen, mit allen Reizen blühender Jugend geschmückt. Sie hatte nur einen Fehler- sie war arm. Von ihrer Familie wegen ihrer Schönheit als einziger Rettungsanker betrachtet, war sie seit frühester Jugend auf einen reichen Mann dressiert. Sie wurde unermüdlich bei Freunden und Verwandten herumgeschickt, um diesen erhofften reichen Mann zu finden, und hatte jetzt zu diesem Zweck auf jenem Nachbargut Station gemacht. Dort verkehrten nicht nur die Gutsbesitzer der Umgegend, sondern auch die Honoratioren des nächsten Kreisstädtchens. Und darunter war ein Herr von Römer, Besitzer großer Fabriken, der unverheiratet und mehrfacher Millionär war.

Auf diesen Millionär hatte es Sibylle, von ihrer Familie beeinflusst, abgesehen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 057" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen