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Hedwig Courths-Mahler - Folge 056

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Die verschleierte Frau

Geheimnisvoller Roman um eine schöne Fremde

 

 

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Astrid Holm öffnete voller Spannung den Brief, der ihr eben durch die Post zugegangen war. Er lautete:

Rosenhof, den 12. März

Sehr geehrtes Fräulein!

Von allen Offerten, die auf mein Inserat einliefen, hat mir die Ihre das meiste Interesse eingeflößt, und ich bin nicht abgeneigt, Sie zu engagieren. Ich möchte jedoch vorher Ihre persönliche Bekanntschaft machen, ebenso meine Frau. Durch Ihre Stellung würden Sie unsere ständige Hausgenossin werden, und das bedingt, dass Sie uns sympathisch sind. Ich möchte Ihnen zunächst noch einmal ausführlich mitteilen, welcher Art Ihre Stellung in meinem Haus sein würde: In der Hauptsache bräuchte ich Sie als Sekretärin. Ich beabsichtige nämlich ein Werk zu schreiben, in dem ich in Wort und Bild über alle Bauten berichten will, die ich im Verlaufe meiner Tätigkeit ausgeführt habe. Den Text dazu möchte ich Ihnen diktieren. Anschließend hätten Sie die Übersetzung in die englische und französische Sprache zu übernehmen. Somit würden Sie die Gewähr haben, auf mehrere Jahre fest verpflichtet zu sein. Auch würde ich Wert darauf legen, dass Sie meiner jüngsten Tochter helfen, ihre englischen und französischen Sprachstudien fortzuführen. Sie würden selbstverständlich vollständigen Familienanschluss bei uns finden.

Wenn Sie also gewillt sind, die Stellung bei mir anzunehmen, so bitte ich Sie, Sonnabendmittag nach Rosenhof zu kommen. Der Zug trifft gegen drei Uhr auf der uns am nächsten gelegenen Station ein. Ein Wagen wird Sie am Bahnhof erwarten. Für die Kosten Ihrer Reise und Ihren Zeitverlust komme ich natürlich auf, auch wenn es, was ich bedauern würde, nicht zu einem Engagement kommen sollte. Die Gehaltsfrage war ja in meinem Inserat schon erwähnt, und wir werden uns darüber noch einigen. Alles Weitere können wir mündlich besprechen. Ihr erwarte Ihre baldige Antwort.

Hochachtungsvoll

Richard Salten, Baumeister

Astrid Holm sah nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile erhob sie sich, verließ ihr Zimmer und ging über den Korridor nach der anderen Seite der Wohnung. Dort klopfte sie an eine Tür.

Eine nervös klingende, helle Frauenstimme forderte zum Eintritt auf.

Astrid öffnete die Tür.

„Weshalb stören Sie mich, Fräulein Holm? Sie wissen doch, dass ich beim Entwurf eines neuen Romans bin und dabei keine Störung vertrage.“

Astrid errötete. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, gnädige Frau. Da ich Sie eben erst verlassen hatte, glaubte ich Sie noch nicht bei der Arbeit. Ich wollte Sie nur bitten, mich für Sonnabendnachmittag zu beurlauben.“

Frau Leopoldine von Klinger, eine bekannte Schriftstellerin, zog die Stirn in Falten. „Sonnabendnachmittag? Muss es gerade Sonnabend sein? In dieser Woche ist noch so viel zu erledigen.“

Astrid wusste, dass Frau von Klinger sie nie gern beurlaubte, wenn sie, was sehr selten geschah, einmal einige Freistunden haben wollte. „Es muss Sonnabend sein, gnädige Frau, da ich mich an diesem Tag wegen eines neuen Engagements vorstellen soll.“

Frau von Klinger fuhr herum. Es zuckte nervös in ihrem Gesicht. „Ein neues Engagement? Mein Gott, Fräulein Holm, es ist doch nicht Ihr Ernst, dass Sie mich verlassen wollen?“

„Gnädige Frau, ich habe Ihnen doch am ersten März meine Stellung gekündigt.“

Frau von Klinger strich sich über die Stirn. „Das ist mir ganz entfallen – ich habe es auch nicht ernsthaft genommen. Nein, das ist unmöglich! Ich kann Sie einfach nicht entbehren. Sie haben sich so gut eingearbeitet, haben mir alle redaktionellen Arbeiten abgenommen, so dass ich mich darum wenigstens nicht zu kümmern brauchte. Sie wissen, was alles auf meinen Schultern ruht. Ich kann mir unmöglich eine neue Sekretärin anlernen. Das bringt mich wochenlang um Ruhe und Stimmung für meine Arbeit. Wahrhaftig, ich hatte noch nie eine so verständnisvolle Gehilfin wie Sie. Warum wollen Sie fort? Wollen Sie ein höheres Gehalt? Nun gut, Sie sollen es haben, Sie verdienen es. Aber bleiben Sie und stören Sie mich nicht länger!“

Astrid schüttelte den Kopf. „Ich verlange kein höheres Gehalt, gnädige Frau – ich kann nicht bleiben“, sagte sie fest.

Frau von Klinger erhob sich und trat dicht an Astrid heran. „Fräulein Holm, ist Ihnen jemand in meinem Haus zu nahe getreten?“

Astrids Gesicht überzog sich mit jäher Röte. In ihren Augen blitzte es auf. „Bitte, erlassen Sie mir die Antwort!“

Frau von Klinger schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie leise: „Also deshalb! Ja freilich, dann müssen Sie gehen. Ich habe über meiner Arbeit vergessen, dass Sie jung und schön sind. Also – ich darf Sie nicht halten, ich muss Ihnen noch danken, dass Sie gehen.“

Verlegen sah Astrid zu Frau von Klinger auf. „Es tut mir so Leid, gnädige Frau, ich wäre am liebsten sofort gegangen. Nur weil ich Ihnen meinen Grund nicht nennen wollte, habe ich die Kündigungsfrist eingehalten.“

„Sie haben mir viel Zartgefühl bewiesen, Fräulein Holm, ich danke Ihnen. Aber nun ist es besser, ich halte Sie nicht auf Ihrem Posten. Es dürfte Ihnen eine Erleichterung sein, wenn Sie noch heute mein Haus verlassen können. Gehen Sie bis zum ersten April auf meine Kosten in eine Pension! Ihr Gehalt zahle ich Ihnen natürlich bis zu diesem Termin.“

Wie von einer heimlichen Last befreit, atmete Astrid auf. „Ich danke Ihnen sehr, gnädige Frau“, sagte sie bewegt.

Frau von Klinger legte ihre Hand auf Astrids Schulter. „Liebes Kind, es ist mir wahrhaft schmerzlich, mich von Ihnen trennen zu müssen; aber es gibt Notwendigkeiten, denen man sich, so bitter es einen auch ankommt, beugen muss. Gehen Sie mit Gott! Hoffentlich erhalten Sie bald ein gutes Engagement. Es würde mich freuen, von Ihnen zu hören, wie sich Ihr Lebensweg weiter gestaltet.“

„Ich werde mir erlauben, Ihnen mitzuteilen, wenn ich wieder eine Stellung gefunden habe. Vorläufig stehe ich in Verhandlung mit dem Baumeister Richard Salten.“

„Ah, der bekannte Architekt! Ich kenne einige seiner Bauten aus eigener Anschauung. Aber so viel ich weiß, lebt er nicht mehr in Berlin.“

„Nein, auf Rosenhof in Thüringen.“

„Nun, hoffentlich erhalten Sie die Stellung. Baumeister Salten wird mit Ihnen zufrieden sein können.“

„Darf ich Sie bitten, mir ein Zeugnis zu schreiben, gnädige Frau?“

„Ja, natürlich – ich schicke es Ihnen in Ihr Zimmer. Sie müssen ja erst noch packen. Jetzt lassen Sie mich, bitte, allein!“

Astrid sah, wie Frau von Klinger nur mühsam ihre Haltung bewahrte. „Leben Sie wohl, gnädige Frau, und innigen Dank!“, sagte sie herzlich. Damit verließ sie das Zimmer, während Frau von Klinger wieder vor ihrem Schreibtisch Platz nahm.

Als Astrid auf den Korridor hinaustrat und nach ihrem Zimmer gehen wollte, trat plötzlich ein in einen eleganten Hausanzug gekleideter Herr im Beginn der Vierzig leise aus einer anderen Tür. Mit schnellen, leisen Schritten war er an Astrids Seite, ehe sie ihr Zimmer erreichen konnte. „Immer noch ungnädig, mein süßes Kind?“, flüsterte er, sie mit funkelnden Augen ansehend.

Dabei trat er vor die Tür, so dass Astrid der Eintritt in ihr Zimmer verwehrt war.

„Geben Sie den Weg. frei, Herr von Klinger! Ich will in mein Zimmer“, sagte Astrid schroff.

Er sah sich vorsichtig um. „Aber liebes Kind, weshalb denn so geräuschvoll? Was wir uns zu sagen haben, braucht doch keine Zeugen“, flüsterte er heiser vor Erregung und versuchte, ihre Hand zu fassen. Astrid wich zurück.

„Ich habe nichts mit Ihnen zu sprechen, geben Sie den Weg frei!“, sagte sie stolz.

Seine Augen glühten sie begehrlich an. „Sie sind im Zorn nur noch schöner und begehrenswerter“, murmelte er und wollte Astrid in seine Arme ziehen.

Aber in Astrid wallte nun die Empörung hoch auf. In dem Moment, wo er nach ihrem Arm fasste, um sie an sich zu ziehen, schlug sie ihn mit der Hand mitten ins Gesicht. „Erbärmlicher Wicht!“, stieß sie zornig hervor.

Sie hatten beide nicht bemerkt, dass sich die Tür von Frau von Klingers Arbeitszimmer leise geöffnet hatte.

„Du hast dich wohl in der Tür geirrt, Alfons?“, sagte Frau von Klinger in eisigem Ton.

Alfons von Klinger wandte sich erschrocken um. Mit einem verlegenen Lächeln starrte er seiner Gattin ins Gesicht.

Astrid benutzte die Gelegenheit, um schnell in ihr Zimmer zu verschwinden. Sie schloss die Tür hinter sich ab und ballte in ohnmächtigem Zorn die Hände. Tränen der Empörung standen in ihren Augen.

Eine Stunde später klopfte das Mädchen an Astrids Tür, um ihr einen Brief Frau von Klingers zu überbringen. Er enthielt ein Zeugnis für Astrid mit einem Begleitschreiben, das an die eben erlebte peinliche Szene anknüpfte. Frau von Klinger schrieb:

Mein liebes Fräulein Holm!

Für die Beleidigung, die Ihnen in meinem Haus zugefügt wurde, bitte ich Sie um Verzeihung, weil ich Sie nicht davor geschützt habe. Ich will mich auf schriftlichem Weg von Ihnen verabschieden, da ich es nicht ertragen könnte, Ihnen noch einmal in die Augen zu sehen. Ich schäme mich für den Mann, zu dem ich einst hoffte, aufsehen zu dürfen. Das war mir indessen nie vergönnt. Nach einem kurzen Glücksrausch, in dem ich mich diesem Mann zu eigen gab, habe ich tausend Bitterkeiten und Demütigungen ertragen müssen. Ich habe oft in Ihren fragenden Augen gelesen, dass sie nicht verstehen können, was mich noch an diesen Mann kettet. Ich will es Ihnen heute sagen: Mein armseliger Stolz kann es nicht dulden, dass man über die Verirrung meines Herzens spottet. Spotten auch Sie nicht darüber! Wenn Ihnen mein Schicksal nur einen Funken Mitleid abnötigt, dann schweigen Sie gegen jedermann. Gott mit Ihnen! Er schenke Ihnen ein besseres Los als

Ihrer Leopoldine von Klinger

Nachdenklich faltete Astrid den Brief zusammen.

„Die Ärmste“, sagte sie leise vor sich hin. Tiefes Mitleid erfüllte ihre Seele, und dabei machte sie sich Vorwürfe, dass sie bisher so teilnahmslos neben dieser Frau dahingelebt und sich oft verletzt gefühlt hatte, wenn Frau von Klinger nervös und ärgerlich gewesen war. Astrid konnte nicht anders, sie musste eine Erwiderung auf die eben erhaltenen Zeilen geben. Sie nahm einen Bogen und schrieb:

Sehr verehrte gnädige Frau!

Da ich Sie nicht wiedersehen darf, ehe ich Ihr Haus verlasse, drangt es mich, Ihnen auf schriftlichem Weg innigen Dank zu sagen für Ihre Güte und Großherzigkeit. Eine andere Frau an Ihrer Stelle hätte mich’s vielleicht entgelten lassen, dass ich die unschuldige Ursache zu einem für Sie schmerzlichen Erlebnis wurde. Ich danke Ihnen, dass Sie mir so rückhaltlos vertrauten.

Es bedarf meiner Versicherung nicht, dass ich mit niemandem über die wahre Veranlassung meines Fortgangs aus Ihrem Haus sprechen werde.

Ich wünsche Ihnen alles Gute, was ein Mensch dem anderen wünschen kann, vor allen Dingen weiteres erfolgreiches Schaffen, das Ihnen Befriedigung und Erlösung von Ihren Schmerzen bringen mag! Ich empfehle mich Ihnen in alter Ergebenheit.

Ihre dankbare Astrid Holm

Als sie mit diesem Schreiben zu Ende war, klingelte sie nach dem Stubenmädchen. „Wollen Sie so freundlich sein, Anne, mir ein Auto zu holen?“

Anne sah auf die gepackten Koffer. „Sie wollen wohl verreisen, Fräulein Holm?“

Astrid setzte ihren Hut auf. „Nein, Anne, ich habe meine Stellung aufgegeben, und die gnädige Frau hat mir erlaubt, schon heute zu gehen, damit ich ein neues Engagement antreten kann.“

Anne machte ein bekümmertes Gesicht, dann meinte sie: „Da wird die gnädige Frau aber schlechter Laune sein! Sie haben es immer so gut verstanden, sie zu beruhigen.“

„Das können Sie auch, Anne, wenn Sie bedenken, was die gnädige Frau alles im Kopf haben muss.“

„Na ja, Fräulein Holm, immer solche Geschichten erfinden, ein Buch nach dem anderen – das mag schon Kopfschmerzen machen. Wenn ich mal einen Brief schreiben muss, was das für Anstrengung kostet!“

„Also holen Sie mir bitte ein Auto, Anne!“, wehrte Astrid ab. „Und dann geben Sie bitte, wenn ich fort bin, der gnädigen Frau diesen Brief! Ich will sie nicht nochmals stören und habe mich schriftlich verabschiedet.“

Das Mädchen nahm den Brief. „Es tut mir Leid, dass Sie gehen, Fräulein Holm, Sie sind immer so nett gewesen. Und nun will ich Ihnen ein Auto holen.“ Damit ging Anne hinaus.

Zehn Minuten später verließ Astrid das Haus.

***

Astrid Holm betrat eine halbe Stunde später ein sauberes kleines Zimmer in der Pension Haller.

Sie ließ ihre Koffer heraufbringen und legte Hut und Mantel ab. Dann sank sie mit einem tiefen Seufzer in einen am Fenster stehenden Sessel und sah mit großen Augen in den Regen hinaus.

Nun stand sie abermals vor einer ungewissen Zukunft. Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr, seit dem Tod ihrer zärtlich geliebten Mutter, war sie allein auf sich angewiesen. Ihren Vater hatte sie schon früher verloren.

Eine gute Erziehung hatte es ihr ermöglicht, sich selbst ihr Brot zu verdienen.

Ihre Stellung bei Frau von Klinger war gut dotiert gewesen, und nun stand sie von neuem vor der Notwendigkeit, ein Engagement zu suchen.

Sie hatte gleich nach ihrer Kündigung ein Inserat in einer Zeitung gefunden und sich ohne Zögern um die Stellung einer Sekretärin, die der Baumeister Richard Salten ausgeschrieben hatte, beworben.

Würde sie die Stellung erhalten? Und wenn – wie lange würde ihres Bleibens in seinem Hause sein? Was würde sie dort für ein Schicksal erwarten? Sie war schon so sehr an allerlei Unbill gewöhnt, dass sie nicht darauf zu hoffen wagte, für längere Zeit ein Friedensasyl zu finden.

Sie las den Brief des Baumeisters noch einmal durch. Er klang ganz sympathisch. Ihre Augen blieben auf dem ersten Wort haften. Rosenhof. Wie verlockend das klang! Es zauberte ein idyllisches Anwesen vor ihr geistiges Auge. Rosen blühten ihr daraus entgegen. Ach, dass sie wirklich einmal Rosen auf ihrem Lebensweg finden könnte!

Sie seufzte auf und stützte den Kopf in die Hand. Aber sie war eine viel zu lebensfrische und tapfere Persönlichkeit, um sich lange von einer verzagten Stimmung niederdrücken zu lassen.

„Zähne zusammen und durchhalten!“, sagte sie laut vor sich hin, als müsse sie sich Mut zusprechen.

Und dann packte sie ihre nötigsten Sachen aus und richtete sich so behaglich wie möglich in dem kleinen Zimmer ein.

Als sie fertig war, wurde in der Pension zu Mittag gerufen.

Astrid begab sich in das große Speisezimmer hinüber. Sie wusste Bescheid, weil sie schon früher einmal in der Pension Haller gewohnt hatte.

Im Speisezimmer fanden sich etwa dreißig Personen zusammen und nahmen an der sauber gedeckten Tafel Platz. Es waren meist junge Herren und Damen, die alle einem Beruf nachgingen und hier zusammen speisten.

Astrid wurde ihr Platz am unteren Ende der Tafel neben der Besitzerin der Pension, die „Mama“ Haller genannte wurde, angewiesen.

Man sah forschend zu ihr hinüber, belästigte sie aber nicht mit zudringlicher Neugier. Nur eine vergnügte junge Damen neben ihr fragte sie lächelnd. „Sind Sie fremd in Berlin?“

Astrid schüttelte lächelnd den Kopf.

„Fräulein Holm hat schon einmal in unserer Pension gewohnt, es ist wohl über ein Jahr her, nicht wahr, Fräulein Holm?“, sagte Mama Haller.

„Ja, es war voriges Jahr im Januar, ehe ich die Stellung bei Frau von Klinger antrat.“

Die Dame neben ihr sah Astrid interessiert an. „Ist das die Schriftstellerin Leopoldine von Klinger?“

Astrid nickte. „Ja.“

„O wie interessant! Sie ist meine Lieblingsschriftstellerin. Erscheint bald wieder ein Buch von ihr?“

„In nächster Zeit“, erwiderte Astrid, um sich dann an Mama Haller zu wenden.

Sie war keine mitteilsame Natur und liebte es nicht, fremden Menschen über ihre eigenen Angelegenheiten Auskunft zu geben.

Nach Tisch begab sie sich wieder in ihr Zimmer und setzte sich mit einer Handarbeit ans Fenster. Dabei flogen ihre Gedanken zu dem unbekannten Rosenhof. Ihr war zumute, als müsse dieser Rosenhof irgendeine ganz besondere Bedeutung in ihrem Leben gewinnen. Sie kam mit ihren Gedanken nicht davon los.

***

Drei Tage später bestieg Astrid Holm den Zug, der sie zu ihrem Bestimmungsort bringen sollte.

Sie saß in einem Abteil zweiter Klasse noch ganz allein, als sich der Zug in Bewegung setzte. Aber in demselben Moment trat ein hoch gewachsener Herr im eleganten Reiseanzug ein und verglich seine Platzkarte mit den Nummern über den Plätzen.

Sein Platz lag dem Fensterplatz Astrids gegenüber.

Er warf mit einer kraftvollen Bewegung eine leichte Reisetasche ins Gepäcknetz, nachdem er Astrid durch eine stumme Verbeugung gegrüßt hatte, und nahm dann seinen Platz ein.

Astrid streifte den Fremden mit einem flüchtigen Blick, bei dem sich ihre Augen einen Moment wie in stummer Frage begegneten. Dann irrten sie wieder voneinander ab.

Astrid errötete leicht und zog ein Buch hervor, um darin zu lesen. Und der Fremde entfaltete gleichzeitig eine Zeitung.

Aber während Astrid sich wirklich in ihre Lektüre vertiefte, flog der Blick des Fremden wieder und wieder verstohlen zu seinem reizenden Gegenüber.

Das schöne, klare Mädchenantlitz hatte die Bewunderung des Reisenden geweckt, und Astrids Augen hatten zu seinem Herzen gesprochen. Es lag so viel ernste Reinheit, so viel mädchenhafter Stolz in diesen Augen, die ihn eine Weile von seinen schmerzvollen Gedanken abzogen und auf kurze Zeit die Schatten, die auf seinem Schicksal ruhten, verscheuchten.

Astrid hatte ihr Buch fortgelegt, weil die reizvolle Landschaft sie fesselte. Wie in stiller Andacht versunken sah sie zum Fenster hinaus. Der Blick ihres Reisegefährten haftete immer wieder an ihrem reinen Profil. Er sah, wie es in ihren schönen Augen aufleuchtete, wenn sich eine besonders liebliche Aussicht bot.

Er gestand sich, dass ihn noch nie eine Frau beim ersten Sehen so sehr gefesselt habe wie dieses fremde Mädchen. Aber es fiel ihm trotzdem nicht ein, eine Gelegenheit herbeizuführen, die eine Bekanntschaft vermittelt hätte. Wenn auch der Wunsch dazu flüchtig in ihm erwachte, so zwang er ihn, unwillig über sich selbst, gleich wieder nieder. Und endlich wandte er sich energisch wieder seiner Zeitung zu.

Er sah, sich selbst bezwingend, nicht mehr auf, bis der Zug sich seinem Bestimmungsort näherte.

Zu seinem heimlichen Erstaunen schien die junge Dame sich gleichfalls zum Aussteigen bereit zu machen. Sie nahm ihr Buch und ihre Handtasche und erhob sich, als der Zug langsamer fuhr. Anderes Reisegepäck hatte sie nicht bei sich. Sie ging an ihm vorüber nach dem Ausgang des Abteils.

Schnell erhob auch er sich nun. Und dann folgte er Astrid zum Ausgang des Wagens. Sie war gerade dabei, die Tür zu öffnen, um auszusteigen, als der Fremde sich vor ihr verneigte.

„Sie gestatten, mein gnädiges Fräulein“, sagte er mit einer warmen, sonoren Stimme und griff an ihr vorbei nach dem Drücker der Tür. Mit einem kräftigen Ruck öffnete er sie und sprang hinab. Dann wandte er sich um, half Astrid beim Aussteigen und zog dann, sie an sich vorüber gehen lassend, seine Reisemütze.

Sie neigte dankend das Haupt und konnte nicht verhindern, dass wieder eine leise Röte in ihr Antlitz stieg.

Etwas unsicher ging sie auf das kleine Stationsgebäude zu, neben dem zwei Gefährte hielten, ein elegantes Auto und ein hübscher, leichter Jagdwagen.

Zweifelnd sah Astrid auf die Wagen. Welcher von beiden mochte bestimmt sein, sie nach Rosenhof zu bringen?

Aber noch ehe sie sich darüber klar werden konnte, trat eine noch sehr junge Dame in einem grau melierten Sportkostüm an sie heran. Sie war entschieden noch im Backfischalter, trat aber sehr sicher auf.

„Verzeihen Sie, habe ich das Vergnügen, Fräulein Astrid Holm vor mir zu sehen?“, fragte sie.

Astrid neigte das Haupt. „Ja, das ist mein Name.“

Die junge Dame nickte. „Dachte ich mir! Ich bin Käthe Salten. Mein Vater hat mich beauftragt, Sie nach Rosenhof zu holen, oder vielmehr, ich habe mich selbst dazu erboten, weil so schönes Wetter ist und weil ich mich auf Rosenhof riesig mopse. Also bitte, Fräulein Holm, folgen Sie mir zu dem Wagen!“

Damit schritt sie schnell auf den Jagdwagen zu, und Astrid folgte.

Käthe Salten sah sich lächelnd nach Astrid um. „Es ist Ihnen hoffentlich nicht unangenehm, dass ich den offenen Wagen genommen habe? Papa wollte, dass ich Sie im Landauer abholen sollte, weil es noch etwas kühl ist. Aber ich wollte gern selbst kutschieren. Und ich wusste ja, dass Sie noch jung sind. Ich hoffe, die Fahrt im offenen Wagen macht Ihnen mehr Vergnügen. Für alle Fälle habe ich noch eine Decke mitgebracht. Aber die Sonne scheint so schön. Brauchen Sie die Decke?“

„Nein, gnädiges Fräulein, gewiss nicht. Ich freue mich auf die Fahrt im offenen Wagen.“

„Nun also, das habe ich Papa vorhergesagt. Bitte, steigen Sie ein!“

Im selben Augenblick, als sich Käthe Salten auf den leichten Selbstkutschierer schwang und Astrid Holm neben ihr Platz nahm, kam Astrids Reisegefährte um das Stationsgebäude herum. Er stutzte ein wenig, als er die beiden Damen auf dem Wagen sitzen sah. Dann grüßte er artig herüber.

Käthe Salten erblickte ihn nun auch und erwiderte seinen Gruß in sehr kühler, ablehnender Weise.

„Aha! Also auf Ritter Blaubart hat das Auto gewartet“, sagte sie in ihrer burschikosen Art.

Astrid sah sie fragend an. Ritter Blaubart? Meinte die junge Dame damit ihren düster blickenden Reisegefährten?

Sie sah, dass er sich dem eleganten Auto näherte, einige Worte mit dem ...

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